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In der heißen Sonnenglut

Über dieses Buch

Ein weiterer Küsten-Kurzkrimi von Bestseller-Autorin Nina Ohlandt inklusive einer ausführlichen Leseprobe ihres Romans »Nebeltod“.

Westerland: An einem heißen Sommertag findet John Benthien am Strand die Leiche von Kirsten Behr, die offenbar ihren Urlaub auf Sylt verbracht hat. In ihrer Ferienwohnung stößt der Kommissar auf einen Hinweis, dass sie mit den berühmten Ashbury-Zwillingen bekannt war, die seit einiger Zeit auf Sylt leben. Doch Agnes und Alina Ashbury sind seit einigen Tagen verschwunden und haben etliche Termine zum Erscheinen ihres neuen Buches versäumt! Neben Kirsten Behrs Ehemann, der sich höchst verdächtig benimmt, trifft Benthien noch auf zwei Verehrer der Zwillinge, die sich ebenfalls merkwürdig verhalten. Und dann ist da noch dieser Journalist, der sich äußerst hartnäckig an die Fersen der beiden Schwestern geheftet hat … Benthiens Ermittlungen reichen bis nach Australien, aber letztlich ist es seine Aufmerksamkeit für die kleinen Dinge, mit deren Hilfe er das Geheimnis der Zwillinge aufdeckt und den Mörder entlarvt. Dieser Kurzkrimi wird Sie nicht nur im Sommer zum Schwitzen bringen. Ebenso wie der erste Teil der Reihe – „Ist so kalt der Winter“ – umfasst der Krimi ca. 130 Seiten und die Leseprobe ca. 30 Seiten.

Über die Autorin

Nina Ohlandt wurde in Wuppertal geboren, wuchs in Karlsruhe auf und machte in Paris eine Ausbildung zur Sprachlehrerin, daneben schrieb sie ihr erstes Kinderbuch. Später arbeitete sie als Übersetzerin, Sprachlehrerin und Marktforscherin, bis sie zu ihrer wahren Berufung zurückfand: dem Krimischreiben im Land zwischen den Meeren, dem Land ihrer Vorfahren.

Nina Ohlandt

In der heißen Sonnenglut

Nordsee-Krimi

beTHRILLED

Hinweis für die Leser:

Die Kurzromane um John Benthien und sein Team

sind zeitlich vor den Romanen angesiedelt!

Sonntag, 19. Juni, 04:08 Uhr

„Was sollen wir bloß mit Hedwig machen?“

Die beiden Schwestern sahen sich an, ratlos. Was sollten sie mit Hedwig machen?

„Wir müssen mit ihr reden“, sagte Agnes, die sieben Minuten älter war als ihre Schwester. „Ihr alles erklären.“

„Aber dann erfährt auch er es!“

Sie verstummten.

„Schreiben wir ihr eben einen Brief.“ Agnes faltete sorgfältig ihren guten Kaschmirpullover zusammen – obwohl, würde sie ihn in dem warmen Klima ihrer Heimat brauchen? Nein, entschied sie, sie würde ihn Hedwig hinterlassen, die ja fast immer fror.

„Sie wird traurig sein. Und sie könnte sich an uns rächen. Sie wird denken, wir hätten sie im Stich gelassen, jetzt, wo auch noch Siggi sie verlassen hat.“

Agnes drehte sich zu ihrer Schwester um. „Aber Alina, wir können doch nicht einzig und allein wegen Hedwig hierbleiben. Wir sind hier nicht zu Hause. Du hast dich so oft schon in den Schlaf geweint vor Heimweh! Und auch ich sehne mich nach dem Outback, den Tamarisken, der roten Erde und unserem Café. Ich sehne mich danach, hart zu arbeiten, mit den Leuten ein Schwätzchen zu halten und abends todmüde ins Bett zu fallen. Alina, wir müssen endlich wieder anfangen zu leben! Und damit meine ich nicht so ein künstliches Leben wie hier. Hedwig wird es verstehen, wenn wir es ihr nur richtig erklären. Außerdem kann sie uns ja jederzeit besuchen, wir haben genug Platz für Gäste.“ Ihre Stimme wurde immer leiser. War diese lange Reise einer älteren, geschwächten Frau überhaupt zuzumuten?

Energisch schüttelte Agnes diese Gedanken ab und packte weiter ihren Koffer. Ein paar Kleidungsstücke – den schönen warmen Schal, die gefütterten Lederhandschuhe – ließ sie für Hedwig draußen. Allzu viel brauchte sie ohnehin nicht. Neben den paar wenigen Kleidungsstücken nur das, was wichtig war, ein paar Papiere, Briefe, Notizen. Der Laptop konnte dableiben, alles Wesentliche hatte sie ausgedruckt. Allerdings würde ein ganzer Koffer allein für die alten, wertvollen Bücher draufgehen, die sie von ihren Eltern geerbt hatten und die sie überall hin begleiteten, von denen sie sich niemals trennen würden. So wenig war ihnen von ihren Eltern geblieben.

Alina, die vor dem Spiegel stand und sich ihre lockigen Haare bürstete, seufzte laut. „Dann fang schon mal an, den Brief zu schreiben, Agnes. Wir haben nicht mehr allzu viel Zeit. Heute Abend geht schon der Flieger.“

Doch statt sich an den Tisch vor ihren Schreibblock zu setzen, trat Agnes auf den Balkon, von dem aus sie einen traumhaften Ausblick aufs Meer gehabt hätte, wenn es denn nicht erst vier Uhr morgens gewesen wäre. Aber sie wollte ein letztes Mal den – jetzt im Juni – warmen Wind genießen, der ihr heißes Gesicht kühlte und neckisch mit den Haaren spielte. Dieser unermüdliche Nordseewind war eines der wenigen Dinge, die ihr in Australien fehlen würden.

Im Hintergrund spielte Alina mal wieder ihr Lieblingslied,eine Schnulze aus den 60er Jahren, die ihre Mutter schon gerne gehört hatte. Doch Alina war geradezu besessen von diesem Lied, das sie ihr Heimwehlied nannte:

Heißer Sand und ein verlorenes Land

Und dein Leben in Gefahr.

Heißer Sand, und die Erinnerung daran,

Dass es einmal schöner war.

Agnes schloss die Augen, um die aufkommenden Tränen zu unterdrücken. Natürlich würde ihr auch Waldemar fehlen, niemand außer ihr wusste, wie sehr, noch nicht einmal Waldemar selbst. Doch an ihn würde sie erst von Tomberra aus schreiben, sonst würde sie die Reise wohl noch im letzten Augenblick absagen und hierbleiben. Und das durfte nicht geschehen, schon ihrer Schwester wegen, die sich weder an dieses Klima noch an die Menschen gewöhnen konnte, sondern vor Heimweh langsam verging. Dafür musste sie nun ein Opfer bringen, auch wenn es ihr fast das Herz brach. Zu viel hatten sie beide gemeinsam durchgestanden, um einander im Stich zu lassen.

Agnes schloss die Balkontür wieder, ging zu Alina und drückte ihre Schwester leicht an sich. „Sieh zu, dass du fertig wirst. Und vergiss Mr. Pip nicht!“ Der einäugige, einohrige Bär begleitete die Zwillinge nunmehr seit über dreißig Jahren durch die Welt, war mit ihnen in vielen Ländern gewesen, zweimal verlorengegangen und auf wundersame Weise wieder aufgetaucht – undenkbar, dass man ihn hier auf dieser sandigen Insel zurückließ.

Alina lachte. „Er liegt längst gut versorgt in meiner Tasche!“

Agnes setzte sich an den Tisch vor den Schreibblock, zückte ihren Füllfederhalter, ein kostbares Erbstück ihres englischen Großvaters, und fing an zu schreiben.

„Liebe Hedwig …“

***

Samstag, 25. Juni, 11:14 Uhr

Irgendwas, fand John Benthien, war komisch an diesen Füßen. An sich waren es schöne Füße, gepflegt, sommerlich gebräunt, mit bronzefarbenem Nagellack. Eine goldene Kette mit kleinen weißen Perlen schmückte das schmale Gelenk am rechten Knöchel. Benthien war kein Fußfetischist, aber dass diese Füße eine gewisse erotische Ausstrahlung hatten, empfand auch er. Jammerschade, dass er nicht die ganze Frau sehen konnte. Das heißt, er hätte sie schon sehen können, wenn er aufgestanden und wie zufällig um den Strandkorb herumgeschlendert wäre. Doch dazu war er zu faul, und es war heiß, viel zu heiß hier am Sylter Strand an diesem Junitag. Am blauen Himmel stand nicht eine Wolke, und der beständige, meist erfrischende Nordseewind hatte sich in einen glühenden Wüstenhauch verwandelt, von dem keine Kühlung zu erwarten war.

Zweifellos einer der heißesten Tage des Sommers.

Benthien, der im kargen Schatten des Strandkorbs auf einem Badelaken lag, döste ermattet vor sich hin. Aus dem blau-weiß gestreiften Korb neben ihm drangen die leisen Schnarchtöne seines Freundes und Kollegen Tommy Fitzen. Sie waren bereits dreimal schwimmen gewesen an diesem Tag, und das hatte ihn offenbar müde gemacht. Benthien schnappte sich ein zweites Strandlaken, wickelte es zu einer Rolle, drehte sich auf den Bauch und bettete seinen Kopf etwas bequemer. Nun hatte er die Füße genau vor sich, etwa drei Meter entfernt. Die Haut um die Knöchel herum begann sich bereits gefährlich zu röten.

Wieder fielen ihm die Augen zu.

Als er erwachte, waren die Füße immer noch da, in derselben Position. Um ihn herum spielten die Leute Badminton, Boule und andere Spiele, Kinder warfen sich gegenseitig in den Sand, ein Hund rannte bellend an ihm vorbei. Nur die Frau schien unberührt von all dem Leben um sie herum.

Er riskierte ein Auge in Richtung Tommy, doch der war verschwunden – etwa schon wieder im Wasser?

Irgendwie war der Tag ermüdend, fand Benthien. Er war, wie so oft, an diesem Wochenende nach Sylt gefahren, wo ihm und seinem Vater ein altes, in die Jahre gekommenes Kapitänshaus in List gehörte. Wann immer er es mit seinem Job als Erstem Kriminalhauptkommissar in Flensburg vereinbaren konnte, versuchte er, auf Sylt zu sein. Diesmal war Tommy Fitzen, Kollege und Freund aus Kindertagen, mitgekommen. Er war wie Benthien auf Sylt aufgewachsen und trauerte dem Häuschen seiner Oma, das für die Schulden seiner Mutter verkauft werden musste, immer noch hinterher. Nun war sein Lebensmittelpunkt in Flensburg. Mit von der Partie waren auch Hinnerk Petering, ein junger Polizeikollege aus Westerland, und seine neue Freundin Rika, die er ihnen vorstellen wollte. Doch die beiden hatte Benthien schon lange nicht mehr gesehen.

„Bin wieder da“, verkündete Fitzen die unübersehbare Tatsache und hielt Benthien ein Eis vor die Nase. „Deine Lieblingssorte, Nuss und Banane, du alte Schlafratte.“

„Das sagt der Richtige“, murmelte Benthien und leckte an seinem Eis, das in der Sommerhitze bereits zu schmelzen begann.

„Hinnerk und Rika dinieren ganz vornehm in der ‚Seenot‘“, berichtete Fitzen weiter, der sich vor Benthien in den Sand gepflanzt hatte. „Wollen wir nachher nicht auch dorthin? Sie haben einen Tisch in der Fensterreihe für uns besetzt.“

„Dass du immer ans Essen denken kannst …“

Fitzen aß gern und viel, war aber dank Fitnessstudio ein schlanker, muskulöser Typ, der durchaus auf seine Figur achtete. Mit Benthien hatte er eine Wette laufen, wer zuerst einen Bauchansatz bekäme, eine Wette, die er sehr ernst nahm. Benthien fragte sich, wann der Zeitpunkt gekommen wäre, an dem Fitzen mit einem Zentimeterband im Büro aufkreuzte.

„Guck dir mal die Füße an“, sagte er und nickte in Richtung des anderen Strandkorbes.

„Schöne Füße. Und?“

Benthien leckte an seinem Eis. „Sie bewegen sich nicht. Ich frage mich, ob da eine Schaufensterpuppe liegt. Vielleicht hat sich irgendeiner einen Spaß gemacht. Ansonsten wäre diese Frau bestimmt nicht mehr am Leben, sondern zu Tode geröstet von der Sonne.“

Fitzen, von Natur aus neugierig, sprang auf, ging um den schräg gestellten Strandkorb herum und verschwand dadurch aus Benthiens Blickfeld. Schön, nun hatte er Tommy angespitzt und konnte selbst liegenbleiben. Allerdings hörte er von diesem nichts mehr.

„Fitzen?“

„Komm mal her!“, sagte Fitzen mit belegter Stimme. „Sofort!“

Benthien sprang auf die Beine. Die Frau lag vor dem weißen Strandkorb mit dem blau-weißen Innenfutter auf einem Handtuch im Sand. Sie trug einen schwarzen Badeanzug, ihr Gesicht war mit einem großen Sonnenhut bedeckt. Jedes Stück Haut, das der Sonne ausgesetzt war, hatte sich krebsrot verfärbt. Auf der Sitzbank des Strandkorbs lag ein Rucksack im Schatten. Es gab keine Anzeichen, dass die Frau nicht allein an den Strand gekommen war.

Fitzen, der sich neben sie gekniet hatte, um nach dem Puls zu fühlen, warf ihm einen Blick zu. „Keine Vitalfunktionen. Sie ist tot.“

„Mein Gott!“

War sie etwa gestorben, während er ihre Füße bewunderte? Hitzschlag, Herzinfarkt, und er war ganz in der Nähe gewesen? Benthien nahm den Hut vom Gesicht und prallte zurück. Die Frau trug eine Art Augenbinde aus Papier, einen schmalen, beschrifteten Streifen, der mit Klebeband an den Schläfen und im Haar befestigt war. Nun kniete auch Benthien nieder, um zu entziffern, was auf dem Papier stand.

Der Mensch braucht nicht allwissend zu sein, um von dem, was er gehört und gesehen hat, reden zu können.“ Er starrte Fitzen an. „Was will uns der Täter wohl damit sagen?“

Fitzen deutete auf den Hals der Toten. Seine Augen glänzten. „Keine Ahnung. Aber sieh mal, vielleicht haben wir hier die DNA des Täters!“

Am Hals der Frau waren blutunterlaufene Male zu sehen, die von Bisswunden herrühren konnten.

Benthien betrachtete sie erschüttert. Wer hatte ihr das angetan? Und warum hatte er sie auf diese Weise der Öffentlichkeit preisgegeben? „Ich sag Thyra Bescheid!“

Während Fitzen die Tote mit einem seiner Strandlaken bedeckte, rief Benthien erst Hinnerk an („sofort kommen!“), dann die Oberstaatsanwältin Thyra Kortum, die er gut kannte und die wieder einmal sehr unkonventionell reagierte.

„Dass ihr die Leichen immer am Wochenende finden müsst! Und dann noch an so einem heißen!“ Wasser plätscherte an Benthiens Ohr, offenbar erfrischte sich Thyra in ihrem kleinen privaten Pool. „Können die Kerle nicht auch mal Ferien machen? Ich schwimme noch eine Runde, dann bin ich da.“

„Aber eine sehr kurze Runde, hoffe ich“, sagte er zu der alten Freundin seiner verstorbenen Mutter, dann drückte er das Gespräch weg.

Fitzen telefonierte mit der Westerländer Polizei. Nun mussten sie auf die Spurensicherung warten, und bis dahin musste die Leiche so gut wie möglich vor den Augen der Strandbesucher geschützt werden. Fitzen empfahl den Kollegen, ein Zelt mitzubringen. Dummerweise hatte sich die Erkenntnis, dass hier irgendwas nicht stimmte, in Windeseile am Strand herumgesprochen. Immer mehr Menschen in Badehosen und Bikinis rückten ihnen immer näher auf die Pelle. Zum Glück war Hinnerk, ein schlaksiger Typ mit spärlichen roten Haaren, inzwischen eingetroffen. „Wir requirieren ein paar Strandkörbe“, schlug er vor. Mit ihrem eigenen fingen sie an, vier weitere wurden ihnen von ihren Strandnachbarn zur Verfügung gestellt, damit war ihr Opfer einigermaßen vor Blicken geschützt. In die Ritzen hängte Fitzen ein paar Handtücher. Nun waren sie alle innerhalb des Rings, und von draußen drang das Volksgemurmel zu ihnen herein.

„Wir sollten uns noch rasch in Schale werfen, bevor die Kollegen hier sind“, überlegte Benthien. „Und Tommy, nimm deine Kreissäge ab, das wirkt unseriös!“

„Aber dein Käppi ist okay?“

„Käppi ist okay, Kreissäge nicht!“

Benthien rief seinen Vater an, der den kühlen Keller ihres Kapitänshauses weißte, und bat ihn, ihnen Jeans und T-Shirts und vernünftige Schuhe zu bringen. „Hast du schon wieder eine Leiche gefunden?“, stöhnte Benjamin Karl Benthien. „Junge, du hast wirklich ein besonderes Talent dafür. Ich habe übrigens für heute Abend einen leckeren Wurstsalat gemacht, der gerade auskühlt! Eine eigene Kreation mit Hartkäse, Melone und Silberzwiebeln – neben der Wurst natürlich!“

Ein paar Stunden später waren sie alle erschöpft. Selbst das murrende Volk, das sich beklagte, nichts zu sehen, hatte sich in kühle Bierschänken oder Champagnerbistros verzogen. Immerhin war inzwischen klar, wer die Tote war, nachdem die Spurensicherung den Rucksack freigegeben hatte: Ihr Name war Kirsten Behr, 38 Jahre alt, wohnhaft in Flensburg. Sie besaß dort eine kleine Buchhandlung. Diese Informationen entnahmen sie zwei persönlichen Briefen, die im Rucksack gewesen waren. Offenbar hatte sie einer Freundin ihr Herz ausgeschüttet. Aus den Antwortschreiben ging hervor, dass Kirsten Behrs Ehe gerade gescheitert war und sie sich darüber beklagte hatte, dass ihr Mann Michael bereits eine andere hatte, mit der er an die belgische Küste gefahren war. „Wenn das stimmt, hat er ein Alibi“, sagte Fitzen.

Benthien hatte inzwischen aus einer Seitentasche des Rucksacks ein Buch gezogen. „Dass eine Buchhändlerin so was liest?“ Er hielt Fitzen ein grelles Cover, gehalten in den Farben Gold und Rot, vor die Nase: Gefangen im Harem – Die entführten Sex-Zwillinge.

„Ein Riesenerfolg“, sagte Fitzen. „In mindestens zwanzig Sprachen übersetzt. Katharina hat‘s gelesen und ich stellenweise auch. Ganz schön saftig. Es soll tatsächlich eine Biografie sein. Am Schluss verliebt sich eins der Mädchen in ihren Bewacher, der sein Leben riskiert, um sie und ihre Schwester zu retten. Und damit hört die Lovestory auf. Band II soll, glaube ich, in diesen Tagen erscheinen.“

Benthien schüttelte den Kopf. „Dass du so ein Zeug liest!“

Der Inselarzt, ein Mann mit seriösem grauen Schnäuzer, den Hinnerk offenbar kannte, da er ihn mit „Wolf“ anredete, erklärte, dass Kirsten Behr seit dem frühen Morgen, vielleicht auch schon seit elf, zwölf Uhr nachts, tot sei. „Woran sie gestorben ist, kann ich erst nach der Obduktion sagen. Verletzungen hat sie außer den Bisswunden am Hals keine. Allerdings gibt es ein paar ältere Prellungen und blaue Flecke.“

„Von einem Kampf? Wurde sie geschlagen?“, fragte Fitzen.

„Es sieht so aus“, sagte der Medizinmann.

„Und kein einziger Hinweis auf die Todesursache? Hat man sie vergewaltigt?“

„Eher nicht. Ihr Körper vom Hals an abwärts ist unverletzt, sieht man von den Hämatomen ab.“

Kurz darauf traf die Staatsanwältin Thyra Kortum, die in Ladelund allein in einem kleinen Häuschen wohnte, noch vor dem Gerichtsmediziner ein, der die Leiche zur Sektion nach Kiel holen wollte. Sie atmete schwer von dem Marsch durch den tiefen, heißen Sand, denn besonders sportlich war sie nicht. Bekleidet war sie mit einem luftigen, blau-weißen Sommerkleid, ein breitkrempiger Strohhut bedeckte ihre blonden, sorgfältig frisierten Haare. Sie wurde von Benthien mit einer herzlichen Umarmung und einer kalten Flasche Wasser begrüßt und sank aufatmend in einen der Strandkörbe. Ihr Blick richtete sich auf die Leiche.

„Armes Ding“, sagte sie, und ihre scharfen blauen Augen wurden sanft. „Wie kann man jemandem so etwas antun?“

Fitzen referierte, was sie inzwischen über Kirsten Behr wussten.

„Was machte sie hier auf Sylt?“, fragte Thyra.

„Wir wissen es nicht“, erwiderte Benthien. „Vielleicht einfach Urlaub? Wir haben nur rausgefunden, dass sie in Westerland in der Stephanstraße in einer kleinen Ferienwohnung wohnte, übrigens erst seit drei Tagen. Die Spusi ist gerade da, danach wollten wir uns die Wohnung vornehmen. Vielleicht hat sie einen Laptop dabei. Das Handy haben wir auch noch nicht gefunden.“

„Es könnte ein schiefgegangenes Date gewesen sein“, überlegte Thyra und rückte in ihrem Strandkorb zurecht.

„Da müsste sie aber schon an einen besonderen Sadisten geraten sein“, sagte Benthien und strubbelte im Verlangen nach Kühlung durch seinen vollen braunen Haarschopf. „Ich habe Lilly und Juri beauftragt, nach ähnlichen Verbrechen mit ähnlichen Botschaften Ausschau zu halten.“

„Sagt mal, kommt euch das authentisch vor?“, platzte Tommy Fitzen plötzlich heraus. „Diese mysteriöse Botschaft, diese deutliche Bissspur am Hals … auf mich wirkt das irgendwie gestellt, wie eine makabre Inszenierung.“

Stimmen wurden hinter den Strandkörben laut, dann quetschte sich ein etwas beleibterer Streifenbeamter durch die Lücke. „Ich habe hier jemanden, der glaubt, er könnte die Leiche identifizieren“, meldete er mit hochrotem Gesicht. Fitzen warf schnell ein Strandlaken über die tote Frau.

„Bringen Sie ihn her“, sagte Benthien.

Ein großer, distinguiert wirkender Mann erschien mit besorgtem Gesicht. Graumelierte volle Haare, grauer, sorgfältig gestutzter Schnäuzer, unter dem Adamsapfel saß eine Fliege. Auch sonst war er korrekt und viel zu warm angezogen.

„Mein Name ist Waldemar Ingwersen, ich lebe hier in Archsum im Ruhestand“, begann er mit einer Stimme, die leise zitterte. Seine Augen saugten sich an der Leiche fest. Er machte einen Schritt auf sie zu.

Benthien stand auf und stelle sich Herrn Ingwersen in den Weg. „Und Sie kennen Kirsten Behr?“, fragte er.

Der Mann nickte. „Ja, das ist sie! Sie ist eine Bekannte einer sehr guten Freundin von mir, und die ist …“

Benthien winkte dem Polizisten. „Herr Ingwersen, würden Sie noch einmal nach draußen gehen? Wir rufen Sie gleich wieder herein.“

Ingwersen verließ die Runde der Strandburgen. Thyra, die inzwischen aufgestanden war, breitete ein Strandlaken über das Opfer.

Als Ingwersen die Runde wieder betrat, stand er sichtlich unter Schock. Er beugte sich aus seiner beträchtlichen Höhe über die Leiche.

„Bitte nichts anfassen!“, warnte Fitzen vorsorglich.

„Was ist mit Kirsten Behr passiert?“, fragte Ingwersen aufgeregt.

„Wir wissen es noch nicht“, antwortete Benthien ausweichend. „Bitte, nehmen Sie Platz.“ Er deutete auf den Strandkorb neben sich. „Wann haben Sie Frau Behr das letzte Mal gesehen?“

„Gestern Morgen. In Westerland auf der Strandpromenade. Ich bin fast in sie hineingelaufen.“ Ingwersen wirkte zerstreut und gleichzeitig entsetzt. Mit seinen Gedanken schien er weit weg zu sein.

„Ist irgendwas?“, fragte die Oberstaatsanwältin mitfühlend.

„Sie machte sich Sorgen“, antwortete Ingwersen, „und ich auch!“ Er riss sich zusammen. „Es geht um Agnes Ashbury. Und um ihre Schwester. Wir sind mit ihnen befreundet, also ich eher mit Agnes, aber durch sie kannte ich Frau Behr. Flüchtig. Wir waren mal einen Abend zusammen essen. Frau Behr kannte die beiden von einer Lesung in ihrer Buchhandlung und war seither mit ihnen befreundet.“ Er deutete mit der Stirn auf das Buch, das im Strandkorb lag, vor dem sich noch immer die Leiche befand. „Gefangen im Harem – das Buch schlug ein wie eine Bombe. Ja, und jetzt“, er wischte sich mit einem Taschentuch über die feuchte Stirn, „jetzt scheinen die beiden Ashburys verschwunden zu sein. Ich kann sie seit Tagen nicht erreichen, und Frau Behr war extra hierhergekommen, um zu sehen, was mit ihnen ist. Sie hat einen Schlüssel zu ihrer Wohnung.“

„Heißt das, die Schwestern wohnen hier auf Sylt?“, fragte Fitzen erstaunt. „Oder waren sie im Urlaub hier?“

„Nein, nein, sie wohnen hier, in einem der Hochhäuser in Westerland. Von außen ein hässlicher Wohnblock, aber vom fünften Stock aus ein wunderbarer Blick aufs Meer. Ich mache mir Sorgen! Wer weiß, was Frau Behr herausgefunden hat? Vielleicht musste sie deshalb sterben?“ Er sah sich um. „Sie ist doch ermordet worden, oder nicht? Was hat man ihr angetan?“

Doch diese Frage konnten und wollten ihm die Beamten nicht beantworten.

„Wir kommen später noch mal auf Sie zu“, beendete Benthien das Gespräch.

Lehrer in aller Welt fragen Kinder, was sie tun und werden wollen, wenn sie groß sind.

Wenn ich groß bin …

Hasi:

… will ich am Meer wohnen, mit einem Strand ganz für mich allein, und mich die Dünen runterkugeln

Wolle:

… will ich so stark sein wie Pippi Langstrumpf

Löffel:

… will ich mit meinem eigenen ICE durch die Gegend fahren, aber ohne Leute drin, nur ich ganz allein

Dude:

… will ich eine große Familie mit sechs Kindern haben

Samstag, 25. Juni, 19:27 Uhr

„Der Schlüssel zu der Ashbury-Wohnung wurde nicht bei Kirsten Behr gefunden“, meldete Fitzen. „Zumindest nicht in ihrem Rucksack.“

Benthien sprang vom Stuhl und gab Fitzen einen Klaps auf die Schulter. „Auf, wir müssen los!“

Kurz nachdem Waldemar Ingwersen gegangen war, war die Leiche ins Rechtsmedizinische Institut nach Kiel verbracht worden, die Obduktion sollte noch heute Nacht erfolgen. Thyra Kortum war wieder zurück nach Ladelund gefahren, mit Ingwersen hatte man ausgemacht, dass er am Sonntag zur Verfügung stehen würde. Benthien und Fitzen hatten inzwischen den Wurstsalat gegessen, der gar nicht so übel gewesen war.

Gerade hatte Benthien von der Spurensicherung eine Meldung auf sein Handy bekommen, dass die Ferienwohnung von Kirsten Behr nun für sie frei sei, etwas Besonderes oder Auffälliges sei aber nicht gefunden worden.

Sie stiegen in Benthiens alten, geliebten, flaschengrünen Citroën XM, den er nur hier auf der Insel benutzte, und fuhren hinunter nach Westerland. Kirsten Behr hatte eine Ferienwohnung in einem 1960er-Jahre-Komplex, der früher offensichtlich mal Büros einer Firma Schering beherbergt hatte, ganz in der Nähe der St. Nicolai-Kirche. Nicht gerade schön, aber nicht weit entfernt von der Friedrichstraße, dem Bahnhof und dem Strand. Die Tür stand offen.

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