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In ewiger Ruhe

Informationen zum Buch

Belfast Killer

Rea Carlisle glaubt an ihr Glück. Sie hat von ihrem Onkel, den sie kaum kannte, ein Haus in Belfast geerbt, doch als sie aufräumt, findet sie ein Buch – und erfährt Ungeheuerliches. Offensichtlich war ihr Onkel ein Serienmörder. Minutiös listete er auf, wann er wen getötet hat. Rea wendet sich an den einzigen Polizisten, dem sie vertraut. Jack Lennon jedoch hat seine eigenen Probleme. Er ist suspendiert, man will ihm seine kleine Tochter wegnehmen. Zuerst glaubt er Rea ihre abenteuerliche Geschichte nicht. Doch dann ist sie tot – und er wird verdächtig, sie ermordet zu haben.

»Packend von der ersten Seite an.« Sunday Independent

»Was Stuart Neville so besonders macht: Er vergisst niemals das menschliche Herz, auch wenn es in tiefster Dunkelheit schlägt.« Val McDermid

1

Raymond Drew wollte am Treidelpfad sterben. Auch wenn es keine Sonne und keinen blauen Himmel gab, unter denen er sein Leben hätte beenden können – es sollte am Fluss sein. Dass der Boden vom Regen aufgeweicht wäre, würde ihn kaum kümmern, wenn er zusammenbrach.

Am liebsten wollte er tot ins Wasser fallen, sofern er es schaffte. So konnte er sicher sein, dass es auch funktionierte. Undenkbar, zu überleben und im Krankenhaus zu landen. Man würde seine Familie informieren, falls man das so nennen konnte, und seine Schwester Ida würde sein Haus betreten.

Was sie dort vorfand 

Er hätte das alles vernichten sollen, nur fehlte ihm die Kraft, diese Strapaze und alles, was damit zusammenhing, durchzustehen. Es war leichter, einfach zu sterben. Wenigstens musste er sich dann nicht mehr für all die schrecklichen Dinge verantworten, die herauskommen würden, wenn man den wahren Raymond Drew entdeckte. Jene Kreatur, die sich mehr als sechs Jahrzehnte in dieser menschlichen Haut versteckt hatte.

Raymond verschloss die Eingangstür seiner Doppelhaushälfte in Deramore Gardens, in der er seit dreißig Jahren wohnte. Es war eines von vielen gleichaussehenden Rotklinkergebäuden in der Straße; erbaut zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts und genau die Art von Haus, um die sich Mittelklassepärchen und Investoren gerissen hatten, vor der Finanzkrise. Die ersten zwei Jahre hatte Raymond hier mit einer Frau zusammengelebt, die er kaum gekannt, geschweige denn geliebt hatte. Sie war längst tot und begraben und hatte ihm keine einzige Sekunde gefehlt.

Er schob die Schlüssel in seine Tasche und zog das Gartentor hinter sich zu. Sein Rasen sah aus wie die Stoppeln am Kinn eines Säufers. Er hatte ihn seit Jahren nicht mehr selbst gemäht. Der Bewohner der anderen Doppelhaushälfte, ein gewisser Hughes, hatte es aufgegeben, Raymond darum zu bitten, und erledigte das alle paar Wochen selbst. Im Frühling würde der Rasen wieder anfangen zu sprießen.

Das kümmerte Raymond jetzt nicht mehr.

Er ließ seinen Wagen an der Straße stehen und ging zu Fuß. Den Vauxhall Corsa hatte er seit Monaten nicht mehr gefahren. Er war nicht mehr angemeldet, die technische Prüfung war überfällig.

Er brauchte nur ein paar Minuten von der sanft abfallenden Sunnyside Street, vorbei an den Eckläden und den chinesischen Schnellrestaurants, bis zum Annadale-Damm. Er vermied jeden Augenkontakt mit den Studenten und den Hausfrauen, denen er unterwegs begegnete. An der Brücke beim Fluss wartete er am Fußgängerüberweg, bis das grüne Männchen aufleuchtete und ihn aufforderte weiterzugehen. Wie ein folgsamer Junge. Raymond hatte schon vor langer Zeit gelernt, ein braver Junge zu sein, sich ruhig und respektvoll zu verhalten und alle Regeln zu befolgen, wenn er sein Haus verließ. Nur nicht auffallen.

Nachdem er das dunkle, langsam fließende Gewässer in Richtung Stranmillis überquert hatte, ging er in südlicher Richtung unter den dürren Ästen der immer noch winterlich kahlen Bäume am Flussufer entlang. Vorbei am kürzlich wieder aufgebauten Lyric-Theater und den Apartmenthäusern mit Blick aufs Wasser, die sich daran anschlossen. Rechts von ihm dröhnte der Verkehrslärm der Autos, Lieferwagen und LKW, die stadtein- und -auswärts in Richtung Norden oder Osten unterwegs waren.

Die Schwellung in seiner Brust raubte ihm fast den Atem. Dennoch verlangsamte er sein Tempo nicht, nicht einmal, als ihm der Schweiß von den Augenbrauen tropfte. Er lief ihm kalt über den Rücken, und er bekam eine Gänsehaut.

Vor zwei Monaten war Raymond zu einer Ärztin gegangen, einer ernsthaften jungen Frau mit sanfter Stimme, die über Medikation geredet hatte, über Pillen und wie man dem ermüdeten Muskel in seiner Brust helfen könnte. Sie wollte weitere Untersuchungen, Blutentnahmen, wollte ihm Drähte auf die Haut kleben und einen Spezialisten vom Royal Victoria Hospital hinzuziehen.

Ihr Zustand ist ernst, hatte die junge Ärztin gesagt. Und es sei nur eine Frage der Zeit, bis der Herzinfarkt komme. Es könnte sogar ein richtig heftiger sein. Sie hatten weitere Termine vereinbart, und sie hatte ihm ein auf gemustertes Papier gedrucktes Rezept mitgegeben.

Raymond erschien weder zu den vereinbarten Terminen, noch löste er das Rezept ein. Er hatte einfach nur Bescheid wissen wollen.

Seit einem Monat wurde das Flattern in der Brust heftiger. Dann kamen die Schwindelanfälle, kalte Schweißausbrüche und das Gefühl, als würde sein Oberkörper von einer unsichtbaren Hand zusammengequetscht. Nachts wachte er auf und rang nach Luft, wenn wilde Pferde durch seinen Brustkorb zu galoppieren schienen.

Es war nur eine Frage der Zeit.

Er fröstelte unter dem kalten Schweiß auf seiner Stirn. Seine Knie gaben nach. Er stützte sich auf das Geländer und wartete, während das Blut durch seinen Körper rauschte.

Vor ihm, direkt am Ufer, lag eine armselige Gastwirtschaft im Nebel. Tische, Bänke und Schirme standen draußen in der Feuchtigkeit. Ein Drink. Ein letzter Schluck, nur um sich zu vergewissern, dass alles seinen Gang ging.

Raymond betrat den Pub. Die einzigen anderen Gäste waren ein paar Geschäftsleute, die bei einer Tasse Kaffee Tabellen verglichen. Sie nahmen keine Notiz von ihm. Das Mädchen hinter dem Tresen schon.

Er kam näher. Die junge Frau lächelte. Sie hatte die blonden Haare zurückgebunden und trug eine schwarze Hose und eine Bluse, die ihre Figur betonte. Einen Moment lang sah er sie nur an und ließ die Zungenspitze über seine Zähne streichen.

»Was darf ich Ihnen bringen?«, fragte sie.

Sie war Ausländerin. Osteuropäisch.

Raymond war mehr als einmal in Osteuropa gewesen. Schon bevor die Russen ihren Einfluss verloren hatten. Er hatte dort so manches probiert. Dinge, die nur wenige Männer je kosteten.

Er wollte antworten, aber seine Kehle und die Zunge gehorchten ihm nicht. Ein Schweißtropfen lief langsam an seiner Wange herunter. In seinem Schädel pochte es.

»Geht es Ihnen nicht gut?«, fragte die Kellnerin. »Brauchen Sie Hilfe?«

»Whiskey«, sagte er mit brüchiger Stimme.

Sie zögerte. Zwischen ihren Brauen bildete sich eine feine Falte. »Bush, Jameson, Jack Daniel’s?«

»Black Bush«, antwortete er. »Einen doppelten. Ohne Wasser.«

Sie brachte ihm den Drink in einem Tumbler. Die Flüssigkeit schimmerte bernsteinfarben und schwappte leicht im Glas, als sie es auf den Tresen stellte.

Ihm schoss ein verstörender Gedanke durch den Kopf und löste einen Anfall schwindelerregender Panik aus. Hatte er überhaupt Geld dabei? Raymond prüfte mit wachsender Furcht sofort jede Tasche, bis seine Fingerspitzen in seiner Gesäßtasche Leder berührten. Er zog die Börse heraus, öffnete sie und seufzte erleichtert, als er eine Zwanzigpfundnote entdeckte. Er reichte sie dem Mädchen.

»Behalten Sie …« Seine Lungen wollten nicht mehr. Er holte noch einmal so viel Luft, wie es nur ging. »Behalten Sie das Wechselgeld.«

Die Frau lächelte kurz, aber dann wurde ihre Miene sofort besorgt. »Sind Sie krank?«, fragte sie. »Brauchen Sie einen Arzt?«

Raymond schüttelte nur den Kopf, um keinen Atem zu verschwenden. Er ging mit dem Glas zum entferntesten Tisch und legte unterwegs Pausen ein, wenn ihn ein Schwindelanfall dazu zwang. Er hob das Glas, roch den erdigen warmen Torf, den süßen Karamell und die Gewürze. Dann brannte der Schnaps in seiner Kehle und hinterließ einen Nachgeschmack von Anis.

Als er dasaß und an dem Drink nippte, spürte er, wie sich der Schmerz in seinem linken Arm zusammenballte. Er zog über seine Schultern den Hals hinauf und hämmerte schließlich in seinem Schädel. Er umklammerte die Tischkante.

Nicht hier. Nicht hier.

Raymond kippte den restlichen Whiskey in einem Zug herunter und wartete, bis das Flimmern der Sterne hinter seinen Augenlidern verblasste.

Das Mädchen näherte sich. »Sir? Ich kann Ihnen einen Arzt rufen.«

Er schüttelte den Kopf, stand auf und ging zum Ausgang, wobei ihn eher sein Schwung vorwärtstrieb als die Kraft seiner Beine. Draußen schlug er wieder die Richtung zum Treidelpfad ein.

Hier?

Zu nahe am Pub und den Häusern. Eine halbe Meile weiter flussabwärts hinter dem Bootsclub gab es keine Häuser mehr, dort säumten nur noch Gras und Bäume das Ufer.

Eine neue Schmerzattacke schoss von seinem Arm bis ins Gehirn. Stärker als die vorige.

Geh. Jesus Christus. Geh!

Seine Beine gehorchten.

Die Zeit schien zu wabern und zu bröckeln. Graue Häuser wurden vom Grün verdrängt. Die Zivilisation verschwand in der Ferne. Nichts blieb, außer der unbefestigte Weg und das Rauschen des Windes in den Blättern.

Eine Frau mit Hund. Der Hund schnüffelte, als er vorbeiging und jaulte, als er den Tod an ihm witterte. Seinen. Und den der anderen.

Ein Radfahrer mit einem Helm auf dem Kopf geriet ins Schlingern, als er ihm ausweichen musste, weil er torkelte.

»Verdammt noch mal, passen Sie doch auf, wo Sie hingehen!«, schrie ihm der Radfahrer im Weiterfahren zu.

Raymond ignorierte ihn.

Er ging vom Kiesweg hinunter zum Rasen und dem Gebüsch am Uferrand. Seine Schuhe versanken im Morast. Die kalte Nässe traktierte seine Füße wie mit spitzen Nadeln. Der Fluss strömte, vom Regen angeschwollen, an ihm vorbei.

»Gott, lass es das jetzt gewesen sein«, sagte Raymond.

Er lachte über die Sinnlosigkeit seines Gebets. Gott und er gingen schon seit einem halben Menschenleben getrennte Wege.

Er grub die Hände in die Taschen. Seine Fingerspitzen waren schon ganz taub. Die Schlüssel hatten sich an einem Faden verhakt. Er zog fester und riss sie schließlich heraus. Es kostete ihn seine letzte Kraft, sie auch nur sechs Schritte weit zu werfen. Sie fielen geräuschlos ins Wasser. Zumindest er konnte nichts hören.

Noch einmal attackierte ihn der Schmerz – heftiger, als sein Körper es ertragen konnte. Das Brennen kroch aus dem linken Arm hoch, schwappte über die Schultern in den Hals, und dann explodierte etwas in seinem Kopf, als würde ein neuer Stern geboren.

»Jetzt«, sagte er.

Das Wasser hieß ihn willkommen, verschlang ihn, weich und eiskalt. Eine Million Bilder blitzten durch Raymonds Erinnerung – jedes so klar und deutlich wie das vorangegangene –, Gesichter, die er kannte, viele, die er nicht mehr erkannte, manche davon angstverzerrt.

Sie blitzten auf und sanken dann wie Feuerwerksraketen wieder zurück in die Dunkelheit, wo das Feuer auf ihn wartete, hinab in die ewige Ruhe.

2

Rea Carlisle saß auf der Treppe und betrachtete die schwarzen Plastiksäcke, in denen sich die Reste seines Lebens befanden, bereit, in den Müll geworfen zu werden.

Sie hatte ihren Onkel seit achtundzwanzig Jahren nicht mehr gesehen und konnte sich kaum noch an das letzte Mal erinnern. Es war eine Beerdigung gewesen. Sie war sechs Jahre alt gewesen, und die Andacht hatte in einer zugigen Kirche stattgefunden. Wo die stand, wusste sie ebenfalls nicht mehr. Die Leute hatten getuschelt und sich gegenseitig gefragt, was sich ihre Mutter dabei gedacht hatte, ein Kind ihres Alters zu einer Beerdigung mitzunehmen. Der Babysitter war nicht gekommen, und Reas Mutter hatte zuerst ihr Gesicht mit Spucke und einem Lappen abgerieben, sie dann in ihr bestes Sonntagsschulkleidchen gesteckt und zum Wagen gezerrt.

Onkel Ray hatte die ganze Zeit nur stumm und still dagestanden, gelächelt und Leuten die Hände geschüttelt, die ihm genauso fremd waren wie Rea.

Ihre Mutter hatte ihn in den Arm genommen.

»Oh, Raymond, es tut mir so leid«, sagte sie.

Er ließ die Arme hängen und blieb steif wie ein Brett. »Danke, dass du gekommen bist, Ida«, sagte er.

Als sie seine Frau in die Erde hinabließen, wischte Onkel Raymond mit einem Finger eine Träne vom Auge weg. Nur waren da gar keine Tränen. Obwohl Rea nur eine vage Erinnerung an sein Gesicht hatte, wusste sie noch ganz genau, wie albern sie es damals mit ihrem kindlichen Gemüt gefunden hatte, dass sich ihr Onkel eine nicht existierende Träne wegwischte.

Als sie mit ihrer Mutter in ihrem winzigen Mini Metro heimfuhr, sprach Rea sie darauf an.

Ida blieb eine Weile stumm und hielt den Blick starr auf die Straße gerichtet. »Er war schon immer ein merkwürdiger Eigenbrötler«, sagte sie schließlich.

Danach hatten sie kaum mehr über ihn gesprochen. Rea wusste, dass ihre Mutter versucht hatte, telefonisch und per Brief Kontakt mit ihrem Bruder aufzunehmen. Er hatte nie geantwortet. Allmählich war er aus ihrem Leben verschwunden wie Kondenswasser von einer Fensterscheibe.

Dann hatte vor einer Woche das Telefon geklingelt.

Rea saß an ihrem Küchentisch und aß ein Mikrowellengericht aus der Plastikschale. Dabei scrollte sie auf ihrem iPad eine Website mit Jobangeboten durch. Als sie zu ihrem Handy griff, wusste sie schon vorher, dass der Name ihrer Mutter auf dem Display stehen würde. Ida hatte ein Faible dafür, immer im ungünstigsten Moment anzurufen. Zum Beispiel wenn Rea gerade etwas aß, auf der Toilette hockte oder dabei war, aus der Tür zu gehen. Sie konnte fast sicher sein, dass bei solchen Gelegenheiten jedes Mal das Telefon klingeln würde.

»Es geht um Raymond«, sagte Ida.

Rea kramte in ihrer Erinnerung, um den Namen mit irgendjemandem zu verknüpfen, den sie kannte. Gott verhüte, dass es wieder auf diesen typischen verbalen Schlagabtausch hinauslief, bei dem ihre Mutter darauf beharrte, dass Rea jemanden kannte, während sie selbst Stein und Bein schwor, dem wäre nicht so.

Oh, du kennst ihn bestimmt, sagte Ida.

Ich kenne ihn nicht, erwiderte Rea.

Doch, tust du.

Nein, tu ich nicht.

So ginge es hin und her, bis Rea am liebsten geschrien hätte.

Stattdessen sagte Ida: »Er ist tot.«

Rea hörte ein schluchzendes Seufzen am anderen Ende der Leitung.

»Wer ist tot?«, fragte sie.

»Raymond«, sagte Ida und klang verzweifelt. »Dein Onkel Raymond. Mein Bruder.«

Jetzt fiel ihr die weiße Haarsträhne des Mannes auf dem Friedhof wieder ein. Der Finger an dem trockenen Auge. Details, die sie sich gemerkt hatte, aber nicht mehr zu einem ganzen Gesicht zusammensetzen konnte.

»Jesus«, sagte Rea.

Ida mokierte sich über diese unbedeutende Blasphemie.

»Tut mir leid«, sagte Rea gleichgültig. »Wie ist er gestorben?«

»Man ist sich nicht sicher«, sagte Ida. »Vielleicht ist er ertrunken. Aber sie wissen es nicht.«

»Ertrunken?«

»Man hat ihn gestern Nachmittag im Lagan gefunden. Er hatte sich im Gestrüpp verheddert.«

Rea hörte, wie die Stimme ihrer Mutter brach. Dann atmete Ida scharf und zischend ein. Rea konnte sich das zerknüllte Taschentuch in ihrer Hand vorstellen, mit dem sie ihre Wangen abtupfte. Ida versuchte mit aller Kraft, den Schmerz zu unterdrücken, der aus ihr hervorzubrechen drohte, um ja kein Theater zu machen. Ida Carlisle war der Typ Frau, der mindestens eine verschlossene Tür zwischen sich und anderen brauchte, um allein am Küchentisch so lange zu weinen, bis der Tee im Becher vor ihr kalt geworden war.

»Sie haben anhand seiner Brieftasche ermittelt, wer er war«, sagte Ida. »Dann brauchten sie noch einen Tag, bis sie rauskriegten, dass er mit mir verwandt ist. Die Polizei hat heute Abend hier angerufen.«

»War Dad da?«, fragte Rea.

»Nein, der ist auf einer Konferenz der Partei. Er sagt, er kommt nach Hause, wenn sie vorbei ist.«

Rea unterdrückte einen Fluch. Verglichen mit Graham Carlisle wirkte seine Frau wie ein Quell herzlicher Güte. Gott möge verhüten, dass Idas Trauerfall seinen Plänen in die Quere kam! Er hatte jetzt schon seit fünf Jahren einen Sitz in der Stormont Assembly inne, dem Provinzparlament Nordirlands, und die Partei baute ihn für einen Einzug ins britische Parlament in Westminster auf. Bei den nächsten landesweiten Wahlen wollten sie seine Kandidatur verkünden. Sein ganzes Streben war nur darauf ausgerichtet, alles andere war zweitrangig.

»Ich komme«, antwortete Rea. »Gib mir eine halbe Stunde.«

Bevor sie auflegen konnte, meinte Ida: »Ich kannte ihn so gut wie gar nicht.«

Rea antwortete nicht, sondern gab ihrer Mutter Gelegenheit, auszusprechen, was sie beschäftigte, falls ihr der Sinn danach stand.

Ida atmete zittrig ein. Dann sagte sie: »Er war mein Bruder, und ich kannte ihn nicht. Ich habe ihn fast dreißig Jahre nicht gesehen. Ich weiß gar nicht, ob er immer noch in dem kleinen Häuschen lebte; ich weiß nicht mal, ob er wieder geheiratet oder Kinder hatte. Ich hätte auf der Straße an ihm vorbeilaufen können, ohne ihn zu erkennen. Ich hätte ihn besser kennen müssen.«

»Du hast es versucht!«, sagte Rea. »Ich erinnere mich, dass du ihm Briefe geschrieben und Weihnachtskarten geschickt hast. Du hast es versucht.«

Ida erwiderte: »Ich hätte mich noch mehr darum bemühen müssen.«

Ida schleppte den nächsten Müllsack aus dem Wohnzimmer und stellte ihn zu den anderen im Flur. Das schwarze Plastik verunstaltete die konturlosen weißen Wände. Sogar die Treppenstufen, auf denen Rea saß, waren weiß gestrichen. Zusammen mit den abgenutzten schwarz-weißen Fußbodenfliesen wirkte der Flur wie der eines öffentlichen Gebäudes, als führte er zum Büro des Schuldirektors. Man hatte nicht das Gefühl, dass hier eine Familie zu Hause war. Nur die Buntglasscheiben der Eingangstür setzten einen Akzent gegen das vorherrschende Uni-Weiß.

Reas Vater hatte versprochen, mit seinem Range Rover vorbeizukommen, um die Säcke zur Deponie zu fahren. In ihren kleinen Nissan passten nur wenige auf einmal.

Viel zu schleppen gab es allerdings nicht.

Raymond Drew hatte so gut wie nichts von dem Gerümpel angesammelt, das die meisten Menschen im Laufe ihres Lebens aufhäufen. In dem einzigen Kleiderschrank hing Garderobe mit Pseudo-Markennamen von irgendwelchen Textildiscountern oder aus dem Supermarkt. Hemden, die im Zweierpack verkauft werden, und ein Anzug aus einem synthetischen Material, das unter Reas Fingerspitzen statisch knisterte. Seine gesamte Kleidung füllten einen einzigen Müllsack, einen weiteren die Schuhe und Gürtel.

In einem Pappkarton klapperte eine kümmerliche Auswahl an Pfannen, Töpfen und Besteck, der nächste Karton enthielt einen Toaster und einen Wasserkessel, und ein weiterer Karton fasste das gelbliche Essgeschirr, Teller in verschiedenen Größen, Tassen und eine Teekanne, die allesamt dasselbe Blumendekor aufwiesen.

»Das habe ich gekauft«, hatte Ida gesagt, als Rea das Service in einem Schrank entdeckte. »Es war ein Hochzeitsgeschenk für ihn und Carol.«

Ein alter Röhrenfernseher im hinteren Wohnzimmer sah aus, als funktionierte er schon seit Jahren nicht mehr, ebenso wenig wie die Musik-Kompaktanlage. Am Tonarm des Plattenspielers fehlte die Diamantnadel. Lautsprecher suchte Rea vergeblich.

Es war, als dienten all diese Gegenstände zusammen mit ein paar Uhren und Dekoartikeln nur als Platzhalter. Dinge, die Raymond Drew in seinem Haus verteilt hatte, um es wie ein familiäres Zuhause aussehen zu lassen. Es wirkt wie eine Filmkulisse, dachte Rea. Wie Requisiten. Sie konnte sich fast ausmalen, an die Wände zu klopfen und festzustellen, dass es nur Sperrholzfassaden waren.

Am wichtigsten war es gewesen, nach Briefen, Kontoauszügen, Rechnungen und dem Papierkram zu suchen, der jeden Erwachsenen sein Leben lang begleitet. Bevor Reas Vater auch nur Anstalten machte, seine Frau zu trösten, hatte er schon David Rainey, seinen Anwalt, angerufen. Sie benötigten sämtliche Dokumente, die sie in die Finger kriegen konnten, um damit bei Gericht einen Erbschein zu beantragen, der sie dazu berechtigte, sich um Raymonds Angelegenheiten zu kümmern. Nachdem das erledigt war, war Ida Alleinerbin ihres Bruders.

»Ich glaube, das ist jetzt der Letzte«, sagte Ida.

Rea zählte nach. Es waren insgesamt acht Säcke und Pappkartons.

Ida konnte ihre Gedanken lesen. »Erbärmlich, oder?« Sie stieg auf die Treppe und setzte sich neben Rea. Ihre Stimme hallte zwischen den kahlen Wänden und in dem leeren Treppenhaus. »Wie hat er nur gelebt? So ganz allein? Er hatte nichts. Und niemanden. Hier gibt es nicht mal ein Foto von ihm oder Carol. Man sollte doch meinen, er hätte irgendwo ein Foto von seiner Frau, oder? Aber es gibt nichts. Nur das hier …«

Sie deutete auf die zusammengeräumte Hinterlassenschaft unter ihnen. Rea legte ihren Arm um die Schulter ihrer Mutter. Ida holte ein zusammengeknülltes Taschentuch aus ihrem Ärmel und schnäuzte sich.

Ida Carlisle war eine kleine Frau und an den Hüften breiter, als ihr lieb war. Einmal pro Woche ließ sie sich ihr Haar von einem angesagten Friseur in der City hübsch machen. Unter ihren braungefärbten Haaren schimmerte der graue Haaransatz durch, und ihr Gesicht war äußerst dezent geschminkt. Gerade genug, um vorzeigbar zu sein, aber nie so stark, dass sie aufgefallen wäre.

»Da ist ja noch das hintere Schlafzimmer«, sagte Rea. »Vielleicht ist das ja die Schatzkammer.«

Die Tür zum Schlafzimmer im hinteren Teil des Hauses unterschied sich von den anderen hölzernen Kassettentüren, die vermutlich schon vor hundert Jahren beim Bau des Hauses eingehängt worden waren. Diese Schlafzimmertür war jedoch massiv und glatt, mit einer modernen Klinke und einem Schloss.

Am Tag nach der Beerdigung hatte ein Schlosser die Vordertür des Hauses geöffnet und einen neuen Schließzylinder eingesetzt. Er hatte einen Satz Schlüssel dagelassen, damit sie ein und aus gehen konnten. Sie hatten die verschlossene Tür im Obergeschoss erst entdeckt, als er schon wieder gegangen war. Reas Vater hatte sich halbherzig mit der Schulter dagegengestemmt, aber die Tür hatte nicht nachgegeben. Rea hatte versucht, unmittelbar unter dem Griff zuzutreten, wie sie es einmal in einer TV-Dokumentation über die Polizei gesehen hatte. Gebracht hatte ihr das nur einen blauen Fleck am Fußballen und eine Wadenzerrung.

»Da drin ist sicher nur alter Staub und abgestandene Luft«, meinte Ida. Eine Träne rann ihr aus dem Auge. Sie erwischte sie mit dem Taschentuch, bevor sie von ihrer Wange tropfen konnte.

»Wir werden sehen«, sagte Rea und streichelte ihrer Mutter den Rücken.

Weder Ida noch Graham Carlisle zeigten gern ihre Gefühle. Umarmungen, Küsse, Kuscheln – solche Regungen waren etwas für Kinder und Fernsehdramen. Rea konnte sich nicht erinnern, dass ihre Eltern ihr jemals gesagt hätten, dass sie sie liebten. Sie bezweifelte nicht, dass sie es taten, aber es auszusprechen hätte nicht zu ihrer presbyterianischen Grundhaltung gepasst.

Mit achtzehn, als Rea zu Hause auszog, um zur Uni zu gehen, beschloss sie, ihren Eltern zu sagen, dass sie sie liebhatte, ganz gleich, ob sie die Geste erwiderten oder nicht. Sie wollte sie in den Arm nehmen und küssen. Wenn ihnen das unangenehm war, hatten sie eben Pech gehabt. Sie wollte kein Leben mit unterdrückten Emotionen leben.

»Wir müssen uns jetzt nicht den Kopf deswegen zerbrechen«, meinte Ida. »Ich habe gestern Abend mit deinem Vater gesprochen. Über das Haus.«

»Ach?«

»Wir dachten, wenn die ganzen rechtlichen Sachen geklärt sind, solltest du es haben.«

Das Haus hatte Raymonds Frau gehört, die es von ihren Eltern geerbt hatte. Nach ihrem Tod war Raymond dort geblieben. Sobald die Besitzverhältnisse geklärt waren, konnte Ida damit anfangen, was sie wollte.

»Aber Mom, ich kann doch nicht  es ist einfach zu …«

»Dann könntest du endlich von dieser Wohngemeinschaft weg. Du hättest dein eigenes Zuhause. Und bräuchtest keine Raten zu zahlen, die dir das Leben schwermachen. Heutzutage ist es nicht leicht, ein Haus zu kaufen, ich meine, für eine junge Frau. Trotz der gefallenen Preise.«

Rea schüttelte den Kopf. »Aber dieses Haus muss hundert Riesen wert sein. Vielleicht sogar hundertzwanzig. Du und Dad könntet das für eure Rente gebrauchen.«

»Dein Vater und Rente?« Ida lächelte spöttisch. »Der fällt tot um, bevor er in Rente geht. Außerdem hat er genug für uns beide zurückgelegt.«

»Ich weiß nicht«, sagte Rea. »Das Haus ist eine Nummer zu groß. Ich kann es mir noch nicht so richtig vorstellen.«

»Denk einfach drüber nach. Du wirst einsehen, dass es vernünftig ist. Der Himmel weiß, dass hier von deinem Onkel kaum etwas übrig geblieben ist. Es erinnert fast nichts mehr daran, dass er einmal hier gelebt hat. Wenn noch irgendetwas in dem Schlafzimmer ist, kannst du es ja der Wohlfahrt geben oder es wegwerfen oder …«

Sie presste die Augen zu. Ihre Schultern zuckten.

Rea zog ihre Mutter enger an sich und drückte Idas Kopf sanft an ihre Schulter. Ihre Tränen flossen. Rea spürte die Feuchtigkeit durch das T-Shirt hindurch, und Ida schien sich an ihre Seite zu schmiegen. Es dauerte nur ein paar Sekunden. Dann war es vorbei. Ida fasste sich wieder, setzte sich aufrecht hin und war so steif und kontrolliert wie zuvor. Nur die leichte Rötung ihrer Augen deutete noch auf das Geschehene hin. Sie würden nicht mehr darüber sprechen, dessen war sich Rea gewiss.

Sie wollte gerade etwas sagen, aber da klingelte Idas Telefon.

»Ach, so ein Mist!«, stammelte sie, als sie die Nachricht auf dem Display las.

»Was denn?«, fragte Rea.

»Dein Vater. Er kommt nicht. Er hängt in einer Ausschusssitzung fest.«

»In Ordnung«, sagte Rea. »Dann bringe ich das Zeug eben zur Müllkippe. Ich werde ein paar Mal fahren müssen, aber das macht nichts. Warum fährst du nicht nach Hause und legst dich ein bisschen hin?«

»Schlafen?«, schnaubte Ida. »Ich habe seit einer Woche nicht geschlafen.«

»Na, dann geh und versuch es. Mit dem Rest werde ich schon fertig.«

Ida lächelte und streichelte Reas Hand. »Bist ein gutes Mädchen.«

Sie hatte seit Jahren nicht mehr so viel Gefühl gezeigt. Rea beugte sich vor und drückte ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange.

»Jetzt aber fort mit dir!« Ida scheuchte sie mit gespielter Entrüstung weg.

Dann stand sie auf und ging die Treppe hinunter. In der Haustür drehte sie sich noch einmal um und betrachtete die Zeugnisse des Lebens ihres verstorbenen Bruders – in Säcke verpackt und bereit für den Abtransport zur Müllkippe. Sie schüttelte den Kopf, warf Rea ein bedauerndes Lächeln zu und ging.

Rea blieb noch eine Weile auf der Treppe sitzen und betrachtete, wie das Sonnenlicht durch die Buntglasfenster der Tür leuchtete. Das Haus war nicht schlecht, und es war eine ganz nette Straße. Sie spürte ein leichtes, aufgeregtes Kribbeln im Bauch.

Ein eigenes Haus.

Die letzten paar Jahre hatte sie sich mit zwei anderen Frauen eine Wohnung in der Gegend von Four Winds geteilt, einem ausgedehnten Randbezirk im Südosten der Stadt. Ihre beiden Mitbewohnerinnen waren jünger als Rea, die eine sogar mehr als zehn Jahre. Sie kamen frisch von der Uni und arbeiteten in einer Anwaltskanzlei. Die beiden waren schuld daran, dass Rea sich noch älter als ihre vierunddreißig Jahre fühlte. Sie ertappte sich dabei, dass sie sie bemutterte, mit ihnen schimpfte, weil sie zu lange ausgingen, oder sie wegen ihrer aufreizenden Garderobe kritisierte. Andersherum hatte sie das Gefühl, dass die beiden sie für eine verzweifelte alte Jungfer hielten – ständig versuchten sie, sie mit ihren Arbeitskollegen zu verkuppeln.

Einmal hatte sie widerstrebend einem Blind Date mit einem von ihnen zugestimmt. Er war ein angenehmer Mann gewesen, gepflegt, höflich, und er sah nicht mal schlecht aus. Aber als er ihr ein Foto seines jüngsten Enkelkindes zeigte, hätte Rea fast geschrien.

Vor drei Monaten hatte Rea ihren Job verloren. Sie hatte fast fünf Jahre lang in einer Beratungsfirma in der Innenstadt gearbeitet und sich auf Rekrutierungsprozesse, die Ausarbeitung von Strategien für Bewerbungsgespräche und auf Eignungstests spezialisiert. Dafür hatte sie ein gutes Gehalt bezogen, das ausreichte, um eine anständige Summe für die Anzahlung auf ein Haus zurückzulegen. Seit ihrer Entlassung nagte jedoch die Miete für die Wohngemeinschaft an ihren Ersparnissen, und sie musste sich allmählich der erschreckenden Aussicht stellen, wieder zurück zu ihren Eltern ziehen zu müssen.

Rea unterdrückte ein Schaudern. Jetzt bot sich ihr ein Rettungsring, die Chance, Hausbesitzerin zu werden, ohne sich mit Ratenzahlungen belasten zu müssen. Aber konnte sie das Haus eines Toten annehmen? Außerdem musste einiges renoviert werden. Es brauchte eine neue Küche, eine neue Zentralheizung, und wahrscheinlich würden noch viele weitere Mängel zum Vorschein kommen. Aus den Erzählungen ihrer Freunde von Hauskäufen wusste sie, dass die echten Kosten zu den hundert Geheimnissen gehören, die einem die Vorbesitzer verschwiegen. Sie bezweifelte, dass ihre Ersparnisse dafür ausreichten.

Trotzdem – sie hätte ihr eigenes Haus.

Sie dachte an das Schlafzimmer im ersten Stock. Wahrscheinlich hatte ihre Mutter recht, und es gab da oben wirklich nur Staub und Luft. Aber wenn sie das hier übernehmen sollte, wollte sie jedes Zimmer sehen – ob es abgesperrt war oder nicht.

Rea Carlisle beschloss, die Tür zum hinteren Schlafzimmer noch am selben Tag öffnen zu lassen.

3

Detective Inspector Jack Lennon hustete und schnaubte in ein feuchtes Taschentuch. Er war mal wieder krank, aber wenigstens klang die Erkältung ab. Dennoch, es war die dritte in ebenso vielen Monaten. Die Chirurgin hatte Lennon vorgewarnt, dass er jetzt ohne seine Milz einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt sein würde. Sie hatte recht behalten.

Sein Hintern schmerzte von dem dünnen Kissen auf dem harten Plastikstuhl, und die alten Verletzungen an seiner Schulter und seiner Seite setzten ihm zu. Die Nachtspeicherheizung des Sitzungssaals knackte, und die vergilbten Vertikaljalousien schaukelten im Luftzug.

Der Anwalt, den ihm die Polizeigewerkschaft beschafft hatte, setzte sich ihm gegenüber an den Tisch, fuhr mit der Kugelschreiberspitze über die Zeilen und bewegte die Lippen beim Lesen. Das Neonlicht reflektierte auf den hellen Stellen seiner Kopfhaut. Er hieß Adrian Orr. Lennon war ihm im Laufe des vergangenen Jahres viel zu oft begegnet.

Orr hatte ein paar Sachen ganz gut hingekriegt, aber trotzdem stieg in Lennon jedes Mal, wenn er ihn sah, die Wut hoch. Klar, er konnte sich glücklich schätzen, seinen Job so lange behalten zu haben, und ohne Orr hätte man ihn schon vor Monaten aus der Truppe geworfen – aber trotzdem.

Bei den ersten paar Treffen hatte sich Lennon noch Mühe gegeben, sich ordentlich rasiert und einen Anzug angezogen. Mittlerweile war es ihm egal. Jeans und ein Hemd reichten für diese langweiligen Treffen völlig aus. Er war seit fast neun Monaten nicht mehr beim Friseur gewesen, und das schmutzig-blonde Haar hing ihm über dem Kragen und fiel ihm in die Augen. Allmählich mehrten sich die grauen Strähnen. Susan hatte es aufgegeben, ihn zu einem Haarschnitt zu drängen. Außerdem hatte Ellen, seine Tochter, gesagt, es gefalle ihr so.

»Sind wir immer noch nicht durch?«, fragte Lennon.

»Wie?« Orr schaute von dem Dokument auf.

»Sind wir bald fertig?«

»Lassen Sie mir noch ein paar Minuten. Ich will nur noch die letzten Anmerkungen des Ombudsmanns lesen.«

Vom Nacken breitete sich starker Kopfschmerz in Lennons Schädel aus. Rückenschmerzen würden auch nicht mehr lange auf sich warten lassen. Er fuhr sich mit der trockenen Zunge durch den Mund, dachte an die Flasche Wasser auf dem Beifahrersitz seines Wagens und die Packung Schmerztabletten im Handschuhfach. Er atmete mit einem vernehmlichen Seufzer aus, den er bedauerte, bevor er ganz heraus war.

Orr schaute wieder hoch.

»Bitte, Jack, beruhigen Sie sich und lassen Sie mich lesen. Je schneller ich hier durchkomme, umso schneller können Sie nach Hause.«

Lennon spielte kurz mit dem Gedanken, sich zu entschuldigen, aber der hässliche, aufgeblasene Stolz, der immer noch in ihm gärte, ließ das nicht zu. Er verlagerte auf dem Stuhl das Gewicht auf die andere Gesäßhälfte und versuchte, trotz der Schmerzen nicht sein Gesicht zu verziehen.

Orr legte seinen Stift hin, verschränkte die Hände über den Papieren und fing an zu sprechen, als hielte er eine Rede vor dem Parlament in Stormont.

»Sie werden nicht frühverrentet. Das kann ich Ihnen jetzt schon versichern.«

»Scheiße!«

Orr protestierte. »Ich sagte es bereits, Jack. Ihre Ausdrucksweise gefällt mir nicht. Sie haben keinen Grund, so zu reden!«

»Doch, hab ich, verdammt!«, widersprach Lennon.

»Sie haben auf einen Kollegen geschossen und ihn getötet. Einen Polizisten …«

»Der vorher auf mich geschossen hat. Er hätte mich und das Mädchen umgebracht, wenn ich nicht …«

»Sie haben einen Bullen erschossen.« Orrs Wangen röteten sich, weil er jetzt lauter sprach. Er schöpfte Atem, bevor er weiterredete. »Sie haben einer Mordverdächtigen zur Flucht außer Landes verholfen. Die näheren Umstände spielen dabei keine Rolle. Nicht einmal Gandhi und Mutter Teresa könnten die da oben überreden, Ihnen jetzt eine Pension zu zahlen.«

Seit einem Jahr und drei Monaten hatten der Ombudsmann, die Polizeigewerkschaft und Lennons direkte Vorgesetzte versucht, das Desaster zu bereinigen, das er hinterlassen hatte. Dreimal hatte er im Hauptquartier der nordirischen Polizei in der Knock Road vor der Dienstaufsicht antreten müssen, um das Geschehene immer wieder vor dem stellvertretenden Polizeichef zu rekapitulieren. Orr und die Polizeigewerkschaft hatten ihr Bestes für ihn getan, aber bewirkt hatten sie nur wenig.

Die Ursache des ganzen Schlamassels war ein ukrainisches Mädchen gewesen, Galya Petrova. Man hatte sie zum Arbeiten in ein Bordell im Westen der Stadt verschleppt. Sie war entkommen und hatte einen ihrer Peiniger getötet. Sie hätte den nächsten Tag nicht überlebt, wenn Lennon sie nicht an jenem kalten Morgen zum Flughafen gebracht hätte. Fast hätten sie es nicht geschafft. Bei ihrer Flucht hatte er drei Kugeln abbekommen, die für sie bestimmt gewesen waren.

Ein junger Sergeant, Connolly war sein Name, hatte abgedrückt, nachdem ihm jemand zehntausend Pfund aufs Bankkonto überwiesen hatte. Lennon machte die Frau seines Kollegen zur Witwe und ihre beiden Kinder zu Halbwaisen. Er versuchte, nicht an sie zu denken und sich daran zu erinnern, dass er in Notwehr gehandelt hatte, aber sie tauchten trotzdem immer wieder in seinen Gedanken auf. Jeden verdammten Tag.

Zunächst hatte Lennon argumentiert, dass der Fall auch die Entlarvung und Verhaftung eines Mörders namens Edwin Payntor nach sich gezogen hatte. Das musste doch etwas gelten. Nur hatte Payntor in der Untersuchungshaft Selbstmord begangen, und die Leichen, die in seinem Keller begraben waren, konnten ihm nie zweifelsfrei zugeschrieben werden.

Nur ein Schatzkästchen voller schmutziger Geheimnisse, die Lennon verwahrte, verhinderte, dass man ihn schon vor einem Jahr gefeuert hatte. Er könne einer offiziellen Anklage entgehen, wenn er eine Degradierung und eine entsprechend geringere Bezahlung akzeptiere, teilte man ihm mit. Den Rest seiner dreißigjährigen Dienstzeit werde er dann am Schreibtisch absitzen. Damit wäre bewiesen, dass man ihn für seine Verfehlungen büßen ließ, was die republikanischen Politiker im Polizeivorstand bei der Stange hielt, aber nicht so hart, dass die Gewerkschaftsvertreter auf die Barrikaden gingen.

Lennon konnte sich die Gehaltskürzung aber nicht leisten. Nicht zum gegenwärtigen Zeitpunkt. Und er hatte ganz gewiss nicht vor, den größten Teil des nächsten Jahrzehnts mit Papierkram zu verbringen. Er stellte sie vor die Wahl: Entweder schickten sie ihn in einen gesundheitsbedingten vorzeitigen Ruhestand mit allen dazugehörigen Vergünstigungen, oder er wollte den Fall durch alle Instanzen durchfechten. Dabei, so versprach er, kämen alle schmutzigen Geheimnisse auf den Tisch, die er kannte.

Lennon zog die Fahrertür des acht Jahre alten Seat Ibiza auf, ließ sich auf den Fahrersitz fallen und griff zum Handschuhfach. Der Kopfschmerz hatte sich mittlerweile in seinem ganzen Schädel breitgemacht. Er drückte auf die Augen und pulsierte mit jedem Herzschlag – ein erbärmliches Gefühl, das er ohne seine Pillen nicht loswurde.

Das wäre schon die dritte Dosis des Tages – eine mehr, als er um diese Zeit intus haben durfte –, aber das Treffen mit Orr hatte ihm den Rest gegeben. Es würde ihm schon nicht schaden, wenn er das selbstgesetzte Limit überschritt. Jedenfalls diesmal nicht.

Er kramte noch im Handschuhfach, als er die Stimme hörte. »Was ist denn mit dem Audi passiert?«

Er drehte sich zu der offenen Fahrertür um.

Detective Chief Inspector Dan Hewitt. Er hatte die Hände in die Taschen seines gutgebügelten, zugeknöpften Jacketts gesteckt. Jedem anderen auf dem Polizeiparkplatz wäre es so vorgekommen, als wäre er nur für eine freundliche Plauderei mit einem alten Kollegen stehen geblieben. Lennon und Hewitt wussten es beide besser.

»Ich habe ihn abgestoßen«, meinte Lennon und schloss das Handschuhfach.

Er hätte auch sagen können, dass er sich die Reparaturen nicht leisten konnte, nachdem ihn ein SUV bei dem Versuch gerammt hatte, Galya Petrova in Sicherheit zu bringen. Dass er ihn verkaufen, die ausstehende Restsumme aus dem Leasingvertrag abbezahlen und sich diese alte Fließhecklimousine zulegen musste. Aber Hewitt war das alles wohlbekannt. Lennon wollte ihm nicht die Genugtuung geben, es vor ihm auszusprechen.

»Audis sind sowieso nur was für Angeber«, sagte Hewitt. »Wie geht’s Ihnen? Sie humpeln immer noch ein bisschen.«

»Ich humple nicht«, sagte Lennon. »Mit meinen Beinen ist alles in Ordnung.«

Die Kugel hatte über seiner Hüfte die Seite durchschlagen, und die andere Verwundung hatte seine Schulter gelähmt, weshalb sein Körper nicht mehr ausbalanciert war. Sein Gang war alles andere als geschmeidig, aber er hinkte ganz sicher nicht.

»Natürlich nicht«, sagte Hewitt.

»Was wollen Sie?«

»Nur hallo sagen.«

»Tun Sie’s und verziehen Sie sich.«

Hewitt lachte. »Nett wie eh und je. In Garnerville waren Sie ja immer der große Spaßvogel. Aber irgendwie sind Sie auch nicht mehr der Alte, oder?«

»Das Gleiche könnte ich auch von Ihnen sagen.«

Hewitt lehnte sich an das Auto. »Sie könnten wohl viel über mich erzählen, vermute ich.«

Lennon beobachtete den anderen Mann scharf. »Wenn es mich überkäme, könnte ich das.«

»Wenn es Sie überkäme. Wird es aber nicht.« Hewitt beugte sich näher zu ihm. »Ist doch so, Jack?«

»Kommt drauf an.«

»Hab gehört, dass Sie rumgeschnüffelt haben«, fuhr Hewitt fort. »Ich weiß, dass Sie alte Akten ausgegraben und Kopien gezogen haben. So was bleibt nicht unbemerkt. Was haben Sie damit vor?«

»Hoffen wir, dass Sie das nie herausfinden werden.«

»Ich kann Ihnen Ihr Leben erleichtern«, sagte Hewitt.

Lennon wollte die Tür ins Schloss ziehen, aber Hewitt stand im Weg.

»Ich kann es Ihnen aber auch verdammt schwermachen. Sie haben die Wahl, Jack.«

Lennon schaute ihm ins Gesicht. »Können Sie mich mit einer krankheitsbedingten Frühverrentung in den Ruhestand schicken?«

»Nein«, antwortete Hewitt und trat einen Schritt zurück.

»Dann nützen Sie mir nichts.«

Lennon schlug die Tür zu und steckte den Schlüssel ins Zündschloss.

4

Die Tür saß so fest im Türrahmen wie ein Stecker in der Steckdose. Rea strich mit den Fingerspitzen über die Fugen. Sie bekam kaum einen Fingernagel in den Spalt. Sie drückte mit den Handflächen gegen die Tür. Sinnlos.

Obwohl sie wusste, dass es zwecklos war, versuchte sie es mit dem Türgriff. Im Gegensatz zu den anderen Türgriffen im Haus handelte es sich um eine Klinke und nicht um einen Drehknopf. Im Türschild befand sich ein Schlüsselloch. Rea ging auf die Knie und versuchte hindurchzuschauen. Aber dahinter war alles schwarz.

Ob sie den Schlosser noch einmal rufen sollte? Seine Rechnung für das Öffnen der Vordertür war gesalzen gewesen. Rea dachte an ihren Kontostand. Hatte sie so viel Geld übrig? Nicht, wenn sie diesen Monat noch ihre Miete zahlen wollte.

Blieb also nur noch die Möglichkeit, die Tür mit irgendetwas aufzubrechen. Das würde zwar den Türrahmen und die Tür beschädigen, aber wenn sie das Haus wirklich nahm, würde sie diese Tür ohnehin austauschen lassen und eine besorgen, die zu den anderen passte.

Somit war die Entscheidung gefallen. Sie konnte sich daran erinnern, in der Garage einen alten Werkzeugkasten gesehen zu haben. Sie ging die Treppe hinunter. Die Hintertür, die von der Küche in den Garten führte, war verschlossen, und ein Schlüssel war nicht zu finden, also ging Rea durch die Vordertür und ums Haus herum.

Der Wagen ihres Onkels parkte noch immer in der Einfahrt. Die Steuer- und Prüfplaketten, die an der Scheibe klebten, waren schon seit Monaten abgelaufen. Das Auto musste wohl abgeschleppt und verschrottet werden.

Die Garage stand ein Stückchen von der Straße weg und war vom Haus durch eine verrostete Metallpforte getrennt. Rea schob den Riegel des Garagentors zurück und ließ etwas Licht in den rechteckigen Raum. Asbestzement. Die Garage abzureißen, zu entsorgen und eine neue zu bauen bedeutete weitere zusätzliche Kosten.

Kümmere dich jetzt nicht darum, sagte sie sich. Such lieber was, womit du die Schlafzimmertür aufkriegst.

Der verrostete Werkzeugkasten stand ganz hinten auf dem Boden. Alte Farbdosen waren darauf gestapelt. Als Rea tiefer in die Dunkelheit hineinging, streiften Spinnweben über ihre Haut. Sie nahm die ersten zwei Farbdosen vom Stapel, deren Gewicht darauf schließen ließ, dass sie fast leer waren, und stellte sie beiseite.

Sie griff nach dem Trägerbügel eines dritten Eimers und zog, aber er war durch getrocknete Farbe am Boden mit der Dose darunter verklebt, so dass jetzt der ganze restliche Stapel auf den Boden fiel. Rea sprang zurück, um ihre Zehen vor den herunterfallenden Dosen zu schützen und um ihre Schuhe von der weißen Emulsion fernzuhalten, die sich in einer Pfütze auf dem Fußboden ausbreitete.

»Mist«, sagte sie.

Aus der Pfütze wurde ein kleiner See.

»Scheiße!«

Sie stellte sich vor, dass ihr Vater dieses Missgeschick sah. Er würde ihr einen dieser missbilligenden Blicke zuwerfen, als fragte er sich, wie er wohl zu einer solchen Tochter gekommen war.

»Verdammte Scheiße!«, fluchte Rea.

Aber es brachte nichts, sich aufzuregen.

Sie schob sich an der Wand entlang, um der Farbe auszuweichen, und kauerte sich neben den Werkzeugkasten. Dabei verlor sie ihr Gleichgewicht und stützte sich mit der Hand ab, um nicht in die weiße Pfütze zu fallen. Die Farbe fühlte sich kühl an. Sie fluchte noch einmal.

Mit der sauberen Hand öffnete Rea die Klappe des Werkzeugkastens und machte ihn auf. Er enthielt eine Sammlung rot angelaufener Metall- und lädierter Plastikteile. Zangen und Schraubendreher. Ein Steckschlüssel – ihr Großvater nannte so etwas Inbus – und ein paar Knäuel Stahlwolle. Sie schob die kleineren Werkzeuge beiseite und kramte tiefer in dem Kasten.

Ihre Finger berührten etwas Härteres, Kälteres, das sich stabiler anfühlte. Sie zog, und die Zangen und Schraubendreher rutschten beiseite. Es war schwer, fast vierzig Zentimeter lang, an einem Ende gekrümmt und an den abgeflachten Klingen etwas schartig. War das ein Kuhfuß? Ja, sie war sich ziemlich sicher. Jedenfalls sah es aus wie das richtige Werkzeug für die anstehende Aufgabe.

Sie machte einen Bogen um die Farbe auf dem Fußboden und ging wieder nach draußen.

Auf der anderen Straßenseite stand ein junger Mann im dunkelblauen Anzug auf der Gartenmauer des gegenüberliegenden Hauses. Er strich einen Aufkleber auf dem Schild des Immobilienmaklers glatt, der die Worte »Zu vermieten« durch das Wort »Vermietet« ersetzte. Er bemerkte sie, als sie auf die Eingangstür des Hauses ihres Onkels zusteuerte.

»Entschuldigen Sie bitte«, sagte er.

Rea blieb auf der Türschwelle stehen und sah ihn an.

Er winkte, hüpfte von der Mauer und kam zu ihr herüber. Die Gartenpforte quietschte, als er sie öffnete. Er war noch jünger, als sie gedacht hatte. Anfang, Mitte zwanzig höchstens. Wahrscheinlich frisch von der Universität. Er streckte beim Näherkommen die Hand aus.

»Mark Javis«, sagte er. »Mason und Higgs, Immobilienmakler.«

Rea zeigte ihm ihre farbverschmierte Handfläche.

»Ah.« Er ließ die Hand sinken. »Einer Ihrer Nachbarn hat mir von Ihrem Verlust erzählt. Mein Beileid.«

Rea blinzelte ihn verwirrt an. »Ach so, danke«, sagte sie dann.

Sie wusste, was jetzt kam, aber sie riss sich zusammen und nahm sich vor, höflich zu bleiben.

Er schenkte ihr ein breites, respektvolles Lächeln. »Ich habe mich gerade gefragt, ob Sie wohl schon wissen, was Sie mit dem Haus anfangen wollen?«

»Noch nicht«, sagte sie. »Sehen Sie, ich habe eine Menge um die …«

»Verstehe«, erwiderte er und hielt die Hände hoch. »Ich wollte Sie nur darauf hinweisen, dass es hier in der Gegend viele Interessenten für ein solches Objekt gibt, wenn der Preis stimmt. Der Markt für Vermietungen ist zurzeit sehr aktiv.«

Rea unterdrückte das Bedürfnis, zu fluchen und ihm in sein blasiertes Gesicht zu schlagen. Oder ihm auf dem Stoff seines feinen sauberen Anzugs einen weißen Handabdruck zu hinterlassen.

»Danke«, sagte sie, »aber jetzt ist wirklich nicht der geeignete Zeitpunkt, um …«

»Ich verstehe«, antwortete er. »Ich wollte nur sichergehen, dass Sie über den Service Bescheid wissen, den wir Ihnen bieten …«

Noch ehe sie ganz begriff, was sie tat, brachte Rea ihn zum Schweigen, indem sie ihm ihre weiße Handfläche auf den Mund drückte.

Er machte einen Schritt zurück, und von seinem Mund tropfte weiße Farbe auf seinen Schlips.

»Ich habe Ihnen doch gesagt, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt ist.« Sie zeigte ihm den Kuhfuß. »Und jetzt wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie verschwänden und mich in Ruhe ließen.«

Er trat den Rückzug durch den Gartenweg an, spuckte Farbe und fischte ein Taschentuch aus seiner Hosentasche. »Mein Beileid«, murmelte er erneut.

Rea ging ins Haus zurück und stieß die Tür mit ihrer Hüfte zu. Sie blieb eine Weile stehen, lehnte sich gegen das Glas und das Holz und schalt sich, dass sie so blöd gewesen war, sich von dieser kleinen Nervensäge provozieren zu lassen. Schließlich hatte er nur seinen Job gemacht und sie genau so bedrängt, wie man es ihm beigebracht hatte.

»Das lässt sich wieder abwaschen«, sagte sie in den leeren Flur hinein.

Oben im Badezimmer ließ sie Wasser über die Hand rinnen, rieb ihre Finger und spülte so viel wie möglich von der Farbe ab. Trotzdem blieb noch etwas in den Poren und unter ihren Nägeln haften.

»Du bist so ein blödes Mädchen«, beschimpfte sie ihr Spiegelbild.

Mit vierunddreißig Jahren betrachtete sich Rea Carlisle immer noch als Kind. Während alle anderen, mit denen sie zur Schule gegangen war, inzwischen schillernde Karrieren, tolle Familien oder sogar beides zu genießen schienen, fühlte sie sich auf ewig mit dem Hirn eines Teenagers in ihrem Körper eingesperrt.

»Werd erwachsen«, sagte sie.

Der Hall ihrer Stimme im Badezimmer nervte sie. Sie trocknete ihre Hände an dem fleckigen Handtuch ab und nahm den Kuhfuß von dem Platz an der Wand, an dem sie ihn abgestellt hatte.

Als sie wieder zurück auf dem Treppenabsatz war, starrte sie die verschlossene Schlafzimmertür finster an. Eine heftige Wallung blinder Wut ließ sie die Kiefer zusammenpressen. Es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn so ein verdammtes Schloss ihr den Zutritt zu einem Raum des Hauses verwehren konnte, das aller Wahrscheinlichkeit nach so gut wie ihr eigenes war.

Rea drückte das gerade Ende des Stemmeisens in den Spalt zwischen Türblatt und Rahmen nahe beim Schloss. Es drang kaum tiefer hinein, die Fuge war zu eng. Sie drückte fester und dann auch noch mit ihrer Schulter dagegen. Die angeschliffene Kante glitt nur wenige Millimeter tiefer. Rea lehnte sich mit ihrem ganzen Gewicht darauf. Sie hörte ein knacksendes, krachendes Geräusch, spürte, wie der Kuhfuß aus dem Türrahmen herausbrach, und sah dann auch schon den Teppich auf sich zukommen.

Rea landete hart auf der Brust. Der Kuhfuß kam zwischen ihren Rippen und dem Boden zu liegen. Schmerz durchzuckte sie. Sie rollte auf den Rücken und stieß zischend die Luft aus. Mit der Hand tastete sie unter dem Stoff ihres T-Shirts ihren Brustkorb nach Blut ab. Sie fand eine Schürfung, die Haut war aber nicht aufgeplatzt. Sie atmete ein und aus und erwartete, dass der Schmerz beim Weiten des Brustkorbs deutlich zunehmen würde. Zum Glück war nichts gebrochen. Wie hätte sie ihrem Vater auch eine gebrochene Rippe erklären sollen?

»Du bist so ein blödes Mädchen«, sagte sie.

Rea packte den Kuhfuß und kam wieder auf die Beine. Sie untersuchte den geringen Schaden, den sie am Türrahmen verursacht hatte. Es war kaum mehr als ein Fleck abgeplatzter Farbe, aber es war ein Anfang.

Dann steckte sie das Ende des Stemmeisens wieder in die schmale Furche, die es gegraben hatte. Diesmal bog sie das Eisen hin und her, um den Spalt zu vergrößern, bevor sie es tiefer hineindrückte. Es dauerte nicht lange, bis sie sich mit dem Kuhfuß etwa einen halben Zentimeter tiefer vorgearbeitet hatte. Es war nicht schwer, nur ein bisschen schweißtreibend.

Rea mühte sich weiter, bewegte den Kuhfuß mit Druck hin und her und wurde mit Knirschen und Krachen belohnt. Der Türrahmen litt am meisten, weil sein Holz weicher war als das der Tür. Als Rea die Klinge fast einen ganzen Zentimeter hineingetrieben hatte, stieß sie auf etwas Festes. Die Verschlussplatte, dachte sie. Der Kuhfuß kam nicht weiter.

Sie nahm die Hände weg. Der Kuhfuß blieb eingeklemmt an Ort und Stelle stecken. Ihr Puls pochte laut in ihren Ohren. Und wenn sie einfach nicht stark genug war, die Tür aufzubrechen?

»Natürlich schaffe ich das!«

Rea ergriff das Stemmeisen, stellte sich breitbeinig hin und zog mit aller Kraft. Sie spürte die Anspannung in ihrem Kopf, und ihre Schultern zitterten vor Anstrengung.

Nichts.

Sie ließ den Kuhfuß los und die Arme sinken. Kalter Schweiß sickerte von ihrer Schläfe auf die Wange. Dann packte sie das Stemmeisen wieder, lehnte sich zurück, drückte sich mit den Beinen vom Boden ab und setzte ihr ganzes Körpergewicht ein.

Es knackte laut, und die Tür bewegte sich. Nur den Bruchteil eines Zentimeters, aber immerhin.

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