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In einer einzigen Nacht

1. KAPITEL

Molly Shields zwang sich, vor dem riesigen Backsteinhaus stehen zu bleiben. Sie holte tief Luft und atmete sehr langsam wieder aus. Sonst wäre sie wahrscheinlich über das Tor geklettert und so schnell wie nur irgend möglich über den Weg gehetzt.

Lucas.

Lucas lebte in diesem gewaltigen Gebäude.

Aber Psyche auch. Und zumindest nach Ansicht des Rests der Welt war Psyche Ryan Lucas’ Mutter.

Alles in Molly sträubte sich gegen diese Tatsache.

Der kleine Junge war jetzt achtzehn Monate alt – achtzehn Monate, zwei Wochen und fünf Tage. Kurz nach seiner Geburt hatte sie ihn zum letzten Mal gesehen. Seitdem hatte Psyche ihr ab und zu ein paar Schnappschüsse geschickt. Aus Lucas war ein kräftiger, hübscher blonder Junge geworden, mit strahlend grünen Augen. Er sah seinem Vater ähnlicher als ihr.

In wenigen Minuten, vielleicht Sekunden, würde sie endlich das Kind sehen, das sie trotz allem als ihr eigenes betrachtete, zumindest in schwachen Momenten.

Vielleicht erlaubte Psyche ihr, Lucas auf den Arm zu nehmen. Nichts wünschte Molly sich mehr, als den Duft seiner Haut und Haare einzuatmen …

Vorsicht, warnte sie eine innere Stimme.

Es grenzte sowieso an ein Wunder, dass Psyche – eine völlig Fremde und, nicht zu vergessen, betrogene Ehefrau – Molly in diese kleine Stadt gebeten hatte. Sie durfte es nicht zu weit treiben. Wunder waren selten und zerbrechlich, sie mussten mit höchster Sorgfalt behandelt werden.

Sie hatte keine Ahnung, warum Psyche sie hergebeten hatte oder wie lange sie bleiben sollte. Die Frau hatte ihr ein Erste-Klasse-Ticket von Los Angeles nach Phoenix angeboten, wo ein Fahrer sie abholen sollte. Doch Molly hatte beschlossen, stattdessen den Bus zu nehmen. Vielleicht war das ihre Art von Buße.

Natürlich wäre es klüger gewesen, überhaupt nicht zu kommen. Aber sie konnte der Versuchung, Lucas wiederzusehen, einfach nicht widerstehen.

Die schwere Eingangstür schwang auf, als sie gerade die Treppe erreichte. Eine schwarze Frau mittleren Alters trat vor die Tür. Sie war dünn und groß und trug eine frisch gebügelte weiße Uniform und Schuhe mit Kreppsohlen.

„Sind Sie’s?“, fragte sie rundheraus.

Molly schluckte und nickte verdrossen.

„Nun, dann kommen Sie mal rein“, sagte die Frau, wobei sie sich mit einer Hand Luft zufächelte. „Ich kann nicht den ganzen Tag bei offener Tür hier auf der Veranda herumstehen, wissen Sie. So ’ne Klimaanlage laufen zu lassen, kostet Geld.“

„Sie müssen Florence sein“, bemerkte Molly.

Florence nickte mit gerunzelter Stirn. „Ist dieser Rucksack Ihr ganzes Gepäck?“

„Nein, das war zu schwer zum Tragen.“ Wie einige andere ganz persönliche Probleme auch, aber sie marschierte trotzdem immer weiter. Überwiegend deshalb, weil sie nicht wusste, was sie sonst tun sollte.

Nach einem kurzen Räuspern trat die Haushälterin zur Seite, um Molly Platz zu machen. „Wir fahren später mit meinem Auto zur Busstation, um den Rest zu holen. Im Moment ruht sich Miss Psyche zwar gerade oben aus, ich möchte aber trotzdem ein Auge auf sie haben.“ Hinter der dicken Brille wurden ihre schokoladenbraunen Augen glasig, und sie seufzte. „Mein armes Baby“, fügte sie hinzu, eher an die Sträucher als an Molly gewandt. „Sie ist völlig erschöpft von dem Umzug hierher. Wenn ich etwas zu sagen hätte, wären wir in Flagstaff geblieben, wo wir hingehören. Aber wenn dieses Mädchen sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, ist nichts zu machen.“

Am liebsten hätte Molly nach Lucas gefragt. Doch sie musste sich vorsichtig verhalten, vor allem gegenüber dieser langjährigen Angestellten der Familie. Florence Washington war schon Psyches Kindermädchen gewesen. Als Psyche Thayer Ryan heiratete, blieb sie, um für das Ehepaar den Haushalt zu führen.

Molly spürte, wie ihr Magen sich verkrampfte.

Vor einem Jahr war Thayer mit siebenunddreißig Jahren an einem Herzinfarkt gestorben. Zwar hatte sie ihm nicht den Tod gewünscht, doch betrauern konnte sie ihm genauso wenig. Weder war sie zu seiner Beerdigung gegangen noch hatte sie Blumen oder eine Beileidskarte geschickt.

Was hätte sie auch schreiben sollen? Herzliches Beileid von der Geliebten Ihres verstorbenen Mannes?

Florence trottete durch die Eingangshalle an einer gewundenen Treppe vorbei, dann durch einen langen Korridor, den zu beiden Seiten große, abgedunkelte Räume säumten. Molly folgte ihr langsam in eine sonnendurchflutete Küche mit deckenhohen Fenstern. Hinter ihnen erstreckte sich eine weitere Veranda. Und dahinter lag ein großer Garten.

Stumm stellte Molly ihren Rucksack auf einen der Stühle.

„Sie können sich ebenso gut setzen“, sagte Florence.

Ohne etwas zu sagen, zog sie einen der schweren Eichenstühle zurück und ließ sich darauf sinken.

„Kaffee?“, fragte Florence. „Tee?“

„Wasser wäre gut“, entgegnete Molly.

„Mit Kohlensäure oder still?“

„Still, bitte.“

Florence stellte ein mit Eis gefülltes Glas und eine Flasche vor sie und lehnte sich mit verschränkten Armen an das Spülbecken.

„Was haben Sie hier zu suchen?“, stieß sie hervor. Offenbar hatte sie die Frage so lange wie möglich zurückgehalten.

„Ich weiß es nicht“, antwortete Molly wahrheitsgemäß. Vor einer Woche hatte Psyche sie angerufen und ohne weitere Erklärung gebeten zu kommen. „Wir müssen uns persönlich sprechen“, hatte sie nur gesagt.

„Mir scheint, Sie haben schon genug angerichtet“, fuhr Florence fort. „Auch ohne hier aufzutauchen. Ausgerechnet jetzt.“

Molly schluckte. Mit ihren dreißig Jahren leitete sie eine der größten Literaturagenturen in Los Angeles. Sie verhandelte praktisch jeden Tag mit egomanischen, höchst erfolgreichen Autoren, mit Lektoren und Filmschaffenden. Und nun saß sie in Jeans, T-Shirt und Turnschuhen, die sie bereits seit achtundvierzig Stunden trug, in Psyche Ryans Küche und hatte das Gefühl, immer mehr zu schrumpfen.

„Mach ihr nicht das Leben schwer, Florence“, erklang eine freundliche Stimme hinter ihr. „Ich habe sie gebeten zu kommen, und Molly war nett genug, Ja zu sagen.“

Sowohl Molly als auch Florence drehten sich um, wobei Molly so hastig aufstand, dass sie beinahe ihren Stuhl umstieß.

In der Küchentür stand eine erschreckend dünne Frau in einem Seidenmorgenmantel und dazu passenden Slippers. Zwei Dinge fielen Molly sofort auf: Erstens, wie schön Psyche war, und zweitens, dass sie offenbar unter der kleinen Häkelmütze eine Glatze verbarg.

„Würdest du bitte nach Lucas sehen? Vor ein paar Minuten hat er noch geschlafen. Aber noch hat er sich nicht an dieses Haus gewöhnt. Ich möchte nicht, dass er allein aufwacht.“

Einen Moment zögerte Florence, dann nickte sie steif, warf Molly einen letzten bösen Blick zu und ging aus der Küche.

„Setzen Sie sich“, sagte Psyche. „Danke, dass Sie gekommen sind.“ Sie reichte Molly die Hand. „Ich bin Psyche Ryan.“

Molly schüttelte die Hand, die so leicht war wie ein Blatt Pergamentpapier. „Molly Shields“, entgegnete sie. Unwillkürlich wanderte ihr Blick zu Psyches Mütze und dann wieder zurück zu den riesigen lilafarbenen Augen.

Psyche lächelte. „Ja“, nickte sie. „Ich habe Krebs.“

„Tut mir leid“, erwiderte Molly bestürzt. Nicht nur das mit dem Krebs. „Ist er …?“

„Unheilbar“, bestätigte Psyche.

Tränen des Mitgefühls brannten in Mollys Augen. Doch sie schluckte sie entschlossen hinunter, und auf einmal dachte sie an Lucas.

Guter Gott, wenn Psyche starb, was würde dann aus ihm werden? Sie selbst hatte ihre Mutter mit fünfzehn verloren. Sie kannte die Leere und das ständige Gefühl des Verlusts.

Anscheinend konnte Psyche ihre Gedanken lesen, zumindest einige davon. Denn sie lächelte wieder, langte über den Tisch und drückte Mollys Hand. „Wie Sie wissen, lebt mein Mann nicht mehr. Keiner von uns hat Verwandte. Und da Sie Lucas’ biologische Mutter sind, hoffe ich …“

Vor Aufregung machte Mollys Herz einen kleinen Satz, doch sie zügelte sich aus Furcht vor einer möglichen Enttäuschung.

„Ich hoffe, Sie kümmern sich um Lucas, wenn ich nicht mehr da bin“, sagte Psyche. „Seien Sie ihm eine Mutter, nicht nur auf dem Papier – sondern wirklich.“

Molly öffnete den Mund und schloss ihn gleich wieder, zu erschüttert, um ihrer eigenen Stimme zu trauen.

Besorgt lehnte Psyche sich zurück. „Vielleicht war es anmaßend, Sie einfach so herzubestellen“, bemerkte sie leise. „Wenn Sie Lucas hätten aufziehen wollen, hätten Sie ihn nicht weggegeben.“

„Aber natürlich möchte ich ihm eine Mutter sein“, stieß sie hervor.

Nach dieser Antwort wirkte Psyche erleichtert – und erschöpft. „Allerdings gibt es da ein paar Bedingungen“, warnte sie.

Molly wartete stumm.

„Lucas muss in oder in der Nähe von Indian Rock aufwachsen“, erklärte Psyche. „Am besten in diesem Haus. Ich bin hier aufgewachsen, und ich möchte, dass mein Sohn es auch tut.“

Eine florierende Literaturagentur in Los Angeles, ein Haus in Pacific Palisades, Freunde, einen alternden Vater, ein Leben. Konnte sie das alles aufgeben, um in einer kleinen, entlegenen Stadt in Arizona zu leben?

„Lucas wird ein beachtliches Vermögen erben“, fuhr Psyche fort. Sie musterte Mollys Kleidung und den abgenutzten Rucksack. „Ich weiß nicht, wie Ihre finanzielle Situation aussieht. Aber ich bin bereit, Sie großzügig zu unterstützen, bis Lucas volljährig ist. Wenn Sie wollen, können Sie aus diesem Haus auch eine Frühstückspension machen.“

„Das wird nicht nötig sein“, entgegnete Molly. „Dass Sie mich unterstützen, meine ich.“ Erstaunlich, wie schnell lebensverändernde Entscheidungen getroffen werden konnten, wenn der Einsatz hoch genug war. Die meisten ihrer Klienten würden ungehalten auf die Tatsache reagieren, dass sie künftig von Indian Rock aus ihren Geschäften nachging. Manche würden ihren Vertrag kündigen. Aber das spielte keine Rolle. Molly besaß – trotz ihres Lebensstils – ein pralles Bankkonto. Außerdem konnte sie mit fortdauernden Einnahmen von den Büchern rechnen, die sie bereits verkauft hatte.

„Gut“, sagte Psyche, zog ein Taschentuch aus dem Morgenmantel und wischte sich über die Augen.

Einen Moment saßen die beiden Frauen schweigend da.

„Warum haben Sie Lucas weggegeben?“, fragte Psyche schließlich. „Warum wollten Sie ihn nicht?“

Warum wollten Sie ihn nicht? Molly zuckte zusammen. Nichts hatte sie sich sehnlicher gewünscht, als Lucas zu behalten. Ihn aufzugeben war wohl ihre Art von Selbstbestrafung gewesen – genau wie statt des Flugzeugs den Bus zu nehmen. „Ich dachte, es wäre besser für ihn, mit Vater und Mutter aufzuwachsen“, antwortete sie. Das war nicht die ganze Wahrheit, doch im Moment hatte sie nicht mehr zu bieten.

„Ich hätte mich von Thayer scheiden lassen“, murmelte Psyche, „wenn es Lucas nicht gegeben hätte.“

„Ich wusste nicht …“, begann Molly, doch ihre Stimme brach ab.

„Dass Thayer verheiratet war?“, beendete Psyche ihren Satz.

Molly nickte.

„Das glaube ich Ihnen. Haben Sie meinen Mann geliebt, Molly?“

„Das dachte ich zumindest.“ Sie hatte Thayer auf einer Party in Los Angeles kennengelernt. Sein gutes Aussehen, sein Charme und sein scharfer Verstand hatten sie einfach umgehauen. Die Schwangerschaft war ein Unfall gewesen. Doch einer, der sie überglücklich gemacht hatte – bis sie Thayer davon erzählte.

„Mein Anwalt hat bereits die Papiere vorbereitet“, meinte Psyche. Sie versuchte aufzustehen, war aber zu schwach dazu. „Bestimmt wollen Sie sie von Ihrem eigenen prüfen lassen.“

Molly nickte, erhob sich und half Psyche beim Aufstehen.

Als ob sie einen Radar besäße, erschien Florence in der Küche, schob Molly zur Seite und schlang einen starken Arm um Psyches Taille. „Ich bringe Sie hinauf“, erklärte sie.

„Molly“, bat Psyche ein wenig atemlos, „kommen Sie mit. Es ist an der Zeit, dass Sie Lucas kennenlernen. Florence, zeigen Sie Molly bitte ihr Zimmer und helfen Sie ihr beim Auspacken.“

Florence warf Molly einen harten Blick zu. „Wie Sie wollen, Miss Psyche“, erwiderte sie.

In einem Fahrstuhl mit einer altmodischen Gittertür zuckelten sie nach oben in den zweiten Stock.

„Durch diese Tür“, sagte Psyche.

Erneut musste Molly an sich halten, um nicht loszurennen. Zu Lucas, ihrem Sohn, ihrem Baby.

Im Kinderzimmer stand ein Schaukelstuhl vor einem großen Fenster. Die Regale waren vollgestopft mit Bilderbüchern und Spielzeug. Molly starrte auf das Kinderbett und den kleinen Jungen, der aufrecht stand und sich an den Gitterstäben festhielt. Er beäugte sie neugierig. Am liebsten hätte sie ihn an sich gerissen. Doch sie stand still vor ihm und wartete, bis er sie mit ernstem Blick gemustert hatte.

„Hi“, begrüßte sie ihn dann lächelnd. „Ich bin Molly.“

Deine Mutter.

Keegan McKettrick stand ungeduldig neben seinem schwarzen Jaguar und wartete darauf, dass der Tank voll war. Dabei betrachtete er die Designerkoffer, die zwischen dem Zeitungsstand und den Propankanistern standen. Selbst aus dieser Entfernung erkannte er, dass es sich um keine billigen Imitate handelte. Wem immer sie gehörten, er war vermutlich mit dem Vier-Uhr-Bus aus Phoenix gekommen. Während er darüber nachdachte, bog ein Wagen vom Highway ab und fuhr auf die Tankstelle. Am Steuer saß Florence Washington.

Am liebsten hätte er sich in seinen Wagen gesetzt und wäre davongefahren. Doch das ging gegen seinen persönlichen Ehrenkodex. Er wusste, dass Psyche Ryan, geborene Lindsay, wieder in der Stadt war. Wusste, dass sie nach Haus gekommen war, um zu sterben. Ein paar Mal hatte er überlegt, sie zu besuchen, wagte es jedoch nicht, weil er sie nicht stören wollte. Wenn sie so krank war, wie man erzählte, musste sie praktisch das Bett hüten.

Der Wagen hielt neben den Propankanistern und den Louis-Vuitton-Koffern. Keegan straffte die Schultern, als Florence unheilvoll in seine Richtung starrte. Energisch rief er sich in Erinnerung, dass er ein McKettrick und Angriff die beste Verteidigung war. Und mit einem Lächeln steuerte er auf sie zu.

Im nächsten Moment ging die Beifahrertür auf und eine schlanke Frau mit schulterlangem honigfarbenem Haar stieg aus. Keegan sah sie an, sah weg, begriff, wer sie war und sah wieder zu ihr. Er spürte, wie das Lächeln auf seinen Lippen erstarb und vergaß es, Florence zu fragen, ob Psyche Besuch empfangen könne.

Mit zusammengebissenen Zähnen umrundete er den Wagen und stellte sich vor Thayer Ryans Geliebte.

„Was zum Teufel haben Sie hier zu suchen?“, knurrte er. An ihren Namen erinnerte er sich nicht. Sehr wohl jedoch daran, dass er ihr vor einiger Zeit in einem eleganten Restaurant in Flagstaff über den Weg gelaufen war. Sie hatte mit Ryan, diesem Mistkerl, an einem Tisch gesessen und ein enges, schwarzes Cocktailkleid und Diamanten getragen. Letztere waren zweifellos ein Geschenk ihres verheirateten Geliebten und sicherlich mit Psyches Geld bezahlt, da Ryan selbst keinen roten Heller besessen hatte.

Erschrocken wich die Frau zurück. Röte überzog ihre Wangen, und die grünen Augen flackerten schuldbewusst. Doch dann wurde ihr Blick ruhig und ein wenig trotzig.

„Keegan McKettrick“, sagte sie und versuchte, an ihm vorbeizugehen.

Aber er versperrte ihr den Weg. „Sie haben ein gutes Namensgedächtnis“, knurrte er. „Ihren habe ich hingegen vergessen.“

Inzwischen hatte Florence den Kofferraum geöffnet, vermutlich, um das Gepäck einzuladen. „Muss ich das vielleicht allein tun?“, fragte sie ihn spitz.

Endlich erinnerte er sich wieder an seine guten Manieren – zumindest teilweise. „Heute Abend geht noch ein Bus“, sagte er zu der Frau, an deren Gesicht und Körper er sich verteufelt gut erinnerte.

„Molly Shields“, erklärte sie mit erhobenem Kinn. „Und ich fahre nirgendwo hin. Wären Sie so nett, mir aus dem Weg zu gehen, Mr. McKettrick?“

Keegan neigte sich ein wenig vor. Molly Shields war einen Kopf kleiner als er. Außerdem brachte er mindestens fünfzig Pfund mehr auf die Wage. Doch sie rührte sich nicht von der Stelle, was ihm einen gewissen Respekt abnötigte.

„Psyche ist krank“, sagte er scharf. „Das Letzte, was sie jetzt braucht, ist ein Besuch von der Geliebten ihres verstorbenen Mannes.“

Obwohl das Rot auf ihren Wangen sich noch vertiefte, musterten die grünen Augen ihn herablassend. „Treten Sie zur Seite.“

Im nächsten Moment stieß Florence ihm einen Finger in die Brust.

„Keegan McKettrick! Entweder machen Sie sich nützlich und laden die Koffer ein, oder Sie verschwinden. Und falls Ihr voller Terminkalender es erlaubt, sollten Sie bald einmal vorbeikommen und Psyche Hallo sagen. Sie würde sich freuen.“

Augenblicklich wurde Keegans Gesichtsausdruck weicher. „Wie geht es ihr?“

Molly nutzte die Gelegenheit, um sich an ihm vorbeizudrücken und einen ihrer Koffer zu schnappen.

„Sie ist sehr krank“, antwortete Florence mit Tränen in den Augen. „Sie hat Molly eingeladen. Darüber bin ich genauso wenig glücklich wie Sie, aber ich schätze, sie hat einen guten Grund. Und ich wüsste ein wenig Entgegenkommen von Ihrer Seite durchaus zu schätzen.“

Keegan nahm zwei der fünf Koffer an ihren schicken Griffen und warf sie ohne viel Federlesens in den Kofferraum. Bei alldem ignorierte er Molly Shields geflissentlich.

„Richten Sie Psyche bitte aus, dass ich vorbeikomme, sobald sie sich gut genug fühlt, um Besuch zu empfangen.“

„Meistens hält sie sich bis gegen zwei Uhr nachmittags ganz gut. Sie könnten morgen um die Mittagszeit vorbeikommen. Ich werde für Sie beide ein kleines Mittagessen auf der Sonnenveranda anrichten.“

„Das klingt wunderbar.“ Damit riss er Molly den Koffer aus der Hand, um ihn zu den anderen zu werfen.

Wütend starrte sie ihn an.

Er ignorierte sie weiter.

„Wenn wir schon mal hier sind, nehme ich gleich etwas Brot und Milch mit“, erklärte Florence, diesmal in Mollys Richtung. Sie verschwand in der Tankstelle.

„Weiß Psyche, dass Sie mit ihrem Ehemann gebumst haben?“, legte Keegan wütend los, sobald sie allein waren.

Molly schnappte nach Luft.

Weiß sie es?“, wiederholte Keegan zornig.

Statt zu antworten, biss sie sich auf die Unterlippe. „Ja“, entgegnete sie dann sehr leise, als er schon fast keine Antwort mehr erwartete.

„Wenn Sie hier irgendein übles Ding drehen wollen …“

Bei diesem Satz richtete Molly sich kerzengerade auf und sah ihn an, als würde sie ihm am liebsten eine Ohrfeige verpassen. „Sie haben doch gehört, was Mrs. Washington gesagt hat. Psyche hat mich gebeten zu kommen.“

„Vermutlich haben Sie sie auf irgendeine Art und Weise manipuliert“, schnappte Keegan. „Was zum Teufel haben Sie vor?“

„Ich habe überhaupt nichts vor. Ich bin hier, weil Psyche … meine Hilfe braucht.“

„Psyche“, begann Keegan und beugte sich so weit nach vorn, dass seine Nase fast die von Molly berührte, „braucht ihre Freunde. Sie braucht es, zu Hause zu sein, in dem Haus, in dem sie aufgewachsen ist. Was sie ganz und gar nicht braucht, sind Sie, Ms. Shields. Was immer Sie vorhaben, am besten überlegen Sie es sich noch einmal. Wegen ihrer Krankheit ist Psyche zu schwach, um es mit Ihnen aufzunehmen, aber ich nicht, das kann ich Ihnen versichern.“

„Wollen Sie mir drohen?“ Molly kniff ihre wunderschönen Augen zusammen.

„Ja“, erwiderte er scharf. „Und wie.“

Florence kam zurück und verstaute ihre Einkäufe auf der Rückbank. „Wenn Sie beide genug gestritten haben, würde ich gern zu Psyche zurückfahren.“

Keegan seufzte.

Nach einem letzten giftigen Blick in seine Richtung stieg Molly ein.

„Ich bin morgen um zwölf Uhr da. Soll ich etwas mitbringen?“, wandte Keegan sich an Florence.

Zum ersten Mal lächelte Florence. „Nein, kommen Sie einfach nur. Mein Mädchen wird mächtig froh sein, diesen attraktiven Kerl mal wiederzusehen.“

Fünf Minuten später, auf dem Weg zur Triple-M-Ranch, auf der die Mitglieder des McKettrick-Clans schon seit eineinhalb Jahrhunderten lebten, zog er sein Handy aus der Tasche und rief seinen Cousin Rance an. Fluchend lauschte er der Ansage auf der Mailbox. Es piepte.

„Diese Schlampe, mit der Thayer Ryan rumgemacht hat, ist in der Stadt“, legte Keegan ohne Einleitung los. „Und rate mal, wo sie wohnt. Bei Psyche.“

Damit legte er auf und wählte die Nummer von Jesse, seinem anderen Cousin. Der war aber in der Regel noch schwerer zu erreichen als Rance, weil er sich standhaft weigerte, ein Handy anzuschaffen. Jesse besaß nicht einmal einen Anrufbeantworter.

Gerade als Keegan beschloss, zurück in die Stadt fahren, weil er Jesse im Pokerzimmer in Lucky’s Bar and Grill vermutete, fiel ihm ein, dass Jesse und seine frisch angetraute Ehefrau Cheyenne noch immer in den Flitterwochen waren.

Ein jähes Gefühl der Einsamkeit ergriff ihn. Jesse liebte Cheyenne, Rance liebte Emma.

Und er war allein.

Geschieden von einer Frau, mit der die Ehe nicht funktioniert hatte. Seine Tochter Devon lebte mit ihrer Mutter in Flagstaff und besuchte ihn nur ab und zu. Keegan hatte keine Lust, in sein leeres großes Haus auf der Farm zu fahren. Er hätte es aber auch nicht ertragen, zurück ins Büro zu gehen.

Einige Familienmitglieder wollten mit McKettrickCo an die Börse gehen, ganz im Gegensatz zu ihm. Leider stand er mit seiner Meinung ziemlich allein da. Innerlich spürte er geradezu, wie ihm das Unternehmen – das Einzige, das ihn davon abhielt, verrückt zu werden – aus den Fingern glitt.

Was sollte er anfangen, wenn es die Firma irgendwann nicht mehr gab?

2. KAPITEL

„Der Junge sieht Ihnen ganz schön ähnlich.“ Florence deutete mit dem Kinn auf die Tür des Kinderzimmers. „Hab zwar eine Weile gebraucht, aber am Ende musste ich nur zwei und zwei zusammenzählen. Sie sind seine Mama, nicht wahr?“

Molly antwortete nicht. Es war Psyches Sache, was sie ihrer Haushälterin erzählte und was nicht.

„Thayer und Miss Psyche haben jahrelang versucht, ein Kind zu adoptieren“, fuhr Florence fort. „Ein paar Mal war es fast schon so weit, aber immer wieder ist irgendetwas schiefgelaufen. Entweder die biologische Mutter überlegte es sich noch anders oder ein Verwandter des Kindes tauchte plötzlich auf. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie schwer es für mich war, Miss Psyche in dieser Zeit zu sehen. Sie setzte immer ein tapferes Lächeln auf und versuchte, nicht die Hoffnung zu verlieren. Und dann war auf einmal Lucas da. Ein perfektes, blauäugiges, blondes Baby. Ich hätte gleich wissen müssen, dass er das Produkt Ihrer Affäre mit Thayer ist.“

Molly, die gerade anfing, ihre Koffer auszupacken, versteifte sich. „Lucas kann für all das nichts“, erklärte sie.

Darauf lächelte Florence trocken. „Also haben Sie doch so etwas wie Gefühl“, bemerkte sie. „Das werden Sie auch brauchen, wenn Sie länger bleiben. Ich gehe gleich nach unten, um mich um das Abendessen zu kümmern. Vorher möchte ich aber noch etwas loswerden. Ich weiß nicht, warum Sie hier sind, aber ich werde Sie im Auge behalten. Wenn Sie irgendetwas tun, was meinem kleinen Mädchen schadet, wird der Teufel höchstpersönlich wie ein Engel im Vergleich zu mir aussehen. Verstehen Sie, was ich damit sagen will, Miss Shields?“

„Ich würde Sie lieber als Freundin betrachten“, erwiderte Molly. „Aber wenn Sie sich mit mir anlegen wollen, bitte schön.“

Ein Hauch von Respekt blitzte in Florence’ Augen auf, verlosch aber schnell wieder. „Abendessen ist um sechs“, verkündete sie und schloss die Tür hinter sich – und zwar leise. Obwohl Molly wusste, dass sie das nur aus Rücksicht auf Psyche tat, war sie ihr trotzdem dankbar dafür.

Plötzlich musste sie an das Zusammentreffen mit Keegan McKettrick an der Tankstelle denken. Damals in dem Restaurant in Flagstaff hatte Thayer Molly als seine Geschäftspartnerin vorgestellt. Und schon damals hatte Keegan kein Wort geglaubt.

Im Nachhinein wusste sie, dass sie an diesem Abend Verdacht hätte schöpfen müssen. Wie klassisch: Der schuldbewusste Ehemann trifft zufällig einen Freund der Familie und versucht mit großem Getue, seine Geliebte als etwas anderes darzustellen. Warum war ihr das damals nur nicht aufgefallen?

Weil du blöd warst, dachte sie.

Rance ritt auf einem gescheckten Pferd, das Keegan noch nie gesehen hatte, durch den Bach. Er hätte direkt aus dem 19. Jahrhundert kommen können – Stiefel, Jeans, Baumwollhemd und ein zerbeulter alter Hut aus seinen Tagen als Rodeoreiter.

„Hab deine Nachricht bekommen“, sagte Rance, während er sich aus dem Sattel schwang.

„Sind die Mädchen allein zu Hause?“

„Emma ist bei ihnen.“ Rance lächelte ein wenig albern.

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