Logo weiterlesen.de
In einer stürmischen Sommernacht

1. KAPITEL

Colin McCarthy war nach Hopetown zurückgekehrt!

Abby Hopewell glaubte, sie würde den Boden unter den Füßen verlieren. Es hatte sie so viel Mühe gekostet, ihr Leben neu zu ordnen – und jetzt das!

Da stand er nun im Cliff Walk, mitten im frisch renovierten Hotelfoyer. Das Regenwasser tropfte von seinem Mantel auf ihren schönen Holzfußboden. Und er sah noch genauso umwerfend aus wie damals, als er die Stadt verlassen hatte.

Dasselbe dichte mahagonifarbene Haar, dieselben verwegenen blauen Augen. Und sofort verspürte Abby wieder ein erregendes Kribbeln und wollte sich in seine Arme schmiegen.

Unter dem Tresen ballte sie die Fäuste. Dies war der Mann, in den sie einmal unsterblich verliebt gewesen war und der sich binnen Sekunden in einen kaltherzigen Fremden verwandeln konnte.

„Abby!“ Colin starrte sie an, während sich auf seinem Gesicht die unterschiedlichsten Empfindungen spiegelten. Zuerst blickten seine Augen liebevoll, dann sah sie darin heißes Verlangen, so wie damals … Und plötzlich presste er die Lippen zusammen und musterte sie eiskalt. „Was macht denn eine Hopewell in einem zweitklassigen Provinzhotel hinter dem Tresen?“

Der abrupte Wandel in seinem Verhalten verstörte sie heute genauso wie früher. Und seine Stimme traf sie mitten ins Herz und erinnerte sie an die schmerzlichste Phase ihres Lebens.

Nachdem sie ihm damals ihre Liebe gestanden und ihm alles gegeben hatte, war er plötzlich vollkommen verändert gewesen. Noch ganz erfüllt von seiner Zärtlichkeit, war sie ihm aus seinem Schlafzimmer in die Küche gefolgt, in der er sich mit einem Freund unterhalten hatte. Sein herablassender Blick und seine verletzenden Bemerkungen hatten sie völlig unvorbereitet getroffen.

Seither hatte sie sich oft vorgestellt, wie es wäre, ihn wiederzusehen. Allerdings hätte sie nie im Leben damit gerechnet, dass er unverhofft in ihrem Hotel aufkreuzen würde. Trotz ihrer Verwirrung gelang es ihr, Haltung zu bewahren.

In reserviertem Ton erwiderte sie: „Das Cliff Walk ist ein angesehenes und sehr gut gehendes Hotel. Da ich zufällig Geschäftsführerin und Teilhaberin bin“, fuhr sie etwas schärfer fort, „habe ich das Recht, dich aus meinem Hotel zu verweisen. Gute Nacht.“

Zwar waren die Hopewells nicht mehr so wohlhabend wie zu Lebzeiten ihres Vaters: Durch den Prozess nach seinem Tod hätten sie beinahe Bankrott anmelden müssen. Dennoch konnte Abby es sich durchaus leisten, einen unangenehmen Gast abzuweisen.

Ärgerlich seufzend wandte sie sich ihrem Stapel Quittungen zu. Durch den Luftzug, den Colin hereingebracht hatte, war alles durcheinandergewirbelt worden. Während sie die Belege von Neuem sortierte, ignorierte sie Colin ganz einfach. Sie hoffte nur, dass er ihre zitternden Hände nicht bemerkte.

Plötzlich drang ein zartes Stimmchen an ihr Ohr: „Oh, Daddy! Das ist ja wirklich ein Schloss. Und das da ist Schneewittchen.“

Als Abby aufsah, entdeckte sie ein süßes kleines Mädchen von etwa vier Jahren, das unter Colins tropfendem Regenmantel hervorlugte. Sogleich lief das Kind los und sauste quer durch das Foyer auf den alten viktorianischen Tresen zu, hinter dem Abby wie erstarrt auf ihrem Stuhl saß.

Genau wie Abby hatte die Kleine rabenschwarzes schulterlanges Haar, aber ihres hatte anscheinend seit einer Woche keinen Kamm mehr gesehen. Im Gegensatz zu Abbys zarter, heller Haut hatte sie einen sanft olivfarbenen Teint, und ihr Gesicht war mit undefinierbaren Essensresten beschmiert. Ihre Sachen waren zerknittert, regennass und passten eher zu einem Jungen als zu einem Mädchen. Mit ihren großen dunklen Augen starrte die Kleine Abby ehrfurchtsvoll an.

Abby war hingerissen.

Dies könnte ihr Kind sein, wenn Colin sich damals nicht wie ein Schuft benommen hätte. Neun Jahre waren seit jener verhängnisvollen Nacht nach ihrem Highschoolabschluss vergangen – und noch heute konnte Abby den Juni kaum ertragen.

„Wohnst du in dem Schloss?“, fragte Colins Tochter. Sie schien Abby wirklich für Schneewittchen zu halten.

Colin trat neben sie und legte schützend die Hand auf ihre Schulter. „Jessie, die Dame arbeitet nur in diesem Hotel. Sie wohnt in einem großen vornehmen Haus am Fluss.“

„Nein, ich lebe tatsächlich hier“, sagte Abby zu dem Mädchen und freute sich, dass sie Colin widersprechen konnte. „So bin ich immer da, falls ein Gast mich braucht. Das Haus, von dem dein Vater gesprochen hat, heißt Hopewell Manor. Dort bin ich aufgewachsen. Es liegt etwa eine halbe Meile von eurem Haus, Torthúil, entfernt. Wir sind also Nachbarn.“

Die Kleine verschränkte die Arme. „Daddy sagt immer Torhool. Das ist ein irisches Wort, stimmt’s, Daddy?“

Colin nickte.

Abby fand die kleine Jessie bezaubernd. Plötzlich verspürte sie jedoch einen Stich. Sicher gab es auch eine Mutter zu dem Kind. Eine Ehefrau? Sie schaute zur Tür, aber niemand war den beiden gefolgt.

„Torthúil bedeutet ‚fruchtbar‘“, erklärte Jessie und zog damit wieder Abbys Aufmerksamkeit auf sich.

„Ja, als es noch eine Farm war, ist es das auch gewesen“, stimmte Abby zu. „Früher habe ich oft Erdbeeren von deinen Großeltern gekauft. Und Brombeeren. Manchmal habe ich einen saftigen Apfel oder einen Pfirsich geschenkt bekommen, den ich dann auf dem Nachhauseweg gegessen habe.“ Mit einem Mal kamen die Erinnerungen zurück. Den langen Weg hatte sie damals nur deshalb auf sich genommen, um Colin zu sehen …

Und in jener Juninacht hatte sie ihm das alles erzählt.

„Mir gefällt’s da nicht“, meinte Jessie. „Da ist es gruselig. Ich will hierbleiben. Dann kann ich Prinzessin sein, so wie du.“

„Aber ich bin gar keine Prinzessin“, gab Abby zurück.

„Das habe ich ganz anders in Erinnerung“, murmelte Colin.

Abby blickte ihn an. Offenbar glaubte er allen Ernstes, sie wäre diejenige, die sich damals falsch verhalten hatte. Dabei hatte er sie nicht nur gedemütigt. Außerdem war er auch schuld daran, dass ihre Freundschaft zu seiner Schwester Tracy zerbrochen war.

Colins Eltern hatten irgendwie herausgefunden, was in der Nacht passiert war. Vielleicht hatten sie zufällig mitgehört, als Colin seinem Freund Harley Bryant erklärt hatte, Abby habe sich ihm an den Hals geworfen. Wie auch immer: Sie hatten ihrer Tochter jedenfalls verboten, sich jemals wieder mit Abby zu treffen.

Offenbar hatte Tracy genauso darunter gelitten, dass sie ihre beste Freundin verloren hatte: Danach war es mit ihr stetig bergab gegangen, und ein Jahr später war sie tödlich verunglückt. Colin war nicht zur Beerdigung gekommen – sonst hätte Abby ihm an den Kopf geworfen, dass er für den Tod seiner Schwester verantwortlich sei.

Am liebsten hätte sie ihm auf der Stelle gesagt, was sie von ihm hielt, aber sie wollte seine süße Tochter nicht verschrecken. Außerdem sollte er nicht wissen, wie sehr die Vergangenheit sie noch beschäftigte.

Colin ging in die Knie, um auf Augenhöhe mit seiner Tochter zu sein. „Kleines, willst du dir nicht inzwischen das Zimmer da anschauen?“ Er zeigte auf den angrenzenden Salon. „Aber nichts anfassen, hörst du?“

„Okay“, sagte die Kleine und hüpfte davon.

Colin sah ihr nach, dann drehte er sich Abby zu. „Mir war nicht klar, wie baufällig unser Haus ist, sonst hätte ich mir rechtzeitig eine Unterkunft besorgt.“

Abby hatte Colins Vater gemocht und wollte wenigstens ihr Bedauern über seinen Tod ausdrücken. „Es tut mir sehr leid, dass dein Vater gestorben ist. Er war ein großartiger Mensch.“

Er nickte. „Dass dein Vater gestorben ist, tut mir ebenfalls leid. Der Tod meines Vaters ist der Grund, weshalb ich zurückgekommen bin. Ich habe Torthúil geerbt und möchte gern dort wohnen. Aber so wie es im Moment aussieht, kann ich unmöglich mit Jessie dort einziehen. Wir könnten natürlich in die Stadt gehen …“

Ein tagheller Blitz erleuchtete das Foyer, gefolgt von einem lauten Donnerschlag. Jessie schrie auf und lief schnell zu ihrem Vater zurück, der sie auf den Arm nahm und an sich drückte. „Keine Angst, Jess. Dir passiert nichts“, beruhigte er die Kleine.

Unwillkürlich musste Abby daran denken, wie Colin sie auf eine ganz andere Weise im Arm gehalten hatte. Rasch schaute sie weg, als Colin sie ansah.

Sie seufzte. „Bei diesem Wetter jagt man keinen Hund vor die Tür. Da kann ich unmöglich ein Ehepaar mit Kind wegschicken. Ist deine Frau im Auto?“

Abbys Frage überraschte Colin. Seine Familie und seine Freunde kannten natürlich die Geschichte von seiner gescheiterten Ehe. Er und Jessie lebten schon so lange alleine. Oft kam es ihm gar nicht in den Sinn, dass jemand nach der Mutter des Kindes fragen könnte.

„Nein, ich bin mit Jessie alleine. Wir sind Partner, nicht wahr, mein Schatz? McCarthy und Tochter.“ Liebevoll drückte er das Kind an sich.

Jessie gab ihm einen Kuss auf die Wange und blickte Abby strahlend an. „Ja, Daddy und ich sind Partner. Wir machen alles zusammen.“

Nach kurzem Schweigen nickte Abby. „Ich habe ein Zimmer mit einem großen Bett.“ Sie lächelte Jessie an. „Ich nehme an, Jessie möchte in einer solchen Nacht nicht von ihrem Partner getrennt sein.“

Für einen Moment dachte Colin nach. „Kannst du uns das Zimmer zeigen? Dann bringe ich Jessie ins Bett und hole anschließend unsere Sachen aus dem Auto.“

„Willst du sie etwa ganz allein auf dem Zimmer lassen?“ Sie schüttelte den Kopf. „Geh ruhig gleich zum Auto. Ich passe inzwischen auf sie auf.“

Obwohl Jessie sich sofort aus seinem Arm befreien wollte, zögerte Colin. Er war nicht sicher, ob es ihm recht war, wenn Abby mit seiner Tochter allein blieb.

Abby seufzte. „Nun geh schon. Sie ist absolut sicher bei mir.“

„Na gut. Es dauert nicht lange.“ Er stellte Jessie auf die Füße und ging nach draußen. Ein weiterer Blitz erhellte den Himmel. Er blinzelte ungläubig. Im kurzen Licht hätte er geschworen, ein toskanisches Dorf gesehen zu haben. Als es wieder blitzte, konnte er deutlich Weinberge erkennen.

Was war mit diesem Ort geschehen?

Erst der heftige Donnerschlag erinnerte ihn daran, dass er die Sachen aus dem Auto holen wollte. Er zog den Mantel über den Kopf und lief in den prasselnden Regen. Eilig holte er das Gepäck aus dem Kofferraum, als ihm einfiel, dass Jessies Spielsachen und ihr geliebter Stoffhund noch hinten im Auto lagen. Lächelnd nahm er das Plüschtier an sich und blieb einen Moment auf der Rückbank sitzen.

Jessie war gerade elf Monate alt gewesen, als eine seiner Schwestern ihr das Stofftier zu Weihnachten geschickt hatte. „Wauwau“, hatte Jessie gesagt, ihr erstes Wort außer „dada“. Seitdem trug sie den Hund ständig bei sich und hing sehr daran. Vielleicht hatte das damit zu tun, dass ihre Mutter sie etwa zur selben Zeit verlassen hatte. Fehlte seiner Tochter etwas, das er ihr nicht geben konnte?

Nachdem Angelina ungeplant schwanger geworden war, hatte er sie geheiratet. Sie war ziemlich erbost darüber gewesen, weil sie deshalb ihre Schauspielerkarriere unterbrechen musste. Zum Glück hatte er sie davon überzeugen können, das Baby auszutragen.

Angelina hatte ihn nur wegen der Absicherung geheiratet – sie hatten nie zusammengelebt. Ein Jahr lang hatte sie ihre Tochter hin und wieder besucht, war dann aber nach Brasilien zurückgekehrt: In ihrem Heimatland hatte man ihr ein Engagement in einer TV-Serie angeboten.

Seit dem Tag, an dem Colin Jessie vom Krankenhaus abgeholt hatte, waren sie beide unzertrennlich. Er lachte leise, weil er an die Blicke seiner Handwerker denken musste, als er am nächsten Tag auf der Baustelle aufgetaucht war. Jessie hatte mit ihrem Babysitter im Wagen gesessen, und auch sein Pick-up hatte Aufsehen erregt: Daran war ein Anhänger angeschlossen gewesen, den er zu einem Kinderzimmer auf Rädern umgebaut hatte – mit allem, was notwendig war.

Die Jungs hatten ihn angestarrt, als ob er den Verstand verloren hätte. Allerdings hatten sie sich schnell an die neue Situation gewöhnt. Von da an waren Jess und der Anhänger nämlich überall dabei gewesen, wo er gearbeitet hatte. Bis letzte Woche war das rollende Kinderzimmer ihr zweites Zuhause gewesen. Und sämtliche Leute aus seinem Team waren Jessies Ersatzonkel und –tanten geworden.

Aber eine wirkliche Mutter hatte sie nie gehabt.

Ein neuerlicher Blitz ließ ihn zusammenfahren. Immerhin hatte die Kleine einen Vater. Den sie bestimmt schon vermisste. Er verstaute Wauwau unter dem Regenmantel und griff nach dem Gepäck: einer alten Sporttasche und einem nagelneuen Rollkoffer mit einem Bild von Schneewittchen darauf.

Schneewittchen, dachte er, presste die Lippen zusammen und lief ins Haus. Er hatte denselben Gedanken gehabt, als ihm das kleine Mädchen zum ersten Mal aufgefallen war, das auf dem Anwesen oberhalb von Torthúil wohnte. Damals hatte Abby mit ihrer Familie am Fluss gepicknickt und war plötzlich mit ihrem Schwimmreifen von der Strömung abgetrieben worden. Schnell war er am Ufer entlanggelaufen und hatte sie weiter unten aus dem Wasser gefischt. Sie hatte gar keine Angst gehabt und fröhlich gelacht.

Nachdem sie zum Teenager herangewachsen war, hatte sie wie eine echte Märchenfee ausgesehen. Bald hatte er gemerkt, dass aus der Zuneigung zur Freundin seiner Schwester Tracy mehr geworden war. Viel mehr. Doch ihm war klar geworden, dass sie zu jung für ihn war. Um Abstand zu ihr zu bekommen, hatte er sich direkt nach der Highschool zum Militärdienst gemeldet.

Als er zu Tracys Highschoolabschluss nach Hause gekommen war, hatte er Abby wiedergesehen. Und sofort war ihm bewusst geworden, dass seine Liebe in den vier Jahren der Abwesenheit gewachsen war. Abby hatte ebenfalls gerade die Schule beendet. Er hatte geglaubt, sie sei so unschuldig wie die Märchenfigur, der sie glich. Aber er hatte sich getäuscht. In der Zwischenzeit hatte sie sich zu einer Verführerin entwickelt.

Colin betrat nun das Foyer und blieb überrascht am Eingang stehen. Jessie saß auf einer Treppenstufe unterhalb von Abby und ließ sich von ihr kämmen. Was an ein Wunder grenzte: Bei ihm beschwerte sie sich immer, dass es ziepte. Aber sie wollte das Haar auch nicht abschneiden, und er hatte ihr ihren Willen gelassen.

„So, jetzt flechte ich dir einen Zopf“, sagte Abby. „Wenn du damit ins Bett gehst, ist dein Haar morgen früh nicht so zerzaust. Ein Satinbezug hilft auch. Ich gebe deinem Dad nachher einen, den er über dein Kopfkissen ziehen kann. Und wenn du dir das Haar waschen willst: Im Badezimmer steht eine Cremespülung. Damit wird es weicher und lässt sich leichter kämmen.“

Als sie Sekunden später mit dem Zopf fertig war, erklärte Abby: „So, Haare gekämmt, Hände und Gesicht gewaschen. Jetzt brauchst du nur noch deinen Pyjama anzuziehen und die Zähne zu putzen. Und danach kriegst du einen Gutenacht-Keks.“

„Ich bekomme sogar einen Keks?“, fragte Jessie mit verträumter Stimme. „Ist das wirklich kein Schloss? Was hast du denn für Kekse?“

Dass Abigail Hopewell sich so liebevoll um seine Tochter kümmerte, rührte Colin zutiefst. Jessies leibliche Mutter hatte sich nie so unbefangen und gefühlvoll gezeigt. Bei Abby schien es eine natürliche Gabe zu sein. Doch sofort fiel ihm wieder ein, was diese Frau ihm angetan hatte. Wäre Torthúil nicht so baufällig, würde er mit Jessie keine Minute hierbleiben.

„Na, mal sehen“, erwiderte Abby. „Ich glaube, Genevieve hat Butterkekse gebacken. Und wir haben immer frische Milch.“

„Jessie hat eine Milchallergie“, sagte Colin schroff.

Mit zusammengezogenen Brauen schaute Jessie ihren Vater an. Einen solchen Ton kannte sie von ihm nicht.

„Tut mir leid, meine Kleine, das wusste ich nicht“, meinte Abby. „Wir haben auch Sojamilch. Magst du die?“

„Mhm, ja. Darf ich welche haben, Daddy?“

Erwartungsvoll betrachtete Jessie ihn. Sie war anscheinend so froh, dass Abby sich um sie kümmerte, dass er sich plötzlich ausgeschlossen fühlte. Zwar fand er es engstirnig, so zu denken. Doch er war nun mal Jessies Held, und das wollte er auch bleiben. „Klar, Partner“, antwortete er so gut gelaunt, wie er nur konnte. „Aber hier ist jemand, der draußen im Auto ganz schön Angst gehabt hat.“ Er zog ihren Stoffhund unter dem Mantel hervor. „Ich wette, der will in den Arm genommen werden.“

„Wauwau!“, rief Jessie und lief freudestrahlend auf ihn zu, was sein Herz wieder besänftigte.

Mit ausdrucksloser Miene stand Abby da. In kühlem Ton sagte sie schließlich: „Ich bringe die Milch und die Kekse für Jessie auf euer Zimmer. Falls es dir nichts ausmacht, ohne mich hochzugehen: Das Zimmer befindet sich im ersten Stock links von der Treppe. Nummer zehn.“

Als sie ihm den Schlüssel reichte, berührten sich kurz ihre Hände. Sofort spürte er das vertraute erregende Prickeln. All die Jahre war es ihm nicht aus dem Sinn gegangen. Und so wie Abby ihn ansah, spürte sie es offenbar auch.

Rasch zog er die Hand zurück. „Kein Problem. Das Zimmer finden wir schon allein.“ Scharf fügte er hinzu: „Was den kleinen Imbiss angeht: Wir wollen deine Gastfreundschaft nicht überstrapazieren. Ich bin sicher, du betätigst dich normalerweise nicht als Zimmerkellnerin.“

Erstaunt hob Abby eine ihrer schön geformten Brauen und musterte ihn kalt mit ihren smaragdgrünen Augen. „Falsch gedacht. Ich bringe meinen Gästen oft etwas aufs Zimmer. Das gehört zu meinem Job, und ich tue es gerne. In ein paar Minuten bringe ich Jessie den kleinen Imbiss hoch.“

Als sie in der Küche verschwand, hätte Colin ihr am liebsten hinter dem Rücken die Zunge herausgestreckt. Er fuhr sich durchs Haar. Seit er dieses Hotel betreten hatte, kam er sich mehr und mehr wie ein kleiner Junge vor. Warum ließ er sich bloß von dieser Frau so beeinflussen?

Weil sie dich schon immer um den Finger gewickelt hat. Damit hatte das ganze Desaster ja angefangen. Er hatte ihr immer alles gegeben.

„Weißt du, sie ist gar nicht Schneewittchen“, meinte Jessie ehrfurchtsvoll. „Aber ich finde sie sooo schön.“

Colin widersprach seiner Tochter nicht. „Komm, lass uns hochgehen, damit du ins Bett kommst.“

Später würde er darüber nachdenken, wie er sich ein für alle Mal von Abbys Anziehungskraft befreien konnte.

Abby stellte ein Glas Sojamilch mit Vanillegeschmack und einen Teller Kekse auf ein Tablett. Daneben setzte sie eine kleine Vase mit der Rose, die sie vorhin im Garten gepflückt hatte, um sie vor dem Sturm zu retten. Sie wollte, dass Jessie sich wohlfühlte, nachdem Torthúil so enttäuschend für sie gewesen war. Außerdem war sie der Meinung, dass sich jedes kleine Mädchen wenigstens einmal im Leben wie eine Prinzessin vorkommen sollte.

Lächelnd erinnerte sie sich daran, wie ihre Schwestern und sie in diesem Alter gewesen waren. All diese Schlafrituale – mit Gebäck und Geschichten, Küssen und Kuscheltieren. Neben ihrer Mutter hatte sich auch ihre treue Haushälterin Hannah Canton rührend um die Kinder gekümmert. Jessie hingegen hatte offenbar nur ihren Vater, der es noch nicht einmal schaffte, seinem Kind die Haare zu kämmen.

Als sie am Wäscheschrank vorbeiging, fiel ihr ein, dass sie Jessie ein Satinkissen versprochen hatte. Sie klemmte sich den Kissenbezug unter den Arm und marschierte auf die Nummer zehn zu. Obwohl sie immer noch ärgerlich auf Colin war, fing ihr Herz wild an zu hämmern und zeigte ihr, dass seine Anziehungskraft auf sie kein bisschen nachgelassen hatte. Auch wenn er sie damals in Gegenwart seines Freundes so grausam zurückgestoßen hatte.

Abby hatte gehofft, er würde auf Hopewell Manor vorbeikommen und die Sache klären. Vielleicht hatte er nur ihren Ruf schützen wollen, damit Harley nicht irgendwelche Gerüchte in die Welt setzte. Doch dann hatte sie erfahren müssen, dass er vorzeitig die Stadt verlassen hatte.

Seit jener schrecklichen Nacht hatte sie nur zwei Männer näher kennengelernt. Einer war Politikstudent gewesen, der andere ein Hotelmanager, der sich ein paar Tage im Cliff Walk aufgehalten hatte.

Zwar hatte sie beide Männer attraktiv gefunden und auch versucht, sich mit ihnen einzulassen. Aber sobald es intimer geworden war, hatte sie einen Rückzieher gemacht. Sie hatte ihr Verhalten damit entschuldigt, dass sie noch Zeit bräuchte. Beide Männer hatten das jedoch nicht verstanden und sich zurückgezogen.

Bei jeder neuen Begegnung mit einem Mann hatte sie Angst gehabt, den gleichen Fehler zu begehen wie mit Colin. Und schließlich hatte sie sich entschieden, ganz die Finger von Männern zu lassen. Leidenschaft war eine gefährliche Sache, und sie wollte nicht riskieren, dass ihr das Herz erneut gebrochen wurde. Bestimmt dachten viele, dass ihr im Leben etwas fehlte, oder sie fanden sie kaltherzig. Sollten sie doch. Ihr ging es auf jeden Fall besser damit.

Sie atmete tief durch und klopfte beherzt an die Tür. Zum Glück öffnete Jessie. „Hi“, begrüßte die Kleine sie. „Daddy ist gerade im Bad, weil er sich abtrocknen muss. Er ist nämlich ganz nass geworden. Ist das mein Snack?“

„J…ja“, stammelte Abby und schob das innere Bild von Colins nacktem Körper beiseite. „Und hier ist der Kissenbezug, den ich dir versprochen habe.“

Erstaunt und dankbar nahm Jessie den Bezug und strich sich damit über die Wange. „Oh, Abby, wie weich der ist!“

Abby lächelte. „Ja, und das ist gut für dein Haar. Morgen früh ist es bestimmt ganz glatt.“

Überschwänglich schlang Jessie die Arme um Abby, und im selben Moment ging die Badezimmertür auf. Abby gelang es eben noch, das Tablett nicht fallen zu lassen. „Jessie, wo ist …?“, begann Colin und stockte.

Abby hatte Mühe, sich von seinem Anblick loszureißen. Er trug nur Jeans, seine breite Brust war nackt. Noch immer hatte er denselben fantastischen Körper.

Lässig kam er auf sie und nahm ihr das Tablett ab. Als sich ihre Hände erneut berührten, zuckte Abby so zusammen, dass sie beinahe das Glas umstieß. „I…ich hoffe, es schmeckt dir, Jessie“, stotterte sie und wich zurück. „Frühstück ist um neun. Einen schönen Aufenthalt im Cliff Walk.“

Nachdem sie die Tür hinter sich zugezogen hatte, lehnte sie sich draußen mit klopfendem Herzen gegen die Wand. Sie musste wieder zur Vernunft kommen. Sie durfte nicht zulassen, dass seine bloße Gegenwart sie so durcheinanderbrachte.

Mit großen Schritten lief sie nach unten und schloss die Eingangstür ab, dann ging sie hoch in ihre Privaträume im Turm des Hauses. Am Treppenende blieb sie stehen und wartete auf das Gefühl der Entspannung, das sie an diesem Ort jedes Mal überkam. Stattdessen erfüllte sie jedoch eine beklemmende Einsamkeit. Alle, die sie kannte, hatten einen Lebensgefährten – nur sie nicht. Wann immer es ihr nicht gut ging, flüchtete sie sich allerdings lieber in ein Zimmer als zu einem Menschen.

Aber so hatte sie es gewollt, und so sollte es auch bleiben. Energisch knöpfte sie ihre Bluse auf und trat vor den Kleiderschrank. Bestimmt war es das stürmische Wetter, das ihr zusetzte. Und natürlich auch der Schock, Colin wiederzusehen.

Oder vielleicht auch Jessies Umarmung. Oder die Berührung von Colins Hand.

Es erschien ihr sinnlos, darüber nachzudenken. Also schlüpfte sie in ihre Sportsachen und legte sich auf die Yogamatte vor dem großen Fenster. Nachdem sie tief eingeatmet hatte, nahm sie die erste Position ein und kam allmählich zur Ruhe. Währenddessen ging draußen das Gewitter unvermindert weiter.

Als sie eine Stunde später frisch geduscht im Bett lag, musste sie sich eingestehen, dass sie nicht von der Vergangenheit loskam. Als Kind war sie unbefangen und glücklich gewesen. Der ganze Ärger und das Gefühlschaos hatten erst begonnen, als sie nach der Abschlussfeier bei Tracy übernachten wollte.

Hundertmal hatte sie sich diese Nacht schon vergegenwärtigt. Nach dem Ende der Party hatte sie in der Küche abgewaschen und gerade das Licht ausgemacht, als sie von der Hintertür des Farmhauses der McCarthys Colins Stimme gehört hatte. Seit Jahren schon war sie heimlich in ihn verliebt gewesen und war es allmählich leid, von ihm ständig wie ein kleines Mädchen behandelt zu werden.

Also hatte sie einen Plan gefasst: Sie wollte sich ihm gegenüber ein wenig sexy geben, damit er merkte, dass sie in seiner Abwesenheit erwachsener geworden war. Mit einer Stimme wie Marilyn Monroe rief sie seinen Namen. Als er kurz darauf hereinkam, wirkte er ganz aufgeregt.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "In einer stürmischen Sommernacht" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen