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In der Stille hörst du dich selbst

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. I. INS INNERSTE MEINER SEELE
    1. 1. Es stand geschrieben
    2. Kontakt zu mir selbst
    3. Absolute Stille
    4. 2. Der Eintritt
    5. Den inneren Beobachter entwickeln
    6. Cella est coelum – Im Himmel der Stille
    7. Ostern
    8. Leben wie die Wüstenväter
    9. Der Tagesablauf
    10. Persönlicher Coach
    11. Depression – Der Dämon der elften Stunde
    12. Meditation
    13. Ein gesunder Körper
    14. Weiblichkeit
    15. Orbi – Leuchtpunkte für die Welt
    16. Die erste Profess
    17. Auflehnung
    18. Der Mammon
    19. Opgrimbie, Belgien
    20. Alles wird neu
    21. 3. Der Austritt
    22. Neues Leben
    23. Brügge
    24. Ankerpunkte
    25. Spirituelle Mutterschaft
    26. Beraten und coachen
    27. Stille
    28. Bergführerin
    29. Schönheit
    30. Kloster auf Zeit
    31. Kinderseele
    32. Auf ein Neues?
  7. II. DIE GROSSE STILLE
    1. 1. Die Bedeutung der Stille
    2. Rückkehr nach Hause
    3. Innere Umkehr
    4. 2. Wie wird man still?
    5. Innere Sehnsucht
    6. Kontemplation
    7. Fokus
      1. Die Atmung
      2. Ein Mantra oder ein Wort
      3. Ein Symbol oder eine Visualisierung
    8. Der Körper
      1. Sitzen in der Kontemplation
      2. Die Sinne
    9. Gleichgewicht
    10. Loslassen
    11. Ankerpunkte
    12. Zeiten der Zurückgezogenheit
    13. Disziplin
    14. Seelenverwandte
    15. 3. Was begegnet uns in der Stille?
    16. Spirituelle Krisen
    17. Lachen und Weinen
    18. 4. Was gibt uns die Stille?
    19. Der innere Beobachter
      1. Einsichten
      2. Träume
    20. Kreativität
    21. Gewahr-Sein
    22. Die Fähigkeit zu entscheiden
    23. Flow
    24. Wesentlicher Kontakt
    25. Jetzt
    26. Das innere Kind
    27. Glück
    28. Weisheit
  8. Nachwort
  9. Quellenverzeichnis

Über dieses Buch

Studium, Partys, Freunde - Miek Pot lebt das pralle Leben. Überraschend entschließt sie sich nach Abschluss der Universität, mit allen Erwartungen an sie und ihr Leben zu brechen. Angezogen von der Aussicht auf Stille, tritt sie in den Kartäuserorden ein. Fast zwölf Jahre verbringt sie im Schweigen, einem Seinszustand, den sie als inspirie-rende Versenkung und Weg zu sich selbst empfindet. Sie berichtet vom inneren Glück der Meditation, der sinnlichen Erfahrung der Lithurgie, der Begegnung mit dem inneren Ich - und warum sie sich letztlich doch entschloss, in die Gesellschaft zurückzukehren.

Über die Autorin

Miek Pot, geboren 1960, wuchs in einer wohlhabenden katholischen Familie auf und studierte Mittelalterliche Geschichte an der Universität von Leiden. Nach dem Studium brauch sie mit sämtlichen Erwartungen, die in sie gesetzt wurden: Heirat, Mutterschaft, Fortführung der bourgeoisen Lebensweise, und wurde Kartäusernonne. Insgesamt zwölf Jahre verbrachte sie in verschiedenen Schweigeklöstern in Südfrankreich und Belgien. Nach ihrem Austritt absolvierte sie eine Ausbildung zum International NLP-Practicioner in New York und ließ sich am C.G.Jung-Institut für Psychoanalysen ausbilden. Sie lebt in Belgien und arbeitet als Kontemplationstrainerin in den Niederlanden.

Miek Pot

In der Stille
hörst du
dich selbst

Meine zwölf Jahre
in einem Schweigekloster

Aus dem Niederländischen von
Waltraud Heitzer-Gores

I. INS
INNERSTE
MEINER
SEELE

»Die Füchse haben ihren Bau

und die Vögel ihr Nest,
aber der Menschensohn hat keinen Platz,
wo er sich hinlegen und ausruhen kann.«

(Mt 8,20)

1. Es stand geschrieben

Im Drehbuch meines Lebens stand von Anfang an geschrieben, dass ich einmal in ein Schweigekloster eintreten würde. Wenn ich heute zurückblicke, denke ich manchmal: »Wie bitte? Ich?« Aber es steht wirklich da: Wenn der Planet Jupiter meinen Aszendent durchwandert und in einer Bahn von zwölf Jahren die Erde umkreist, werde ich ein stilles, einsames, von weltlicher Abgeschiedenheit geprägtes Leben führen.

1987 trat ich in ein neu gegründetes Kartäuserinnenkloster ein, das zur katholischen Kirche gehört. Das Kloster ist auf das Einsiedlerleben nach den Vorgaben des heiligen Bruno von Köln zugeschnitten. Dieser Geistliche zog sich im Jahre 1084 mit sechs Begleitern in die Gebirgsregion um Grenoble zurück, in der das berühmte Kloster La Grande Chartreuse liegt. Die Rituale und Zeremonien des Ordens, dem ich mich angeschlossen hatte, gehen auf die griechisch- und russisch-orthodoxe Kirche zurück, während der Heilige Bruno dem lateinischen (römisch-katholischen) Ritus folgte. In beiden Fällen ist Stille das Fundament. Das ganze Leben in einem Schweigekloster steht unter dem Zeichen der Stille. Meine Entscheidung für dieses Leben war rein intuitiv; es bedeutete für mich die Rettung aus einem ausschweifenden Leben mit vielen Extremen.

Während meiner Studentenjahre in Leiden lebte ich wild und stürmisch drauflos. Ich war Mitglied im Studentencorps, gehörte einem sehr beliebten sogenannten »Jahrclub« der Studentenvereinigung an und wohnte in einem Wohnheim für Studentinnen, das für seine lockeren Regeln bekannt war. Ich liebte Alkohol und Zigaretten und war für jeden Unsinn zu haben, nichts war mir zu verrückt. Intuitiv muss ich gespürt haben, dass mir nur strenge Disziplin einen Ausweg aus dem inneren und äußeren Chaos, in dem ich mich befand, bieten konnte. Denn trotz der vordergründig vergnügten Seite, die ich in dieser Zeit nach außen zeigte, hatte in mir bereits ein starker, aber noch verborgener, innerer Prozess eingesetzt.

Das Studentenleben war bequem: Geld kam monatlich aufs Konto, meine Eltern waren verständnisvoll und gaben mir jede Menge Raum und Freiheit. Ich spürte, dass das auf Dauer nicht so bleiben konnte. Ich empfand mein Leben wie ein ständiges Betrunkensein, das irgendwann einmal enden musste. Tief in mir nagte ein Gefühl der Unzufriedenheit und vor allem der Orientierungslosigkeit. Das Leben, das ich führte, hatte keinerlei Tiefgang, und mein künftiges Leben war vorgezeichnet. Vermutlich würde ich irgendwann einen Jungen heiraten, den ich im Studentencorps kennenlernte, ich würde drei oder vier Kinder bekommen, mein Leben in Hockey- und Golfclubs verbringen und mit einem Labrador spazieren gehen. Diese Aussicht schreckte mich zutiefst ab.

So fing meine Suche von einem negativen Standpunkt aus an, aber vielleicht läuft das ja immer so. Aus Unzufriedenheit geht man auf die Suche nach etwas Neuem.

Mir kam es so vor, als würde die Außenwelt mich von meinem innersten Selbst abtrennen. Ich wollte deshalb diese Außenwelt verlassen und zu mir selbst zurückfinden. Das war meine Intention und sie trieb mich an.

Es war für mich selbstverständlich, dass ich nach der Schulzeit studieren würde. Das Fach Geschichte sah ich als logische Wahl, denn ich war auf der Suche nach mir selbst und glaubte meinen Ursprung in der Geschichte finden zu können. Das Studium brachte mir die tiefe Erkenntnis von Kontinuität, vom Sein und Werden und der Auseinandersetzung zwischen Geist und Materie. Meine tiefste Sehnsucht aber hat es nicht stillen können. Ich sehnte mich nach einer anderen, einer tieferen Form des Wissens. Vermutlich wäre Philosophie eine bessere Wahl gewesen, doch heute weiß ich, dass ich auch dort keine Antworten auf meine Fragen gefunden hätte. Schließlich ging es gar nicht um ein kopfmäßiges Wissen, sondern um das Erfahren und Empfinden von innen.

Das erste große Berührtwerden meines Innersten geschah gegen Ende des ersten Studienjahres. Ich hatte mich zuvor schon einmal mit Spiritualität beschäftigt, das erwies sich aber als zu vage und sprach mich nicht wirklich an.

Nach einem verbummelten ersten Studienjahr beschloss ich, einen gut gemeinten Rat zu befolgen und zum Lernen in ein Kloster zu gehen, um für das Studienjahr wenigstens noch die Nachprüfungen zu schaffen. Der Klosteraufenthalt wurde eine beeindruckende und einschneidende Erfahrung, die ich nie vergessen werde. Ich betrat eine vollkommen andere Welt.

Kontakt zu mir selbst

Es handelte sich um ein Frauenkloster im Süden der Niederlande. Ich fand es sehr merkwürdig, dass Menschen überhaupt so leben können und allem Anschein nach auch noch glücklich dabei sind. Was mich am meisten berührte, war die Stille. In dieser Phase meines Lebens hatte ich nie auch nur eine Minute Stille. In unserem Wohnheim lief Tag und Nacht Musik auf voller Lautstärke, und wenn ich im Auto unterwegs war, dröhnte es aus den Lautsprechern. So etwas wie Stille kannte ich gar nicht, und ich war enorm beeindruckt. In der Stille empfand ich etwas sehr Tiefgehendes, so etwas wie Kontakt zu mir selbst, oder vielleicht zu meinem göttlichen Kern? Manchmal stand ich nachts auf, um die Stille zu genießen, und wenn ich dann in den Sternenhimmel schaute, spürte ich in mir ein inniges Gefühl der Einheit und Verbundenheit mit allem.

Einmal ging ich zu einem sogenannten Nachtofficium, einem liturgischen Dienst, der in der Nacht abgehalten wird, ähnlich einer Nachtwache. Auch das war eine außergewöhnliche Erfahrung für mich, ich konnte die Intensität der Energie, die von den Gebeten ausging, förmlich spüren. Und das, obwohl ich sonst gar nicht an der Liturgie teilnahm, denn ich war ja nur zum Lernen gekommen. So etwas hatte ich vorher noch nie erlebt. Das Gefühl von innerem Frieden war mir in der damaligen unruhigen Lebensphase, die von Unzufriedenheit geprägt war, unbekannt.

Auch die straffe Tageseinteilung sorgte für Ruhe und gab mir überraschenderweise innerlich viel Raum. Hier bekam ich eine Ahnung, was Ordnung in einem Leben voller Chaos bewirken kann. Blitzartig wurde mir klar, was ich später ausführlich lernte: dass es nicht gleichbedeutend mit Freiheit ist, nur zu tun, wozu man Lust hat. Der Aufenthalt dauerte genau eine Woche, aber er gab meinem Leben eine völlig neue Wendung. Für mich stand nun fest, dass ich mehr über das erfahren wollte, was mich hier so tief berührt hatte. Ich wollte es deuten, benennen und auch mit meinem Verstand begreifen können.

Die Suche zog sich hin. So lag zwischen dieser ersten Erfahrung und dem definitiven Eintritt in ein Schweigekloster noch viel Zeit. Sechs Jahre, um genau zu sein. Mein misstrauischer rationaler Geist wollte dieses mysteriöse Undefinierbare erst einmal genau untersuchen. Es war für mich zunächst am wichtigsten, überhaupt zu verstehen, was sich hinter diesem Berührtsein, dieser tiefen Erfahrung, verbarg.

Es folgte eine ausführliche Bestandsaufnahme, die mich zu vielen Klöstern und Abteien führte. Das große Dilemma war, dass meine Gefühle bezüglich des Klosterlebens immer wieder zwischen Anziehungskraft einerseits und Abneigung andererseits hin und her pendelten. Etwas in mir fand das Ganze abstoßend, rückständig und betrachtete es als Ausdruck von Flucht, ein anderer Teil von mir war fasziniert und bezaubert. Sechs Jahre lang war ich hin- und hergerissen zwischen diesen komplizierten Gefühlen. Es war wie bei einer verbotenen Liebe, was auch zur Folge hatte, dass ich nur mit sehr wenigen Menschen darüber redete. Meine Freundinnen und Freunde haben es mir später übel genommen, dass ich sie daran nicht hatte teilhaben lassen. Aber ich konnte einfach nicht darüber reden, weil ich selbst nicht verstand, was sich in mir abspielte. Um meinen Horizont zu erweitern, erforschte ich den alternativen, spirituellen Markt, fand in dieser Zeit jedoch nichts, das mir authentisch genug erschien. Ich hatte den Eindruck, eine Ansammlung von zusammenhanglosen Einzelerfahrungen vorzufinden, und war enttäuscht. Aus Mangel an möglichen Erklärungen suchte ich innerhalb der religiösen Tradition, in der ich aufgewachsen war, weiter. Die katholische Tradition bot eine Struktur, die wenigstens etwas Halt geben konnte. Als Kind hatte ich für mich allein manchmal gebetet, das heißt, ich versuchte, mir Dinge »herbeizubeten«. In der Pubertät hatte ich, aufgrund erster Enttäuschungen und Frustrationen im Leben, wieder damit aufgehört. Ich hielt das Beten für Bauernfängerei, ich wurde ja doch nicht erhört. Für mich war das nichts mehr.

So viel zu meiner Bindung an den Glauben. Nach dem Vordiplom brach ich nach Indien auf, um ein paar Monate bei Mutter Teresa zu arbeiten. Ich wollte Gott suchen, und es erschien mir sehr viel plausibler, ihn bei den Armen zu finden als in der Abgeschiedenheit eines kontemplativen Klosters. Das erste Haus von Mutter Teresa in Kalkutta war eine frühere Moschee, die die Gemeinde ihr überlassen hatte. Es lagen dort Sterbende, die man von der Straße weggeholt hatte, Aussätzige und Menschen, aus denen Würmer herauskrochen. Ich wusch sie, gab ihnen zu essen, und manchmal verabreichte ich einem Patienten auch eine Injektion. Das alles waren für mich sehr wichtige Erfahrungen, die mich tief berührten.

Mutter Teresas Leidenschaft für ihre Arbeit war enorm. Ich war beeindruckt von ihrer zerbrechlich wirkenden Gestalt in dieser kahlen, schmucklosen Kapelle mitten in Kalkutta, wo nur Jutesäcke auf dem Boden lagen und ein Jesuskreuz an der Wand hing. Sie hatte eine erstaunliche Willenskraft und einen Glauben, der Berge versetzen konnte. Sie war auch gut zu mir; vermutlich spürte sie die Authentizität meiner Suche. Knapp zwei Monate arbeitete ich dort unter erbärmlichen Umständen, doch für mich, das spürte ich sehr deutlich, war es nicht das Richtige. Zu wenig Tiefgang, zu viel Ergebenheit, vor allem aber: zu wenig Stille. Man sprach dort über Gott, ich jedoch wollte Gott erfahren, so viel war mir klar geworden.

Nach drei Monaten kehrte ich in die Niederlande zurück, um mein Diplom zu machen. Da mir nach wie vor Richtung und Klarheit fehlten, schien mir das die beste Lösung zu sein. Nach den Erfahrungen in Indien konnte ich aber nicht mehr zurück in mein altes Studentenleben – schon allein die Vorstellung war mir zuwider. Ich zog wieder zu meinen Eltern und setzte von dort aus mein Studium in Leiden fort.

In dieser Zeit begegnete ich dann meinem ersten spirituellen Lehrer, dem Trappistenmönch Bavo. Er übte sich in Zen und war Schüler von Lassalle gewesen, dem Mann, der Zen als Erster nach Europa gebracht hatte. Ich lernte Bavo bei einem Familienbesuch in der Abtei von Zundert kennen. Er war früher in Heemstede ein Nachbarsjunge meiner Mutter gewesen, und sie stellte mich ihm vor. Er hatte es mir sofort angetan, und künftig besuchte ich ihn jedes Jahr in der Abtei in Zundert. Bavo inspirierte mich sehr, doch die Leere des Zen war für mich noch zu weit entfernt. Ich fand es großartig, konnte aber nicht wirklich etwas damit anfangen. Ich verlor mich in der Leere.

Weiterzustudieren schien zwar die beste Option zu sein, doch ich hatte überhaupt keine Lust mehr dazu. Meine große Sehnsucht nach Stille war immer noch da. Die Suche ging weiter. So gelangte ich zu den Benediktinerinnen in Oosterhout und fühlte mich dort sehr wohl. Die Sprache der Liturgie und vor allem die Psalmen trafen bei mir auf Resonanz. Ich beschloss, den Schritt zu wagen und dieses Leben auszuprobieren. Der Schritt erfolgte in Form meines offiziellen Eintritts, der für meine unmittelbare Umgebung schwer nachzuvollziehen war. Vor allem mein Vater und einige Freundinnen aus Leiden sahen darin eine Sackgasse. Insgesamt blieb ich etwas mehr als ein Jahr, aber wieder war es nicht der richtige Weg für mich. In meinen Augen wurde der Liturgie zu viel Gewicht beigemessen. Einsamkeit und Stille kamen zu kurz. Die zahlreichen Gesangsstunden und die täglichen Freizeitmomente, die ich mit Menschen verbrachte, die ich mir nicht selbst ausgesucht hatte, empfand ich als Einschränkung auf meinem Weg nach innen. Außerdem störte mich das hohe Durchschnittsalter der Schwestern, und ich fasste den Entschluss, nicht länger zu bleiben.

Bei den Benediktinerinnen hatte ich einige schöne Bücher gelesen, unter anderem von Dom André Louf, einem Abt der Abtei De Katzberg in Frankreich. Sein Buch führte mich auf die Spur des »Jesusgebets«. Darin fand ich etwas von dieser ersten Erfahrung wieder: innere Ruhe und ein tiefes Empfinden von Einheit und Verbundenheit. Außerdem war mein Interesse an den Regeln des heiligen Benedikt geweckt, und so fasste ich den Entschluss, mein Studium doch zu Ende zu führen. Ich ging wieder nach Leiden, um mein Examen zu machen. Als Prüfungsfach wählte ich Mittelalterliche Geschichte, das Thema meiner Examensarbeit lautete: Hildegard von Bingens Interpretation der Regel des heiligen Benedikt.

Nach wie vor befand ich mich auf der ruhelosen Suche nach einem Ort, an dem ich mich zu Hause fühlen konnte. Insgesamt war ich in dieser Zeit ziemlich bedrückt und niedergeschlagen. So war ich enttäuscht wegen der Erfahrung bei den Benediktinerinnen und fühlte mich in Leiden und bei meinen Eltern, bei denen ich vorübergehend wieder eingezogen war, nicht mehr richtig wohl. Bei den Benediktinerinnen war meine Neugierde auf die Wüstenväter und das byzantinische Mönchtum auf dem Berg Athos (einer Mönchsrepublik auf einer kleinen Halbinsel in Griechenland) geweckt worden. Ich hatte ganz stark das Gefühl, dass mein Weg mich zu einem abgeschiedenen Leben führen würde. Diese Abgeschiedenheit von der Welt faszinierte mich ungeheuer, und ich wollte mehr darüber in Erfahrung bringen.

Absolute Stille

In Frankreich gab es offenbar noch ein weiteres Kartäuserkloster für Frauen, und ich nahm Kontakt mit diesem Kloster auf. Das Leben der Kartäuser ähnelt noch am meisten der Tradition der ursprünglichen Wüstenväter, und das war es, was ich wollte, absolute Einsamkeit und somit absolute Stille. So viel war mir in der langen Zeit meiner Suche klar geworden. Unter diesen Umständen würde ich zu der inneren Erfahrung, die ich so verzweifelt suchte, finden. Doch die Vergreisung in diesem Kartäuserkloster in Frankreich schreckte mich ab. Ich befürchtete, dort innerhalb von zehn Jahren zur Altenpflegerin zu werden, und das war nicht in meinem Sinn. Somit war meine Suche immer noch nicht beendet. Sie zog sich hin, bis ich von jemandem den Hinweis auf ein neues Kartäuserkloster in den belgischen Ardennen bekam. Ich war inzwischen siebenundzwanzig Jahre alt und stand kurz vor dem Studienabschluss. An einem winterlichen Tag im Februar des Jahres 1987 – die Ardennen waren tief verschneit – klopfte ich bei diesem neuen Kartäuserkloster in Marche-les-Dames, in der Nähe der Ortschaft Namen, an.

2. Der Eintritt

Marche-les-Dames war ein kleines, wunderschönes Kloster mit sehr hübschen Nonnen. Die Priorin, die sogenannte Starets1, war eine junge, strahlende Person mit einnehmendem Wesen. Sie lebte dort aus tiefster Überzeugung und nicht aus Gründen der Weltflucht. Das galt für die anderen ebenso, und das machte die Gemeinschaft so außergewöhnlich.

Diese Form des abgeschiedenen Lebens zog junge Menschen an. Ich traf ausschließlich auf Gleichaltrige, was für mich sehr spannend war. Nur mit älteren Nonnen wäre es in kurzer Zeit zu einfach geworden. Als verwöhntes Nesthäkchen, das zur Freude der anderen Teil der Gemeinschaft ist, steht man dem Lernprozess eher im Weg.

In vielen westlichen Klöstern vermisste ich Schönheit. Meist hatten sie eine bedrückende und deprimierende Ausstrahlung. In Marche-les-Dames war das ganz anders. Wahrscheinlich weil der Orden auf den byzantinischen Ritus zurückgeht. Die einzelnen Klausen und die Kapelle waren von einer großartigen, schlichten Schönheit. Die gemalten Ikonen, das viele Blattgold, die unzähligen Kerzen und der reichlich verwendete Weihrauch in der Kapelle verliehen dem Ganzen eine Aura. Es war eine Schönheit, die wie ein Fingerzeig auf die Ordnung und die Harmonie am Urgrund des Seins wirkte. Die Schönheit berührte meine Seele und spielte sicherlich eine Rolle bei meiner Entscheidung.

Ich erinnere mich noch gut, wie fasziniert ich war, als ich zum ersten Mal zu Besuch kam. Draußen der hohe Schnee und dann die Kapelle mit den Ikonen, den Kerzen, dem Weihrauch und den jungen Nonnen. Die Gastschwester fragte, ob ich ein Gespräch mit der Starets wünschte, doch ich lehnte ab. In den Klöstern waren die Schwestern oft allzu sehr darauf erpicht, junge Leute für sich zu gewinnen und darauf hatte ich keine Lust. Die Entscheidung musste aus mir selbst heraus kommen; dafür hatte ich mir einige Tage Zeit genommen. Ich wollte mich nicht von einem Gespräch beeinflussen lassen und schon gar nicht von der Schönheit der äußeren Erscheinung. Doch mein Interesse wurde während dieses Aufenthalts geweckt. Wie von selbst wurde ich durch die sakrale Atmosphäre ergriffen, und ich ließ mich mitreißen in eine andere Dimension. Ich fühlte, dass ich meinen Platz gefunden hatte, hier gehörte ich hin. Am letzten Tag bat ich schließlich doch um ein Gespräch. So stark fühlte ich mich zu diesem Ort hingezogen. Ich beschloss, in Windeseile mein Studium zu beenden. Im August 1987 legte ich mein Examen ab, und im Oktober desselben Jahres trat ich in den Orden ein.

Der Eintritt an sich war eine schlichte und nüchterne Angelegenheit. Meine Eltern, mein Bruder und dessen Frau gingen noch mit mir essen und setzten mich dann vor Ort ab. Soweit ich mich erinnere, hat es mich emotional nicht sonderlich berührt, und ich weiß auch nicht mehr, wie meine Familie reagiert hat, aber vermutlich war der Vorgang eher distanziert und nüchtern. Ich selbst brannte darauf, endlich anzufangen, endlich zu empfinden und zu erleben.

Im ersten Jahr nach meinem Eintritt wurde ich mit vielen gesundheitlichen Problemen konfrontiert. Vielleicht waren das Entwöhnungsphänomene. Vorher rauchte ich viel, mochte auch gerne alkoholische Getränke, und plötzlich gab es nichts mehr von alledem, nicht mal Koffein. Außerdem kam ich direkt von meinen Eltern, wo ich ein luxuriöses Leben geführt hatte. Ich war im Grunde verwöhnt und zerbrechlich wie Porzellan. Das raue Leben in einem eremitischen Kloster stellte einen herben Kontrast zu meinem bisherigen Leben dar. Ich wurde krank, fror den ganzen Tag und vermisste den Komfort und die Annehmlichkeiten meines früheren Lebens. Zu Hause hatten wir eine Haushaltshilfe, jetzt musste ich meine Toilette selbst reinigen. In diesem Sinn war der Übergang gewaltig. Ich war im Elternhaus die Jüngste, verhätschelt, meinen Eltern ging es finanziell gut, und nun plötzlich dieses Leben ohne jeglichen Komfort – das hatte ich unterschätzt.

Wie auch immer, ich erkrankte an einer Art Rheuma, das in meiner Familie öfter vorkommt und für das ich somit eine genetische Veranlagung habe. Mit dieser Erkrankung habe ich mich lange herumgeschlagen. Im ersten Jahr sollte ich auf ärztliche Anweisung überhaupt nicht gehen und konnte nur lang ausgestreckt auf dem Bett oder der Ruhebank liegen. Im Französischen wird die Krankheit als Erethème nouée bezeichnet, ein für mich nach wie vor unübersetzbarer Ausdruck, aber in etwa heißt es nichtchronisches Rheuma. Die Krankheit erschwerte mein Leben ganz erheblich, und es war kompliziert, meine überschüssige Energie in sinnvolle Bahnen zu lenken. Starke Emotionen wie Wut über die Erkrankung, aber auch Selbstmitleid überkamen mich. Ich hatte noch nicht viel Erfahrung mit dem Meditieren und dem Beten, auch ein Grund, weshalb ich meine Emotionen kaum unter Kontrolle hatte. Das sorgte dafür, dass die Anfangszeit sehr schwer für mich war. Ich kämpfte mit Scham- und Schuldgefühlen wegen meiner persönlichen Schwäche und der Unfähigkeit, die tägliche Disziplin auszuüben. Durch die Krankheit durfte ich im ersten Jahr nicht an den Nachtgebeten teilnehmen und war auch von anderen schweren Aufgaben freigestellt.

Marche-les-Dames wurde ausschließlich auf Französisch geführt, auch die Ordensregeln und jegliche Lektüre waren auf Französisch, aber leider ließen meine Sprachkenntnisse sehr zu wünschen übrig. Am schwierigsten war die byzantinische Liturgie. Die Liturgie umfasst die Gesamtheit der vorgeschriebenen Gebete, Zeremonien und Handlungen, die zusammen den Gottesdienst ergeben. Der byzantinische Ritus, der aus der griechisch- und russisch-orthodoxen Kirche und Kultur hervorging, gab der Liturgie ihren spezifischen Charakter: ausschweifend und etwas exotisch. Die Liturgie war mir sehr wichtig, aber ich hätte sie in meiner Muttersprache hören müssen, um die Nuancen und die Symbolik erfassen zu können. Die Synchronizität von Außen- und Innenwelt, die normalerweise in der Liturgie zum Ausdruck kommt, entging mir deshalb völlig. Bei den Benediktinerinnen war mir schon früh aufgefallen, dass so manches, was tagsüber passiert war, oder Dinge, über die man sich sorgte, abends oder am nächsten Morgen in der Liturgie, einem Psalmvers oder einem Vers aus dem Evangelium wieder auftauchten. Ich war dafür sehr empfänglich. Da ich die französischen Worte nicht immer verstand, war das anfangs ziemlich schwierig für mich.

Den inneren Beobachter entwickeln

Glücklicherweise war nicht alles so mühsam. Ich ging von Anfang an einen inneren Weg, und das tat mir sehr gut. Es fing mit den Exerzitien von St. Ignatius, geistlichen Übungen, an. Dafür kamen eigens Jesuiten aus dem Ort Namen zu uns ins Kloster zu Besuch. Sie begleiteten uns intensiv bei den Exerzitien, und ich habe viel von ihnen gelernt. Ich lernte, was ein Fokus ist und wie ich mich im Verlauf eines Tages darauf ausrichten konnte. Ein Fokus ist ein Mittelpunkt, auf den man seine Aufmerksamkeit richtet, wodurch die eigenen Kräfte dort gebündelt werden. Man erfährt dabei Ruhe, weil sich der Geist gleichsam zentriert. Das machte für mich genau den Unterschied aus. Ich hatte immer ohne einen Fokus, wie ein ungesteuertes Projektil mit viel innerer Unruhe und Unzufriedenheit gelebt. Hier nun besteht das Glück darin, einen Fokus zu haben. So beschreibt es auch Paulo Coelho in seinem Buch »Der Alchimist«: »Das Geheimnis des Glücks besteht darin, alle Herrlichkeit der Welt zu schauen, ohne darüber die beiden Öltropfen auf dem ...

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