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In einer zärtlichen Winternacht

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Linda Lael Miller

In einer zärtlichen Winternacht

Ein Cowboy zum Verlieben

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Hör auf die Stimme deines Herzens

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder
auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der
gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Linda Lael Miller

Ein Cowboy zum Verlieben

Roman

Aus dem Amerikanischen von Tess Martin

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1. KAPITEL

Stillwater Springs, Montana

20. Dezember 1910

Der Ladentresen von Willands Gemischtwarenladen, in dem es nach Sattelleder und Holzrauch duftete, schien zu schwanken, als Juliana Mitchell mit angehaltenem Atem davorstand.

Der Brief war endlich angekommen.

Der Brief, auf den Juliana gewartet, den sie sehnlichst erhofft und nach dem sie, ihren Stolz herunterschluckend, immer wieder gefragt hatte. Gleichzeitig hatte sie sich schrecklich vor ihm gefürchtet.

Ihr Herz machte einen schmerzhaften kleinen Satz, während sie den Umschlag aus Mr Willands ausgestreckter Hand nahm. Die Handschrift, ein geneigtes Gekrakel in schwarzer Tinte, gehörte definitiv ihrem Bruder Clay. Der Brief war in Denver abgestempelt worden.

In der Ferne kündigte der vom Schnee gedämpfte Pfiff die Ankunft des Zuges aus Missoula an, der nur einmal in der Woche unterwegs in Richtung Süden durch die Stadt fuhr.

Juliana spürte die Anwesenheit ihrer vier Schützlinge, die an der Ladentür warteten, weil sie wussten, dass sie hier nicht gern gesehen waren. Sie drehte sich vom Tresen und Mr Willands missbilligendem Blick weg, bevor sie das beeindruckende rote Wachssiegel aufbrach.

Bitte, Gott, betete sie stumm, bitte!

Nachdem sie einmal tief Luft geholt und sie langsam wieder ausgestoßen hatte, biss Juliana sich auf die Lippe und nahm das gefaltete Papier aus dem Kuvert.

Ihr wurde schwer ums Herz, ihr Blick verschwamm.

Das Geld, das sie so dringend brauchte und um das sie ihren Bruder gebeten hatte, war nicht in dem Umschlag. Geld, das von Rechts wegen ihr gehörte, ein Teil des Vermögens, das ihre Großmutter ihr hinterlassen hatte. Sie konnte also keine Zugtickets für sich und die vier Kinder kaufen. In das indianische Schulheim, in dem sie alle in den letzten zwei Jahren gelebt hatten, konnten sie auch nicht zurück, da es sich nicht mehr im Besitz des Staates befand. Das kleine, aber robuste Gebäude war an einen Bauern verkauft worden, der seine Kühe darin unterbringen wollte.

Die Hitze aus dem bollernden Ofen in der Mitte des Geschäfts, die sie nach der Kälte draußen noch als so angenehm empfunden hatte, raubte ihr jetzt die Luft zum Atmen.

Trotz allem spürte sie kurz eine verrückte Hoffnung in sich aufsteigen. Vielleicht war doch nicht alles verloren, vielleicht hatte Clay der Post nur nicht vertraut und das Geld telegrafisch angewiesen. Womöglich wartete es genau in diesem Augenblick im Telegrafenamt etwas weiter die Straße hinunter auf sie.

Als sie begriff, dass sie sich an einen Strohhalm klammerte, begannen ihre Augen zu brennen. Schnell blinzelte sie die Tränen weg und zwang sich zu lesen, was ihr älterer Bruder und Vormund geschrieben hatte.

Meine liebste Schwester,

ich hoffe, du bist wohlauf.

Nora, die Kinder und ich sind bei guter Gesundheit. Deine Nichte und dein Neffe fragen immerzu nach dir, so wie auch bestimmte andere Leute.

Ich bedauere, dass ich dir das Geld, um das du mich gebeten hast, nicht guten Gewissens zukommen lassen kann, aus Gründen, die dir wohlbekannt sein dürften …

Juliana zerdrückte das teure Pergamentpapier in der Hand. Ihr wurde übel vor Enttäuschung und dieser frustrierenden Hilflosigkeit, die sie immer verspürte, wenn sie mit ihrem Bruder zu tun hatte.

„Geht es Ihnen gut, Miss?“, hörte sie eine Männerstimme fragen, leise aber deutlich.

Erschrocken schaute Juliana auf. Direkt vor ihr stand ein großer Mann. Seine Haare und Augen waren dunkel, die runde Hutkrempe und die Schultern seines langen Mantels mit Schnee bestäubt.

Während er höflich auf ihre Antwort wartete, nahm er den Hut ab, hängte ihn an die Lehne eines Holzstuhls und lächelte.

„Mein Name ist Lincoln Creed“, sagte er ein wenig ruppig, aber trotzdem freundlich. Er streckte ihr die Hand entgegen, nachdem er seinen Lederhandschuh abgestreift hatte.

Juliana zögerte, ergriff dann doch seine Hand. Schließlich wusste sie, wer er war. Die Creeds besaßen die größte Rinderfarm in diesem Teil des Staates und den Stillwater Springs Courier. Sie kannte seinen Bruder Weston, dem die Tageszeitung gehörte. Außerdem hatte sie die Witwe Creed ein paarmal getroffen, die Matriarchin der Familie. Lincoln selbst aber war sie bisher nie begegnet.

„Juliana Mitchell“, erwiderte sie mit einer perfekten Mischung aus Bescheidenheit und Höflichkeit. Sie hatte immerhin eine gute Erziehung genossen. Schließlich war sie in einem der vornehmsten Häuser in Denver aufgewachsen, hatte importierte Seide und Samt sowie modische Hüte getragen und sich in Kutschen mit livrierten Fahrern und Lakaien fortbewegt.

Wenn sie nur daran dachte, errötete sie vor Scham.

So hatte sie gelebt, bevor sie in Ungnade gefallen war. Bevor Clay sie als Nachlasspflegerin des Vermögens ihrer Großmutter so gut wie enterbt hatte.

Lincolns Blick fiel auf den Brief. „Schlechte Nachrichten?“ Mit den hohen Wangenknochen und dem rabenschwarzen Haar sah er aus, als würde indianisches Blut durch seine Adern fließen.

Der Zug pfiff noch einmal triumphierend. Er war pünktlich in den wackligen kleinen Bahnhof am Stadtrand eingefahren. Die Passagiere würden aus- und einsteigen. Post und Fracht würde auf- und abgeladen werden. Anschließend würde die Lok wieder aus dem Bahnhof tuckern, eine Reihe ratternder Waggons im Schlepptau.

Es dauerte eine volle Woche, ehe der nächste Zug kam.

Bis dahin blieb Juliana und den Kindern nichts anderes übrig, als auf die Barmherzigkeit der Stadtbewohner zu hoffen. In einer größeren Stadt hätte sie sich vielleicht an die Kirche wenden können, aber Stillwater Springs hatte keine. Die Gläubigen trafen sich sporadisch in dem nur für Weiße zugelassenen Schulgebäude, wenn der Wanderprediger in der Stadt war.

Juliana schluckte. Am liebsten hätte sie geweint, doch sie war wild entschlossen, sich nicht gehen zu lassen. „Ich fürchte, es sind wirklich schlechte Nachrichten“, gestand sie zögerlich.

Mr Creed umfasste sanft ihren Ellbogen, schob sie zu einem der leeren Holzstühle vor dem großen Ofen und drückte sie darauf. „Ist jemand gestorben?“, fragte er.

Benommen schüttelte Juliana den Kopf.

Was sollte sie bloß tun? Ohne Geld konnte sie keine Zugfahrkarten für sich und die Kinder kaufen, geschweige denn eine Unterkunft bezahlen.

Mr Creed blickte zu den Kindern, die mit dem Rücken zu ihr aufgereiht vor dem Schaufenster mit dem dürren, trotzdem prächtig geschmückten Christbaum warteten. Sehnsüchtig betrachteten sie das hübsche Spielzeug, das an den Zweigen hing und unter dem Baum lag.

„Ich schätze, Sie sind die Lehrerin der indianischen Schule“, mutmaßte er.

Mr Willand, der Besitzer des Gemischtwarenladens, räusperte sich laut.

Julianas Herz zog sich zusammen, während sie die Kinder betrachtete. Mr Willand ließ sie ebenfalls nicht aus den Augen. Wie so viele Menschen ging er davon aus, dass sie bei der erstbesten Gelegenheit etwas klauen würden – einfach weil sie Indianer waren. Inzwischen gelang es ihr, dieses diskriminierende Verhalten einigermaßen zu ignorieren.

„Ja“, antwortete sie. „Oder zumindest war ich das. Doch die Schule ist jetzt geschlossen.“

Lincoln Creed fixierte Mr Willand eindringlich, dann nickte er langsam. „Ich fand es schade, das zu hören.“

„Seit du letzte Woche hier warst, Lincoln, ist kein Brief gekommen“, meldete sich Willand geradezu hämisch zu Wort. Die Luft in dem überhitzten kleinen Laden schien vor gegenseitiger Abneigung zu knistern. „Schätze, du könntest noch hier warten, ob der Zug etwas gebracht hat, aber du hast mit den ganzen Zeitungsannoncen wohl einfach nur dein Geld zum Fenster rausgeworfen.“

„Jedem tut es leid, Mr Creed“, sagte Juliana leise, „dennoch ist offenbar niemand bereit zu helfen.“

Abgelenkt von Mr Willands Kommentar, antwortete Lincoln nicht sofort.

Juliana stand auf. Doch als sie daran dachte, wie aussichtslos ihre Situation war, sank sie schwerfällig wieder auf den Stuhl. Alle Kraft war aus ihren Beinen gewichen. Vielleicht weil sie die zwei Meilen von der Schule in die Stadt mit all ihrer Habe in einer abgewetzten Tasche zu Fuß gegangen war. Die Kinder hatten ihre geschnürten Bündel unter den Arm geklemmt. Jetzt lagen sie zusammen mit ihrer Tasche auf dem Gehsteig vor dem Gemischtwarenladen.

„Es wird einen Sturm geben, Miss … Mitchell“, meinte Lincoln Creed. „Und es ist kalt und wird immer kälter, außerdem wird es bald dunkel. Da ich draußen kein Fahrzeug gesehen habe, gehe ich davon aus, dass Sie zu Fuß in die Stadt gekommen sind. Meine Kutsche steht vor der Tür. Es wäre mir eine Freude, wenn ich Sie und die Kinder irgendwohin bringen könnte.“

Irgendwohin bringen? Wir können nirgendwohin.

In Stillwater Springs gab es ein Hotel und mehrere Pensionen, doch selbst wenn Juliana Geld gehabt hätte, um eine Unterkunft zu bezahlen, hätte niemand die Kinder aufgenommen.

Sie hatten sich sehr beeilt, um Stillwater Springs noch vor der Abfahrt des Zugs zu erreichen. Und die ganze Zeit über hatte Juliana verzweifelt und wider besseres Wissen an das Geld von Clay geglaubt. Auf dem Weg in die Stadt waren sie immer wieder aufgehalten worden: Little Daisy war gestürzt und hatte sich dabei ein Knie aufgeschlagen. Eine riesige Schafherde hatte die Straße überquert und ihnen den Weg versperrt. Außerdem hinkte Theresa wegen ihres kaputten Fußes.

„Miss Mitchell?“, unterbrach Lincoln ihre Gedanken.

Mr Willand knallte irgendetwas so laut auf den Tresen, dass Juliana zusammenfuhr. „Rühr bloß nichts an!“, schrie er dabei.

Joseph, mit vierzehn der älteste von Julianas Schülern, zog sofort die Hand zurück, die er sehnsüchtig ausgestreckt hatte.

„Verdammtes diebisches Indianerpack …“, fluchte Mr Willand.

Der arme Joseph war ganz bleich geworden. Seine Schwester Theresa begann zu zittern, während die beiden kleinsten Kinder, der vierjährige Billy-Moses und die ein Jahr jüngere Daisy, zu Juliana stürzten und sich furchtsam an ihren Rock klammerten.

„Der Junge hat überhaupt nichts getan, Fred“, sagte Lincoln ruhig. „Kein Grund, die Stimme zu erheben oder ihn gar zu beschuldigen.“

Mr Willand wurde puterrot. „Hast du eine Lebensmittelbestellung aufzugeben?“, fragte er finster.

Lincoln schüttelte den Kopf. „Ich bin nur vorbeigekommen, um zu sehen, ob Post für mich da ist. Hab’s nicht früher geschafft bei dem Wetter.“ Er hielt inne, dann wandte er sich an Juliana. „Am besten bringe ich Sie jetzt da hin, wo Sie hinwollen.“

„Wir können nirgendwohin, Mister“, erklärte Joseph, der noch immer in der Nähe des Schaufensters stand, nun jedoch darauf bedacht war, die Hände sichtbar an den Seiten zu halten. Da er selten sprach, vor allem zu Fremden, erschrak Juliana beinahe über die unvermutete Äußerung des Jungen.

Verwirrt runzelte Lincoln die Stirn. „Wie bitte?“

„Vielleicht kommen wir im Diamond Buckle Saloon unter“, schlug Theresa vor, wobei sie entschlossen ihr Kinn vorreckte. „Wenn wir für unseren Unterhalt arbeiten.“

„Diamond Buckle?“, wiederholte Lincoln fassungslos.

Juliana befürchtete, in Tränen auszubrechen, wenn sie etwas sagte, und das konnte sie sich nicht leisten. Wenn sie nicht stark blieb, würden die Kinder auch noch den letzten Rest Hoffnung verlieren.

„Mr Weston Creed hat doch gesagt, er würde mir zeigen, wie man Lettern setzt“, wandte sich Joseph an Juliana. „Bestimmt könnte ich in einem Hinterzimmer der Redaktion schlafen, und zu essen brauche ich nicht viel. Dann müssten Sie sich um mich keine Sorgen mehr machen, Miss Mitchell.“ Dabei warf er einen besorgten Blick auf seine Schwester und schluckte schwer. Im Gegensatz zu Theresa war er alt genug, um zu wissen, welche Gefahren in einem Etablissement wie dem Diamond Buckle auf ein junges Mädchen lauerten.

Mit erhobenen Händen bat Lincoln um Ruhe.

Nun starrte jeder ihn an, auch Juliana, die inzwischen die kleine Daisy auf ihren Schoß gezogen hatte.

„Ihr alle“, rief er den Kindern zu, „sammelt jetzt ein, was euch gehört, und bringt es in meine Kutsche. Dort findet ihr auch Decken. Wickelt euch warm ein, denn es sind drei Meilen bis zur Ranch, und aus Nordwesten bläst ein eisiger Wind.“

Juliana schob Daisy sanft vom Schoß, um aufzustehen, hielt das Mädchen aber dicht an ihrer Seite. „Mr Creed, wir können keinesfalls …“ Ihre Stimme brach.

„Wie mir scheint, haben Sie keine große Wahl. Ich biete Ihnen und den Kindern einen Platz zum Bleiben an, Miss Mitchell. Nur so lange, bis Sie wissen, was Sie als Nächstes tun sollen.“

„Willst du wirklich, dass diese Wilden unter demselben Dach wohnen wie deine kleine Gracie?“, stieß Mr Willand entsetzt aus. Er durchquerte den leeren Laden und schubste Joseph zur Seite, um sich persönlich davon zu überzeugen, dass in der Schaufensterauslage nichts fehlte.

Wieder schien die Luft zu knistern.

Lincoln machte einen Schritt auf den Ladenbesitzer zu.

Instinktiv griff Juliana nach seinem Arm, um ihn aufzuhalten. Selbst durch den schweren Stoff seines Mantels spürte sie die stählerne Härte seiner Muskeln – offenbar versuchte er mit aller Macht, seine Wut in Schach zu halten.

„Die Kinder sind an solche Bemerkungen gewöhnt“, sagte sie sanft. „Sie wissen, dass sie keine Wilden sind.“

„Geht schon mal zur Kutsche“, erwiderte Lincoln. Er befreite sich nicht aus Julianas Griff, starrte allerdings weiter in Willands tiefrotes Gesicht. „Alle.“

Die vier Kinder warfen Juliana einen Blick zu, die dunklen glänzenden Augen voller Fragen.

Sie nickte.

Als sie zur Tür rannten und sie aufrissen, erklang das fröhliche Bimmeln der kleinen Glocke. Selbst Daisy, die ihre Finger eben noch in ihren Rock gekrallt hatte, sauste hinter den anderen her. Nachdem sie ihren Mantel fester zusammengezogen und die Kapuze aufgesetzt hatte, folgte Juliana ihnen nach draußen.

Lincoln sah ihr hinterher. Er hatte seinen Hut an einen der Holzstühle gehängt und griff jetzt nach ihm. „Es gibt genug Trauer und Kummer in der Welt“, meinte er zu dem Ladenbesitzer, „auch ohne Narren wie Sie, die alles nur noch schlimmer machen.“

Willand reagierte vollkommen ungerührt, blieb aber lieber hinter dem Tresen, für den Fall, dass er sich schnell durch die Hintertür verziehen musste. „Warten wir mal ab, was Mrs Creed dazu sagt, wenn Sie mit einer Horde Rothäute vor ihrer Tür auftauchen …“

Mit etwas mehr Schwung als nötig setzte Lincoln den Hut auf den Kopf. Seine Frau Beth war vor zwei Jahren an einem Fieber gestorben, also bezog Willand sich wohl auf seine Mutter. Cora Creed wäre in der Tat überrascht gewesen, plötzlich fünf Gäste an ihrem Tisch zu entdecken – wenn Lincoln sie nicht kurz zuvor am Bahnhof abgesetzt hätte, und zwar mit so viel Gepäck, dass ein einziger Waggon dafür vermutlich nicht ausreichte. Sie war auf dem Weg nach Phoenix, wo sie gern den Winter bei ihren Verwandten verbrachte.

„Wenn es geht, komme ich morgen zurück“, erklärte er, während er bereits auf die Tür zusteuerte. Bei dem Sturm, der aufzog, konnte er es nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen. Außerdem musste er seine Rinderherden füttern. „Um zu sehen, ob heute mit dem Zug irgendwelche Post kam.“

„Mein Junge ist schon auf dem Weg zum Bahnhof, wie immer, und er wird jede Minute mit dem Postsack zurück sein“, entgegnete Willand widerwillig. „Da kannst du genauso gut noch warten.“

Lincoln ging zum Fenster. Miss Mitchell verfrachtete gerade ihre ungewöhnliche Kinderschar in die Kutsche. Ein warmes Gefühl stieg in ihm auf, ein winziges Lächeln umspielte seine Mundwinkel.

Seit fast einem Jahr suchte er nun schon per Annonce eine Gouvernante für seine siebenjährige Tochter Gracie und eine Haushälterin für sie beide. Erfolglos. Darum hatte er beschlossen, wieder zu heiraten, und da er wusste, dass er keine Frau so lieben konnte wie Beth, war er nicht allzu wählerisch.

Juliana Mitchell mit ihrer weiblichen Figur, den indigoblauen Augen und dem kupferroten Haar, das unter ihrer Haube hervorlugte, nahm ihren Beruf unverkennbar sehr ernst. Immerhin war sie nach Schließung der indianischen Schule geblieben, um sich um die Kinder zu kümmern. Nicht viele Lehrerinnen wären so engagiert gewesen.

Das sprach für ihren Charakter, und was ihr Äußeres betraf, konnte sie es auf jeden Fall mit jeder Frau aufnehmen, die sich möglicherweise auf seine Annonce gemeldet hatte.

Während er das Spielzeug in der Auslage betrachtete, das Willand noch vor Weihnachten zu verkaufen hoffte, fiel sein Blick auf eine kleine Metallbox unter dem Baum, die halb von einer Flagge verdeckt war. Er streckte die Hand danach aus und stellte fest, dass es sich um Wasserfarben handelte, ähnlich wie die, die Gracie zu Hause hatte.

Hatte der Junge die Box so sehnsüchtig angestarrt, als Willand seinen Anfall bekam?

Aus irgendeinem Grund, den er nicht näher benennen konnte, war Lincoln davon überzeugt.

Er hob die flache Blechkiste so hoch, dass Willand sie sehen konnte, bevor er sie in die Innentasche seines Mantels steckte. „Setz das auf meine Rechnung.“ Dann schlug Lincoln den Kragen seines Mantels gegen die Kälte hoch und trat aus dem Gemischtwarenladen auf den hölzernen Gehsteig.

Die Kinder saßen schon hinten in der Kutsche, alle außer dem ältesten Jungen in raue Wolldecken eingemummelt, die Lincoln im Winter immer dabei hatte. Juliana Mitchell wartete auf ihrem Sitz, den Rücken gerade aufgerichtet, das Kinn erhoben, und versuchte, vor Kälte nicht mit den Zähnen zu klappern.

Nachdem Lincoln gerade seinen Mantel zugeknöpft hatte, knöpfte er ihn nun wieder auf, bevor er neben sie kletterte. Schneeflocken fielen langsam vom grauen Himmel. Er nahm die Zügel in die Hand und löste die Bremse. Die Straßen der Stadt waren verlassen – die Leute bereiteten sich auf den Schneesturm vor, den sie wahrscheinlich genauso wie Lincoln bereits in ihren Knochen spürten.

Da er wusste, dass sie zu stolz wäre, um seinen Mantel anzuziehen, schlüpfte er aus seinem rechten Ärmel, drückte Juliana fest an seine Seite und hüllte sie in den Stoff.

Sie versteifte sich, wehrte sich aber nicht.

Er ließ die Pferde lostraben, den Blick fest auf die verschneite Straße gerichtet. Bis sie die Ranch erreichten, würde es bereits dunkel sein, doch die Pferde kannten den Weg.

Juliana Mitchell fühlte sich warm und weich an seiner Seite an. Er hatte ganz vergessen, wie es war, eine Frau zu beschützen. Die Erinnerung daran tat weh, wie verfrorene Gliedmaßen, die langsam wieder auftauten.

Beth war nun schon eine Weile gegangen, und auch wenn er nicht gerade stolz darauf war, so hatte er sich im letzten halben Jahr ein oder zwei Mal drüben in Choteau oder in Missoula mit lockeren Frauenzimmern vergnügt.

Was er jetzt empfand, war natürlich etwas ganz anderes. Obwohl diese Frau ganz offensichtlich das Glück verlassen hatte, war sie eine echte Lady. Ihre Herkunft konnte sie selbst in ihren fadenscheinigen Kleidern nicht verleugnen – schon gar nicht vor einem Rancher, der feinste Rinder und Pferde züchtete.

Minuten später, als sie über die Straße rumpelten, entspannte Juliana sich allmählich an seiner Seite, bis ihm klar wurde, dass sie eingeschlafen war. Bestimmt war sie sehr erschöpft. So traurig, wie sie nach dem Lesen des Briefs aufgesehen hatte, musste etwas sehr Enttäuschendes darin gestanden haben.

Zumindest wusste er, dass niemand gestorben war, denn das hatte er sie sofort gefragt.

Lincoln versuchte sich vorzustellen, was sie so aus der Fassung gebracht hatte, auch wenn ihn das selbstverständlich überhaupt nichts anging.

Vielleicht war sie mit dem Verfasser des Briefes verlobt gewesen, und er hatte sich jetzt für eine andere entschieden.

Seine Schulter begann zu schmerzen, weil er seinen Arm in einem unnatürlichen Winkel um Juliana gelegt hatte, doch das interessierte ihn nicht. Wenn er nicht so ein praktisch veranlagter Mensch gewesen wäre, hätte er die Pferde sogar an der Ranch vorbeigelenkt, nur damit sie sich noch ein wenig länger an seiner Schulter ausruhen konnte.

Der Wind wurde schärfer, der Schnee fiel heftiger. Als er hinter sich zu den Kindern blickte, saßen sie stoisch auf ihren Plätzen, eingepackt in ihre Decken.

Fast eine Stunde war vergangen, da kamen endlich die Lichter der Ranch in Sicht. Dunkelgolden glühten sie in der Finsternis.

Lincolns Herz begann höher zu schlagen, so wie immer, wenn er die letzte Biegung der Straße nahm und sein Heim sah, das etwas weiter oben auf ihn wartete.

Sein Heim.

Er war in diesem großen, einstöckigen Blockhaus mit seinen Steinkaminen als dritter Sohn von Josiah und Cora Creed zur Welt gekommen. Micah, der Erstgeborene, hatte die Ranch schon lange verlassen und ein eigenes Haus unten in Colorado gebaut. Weston, der nächste in der Linie, lebte in der Stadt, in einer Wohnung über dem Diamond Buckle Saloon, wo er den Courier herausbrachte – sofern er nüchtern genug war, um die Druckerpressen zu bedienen.

Zwei Jahre jünger als Wes war Lincoln nur einmal von zu Hause weggegangen, um das College in Boston zu besuchen und danach bei einem Anwalt in die Lehre zu gehen – Beth’ Vater. Sobald er selbst hatte praktizieren können, hatte er Beth geheiratet, sie mit nach Hause auf die Stillwater Springs Ranch genommen und sie mit all der Leidenschaft geliebt, die ein Mann für eine Frau empfinden konnte.

Für ein Mädchen aus der Stadt hatte Beth sich erstaunlich schnell an das einsame Leben auf einer Ranch in Montana gewöhnt, und falls sie Boston jemals vermisst hatte, so hatte sie es nie gesagt. Sie hatte ihm Gracie geschenkt, und zusammen waren sie glücklich gewesen.

Jetzt ruhte sie auf dem kleinen Friedhof hinter den Obstbäumen, so wie Josiah und der vierte Creed-Bruder Dawson.

Dawson. Manchmal war es sogar noch schmerzhafter, an seinen Tod zu denken, als daran, wie Beth gestorben war.

Juliana richtete sich gähnend auf, und er ahnte, dass sie sich für ihr vertrauliches Anlehnen schämte.

„Wir sind fast da“, verkündete er gerade laut genug, dass sie ihn verstehen konnte.

Sie entgegnete nichts, richtete sich aber noch etwas mehr auf und wollte sich von ihm lösen, was allerdings sein Arm und der Mantel verhinderten.

Als sie das Gatter mit dem gebogenen Schild erreichten, wollte Lincoln absteigen, doch Joseph war schneller. Er schob den Riegel zurück, stieß das Tor weit auf, und Lincoln fuhr die Kutsche hindurch.

Sein Vater und Tom Dancingstar hatten das Holz für das Schild geschnitten und glatt gehobelt, die Buchstaben hineingemeißelt und dann mühselig mit glühenden Schürhaken vertieft.

Lincoln betrachtete die Worte immer voller Dankbarkeit und Stolz.

Stillwater Springs Ranch.

Er ließ die Pferde halten, während der Junge das Gatter wieder schloss und zurück in die Kutsche sprang. Die Tiere waren begierig darauf, in den Stall zurückzukehren, wo Heu, Wasser und Wärme sie erwarteten.

Tom stand schon bereit, um ihm beim Abspannen der Pferde zu helfen. Nach eigener Aussage zum Teil Lakota Sioux, zum Teil Cherokee und zu einem Teil Teufel, arbeitete er schon vom ersten Tag an auf der Ranch. Den Namen Tom hatte er sich selbst gegeben, weil seiner Ansicht nach keine weiße Zunge in der Lage war, seinen wirklichen Geburtsnamen auszusprechen.

Er lächelte, kaum dass er Juliana sah, und sie erwiderte sein Lächeln.

Zweifellos kannten sie einander.

War Lincoln am Ende der Einzige in der Gegend, der die Lehrerin der indianischen Schule nicht gekannt hatte?

„Bringen Sie die Kinder ins Haus“, sagte Lincoln zu Juliana. Fast fühlte es sich an, als ob sie beide seit Jahren verheiratet wären und diese Kinder ihre gemeinsamen wären. „Tom und ich kommen nach, sobald wir hier fertig sind.“

Er hob die zwei kleineren Kinder aus der Kutsche. Mit verschlafenem Blick und noch immer in ihre Decken gehüllt stolperten sie ein wenig, verdutzt, dass sie sich auf einmal in einem Stall befanden, umgeben von Pferden und einer Milchkuh.

„Ich kümmere mich um die Pferde“, meinte Tom. „Auf dem Feuer steht ein Eintopf, und Gracie sucht schon seit Sonnenuntergang die Straße nach dir ab.“

Als er an seine blonde, blauäugige Tochter dachte, musste Lincoln lächeln. Klüger als drei Richter und ein ganzer Haufen Geschworener zusammen tendierte Gracie ein wenig zur Ängstlichkeit. Da sie ihre Mutter mit nur fünf Jahren verloren hatte, sorgte sie sich um ihren Vater, wenn er nicht in ihrer Nähe war.

Eine so große Ranch wie Stillwater Springs bedeutete natürlich viel Arbeit. Lincoln war viel unterwegs und musste Gracie dann der Obhut seiner Mutter oder Rose-of-Sharon Gainer, der hochschwangeren Frau eines Hilfsarbeiters, überlassen.

Joseph hielt den Blick auf Tom gerichtet.

„Kann ich hierbleiben und helfen?“, fragte er.

„Darf ich“, korrigierte Juliana ihn und schenkte ihm ein Lächeln. „Ja, Joseph, du darfst.“

Sie beugte sich vor und hob, müde wie sie war, das kleine Mädchen auf den Arm. Lincoln nahm den kleinen Jungen.

„Das ist Daisy“, erklärte ihm Juliana. „Und der Junge, den Sie tragen, heißt Billy-Moses.“ Das Mädchen, das vorgeschlagen hatte, im Diamond Buckle für ihren Unterhalt zu arbeiten, zog schüchtern den Kopf ein und drückte sich etwas fester an die Hüfte ihrer Lehrerin. „Und die Dritte im Bunde ist Theresa.“

Sie ließen Tom und Joseph zurück. Am Eingang vom Stall streifte Lincoln seinen Mantel ab und legte ihn Juliana um die Schultern. Er schleifte am schneebedeckten Boden. Lächelnd raffte sie mit ihrer freien Hand den Stoff und hielt ihn hoch.

Im Haus war es warm, und es duftete nach Toms Wildfleischeintopf. Laternen erleuchteten den Raum. Gracie, die vor dem Ofen im Schaukelstuhl saß und so tat, als hätte sie nicht ungeduldig auf Lincolns Rückkehr gewartet, versteifte sich, kaum dass sie bemerkte, dass er nicht allein war.

Ihre kornblumenblauen Augen weiteten sich, und ihre Lippen formten ein perfektes O.

Daisy und Billy-Moses starrten sie an, wahrscheinlich nicht weniger erstaunt als sie.

„Gracie“, sagte Lincoln überflüssigerweise, „wir haben Besuch.“

Inzwischen hatte sich Gracie von dem Schreck erholt, sprang aus dem Schaukelstuhl und schaute zu Juliana. „Hast du auf eine der Annoncen von meinem Dad geantwortet? Wirst du Gouvernante, Hausmädchen oder seine Frau?“

Ihr Vater zuckte zusammen.

Juliana war ziemlich verblüfft, versuchte aber, sich nichts anmerken zu lassen.

„Ich bin Miss Mitchell“, stellte sie sich freundlich vor. „Und das sind meine Schüler – Daisy, Billy-Moses und Theresa. Außerdem ist da noch Joseph, aber er hilft gerade Mr Dancingstar mit den Pferden.“

„Dann sind Sie eine Gouvernante!“, schrie Gracie jubilierend. Da Lincoln ihr nicht erlaubte, den weiten Weg in die Schule in Stillwater Springs zu gehen, hatte sie Angst, niemals eine richtige Schulausbildung zu bekommen.

„Miss Mitchell ist unser Gast, Gracie. Sie hat auf keine meiner Annoncen geantwortet“, erklärte Lincoln.

Das dämpfte Gracies Stimmung sichtlich, allerdings nur kurz. Wie die meisten Creeds gab sie nicht so schnell auf, wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte.

Nachdem Tom und Joseph aus dem Stall gekommen waren, pumpten sie Wasser in das Becken, um sich zu waschen, und setzten sich dann zu den anderen an den Tisch. Gracie, die bereits gegessen hatte, wirbelte herum, um Eintopf, Brot und Butter zu servieren und Milch aus dem großen Topf, der auf der Hintertreppe stand, zu schöpfen.

Seine Tochter wollte, dass Miss Mitchell sich wohlfühlte, stellte Lincoln lächelnd fest. Sie sollte bleiben und ihr alles beibringen, was sie wissen wollte – und das war nicht wenig. Zu Weihnachten hatte sie sich nicht etwa eine Puppe oder einen Kreisel gewünscht, wie es die meisten kleinen Mädchen getan hätten – nein, Gracie wollte ein Wörterbuch.

Wes machte oft Witze darüber, dass seine Nichte, sobald sie alt genug wäre, um allein in die Stadt zu fahren, den Courier übernehmen könnte. Und dass er dann bis an sein Lebensende mit großer Begeisterung nur noch Zigarren rauchen und Poker spielen würde.

Soweit Lincoln wusste, tat sein Bruder ohnehin nicht viel mehr als Zigarren rauchen und Poker spielen – von seiner Vorliebe für Whiskey und der skandalösen Liebesaffäre mit Kate Winthrop einmal abgesehen, der zufälligerweise das Diamond Buckle gehörte.

Gracie betete ihren Onkel Weston an – und Kate.

Juliana konnte während des Abendessens kaum noch die Augen offen halten. Darum führte Lincoln sie sofort nach dem Essen in das geräumige Zimmer seiner Mutter. Sie, Daisy und Billy-Moses konnten sich das große Bett teilen.

Joseph schlief mit Tom zusammen in einer kleinen Kammer in der Küche, und Theresa sollte bei Gracie im Zimmer übernachten.

Doch Gracie war noch nicht ins Bett gegangen. Mit hellwachen Augen sah sie zu, wie ihr Vater den lauwarmen Kaffee trank, der noch vom Tag übrig war.

„Geh zu Bett, Gracie“, meinte er.

Tom trödelte am Herd herum und trank ebenfalls Kaffee. Er lächelte, als Gracie sich nicht von der Stelle rührte.

„Ich kann jetzt unmöglich schlafen“, erwiderte sie ernsthaft. „Ich bin zur Gänze viel zu aufgeregt.“

Lincoln seufzte. Gracie ging ihm gerade mal bis ans Knie, klang aber manchmal wie ihre Großmutter. „Weihnachten ist erst in fünf Tagen“, sagte er. „Viel zu früh, um jetzt schon wegen der Geschenke nervös zu werden.“

„Ich bin nicht wegen Weihnachten aufgeregt“, erklärte sie mit der übertriebenen Geduld, die sie auch irgendeinem Dorftrottel gegenüber angeschlagen hätte. „Du wirst Miss Mitchell heiraten, und dann kann ich immer mit Billy-Moses und Daisy spielen …“

Tom lachte in seinen Kaffeebecher.

Obwohl auch Lincoln selbst durchaus schon an eine Ehe mit der Lehrerin gedacht hatte, war er damit wohl etwas zu voreilig gewesen. „Gracie, Miss Mitchell ist nicht gekommen, um mich zu heiraten. Sie saß in der Stadt fest, weil die indianische Schule geschlossen worden ist. Deshalb habe ich sie und die Kinder mit nach Hause genommen.“

„Muss ich sie immer noch Miss Mitchell nennen, wenn ihr verheiratet seid? Dann heißt sie doch Mrs Creed, oder? Es wäre aber auch sehr albern, wenn ich herumliefe und ständig Mrs Creed zu ihr sagen würde.“

„Gracie?“

„Was ist denn?“

„Geh zu Bett“, wiederholte Lincoln.

„Ich habe doch schon gesagt, dass ich zu aufgeregt bin.“

„Und ich habe gesagt, dass du zu Bett gehen sollst.“

„Ach, um Himmels willen“, protestierte Gracie verstimmt. Trotzdem stand sie auf, verabschiedete sich von Tom und stellte sich auf die Zehenspitzen, um Lincoln auf die Wange zu küssen.

Ihm wurde ganz warm ums Herz. Ihre blauen Augen, die ihn so sehr an Beth erinnerten, funkelten, als sie zu ihm hinaufsah. Dann spiegelte sich in ihnen ein ernster Ausdruck.

„Sei freundlich zu Miss Mitchell, Dad“, forderte sie ihn auf. „Steh auf, wenn sie den Raum betritt, und rücke ihr den Stuhl zurecht. Wir wollen doch, dass es ihr hier gefällt und sie bei uns bleibt.“

Weil seine Kehle wie zugeschnürt war und seine Augen brannten, konnte Lincoln nicht antworten.

„Kommst du noch, um mit mir zu beten?“, fragte Gracie so wie jeden Abend.

Die Gebete variierten immer ein wenig, aber manche Zeilen davon blieben gleich.

Bitte pass auf meinen Dad auf und auch auf Tom. Ich hätte gern einen eigenen Hund, einen, der mir Stöckchen bringt, und ich möchte in die Schule gehen, damit ich nicht dumm bleibe …

Lincoln nickte. Obwohl er ihre Bitte noch nie abgeschlagen hatte, fragte sie jeden Abend aufs Neue.

Kaum hatte sie das Zimmer verlassen, stellte Tom seine Tasse in das Spülbecken und verschränkte die Arme vor der Brust. „Laut dem jungen Joseph“, sagte er, „haben er und seine Schwester Verwandte in North Dakota – eine Tante und einen Großvater. Sobald sie genug Geld gespart haben, will er mit Theresa nach Hause fahren.“

Als Lincoln sich jetzt von seinem Stuhl erhob und die Lampen herunterdrehte, fühlte er sich viel älter als fünfunddreißig. Tom kümmerte sich in der Zwischenzeit um das Feuer im Kamin.

Diese ausgedehnten Gesprächspausen zwischen ihnen waren ganz normal. Tom hatte Lincoln immer näher gestanden als sein eigener Vater. Josiah Creed war ein harter Brocken gewesen. Weder Lincoln noch Wes waren nach seinem Tod besonders traurig gewesen – das hatten sie Micah, dem Ältesten, und ihrer Mutter überlassen.

„Hat der Junge zufällig erzählt, wie er und das Mädchen auf diese Schule außerhalb von Stillwater Springs gekommen sind?“

Tom richtete sich auf. Sein Profil wirkte im Schein der letzten Laterne grimmig. „Die Regierung hat beschlossen, dass es für ihn und seine Schwester besser wäre, die Lebensweise der Weißen zu lernen“, erklärte er. „Daher haben sie die beiden vor ein paar Jahren aus dem Reservat in North Dakota geholt und sie in verschiedenen, sogenannten Einrichtungen untergebracht. Seit dem Tag haben sie ihre Familie nicht mehr gesehen. Jetzt hatten sie das Glück, gemeinsam in eine Schule zu kommen, und Juliana hat ihnen geholfen, einen Brief zu schreiben. Das ist inzwischen sechs Monate her, und sie haben tatsächlich eine Antwort bekommen.“ Tom brach ab und schluckte sichtlich, seine Stimme wurde heiser. „Die Familie will sie wiederhaben, Lincoln.“

Einen Moment lang stand Lincoln nachdenklich in dem dämmrigen Licht. „Dann werde ich sie zu ihnen schicken. Ich setze sie nächste Woche in den Zug.“

Schließlich antwortete Tom, wobei der Kummer all seiner Vorfahren in seiner Stimme lag. „Sie sind Kinder. Sie sollten diese Reise nicht allein machen.“

Wieder schwiegen die beiden Männer einvernehmlich. Dann sagte Lincoln: „Du willst mit ihnen fahren.“

„Jemand sollte es tun“, erwiderte Tom. „Damit ihnen nichts geschieht. Außerdem kann sich vieles geändert haben, seit der Brief gekommen ist.“

Lincoln dachte über seine Worte nach und nickte. „Was ist mit den Kleinen?“, fragte er, ohne seinen Freund anzusehen. „Daisy und Billy-Moses?“

„Sie sind Waisen“, entgegnete Tom, und Traurigkeit senkte sich über den dunkler werdenden Raum wie ein schweres Gewicht. „Schätze, Miss Mitchell hat vor, sich so lange um sie zu kümmern, bis sie ein neues Zuhause für sie gefunden hat.“

Bis sie ein neues Zuhause für sie gefunden hat. Als ob es sich bei den Kleinen um streunende Hunde oder Katzen handelte.

Mit einem weiteren Nicken wandte er sich ab.

Es war Zeit, zu Bett zu gehen.

Doch er bekam kein Auge zu. Einerseits wegen der Notlage, in die die vier unschuldigen Kinder geraten waren, andererseits weil er wusste, dass Juliana Mitchell direkt auf der anderen Seite der Wand im Bett lag.

2. KAPITEL

Die Matratze fühlte sich wie eine Wolke an, wie mit Federn von Engelsflügeln gefüllt, doch Juliana fand keinen Schlaf. Daisy ruhte arglos an ihrer rechten Seite und lutschte an ihrem winzigen Daumen, während Billy-Moses sich auf der linken Seite fest an sie geschmiegt und in ihr Nachthemd verkrallt hatte. Der Stoff war noch immer halb gefroren, nachdem er den ganzen Tag in ihrer Tasche in der Kälte gelegen hatte.

Juliana lauschte den Geräuschen im Haus, hörte das Knarren einer Bodendiele oder des Holzdachs, das Öffnen und Schließen einer Tür etwas weiter den Korridor hinunter. Wahrscheinlich war Lincoln Creed gerade in sein Zimmer gegangen oder in das seiner Tochter, um ihr noch einen Gutenachtkuss zu geben. Ob er wohl auch ein freundliches Wort für Theresa übrig hatte, die so hungrig nach Zuneigung war? Oder richtete er seine ganze Aufmerksamkeit auf seine kleine Tochter?

Gracie war ein entzückendes Kind, hübsch wie eine Puppe mit den langen Wimpern, den goldenen Ringellocken und der rosa angehauchten Porzellanhaut. Im Vergleich zu anderen Kindern höchst privilegiert – zumal im Vergleich zu ihren vier Schützlingen –, wirkte sie ein wenig altklug, schien aber kein verzogener Fratz zu sein. Sie hatte die Neuankömmlinge auf der Stillwater Springs Ranch mit großer Neugier beäugt, später hatte sie für die Kinder Milch in Becher geschöpft und sie ihnen sogar an den Tisch gebracht.

Juliana versetzte es ein Stich ins Herz. Gracie hatte einen starken, liebevollen Vater, ein Zuhause, und sie war gesund. Doch hinter all diesen Vorzügen lauerte eine Einsamkeit, die für ein so junges Mädchen untypisch war. Gracie hatte ihre Mutter sehr früh verloren, und niemand verstand den Schmerz darüber besser als Juliana selbst. Sie war sechs gewesen, als ihre Mutter an Schwindsucht gestorben war. Julianas Vater, halb wahnsinnig vor Trauer, hatte seine beiden Kinder zwei Wochen nach der Beerdigung bei der Großmutter abgegeben und sich in die Trunksucht gestürzt.

Ihr drei Jahre älterer Bruder Clay hatte sich nach dem Tod der Mutter von einem fröhlichen, verschmitzten Jungen zu einem ernsten Mann entwickelt, scheinbar über Nacht. Auf diese Weise hatte Juliana nicht nur ihre Eltern, sondern auch ihren Bruder verloren.

Julianas Großmutter Victoria Martson war bereits Witwe, als ihre einzige Tochter starb. Sie liebte ihre beiden Enkel Juliana und Clay bedingungslos. Und sie hatte ihnen alles ermöglicht, was in ihrer Macht stand – Hauslehrer, Musikunterricht und in Julianas Fall den Besuch eines Mädchenpensionats, wo sie jedoch vor allem lernte, mit Männern Konversation zu betreiben, elegant Tee einzuschenken und beim Gehen ein Buch auf dem Kopf zu balancieren. Nachdem sie das erkannt hatte, wechselte sie heimlich auf die sogenannte Normal School und ließ sich zur Lehrerin ausbilden. Clay besuchte währenddessen ein College in San Francisco.

Juliana wohnte weiterhin mit ihrer Großmutter in Denver und besuchte jeden Tag den Unterricht. Dabei ließ sie die alte Dame in dem Glauben, dass sie weiterhin an der Perfektionierung ihres gesellschaftlichen Auftretens arbeitete. In Wahrheit wartete sie die ganze Zeit darauf, dass ihr eigenes Leben endlich begann.

Trotz allem wusste Juliana sehr wohl, wie gut es ihr ging. Für sie wurde gesorgt, sie konnte schöne Kleider tragen und bekam eine Ausbildung, von der die meisten jungen Frauen nur träumen konnten. Und doch war da immer eine kindliche Sehnsucht in ihrem Herzen, die Sehnsucht nach ihrer schönen, lachenden Mom.

Nach dem Schulabschluss – ihre Großmutter war nur wenige Wochen zuvor an Herzversagen gestorben – begann sie ihre berufliche Laufbahn mit großen Hoffnungen, krempelte die Ärmel hoch und stürzte sich in die Arbeit. Die kühle Missbilligung ihres Bruders ignorierte sie zunächst. Er wollte, dass sie seinen Geschäftspartner John Holden heiratete, und er verwaltete das Vermögen ihrer Großmutter. An dem Tag, an dem Juliana John den Verlobungsring zurückgab und stattdessen eine Stelle an einer Schule für indianische Jungen in einer kleinen Stadt in Colorado annahm, enterbte er sie.

Also verließ Juliana Denver mit nichts als ein paar schlichten Kleidern und einigen wenigen persönlichen Habseligkeiten im Gepäck. Clay ging sogar so weit, sie mit den Worten, sie könne gern zurückkommen, wenn sie wieder bei Verstand wäre, aus dem Elternhaus zu verbannen.

Für Clay bedeutete „bei Verstand sein“ nichts anderes als eine lieblose Ehe mit einem Witwer einzugehen, der über zwanzig Jahre älter war als sie und zwei Töchter in Julianas Alter hatte.

Es waren gehässige Töchter, die ständig abfällige Bemerkungen über Juliana machten und ihre künftige Stiefmutter als Eindringling betrachteten, der es auf den Schmuck ihrer verstorbenen Mutter, ihr Haus und ihren Vater abgesehen hatte.

Bei dem Gedanken daran biss Juliana sich auf die Unterlippe, ihre Augen brannten ein wenig. Ohne Eleanor und Eugenie wäre sie mit John vielleicht sogar zufrieden gewesen, wenn auch nicht glücklich. Er war ein freundlicher, belesener Mann, bei dem sie sich sicher gefühlt hatte.

Doch irgendwann erkannte sie, dass sie in ihm einen Vater sah und keinen Ehemann, was sie John auch erklärte. Er reagierte zwar enttäuscht, aber verständnisvoll und wünschte ihr eine glückliche Zukunft.

Clay hingegen war außer sich vor Wut geraten. Sein sonst so attraktives Gesicht war so hart wie Stein geworden, als sie ihm von der aufgelösten Verlobung erzählt hatte.

In den sechs Jahren, die seitdem vergangen waren, hatte er sich ein wenig versöhnlicher gezeigt – wahrscheinlich weil seine Frau Nora immer wieder ein gutes Wort für Juliana einlegte. Er schrieb regelmäßig Briefe, lud Juliana sogar ein, ihn zu besuchen, und bot an, ihr die Kleider und Bücher nachzuschicken, die sie zurückgelassen hatte. Doch bei allem, was die Erbschaft betraf, blieb er unnachgiebig.

Selbst als John Holden vor einem Jahr ganz unerwartet gestorben war und damit als möglicher Ehemann für Juliana für immer ausschied, gab er nicht nach. Dann, nachdem sie Monate gebraucht hatte, um all ihren Mut zusammenzunehmen und ihn um einen bescheidenen Bankwechsel zu bitten, da ihr Gehalt sehr gering war, hatte Clay mit Worten geantwortet, die bis heute an Julianas Stolz nagten. „Ich werde nicht zusehen, wie du Geld zum Fenster rauswirfst, um Schuhe und Schulbücher für eine Meute rothäutiger Waisen und Herumtreiber zu kaufen“, hatte er geschrieben.

Bei der Erinnerung schnürte sich ihr noch immer die Kehle zusammen.

Clay würde erst aufhören, sie zu bestrafen, wenn sie nicht mehr unterrichtete und einen Mann heiratete, der seine Zustimmung fand. Dann – und nur dann – würde er nachgeben. Das war die traurige Wahrheit.

Was für eine Närrin sie gewesen war, ihn abermals um Geld zu bitten, damit sie Joseph und Theresa sicher nach Hause schicken und sich so lange um die beiden Kleinen kümmern konnte, bis sie ein anständiges Zuhause für sie gefunden hatte.

Dass Julianas Vorgesetzter Mr Philbert, der Beauftragte des Bureau of Indian Affairs, davon ausging, dass die vier Schüler schon längst zusammen mit den älteren Schülern zu ihrer alten Schule in Missoula zurückgeschickt worden waren, erschwerte die Situation zusätzlich. Früher oder später würde Mr Philbert erfahren, dass sie seine Befehle nicht nur missachtet, sondern ihn auch noch angelogen hatte. Zumindest teilweise.

Als offizieller Repräsentant der amerikanischen Regierung konnte der Mann sie wegen Kindesentführung einsperren und Daisy und Billy-Moses in eine andere Institution einweisen lassen, irgendwo weit weg, wo sie im besten Fall einfach nur vernachlässigt werden würden. Juliana, die in mehreren solcher Einrichtungen gearbeitet hatte, wusste, dass nur die wenigsten Erzieher in der Lage waren, über die Hautfarbe ihrer Schützlinge hinwegzusehen.

Um sich Mr Philbert und seine unvermeidliche Reaktion aus dem Kopf zu schlagen, dachte sie an ihre Schüler, von denen sie sich hatte verabschieden müssen: Mary Rose, siebzehn und selbst kurz davor, die Normal School zu besuchen, Ezekiel, sechzehn, der die Schule beenden und dann zu seinem Stamm zurückkehren wollte. Und dann war da noch Angelique, ebenfalls siebzehn wie ihre Cousine Mary Rose, süß und bescheiden und schrecklich verliebt in einen Jungen, den sie in Stillwater Springs kennengelernt hatte.

Halb Blackfoot und halb weiß hatte Blue Johnston sie ein paarmal besucht. Er war ein hübscher, sympathischer junger Mann mit blitzendem Lächeln und der Aussicht auf einen Job als Viehtreiber auf einer Ranch außerhalb von Missoula. Obwohl Juliana das junge Paar im Auge behalten und Angelique wiederholt vor den Gefahren der körperlichen Liebe gewarnt hatte, war es den beiden immer wieder gelungen, sich zusammen aus dem Staub zu machen.

Insgeheim hatte Juliana befürchtet, dass Angelique und ihr Prinz bei der erstbesten Gelegenheit zusammen weglaufen und heiraten würden. Und diese Gelegenheit hatte sich möglicherweise vor einer Woche ergeben, als Angelique und die anderen in den Zug gestiegen waren, um nach Missoula zurückzukehren. Falls ihre Befürchtungen sich bewahrheiten sollten – oder bereits hatten –, würde Mr Philbert in Wutgeschrei ausbrechen, sich aber innerlich die Hände reiben, da er nun eine Sorge weniger hätte.

Schritte auf dem Flur rissen Juliana aus ihren Gedanken. Wieder wurde eine Tür geöffnet und geschlossen, dann war alles still.

Das ganze Haus schien sich zur Ruhe zu betten. Nur Juliana nicht.

Sanft löste sie sich von den schlafenden Kindern und stieg aus dem Bett.

Die Eiseskälte prallte gegen ihren Körper wie die Druckwelle nach einer Explosion. In dem Zimmer stand zwar ein kleiner Ofen, doch darin brannte kein Feuer.

Zitternd durchquerte sie das Zimmer und fand zu ihrer Erleichterung Streichhölzer, Zeitungspapier, Anmachholz und größere Holzstücke in einem Korb. Mit tauben Fingern öffnete sie die Ofentür und machte Feuer.

Die beißende Kälte des Bodens drang durch die Sohlen ihrer nackten Füße, das einzige, große Fenster war mit Eisblumen bedeckt. Das silberne Leuchten deutete darauf hin, dass der Mond sich hinter den schneebeladenen Wolken hervorgekämpft hatte – vielleicht war der Sturm schon vorbei.

Juliana schlich lautlos auf und ab, bis der Raum sich allmählich erwärmte, dann angelte sie Clays zerknitterten Brief aus der Tasche ihres Morgenmantels. In dem Lebensmittelladen war sie zu verzweifelt gewesen, um das Schreiben zu Ende zu lesen. Jetzt, hellwach im Haus dieses wohltätigen Fremden, glättete sie das Papier mit der flachen Hand.

Da sie keine Lampe anzünden wollte, um die Kinder nicht zu wecken, die so friedlich in ihren Federbetten schliefen, kniete Juliana sich neben das Feuer, öffnete die Ofentür wieder einen Spalt und las im Licht der flackernden Flammen den Rest des Briefs.

Bald wirst du sechsundzwanzig, Juliana, und bist noch immer unverheiratet. Nora und ich machen uns natürlich große Sorgen um dein Wohlergehen, ganz zu schweigen von deinem guten Ruf …

Juliana musste sich mit aller Macht zwingen, den Brief nicht wieder zu zerknüllen und direkt ins Feuer zu werfen.

Clay fuhr in seiner typischen direkten Art fort, zu erklären, dass sie sich für ein Leben in Einsamkeit und Altjungfernschaft entschieden hätte und für einen Skandal sorgen würde, wenn sie weiterhin fernab ihrer Familie lebte. Er fragte sich, welches Beispiel sie damit für ihre kleine Nichte Clara abgab.

Der Brief schloss mit dem unmissverständlichen Befehl, nach Denver zurückzukehren und im Haus ihres Bruders ein Leben „in Bescheidenheit und Ehrfurcht“ zu führen.

Kein zärtliches Wort. Unterschrieben hatte er mit: Es grüßt C. Mitchell.

„C. Mitchell“, wisperte Juliana. „Nicht Clay. Nicht dein Bruder. Nein, C. Mitchell.“

Sie faltete den Briefbogen sorgfältig zusammen, hielt ihn einen Moment in der Hand und schleuderte ihn dann in den Ofen. Ausdruckslos starrte sie die orangenen Flammen an, die das Papier wellten und die Ecken schwärzten. Ihre Augen wurden durch die heiße Luft trocken und brannten. Zwischen ihr und Clay konnte es keine Versöhnung geben.

Sosehr sie ihren Bruder noch immer liebte – denn irgendwo hinter dieser harten Fassade musste der Junge von früher stecken –, konnte sie einfach nicht nach Hause fahren. Natürlich würde sie die kleine Clara und deren Bruder Simon gern einmal kennenlernen. Und Nora hatte sie immer gemocht, diese gutherzige Frau, die niemals die absolute Autorität ihres Ehemannes anzweifelte. Doch Clay würde Juliana wie eine arme Verwandte behandeln, ihr ein paar Pennys abzählen, damit sie sich ein Paket Haarnadeln kaufen konnte, jede ihrer Handlungen beobachten und kritisieren und sie am Abendbrottisch mit den Blicken niederzwingen, wenn sie es wagte, eine eigene Meinung zu äußern.

Nein! Unter diesen Umständen konnte sie keinesfalls nach Hause zurückkehren. Damit würde sie sich endgültig und vollkommen geschlagen geben, und all ihre Lebenslust würde langsam verdorren.

„Missy?“ Das kam von Daisy. Das Kind konnte Julianas Namen nicht aussprechen und nannte sie immer so. „Missy, bist du da?“

„Ich bin hier, Liebling“, versicherte Juliana ihr leise, schloss die Ofentür und stand wieder auf. „Ich bin hier.“

Das allein reichte dem Mädchen, es drehte sich mit einem leisen Murmeln zur Seite und fiel wieder in tiefen Schlaf.

Trotz des Feuers war es noch immer kalt im Raum. Schnell kletterte Juliana zurück ins Bett und zog zitternd die Bettdecke und die ausgebleichten Quilts bis ans Kinn.

Billy-Moses bewegte sich unruhig und verkrallte sich wieder in ihrem Nachthemd.

Daisy kuschelte sich ebenfalls fest an sie.

Juliana starrte zur Decke hinauf, betrachtete den Tanz der Schatten und dachte weiter über die Kinder nach. Irgendwann würde es ihr gelingen, Joseph und Theresa mit dem Zug zu ihrer Familie in North Dakota zu schicken.

Aber was war mit Billy-Moses und Daisy? Sie konnten nirgendwohin gehen außer in ein Waisenhaus oder eine sogenannte „Schule“.

In optimistischeren Momenten glaubte Juliana manchmal daran, ein freundliches Paar zu finden, das diese klugen, schönen Kinder mit Begeisterung adoptieren würde.

Aber dies war kein optimistischer Moment.

Die Armut grassierte unter den Indianern, viele konnten ihre eigenen Kinder nicht ernähren und schon gar nicht die verlorenen Schafe, die „Herumtreiber“, wie Clay und andere sie gern nannten.

Eine Träne lief über Julianas Wange und kitzelte ihre Schläfe. Sie schloss die Augen, versuchte, nicht an die Zukunft zu denken, und wartete darauf, endlich, endlich einzuschlafen.

Es war knackig kalt.

Lincoln hatte noch vor der Abenddämmerung einen Arm voller Holz hereingetragen und in den großen Kamin direkt gegenüber seinem viel zu großen, viel zu leeren Bett gelegt, so wie er es im Winter immer tat. Auch in Gracies Zimmer hatte er ein knisterndes Feuer gemacht, damit sie und Theresa es schön warm hatten. Er wusste, dass Kinder bei dieser Kälte schnell krank wurden. Doch heute Nacht machte er sich nicht die Mühe, seinen Kamin anzuzünden.

Er riss sich die Kleider herunter, selbst die lange Winterunterwäsche, und glitt nackt unter die Bettdecke. Als das eiskalte Leinen seine Haut berührte, fluchte er leise. Nachts vermisste er Beth am meisten, wenn er an ihr leises Lachen und die Wärme ihres Körpers dachte, wie sie sich an ihn geschmiegt und wie sie sich zärtlich geliebt hatten.

Heute war es anders.

Heute konnte er nicht aufhören, über Juliana nachzudenken. Ihr kupferrotes Haar, die Augen so blau wie feuchte Tinte auf dem weißesten Papier und die Art, wie sie sich auf der Heimfahrt unter seinem Mantel an ihn gelehnt hatte.

Wahrscheinlich hatte er darum kein Feuer gemacht. Er bestrafte sich selbst für den Betrug an Beth, der viel tiefer ging als die kurze Erleichterung, die er sich bei den Dance-Hall-Mädchen in anderen Städten verschaffte. Allmächtiger Gott, er hatte vorhin sogar das kleine bronzegerahmte Foto seiner verstorbenen Frau auf Gracies Nachttisch studieren müssen, um sich an ihr Gesicht zu erinnern. Die Erinnerungen an ihre Augen, ihre Nase und die Form ihres Munds hatten sich wie trockene Blätter im Wind zerstreut, kaum dass er im Gemischtwarenladen den ersten Blick auf Juliana geworfen hatte.

Beth hätte die Sache mit den losen Frauen bestimmt verstanden.

Und selbst eine per Katalog bestellte Ehefrau.

Doch genau hier, auf diesem Bett, ihre Hände umklammernd, hatte er ihr geschworen, sie für immer und ewig zu lieben, bis er neben ihr zu Grabe getragen wurde.

Lincolns Augen schmerzten, als er daran dachte, wie tapfer sie gewesen war. Wie sie bei seinem feierlichen Schwur gelächelt hatte, trotz ihrer schweren Krankheit, und ihn gebeten hatte, sein Herz nicht zu verschließen. Um Gracies und um seiner selbst willen.

Aber das hatte sie natürlich nicht so gemeint. Sie hatte immer Romane über Liebe, Mut und vornehme Opferbereitschaft gelesen, das war alles. Als Frau mit vergleichsweise wenig Schwächen war Beth jedoch manchmal äußerst besitzergreifend gewesen. Ihre Eifersucht war bereits aufgelodert, wenn er vor einer Frau, die jünger als sechzig war, den Hut gezogen oder ihr Lächeln erwidert hatte.

Er war völlig vernarrt in seine Frau und ihr immer treu gewesen. Doch Beth’ reicher Vater hatte eine Geliebte gehabt, woraufhin ihre Mutter sich vollkommen von der Welt abgekapselt hatte und krank geworden war. Obwohl es ohnehin kaum eine Gelegenheit dazu gegeben hatte, war Beth ein oder zwei Mal in Tränen ausgebrochen, davon überzeugt, dass es nur eine Frage d

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