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In Drei Teufels Namen

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DIETER BREUERS

IN DREI TEUFELS NAMEN

DIE
ETWAS
ANDERE
GESCHICHTE DER HEXEN
UND IHRER
VERFOLGUNG

INHALT

  1. 1  Märchen und Mythen
  2. 2  Wunder und Visionen
  3. 3  Glaube und Aberglaube
  4. 4  Kampf den Ketzern
  5. 5  Justizmorde
  6. 6  Der defekte Mann
  7. 7  Teufelsbuhlschaft
  8. 8  Der Hexenhammer
  9. 9  Verlies und Folterkammer
  10. 10  Die weisen Frauen
  11. 11  Hexensabbat
  12. 12  »Geschrey« im Dorf
  13. 13  Gefährliche Zeugen
  14. 14  Von Hirten und Wölfen
  15. 15  Der Absturz
  16. 16  Die Keplerin
  17. 17  Unschuldige Kinder
  18. 18  Habgierige Halunken
  19. 19  In drei Teufels Namen
  20. 20  Der Brief
  21. 21  Der reitende Tod
  22. 22  Angst und Abscheu
  23. 23  Vom Teufel besessen
  24. 24  Das Hexennest
  25. 25  Wahn und Wirklichkeit
  26. 26  Cautio criminalis
  27. 27  Richter und Retter
  28. 28  Himmlers Hexen
  29. Nachwort
  30. Zeittafel
  31. Register

Der Aberglaub’, in dem wir aufgewachsen,
verliert – auch wenn wir ihn erkennen –
darum doch seine Macht nicht über uns.

Gotthold Ephraim Lessing, Nathan der Weise

1  MÄRCHEN UND MYTHEN

Es war bitterkalt in der Hütte, als Grettir erwachte. Draußen dämmerte der Morgen herauf, und leichtes Schneetreiben setzte ein. Das Feuer im Kamin war erloschen. Es wäre leichtfertig gewesen, es auch die Nacht über zu unterhalten, denn es gab nur wenig Holz auf der Insel, und man musste sparsam damit umgehen.

Glaum, der Knecht, hatte am Abend zuvor am Strand angetriebenes Holz gesammelt, und Grettir holte seine Axt, um es in handliche Scheite zu zerlegen. Er widmete dem Klotz, den er da vor sich hinstellte, keine größere Aufmerksamkeit, holte nur einfach aus und ließ die Axt niedersausen.

Glaum und Grettirs junger Bruder Illugi wurden von einem grässlichen Schrei aus dem Schlaf gerissen. Die scharfe Axt war vom Holzklotz abgeglitten und hatte Grettirs Schienbein zertrümmert. Sie trugen ihn in die Hütte und wussten sofort, dass da nicht mehr viel zu machen war. Ohne eine weise Frau, die das Bein zu schienen verstand und die offene Wunde mit ihren Kräutern versorgen konnte, hatte Grettir keine Chance.

Also war der Fluch doch noch in Erfüllung gegangen.

Bis zu seiner Ächtung war Grettir ein richtiger Schweinehund gewesen. Er hatte den Leuten in der Gegend alles geraubt, wonach ihm gerade der Sinn stand: eine Ziege oder ein Fässchen Met, einen Malter Korn und hin und wieder auch das Weib. Er hatte getrunken und gespielt, sich geprügelt und sich über jedermann lustig gemacht. Etliche junge Männer sahen in ihm trotzdem ein Vorbild, und so manche Frau fragte sich vermutlich im Stillen, ob er nicht nur ein großes Mundwerk hatte, sondern vielleicht auch ein leidenschaftlicher Liebhaber sein könnte.

Die meisten Menschen aber hassten ihn. Im Lauf der Jahre hatte er sich auf diese Weise viele Feinde geschaffen und schließlich den Bogen überspannt. Die Dorfbewohner vertrieben ihn aus ihrer Mitte und erklärten ihn für vogelfrei. Was einem Todesurteil gleichkam.

Mit seinem Bruder Illugi und dem Knecht Glaum floh Grettir auf die karge Insel Drang. Zuvor verabschiedete er sich von seiner Mutter, und die warnte ihn: Die Insel sei zwar schwer zugänglich, aber er würde trotzdem durch Waffengewalt sterben. Sie habe sonderliches Zeug geträumt, darum möge er sich vor Hexen hüten, denn nichts sei gefährlicher als deren uralte Zaubersprüche.

Vorsorglich baute Grettir seine Hütte auf einem steilen Felsen, der lediglich über eine Leiter erklommen werden konnte, die jedoch nachts nach oben gezogen wurde. Folglich konnten die drei Männer nur mit einer List bezwungen werden. Das wusste auch sein Todfeind Thorbjörn. Er überredete seine alte Amme, die immer schon eine Hexe war, ihm zu helfen. Sie ließ sich zur Insel übersetzen, doch Grettir erkannte sie, warf einen Felsbrocken auf sie hinab und zerschmetterte ihr einen Schenkel.

Hasserfüllt besprach sie nun einen Holzblock, schnitt geheimnisvolle Runen hinein, rieb von ihrem Blut in die Kerben, murmelte Zaubersprüche und umkreiste den Holzklotz linksherum. Endlich ließ sie ihn ins Meer werfen, schickte weitere Zaubersprüche hinter ihm her, und siehe da: Obwohl der Wind vom Meer her stand, trieb der Holzblock hinaus, genau auf die Insel zu und wurde dort angespült.

Grettir, der am nächsten Tag Feuerholz sammelte, stieß am Strand auf den Holzblock, merkte aber sofort, dass es sich um »böses Holz« handelte, und ließ es liegen. Auch am nächsten Tag rührte er den Block nicht an, aber am dritten Tag suchte der Knecht Glaum Feuerholz, und weil Grettir ihn nicht gewarnt hatte, schleppte er besagten Holzklotz zur Hütte, und von ebendiesem Klotz prallte Grettirs Axt ab und zerschmetterte ihm das Bein.

Als Thorbjörn und seine Männer einen neuen Versuch unternahmen, die Insel zu erobern, sahen sie, dass die Leiter zum Felsen nicht hochgezogen war. Der faule Knecht Glaum hatte es schlicht vergessen. Da kletterten sie hinauf, erstürmten die Hütte, die der junge Bruder Illugi nicht lange verteidigen konnte, und schnitten dem bereits sterbenden Grettir den Kopf ab. Illugi, der den Feinden nicht schwören wollte, auf spätere Rache zu verzichten, wurde ebenfalls umgebracht, und schließlich murksten Thorbjörn und seine Männer auch noch den nichtsnutzigen Knecht ab.

Wurden sie nun nach ihrer Rückkehr gefeiert, da sie die Geächteten zur Strecke gebracht hatten? Keineswegs. Die Leute stellten Thorbjörn vor Gericht. Nicht etwa, weil er Grettir getötet hat. Auch nicht, weil er einem bereits Sterbenden viehisch den Kopf abgeschnitten hat. Das war zwar unehrenhaft, aber kein wirkliches Verbrechen. Verurteilt und verbannt wurde Thorbjörn, weil er heidnische Magie eingesetzt und seine Amme zu zauberischer Hilfe verleitet hatte.

* * *

Da haben wir also eine typische Saga aus dem hohen Norden: Die Männer raufen, aber die Fäden ziehen zwei alte Hexen, zum einen die gute, die hellseherische Gaben besitzt und ihren Sohn warnt, und zum anderen die böse, die heimtückisch bewirkt, dass die Axt vom Holzblock abprallt und Grettirs Bein zerschmettert. Sie raunt Zaubersprüche über die Runen und schmiert ihr Blut hinein, sodass der Holzblock gegen Wind und Strömung auf die Insel Drang zutreibt. Niemand kann das Schicksal aufhalten. Nicht einmal der argwöhnische Grettir, obwohl er – woran auch immer – ganz offensichtlich erkannt hat, dass da ein böses Stück Holz angelandet ist.

Dass die Germanen an die prophetischen Gaben gewisser Frauen glaubten, steht außer Frage. Der Römer Strabo (64 v. Chr. bis um 20 n. Chr.) wusste über sie Schauerliches zu berichten: Die Frauen, die zusammen mit ihren Männern in die Schlacht zogen, wurden von Priesterinnen begleitet, die die Gabe der Weissagung besaßen, Frauen mit grauem Haar und in weiße Gewänder gehüllt. Sie gingen den Gegnern, die gefangen ins Lager gebracht wurden, mit dem Schwert in der Hand entgegen, bekränzten sie und führten sie dann zu einem großen Kessel. Über den mussten sich die Gefangenen beugen, und dann schnitt ihnen eine Priesterin die Kehle durch. Aus dem heraussprudelnden Blut schloss sie sodann auf den weiteren Verlauf des Kriegszuges.

Die Grettir-Saga wurde im 14. Jahrhundert aufgeschrieben, spielt jedoch kurz nach der Christianisierung Islands im 11. Jahrhundert. Man erkennt das daran, dass Zauberei und Magie bereits offiziell verboten waren. Wir finden aber zugleich bestätigt, dass die Menschen nach wie vor dem alten Volksglauben anhingen, und daran hatte die Kirche über Jahrhunderte hinweg rein gar nichts ändern können.

Wir erinnern uns, dass auch im Nibelungenlied, das um 1200 verfasst wurde, das Christliche so gut wie keine Rolle spielt. Bis auf den Hofkaplan, der von Hagen von Tronje fast in der Donau ertränkt worden wäre, bleibt die Kirche unerwähnt. Zwar streiten sich die Königinnen vor dem Wormser Dom, aber noch immer wimmelt es von Zwergen und Nixen, Zauberern und Drachen, und wie selbstverständlich entpuppt sich Siegfried als Hexenmeister, der sich mittels einer Tarnkappe unsichtbar machen und so Brunhilde in jeder Hinsicht bezwingen kann.

Aber auch in anderen Sagen und Epen beherrschen Hexen und Zauberer die Szene, zwar selten als Hauptdarsteller, aber in der Regel – offen oder versteckt – als Drahtzieher oder Anstifter. Ist dieser tief verwurzelte Glaube an Dämonen und Magie nun typisch deutsch? Oder eher germanisch? Oder gar typisch keltisch?

Nichts von alledem. Zu allen Zeiten und in allen Kulturen waren die Menschen felsenfest davon überzeugt, dass es nicht nur zahlreiche Götter, sondern zwischen Himmel und Erde weitere Wesen geben musste, die allgemein als Dämonen angesehen und bezeichnet wurden.

Der Talmud erzählt beispielsweise, dass Eva keineswegs die erste Frau war, sondern eine gewisse Lilith, und die war eben nicht aus Adams Rippe erschaffen, sondern ein selbstbewusstes, stolzes Weib, das sich seinem Mann nicht unterordnen wollte. Lilith war angeblich die Mutter Kains, und als sie des ewigen Streits mit ihrem Mann müde war, murmelte sie eines Tages eine Zauberformel und flog einfach davon.

Vergeblich schickte Gott drei Engel hinter ihr her. Lilith hatte sich am Roten Meer mit einem Dämon eingelassen, von dem sie bereits viele Kinder hatte. Der Herr in seinem Grimm ließ jeden Tag hundert ihrer Kinder töten, worauf Lilith, vor Schmerz wahnsinnig, ihrerseits zur Kinder mordenden Dämonin wurde. Im Übrigen soll sie auch jene Schlange gewesen sein, die Adam und Eva im Paradies verführt hat.

Die alten Griechen glaubten an Hekate, die zunächst als Mondgöttin verehrt wurde, sich aber im Lauf der Zeit in eine dreiköpfige Dämonin verwandelte, die – umgeben von Schlangen – mit ihrer Hundemeute über den nächtlichen Himmel tobte und die Menschen zu Tode erschreckte. Nicht an Kreuzungen, die in heidnischer Zeit keinerlei Symbolkraft besaßen, sondern an Wegegabelungen brachte man ihr Opfer dar.

Doch sie galt nicht nur als Furcht einflößend. Sie half auch Frauen bei der Geburt, und weil sie sich bestens auf Spuk und Magie verstand, war sie zudem in der Lage, schädlichen Zauber abzuwehren. Die Römer, die sich so viel von den Griechen abgeschaut haben, übernahmen auch Hekate mit all ihren guten und weniger guten Eigenschaften, nannten sie allerdings Diana.

Die Gelehrten streiten sich darüber, ob die germanische Göttin Hulda jene von den Römern nach Norden exportierte Diana war, was aber eher unwahrscheinlich ist. Allerdings war sie – wie ihre antiken Kolleginnen – zunächst eine holde Dame, bis sie dann zur Unholdin wurde, einigermaßen hässlich mit verfilzten Haaren und mit Zähnen, die so lang waren wie ihre Nase. Zusammen mit ihrem Gefolge fuhr sie über den nächtlichen Himmel, und so stellte man sich ja später auch die Hexen und ihre nächtlichen Ausritte vor.

Nun war Hulda jedoch keineswegs die Einzige, die den Himmel über Germanien bevölkerte. Da wurde zunächst einmal Wotan verehrt als oberster aller Asen. »Sturmgeboren« nannten ihn die Menschen und fürchteten sich zu Tode, wenn er – von Wölfen begleitet und von Raben umflattert – auf seinem achtbeinigen Grauschimmel das Heer der Toten durch die Nacht führte.

Und da war Donar, der Donnerer, der wie Wotan bei nahezu allen germanischen Stämmen verehrt wurde. Er war für den Krieg zuständig, den Krieg gegen Dämonen, Riesen und andere Unholde. Er trug einen roten Bart und schleuderte Blitze gegen seine Feinde. Die Erinnerung an ihn lebt in unserem Donnerstag fort.

Allerdings wechselten die Gottheiten häufig von Stamm zu Stamm. War hier Wotan der oberste Ase, tauchte er anderenorts als Odin auf, der mit Frigg verheiratet war, und wieder anderswo als Ziu. Dann war da noch Thor, wie Donar ein hitziger Kämpfer, der jedoch keine Blitze schleuderte, sondern seinen Streithammer schwang, der uns bis heute im Gericht oder im Versteigerungssaal begegnet – Symbol für eine endgültig gefällte Entscheidung.

Und schließlich war da noch die Göttin mit dem schönen Namen Frija oder Freyja, was nichts anderes heißt als Geliebte oder Gattin. Sie war die Beschützerin der Liebenden und von mütterlichem Wesen. Nach ihr ist unser Freitag benannt. Andere Götter, die hier vielleicht vermisst werden, tauchen erst in der im 13. Jahrhundert aufgezeichneten Edda auf, die Gesänge aus der Wikingerzeit enthält. In den alten Traditionen dagegen stoßen wir weder auf den schönen Baldur noch auf den heimtückischen Loki.

Wenn Tacitus – wohl um seinen ziemlich verkommenen römischen Zeitgenossen einen Spiegel vorzuhalten – die hohe Moral der germanischen Frauen schilderte, so konnte man entsprechende Tugenden bei germanischen Göttinnen leider nicht ausmachen. Da ging es ziemlich turbulent zu, der dauernd fremdgehende griechische Göttervater Zeus hätte seine helle Freude an seinen germanischen Kolleginnen gehabt.

Wenn er sie denn gekannt hätte.

Aber nicht alle überirdischen weiblichen Wesen strahlten Lust auf Liebe aus. Da waren schließlich auch noch die Walküren, die es Richard Wagner so sehr angetan hatten. Wal bedeutet so viel wie ein Haufen erschlagener Krieger (siehe Walstatt). Küren ist natürlich gleichbedeutend mit wählen, sodass der Name Walküre nichts anderes bedeutet als diejenige, welche die zum Sterben verurteilten Krieger bestimmt.

Walküren sind Kampfgöttinnen, die durch die Luft heranjagen und Schlachten entscheiden; keine so abwegige Vorstellung, denn es war durchaus nicht ungewöhnlich, dass die Frauen in der Schlacht Seite an Seite mit ihren Männern kämpften. Auch daran erinnern uns bis heute noch Frauennamen, mit denen an Brünne (Rüstung), Helm und Ger (Speer) erinnert wird: Brunhilde beispielsweise oder Helmtrud und Gerlind.

Insgesamt fehlt der nordeuropäischen Mythologie die Heiterkeit südländischer Regionen, aber wen sollte das wundern, war doch ganz Nordeuropa von dichten Urwäldern bedeckt, in denen es von merkwürdigen Wesen nur so zu wimmeln schien. Wir hören von Kobolden und Trollen, von Feen und Nymphen, Zwergen und Nixen. Deshalb überfiel die Menschen gerade im nächtlichen Wald panische Angst. Wenn wir ehrlich sind, fühlen selbst wir uns heute auf mondbeschienenen Waldwegen noch immer unbehaglich, obwohl wir genau wissen, dass keines dieser Fabelwesen existiert und dass mit Sicherheit kein Krimineller in einem menschenleeren Gebiet und zu nachtschlafender Zeit auf mögliche Opfer lauert.

Damals hingegen schien die Angst begründet. Jedermann glaubte, dass er urplötzlich einen Zwerg bei irgendeiner Tätigkeit überraschen konnte, einen missgestalteten, hässlichen, buckligen Wicht. Und wusste man nicht, dass Zwerge nichts mehr hassten, als heimlich beobachtet zu werden? Wird er sich rächen? Man weiß doch, wie listig und bösartig diese verwachsenen Gnome sein können.

Und wie soll man sich vor all den Gespenstern schützen, die im finstren Tann lauern! Vor allem vor den kopflosen! Wer im Leben ein Mörder gewesen war, ein Meineidiger oder gar ein Gotteslästerer, schleicht nachts mit dem Kopf unter dem Arm oder auf einem Tablett umher. Und sie sind Vorboten schrecklicher Ereignisse! Man darf gar nicht daran denken.

Bis in die Zeit der Romantik hinein glaubten die meisten Menschen fest an die Existenz von Gnomen und Hexen, Feen und Elfen, Riesen und Zwergen, guten und bösen Geistern. Sie haben sich sogar in unseren Sprachschatz hineingeschlichen, ohne dass wir uns heute groß Gedanken darüber machen. Wir sprechen von Albdrücken und wissen vielleicht gar nicht, dass damit ein böser Elb gemeint war, der nachts auf unserer Brust hockte und uns im Sinne des Wortes schrecklich bedrückte.

Auch wer über einen Hexenschuss klagt, ahnt vermutlich nicht, dass dieses Wort ebenso alt ist wie der Glaube, dass es tatsächlich eine böse Frau war, die einem das Ding angehext hat. Und einem Mitmenschen, der sich besonders töricht verhalten hat, unterstellen wir gern, dass er dabei wohl von allen guten Geistern verlassen gewesen war.

Die Gebrüder Grimm, die Anfang des 19. Jahrhunderts die von Generation zu Generation weitererzählten Volksmärchen sammelten und in drei Bänden veröffentlichten, haben jedoch weder die uralte germanische Auffassung von weiblichen Zauberweibern dargestellt noch die frühneuzeitliche Vorstellung von der Hexe, die mit dem Satan buhlt. Überhaupt scheint die Neuzeit an den Märchen spurlos vorübergegangen zu sein. Amerika ist entdeckt, die Dampfmaschine erfunden. In Frankreich hat eine Revolution stattgefunden, und in den deutschen Kleinstaaten regieren mehr oder weniger fleißige Beamte. Im Märchen jedoch spielt das alles keine Rolle. Neben bösen Königinnen und verwunschenen Prinzen finden wir tumbe Hirten, listige Bäuerlein und natürlich das brave Bürgertum, vertreten durch Handwerker wie den schlauen Müller oder das tapfere Schneiderlein.

Merkwürdigerweise kommen in den Märchen weder die Religion noch der liebe Gott persönlich vor, was für die damalige Zeit doch sehr erstaunlich ist. Allerdings stoßen wir auf eine strikte Moralvorstellung. Der Böse wird verurteilt, der Gute belohnt, der Arme wird reich, der Reiche arm, die böse Stiefmutter wird bestraft, die Hexe verbrannt. Niemand, der sich wirklich müht, fleißig und fromm ist, wird – mag sein Schicksal noch so hart sein – letztendlich zugrunde gehen.

Das ist die tröstliche Botschaft der Märchen, aber sie verheißen auch etwas anderes, eher Unchristliches: Der Lohn winkt nicht im Himmel, sondern bereits hienieden. Der Frosch wird zum Prinzen, und das Aschenputtel heiratet den Königssohn. Auf Bösewichte und Hexen dagegen warten schreckliche Strafen. Den Schwestern von Aschenputtel picken Tauben die Augen aus, Schneewittchens gottlose Stiefmutter muss sich in rot glühenden Eisenschuhen zu Tode tanzen, und das bösartige Rumpelstilzchen reißt sich vor Wut selbst mitten entzwei.

Hier klingt noch die Erinnerung an das schreckliche Ende vermeintlicher Hexen zu Beginn der frühen Neuzeit nach.

Hexen also – so viel steht nun fest – hat es in der Erinnerung der Menschen tatsächlich gegeben. Wobei die Herkunft des Wortes nach wie vor umstritten ist. Höchstwahrscheinlich ist es entstanden aus dem altnordischen hagazussa, was so viel bedeutete wie Zaun-Reiterin. Damit wird zweierlei angedeutet: Zum einen ist sie im Hag (Zaun, Gehege, Busch, Wald) zu Hause, und zum anderen können Zäune sie nicht aufhalten. Sie reitet notfalls wie Hulda oder die Walküren über die Zäune und durch die Lüfte, was man ja auch später den Hexen unterstellen sollte.

In anderen Sprachen hieß die Hexe anders, im Lateinischen beispielsweise striga (Eule) oder malefica (Schadenszauberin), im Italienischen erbaria (Kräuterfrau), im Französischen sorcière (Zauberin), im Englischen wicca (weise Frau), woraus später witch wurde. Das Wort hagazussa verschwand vorübergehend wieder, bis es im 15. Jahrhundert in der verwandelten Form von hächse oder häxe von Neuem auftauchte. Bis dahin behilft man sich mit verschiedenen Bezeichnungen, wenn nicht – wie zum Beispiel in vielen Hexenprozessen – ohnehin nur lateinisch protokolliert wird. Und da heißt die Zaubersche schlicht striga.

Im Land unserer Vorväter, in dem es vor Gnomen und Riesen, Zwergen und Hexen nur so zu wimmeln schien, wo Götter und Walküren mit ihrem wilden Gefolge über den nächtlichen Himmel rasten, tauchten Anfang des 7. Jahrhunderts plötzlich seltsam gekleidete Menschen auf: Männer in langen schwarzen Mänteln, in den Händen lange Wanderstöcke, über den Schultern lederne Säcke, die Augenlider schwarz oder rot bemalt. Das Haar, vorn kurz geschoren, fiel in langen Strängen über Schulter und Rücken.

Irische Wandermönche.

Der heilige Patrick hatte das Christentum auf der Grünen Insel gepredigt und Klöster gegründet, in denen die Mönche in strenger Askese lebten. Dazu gehörte jedoch nicht nur der Verzicht auf die normalen Freuden des Alltags, sondern unter anderem auch der auf Heimat, und so zogen sie los, das Christentum zu den Heiden auf dem Festland zu bringen. Natürlich konnten sie den alten Volksglauben nicht ausrotten. Daher begnügten sie sich zunächst einmal damit, heilige Bäume zu fällen, um so die Machtlosigkeit der alten Götter zu beweisen. Heiligtümer, die dem Donar gewidmet waren, wurden nun dem heiligen Petrus geweiht, der seit damals für das Wetter zuständig ist. Zudem wurde Weihnachten vom 6. Januar auf das heutige Datum vorverlegt, behielt aber den alten Namen.

Nach den irischen Mönchen kamen Glaubensbrüder aus England, deren bekanntester Winfried war, den wir als Bonifatius kennen. Aber so richtig zu überzeugen wusste er die alten Heiden ebenso wenig wie jener Bischof, der den friesischen Herzog Radbod taufen wollte. Er hatte ihn schon am Taufbecken, als der Friese verlangte, der Bischof möge ihm doch ganz ehrlich sagen, wo sich die verstorbenen Könige und Heerführer der Friesen nun befänden, im Himmel oder in der Hölle?

Der Bischof antwortete, alle Getauften, und natürlich auch Radbod, würden sich im Himmel einfinden, die Ungetauften dagegen in der Hölle. Daraufhin sagte der Herzog, er zöge es vor, im Kreise seiner Ahnen in der Hölle zu sitzen, anstatt zusammen mit ein paar ihm unbekannten armseligen Kreaturen im Himmel zu hocken.

Und das war’s dann gewesen.

Aus vielen Dingen lässt sich schließen, dass selbst die bereits Getauften, ja sogar die Missionare und Mönche, durchaus noch daran glaubten, dass es jene oben geschilderten unheimlichen Wesen tatsächlich gab. Als die Franken beispielsweise 785 den besiegten (nieder-)sächsischen Herzog Widukind in Attigny tauften, verlangten sie nicht etwa von ihm, sich von dem heidnischen Hokuspokus zu distanzieren und ihn als naiven Kinderglauben abzutun. Man fragte ihn ausdrücklich, ob er bereit sei, dem Donar, Wotan, Saxnot und anderen Unholden abzuschwören. Man ging also davon aus, dass sie durchaus existierten. Widukind sollte sich lediglich von ihnen lossagen, um sich nunmehr dem mächtigeren Gott der Christen zu unterwerfen.

Wie unausrottbar der Glaube an Dämonen und Fabelwesen war, zeigt sich besonders eindrucksvoll an den zahlreichen Abbildungen in unseren alten Kirchen und Kathedralen. Sei es im kunstvollen Schnitzwerk des Chorgestühls, sei es bei den Wasserspeiern auf dem Dach: Überall begegnen wir schrecklichen Ungeheuern. Sogar vom berühmtesten Reformkloster des Mittelalters in Cluny wusste der Zisterzienserabt Bernhard von Clairvaux (um 1090–1153) Gräuliches zu berichten: »In allen Sälen und Gängen, an Wänden, Portalen und Simsen tummeln sich Affen und Löwen, Zentauren, Halb- und Waldmenschen. Da kämpfen Ritter gegen Monstren, Fische und Schlangen.«

Die Welt der Dämonen konnte einfach nicht verboten oder wegdiskutiert werden. Aus den heidnischen Heiligtümern konnte man sie vielleicht vertreiben, aus den Köpfen der Menschen nicht. Die Theologen waren gefordert, sich etwas einfallen zu lassen.

Der Aberglaube ist ein Kind der Furcht,
der Schwachheit und der Unwissenheit.

Friedrich der Große

2  WUNDER UND VISIONEN

Die beiden Männer saßen im Schatten einer mächtigen Eiche und zankten sich. Sie zankten sich schon seit gut einer Stunde. Es war heiß, und der Mann mit dem schulterlangen blonden Haar hatte den Pelz, den er gemeinhin über den Schultern trug, längst abgelegt, und auch sein kurzes Schwert lehnte an dem Baumstamm, auf dem sie sich niedergelassen hatten.

Sein Gegenüber war feingliedriger, sein Kopf geschoren. Er trug eine Kutte und an den Füßen Sandalen. Trotz ihres hitzigen Streits bemühten sich beide, langsam und deutlich zu sprechen, um sich dem anderen gegenüber verständlich zu machen. Leicht war das nicht, denn der Blonde war hier daheim, während der andere von weit her gekommen war. Über das Meer, wie er sagte. Wo immer das sein mochte.

Jedenfalls hatte der Mönch ihn überredet, sich mit ihm unten am Fluss in Büraburg zu treffen, um endlich Klarheit in dieser Sache zu erzielen. Sie waren durch die Eder geritten, hinauf zu dieser Eiche, die seit uralter Zeit dem Donar geweiht war, von dem dieser Fremde behauptete, dass es ihn überhaupt nicht gebe. Weder ihn noch Wotan, noch Freyja. Nur seinen Jesus. Unglaublich.

Und was bitte schön hat dieser Jesus geleistet? Nichts Besonderes, wenn er den Mönch richtig versteht. Kein fremdes Land hat er erobert, nicht einmal das eigene verteidigt. Nur herumgezogen ist er und hat erzählt, er sei der Sohn Gottes. Welchen Gottes? Angeblich gibt es nur den einen, sagt der Mönch, den Vater von diesem Jesus. Und wann hat dieser Jesus angeblich gelebt? Vor etwa siebenhundert Jahren. Na prima! Und als er in Gefahr geriet, sind seine Männer Hals über Kopf davongelaufen.

Nicht einmal den Versuch haben sie unternommen, ihrem Anführer zu helfen, als seine Feinde ihn an ein Kreuz aus Holz genagelt haben, um ihn auf einem Berg dem Gespött der Menge auszuliefern.

Und an so was soll man glauben?

»Aber ja doch«, ereiferte sich der Mönch. »Aber nicht Jesus allein hat durch beispiellose Wundertaten die alles übertreffende Macht seines Vaters bewiesen. Selbst nach seinem Tod noch haben seine Anhänger unglaubliche Zeichen vollbracht. Willst du hören?«

»Wenn’s denn sein muss …«

»Pass auf«, sagte der Mönch und wischte sich den Schweiß von seinem kahlen Kopf. »Kurz nach seinem Tod sind seine Anhänger – so wie ich heute – in alle Welt gezogen und haben von ihm erzählt. Einer von ihnen, Philippus hieß er, kam eines Tages in eine Stadt, in der ein großer Magier lebte, der von den Menschen dort deshalb Simon Magus genannt wurde. Der behauptete nun von sich selbst, dass er der größte Zauberer auf der Welt sei, und tatsächlich beeindruckte er durch die vielen Kunststücke, die er beherrschte. Eines jedoch vermochte er nicht: Menschen, die von bösen Geistern besessen waren, diese Dämonen auszutreiben.

Das aber konnten Philippus und seine Anhänger, und deshalb glaubten die Menschen ihnen mehr als dem Simon und bekehrten sich zu dem einen und wahren Gott. Als Simon das sah, bot er dem Philippus Gold an, damit er ihn diese Fähigkeiten lehre. Aber Philippus und seine Freunde beschimpften ihn und sagten, Derartiges könne man nicht kaufen. Man müsse schon an den einen Gott glauben, der allein in der Lage sei, solche Heilkräfte zu verleihen.«

Der Blonde wiegte bedächtig den Kopf hin und her. »Und du glaubst wirklich, dein Gott würde dir die Kraft verleihen, gegen unsere Götter zu bestehen?«

»Aber ja.«

»Und wie willst du das beweisen?«

»Diese Eiche hier« – der Mönch wies auf den mächtigen Baum, unter dem sie saßen, »ist doch dem Donar geweiht. Was wird er wohl tun, wenn meine Freunde und ich seinen Baum fällen würden?«

Der Blonde sprang auf. »Er würde euch zermalmen! Euch alle!«

Auch der Mönch stand auf. »Komm morgen mit deinen Freunden um die Mittagsstunde hier herauf. Wir werden den Baum vor euer aller Augen umhacken.«

»Das werdet ihr nicht wagen!«

»Und ob«, sagte der Mönch.

* * *

Die Geschichte vom heiligen Bonifatius, der 723 bei Geismar die gewaltige Donar-Eiche fällte, um den heidnischen Hessen die Überlegenheit des Christengottes über die germanische Götterwelt zu beweisen, kennen wir alle. Wären wir an der Stelle des Missionars gewesen, hätten wir beim Fällen des Baumes allenfalls Angst vor der Wut der Germanen gehabt, ganz sicher aber nicht vor dem Zorn Donars. Im Gegensatz zu Bonifatius hätten wir ganz einfach gewusst, dass uns von diesem Gott keine Strafe drohte. Bonifatius hat es nicht gewusst. Er hat es lediglich geglaubt.

Allerdings ganz fest.

Im Gegensatz zu uns wurde ja unseren christlichen Vorfahren über zweitausend Jahre hinweg eine ganze Menge zugemutet. Es erscheint uns heute nahezu absurd, was für sie als unumstößliche Wahrheit zu gelten hatte. Das beginnt mit der Schöpfungsgeschichte einschließlich Adam und Eva, und kaum haben wir den etwas merkwürdigen Sündenfall und dann den Mord von Kain an Abel geschluckt, da naht auch schon die Sintflut mit der Arche, auf der Noah von allen (!) Tierarten je ein Pärchen in Sicherheit bringt.

Dann regnet es Phosphor und Schwefel über Sodom und Gomorrha, und Lots neugieriges Weib, das sich verbotenerweise nach dem Spektakel umdreht, erstarrt zur Salzsäule. Moses führt die Kinder Israels aus der Knechtschaft in Ägypten, nicht ohne zuvor den verstockten Pharao mit Fröschen und Heuschrecken, Blattern und Pest, Sonnenfinsternis und der Ermordung der Erstgeborenen erpresst zu haben. Dann teilt sich das Rote Meer, später regnet es Manna vom Himmel, einem Felsen entspringt Wasser, und vierzig Jahre lang erleben die Kinder Israels die abstrusesten Dinge in der Wüste, bis endlich die Mauern von Jericho unter dem Schall der Posaunen in sich zusammenfallen.

Und weiter geht es; nicht mehr ganz so spektakulär wie in den fünf Büchern Mose, aber die Abenteuer des bärenstarken Simson, der Gesang von Daniels Freunden im Feuerofen oder des Jonas Reise im Bauch des Wals blieben keinem Gläubigen erspart.

Allerdings wollten die Menschen ja auch glauben. Das Geheimnisvolle und Unerklärbare faszinierte sie, war offensichtlicher Beweis für die Existenz der Gottheit. Ob nun Thor die Midgard-Schlange besiegte oder Zeus sich – auf Freiersfüßen wandelnd – in einen Schwan oder einen Stier verwandelte, ob man die Gottheit nun verehrte oder fürchtete: Macht besaß sie in jedem Fall. Daran war nicht zu zweifeln, und so war für die Christen ihr Gott völlig logisch Der Allmächtige.

Im Alten Testament hatte er sich, zumindest aus jüdischer Sicht, als solcher erwiesen. Als Wundertäter trat dann auch Jesus als sein Sohn in Erscheinung, der, wie die christlichen Chronisten berichteten, auf dem Wasser spazieren ging, Wasser in Wein verwandelte, Brot vermehrte, Kranke heilte und selbst Tote wieder zum Leben erweckte.

Was er und seine Jünger da lehrten, bewegte sich für strenggläubige jüdische Zuhörer zwischen Gotteslästerung (»Mein Vater im Himmel«!) und naiver Utopie (»Liebet eure Feinde wie euch selbst«). Bei den sogenannten Heiden im übrigen Römischen Reich löste die Lehre vom einzig wahren und alleinigen Gott dagegen zunächst Belustigung, später Misstrauen und schließlich die Verfolgung von deren Anhängern aus.

Eigentliche Aufmerksamkeit erregten Jesus und seine Apostel zunächst einmal durch die von ihnen verübten Wunder, und vom Mann auf der Straße wurden sie infolgedessen weniger als Verkünder göttlicher Wahrheiten, sondern, ebenso wie ihre heidnischen Konkurrenten, in erster Linie als faszinierende Zauberer angesehen.

Nur: Sie waren erfolgreicher.

Was aber für sehr viele Menschen noch immer kein Beweis dafür war, dass der Christengott stärker war als alle anderen Götter. Nachdem nämlich Jesus einen Stummen geheilt hatte, wurde ihm unterstellt, nur mithilfe des Beelzebub, des obersten aller Teufel, könne er dies vollbracht haben.

So nähern wir uns denn der Kernfrage, worin sich die verschiedenen Formen von Magie und Zauberei voneinander unterschieden; wichtiger noch: Was war einem Christen letztendlich verboten zu glauben, was war erlaubt, und was war gar Pflicht?

Obwohl die Missionierung der Germanen durch irische und angelsächsische Mönche im 8. Jahrhundert offiziell zwar weitgehend abgeschlossen war, lesen wir zwischen den Zeilen der Rundschreiben, die von Karls des Großen Berater Alkuin an die Bischöfe des Reiches gerichtet waren, was noch alles im Argen lag. Während die (Benediktiner-)Mönche meist aus vornehmen Familien stammten, war die Bildung der sogenannten Leutpriester mehr als mangelhaft. »Disce ut doceas«, ermahnte sie Alkuin. Sie sollten lernen, auf dass sie andere unterrichten könnten.

Aber das blieb wohl eher ein frommer Wunsch. In den Dörfern, aus denen der priesterliche Nachwuchs stammte, ritt der einäugige Wotan noch immer mit seinem Wilden Heer über den Winterhimmel. Die alten Götter, die Asen, genossen ebenso wie zahllose Feen und Elfen, Kobolde und Zwerge nach wie vor Asyl in den Flüssen und den Hainen, auf den Bergen und im Moor. Und daran glaubten nicht nur viele Pfarrkinder, sondern häufig genug auch ihr Pastor.

Mehr als ein halbes Jahrtausend später begann man am Vorabend von Reformation und Gegenreformation, sich etwas intensiver damit zu beschäftigen, was da auf Gemeindeebene eigentlich vorging. Das Ergebnis: Einerseits beklagten zwar viele Kleriker, dass die Bauern ihre Höfe und Stallungen an bestimmten Tagen im Jahr mit allen möglichen Zweigen bestückten, die angeblich Krankheiten und anderes Unglück fernhalten sollten, dass sie Amulette mit heidnischen Zeichen bei sich trugen oder Zettel mit geheimnisvollen Inschriften unter ihren Schlafdecken versteckten. Andererseits huldigten selbst Kleriker durchaus heidnischen Praktiken.

Eine Quelle aus dem 15. Jahrhundert beschreibt beispielsweise, dass ein gewisses Orakel besonders bei hohen Geistlichen außerordentlich beliebt sei: das sogenannte Gänsebeinspiel. Dabei geben angeblich die Teile des zerbrochenen Brustbeins einer Martinsgans Auskunft über den Verlauf des kommenden Winters.

Von solchen geheimnisvollen Bräuchen und Riten ahnen die Bauern nichts, die weder Äbte noch Bischöfe persönlich kennen und denen auch die meist nicht aus ihrem Dorf stammenden Leutpriester eher suspekt sind. Die segnen zwar die Familie und den Hof, die Tiere, die Weiden und sogar das Ackergerät, aber was sie dabei in einer Sprache, die sie selbst für Latein halten, vor sich hin murmeln, versteht naturgemäß niemand. Da versucht man es doch lieber selbst mit den überlieferten Segenswünschen, opfert den alten Göttern oder wendet sich an eine weise Frau, die sich in solchen Dingen auskennt. Die tut schließlich ebenfalls sehr geheimnisvoll, fast so wie der Priester in der Kirche. Ganz falsch kann das also nicht sein, was die Alte da anstellt.

Schaden kann es ja wirklich nicht, denken auch die Leutpriester, die ebenfalls in ärmlichen Hütten aufgewachsen sind und deshalb auch nicht gegen die Amulette vorgehen, die seit Menschengedenken nahezu jedermann in der Familie trägt. Man hängt sich eine Hasenpfote um, die bösartige Hunde abschreckt; gegen üble Nachrede hilft ein Wolfszahn, der allerdings in Lorbeerblätter gewickelt werden muss, und das Horn einer jungen Ziege schützt gegen den bösen Blick.

Je größer die Not, umso eher waren (und sind wohl auch heute noch) die Menschen bereit, sich magischer Mittel zu bedienen. Wahrsager gehörten damals zu den am meisten gefragten Dienstleistern. Es war halt lebensnotwendig zu wissen, ob es im kommenden Jahr eine Missernte oder gar einen Krieg geben würde; ob die Frau, die man zu ehelichen gedachte, auch fruchtbar war; ob es sich – wenn man Kaufmann war – lohnte, den beschwerlichen Weg über die Alpen anzutreten.

Zuweilen allerdings musste man sich gar nicht selbst bemühen, in die Zukunft zu schauen. Da wurde sie – wie Chronisten von damals behaupteten – förmlich auf dem Präsentierteller dargeboten: durch teils wundersame, teils schreckliche Naturerscheinungen. Dass sie in der geschilderten Form tatsächlich stattgefunden haben, ist jedoch eher unwahrscheinlich. Das gilt auch für den sogenannten Stern von Bethlehem, dessen Geheimnis von den Astronomen bis heute nicht restlos gelüftet ist. Wenn wir an den wenig spektakulären Auftritt des berühmten Halley’schen Kometen denken, der mit bloßem Auge kaum erkennbar gewesen ist, lässt sich schwer vorstellen, welche Himmelserscheinung die Menschen damals in Entzückung oder Panik versetzt haben könnte.

Das Volk wollte jedoch an Wunder und Zeichen glauben. Nicht ohne Grund. Gott selbst war zu weit weg, ängstlich bewacht und abgeschirmt von seinen Priestern, die sich während der Messe nicht den Gläubigen zuwandten, sondern ihnen den Rücken kehrten. Und die sie lehrten, nicht mehr mit erhobenen Armen den Herrn anzurufen, wie es lange Zeit üblich gewesen war, sondern sich wie Sklaven hinzuknien und die Hände zu falten, als seien sie gefesselt. Schließlich wurden in die Kirchen Lettner gebaut, damit das gemeine Volk dem Allerheiligsten nicht zu nahe kam.

An wen aber sollte man sich wenden, wenn Gott selbst anscheinend unzugänglich geworden war?

Die Ritterschaft war davon überzeugt, dass entweder streitbare Märtyrer an ihrer Seite fochten oder – wenn man sehr viel Glück hatte – der heilige Michael persönlich. Manchmal taten es weniger bekannte Heilige: In der Schlacht vor Antiochia (1098) zum Beispiel, als die belagerten Kreuzritter gegen ein übermächtiges Heer der Seldschuken kämpften, verhalfen ihnen drei ganz in Weiß gekleidete Ritter zum Sieg. Niemand wusste zunächst, um wen es sich da handelte, aber dann schrie einer, das seien ja die Heiligen Georg, Merkurius und Demetrius, und das reichte.

Kaum jemand wusste wahrscheinlich, um welche Heiligen es sich da handelte, und möglicherweise war das auch nur ein psychologischer Trick, den sich der schlaue Normannenherzog Bohemund in den Reihen der Kreuzfahrer ausgedacht hatte – egal: Die verzagten Ritter hatten inbrünstig auf ein Wunder gehofft, und es war eingetreten.

Wie auch immer.

Bauern und Bürger waren anspruchsloser als die Kreuzritter. Ihnen genügte zuweilen die Hilfe eines Verstorbenen, der nur in einer ganz bestimmten Region bekannt war und in den Augen der dort lebenden Menschen heiligmäßig gelebt hatte. Es war nicht notwendig, dass er auch von Rom anerkannt wurde. Da war man sehr viel großzügiger als heute, und die Kirche drückte häufig beide Augen zu. Nicht nur bei Karl dem Großen, der bekanntlich von einem Gegenpapst (und somit höchst unrechtmäßig) heiliggesprochen worden ist.

Auch das Beten zum Lokalheiligen wurde lange toleriert. Verständige Bischöfe begriffen, dass es für die Gläubigen schwer war, jenen unheimlichen, fernen Gott mit ihren Anliegen zu belästigen. Gott wurde gefürchtet; der Heilige, dessen Bild zu Hause an der Wand hing oder dessen Reliquien im nahen Wallfahrtsort besucht werden konnten, wurde dagegen liebevoll und zuweilen grenzenlos verehrt.

Dass es später zu exzessiven Auswüchsen wie beispielsweise zum Ablasshandel kommen würde, war zunächst nicht abzusehen.

Was dabei häufig übersehen wird: Reliquienverehrung gibt es auch im Islam: Barthaare des Propheten werden an vielen Orten verehrt, und in einem Bericht aus dem 16. Jahrhundert heißt es, dass während einer Pilgerfahrt die Originalausstattung des Propheten mitgeführt wurde, unter anderem sein Gewand, seine aus einem Ast gefertigte Zahnbürste und seine hölzernen Pantoffeln sowie ein Krug für die rituellen Waschungen.

Nun gab es im Mittelalter durchaus Männer, die sich – zumindest der Legende nach – angeblich nicht auf die Hilfe von Heiligen verlassen, sondern selbst etwas bewirken wollten. Ausgerechnet um Albertus Magnus, einen der bedeutendsten Philosophen und Theologen des Mittelalters, ranken sich unzählige Legenden, denen zufolge der Dominikaner nicht durch frommes Gebet, sondern ganz im Gegenteil durch die Hilfe des von ihm gezähmten Teufels die tollsten Dinge vollbracht hat. Einmal soll er sogar von seinem merkwürdigen Diener durch die Luft nach Rom gebracht worden sein, wo er den Papst vor einer schweren Sünde bewahrt habe.

Ein anderer Papst habe ihm die Erlaubnis erteilt, mit dem Satan zu verkehren, weil Albertus den Heiligen Vater einmal durch seine Künste aus den Händen eines feindlichen Heeres gerettet habe. Bei einem Gastmahl mit dem König hat der Dominikaner, einer anderen Legende zufolge, aus einem Weinkrug bläuliche Flammen lodern lassen, und als er dann den Inhalt des Kruges zur Decke hochgeschleudert habe, hätten sich die herabfallenden Tropfen in bunte Vögel verwandelt.

Albertus Magnus war keineswegs der einzige Kleriker, der sich angeblich auf Zauberei verstand. An vielen Fürstenhöfen tummelten sich gebildete Männer, die entweder der Schwarzen Kunst wegen berüchtigt waren oder der harmloseren weißen Magie huldigten. Aber irgendwann musste sich die Kirche schließlich doch zu einer offiziellen Haltung durchringen, was denn nun heidnisch war oder christlich, was verboten war oder erlaubt.

Was sollte sie zum Beispiel von dieser Zeremonie halten, die aus dem 12. Jahrhundert überliefert ist, als Bauern sich gemeinsam mit einem Leutpriester daranmachten, einen unfruchtbaren Acker »gesundzubeten«:

Am frühen Morgen gingen die Leute zu dem besagten Feld hinaus und gruben an jeder Seite des Ackers einen Erdklumpen aus, der mit einem Gemisch aus Weihwasser, Honig, Milch, Öl und gewissen Pflanzen getränkt wurde. Dann wurde die so behandelte Erde mit den Worten besprochen, die Gott laut Genesis 1,28 zu Adam und Eva gesagt hat: »Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde!« Sodann wurde die Erde in die Kirche getragen, wo der Priester vier Messen lesen musste, um die Klumpen danach in der Abenddämmerung auf den Acker zurückzubringen.

Ob es geholfen hat, ist nicht überliefert.

Leichter als die Kirche taten sich die weltlichen Herrscher mit dem Problem, wie mit Magiern und Zauberern zu verfahren sei. Zunächst einmal: Wer – wie beispielsweise die Sachsen – noch immer an die alten Götter glaubte, musste schon aus politischen Gründen sterben. Wer anderen auf geheimnisvolle Weise Schaden an Eigentum, Leib oder Leben zufügte, tat dies offensichtlich mithilfe böser Geister und wurde zum Tode verurteilt. Dasselbe Schicksal widerfuhr demjenigen, der nachweislich Kontakt zum Teufel pflegte. Es sei denn, er hatte gute Beziehungen oder hieß Albertus Magnus.

Die Kirche sah sich vor schwierigen Entscheidungen. Wenn jemand aus dem Fallen von Würfeln oder Knochen die Zukunft voraussagte – war das Teufelswerk? Was war, wenn er dabei das Kreuzzeichen schlug? War das dann Blasphemie, oder konnte das bedeuten, dass er Gott zu Hilfe rief? Die Hostie wurde nach der Wandlung als wahrer Leib des Herrn verehrt. Konnte es Teufelswerk sein, wenn man sie heimlich wieder aus dem Mund nahm und daheim dem kranken Kind auf die Brust legte? War ein Amulett mit seltsamen Zeichen praktiziertes Heidentum, und wurde es zu einem religiösen Symbol, wenn man ein Kreuz hineinschnitzte? Tanz und Musik, Erde und Blut – was war heidnisch, was christlich?

Die Missionare scheuten sich keineswegs, ganz offiziell »Anleihen« bei den alten Kulten zu machen. In den (heidnischen) Merseburger Zaubersprüchen, die in jedem Fall vor 750 entstanden sind, lesen wir:

»Phol und Wodan ritten in den Wald.

Da verrenkte sich Balders Fohlen einen Fuß.

Da besprachen ihn Sindgund und Sunna, ihre Schwester;

da besprachen ihn Frija und Volla, ihre Schwester;

da besprach ihn Wodan, so gut, wie er es konnte:

wie die Verrenkung des Knochens, so die des Blutes,

so die des ganzen Gliedes.

Knochen an Knochen, Blut zu Blut, Glied an Glied,

als ob sie zusammengeleimt wären!«

Noch rund zwei Jahrhunderte später heißt es im (christlichen) Trierer Pferdesegen, den ein Missionar oder ein Leutpriester sprach:

»Christus und der heilige Stephan kamen in die Stadt Salonia.

Dort wurde das Pferd des heiligen Stephan befallen.

So wie Christus das Pferd des heiligen Stephan

von dieser Krankheit befreit hat, so möge ich

mit Christi Hilfe dieses Pferd hier wiederherstellen.

Vater unser, oh Christus, befreie durch diese Gnade

dieses Pferd von seiner Krankheit oder Lahmheit,

wie du das Pferd des heiligen Stephan zu Salonia geheilt hast.

Amen.«

Was früher Wotan und seine Freunde vollbrachten, geschah nun durch Christus und die Seinen. Was blieb erlaubt, was wurde verboten? Letztendlich lief es darauf hinaus, dass ein Bauer seine Kühe nicht mit »alten«, sprich heidnischen Sprüchen schützen lassen durfte. Segnete dagegen der Priester Wild und Wiesen, war es gestattet. Die Grauzone war groß, denn was hieß schon Glaube und Aberglaube?

Bis ins hoch aufgeklärte 21. Jahrhundert hinein vertrauen Menschen noch immer Horoskopen, die von Gott weiß wem nach Gott weiß welchen Regeln aufgestellt und in irgendeiner Boulevardzeitung veröffentlicht werden. Wir scheuen die schwarze Katze, der wir am liebsten überhaupt nicht begegnen wollen, vor allem nicht, wenn sie uns von links über den Weg läuft, schon gar nicht am Dreizehnten eines Monats, und wenn dann doch, bitte auf gar keinen Fall, wenn der auf einen Freitag fällt.

Seit Urzeiten leben die Menschen mehr oder weniger in Angst. Bewusst oder unbewusst. In vorgeschichtlicher Zeit war ihr Leben besonders kurz und der Tod stets nah. Niemand wusste, ob er den nächsten Tag noch erleben würde, ob die Nahrung reichen und der ausgesandte Kundschafter die nächste Quelle rechtzeitig finden würde.

Die Lebensumstände besserten sich zwar im Lauf der Jahrhunderte, aber die Angst war stets gegenwärtig. Zu vieles blieb nach wie vor fremd und beunruhigend. Wetterkatastrophen waren nicht vorherzusehen, Missernten und Seuchen anscheinend unabwendbar. Gott dafür verantwortlich zu machen – das traute man sich nicht. Aber irgendwer musste doch für die fürchterlichen Schicksalsschläge verantwortlich sein, die heute diesen, morgen jenen trafen.

Aber wer?

Das ist eine alberne Meinung,
dass sich weiber und manner
in den wolcken verstecken können und hageln,
umb alles zu verderben.

Liselotte von der Pfalz (1652–1722),
Herzogin von Orléans und Schwägerin Ludwigs XIV.

3  GLAUBE UND ABERGLAUBE

Es war nicht mehr viel, was die Männer in dem flüchtig ausgehobenen Grab am Ufer der Isar fanden. Sie brauchten auch nicht mehr sehr tief zu graben, um die verkohlten Gebeine der drei Frauen zu finden, die am Tag zuvor hier von einem Verwandten bestattet worden waren. Schultern, Becken, Fragmente der Schenkel und die Schädel. Das war alles. Stumm wühlten die Männer mit ihren hölzernen Spaten in der Erde. Aber mehr fanden sie nicht. Das Feuer musste lange gebrannt haben.

Es war Mitte Juni, und die Sonne stand hoch am Himmel. Die beiden Mönche, die sich im Gras niederließen und sich mit den Ärmeln den Schweiß von der Stirn wischten, sahen den Leutpriester, der im nahen Kloster vorgesprochen und sie um Hilfe gebeten hatte, erwartungsvoll an:

»Wie konnte das nur passieren?«

Der Priester zuckte mit den Achseln. »Ich weiß es nicht. Ich war nicht in Vötting und bin zu spät gekommen. Irgendwie habe ich es kommen sehen. Aber wie hätte ich es verhindern können? Allein gegen das ganze Dorf!«

»Erzähl!«

Die drei Frauen, Großmutter, Mutter und Tochter, die hochschwanger war, lebten am Rande des kleinen Ortes und standen in denkbar schlechtem Ruf. Warum – das wusste so richtig niemand, aber einig waren sich die Leute darüber, dass die ganze Sippe seit ewigen Zeiten abgrundtief böse war. Die Tochter war schon unehelich gezeugt worden, und wer der Vater ihres noch ungeborenen Kindes war, wusste man auch nicht. Es konnte einer der verheirateten Männer aus dem Dorf sein. Ein Verdacht, der allein schon gereicht hätte, um alle Frauen gegen sie aufzubringen. Vielleicht hatte das kleine Luder ja auch mit allen Männern in der Gegend geschlafen – und die beiden älteren Frauen womöglich auch!

Außerdem: Sah nicht jeder, dass in ihrem Garten das Gemüse prächtig wuchs, obwohl es schon seit Wochen nicht mehr geregnet hatte? Überall verdorrte das Grün – nur bei diesen drei Weibern nicht. Und das schwere Gewitter, bei dem letzten November der Blitz in drei Häuser geschlagen war, hatte ausgerechnet den Ortsrand verschont, wo die drei Weiber hausten.

Zufall?

Wohl kaum. Und dann die Alte! Vor ein paar Tagen erst war sie zu einem der Höfe gekommen, um sich einen Krug Milch zu erbetteln, aber der Bauer, der auch nicht mehr der Jüngste war, jagte sie davon. »Das wirst du noch bereuen«, hat sie im Davongehen gerufen. Am nächsten Tag brach sich sein einziges Pferd das Bein. Der Bauer hat sich dermaßen aufgeregt, dass er ganz rot anlief.

Und dann fiel er tot um.

Seine Frau ist hysterisch durch die Gassen gerannt und hat immer wieder geschrien, die drei Hexen hätten erst das Pferd und dann ihren Mann getötet und nun müsse man auch sie umbringen. Die Männer aus dem Dorf liefen zum Haus der Frauen, holten sie heraus, fesselten die drei an Bäume und rissen ihnen die Kleider vom Leib. Einer, der seine Peitsche mitgebracht hatte, hieb sie den Unglückseligen über Rücken und Hüften, während die zuschauenden Frauen und Kinder »Hexen, Hexen« skandierten.

Irgendwann, die Körper der drei Frauen waren über und über mit blutenden Striemen übersät, hielt der Mann mit der Peitsche inne und fragte seine Opfer, ob sie gestehen würden, das Gewitter herbeigezaubert und das Pferd und den Bauern umgebracht zu haben. Schluchzend schüttelten die Frauen den Kopf und beteuerten, unschuldige fromme Christenmenschen zu sein.

»Ins Wasser mit ihnen!«, schrie ein Mann, und alle stimmten ein: »Ins Wasser mit den Hexen, ins Wasser mit ihnen!«

Da wurden die Frauen losgemacht und zum Isarufer geschleppt. Dort band man ihnen die rechten Hände an die linken Füße und ließ sie eine nach der anderen ins Wasser hinab. Würden sie an der Wasseroberfläche bleiben, wäre das der Beweis, dass der Teufel ihnen half. Aber das schien nicht der Fall zu sein, denn alle drei versanken sofort und wurden schließlich halb ertrunken aus dem Fluss gezogen.

Sehr zur Enttäuschung der Dorfbewohner, die sie mürrisch von ihren Fesseln befreiten und nach Hause entließen.

Ein paar von ihnen waren mit diesem Lauf der Dinge allerdings überhaupt nicht einverstanden, liefen ins benachbarte Freising und erzählten dort, was geschehen war; nicht ohne hinzuzufügen, dass Vöttinger Hexen nicht nur in ihrem eigenen Dorf zu zaubern verstünden. Natürlich könnten sie ebenso ein Gewitter über Freising auslösen, und dann würden auch dort die Häuser brennen oder die Pferde sich die Beine brechen. Oder würde noch Schlimmeres geschehen.

Das befürchteten nun auch die Freisinger, und sie wollten keineswegs so nachlässig sein wie die Vöttinger und derart gefährliche Weiber am Leben lassen. So wenigstens dachten ein gewisser Konrad und sein Nachbar Rudolf, die sich auf den Weg machten, die drei Frauen erneut festnahmen und mit nach Freising schleppten. Aber auch während einer erneuten Auspeitschung legten sie nicht das geforderte Geständnis ab.

In blindem Hass banden die Freisinger die drei vermeintlichen Hexen deshalb an einen Pfahl, schichteten rings um sie herum Stroh und trockenes Gehölz auf und verbrannten sie bei lebendigem Leib. Am Abend kam ein Verwandter der Opfer, um das wenige, was von den armen Wesen übrig geblieben war, notdürftig zu bestatten.

»Dann kam er zu mir, und ich ging zu euch, um zu fragen, was mit den sterblichen Hüllen der drei geschehen soll. Sie konnten doch nicht in ungeweihter Erde verscharrt bleiben«, schloss der Leutpriester seinen Bericht.

»Du hast recht gehandelt«, sagte einer der beiden Benediktiner. »Wir werden sie ins Kloster Weihenstephan bringen und dort im Vorhof begraben. Sie waren unschuldig, und man hat sie ermordet. Sie verdienen es, wie Märtyrer geehrt zu werden.«

* * *

Wie das? Als Hexen verbrannt und dennoch wie Märtyrer geehrt? Was sagte denn die Kirche zu Denkweise und Handeln der beiden Mönche? Und was die Inquisition?

Die gab es noch nicht. Denn diese Geschichte hat sich am 18. Juni 1090 zugetragen, während die Inquisition erst im 13. Jahrhundert eingesetzt wurde, doch davon später und an anderer Stelle. Immerhin beweist die Geschichte, dass die Menschen damals felsenfest daran glaubten, dass es Zauberer und Zauberinnen gab, böse und gute.

Ausgerechnet aus Freising ist uns eine andere Geschichte überliefert, die etwa um 720 spielt: Der heilige Korbinian, erster Bischof von Freising, ritt eines Tages heim, als ihm unterwegs eine alte Vettel begegnete, die er schon lange im Verdacht hatte, eine Hexe zu sein. Sie wurde von etlichen Männern begleitet, die große Fleischstücke schleppten, und einer führte sogar ein teures Pferd am Zügel.

Der Bischof fragte die Frau, wer ihr das alles geschenkt habe, und vor allem, warum. Die Frau erzählte ihm leichtfertigerweise, dass der kleine Sohn von Herzog Grimoald von den todbringenden Blicken schrecklicher Dämonen in fiebrige Erregung versetzt worden sei, und sie habe ihn mit ihren Zaubersprüchen geheilt, woraufhin sie von der Mutter des Knaben reich beschenkt wurde. So viel überwunden geglaubter heidnischer Hokuspokus ergrimmte den Heiligen so sehr, dass er sich vergaß, vom Pferd sprang und auf die Alte einschlug. Dann nahm er ihr alle Geschenke ab und verteilte sie unter die Armen.

So ganz verständlich ist der Zorn unseres Bischofs eigentlich nicht, denn immerhin war im bayerischen Volksrecht, das ebenfalls aus dem 8. Jahrhundert stammt, festgeschrieben, dass zwölf Schillinge zu zahlen habe, wer dem Nachbarn durch Zauberei die Ernte schädigt, und an anderer Stelle heißt es, dass gar vierzig Schillinge zu zahlen habe, wer Pferde oder Vieh durch Hexerei »außer Landes führt« (wie immer das geschehen mochte).

Das Behexen und Verzaubern schien also nicht sonderlich ungewöhnlich und galt keinesfalls als Unfug. Weder bei der Kirche noch beim Gesetzgeber. Aber das ist eine lange Geschichte, die zwar nicht bei Adam und Eva beginnt, aber immerhin schon in der Antike.

Beispielsweise im alten Ägypten. Wir wissen von einem Beamten bei Hofe, dessen Frau ihn mit einem Soldaten betrogen hatte. Daraufhin fertigte besagter Beamte aus Wachs ein kleines Abbild eines Krokodils, das er just in jenem Augenblick in den Nil warf, da der Nebenbuhler in den Strom gestiegen war, um ein Bad zu nehmen. Flugs verwandelte sich der Sage nach das wächserne Abbild in ein richtiges Krokodil, das den Übeltäter prompt verschlang.

Die alten Griechen glaubten nicht nur an die uns bekannten göttlichen Bewohner des Olymp, sondern daneben auch an die sogenannten Strigen, an die finstere Hekate und deren Dienerinnen, die berühmten Hexen von Thessalien, lüsterne Weiber, die sich in Tiere verwandeln konnten, Menschenfleisch verzehrten und in allen möglichen Zauberkünsten zu Hause waren.

Bei den Römern wurden die Bacchanalien gefeiert, ursprünglich ein Fest des Gottes Bacchus, bei dem reichlich Wein floss. Im Lauf der Zeit jedoch wurden daraus geheime Veranstaltungen. Dort spielten sich angeblich Szenen ab, wie man sie später beim Hexensabbat unterstellte. Orgien haben schon immer die Fantasie der Menschen beflügelt. Die frühen Christen haben solche nach Auffassung der römischen Kaiser veranstaltet, und im 13. Jahrhundert waren es ebendiese Christen, die Ketzer in Südfrankreich derselben Ausschweifungen beschuldigten.

Womit wir bei der Kirche wären. Für alle Gläubigen stand zunächst einmal fest, dass es unheimliche Götter gab, und sie waren – sei es nun als Gott oder Geist – entweder gut oder aber abgrundtief schlecht. Dieser Glaube an bösen Zauber ist historisch verbürgt. Zum Beispiel bei den Merowingern, die vom 5. bis ins 8. Jahrhundert im Land der Franken regierten.

Eine ihrer berüchtigten Königinnen, Fredegunde, beschuldigte gegen 582 den Präfekten Mummolus, einen ihrer Söhne durch Zauberei getötet zu haben, und als sie später zwei weitere Söhne während einer Seuche verlor, erklärte sie, ihr eigener Stiefsohn hätte die beiden von der Mutter seiner Mätresse totzaubern lassen. Das arme Weib wurde verbrannt und noch etliche andere auch.

Wesentlich gemäßigter zeigten sich da die Westgoten, die zwar auch an Schadenszauber glaubten, aber es dabei beließen, die vermeintlichen Täter lediglich ehrlos zu machen, indem sie ihnen die Haare abschnitten. Manchmal wurden sie auch ordentlich durchgeprügelt. Es sollte aber noch bis zu den Karolingern dauern, bis sich die Kirche endlich zu energischem Widerstand durchrang.

In der Capitulatio de partibus Saxoniae, die vermutlich auf dem Paderborner Reichstag 780 erlassen wurde, lesen wir: »Wenn jemand – nach Art der Heiden –, getäuscht durch den Teufel, glauben würde, dass irgendein Mann oder eine Frau eine striga sei und Menschen verzehre, und sie deswegen verbrenne oder deren Fleisch zum Essen gibt oder sie selber isst, wird er mit der Todesstrafe belegt. Wenn einer einen Menschen einem Teufel geopfert und nach Art der Heiden den Dämonen angeboten hat, der möge des Todes sterben!«

Vom Papst hört man in dieser Zeit zum Thema Hexen nichts, denn dazu reicht seine Autorität noch nicht aus. Es ist Sache der Priester vor Ort, damit fertig zu werden, aber immerhin wird der Klerus nun von höchster Stelle aus unterstützt. Der fränkische Hausmeier Karlmann, ältester Sohn Karl Martells, berief ein Nationalkonzil ein, das unter anderem die Anweisung erließ: »Jeder Bischof soll in seiner Diözese mithilfe der Grafen darauf bedacht sein, dass die Gläubigen keine heidnischen Totenopfer darbringen, Losdeuterei oder Wahrsagerei betreiben, Amulette tragen, Auguren beschäftigen, heidnische Opferfeste begehen  oder die kirchenschänderischen Feuer entzünden.«

Bischof Agobard von Lyon schreibt Mitte des 9. Jahrhunderts, die Menschen würden zwar den Geistlichen niemals freiwillig den Zehnten entrichten und auch weder Witwen noch Waisen, noch andere Bedürftige mit Almosen bedenken. Aber sie würden regelrechte Bündnisse mit den bösen Dämonen schließen, und ganze Gemeinden würden einen jährlichen Tribut leisten, damit ihre Felder von Hagelschlag und anderem Missgeschick verschont blieben. Sie würden nämlich glauben, dass die Zauberer mit Luftschiffen (!) durch die Gegend führen, um die für sie ausgelegten Geschenke einzusammeln.

Vor rund zehn Jahren habe er vier Männer und eine Frau nur unter größten Mühen vor einer rasenden Menge retten können, die da glaubte, diese Unseligen seien aus einem solchen Luftschiff heraus auf die Erde gefallen.

»So weit«, schreibt der Bischof, »ist inzwischen die Dummheit der Menschen gediehen, dass man jetzt unter Christen an Albernheiten glaubt, die sich in früheren Zeiten nicht einmal ein Heide hat aufbinden lassen.«

Aus dem berühmten Canon episcopi, den Regino von Prüm Anfang des 9. Jahrhunderts für den Trierer Erzbischof verfasst hat, soll ausnahmsweise ausführlicher zitiert werden, weil er die offizielle Lehrmeinung der Kirche zum Thema Hexen bis ins 12. Jahrhundert hinein wiedergibt:

»Es gibt verbrecherische Weiber, welche – durch die Vorspiegelung und Einflüsterung des Satans verführt – glauben und bekennen, dass sie zur Nachtzeit mit der heidnischen Göttin Diana oder der Herodias und einer unzählbaren Menge von Frauen auf gewissen Tieren über vieler Herren Länder heimlich und in aller Stille hinwegreiten, der Diana als ihrer Herrin gehorchen und sich in bestimmten Nächten zu ihrem Dienst aufbieten lassen.

Leider nun haben diese Weiber ihre Unheil bringende Verkehrtheit nicht für sich behalten. Vielmehr haben viele Menschen, getäuscht durch die falsche Meinung, dass die Dinge wahr seien, sich vom rechten Glauben abgewendet und der heidnischen Irrlehre hingegeben, indem sie annehmen, dass es außer Gott noch eine andere überirdische Macht gebe.

Daher sind die Priester verpflichtet, den ihnen anvertrauten Gemeinden von der Kanzel herab nachdrücklich einzuschärfen, dass dies alles falsch und Blendwerk ist, welches nicht vom Geist Gottes, sondern von dem des Bösen herrühre. Der Satan nämlich, der sich in die Gestalt eines Engels verkleiden könne, wenn er sich einer Frau bemächtigt, unterjocht diese, indem er sie zum Abfall von ihrem Glauben bringt.

Er nimmt dann die Gestalt verschiedener Personen an und treibt mit ihnen im Schlaf sein Spiel, indem er ihnen fernab bald heitere, bald traurige Dinge, bald bekannte, bald unbekannte Personen vorführt. All das bildet sich der Sinn des Menschen ein und glaubt, dass dies nicht bloß in der Vorstellung, sondern tatsächlich geschieht.

Wer aber ist nicht schon einmal im Traum so aus sich herausgefahren, dass er vieles zu sehen geglaubt hat, was er im wachen Zustand natürlich niemals gesehen hat! Es ist daher allen Leuten laut zu verkünden, dass derjenige, der dergleichen Dinge glaubt, den wahren Glauben verloren hat. Wer aber den wahren Glauben verloren hat, der gehört nicht länger Gott, sondern dem Teufel!«

War das denn nun die offizielle Stellung der Kirche?

Sagen wir mal so: Es gibt und gab auch früher intelligente und weniger intelligente Mitmenschen. Die Vernunftbegabten teilten auch damals schon die Auffassung des klugen Abtes aus Prüm. Nur mit einiger Mühe dagegen können wir nachvollziehen, dass immerhin 1382 der Graf von Kyburg eine Hexe anwarb und sie auf der Mauer seiner Burg Aufstellung nehmen ließ. Von dort oben sollte sie ein schweres Unwetter herbeizaubern, auf dass sich die Schar der Feinde, die seine Burg belagerten, zerstreute.

Noch weniger Verständnis haben wir für den Bischof Guichard von Troyes, der seine Feindin, die Königin Blanche von Navarra, ermorden wollte, indem er eine nach ihrem Ebenbild gefertigte Wachspuppe durchstach, was ebenso schiefging wie das Wettermachen des Grafen von Kyburg.

Geradezu unglaublich jedoch ist, was wir von Papst Johannes XXII. wissen, auf den Anfang des 14. Jahrhunderts ein Mordanschlag verübt wurde, und zwar von Hugues Géraud, dem Bischof von Cahors (nördlich von Toulouse im Südwesten Frankreichs), dem Machtmissbrauch und der Verkauf von geistlichen Ämtern – Simonie – vorgeworfen wurden. Der Bischof wollte den Papst, der damals in Avignon residierte, und zwei von dessen engsten Beratern ermorden, weil er sich von den Nachfolgern eine bessere Beurteilung seiner Amtsführung erhoffte. Zu diesem Behuf sollte der Papst, der schon in fortgeschrittenem Alter war, mit langsam wirkendem Gift vom Leben zum Tod befördert werden.

Auf das Gift allein wollte man sich aber nicht verlassen, und so ließ man in Limoges Wachsbilder des Papstes und seiner Berater herstellen, in die in den folgenden Wochen unter diversem Hokuspokus heftig eingestochen wurde. Auch ein einfaches Gift schien natürlich zu simpel, und so wurden Kröten und Eidechsen, Spinnen und Rattenschwänze beschafft, zu Pulver zerstampft, mit Arsen und Galle vom Schwein vermischt und mit Quecksilber, Eisenkraut und Salbei angereichert. Es wäre zu langweilig, den ganzen Unfug zu schildern.

Da sehr viele Personen letztlich eingeweiht waren, blieb es nicht aus, dass die ganze Sache ruchbar wurde. Wichtig daran ist nur zweierlei: Zum einen glaubte ein Bischof allen Ernstes, dass man Mitmenschen durch das Durchstechen von Wachspuppen ermorden konnte, und zum anderen betrachtete auch der Papst die ganze Sache als durchaus ernsthaften und wohl auch vorstellbaren Zauber.

Die Folge: Bischof Hugues Géraud wurde nicht nur zum Tode verurteilt, sondern erlitt denselben auch auf besonders grausame Weise. Man band ihn (lebend) an die Schwänze von zwei Pferden, die ihn durch die Stadt zum Tor hinausschleiften, wo er schließlich verbrannt wurde.

Ob er zu diesem Zeitpunkt noch immer lebte, ist nicht bekannt.

Ein uraltes und im Grunde sogar heidnisches Ritual war das Gottesurteil. Die Menschen glaubten, dass es dem direkten Eingreifen der Gottheit zu verdanken sei, wenn es einem Verdächtigen gelang, im Grunde Unmögliches zu leisten: beispielsweise mit bloßen Händen ein glühendes Eisen anzufassen. Noch heute sagen wir, dass wir für eine bestimmte Sache die Hand ins Feuer legen oder dass wir uns trauen, ein heißes Eisen anzufassen. Aber nicht nur der Glaube an die Gottheit spielte vor allem bei den alten Völkern mit. Sie waren der Auffassung, dass die Elemente selbst, das Wasser wie auch das Feuer, die Beschmutzung durch ein Verbrechen ablehnten.

In christlicher Zeit verließ man sich dann zusätzlich auf die sogenannten Reinigungseide, bei denen Angeklagte – häufig mit Eideshelfern – ihre Unschuld beschworen. Otto der Große allerdings fand, dass dabei zu viele Meineide geleistet wurden, und setzte es in den Dreißigerjahren des 10. Jahrhunderts durch, dass Schuld und Unschuld eher mittels eines Zweikampfs erwiesen werden könnten. Ein schwächerer Mensch, eine Frau zum Beispiel, konnte sich dabei durch einen Dritten vertreten lassen, und der Zweikampf musste auch nicht mit dem Tod eines Teilnehmers enden.

Als Gottesurteil wurden jedoch auch andere »Wunder« betrachtet, wie etwa das im Grunde unmögliche Phänomen, dass die Wunden eines Erschlagenen nach Tagen erneut zu bluten begännen, sobald sich der Mörder der Leiche nähert. Im Nibelungenlied wird das vom toten Siegfried erzählt, als sich der bis zu diesem Zeitpunkt durchaus unverdächtige Hagen von Tronje dem im Dom zu Worms Aufgebahrten nähert und von dessen Witwe Kriemhild daraufhin als Mörder identifiziert wird.

Andere Arten des Gottesurteils bestanden darin, über weiß glühende Pflugscharen zu gehen, einen Gegenstand mit bloßer Hand aus kochendem Wasser zu holen oder mehrere Stunden oder gar Tage mit ausgebreiteten Armen zu verweilen. Von der Wasserprobe, die häufig bei Hexenjagden angewendet wurde, war schon im vorigen Kapitel die Rede. In all diesen Tests, so glaubte man, würde Gott dem Unschuldigen schon beistehen.

Aber das ging – wie zu erwarten – nicht immer gut. Nachdem die christlichen Ritter während des Ersten Kreuzzuges durch Verrat Antiochia eingenommen hatten, wurden sie kurz darauf von einem riesigen Ersatzheer der Türken in der Stadt eingeschlossen. Alsbald brach eine Hungersnot aus. Die Lage war verzweifelt. Da erschienen plötzlich im Traum einem gewissen Peter Bartholomäus alle möglichen Heiligen, schließlich sogar die Gottesmutter und Christus höchstpersönlich und verrieten ihm, dass die heilige Lanze, mit der Jesus am Kreuz die Seite geöffnet worden war, vergraben in der Kirche des heiligen Petrus zu Antiochia liege.

Viele Anführer des christlichen Heeres hegten zwar starke Zweifel. Eine Grabung fand trotzdem statt. Zunächst ohne Erfolg. Es dämmerte schon, als besagter Peter plötzlich in die Grube sprang und tatsächlich eine rostige Lanzenspitze entdeckte, die er bis zur einfallenden Dunkelheit allerdings leicht unter seiner Kutte hätte verstecken können. Was auch von etlichen im Nachhinein vermutet wurde.

Aber was soll’s: Das wundergläubige Heer deutete das Spektakel als sichtbares Zeichen Gottes, zog aus der Stadt und schlug die weit überlegenen Feinde tatsächlich in die Flucht. Trotz des scheinbaren Wunders zerrissen sich viele Kreuzfahrer offen das Maul über den armen Peter, was diesen so sehr ergrimmte, dass er leichtsinnigerweise anbot, sich freiwillig einem Gottesurteil zu unterwerfen.

Am Karfreitag des Jahres 1099 wurde Peter, nur mit einem Hemd bekleidet, in eine schmale Gasse zwischen zwei lichterloh brennende Holzstöße geschickt. Er erlitt leider fürchterliche Verbrennungen, denen er zwölf Tage später erlag.

Kein Wunder, dass der in jeder Hinsicht überaus skeptische Stauferkaiser Friedrich II. anno 1231 jede Art von Gottesurteil untersagte, weil schließlich nicht einzusehen sei, warum sich glühendes Eisen ohne erkennbare Ursache kalt anfühle. Oder wieso ein ins Wasser getauchter Körper plötzlich untergehen solle, wo doch die in jedem Menschen vorhandene Luft einen Körper mehr oder weniger sicher an der Oberfläche halte. Gottesurteile sollten besser Gottesversuchungen genannt werden und wurden infolgedessen von Stund an und für alle Zeiten offiziell verboten.

Die Kirche war ausnahmsweise noch schneller: Auf dem Vierten Laterankonzil im Jahr 1215 hatten bereits die dort versammelten tausendzweihundert Bischöfe, Äbte und Prälaten beschlossen, dass es keinem Geistlichen mehr gestattet sei, an einem wie auch immer gearteten Gottesurteil teilzunehmen.

Im Verlauf der Hexenverfolgung ist diese Anordnung dann anscheinend in Vergessenheit geraten.

Nur – von Hexen spricht man zu dieser Zeit so gut wie nicht, und wenn mal eine Frau in Verdacht gerät, geht die Sache meist glimpflich aus. Noch im 15. Jahrhundert wird eine Frau in Landshut wegen angeblicher Zauberkünste öffentlich zur Schau gestellt. Im Wiederholungsfall solle sie aus der Stadt verwiesen werden. Ebendies widerfährt einer Frau aus München, die angeblich einen Kaplan »betört« hat.

Und auch Rom schlug sich schon früh – man höre und staune – auf die Seite unschuldig verfolgter Frauen. Gregor VII., das ist der von Canossa, mahnte im späten 11. Jahrhundert den König der gerade erst christianisierten Schweden, nicht die Missionare für alle möglichen Wetterunbilden verantwortlich zu machen: »Außerdem glaubt nicht, Ihr dürftet Euch gegen Frauen versündigen, die aus dem gleichen Grund mit ebensolcher Unmenschlichkeit nach einem barbarischen Brauch abgeurteilt werden. Lernt vielmehr, durch Buße das göttliche Strafurteil, das Ihr verdient habt, abzuwenden, anstatt den Zorn Gottes noch mehr herbeizurufen, indem Ihr über jene unschuldigen Frauen Verderben bringt!«

Ihr habt gehört, dass der Antichrist kommt,
und jetzt sind viele Antichriste gekommen.

1. Johannes 2,18

4  KAMPF DEN KETZERN

Bleich vor Entsetzen starrten die Menschen in der armseligen Holzkirche auf den Mann, der wie wahnsinnig auf den Splittern des schlichten Holzkreuzes herumtrampelte, das er soeben mit seinen mächtigen Pranken in kleine Teile zerbrochen hatte. Vergebens hatten ein paar beherzte Männer versucht, den Tobenden zu bändigen, aber weder ihnen noch seiner schmächtigen Ehefrau, die ihn weinend zu besänftigen suchte, gelang es, ihn von seinem gotteslästerlichen Tun abzubringen.

Plötzlich jedoch hielt er inne, breitete die Arme aus, und sofort trat Ruhe ein. »Ihr alle kennt mich«, begann der grobschlächtige Mann in den schmutzigen Lumpen. »Ich bin Leutard und wie ihr alle hier in Vertus geboren, wo schon unsere Väter und deren Väter gewohnt haben. Ich schufte wie ihr, um dem kargen Boden wenigstens so viel abzuringen, damit ich meine Familie mehr recht als schlecht ernähren kann. Aber ist einer unter euch, der Schlechtes über mich sagen könnte?«

Das konnte in der Tat niemand aus dem kleinen Dorf in der Nähe von Châlons-sur-Marne, wo jeder jeden kannte. Leutard war ein fleißiger und eher stiller Nachbar – bis eben auf diesen frühen Sommerabend, als er wie von der Tarantel gestochen durch die staubige Dorfstraße lief und den Menschen, die vor ihren mit Schilf gedeckten Hütten saßen, zurief, sie sollten ihm in die Kirche folgen, weil er ihnen Wichtiges zu sagen habe. »Sehr Wichtiges«, rief er immer wieder, »sehr Wichtiges!«

Im Inneren des Kirchleins dann hatte er ein aus Ton gefertigtes Heiligenfigürchen gegen die Holzwand geworfen und anschließend das Kreuz zertrümmert.

»Ich befand mich hinter meiner Hütte«, begann Leutard, »und war dabei, meinen Garten umzugraben, als es über mich kam. Es war, als würde ein Bienenschwarm in meinen Körper fahren.

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