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In Eisigem Wasser

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Anmerkung des Verfassers
  5. 1. KAPITEL
  6. 2. KAPITEL
  7. 3. KAPITEL
  8. 4. KAPITEL
  9. 5. KAPITEL
  10. 6. KAPITEL
  11. 7. KAPITEL
  12. 8. KAPITEL
  13. 9. KAPITEL
  14. 10. KAPITEL
  15. 11. KAPITEL
  16. 12. KAPITEL
  17. 13. KAPITEL
  18. 14. KAPITEL
  19. 15. KAPITEL
  20. 16. KAPITEL
  21. 17. KAPITEL
  22. 18. KAPITEL
  23. 19. KAPITEL
  24. 20. KAPITEL
  25. 21. KAPITEL
  26. 22. KAPITEL
  27. 23. KAPITEL
  28. 24. KAPITEL
  29. 25. KAPITEL
  30. 26. KAPITEL
  31. 27. KAPITEL
  32. 28. KAPITEL
  33. 29. KAPITEL
  34. 30. KAPITEL
  35. 31. KAPITEL
  36. 32. KAPITEL
  37. 33. KAPITEL
  38. 34. KAPITEL
  39. 35. KAPITEL
  40. 36. KAPITEL
  41. 37. KAPITEL
  42. 38. KAPITEL
  43. Über den Autor

Anmerkung des Verfassers

Die Ortschaft Hvalvík gibt es nicht, aber sie ist auch keine reine Fiktion.

Meine Fantasie hat den Ort an der Südwestküste Islands angesiedelt, rund ein Dutzend Kilometer östlich des Fischerstädtchens Grindavík, mit dem Hvalvík eine gewisse Ähnlichkeit hat. Hvalvík hat viel von den real existierenden ruhigen Küstenorten Islands, in denen die Menschen auf die eine oder andere Art vom Land oder vom Meer leben. Der Ort ist vor allem deshalb erfunden, damit sich kein lebender Polizist, Bürgermeister, Taxifahrer oder Tankwart angegriffen fühlen muss. Andere Orte in der Geschichte dagegen existieren wirklich, auch wenn ich mir gewisse Freiheiten in Bezug auf die Ortsnamen erlaubt habe.

Ich danke allen, die mich unterstützt und ermutigt haben - ihr wisst, wen ich meine. Mein besonderer Dank gilt Byglja für ihre Geduld, die sie selbst bei der Beantwortung der Fragen aufgebracht hat, die ihr einfältig erscheinen mussten.

1. KAPITEL

Dienstag, 26. August

Das Wasser gluckerte zwischen den Pollern des Docks, während ein Auto über die schweren Holzplanken ratterte. Irgendwo in der Nähe brummte ein Generator an Bord eines Longliners aus der Flotte der Fischereigesellschaft, der am Dock vertäut lag.

Der Fahrer des Autos stellte den Motor ab und schaltete die Scheinwerfer aus, bevor er aus dem Wagen stieg. Tief atmete er die unbewegte, nach Seetang duftende Sommerluft ein. Er sah sich aufmerksam um und ging den Kai entlang, während er nach Anzeichen von Aktivität auf den Schiffen Ausschau hielt.

Als er sich davon überzeugt hatte, dass er alleine war, öffnete er die Beifahrertür, hob die Beine seines Beifahrers aus dem Wagen, dann bückte er sich, um sich den Arm des anderen Mannes um die Schultern legen zu können. Vor Anstrengung stöhnend, zog er ihn auf die Füße.

»Waas is'n los?«, lallte der andere Mann undeutlich, während der Fahrer breitbeinig nach einem sicheren Stand suchte. Indem er ihn beim Gehen unterstützte, führte er seinen Beifahrer die paar Meter auf den Landungssteg des nächstgelegenen Bootes.

»Weiter geht's! Wir sind fast da.«

Der Mann torkelte, stieß gegen den Fahrer. »W-wo-o sin' wir hier?«

»Fast da«, murmelte der, mehr für sich selbst als für seinen Begleiter.

Er stützte sich mit einem Stiefel an dem massiven Holzgeländer ab, das am Dock entlang verlief, und richtete sich plötzlich auf, um seinen Begleiter kopfüber in die schwarzen Fluten zu stoßen. Das Platschen konkurrierte eine Sekunde lang mit dem Brummen des Generators auf dem Boot. Der Fahrer lauschte aufmerksam. Da von unten nichts mehr zu hören war, nickte er und kehrte zu seinem Wagen zurück.

Einen Augenblick später erwachte der Motor des Wagens zum Leben, und das Auto verschwand in der Nacht.

Das Telefon klingelte aufdringlich. Gunna tastete in der Dunkelheit nach dem Hörer.

»Gunnhildur«, knurrte sie.

»Guten Morgen. Tut mir leid, falls ich dich aufgeweckt habe. Ich habe dich doch geweckt, oder?«, fragte eine vertraute Stimme, während Gunna noch nach dem dazugehörigen Gesicht suchte.

»Das hast du«, gähnte sie. »Mit wem spreche ich denn?«

»Albert Jónasson.«

Gunna streckte eine Hand nach dem Vorhang aus und zog ihn zur Seite, um das blendende Licht des frühen Morgens hereinzulassen.

»Und was kann ich zu dieser unchristlichen Zeit für dich tun?«, fragte sie. Sie wusste, dass Albert kein Mensch war, der eine Polizistin ohne guten Grund störte - insbesondere keine Polizistin, die ihn erst vor wenigen Wochen festgenommen hatte.

»Dachte, du wärst die richtige Ansprechpartnerin. Unten am Dock ist ein Mann.«

»Du hast mich aufgeweckt, um mir zu sagen, dass sich ein Fremder am Dock befindet?«, knurrte Gunna.

»Yeah. Ein toter Fremder.«

Sie war auf einen Schlag hellwach, schwang die Beine aus dem Bett und berührte mit den Füßen den kalten Fußboden. »Wo?«

»Am Strand bei den Schwimmstegen. Ich hab was in den Wellen gesehen und bin näher hin, um einen Blick draufzuwerfen.«

»Okay. Bleib, wo du bist. Ich bin gleich da.«

Gunna fuhr an einem halben Dutzend Fischerbooten vorbei, die am Dock vertäut lagen. Sie verlangsamte die Geschwindigkeit, als der Wagen über den schwarzen Schotterweg rumpelte, der zu der kleinen Anlegestelle führte.

Ein bärtiger Hüne von einem Mann in einer orangefarbenen Hose aus Ölzeug ging am Dock bei den Schwimmstegen auf und ab. Das Fischerboot, das dort lag, war makellos sauber, und sein Motor tuckerte im Leerlauf vor sich hin.

Sie parkte oberhalb des Docks zwischen den Pick-ups der Fischer, und Albert Jónasson kam mit großen Schritten auf sie zu. Er zeigte auf ein Bündel, das ein paar Meter entfernt auf dem schwarzen Sand des Strandes lag und immer wieder von Wellen umspült wurde.

»Da unten«, sagte er mit grimmiger Miene und folgte Gunna, die sehr vorsichtig auftrat, um keine Spuren zu zerstören.

»Bist du dort unten gewesen?«, fragte sie über die Schulter hinweg.

»Keine Angst. Ich dachte mir, das lasse ich lieber.«

»Du hast es dir nicht angesehen? Woher weißt du dann, dass es eine Leiche ist?«

»Ich bin heute etwas spät dran gewesen. Die anderen sind alle schon vor Tagesanbruch rausgefahren. Ich hatte gerade den Motor gestartet, da sah ich etwas im Wasser treiben. Also habe ich mir das Fernglas geschnappt, damit konnte ich erkennen, was es war. Also dachte ich, ich rufe dich lieber mal an.«

Gunna zog ein Paar Einweghandschuhe aus der Tasche an ihrem Gürtel und streifte sie über, bevor sie sich neben das Bündel hockte und sanft das verfilzte rote Haar aus einem Gesicht strich, das friedlich und doch irgendwie verloren wirkte. Sie betätigte den Knopf für das Tetra-Netz an ihrem Funkgerät und sprach in das winzige Mikrofon an ihrem Kragen.

»9841, 9950. Bist du da, Haddi?«

Sie trat den Rückzug an und zog ihr Handy aus der Tasche.

»Albert, fährst du heute noch raus?«, fragte sie, während noch der Rufton ertönte.

»Das hatte ich vor.«

»In Ordnung … Ah, Haddi, das hat ja lange gedauert«, sagte sie und richtete ihre Aufmerksamkeit auf das Telefon. »Hör mal, lass alles stehen und liegen. Wir haben eine nicht identifizierte Leiche an der kleinen Bootsanlegestelle. Du solltest gleich die ganze Kavallerie rausschicken.«

Albert sah, wie Gunna nickte, als sie auf- und abschritt, und bewunderte ihre imposante Gestalt.

»Nein«, fuhr sie fort. »Rettungswagen und Spurensicherung, diskret, soweit das überhaupt möglich ist. Schick Bjössi von der Kripo Keflavík her, falls er nicht zu sehr mit der baltischen Mafia beschäftigt ist. Okay?«

Sie beendete das Telefonat und blickte zu Albert hinüber, der geduldig wartete.

»Ist es okay, dass ich heute rausfahre?«

»Wann kommst du wieder zurück?«

»Drei Uhr. Vielleicht vier.«

»Dann mal los. Aber ich brauche deine Aussage, wenn du deinen Fisch abgeladen hast.«

»Kein Problem«, erwiderte Albert dankbar und war bereits auf dem Weg zum Schwimmsteg, um sein Boot loszumachen.

»Bis später, Gunna!«, rief er, als das Boot ablegte.

Und ich bleibe hier und warte, bis die Profis auftauchen, dachte Gunna, während sie den Kofferraum des Streifenwagens öffnete und eine Rolle Absperrband herausnahm, um den Bereich zu sichern. Sie fragte sich, ob dieses Band in Hvalvík schon jemals benutzt worden war, in einem Ort, in dem ein Strafzettel wegen Geschwindigkeitsüberschreitung oder das Randalieren eines Betrunkenen die schlimmsten Verbrechen waren, mit denen Haddi und sie zu tun hatten.

26.08.2008, 09:44

Skandalblogger schreibt:

Ein gutes Blog lässt sich nicht so einfach unterdrücken!

Wir sind wieder da, und somit hat das isländische Skandal-Blog wieder einmal ein brandneues Zuhause! Wir wurden geteert und gefedert und zum wiederholten Male mit Schimpf und Schande aus der Stadt getrieben. Aber diesmal kommen wir stärker als je zuvor zurück, in diesen herrlichen Teil der Welt, in dem man die Macht von Mr. Visa respektiert, die stärker ist als die kläglichen Versuche der Mächtigen, die Meinungsfreiheit zu unterdrücken. Ein Hoch auf die florierende Wirtschaft der Tigerstaaten! Meinungsfreiheit für alle, die bereit sind, dafür zu zahlen!

Freundschaften schließen, Einfluss gewinnen!

Aber wie dem auch sei, Leute, das meinen wir absolut ernst: Unsere Lieblinge haben immer noch ihre alten Tricks auf Lager. Gunni Benedikts vom Handelsministerium hat, zweifellos nach einem laaangen Mittagessen mit seinem alten Kumpel Óli vom Landwirtschaftsministerium, gerade beschlossen, die Einfuhr von neuseeländischem Lammfleisch in unser faires Land zu stoppen. Nun, einige von euch finden das vielleicht schwer verdaulich, in Anbetracht des vielen Geschwätzes über die freie Wirtschaft, die Entscheidung für das konkurrenzfähigste Angebot und den ganzen Mist. Aber erinnern wir uns daran, welche Partei über das Handelsministerium herrscht - und über das Landwirtschaftsministerium natürlich. Ja, es sind unsere alten Freunde von der Fortschrittspartei. Schließlich können wir ja nicht die Bauern verärgern - dieses halbe Dutzend, das noch im Geschäft ist und das die Fortschrittspartei wählt -, indem wir zulassen, dass sie von billigen ausländischen Importeuren unterboten werden. Das wäre schließlich nicht fair, oder?

Mehr Macht dem Volk (zumindest für einen Teil davon)!

Eine Frage an den Lieblingsminister von Jedermann, Bjarni Jón: Wer sind denn nun deine neuen Freunde? Wir meinen jetzt nicht diese Typen von InterAlu, wir meinen deren Freunde weiter im Osten. Nach allem, was uns ein Vögelchen gesungen hat, handelt es sich um Leute aus der Ölwirtschaft, aus der Energiewirtschaft, um Leute mit viel Geld, um mächtige Leute. Sei wachsam, BJB! Wenn du ihnen die Hände geschüttelt hast, solltest du lieber deine Finger zählen, sicher ist sicher.

Wir haben die Gerüchte rund um Umwelt, Handel und das Amt des Ministerpräsidenten gehört, und wir wollen sie nicht glauben, weil wir wissen, was für ein Pfundskerl du eigentlich bist. Wir sind uns absolut sicher, dass du niemals die nationale Energiebehörde hintergehen würdest, indem du es einer ausländischen Gesellschaft ermöglichst, ein privates Elektrizitätswerk zu bauen und zu betreiben, um Strom an InterAlu zu verkaufen. Bitte, BJB, sag uns, dass das nicht wahr ist!

Beobachtet diese Seite, morgen gibt's mehr!

Bæjó!

Haddi war fest davon überzeugt, dass dieser Wirbelsturm unnötiger Aufmerksamkeit, der über Hvalvík und seine winzige Polizeidienststelle hereingebrochen war, völlig unnötig war. Der ältere, aber rangniedere der beiden Polizeibeamten des Ortes hätte es nämlich vorgezogen, in dem besseren der beiden Volvos der Dienststelle einfach seine gewohnte Runde durch den Ort zu drehen. Dabei hätte er sich gerne einen Kaffee, ein wenig Tratsch und ein oder auch drei Donuts zu Gemüte geführt, zusammen mit den anderen Burschen im Netzschuppen oder vielleicht auch mit einem seiner Cousins in der Kantine der Fischpökelfabrik. Stattdessen war er damit beschäftigt, eine Flut von Fragen von den zahlreichen Zeitungs- und Fernsehjournalisten vor dem Haus oder am Telefon abzuwimmeln.

Draußen auf dem Grünstreifen stand eine ernste junge Frau in einem eleganten Stadtkostüm mit einem dicken Anorak darüber. Sie präsentierte ihren Zuschauern eine Aufnahme nach der anderen von dem kleinen Hafen und den pastellfarben gestrichenen Häusern von Hvalvík. So als wolle sie sichergehen, dass den Zuschauern in Reykjavík kein Zweifel daran blieb, dass es sich um einen Bericht von außerhalb ihrer Stadtgrenzen handelte.

Teams von Morgunbladid, DV, Fréttabladid, vom staatlichen Fernsehen und Radio, von Channel 2, Channel 3 und ein paar anderen, von denen Haddi noch nie etwas gehört hatte, verlangten nach Informationen. Er teilte ihnen immer wieder mit, dass es noch keine offizielle Erklärung gebe.

Haddi legte gerade erneut den Hörer auf, als sich ein junger Mann mit einem unordentlich hochgegelten blonden Haarschopf, der auf diese Art sowohl der Schwerkraft als auch der Brise trotzte, einen Weg durch die Tür in den Eingangsbereich der Dienststelle bahnte.

»Ja?«, fragte Haddi kurz angebunden und stützte seine verschränkten Arme auf die Empfangstheke.

»Äh. Hi. Ich bin Skúli Snædal von Dagurinn.«

Haddi verdrehte die Augen. »Hör mal, Söhnchen, ich habe euch doch gesagt, dass es heute Nachmittag eine Erklärung geben wird. Ja, wir haben eine nicht identifizierte Leiche gefunden. Nein, ich kann dir nicht sagen, wo. Nein, ich kann dir auch sonst nichts dazu sagen.«

»Aber ich bin …«

»Tut mir leid. Das ist alles.«

»Aber deshalb bin ich gar nicht hier. Ich bin mit Gunnhildur verabredet. Ich soll sie eine Weile im Dienst begleiten, es soll eine Reportage über die ländliche Polizei für den Dagurinn werden«, fügte er hinzu.

Haddi holte tief Luft. »Du bist also nicht wegen der Leiche hier?«

»Nein. Welche Leiche?«

»Schon gut. Die Chefin ist nicht hier, und ich nehme an, dass sie frühestens in ein oder zwei Stunden kommen wird.«

»Könntest du sie nicht anrufen? Ich werde erwartet.«

Haddi nahm die Brille aus seinen Locken, setzte sie auf die Nase und spähte über den Rand.

»Wenn es sich um etwas Wichtiges handelt, könnte ich sie anrufen«, sagte er. »Aber an einem Tag wie heute müsste es schon etwas sein, das außergewöhnlich wichtig ist.«

Skúli versuchte es noch einmal. »Es ist alles abgesprochen. Ich kann den Pressebeauftragten im Polizeipräsidium anrufen und es noch mal bestätigen lassen.«

»Tut mir leid. Jetzt nicht. Wir müssen uns um einen sehr ernsten Vorfall kümmern. Klär das mit Reykjavík ab. Okay?«

Haddis Stirnrunzeln und seine hochgezogenen Augenbrauen ließen keinen Zweifel daran, dass das Thema für ihn beendet war. Der junge Mann gab sich geschlagen.

»In Ordnung. Weißt du, wann Gunnhildur zurückkommen wird?«

»Normalerweise ungefähr jetzt. Aber heute …« Haddi zuckte mit den Schultern.

Der junge Mann nickte niedergeschlagen und drehte sich zur Tür um. Plötzlich tat er Haddi leid, weshalb er dem jungen Mann durch die halb geöffnete Tür hinterherrief:

»Du bist nicht von hier, stimmt's?«

»Nein. Aus Reykjavík.«

»Kennst du das Hafnarkaffi?«

»Was ist das?«

»Das ist der Laden unten am Hafen. Es ist bald Mittagszeit, und es besteht die Möglichkeit, dass die Chefin dort ist. Aber das hast du nicht von mir, okay?«

Der junge Mann grinste begeistert. »Danke. Das wäre fantastisch. Wie erkenne ich sie?«

»Gunna? Du kannst sie nicht verfehlen. Sie ist ein großes, kräftiges Mädel mit einem Gesicht, vor dem sogar die Pferde scheuen.«

Das Hafnarkaffi lag zwischen der Fischmehlfabrik und Jói Bens Laden für Werkzeug und Maschinenzubehör. Ursprünglich war das Hafnarkaffi ein Schuppen, in dem während des Sommers die geteerten Langleinen gelagert wurden. Vor dreißig Jahren wurde der Schuppen in einen Drive-in-Kiosk verwandelt und nach und nach zu einem Geschäft erweitert. Dann kam ein Anbau hinzu, in dem ein kleines Café für die Hafenarbeiter und Fischer aufmachte. Die letzte Erweiterung war die Tankstelle, sodass inzwischen kaum noch etwas von dem ursprünglichen Wellblechschuppen zu erkennen war. Das Gebäude wurde zu einem dauerhaften Albtraum für die Städteplaner, die ständig befürchteten, dass es irgendwann über die Straße wachsen würde.

Skúli blickte durch die beschlagenen Glasscheiben. Vage konnte er ein paar Leute erkennen, die an den Tischen saßen. Er trat ein, überlegte kurz und stellte fest, dass er Hunger hatte.

Am Ende der langen Theke nahm er sich ein Tablett und schob es vor sich her, stellte eine Flasche Wasser darauf und blieb vor einer Reihe dampfender Stahlbehälter stehen.

»Fisch oder Fleisch?«, fragte eine Frau mit grauem Gesicht, die hinter der Theke stand.

»Äh - was gibt es denn?«

»Fisch oder Fleisch.«

»Welche Sorten?«

»Es ist Dienstag. Gesalzener Fisch oder Pökelfleisch.«

Skúli spürte, wie ihn der Mut verließ, und er wünschte sich, er hätte kein Tablett genommen.

»Fisch, bitte«, entschied er, obwohl er wusste, dass er es bereuen würde.

Die Frau lud Fisch und Kartoffeln auf einen Teller. »Fett?«

»Wie bitte?«

»Willst du Fett darüber?«

»Oh, äh, nein. Danke.«

Sie ließ den Löffel wieder in die Schüssel mit dem zerlassenen Fett fallen und zeigte auf einen Topf. »Suppe?«

»Nein, danke.«

»Sie ist im Preis inbegriffen.«

»Nein, trotzdem danke.«

»Wie du willst. Die Suppe gibt's hier, falls du deine Meinung änderst. Kaffee ist auch inklusive. Macht achthundert. Kassenbeleg?«

Skúli reichte ihr einen Geldschein und nahm das Wechselgeld und den Kassenzettel entgegen. Er blickte sich suchend im Raum um und entdeckte bald die massige Gestalt in Uniform an einem Tisch auf der anderen Seite. Aus der Ferne war nicht zu erkennen, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte, doch Skúli hoffte, die richtige Person gefunden zu haben. Er schob sich zwischen den Tischen hindurch und zwang dabei einige Arbeiter in blauen Overalls, die Bäuche einzuziehen und ihre Stühle heranzurücken. Dann stellte er sein Tablett auf dem Tisch ab.

»Darf ich mich setzen?«

Als die kräftige Frau mit den kurzen blonden Haaren aufblickte, bemerkte Skúli, dass sie zwar breite Schultern hatte, aber längst nicht so stämmig war, wie Haddi sie ihm beschrieben hatte. Sie war sicherlich keine Schönheit, hatte aber ein hübsches, markantes Gesicht, das Autorität ausstrahlte. Kurz fragte er sich, ob diese Ausstrahlung angeboren oder das Ergebnis ihrer Polizeiausbildung war.

»Bitte, nur zu«, sagte sie und schob sich einen weiteren Löffel farbloser Suppe in den Mund.

»Du musst Gunnhildur sein.«

Sie nickte und kratzte auf dem Boden des Suppentellers herum. »Man nennt mich Gunna, den Cop«, korrigierte sie ihn. »Und du musst der Bursche von Dagurinn sein. Ich nehme an, Haddi hat dir verraten, dass ich hier bin?«

Skúli stocherte in dem Salzfisch auf dem Teller vor ihm herum. Solch traditionelles Essens hatte bei ihm zu Hause nie auf dem Speiseplan gestanden, und er konnte sich nicht überwinden, die erste Gabel Fisch mit dem penetrant salzigen Geschmack zu kosten.

»Nun gut. Da du nun schon mal hier bist, kannst du mir auch direkt sagen, worum es geht?«

»Nichts Besonderes. Es geht um eine Serie fürs Feuilleton des Samstagsmagazins über die Arbeit der Polizei im ländlichen Raum. Ich bin nicht auf der Suche nach was Spektakulärem - ganz im Gegenteil.«

»Es geht nicht um das, was heute Vormittag hier passiert ist?«

»Nein …«, erwiderte Skúli langsam.

»Du weißt nichts davon«, sagte sie bedächtig und mit Genugtuung, und ein breites Grinsen erhellte ihr Gesicht. »Nun, du bist wahrscheinlich der einzige Reporter in ganz Island, der noch nicht erfahren hat, dass heute gleich hier um die Ecke eine nicht identifizierte Leiche gefunden wurde. Ja, du bist ganz sicher der Einzige, denn alle anderen Schreiberlinge des Landes sind entweder schon hier aufgetaucht oder haben in der Polizeidienststelle angerufen, um sich nach einer Pressemitteilung zu erkundigen. Der arme alte Haddi wird bestimmt bald ausrasten.«

»Jetzt verstehe ich …«

Skúli ließ sein Besteck fallen, wühlte in seiner Jackentasche und zog ein Handy heraus. Er schaltete es ein, und eine Sekunde lang piepte es wie wild, um eine ganze Reihe von Sprachmitteilungen und Kurznachrichten anzuzeigen.

»Mist. Ich habe vergessen, es heute Morgen einzuschalten, als ich losgefahren bin, und im Auto habe ich nicht einmal Radio gehört«, gab er zu. »Ich wusste tatsächlich von nichts.«

»Wie auch immer, da du nun schon mal hier bist, wäre es vielleicht besser, wenn du auch eine Story nach Hause mitbringen könntest.«

»Das wäre … großartig.«

»Du meinst, es würde dir den Arsch retten?«

»Ah, ja, wahrscheinlich.«

»Heute Nachmittag wird es eine Pressemitteilung geben, du kannst sie eine halbe Stunde vor der offiziellen Bekanntgabe bekommen. Das kann wohl nicht schaden.«

»Danke. Das wäre genial.«

»Gut. Aber dafür bist du mir jetzt was schuldig. Wie alt bist du?«

»Fünfundzwanzig.«

»Welchen Posten hast du bei dieser Zeitung? Nachwuchsreporter, oder was?«

»Nein. Ich bin Kriminalreporter.«

»Wie bitte? Hier gibt's eine Riesenstory und du wusstest noch nicht mal was davon, Mr. Kriminalreporter?«, fragte Gunna.

Skúli schob den Fisch auf seinem Teller hin und her. »Um ehrlich zu sein, darf ich mich erst seit einer Woche Kriminalreporter nennen. Irgendein Scherzbold hat Skúli Snædal, Kriminalreporter unter einen Beitrag von mir gesetzt. Es ging in dem Artikel um eine Frau, die sie im Einkaufszentrum von Kringlan beim Ladendiebstahl erwischt haben. Dann hat der Typ vergessen, den Kriminalreporter zu löschen, und das Ganze ist so gedruckt worden. Also bin ich jetzt Kriminalreporter.«

»Wie lange arbeitest du schon für Dagurinn?«

Skúli ärgerte sich allmählich über Gunnas Fragen, die sie ununterbrochen auf ihn abfeuerte. Eigentlich sollte er derjenige sein, der die Fragen stellte.

»Seit ein paar Monaten. Dagurinn gibt es erst seit Januar.«

»Und was hast du davor gemacht?«

»Ich habe meinen Master gemacht und war einige Monate lang Praktikant bei Jyllands Posten, bevor ich nach Hause zurückgekehrt bin.«

»Aha, du warst also in Dänemark. Wo genau denn?«

»In Aarhus. Wie lange bist du schon bei der Polizei?«, entgegnete er in der Absicht, den Spieß herumzudrehen.

»Viel zu lang. Aus welcher Familie stammst du?«

»Aus der Familie Snædal.«

»Oh. Erstklassige Herkunft, ich verstehe.«

»Mein Onkel war vor vielen Jahren in der Regierung.«

»Ich weiß. Ich hätte ihn vielleicht sogar gewählt.«

»Das ist nett von dir. Ich werde es ihm berichten.«

»Mach das«, entgegnete Gunna kühl, »und jetzt iss auf, damit wir starten können. Ich habe eine ganze Menge zu tun. Wenn du mitkommen willst, musst du dich beeilen und dich möglichst ruhig verhalten. In Ordnung?«

»Geht klar«, erwiderte Skúli und legte sein Besteck mit dem Gefühl ab, versagt zu haben. Obwohl er Reporter war, hatte er keine Fragen gestellt und fast nichts über die Person herausgefunden, über die er berichten sollte, während sie fast alles über ihn in Erfahrung gebracht hatte.

»Wir können gehen, wenn du möchtest. Ich mag Salzfisch eigentlich nicht«, gestand er.

»So wirst du nie groß und stark werden. Dann komm jetzt«, sagte Gunna mit einem Grinsen und erhob sich. Im selben Moment klingelte ihr Handy.

»Hi, Schatz, einen Augenblick«, meldete sie sich mit sanfter Stimme. »Du bringst dein Tablett zurück, und du kannst meins gleich mitnehmen, wenn du schon mal dabei bist«, sagte sie dann zu Skúli. »Wir treffen uns in einer Minute vor der Tür.« Dann marschierte sie mit dem Telefon am Ohr auf den Ausgang zu.

»Was genau tut ein Kriminalreporter eigentlich?«

Der zweitbeste Volvo verließ holpernd den Teerbelag und rumpelte über den Weg, der zum Schwimmsteg führte. Skúli saß auf dem Beifahrersitz, hatte seinen Laptop auf den Knien, um alles von der Story zu notieren, was Gunna zu liefern bereit war.

»Ich kontrolliere jeden Vormittag die Webseiten der Polizei. Nicht identifiziert, sagst du? Ein Mann oder eine Frau?«

»Männlich.«

»Alter?«

»Zu früh, um das sagen zu können.«

»Was kannst du mir sonst noch erzählen?«

»Das ist momentan alles«, antwortete Gunna und brachte den Wagen mit einem Knirschen auf dem Schotter hinter einem weißen Transporter zum Stehen. Skúli folgte Gunna, die den Weg zwischen den Felsen zum Ufer geübt hinunterging, während er immer wieder ausrutschte.

Zwei Personen in weißen Overalls kauerten im Sand, dort wo die Ebbe die Leiche des Mannes zurückgelassen hatte. Ein groß gewachsener uniformierter Polizist beobachtete, wie ein Fotograf systematisch den Fundort im Bild festhielt. Gunna hob das Absperrband an und bückte sich darunter hindurch.

»Hi, Snorri, was gibt's Neues?«, fragte Gunna den Mann in Uniform, der ab und zu von Reykjavík nach Hvalvík abkommandiert wurde, um dort auszuhelfen. Er war ein kräftiger, sympathischer junger Mann, der über eine unerschöpfliche Reserve an guter Laune verfügte.

»Noch nichts. Sie sind noch nicht lange hier«, sagte er.

»Und Bjössi?«

»War hier und sieht sich jetzt in der Umgebung um. Sagte, er trifft dich später in der Dienststelle.«

»Na gut«, sagte sie und wies mit dem Daumen auf ihren Begleiter. »Das ist übrigens Skúli. Er ist mein Schatten, er ist von der Zeitung, also pass auf, was du ihm erzählst.«

Dann wandte sie sich erneut Skúli zu. »Kamera?«, fragte sie.

»Wie bitte?«

»Hast du eine Kamera dabei?«

»Nein - na ja, nur die Handykamera.«

»In Ordnung. Wenn du ein einziges Foto machst, sperre ich dich ein.«

Gunna näherte sich dem Paar in den weißen Overalls, die neben der Leiche arbeiteten, und hockte sich zu ihnen. Skúli erhaschte einen Blick auf den Toten, auf ein junges Gesicht mit leblosen, halb geöffneten Augen. Sofort spürte er, wie ihn eine tiefe Traurigkeit überkam.

»Gunnhildur«, stellte Gunna sich den beiden von der Spurensicherung vor.

»Sigmar. Das ist Selma«, erwiderte der Mann abwesend, während die Frau nicht einmal aufblickte.

»Irgendetwas Brauchbares?«

»Nicht wirklich. Er liegt noch nicht lange hier, würde ich sagen. Nichts, was auf Verletzungen hinweist. Höchstwahrscheinlich ist er ins Wasser gefallen und an Unterkühlung gestorben oder aber ertrunken.«

»Irgendein Hinweis auf seine Identität?«

»Bisher noch nicht. Nichts in seinen Taschen. Kein Ring, kein Schmuck. Wir können mehr sagen, wenn wir ihn auf dem Tisch haben und richtig untersuchen können. Falls er Isländer ist, werden wir seine Identität wahrscheinlich in ein oder zwei Tagen kennen, sogar früher, wenn er vorbestraft sein sollte. Wenn er ein Ausländer ist …«

Er zuckte mit den Schultern, kratzte sich die Stoppeln am Kinn und gähnte.

»Es ist mal was anderes, hinaus aufs Land zu kommen«, bemerkte er mit einem feinen Lächeln.

»Ihr nehmt ihn mit, ja?«

»Genau. Wir sind fast fertig. Wahrscheinlich hauen wir in einer Stunde ab, und in ein oder zwei Tagen sollte der Bericht für dich fertig sein. Es gibt keine Anzeichen für Gewalteinwirkung, wie dringlich sollen wir das hier also behandeln?«

»Lieber heute als morgen, wenn es nach mir geht. Solche Dinge passieren hier in der Gegend nicht jeden Tag.«

»In Ordnung. Wir tun, was wir können.« Sigmar zog sich den Mundschutz wieder über das Gesicht.

»Geht's dir gut, Junge?«, fragte Gunna Skúli freundlich. »Hast du noch nie eine Leiche gesehen?«

Skúlis ohnehin schon blasses Gesicht war noch bleicher geworden. Er schüttelte den Kopf.

»Das ist in Ordnung. Du wirst dich daran gewöhnen. Aber falls du dich übergeben musst, dann bitte nicht über irgendetwas, das als Beweismittel taugen könnte.«

Die Leiche des jungen Manns war bereits in einem Krankenwagen zur Leichenhalle des Nationalkrankenhauses in Reykjavík gebracht worden, als die Schiffe der Küstenfischerei am Nachmittag allmählich einliefen, sodass am Steg emsige Betriebsamkeit herrschte. Gunna sah eine Menge neugieriger Gesichter und schloss daraus, dass Albert Jónasson über Funk geplaudert haben musste, während er am Vormittag auf dem Meer gewesen war.

»Hier gibt's nichts zu sehen, Leute«, murmelte sie vor sich hin. Sie und Skúli waren die Letzten, die davonfuhren und den Strand der steigenden Flut überließen.

»Ich fahre lieber wieder in die Stadt zurück«, meinte Skúli, als Gunna auf dem Parkplatz des Bürgermeisters vor dem Polizeirevier parkte.

»Okay. Ich hoffe, der heutige Tag hat dir was gebracht, es ist ausgesprochen ungewöhnlich, dass wir hier in der Gegend eine Leiche zu sehen bekommen. Das ist seit Jahren nicht mehr vorgekommen. War wohl ziemlich aufregend für dich?«

»Weißt du, wer er ist?«

»Keine Ahnung. Vielleicht ein Matrose, könnte auch ein Ausländer sein. Aber wer auch immer er sein mag, vermutlich hat er ein bisschen zu viel getrunken und ist bei dem Versuch, auf ein Boot zu gelangen, ins Wasser gefallen.«

»Was meinst du, wann du mehr wissen wirst?«

Gunna zuckte mit den Schultern. »Darüber kann man nur Vermutungen anstellen, tut mir leid. Nun, du wirst noch nichts darüber schreiben, oder? Heute Nachmittag wird eine Pressemitteilung herausgegeben, mit allen Informationen, die wir weitergeben können, bevor er identifiziert ist. Die Sache ist ein wenig heikel, wegen der Angehörigen und so weiter. Verstehst du?«

»Nein, natürlich nicht. Ich meine, ja. Ich komme im Laufe der Woche noch mal wieder, wenn es dir recht ist.«

»Hab nichts dagegen. Doch so interessant wird es nicht mehr werden. Meistens haben wir es mit Verkehrsdelikten zu tun. Ansonsten passiert verdammt wenig in Hvalvík . Eigentlich verstehe ich nicht, warum sie dich hergeschickt haben.«

Gunna öffnete die Autotür. »Ruf mich an, wenn du vorbeikommen willst. Sollte kein Problem sein.«

»Haddi!«

»Hier drin.«

Gunna streckte den Kopf durch die Tür ihres Büros. Haddi saß auf einem Stuhl, und der verdrießliche Bjössi von der Kripo saß hinter ihrem Schreibtisch und hatte die Füße auf das Fensterbrett gelegt.

»Ah, Bjössi. Hierhin bist du also verschwunden. Mach es dir doch bequem!«

Bjössi verschränkte träge die Hände hinter dem Kopf. »Mach ich doch glatt, Gunna. Zwei Stücke Zucker für mich, wenn's dir nichts ausmacht, und ein paar Donuts würden auch nicht schaden.«

»Verzieh dich. Ich will nicht an deinen verstopften Arterien schuld sein. Und Haddi kann doch sicherlich Kaffee besorgen?«

»Schon gut«, brummte Haddi und stand auf. Gunna scheuchte Bjössi mit einer Handbewegung auf den frei gewordenen Stuhl und nahm hinter ihrem Schreibtisch Platz.

»Also gut. Was haben wir?«

Bjössi seufzte. »Einen toten Mann. Ende zwanzig bis Mitte dreißig, dem Aussehen nach zu urteilen. War ein paar Stunden im Wasser, aber nicht länger. Nicht das Geringste in den Taschen. Keine Ringe, keine Uhr, nichts um den Hals, keine Piercings, die wir sehen konnten. Keine sichtbaren Verletzungen.«

Er holte tief Luft und fuhr fort. »Sauber rasiert, wahrscheinlich gestern, würde ich sagen. Rotbraune Haare, geschnittene Fingernägel, keine Schuhe, schwarze Jeans und ein schwarzes Hemd mit langen Ärmeln. Das ist kurz zusammengefasst alles. Wahrscheinlich liegt er gerade auf dem Seziertisch und wird sorgfältig untersucht. Mit ein wenig Glück wissen wir morgen etwas mehr.«

»Er ist kein Einheimischer, aber er muss hier ins Wasser gelangt sein. Die Flut hätte ihn sicher nicht in den Hafen gespült, wenn er anderswo hineingefallen wäre, oder?«

»Nein. Dafür war er nicht lange genug im Wasser. Wenn er an der Küste entlanggetrieben wäre, wäre er nicht mehr in einem so guten Zustand.«

Haddi kehrte mit Thermoskanne und Bechern zurück.

»Du willst Milch, Bjössi, oder?«, knurrte er.

»Schwarz ist in Ordnung.«

»Das ist gut, wir haben nämlich keine Milch. Braucht ihr mich noch?«

»Nein, mach ruhig Feierabend, Haddi«, antwortete Gunna. »Bis morgen früh.«

Haddi winkte, und nachdem er die Tür hinter sich zugezogen hatte, wandte sich Gunna an Bjössi.

»Wie viel Unterstützung kann ich in diesem Fall von der Kripo bekommen?«

»Nicht viel, fürchte ich. Für mich sieht die Sache ziemlich eindeutig aus. Sobald er identifiziert ist, informierst du die Angehörigen und erledigst den Rest. Es wird eine Untersuchung geben müssen, aber ich wäre überrascht, wenn sie etwas anderes als einen Unfalltod feststellen würden, entweder durch Ertrinken oder Unterkühlung.«

»Du hast recht«, pflichtete Gunna ihm bei. »Keine Anzeichen für ein Verbrechen, jedenfalls bisher nicht. Ich werde noch die Liste der vermissten Personen überprüfen, bevor ich heute Schluss mache, und morgen früh höre ich in der Pathologie nach, was sie uns sagen können.«

Sie gähnte.

»Langer Tag gewesen?«, fragte Bjössi.

»So ist es. Ich mache mich besser gleich auf die Socken. Wie geht's eigentlich Dora?«

»Ach, ihr geht's gut. Sie jammert, aber das ist ja nichts Neues. Was machen deine Kinder?«

»Laufey kommt gleich aus der Schule nach Hause, und ich sollte besser da sein, wenn sie ankommt. Gísli ist seit Januar auf See, auf der Snæfugl, er sagt, es gefällt ihm, zumindest gefällt es ihm, Geld zu verdienen.«

»Er steht mit beiden Beinen im Leben, dein Junge«, meinte Bjössi grinsend. »Ich weiß gar nicht, von wem er das hat.«

»Von seiner Mutter natürlich«, konterte Gunna ungerührt. »In der Familie seines Vaters hat niemand Verstand.«

»Sag das nicht. Wenn die Dinge weiterhin so laufen wie momentan, ist die Fischerei eine gute Wahl, denke ich. Zinsen und Preise ziehen ständig an. Weißt du, das ist nicht okay.« Die Falten auf Bjössis Stirn vertieften sich.

»Genau, es stinkt. Aber Fischer und Polizisten werden keine Probleme bekommen, warte es ab«, beruhigte Gunna ihn.

Bjössi schenkte sich noch einen Becher Kaffee ein. Dann klemmte er sich ein Stück Zucker zwischen die Zähne und schlürfte seinen Kaffee hindurch.

»Hoffentlich wird es nicht zu viele hart erwischen«, nuschelte Bjössi undeutlich mit dem Zuckerwürfel im Mund. »Der Wechselkurs schwankt ständig. Es ist mir egal, was die Regierung uns weiszumachen versucht. Ich sehe, dass alles teurer wird, und auch Dora sagt, dass die Lebenshaltungskosten steigen. Sogar die Polen und all die anderen sind schon weg, bis auf diejenigen, die noch lukrative Drogengeschäfte betreiben.«

»Wahrscheinlich hast du recht, aber was wird sich ändern? Nichts. Also, was hält dich drüben in Keflavík so sehr auf Trab, dass du einer alten Kollegin nicht für ein paar Stunden aushelfen kannst?«

»Drogen, Drogen und noch mehr Drogen«, seufzte Bjössi. »Es will einfach nicht aufhören, und ich bin es leid. Ich habe die Nase voll davon, ständig mit diesem Abschaum zu tun zu haben - tagein, tagaus.«

»Dann hättest du nicht zur Polizei gehen sollen.«

»Das stimmt wahrscheinlich«, brummte Bjössi und stand auf. »Aber ich denke, dass wir beide jetzt damit leben müssen, Gunna. Besuch mich doch, wenn du morgen in Keflavík bist. Übrigens, wer war denn das Jüngelchen?«

»Wer?«

»Dein junger Begleiter.«

»Oh, den meinst du. Er ist Reporter bei Dagurinn und soll ein Feature über ein Polizeirevier auf dem Land schreiben.«

»Wie schön für dich«, kicherte Bjössi, während Gunna ein finsteres Gesicht machte.

»Befehl von oben«, sagte sie. »Mist, das erinnert mich an etwas.«

»An was?«

»Mir ist gerade eingefallen, dass ich heute Vormittag ein Treffen mit Vilhjálmur Traustason gehabt hätte.«

»Mach dir keine Gedanken, Schätzchen. Ich habe unserem glorreichen Chef mitgeteilt, dass du heute was zu tun hast.«

2. KAPITEL

Mittwoch, 27. August

Gunnas Schuhe mit den flachen Absätzen klackten auf dem polierten Boden des Flurs im Nationalkrankenhaus in Reykjavík, wohin man den unbekannten Leichnam gebracht hatte. Sigmars Büro lag am hinteren Ende des Korridors und war nur durch ein handgeschriebenes Schild gekennzeichnet, auf dem lediglich sein Name stand, nicht jedoch seine Position.

Als sie Stimmen von drinnen hörte, klopfte sie und öffnete die Tür, ohne auf eine Antwort zu warten. Sigmar schwenkte auf seinem Drehstuhl herum, den Telefonhörer am Ohr.

»Ich muss dich zurückrufen. Tut mir leid, ich habe einen Besucher. Ja, frühestens in einer Stunde.«

Er legte auf und lächelte. »Guten Morgen, Sergeant. Du hast mich gerettet.«

»Morgen. Inwiefern?«

»Jemand aus der Verwaltung«, antwortete er genervt und starrte das Telefon verärgert an. »Sie wollen die Kosten immer weiter reduzieren, nur die Verwaltung selbst scheint das offenbar nie zu betreffen. Wahrscheinlich bin ich schon auf dem Weg nach Hause zum Mittagessen, wenn die Dame in einer Stunde wieder anruft«, fügte er zufrieden hinzu.

»Dann gibt es also schon ein Ergebnis?«

»In der Tat. Also, zu unserem jungen Mann.« Er blätterte in seinen Unterlagen und fand ein handgeschriebenes Blatt. »Natürlich bekommst du morgen den vollständigen Bericht, aber ich weiß, dass du jetzt sofort so viel wie möglich wissen möchtest.«

»Das wäre hilfreich.«

Sigmar betrachtete seine Notizen. »Im Grunde kann ich dir nicht viel mehr sagen, als ich dir gestern schon vor Ort mitgeteilt habe, aber wir haben jetzt die Bestätigung, dass er nicht länger als ein paar Stunden im Wasser war. Höchstens sechs.«

»Die Leiche wurde um sechs Uhr dreißig gefunden.«

»Der Todeszeitpunkt war ungefähr gegen Mitternacht, nicht früher. Außerdem war der Mann stark alkoholisiert. Er hat die zulässige Promillegrenze um beinahe hundert Prozent überschritten. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass er unsicher auf den Beinen gewesen ist und vielleicht den Halt verloren hat. So betrunken, wie er gewesen sein muss, hat er sicherlich Schwierigkeiten gehabt, geradeaus zu gehen. Die Todesursache war Ertrinken.«

Gunna machte sich Notizen auf ihrem Block, während Sigmar sprach. »Also lebte er noch, als er ins Wasser fiel?«

»Ja. Aber viel mehr gibt es nicht zu sagen. Er war gesund, hat nicht oder nur selten geraucht und hatte kein Übergewicht. Offensichtlich verrichtete er keine körperliche Arbeit, seine Hände waren so weich wie ein Kinderpopo.«

»Irgendwelche besonderen Merkmale?«, wollte Gunna wissen.

»Ja, wir haben eine Tätowierung gefunden. Auf dem linken Oberarm.«

Sigmar tippte etwas auf seiner Computertastatur und drehte den Bildschirm herum, sodass sie ihn beide sehen konnten.

»Da haben wir es. Wundervolle Dinger, diese Computer«, meinte er anerkennend, während Gunna die vergrößerte Abbildung der blassen Haut des jungen Mannes betrachtete. Dort war ein stilisiertes aufgeschlagenes Buch zu sehen. Auf der einen Seite des Buches war ein E mit einer hochgestellten drei und auf der gegenüberliegenden Seite ein V mit einer hochgestellten zwei abgebildet.

»Kannst du mir diese Bilder mailen? E hoch drei und V hoch zwei?«

»Ja, EEE. Vielleicht die Initialen von irgendjemandem?«, grübelte Sigmar. »Wer weiß? Es könnte alles Mögliche bedeuten. Aber das ist dein Job, Sergeant.«

»Klar.« Sie notierte sich etwas und ging zum nächsten Punkt über. »Irgendwelche DNA-Spuren?«

Sigmar runzelte die Stirn. »Wir sind hier nicht bei CSI, weißt du. Wenn er vorbestraft gewesen ist, werden wir es in ein paar Tagen wissen. Aber wenn er ein unbescholtener Mann war, lautet die Antwort nein.«

»Wir werden sehen.«

»Ein kleines Rätsel extra für dich, Sergeant.« Sigmar lächelte. »Ich gebe dir meine Handynummer, falls du noch weitere Fragen haben solltest. Ich würde nämlich wirklich gerne verschwunden sein, wenn die Dame aus der Verwaltung wieder anruft, weißt du.«

27.08.2008, 13:39

Skandalblogger schreibt:

Wir halten unser Versprechen!

Wir sind immer noch hier, meine Damen und Herren, denn wir wissen, wie sehr ihr alle die Bemühungen des Skandalbloggers, euch über die Großen und Guten zu informieren, zu schätzen wisst.

Unsere letzte große Enthüllung, die uns aus mündlichen Quellen zugetragen wurde, hat zu einem heftigen Wutausbruch bei einem kürzlich wiedergewählten, ehemaligen Knastbruder geführt. Er wurde ziemlich wild, weil wir veröffentlicht haben, dass er sich einer Haarverpflanzung unterzogen hat.

Merkwürdigerweise schien es ihm dagegen nichts auszumachen, als ein in Ungnade gefallener, verurteilter Verbrecher bezeichnet zu werden. Nun, man kann nicht über die Wahrheit streiten … Aber nein, es war die Sache mit dem Toupet, die ihn so richtig auf die Palme brachte. So werden seine Prioritäten deutlich.

Bæjó!

Eine Stunde später war Gunna auf dem Polizeirevier in Keflavík. Ebenso wie Sigmar im Nationalkrankenhaus hatte auch Chief Inspector Vilhjálmur Traustason ein überraschend kleines Büro. Mit seinen mehr als zwei Metern Körpergröße füllte er den größten Teil davon aus. Gunna, die ebenfalls kein Leichtgewicht war, hatte das Gefühl, eine dritte Person hätte den Raum gesprengt. Sie trank von dem dünnen Kaffee und stellte die Tasse ungeschickt auf der Ecke seines Schreibtisches ab.

»Tut mir leid wegen gestern. Es war ein ziemlich arbeitsreicher Tag«, entschuldigte sie sich ohne eine Spur von Reue in der Stimme.

»Ich verstehe. Die Ermittlungsarbeit geht vor«, antwortete er steif. »Lass uns über die Mittelzuweisung sprechen.«

»Wie viel ist denn für mich in der Kasse?«

»Weniger denn je«, erwiderte er mit einem kleinen Seufzer und blickte schließlich vom Bildschirm seines Laptops auf.

»Ich brauche …«

»Ich weiß, was du brauchst.«

»Woher denn?«

»Weil du es mir bei jeder sich bietenden Gelegenheit sagst, genau wie jeder andere Reviervorsteher in der Region. Und ich muss dir immer wieder erklären, dass zu wenig finanzielle Mittel vorhanden sind. Aber …«

Vilhjálmur Traustason verstummte.

»Aber was?«

Während ihrer beruflichen Laufbahn hatte Vilhjálmur Traustason sie immer schon genervt, und gelegentlich war sie versucht gewesen, ihn auf seine große Nase zu boxen. Beförderungen waren ihm genauso in den Schoß gefallen, wie sie ihr kategorisch vorenthalten worden waren. Sie wusste, dass sie nur durch eine Verkettung ungewöhnlicher Umstände zum Sergeant in einem ländlichen Gebiet ernannt worden war, statt immer noch als einfache Polizistin in der Stadt Dienst zu tun, und dass eine weitere Beförderung ziemlich unwahrscheinlich war. Der stete Aufstieg des Chief Inspectors sorgte regelmäßig für Unstimmigkeiten zwischen ihnen, wenn es um das häufig aufkommende Thema Finanzen ging.

»Ich weiß, wie sehr du Zahlen liebst, Vilhjálmur. Deshalb habe ich etwas für dich vorbereitet«, sagte sie und reichte ihm ein Blatt Papier über den Schreibtisch.

Er schaute sie skeptisch an und studierte die Bedarfsaufstellung.

»Du brauchst das alles doch nicht wirklich, oder?«, fragte er entgeistert.

»Wahrscheinlich nicht. Und ich bin sicher, dass wir einen goldenen Mittelweg finden.«

»Aber - das alles? Warum? Wie willst du das rechtfertigen?«

»Seit mit dem Bau der Aluminiumhütte auf der anderen Seite des Hafens begonnen wurde, haben wir einfach deutlich mehr zu tun. Das Verkehrsaufkommen in Hvalvík hat um rund vierhundert Prozent zugenommen, und es handelt sich dabei fast ausschließlich um Schwerlastverkehr. Es sind hauptsächlich Lkws, die zu der neuen Aluminiumfabrik fahren. Der Ort wird regelrecht überflutet vom Schwerlastverkehr und von polnischen Arbeitern.«

»Aber ihr habt es doch gut im Griff.«

»Noch, Vilhjálmur, noch. Aber wir sind nur zu zweit, Haddi und ich, und Haddi spricht nicht gut genug Englisch und auch keine andere Sprache, um mit diesen Leuten reden zu können.«

»Du kannst jederzeit Unterstützung anfordern, wenn es nötig ist.«

»Ja, das könnte ich, und in der Hälfte der Fälle würde niemand kommen. Aus dem Grund habe ich zwei zusätzliche Beamte für die Polizeidienststelle in Hvalvík beantragt.«

»Zwei?«, quiekte Vilhjálmur. »Hier gibt es außerdem einen Antrag für ein zusätzliches Auto. Ihr habt schon zwei Fahrzeuge, und normalerweise hat eine Dienststelle wie eure nur eins.«

»Wir müssen ein großes Gebiet abdecken. Die Volvos kommen allmählich in die Jahre, und für den Winter könnten wir einen Jeep gebrauchen.«

Vilhjálmur blickte wieder auf den Bildschirm seines Laptops, kratzte sich am Kopf und sog Luft durch die Zähne, während Gunna ihn aufmerksam beobachtete und so tat, als würde sie sich Notizen auf dem Block machen, der auf ihren Knien ruhte.

Schließlich seufzte er schwer. »Gunnhildur. Was brauchst du wirklich? Wo liegen deine Prioritäten?«

»Zusätzliche Arbeitskraft. Dann ein weiteres Fahrzeug. Dann die ganzen anderen Dinge.«

»Nun gut, du hast Glück, denn es gibt einen sehr erfahrenen Beamten, der um Versetzung ersucht hat. Ich bin sicher, dass er geeignet für dich wäre.«

»Nicht zufällig Viggó Björgvins?«

»Woher weißt du das?«, knurrte er.

»Weil der Mann ständig versetzt wird. Nein. Ich möchte jemanden, der jünger ist als dieser Idiot.«

Griesgrämig konsultierte Vilhjálmur seinen Laptop. »Ich kann dir einen Beamten dauerhaft entsenden.«

»Wen?«

»Du kannst Snorri Hilmarsson oder Bára Gunnólfsdóttir haben. Ich glaube, sie sind beide schon gelegentlich zu deiner Unterstützung geschickt worden.«

Gunna überlegte schnell. Sie kannte und mochte beide. Bára war klein, blond und schlagfertig, und sie besaß eine sehr rasche Auffassungsgabe. Von Snorri, der ihnen schon öfters ausgeholfen hatte, wusste Gunna, dass er sehr zuverlässig war, doch er verfügte nicht über Báras scharfen Verstand. Sie kannte Polizisten beider Kaliber, die Wahl fiel ihr nicht leicht.

»Snorri«, beschloss sie.

»Warum?«

»Er ist ein Arbeitstier. Er arbeitet systematisch und wird gut zurechtkommen. Snorri ist aus dem Holz geschnitzt, aus dem Landpolizisten sein müssen. Bára hat eine große Zukunft bei der KriminalPolizei vor sich, wenn du sie bei der Stange halten kannst.«

Vilhjálmur zuckte bei diesem Hinweis auf die Aussteigerquote bei der Polizei zusammen.

»In Ordnung. Ich werde mit Snorri reden, wenn er seinen Dienst antritt, und wir werden sehen, ob er einer Versetzung nach Hvalvík zustimmen wird.«

»Oh, das wird er. Er wohnt sowieso in Hvalvík, und deshalb ist er damit einverstanden.«

»Woher weißt du das?«

»Ich habe ihn schon gefragt.«

»Gunnhildur, du weißt, dass du die üblichen Entscheidungswege nicht unterlaufen sollst«, rügte Vilhjálmur sie finster. »Jetzt zum Thema Fahrzeuge.«

»Ja.«

»Es ist jetzt August. Wie lange halten die Fahrzeuge, die ihr habt, noch durch?«

»Was weiß ich! Ich bin kein Automechaniker.«

»Ich habe kein Fahrzeug für euch. Ich kann es nicht vertreten.«

»Komm schon! Dieser alte Volvo wird bald auseinanderfallen.«

Er klopfte sich mit seinem Stift gegen die Zähne. »Gehen wir mal davon aus, dass er den Sommer noch übersteht. Ich werde euch einen Jeep geben, aber erst im Oktober.«

Gunna hätte sich am liebsten in die Hand gespuckt und das Ganze mit einem Handschlag besiegelt, doch sie war noch misstrauisch. Es lief zu glatt.

»Abgemacht. Kann ich Snorri ab nächster Woche haben?«

***

Gunna trieb es noch in das geräumige Büro, in dem Mitarbeiter der KriminalPolizei von Keflavík ihre Arbeitsplätze hatten. Sie hätte auch direkt nach Hvalvík zurückkehren können, nachdem Vilhjálmur ihr sowohl Snorri als auch einen Jeep genehmigt hatte. Aber die Sehnsucht nach dem Stimmengewirr der Kollegen, das sie so vermisste, seit sie immer nur Haddis trockenes Lachen aus dem Nebenzimmer hörte, war größer.

»Polizei Hvalvík«, hörte sie Haddi kurz angebunden sagen, nachdem sie es ein gutes Dutzend mal hatte läuten lassen.

»Hi, ich bin's. Kommst du noch ein paar Stunden ohne mich klar?«

»Sicher. Ich denke, ich kann eine Weile lang für Recht und Ordnung sorgen. Bist du immer noch mit diesem Typen beschäftigt?«

»Ja. Die KriminalPolizei hat Besseres zu tun, also ist das unsere Sache.«

»Das ist in Ordnung. Aber morgen wird viel los sein.«

»Warum das?«, wollte Gunna wissen.

»Sie bringen einige Tieflader zu der Baustelle der Aluminiumhütte, sodass wir ein paar Straßen sperren und Lkws durch die Stadt leiten müssen.«

»Das sollte kein Problem sein. Möchtest du die guten Neuigkeiten hören?«

»Neuigkeiten sind normalerweise nicht gut.«

»Ab Montag ist Snorri bei uns, und im Oktober bekommen wir einen Jeep.«

Gunna hörte Haddi prusten, was sie als Lachen deutete. »Und was musstest du tun, um Vilhjálmur dazu zu bringen? Hast du ihn geohrfeigt, oder hast du dem alten Idioten nur gedroht?«

»Ich musste nichts von alledem tun. Ich habe ihm die Sachlage dargelegt und erklärt, wie viel wir zu tun haben. Allerdings hat er versucht, mir Viggó Björgvins unterzujubeln.«

»Und nun bekommst du stattdessen Snorri?«

»Das sagt er jedenfalls. Aber warten wir mal ab, ob Viggó nicht doch am Montagmorgen auftaucht.«

»Falls das passiert, werde ich meine Versetzung beantragen«, brummte Haddi.

»Ich auch«, pflichtete Gunna ihm bei. »Also, dann bis später.«

Statt sich einfach an Bjössis Schreibtisch zu setzen, nahm sie am Tisch gegenüber Platz, der für einen weiteren Kriminalbeamten gedacht war - wenn die Personalsituation und die finanzielle Lage es je wieder zulassen würden, den Posten zu besetzen.

Es dauerte länger als eine Stunde, das Melderegister am Computer durchzuackern, in dem alle isländischen Bürger und alle ausländischen Einwohner mit vollem Namen, Geburtsdatum und derzeitigem Wohnsitz aufgeführt waren. Bei ihrer Suche unter dem Buchstaben E hatte sie zehn männliche Personen mit den Initialen EEE identifiziert, von denen sechs das richtige Alter hatten. Ermutigt widmete sie sich den Einträgen unter dem Buchstaben V, stellte jedoch fest, dass VV sehr häufige Initialen waren. Sie beschloss, sich auf die Personen mit EEE zu konzentrieren.

Also rief sie die Liste mit den Namen und Geburtsdaten auf, klickte mit der Maus auf die Liste der Telefonnummern und begann mit dem ersten Namen. Sie schrieb die Nummern auf ihren Block hinter die Namen, zog Bjössis Telefon über den Schreibtisch zu sich heran und wählte die erste Nummer.

»Hallo?«, meldete sich eine Frauenstimme.

»Guten Morgen. Hier spricht Gunnhildur Gísladóttir von der Polizei in Hvalvík. Könnte ich bitte mit Eiríkur Emil Eiríksson sprechen?«

»Er ist nicht da«, erwiderte die Frau scharf.

»Kannst du mir sagen, wo ich ihn finden kann?«

»Du bist nicht seine …« Es entstand eine Pause. »Du bist nicht seine Geliebte, oder?«, fuhr die Frau mit unterdrückter Wut fort. »Denn wenn du das bist …«

»Ich bin eine Ermittlungsbeamtin der Polizei in Hvalvík, und ich versichere dir, dass ich Eiríkur nie begegnet bin. Ich versuche, im Rahmen einer Ermittlung eine Person aufzufinden. Kannst du mir sagen, wo ich ihn finden kann? Es geht um eine ernste Angelegenheit.«

Die Frau seufzte. »Er ist auf See, soweit ich weiß. Aber manchmal macht er sich nicht die Mühe, nach Hause zu kommen, wenn er an Land ist.«

»Bist du seine Frau?«

»Da bin ich mir nicht so sicher. Jedenfalls bin ich die Mutter seiner Kinder.«

»Ich verstehe. Ich bitte um Entschuldigung, aber könntest du mir Eiríkur beschreiben? Körpergröße und Haarfarbe?«

Gunna hörte das klickende Geräusch eines Feuerzeugs und ein langes Ausatmen.

»Eiríkur ist etwa zwei Meter groß, ein bisschen größer. Dunkle Haare, wird kahl am Hinterkopf, große Nase.«

»Dann denke ich, dass ich dich nicht weiter belästigen muss, diese Beschreibung passt nicht zu der Person, die wir suchen. Aber kann ich bitte trotzdem deinen Namen haben? Nur für den Fall, dass ich der Sache später noch einmal nachgehen muss.«

»Aldís Gunnarsdóttir.«

»Und ist das eine Rufnummer in Akureyri?«

»Dalvík.«

»Okay. Danke für deine Hilfe. Ich denke nicht, dass wir dich noch einmal behelligen müssen.«

»Was hat er angestellt?«, fragte Aldis plötzlich.

»Wie bitte?«

»Was hat er getan, der Typ, den du suchst? Eiríkur gerät ständig in alles Mögliche hinein.«

»Nichts, soweit ich weiß. Es geht um eine vermisste Person.«

»Oh. Schade.« Die Enttäuschung der Frau war offensichtlich.

Erleichtert beendete Gunna das Gespräch und notierte sich sorgfältig Namen, Nummer und Zeit des Telefonats. Dann wählte sie die nächste Nummer auf der Liste.

»Guten Morgen. Hier spricht Gunnhildur Gísladóttir von der Polizei in Hvalvík. Könnte ich bitte mit Elmar Einar Ervík sprechen?«

Nach mehreren solcher oder ähnlicher Telefonate stand schließlich nur noch ein Name auf ihrer Liste. Gunna merkte, dass sie sich beeilen musste, wenn sie noch vor Dienstschluss um sechs Uhr in Hvalvík zurück sein wollte.

Die letzte Person meldete sich weder unter ihrer Privatnummer noch unter der Handynummer, die auf der Liste standen. Es musste nichts bedeuten, vielleicht hielt sich der Mann im Ausland auf, war auf See oder einfach in einem Meeting. Also gab sie stattdessen den Namen Einar Eyjólfur Einarsson in eine Suchmaschine ein.

Ganz oben auf der Ergebnisliste erschien der Link zur Webseite einer Firma. Gunna öffnete die Seite und scrollte durch die Namen der Mitarbeiter, bis sie Einar Eyjólfur Einarsson fand. Manche Mitarbeiter hatten ein Foto eingestellt, aber Einar Eyjólfur Einarsson nicht, lediglich der Name und die Handynummer, die sie bereits zweimal erfolglos gewählt hatte, waren angegeben.

Sie scrollte weiter, bis sie den Namen der Personalchefin fand. Gunna zog das Telefon zu sich heran und wählte.

»Guten Tag. Spearpoint«, schnurrte eine weiche Stimme.

»Guten Tag. Hier spricht Gunnhildur Gísladóttir von der Polizei in Hvalvík. Ich versuche, Einar Eyjólfur Einarsson zu erreichen.«

27.08.2008, 21:14

Skandalblogger schreibt:

Was ist bloß mit unserem Gesundheitswesen los? Wir vernehmen Getuschel aus sicherer Quelle, dass die Zeiten an der vordersten Front der Regierung hart sind, und dass Pläne gemacht werden, Bereiche des Gesundheitswesens für die Privatwirtschaft zu öffnen.

Wie bitte? Das hier ist Island, nicht irgendeine schäbige Bananenrepublik, die als privates Bankkonto des Präsidenten geführt wird! Oder vielleicht doch? Unser Land sollte eigentlich der Inbegriff von Wohlstand und Glück sein. Was ist also schiefgelaufen? Warum verbreitet die Regierung diese Pläne unter der Hand und ziert sich dann, wenn jemand danach fragt?

Es ist unangenehm, darüber nachzudenken, aber alle Anzeichen deuten darauf hin, dass diejenigen Bereiche des Gesundheitswesens, die dem Staatssäckel tatsächlich etwas einbringen könnten, wahrscheinlich billig an Freunde der Partei verhökert werden sollen. Währenddessen wird der Steuerzahler die Bereiche subventionieren, die nicht profitabel sind.

Lasst uns ein oder zwei Jahre zurückblicken. Damals haben die Typen da oben unser staatliches Telefonsystem an ihre Golffreunde verkauft. Damals hieß es, dass die Einnahmen eingesetzt würden, um für uns isländische Steuerzahler ein unschlagbares Gesundheitswesen zu schaffen. Wobei sich im Nachhinein die Frage stellt, ob die fetten Typen in ihren Anzügen das Geld nicht einfach eingesackt haben, wenn das Gesundheitssystem sich jetzt in einer so desolaten Finanzlage befindet, dass die einzige Option eine Privatisierung ist …

Verblüffend …

Bæjó!

3. KAPITEL

Donnerstag, 28. August

Am späten Vormittag fuhr Gunna nach Reykjavík, eigentlich hätte es auf den Straßen ruhig sein müssen. Aber sie geriet trotzdem in zähflüssigen Verkehr, der die Hauptstraßen entlangkroch. Niemand schien sich über die Umweltverschmutzung durch die Autos wirklich Gedanken zu machen, obwohl die Medien ständig davon berichteten. Und als sie mit dem zweitbesten Volvo in die Miklabraut einbog und sich auf das Stadtzentrum zubewegte, bemerkte sie, dass ungeachtet des rückläufigen Immobilienmarkts überall neue Gebäude entstanden, die Kräne beherrschten die gesamte Skyline.

Als sie den Busbahnhof Lækjartorg passierte, dachte sie darüber nach, wie sehr sich die Stadt bereits jetzt verändert hatte und dass diese Veränderungen wahrscheinlich nie abgeschlossen sein würden. Sie erkannte die Stadt kaum wieder. Als sie vor vielen Jahren in den Süden gezogen war, um bei der Polizei in Reykjavík anzufangen, war die Innenstadt noch ruhig gewesen, jetzt bestand sie aus einer bunten Mischung aus Boutiquen und Bars. Während sie an einer roten Ampel stand, hielt sie Ausschau nach dem ruhigen Restaurant mit den dunklen Holztischen und der bodenständigen Küche, in dem Raggi und sie ihre heimliche Hochzeit gefeiert hatten. Das Lokal war verschwunden und durch ein dreigeschossiges Gebäude aus Stahl und Glas ersetzt worden.

Die Ampel sprang auf Grün, und Gunna fuhr die Sæbraut entlang, vorbei an den Ministerien an der Ecke der Skúlagata, die inzwischen gesäumt war von neuen Bürohäusern, Apartments mit Meerblick und dem riesigen Opernhaus, das an der Stelle stand, wo sich früher die Fischauktionshalle befunden hatte. In einem dieser riesigen Häuser mit Glasfassade befanden sich auch die Büros, die sie suchte.

Die oberen Stockwerke des Gebäudes waren nicht so elegant, wie der Eingangsbereich im Erdgeschoss vermuten ließ. Und die Rückseite, mit Blick auf Baustellen und Parkplätze, war auch nicht so exklusiv wie die Vorderseite mit ihrer Aussicht auf die Faxabucht und den eindrucksvollen Mount Esja in der Ferne.

Gunna wollte gerade die Tür mit der Aufschrift Spearpoint, ein geschwungenes Logo, das in einem Punkt endete, öffnen, als sie drinnen eine laute Stimme hörte, sodass sie innehielt und lauschte. Es war eine Frauenstimme, und zwar eine so wütende, wie man sie normalerweise nur vor einem Nachtclub in den frühen Morgenstunden erwarten würde.

Die Frau tobte und unterbrach sich nur kurz, wahrscheinlich, um Luft zu holen. Eine Antwort war nicht zu hören. Auch wenn Gunna kaum etwas verstehen konnte, war sie hin- und hergerissen zwischen Besorgnis und Bewunderung für eine Frau, die so ausdauernd und lautstark brüllen konnte.

Als Gunna es satt war, auf das Ende des Wutausbruchs zu warten, öffnete sie die Tür, wobei ein leises Summen erklang und die laute Frauenstimme schlagartig erstarb. Gunna fand sich vor einem hohen Empfangspult wieder, von dem eine junge Frau mit einem verkniffenen Gesicht erstaunt aufblickte, als sie eine Polizistin in Uniform vor sich sah.

»Morgen. Ich suche Sigurjóna Huldudóttir. Ich glaube, ich werde erwartet.«

»Sie ist hier. Einen Augenblick, bitte«, antwortete die Frau benommen. Als Gunna sich ihre Polizeimütze unter den Arm klemmte, fragte sie sich, ob die Frau am Empfang wohl das Opfer dieser eindrucksvollen Schimpftirade gewesen war.

Die junge Frau stand auf und ging zu der Tür hinter sich, klopfte an und öffnete sie vorsichtig. Sie steckte den Kopf hinein und murmelte ein paar Worte, von denen Gunna nur Polizei verstehen konnte. Sie selbst blieb stehen, wandte den Rücken dem Empfangspult zu und betrachtete die Baustelle draußen. Ein Turmkran befand sich fast auf gleicher Höhe mit dem Bürofenster, und Gunna konnte die Gestalt des Kranführers in dem winzigen Käfig erkennen. Voll konzentriert hob er Stahlstangen hoch und platzierte sie geschickt in dem neuen Gebäude.

Noch mehr verdammte Büros. Als gäbe es nicht schon genug davon, dachte Gunna.

»… zur Hölle, kommen diese Mistkerle einfach so davon …?«, gellte ihr plötzlich eine schrille Stimme entgegen, um dann mitten im Satz zu verstummen, als die Tür sich mit einem leisen Klicken wieder schloss.

Die Empfangsdame lächelte müde, als Gunna sie fragend anblickte.

»Sie hat in ein paar Minuten Zeit für dich. Könntest du einen Augenblick warten, bis sie ihre Besprechung beendet hat?«, fragte die Empfangsdame. »Nimm Platz, wenn du möchtest.«

Gunna setzte sich auf eine harte Ledercouch und blätterte in einem Klatschmagazin. Sie fragte sich, warum sie die Gesichter der Prominenten des Landes, die die Seiten pflasterten, nicht kannte.

»Bin einfach nicht mehr auf dem Laufenden«, murmelte sie vor sich hin.

»Verzeihung?«, fragte die Empfangsdame, und Gunna wurde klar, dass sie den letzten Satz laut gesagt haben musste. »Nichts. Ich habe nur laut gedacht«, entschuldigte sie sich.

»Jetzt hat sie Zeit«, sagte das Mädchen, als sich die Tür hinter ihr öffnete und ein kräftig gebauter junger Mann in Anzug mit brennend rotem Gesicht aus dem Zimmer trat. Er machte den Eindruck, als stünde er kurz davor, loszulaufen und aus dem Fenster zu springen.

Gunna blieb einen Moment im Türrahmen stehen und ließ das große, mit dicken Teppichen ausgelegte Eckbüro auf sich wirken. Ein Schreibtisch mit einer Platte aus Rauchglas, der die hintere Seite des Büros dominierte, stand vor dem Fenster, das über die gesamte Breite des Raumes ging. Zwar war die Aussicht von hier besser, doch Gunna registrierte erfreut, dass der Ausleger des Turmkranes auch vor diesem Fenster zu sehen war.

»Guten Morgen. Bitte, komm doch rein.«

Die Stimme der Frau war warm und abgesehen von einem leichten Heben und Senken des übertrieben zur Schau gestellten Busens war keine Spur des vorhergegangenen Wutanfalls mehr zu erkennen. Die Frau wirkte wie eine Statue, und ihre scharf geschnittenen Gesichtszüge strahlten Entschlusskraft aus. Gunna betrachtete das elegante Kostüm und das dunkelblonde, schlicht geschnittene Haar. Gunna streckte eine Hand aus, die Frau ergriff sie sofort und schüttelte sie mit einem kräftigen Händedruck.

»Gunnhildur Gísladóttir, Polizei Hvalvík.«

»Hvalvík? Okay. Ich bin Sigurjóna. Meine Assistentin hat mir gesagt, dass du angerufen hast. Hat es etwas mit der Baustelle zu tun?«

»Welche Baustelle?«

»Das Aluminiumhütten-Projekt natürlich.«

»Habt ihr etwas damit zu tun?«

»Unsere Tochterfirma spielt eine wichtige Rolle bei der Projektentwicklung«, antwortete Sigurjóna ruhig.

»Nein, es hat nichts mit der Baustelle zu tun. Es geht um eine Ermittlung wegen eines ehemaligen Angestellten. Ich habe gestern Nachmittag mit einem deiner Leute gesprochen. Ósk Líndal?«

»Ósk ist unsere Personalchefin und vertritt mich, wenn ich nicht da bin.«

Gunna senkte den Blick und blätterte in ihren Unterlagen, überging das Foto des toten Mannes, das ein Polizeifotograf im Leichenschauhaus aufgenommen hatte, und entschied sich für das Führerscheinfoto aus den Akten.

»Kennst du diesen Mann?«, fragte sie und reichte das Foto weiter.

Sigurjóna nahm es und betrachtete es sorgfältig. »Einar«, sagte Sigurjóna schließlich. »Einar Eyjólfur Einarsson. Er arbeitet hier, doch wir haben ihn seit letzter Woche nicht mehr gesehen, und er hat sich noch nicht gemeldet. Ich kann also nicht behaupten, dass ich momentan gut auf ihn zu sprechen bin.«

»Keine Erklärung?«

»Nein, kein Sterbenswörtchen.«

»Hast du Nachforschungen angestellt?«

»Selbstverständlich. Er ist ein wichtiger Mitarbeiter, und wir brauchen seine Fachkenntnis. Er ist einer unserer besten Kundenbetreuer - es ist sehr schwierig, seinen Kunden zu erklären, dass er nicht hier ist. Ich werde mich sehr freuen, wenn er wiederkommt - auch wenn ich ihm das nicht sagen würde.«

Gunna nickte und machte sich Notizen, eher, um nachdenken zu können, als um etwas festzuhalten. »Und mit wem hast du Kontakt aufgenommen, um Einar zu finden?«

»Na ja, es ist nicht so leicht, er hat nicht viel Familie, soviel ich weiß. Ursprünglich kommt er irgendwo aus dem Osten. Ich bin nicht einmal sicher, ob seine Eltern noch leben. Ich erinnere mich, dass er mal erwähnt hat, seine Eltern wären nicht mehr ganz jung gewesen, als er geboren wurde.«

»Hat er Geschwister? Freunde? Eine Freundin?«

»Nun, Dísa, das Mädchen am Empfang, hat eine Weile mit ihm zusammengelebt, aber ich glaube, es ist nicht lange gut gegangen. Frag sie selber. Und ich nehme an, er hat einen Freundeskreis, aber ich kenne die Leute nicht.« Sigurjóna klang allmählich irritiert. »Hör mal, Inspektor, worauf läuft das hinaus? Was hat er getan?«

»Ich bin Sergeant und ich habe Grund zu der Annahme, dass er tot ist.«

»Oh mein Gott!«, keuchte Sigurjóna und schlug sich die Hände vor den Mund, was Gunna einen Hauch zu theatralisch fand, um überzeugend zu wirken. »In Hvalvík? Du meinst, er ist der tote Mann, den man dort gefunden hat? Der Bericht gestern Abend in den Nachrichten?« Ihre Stimme zitterte leicht, und ihre Finger trommelten heftig auf die polierte Oberfläche des Schreibtischs.

Gunna nickte und blätterte durch ihre Papiere. Sie fragte sich, wie Sigurjónas Reaktion auf das Foto aus der Leichenhalle ausfallen würde, entschied sich jedoch, es ihr nicht zu zeigen.

»Die Identifikation ist im Moment nur vorläufig, da wir jemanden brauchen, der ihn eindeutig identifizieren kann. Aber da er seine Initialen auf den Oberarm tätowiert hat, war es nicht schwierig, seinen Namen herauszufinden. Ich möchte noch ein wenig mehr über ihn erfahren. Worin bestand seine Arbeit? Mit welchem Projekt war er gerade beschäftigt? Kannst du mir sagen, wann er das letzte Mal zur Arbeit erschienen ist?«

Sigurjóna öffnete einen flachen Laptop auf dem Schreibtisch und gab mit flinken Fingern etwas ein.

»Er war letzte Woche noch hier«, sagte sie langsam und ließ den Finger über der Maus kreisen. »Letzten Freitag. Ich weiß, dass er für diesen Montag ein Meeting vereinbart hatte, aber ich muss bei Ósk nachfragen. Er sollte denselben Kunden am Mittwoch in Kopenhagen treffen, aber er ist dort nicht erschienen. Der Kunde rief uns an, und wir mussten den Termin verschieben. Glücklicherweise war es keine heikle Angelegenheit, nur eine Vorbesprechung für ein potenzielles Projekt, deshalb war es nicht so schlimm.«

»Wenn du mir sagen könntest, mit welcher Fluggesellschaft er reisen wollte, können wir herausfinden, ob er geflogen ist oder nicht.«

»Dísa kann dir das sagen. Sie bucht die Flüge für unsere Mitarbeiter, aber wahrscheinlich war es die Express Airline.«

»Ist die günstiger?«

Sigurjóna nickte. »Und flexibler.«

»Wie ist er bis letzte Woche hier zurechtgekommen?«

»Gut. Wie ich schon sagte, er war ein sehr kompetenter und erfolgreicher Kundenbetreuer.«

»Keine Spannungen? Auseinandersetzungen?«

Sigurjóna errötete merklich. »Nein. Überhaupt nicht.«

»Gab es Unstimmigkeiten zwischen Einar und dir oder dem Geschäftsführer?«

»Spearpoint wächst sehr schnell«, erwiderte Sigurjóna stolz. »Aber wir sind eine kleine Firma, und alle erstatten mir Bericht. Nein, es gab keine Unstimmigkeiten. Wir haben uns sehr gut verstanden.

Als er nicht bei dem Kunden in Kopenhagen erschienen ist, habe ich vermutet, dass er eine nette kleine Dänin kennengelernt und beschlossen hat, die Zeit mit ihr zu verbringen. Er konnte sehr impulsiv sein.«

Gunna machte erneut ein paar Notizen in ihrer Akte. Als sie merkte, dass Sigurjóna das nervös machte, nahm sie sich noch die Zeit, am Rand der Seite zu notieren, dass sie Butter, Milch, Brot und Gemüse bei Hagkaup kaufen musste, bevor sie nach Hvalvík zurückfahren würde.

»Weißt du, ob Einar Feinde hatte? Jemanden, der ihm übelwollte, ihn nicht leiden konnte?«

»Keine Ahnung. Auf persönlicher Ebene hatten die anderen hier ein engeres Verhältnis zu ihm als ich. Wahrscheinlich solltest du auch mit ihnen reden. Dísa kannte ihn wohl am besten, und er arbeitete oft mit Jón Oddur zusammen, er weiß wahrscheinlich mehr über ihn.«

»Ja, das werde ich tun. Doch zunächst versuche ich, mir ein Bild darüber zu machen, wo er gewesen ist, damit wir einen Todeszeitpunkt ermitteln und herausfinden können, wer ihn zuletzt gesehen hat. Deswegen würde ich gerne von dir wissen, was du am Wochenende und an den Tagen danach getan hast?«

Sigurjóna riss die Augen auf. »Du verdächtigst mich ja wohl nicht!«

»Natürlich nicht«, gab Gunna sanft zurück und notierte sich, dass sie auch noch Toilettenpapier kaufen sollte, schließlich ist es in der Stadt viel billiger als in dem kleinen Laden in Hvalvík. »Reine Routine. Wir müssen das fragen, ich werde auch deinen Mitarbeitern die gleichen Fragen zum selben Zeitraum stellen.«

»Ich war mit meinem Mann in Akureyri. Auf Geschäftsreise.«

»Gibt es außer deinem Mann noch Personen, die das bestätigen können?«

»Oh, ja.«

»Reine Routine, verstehst du? Vielen Dank, dass du dir Zeit für mich genommen hast. Und wenn dir noch etwas einfällt, was bei den Ermittlungen weiterhelfen könnte, wäre ich dir dankbar, wenn du mich anrufen würdest. Und jetzt würde ich gerne mit Jón Oddur und Dísa sprechen.«

Sie stand auf, und Sigurjóna kam hinter ihrem Schreibtisch hervor, um ihre Besucherin zur Tür zu begleiten. Gunna bemerkte einen scharfen Geruch in ihrem Atem, als Sigurjóna ihr die Tür aufhielt. Bevor sie die Tür wieder schloss, rief sie dem Mädchen am Empfang zu:

»Dísa, würdest du Jón Oddur Bescheid sagen? Diese Dame möchte ihn gerne sprechen.«

Am Empfang blickte Gunna auf Dísa hinunter, die an der Telefonzentrale saß und leise in das Mikrofon ihres Headsets sprach. Sie drückte auf einen Knopf, um das Telefonat zu beenden, und sah Gunna beunruhigt an.

»Bist du wegen Einar hier?«, fragte sie, nachdem sie sich schnell vergewissert hatte, dass die Tür geschlossen war.

»Ja. Sigurjóna hat mir gesagt, dass du ihn ziemlich gut gekannt hast.«

»Ja, das stimmt. Wo ist er?«

»Er ist tot, es tut mir leid.«

Dísa senkte den Kopf und starrte vor sich auf ihren Schreibtisch. Dann vergrub sie das Gesicht einen Moment lang in den Händen, bevor sie sich durch die Haare fuhr und aufsah. Sie konnte die Tränen nur mühsam unterdrücken. »Weißt du, wer ihn umgebracht hat?«

»Wie kommst du darauf, dass er umgebracht wurde? Gibt es etwas, was ich wissen sollte?«

»Vielleicht«, antwortete sie tonlos.

In diesem Moment erschien der junge Mann, der gerade erst aus Sigurjónas Büro geflüchtet war.

»Was will die alte Hexe jetzt schon wieder?« Sein scharfer Ton konnte nicht über das Zittern in seiner Stimme hinwegtäuschen.

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