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Hör auf die Stimme deines Herzens

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Linda Lael Miller

Hör auf die Stimme deines Herzens

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Patrick Hansen

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1. KAPITEL

Brad O’Ballivan öffnete die Fahrertür des wartenden Pick-ups, warf seine Gitarre ins Auto und winkte dem Piloten und der Besatzung des Privatjets zu, mit dem er hoffentlich nie wieder fliegen würde.

Als ein kühler Herbstwind über die breite Lichtung fegte, schlug er den Kragen seiner Jeansjacke hoch und zog den Hut noch tiefer ins Gesicht.

Er war zu Hause.

Etwas in ihm reagierte auf das Hochland von Arizona und vor allem auf die Stone-Creek-Ranch. Es war, als würde in ihm eine Stimmgabel zum Schwingen gebracht. Dieses Gefühl hatte er anderswo noch nie gehabt, seit er aufgebrochen war, um seinen Lebensunterhalt mit Musik zu verdienen – nicht auf dem Anwesen mit Seeblick außerhalb von Nashville, nicht am Stadtrand von Hendersonville, nicht in der Villa in Mexiko oder an einem der vielen Orte, an denen er gelebt hatte.

Mit einem kleinen Lächeln sah er dem startenden Jet nach. Dass er sich mit fünfunddreißig und auf dem Höhepunkt seiner Karriere aus der Countrymusikszene zurückgezogen hatte, war bei vielen auf Unverständnis gestoßen. Er hatte das Flugzeug und die großen Häuser verkauft und den Rest verschenkt – bis auf die Gitarre und das, was er am Leib trug. Und ihm war klar, dass er es niemals bereuen würde.

Mit dem Leben war er fertig. Und wenn ein O’Ballivan mit etwas fertig war, blickte er nie zurück.

Der Jet zog eine weiße Spur am Himmel, wurde zu einem silbrig glänzenden Punkt und verschwand.

Brad wollte gerade in den Pick-up einsteigen, als er den alten Chevrolet bemerkte, der sich über den holprigen Weg quälte. Er nahm den Hut ab und wartete – halb aufgeregt, halb resigniert.

Der verbeulte Kombi hielt nur wenige Zentimeter von seinen Stiefelspitzen entfernt. Seine Schwester Olivia stellte den Motor ab und stieg aus.

„Du bist wieder da!“ Sie klang verblüfft. Mit neunundzwanzig war sie die älteste von Brads drei jüngeren Schwestern und hatte ihm nie verziehen, dass er fortgegangen war. Sie arbeitete als Tierärztin im nahe gelegenen Stone Creek in einer florierenden Praxis und verbrachte ihre Tage meistens in einem Stall oder auf einer Weide. Sie war praktisch veranlagt und trug ihr dunkles Haar kurz. Ihre Augen waren hellblau.

„Ich freue mich auch, dich zu sehen, Doc“, erwiderte Brad trocken.

Mit einem leisen Aufschrei legte sie die Hände in seinen Nacken und drückte Brad fest an sich. Als sie sich zurücklehnte, sah er Tränen an ihren staubigen Wangen.

„Falls das hier nur ein PR-Gag ist, vergebe ich dir niemals!“ Sie hob den Hut auf, den sie ihm bei der heftigen Umarmung vom Kopf gestoßen hatte, und gab ihn ihrem Bruder.

Sie hat ihren Stolz, dachte er. Nur ihre Ausbildung hat sie sich von mir bezahlen lassen, jeden anderen Scheck hat sie zurückgeschickt – mit den Worten NEIN DANKE in dicker schwarzer Schrift.

Lächelnd warf Brad den Hut in den Wagen. „Es ist kein Gag. Ich bleibe jetzt hier und bin bereit, Wurzeln zu schlagen und etwas zu bewirken, wie Big John immer gesagt hat.“

Olivia quittierte seine Antwort mit betretenem Schweigen. Brad war auf einer Konzerttournee gewesen, als ihr Großvater vor sechs Monaten an einem schweren Herzinfarkt gestorben war. Er war gerade noch rechtzeitig zur Beerdigung nach Stone Creek zurückgekehrt und – schlimmer noch – gleich danach wieder abgereist, um in Chicago vor ausverkauftem Haus aufzutreten. Selbst das viele Geld, das er im Laufe der Jahre in die Ranch gepumpt hatte, linderte sein schlechtes Gewissen nicht.

Wie viel Geld ist genug? Wie berühmt musst du noch werden? Das hatte Big John ihn immer wieder gefragt. Komm nach Hause, verdammt. Ich brauche dich, Brad. Deine kleinen Schwestern brauchen dich. Und die Stone-Creek-Ranch braucht dich auch.

Brad strich sich durch das hellbraune Haar und schaute über das flache Land. „Läuft der alte Hengst noch frei herum, oder haben die Wölfe und der Stacheldraht ihn schließlich doch zur Strecke gebracht?“

„Hin und wieder sehen wir Ransom“, erwiderte Olivia, „aber immer nur in sicherer Entfernung am Horizont.“

Brad legte seiner Schwester eine Hand auf die Schulter. Der legendäre wilde Hengst faszinierte sie seit ihrer Kindheit. Manche behaupteten, dass das Pferd gar nicht aus Fleisch und Blut bestand, sondern nur ein Fabelwesen war. Andere – zu denen auch Brad gehörte – sahen darin einen Nachkommen eines rätselhaften Vierbeiners, der erstmals im späten neunzehnten Jahrhundert gesichtet worden war.

„Sie versuchen ihn einzufangen“, erzählte sie mit Tränen in den Augen. „Sie wollen ihn zum Zuchthengst machen, um seine Fohlen teuer zu verkaufen.“

„Wer versucht ihn einzufangen, Livie?“, fragte Brad sanft. Es war kalt, er hatte Hunger und ihm graute ein wenig davor, das alte Ranchhaus zu betreten, ohne von Big John begrüßt zu werden.

„Schon gut.“ Olivias Mund wurde schmal. „Es würde dich sowieso nicht interessieren.“

Es war sinnlos, mit ihr zu diskutieren, wenn sie so drauf war. „Danke, dass du meinen Wagen hergebracht hast und mich abholst.“

„Ich habe ihn nicht hergebracht. Das haben Ashley und Melissa getan. Sie sind wahrscheinlich im Haus und hängen Girlanden auf, um dich willkommen zu heißen. Ich bin nur hier, weil ich den Jet gesehen habe und mir dachte, dass irgendein verdammter Filmstar Hirsche jagen will.“

Brad hatte schon ein Bein im Pick-up und drehte sich zu ihr um. „Das gibt es hier?“, fragte er lächelnd. „Filmstars, die zur Jagd in einem Jet einschweben?“

„Das passiert in Montana dauernd.“

Er tippte ihr auf die Nasenspitze. „Wir sind aber nicht in Montana, meine Kleine. Sehen wir uns zu Hause?“

„Später, wenn der Trubel sich gelegt hat.“

Brad stöhnte innerlich auf. Er wollte ebenfalls keinen Trubel, oder was immer die Zwillinge ihm zu Ehren vorbereitet hatten, aber er wollte die beiden auch nicht verletzen. „Bitte, sag mir, dass sie keine Party planen!“, flehte er.

Olivia lächelte spöttisch. „Du hast Glück. Auch wenn du gleich mehrere Grammys gewonnen hast, hier gibt es Wichtigeres zu tun. Bei den McKettricks hat sich Nachwuchs angekündigt, und alle sind in Indian Rock, um mit der werdenden Mutter zu feiern.“

Brad zuckte zusammen. „Nicht Meg“, murmelte er und senkte verlegen den Blick, weil es ihm herausgerutscht war.

Seine Schwester schüttelte den Kopf. „Meg ist zwar zurück, aber noch immer Single. Nein, das Kind bekommt ihre Schwester Sierra.“

Um seine Erleichterung zu verbergen, schloss Brad die Fahrertür und startete den Motor.

Olivia winkte ihm fröhlich zu, bevor sie in ihren Geländewagen stieg und in einer Staubwolke davonfuhr.

Brad wartete, bis die Wolke sich gelegt hatte.

Seine innere Unruhe brauchte dazu länger.

„Lass mich in Frieden!“, flüsterte Meg McKettrick dem Geist des verstorbenen Cowboys zu, der es sich auf dem Beifahrersitz ihres Chevrolet Blazer bequem gemacht hatte. „Geh Keegan oder Jesse oder Rance auf die Nerven!“

„Die brauchen mich nicht“, erwiderte der Geist lächelnd. Er sah nicht aus wie auf den alten Porträts, hatte kein weißes Haar und kein von Falten zerfurchtes Gesicht. Nein, Angus McKettrick war in der Blüte seines Lebens zurückgekehrt, mit breiten Schultern, goldbraunem Haar, leuchtend blauen Augen und dem lässigen Charme, den er seinen männlichen Nachfahren vererbt hatte.

Verärgert parkte Meg zwischen einem Lexus und einem Minivan. Sie stieg aus, riss die hintere Wagentür auf und griff nach dem Päckchen. „Ich habe eine Neuigkeit für dich“, verkündete sie. „Ich brauche dich auch nicht!“

Angus stieg ebenfalls aus und streckte sich. „Das sagst du so. Aber die sind alle verheiratet, gründen Familien und sorgen dafür, dass die McKettricks nicht aussterben.“

„Danke für die Erinnerung“, erwiderte Meg und stieß die Autotür zu.

„Zu meiner Zeit wärst du eine alte Jungfer gewesen.“

„Zu deiner Zeit vielleicht“, erwiderte Meg, ohne die Lippen zu bewegen. Seit Angus McKettricks Geist das erste Mal bei ihr aufgetaucht war, hatte sie eine ganz spezielle Technik entwickelt, um mit ihm zu kommunizieren. Denn für alle anderen war Angus unsichtbar, und niemand sollte glauben, dass sie Selbstgespräche führte. „Aber das hier ist meine Zeit. Ich lebe im einundzwanzigsten Jahrhundert. Frauen definieren sich nicht mehr darüber, ob sie verheiratet sind oder nicht.“ Sie atmete tief durch. „Weißt du was? Warte doch im Wagen – oder schwing dich aufs Pferd.“

Angus ließ sich nicht abschütteln, sondern folgte ihr zum Haus. Wie immer trug er schlammige Stiefel und einen langen staubigen Mantel, unter dem sich der 45er-Colt deutlich abzeichnete. Einen Hut trug er nur, wenn Regen drohte, und davon konnte an diesem milden Oktobertag keine Rede sein.

„Vielleicht liegt es an deiner abweisenden Art“, meinte Angus. „Du bist zickig, das ist das Problem. Natürlich muss eine Frau auch Eigenarten haben, das gibt ihr etwas Würze. Aber du hast entschieden zu viele davon, und das kommt bei den Männern nicht gut an.“

Meg ignorierte ihn einfach, nahm das in buntes Papier gewickelte Geschenk auf den anderen Arm und läutete an der Haustür ihrer Schwester. Hier kommt die neunzehnte Babyausstattung in neutralem Gelb, dachte sie. Hätte ich doch bloß die silberne Rassel genommen. Tja, falls Sierra und Travis das Geschlecht ihres ungeborenen Kindes kennen und für sich behalten, dann sind sie eben selbst schuld.

Die Tür ging auf, und Megs und Sierras Mutter schaute durch den Spalt. „Endlich!“, sagte Eve McKettrick und zog ihre Tochter herein. „Du kommst spät. Sierra wird jede Minute hier sein!“

„Sie dürfte wohl kaum überrascht sein, Mom“, entgegnete Meg und legte ihr Geschenk zu den anderen, die einander in Form und Größe verdächtig ähnelten. „Draußen stehen etwa hundert Autos.“

Eve schloss die Tür. „Du hast abgenommen und hast dunkle Ringe unter den Augen. Schläfst du genug?“

„Es geht mir gut“, log Meg.

„Das glaube ich dir nicht. Am liebsten wärst du doch zu Hause geblieben – im Schlafanzug, ohne Make-up und mit zerzaustem Haar, stimmt’s?“

„Jetzt bin ich hier.“

Meg streifte die Jacke ab, reichte sie Eve und schlenderte zu einer kleinen Gruppe von Frauen, von denen sie keine einzige kannte, obwohl sie als Kind jeden Sommer in Indian Rock verbracht hatte.

„Es steht in sämtlichen Zeitungen“, sagte eine hochgewachsene gertenschlanke Frau, die viel zu viel Schmuck trug. „Brad O’Ballivan macht mal wieder eine Entziehungskur.“

Bei dem Namen zuckte Meg zusammen und hätte fast das Glas Bowle verschüttet, das ihr jemand in die Hand gedrückt hatte.

„Unsinn“, widersprach eine andere Frau. „Letzte Woche haben dieselben Blätter gemeldet, dass er von Außerirdischen entführt wurde.“

„So, wie er aussieht, hat er ganz bestimmt auch Fans auf anderen Planeten!“, warf eine dritte ein und seufzte wehmütig.

Meg wollte sich unauffällig entfernen, doch inzwischen versperrte die Gruppe ihr den Fluchtweg. Sie bekam ein flaues Gefühl im Magen.

„Meine Cousine arbeitet drüben in Stone Creek bei der Post“, verkündete die nächste Frau. „Sie hat mir erzählt, dass Brad sich die Fanpost zur Ranch der Familie am Stadtrand nachschicken lässt. Also ist er weder in einer Suchtklinik noch auf einem anderen Planeten. Er ist zu Hause. Evelyn meint, sie müssen eine zweite Scheune allein für all die Briefe bauen.“

Meg rang sich ein Lächeln ab.

Plötzlich drehte sich die erste Frau zu ihr um. „Sie waren doch mal mit Brad O’Ballivan zusammen, nicht wahr, Meg?“

„Das … ist lange her“, brachte Meg so gelassen wie möglich hervor, obwohl sie gerade Panik bekam. „Wir waren noch Kinder, und es war eine Sommerromanze …“ Hektisch schätzte sie die Entfernung zwischen Indian Rock und Stone Creek – höchstens vierzig Meilen. Nicht weit genug.

„Bestimmt ist Meg mit vielen berühmten Männern ausgegangen“, meinte eine der anderen Frauen. „Schließlich hat sie für McKettrickCo gearbeitet und ist mit dem Firmenjet durchs ganze Land geflogen …“

„Damals war Brad noch nicht sehr bekannt“, sagte Meg mit matter Stimme.

„Bestimmt vermissen Sie Ihr altes Leben, oder!?“

Natürlich fiel es Meg noch immer schwer, von Vollgas auf Leerlauf umzuschalten, seit das Familienunternehmen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden war und sie ihren Job in der Geschäftsleitung verloren hatte. Aber was sie definitiv nicht vermisste, waren die unzähligen Besprechungen und die Sechzigstundenwoche. Geld war nicht das Problem, denn ihr Erbe war schließlich gut angelegt.

Noch während sie nach einer nicht allzu unhöflichen Antwort suchte, ging die Haustür wieder auf.

Sierra kam herein und sah sich erstaunt um.

„Überraschung!“, riefen alle.

Ja, für mich, dachte Meg betrübt, denn Brad O’Ballivan ist zurück.

Brad legte den Gang ein und fuhr zum Fuß des Hügels, wo sich die Straße gabelte – nach links, und er wäre in fünf Minuten zu Hause. Rechts ging es nach Indian Rock, aber dort hatte er nichts verloren, denn er hatte Meg McKettrick nichts zu sagen und wollte sie nie wiedersehen.

Er bog nach rechts ab.

Er hätte nicht erklären können, warum er es tat.

Er fuhr einfach.

Nach einem Moment brauchte er Ablenkung, schaltete das Autoradio ein und suchte, bis er einen Countrymusiksender fand. Seine eigene Stimme drang aus sämtlichen Lautsprechern.

Die Ballade habe ich für Meg geschrieben.

Er stellte das Radio ab.

Fast gleichzeitig läutete das Handy in seiner Jackentasche. Er überlegte, ob er es ignorieren sollte. Es gab einige Leute, mit denen er nicht reden wollte. Aber wenn es eine seiner Schwestern war? Wenn sie Hilfe brauchte?

Er klappte das Handy auf, ohne den Blick von der kurvigen Straße zu nehmen. „O’Ballivan.“

„Bist du endlich wieder bei Verstand?“, fragte sein Manager Phil Meadowbrook. „Soll ich dir noch mal sagen, wie viel Geld die Leute in Las Vegas bieten? Du meine Güte, sie wollen dir ein eigenes Theater bauen! Es geht um einen Dreijahresvertrag …“

„Phil?“

„Sag Ja!“, flehte Phil.

„Ich habe mich zur Ruhe gesetzt.“

„Du bist fünfunddreißig. Kein Mensch setzt sich mit fünfunddreißig zur Ruhe!“

„Dieses Gespräch hatten wir schon, Phil.“

„Leg jetzt nicht auf!“

Seufzend nahm Brad den Daumen von der roten Taste.

„Was zum Teufel willst du in Stone Creek in Arizona? Viehjagd? Deinem Pferd was vorsingen? Denk an das Geld, Brad. Denk an die Frauen, die dir ihre Unterwäsche auf die Bühne werfen …“

„Ich versuche gerade, nicht daran zu denken“, erwiderte Brad. „Danke für die Erinnerung.“

„Okay, vergiss das mit der Unterwäsche. Aber denk wenigstens an das Geld!“

„Davon habe ich bereits mehr, als ich brauche, Phil. Und du auch, also erspar mir das Märchen, dass deine Enkelkinder auf der Straße leben und in den Müllcontainern hinter dem Supermarkt wühlen.“

„Das habe ich dir schon mal erzählt, was?“

„Allerdings.“

„Was machst du eigentlich gerade?“

„Ich fahre zum Dixie-Dog-Drive-in.“

„Zum was?“

„Auf Wiederhören, Phil.“

„Was willst du im Dixie-Dog-Drive-in tun, was du in Music City nicht tun könntest? Oder in Vegas?“

„Das verstehst du nicht“, antwortete Brad, „und ehrlich gesagt, ich kann es dir nicht mal verdenken, denn ich verstehe es selbst nicht.“

Früher hatten Meg und er sich im Dixie getroffen, wenn einer von ihnen fort gewesen war. Sie hatten sich dazu nicht verabreden müssen, es hatte einfach so funktioniert. Wahrscheinlich wollte er herausfinden, ob es noch immer klappte.

„Hör zu“, begann Phil, „ich kann die Kasinoleute nicht ewig hinhalten. Im Moment bist du begehrt, aber das wird irgendwann vorbei sein. Ich muss ihnen etwas sagen …“

„Sag einfach Danke, aber Nein danke“, schlug Brad vor und klappte das Handy zu.

Phil rief noch zwei Mal an, bevor er aufgab.

Je vertrauter die Umgebung wurde, desto strenger befahl Brad sich selbst, anzuhalten und umzukehren. Die alten Zeiten waren vorbei, Meg und er hatten sich nicht gerade freundschaftlich getrennt, und außerdem würde sie nicht im Dixie Dog auf ihn warten.

Er fuhr weiter.

Vorbei am Schild, das ihn in Indian Rock willkommen hieß, und vorbei am Road House, einem bei Einheimischen, Touristen und Truckern beliebten Imbiss. Als er auf die Main Street gelangte, musste er lächeln – bei Cora’s Curl and Twirl hatte er sich als Jugendlicher die Haare schneiden lassen. Mit gerunzelter Stirn starrte er auf die Buchhandlung daneben. Das Geschäft war neu.

Und wenn das Dixie Dog dichtgemacht hatte?

Wenn die Fenster mit Brettern vernagelt waren und auf dem verlassenen Parkplatz Unkraut wucherte?

Und wenn schon.

Brad seufzte. Vielleicht hatten Phil und alle anderen recht – vielleicht war es verrückt, die Sache in Las Vegas abzusagen. Vielleicht müsste er wirklich bald im Pferdestall sitzen und den Tieren etwas vorsingen.

Er bog um eine Kurve, und da lag das Dixie Dog – noch immer geöffnet. Die große Leuchtreklame, ein riesiger Hotdog aus Neonröhren, färbte sich erst rot fürs Ketchup und dann gelb für den Senf. Vor dem Drive-in-Schalter und auf dem Parkplatz standen ein paar Autos.

Brad hielt an einer der Sprechanlagen und kurbelte die Fensterscheibe der Fahrertür herunter.

„Willkommen im Dixie-Dog-Drive-in“, begrüßte ihn eine fröhliche Mädchenstimme. „Was kann ich für Sie tun?“

Darüber hatte er noch gar nicht nachgedacht. Aber nach einem kurzen Blick auf die erleuchtete Speisekarte kam nur eines infrage. „Einen Dixie Dog ohne Chili und Zwiebeln.“

„Kommt sofort. Möchten Sie etwas trinken?“

„Einen Chocolate Shake.“

Sein Handy läutete.

Er ignorierte es.

Das Mädchen dankte ihm für seine Bestellung. Etwa fünf Minuten später rollte es auf Inlinern an seine Fensterscheibe heran und brachte ihm das Bestellte. Als es Brad erkannte, wurden die Augen des Mädchens ganz groß, und es ließ das Tablett fallen.

Verdammt. Er hatte ganz vergessen, dass er berühmt war.

Das Mädchen, ein mageres Ding mit zu viel Make-up an den Augen, begann zu weinen. „Tut mir leid!“, schluchzte es und bückte sich nach seiner im Staub gelandeten Mahlzeit.

„Kein Problem“, sagte Brad leise und warf einen Blick auf ihr Namensschildchen. „Wirklich, Mandy, das macht nichts.“

„Ich hole Ihnen sofort einen neuen Dog und einen neuen Shake, Mr O’Ballivan!“

„Mandy?“

Sie hob den Kopf. Ihr Make-up war verschmiert. „Ja?“

„Erzählen Sie niemandem, dass Sie mich gesehen haben, okay?“

„Aber Sie sind Brad O’Ballivan!“

„Ja.“ Er unterdrückte ein Seufzen. „Ich weiß.“

Sie richtete sich auf und schwankte leicht auf ihren Rollen. „Ihnen zu begegnen, ist so ungefähr das Tollste, was mir in meinem ganzen Leben passiert ist. Ich weiß wirklich nicht, ob ich das geheim halten kann!“

Brad lehnte sich zurück und schloss die Augen. „Nicht für immer, Mandy. Nur so lange, dass ich in Ruhe einen Dixie Dog essen kann.“

Sie beugte sich vor. „Sie haben nicht zufällig eine Autogrammkarte dabei, oder?“

„Nein.“ Phil hatte Kartons voller PR-Fotos, T-Shirts, Konzertprogramme und sonstiger Souvenirs, die auf Tourneen verkauft wurden. Zum Leidwesen seines Managers nahm Brad sie nie mit.

„Sie könnten auf der Serviette unterschreiben!“, sagte Mandy. „Da ist nur an der Ecke etwas Schokolade.“

Er tat ihr den Gefallen.

„Jetzt kann ich meinen Enkeln erzählen, dass ich Ihr Mittagessen aufs Pflaster vor dem Dixie-Dog-Drive-in gekippt habe, und das hier ist der Beweis.“ Strahlend wedelte Mandy mit der Serviette.

Brad rang sich ein Lächeln ab.

„Dass ich Sie gesehen habe, verrate ich erst, wenn Sie weg sind“, versprach Mandy. „So lange halte ich durch.“

„Das wäre gut.“

Sie rollte zum Seiteneingang.

Brad wartete und fragte sich, warum er nicht mit so etwas gerechnet hatte.

Kurz darauf kehrte Mandy zurück. „Ich habe es niemandem erzählt“, flüsterte sie, „aber Heather und Darlene wollten beide wissen, warum meine Wimperntusche verschmiert ist.“ Sie befestigte das Tablett am Wagen.

Brad hielt ihr einen Geldschein hin.

Sie schüttelte den Kopf. „Der Chef hat gesagt, das geht aufs Haus, weil ich die erste Bestellung fallen gelassen habe.“

„Danke.“

Mandy verschwand, und Brad griff gerade nach dem Hotdog, als ein roter Geländewagen neben ihm hielt. Die Fahrertür ging auf und knallte gegen die Sprechanlage.

Sein Herz schlug schneller.

Und dann stand Meg McKettrick vor ihm. Ihre Augen blitzten.

Brad lächelte und sagte: „Wie es aussieht, hast du mich doch noch nicht vergessen.“

Nachdem Sierra alle ihre Geschenke ausgepackt hatte und der Kuchen und die Bowle serviert worden waren, hatte Meg die alte vertraute Sehnsucht verspürt und war schnurstracks zum Dixie-Dog-Drive-in gefahren. Jetzt, da sie dort auf dem Parkplatz stand, am offenen Seitenfenster eines Pick-ups und fast Nase an Nase mit Brad O’Ballivan, wusste sie nicht mehr, was sie tun – oder sagen – sollte.

Angus stieß sie von hinten an, und sie zuckte zusammen.

„Mach den Mund auf“, befahl ihr verstorbener Vorfahre.

„Halt dich raus“, entgegnete sie, ohne nachzudenken.

Verwirrt sah Brad sie an. „Wie bitte?“

„Nichts.“ Meg wich einen Schritt zurück. „Ich bin über dich hinweg.“

Brad lächelte. „Es hat also funktioniert“, erwiderte er und stieg aus. Sein dunkelblondes Haar war zerzaust, und statt des Westernoutfits, in dem er auf den Bühnen auftrat, trug er ganz normale Kleidung.

„Was hat funktioniert?“, wollte sie wissen.

Brad breitete die Hände aus – Hände, die früher einmal über ihren Körper geglitten waren wie über Gitarrensaiten. Oh ja, Brad O’Ballivan wusste, wie man Saiten zum Klingen brachte.

„Unser freies Land“, sagte er, „oder ist Indian Rock endlich aus den USA ausgetreten, mit dem Ranchhaus von Triple M als Kapitol?“

Obwohl sie am liebsten zu ihrem Wagen gerannt und mit quietschenden Reifen vom Parkplatz gerast wäre, blieb Meg, wo sie war, und hob das Kinn.

McKettricks rennen nicht davon.

„Ich habe gehört, dass du in einer Entzugsklinik warst.“

„Das ist nur ein böses Gerücht“, antwortete er fröhlich.

„Was ist mit den beiden Exfrauen und dem Skandal mit der Schauspielerin?“

Sein gelassenes Lächeln wurde noch breiter. „Das mit den beiden Exfrauen lässt sich leider nicht bestreiten. Und was die Schauspielerin betrifft … Na ja, es kommt darauf an, ob man ihre oder meine Version glaubt. Hast du etwa alles gelesen, was über mich in den Zeitungen stand, Meg McKettrick?“

Sie errötete. „Nein.“

Brad sah nicht überzeugt aus. Vermutlich war er eingebildet genug, um anzunehmen, dass sie regelmäßig auf seine Homepage schaute, sich jede seiner CDs kaufte und sämtliche Artikel verschlang, die über ihn in der Boulevardpresse erschienen. Das tat sie zwar wirklich, aber das brauchte er nicht zu wissen.

„Du bist noch immer die bestaussehende Frau, die ich jemals gesehen habe“, sagte er. „Daran hat sich nichts geändert.“

„Ich gehöre nicht zu deinem Fanklub, O’Ballivan. Also spar dir deine falschen Komplimente, okay?“

Sein Lächeln verblasste nicht, aber sein Blick wurde traurig. Er warf einen Blick auf seinen Pick-up, bevor er Meg wieder ansah. „Ich schmeichle niemandem.“ Er seufzte. „Ich sollte wohl nach Stone Creek zurückfahren.“

Irgendetwas in seiner Stimme machte sie neugierig.

Nein, sie durfte sich nichts vormachen.

Alles an ihm weckte ihre Neugier. Sie wollte es nicht, aber es war nun einmal so.

„Es tut mir leid, dass Big John gestorben ist.“ Fast hätte sie ihm eine Hand auf den Arm gelegt. In letzter Sekunde beherrschte sie sich, denn sobald sie Brad O’Ballivan berührte, konnte alles Mögliche passieren.

„Danke“, erwiderte er leise.

Ein Mädchen kam auf Rollschuhen herbei und entfernte das Tablett vom Seitenfenster. „Vielleicht habe ich mich verplappert“, gestand es mit roten Wangen, „dass Sie hier sind und mir ein Autogramm gegeben haben, meine ich.“

Brad murmelte etwas.

Das Mädchen rollte davon.

„Ich muss los“, sagte er und schaute zum Restaurant hinüber, hinter dessen Fensterscheiben sich zahlreiche neugierige Gesichter drängten. Jeden Moment konnte der Ansturm einsetzen. „Ich nehme nicht an, dass wir zusammen essen könnten, oder? Vielleicht morgen Abend? Es gibt … Na ja, es gibt ein paar Dinge, die ich dir sagen möchte.“

Meg zögerte.

„Oder auf einen Drink? In Stone Creek ist eine Bar.“

„Na gut“, gab sie nach. „Ein Drink kann wohl nicht schaden.“

Brad stieg in seinen Wagen. Die Tür des Drive-in-Restaurants knallte gegen die Wand, und seine Fans kreischten vor Begeisterung.

„Nun fahr schon!“, rief Meg.

„Morgen Abend um sechs.“ Er gab Gas, wich seinen Bewunderinnen aus und raste vom Parkplatz.

Die Sonne ging unter, als Brad auf der Heimfahrt den letzten Hügel erreichte, auf der Kuppe hielt und zum ersten Mal seit der Beerdigung seines Großvaters auf die Stone-Creek-Ranch hinunterschaute. Der Bach schlängelte sich silbrig grau mitten durchs Land. Die Scheune und das Haupthaus, die Sam O’Ballivan mit eigenen Händen gebaut hatte, standen so unverrückbar und imposant da wie immer. Früher einmal hatte es zwei Wohnhäuser gegeben. Das, in dem der ursprüngliche Eigentümer des Landes gelebt hatte, Major John Blackstone, war vor langer Zeit abgerissen worden. Dort ragten jetzt einige Eichen auf, die ein paar alte Gräber umgaben.

In einem davon ruhte Big John.

Brad musste schlucken. Wenn es so weit ist, sorg dafür, dass ich bei unseren Vorfahren liege, hatte Big John zu ihm gesagt. Ich will nicht auf den Friedhof in der Stadt.

Es war nicht einfach gewesen, aber Brad hatte es geschafft, eine Ausnahmegenehmigung zu bekommen.

Am liebsten wäre er sofort zu Big Johns letzter Ruhestätte gegangen, um ihm zu gedenken, aber vor dem Ranchhaus parkten mehrere Wagen. Seine Schwestern warteten darauf, ihn daheim willkommen zu heißen.

Brad blinzelte, rieb sich die Augen und fuhr weiter.

Es war an der Zeit, sich seiner Familie zu stellen.

Auf dem Rückweg zur Triple M fuhr Meg an dem alten Ranchhaus vorbei, in dem Angus gelebt hatte.

„Ich wette, wenn du dich von dem singenden Cowboy schwängern lässt, macht er dich zu einer anständigen Frau“, meldete ihr unerwünschter Begleiter sich unvermittelt zu Wort.

„Tolle Idee“, entgegnete sie scharf. „Und zu deiner Information, ich bin eine anständige Frau. Als Kind war ich froh, dass du dich um mich gekümmert hast, Angus. Aber jetzt bin ich erwachsen und führe mein eigenes Leben.

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