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In der Oase unserer Träume

Abby Green

In der Oase unserer Träume

PROLOG

Das kleine Mädchen stand allein vor dem Grabstein. Sein Haar fiel wie ein dunkler Wasserfall hinunter bis zur Taille. In den riesigen blauen Augen schimmerten Tränen.

Langsam näherte sich ein hübscher schwarzhaariger Junge. Er war ernst und wirkte weitaus älter als seine zwölf Jahre.

Sanft nahm er die Hand des Mädchens. „Du musst jetzt stark sein, Jamilah.“ Er blickte ihr fest in die Augen.

Jamilah hielt ihre Tränen tapfer zurück. Entschlossen hob sie ihr kleines Kinn und nickte. Salmans Eltern waren bei demselben Flugzeugabsturz ums Leben gekommen wie ihre. Wenn er stark sein konnte, dann würde sie es auch schaffen!

Fest richtete sie die Augen auf sein stolzes Gesicht. Selbst als er bereits wegsah, hin zum frischen Grab seiner Eltern, wendete sie den Blick nicht ab. Ihre Hände blieben fest umklammert.

1. KAPITEL

Jamilah Moreau musste sich zusammenreißen, um nicht vor Glück fröhlich wie ein kleines Kind über den Boulevard de Grenelle zu hüpfen. Als sie zum Eiffelturm hinüberschaute, schnitt sie eine. Was für ein Klischee! schoss ihr durch den Kopf. Sie war in Paris, es war Frühling, und sie war bis über beide Ohren verliebt.

Jamilah war sich der bewundernden Blicke nicht bewusst, die ihrer ungewöhnlichen Erscheinung folgten. Ihr seidiges schwarzes Haar war ein Erbe ihrer merkazadischen Mutter, ihre strahlend blauen Augen stammten von ihrem französischen Vater.

Ich könnte die ganze Welt umarmen, dachte sie glücklich. Am liebsten hätte sie ihre Einkaufstüten in die Luft geworfen und vor Freude laut herausgelacht.

Bisher hatte Jamilah immer geglaubt, die Leute würden übertreiben, wenn sie von Paris als Stadt der Liebe schwärmten. Doch jetzt verstand sie. Man musste verliebt sein, um es zu sehen! Kein Wunder, dass sich ihre Eltern hier ineinander verliebt hatten.

Ihr Herz schlug freudig vor Erregung. Sie wollte die Arme ausbreiten und rufen: Ich liebe Salman al Saqr, und er liebt mich! Bei diesem Gedanken verspürte sie einen Stich. Ihre Freude war plötzlich getrübt.

Genau genommen hatte Salman ihr noch gar nicht gesagt, dass er sie liebte. Selbst heute Morgen nicht, als sie ihm ihre Liebe gestanden hatte. Nach einer Nacht voller Leidenschaft hatte sie vor Glück die Worte keine Sekunde länger zurückhalten können. Schon seit Tagen brannten sie ihr auf den Lippen.

Erst vor drei Wochen war sie Salman wieder begegnet. Direkt vor den Toren der Universität, in der sie gerade ihre Abschlussprüfungen hinter sich gebracht hatte, war sie ihm über den Weg gelaufen. Sie waren zusammen aufgewachsen, aber Jamilah hatte ihn seit Jahren nicht mehr gesehen.

Beim Anblick ihrer ersten Liebe war eine Hitzewelle durch ihren Körper gejagt und ihre Beine hatten so stark gezittert, als würden sie jeden Moment unter ihr nachgeben.

Salmans wilde dunkle Locken und seine durchdringenden schwarzen Augen, die schon immer Geheimnisse und dunkle Schatten zu bergen schienen, waren unverändert. Doch er war noch attraktiver als damals, denn mittlerweile war er ein Mann geworden. Groß, breitschultrig und selbstbewusst stach er aus der Menge heraus.

Vor Jamilahs Augen verschwamm alles, sie schwankte. Doch da fasste Salman mit festem Griff ihren Arm und gab ihr Halt. Gerade wollte er sie mit einem anerkennenden Blick loslassen, als sich plötzlich der Ausdruck seiner dunklen Augen änderte.

Er zog die dichten Brauen zusammen und schnappte ungläubig nach Luft. „Jamilah?“

Sie nickte nur stumm. In ihren Ohren rauschte das Blut, und ihr Herz pochte so heftig in ihrer Brust, dass sie fürchtete, es würde herausspringen. Wie lange hatte sie davon geträumt, dass Salman sie so ansehen würde?

Schnell entschieden sie, in eins der zahlreichen kleinen Cafés zu gehen. Danach hatten sie sich bereits verabschiedet, als Salman sie plötzlich mit einem Griff nach ihrem Arm zurückhielt. „Warte … hast du Lust, heute Abend mit mir essen zu gehen?“

Jamilah hatte die Einladung ohne zu zögern angenommen. An jenem ersten Wochenende hatten sie sich zum ersten Mal geliebt.

Die folgenden drei Wochen kamen ihr noch immer wie ein Traum vor. Habe ich zu schnell Ja gesagt? fragte sie sich jetzt.

Doch sie hatte so viele Jahre lang von Salman geträumt und ihn aus der Ferne begehrt, dass sie es nicht geschafft hatte, ihre Gefühle vor ihm zu verbergen.

Jetzt war Jamilah auf dem Weg zu seinem Apartment, um ihm Abendessen zu kochen. Ist das wirklich so eine gute Idee? schoss ihr plötzlich durch den Kopf. Für einen Moment wurde sie unsicher.

Salman hatte sie heute nicht eingeladen. Im Gegenteil, am Morgen war er ungewöhnlich still gewesen. Aber sie konnte sich bereits vorstellen, wie er beim Anblick ihrer leckeren Einkäufe erfreut lachen und seine Tür weit für sie öffnen würde.

Salman hat aber auch eine andere Seite, schoss Jamilah durch den Kopf, während sie an der roten Ampel wartete. Gedankenverloren betrachtete sie den prächtigen Altbau auf der anderen Straßenseite, in dem sich sein Apartment befand.

Im Gegensatz zu seinem Bruder Scheich Nadim, der eine selbstverständliche Leichtigkeit im Umgang mit allen Menschen besaß, war Salman ein Einzelgänger. Doch das hatte Jamilah nie gestört. So lange sie zurückdenken konnte, hatte sie eine besondere Verbindung zu ihm gefühlt.

Aber es gab auch Momente, in denen sie eine tiefe Dunkelheit in Salmans Seele spüren konnte. Jedes Mal, wenn sie von ihrer beider Heimatland Merkazad sprach, legte sich ein finsterer Schleier über sein Gesicht. Ganz besonders, wenn sie auch noch den Namen seines Bruders Nadim erwähnte.

Scheich Nadim war der Herrscher von Merkazad, einem kleinen, unabhängigen Scheichtum innerhalb des größeren Landes Al-Omar auf der Arabischen Halbinsel. Es war Geburtsort und Zuhause von Jamilahs Mutter gewesen. Ihr französischer Vater hatte als Berater für Salmans Vater gearbeitet. Jamilah selbst war in Paris geboren, aber in Merkazad aufgewachsen.

Eigentlich stand es seit einiger Zeit fest, dass Jamilah in einer Woche nach Merkazad zurückkehren würde, um ihre Arbeit als Leiterin der königlichen Ställe anzutreten. Aber heute Abend würde sie Salman mit der Nachricht überraschen, dass sie ihre Pläne geändert hatte. Sie würde bei ihm in Paris bleiben.

In Gedanken versunken war sie an der Tür von Salmans Apartmenthaus angelangt. Der Concierge setzte an, sie herzlich wie immer zu begrüßen, doch plötzlich flog ein Schatten über sein Gesicht. „Excusez-moi, mademoiselle, erwartet der Prinz Sie heute Abend?“

Jamilah zuckte zusammen. Sie war es nicht gewohnt, dass Salman als Prinz bezeichnet wurde. Seinen Status als nächster Thronfolger nach Scheich Nadim hatte sie beinahe vergessen.

Sie lächelte breit und hievte ihre übervollen Einkaufstaschen in die Luft. „Ich koche Abendessen!“

Der Concierge erwiderte ihr Lächeln, auch wenn er dabei ein wenig unbehaglich wirkte. Als sie in den Lift stieg, fühlte auch Jamilah sich plötzlich seltsam unwohl. Im obersten Stockwerk öffneten sich die Türen des Fahrstuhls. Zögernd stieg sie aus.

Salmans Wohnungstür war nur angelehnt. Aus dem Inneren des Apartments hörte Jamilah das helle Kichern einer Frau. Ohne nachzudenken, stieß sie die Tür auf und trat ein.

Salman stand in der Mitte des Wohnzimmers. Er hielt eine schöne rothaarige Frau in den Armen und küsste sie leidenschaftlich. Genau so, wie er es mit Jamilah immer getan hatte.

Die Einkaufstaschen glitten aus ihren gefühllosen Händen. Nur ganz langsam löste Salman sich aus dem Kuss und drehte sich zu Jamilah um. Seine Hand ruhte weiterhin wie selbstverständlich an der Taille der Fremden. Offensichtlich ungehalten über die Unterbrechung funkelte die schöne Unbekannte Jamilah mit ihren grünen Augen an.

Diese war wie betäubt vor Schock. Reglos sah sie zu, wie Salman der Frau etwas ins Ohr murmelte. Mit einem unwilligen Seufzer nahm die Besucherin daraufhin Handtasche und Mantel vom Sofa und ging zur Tür. Dabei stieß sie wie unabsichtlich an Jamilahs Schulter.

An der Tür drehte sie sich noch einmal um und rief: „Je te vois plus tard, chéri.“ Bis später, Liebling. Zurück blieb nur eine dumpfe Wolke ihres süßen Parfüms.

Als die Tür hinter der Fremden ins Schloss fiel, kehrte langsam Gefühl in Jamilahs Körper zurück. Salman lehnte sich in den Türrahmen und schaute sie kühl an. Seine schwarzen Augen gaben keine Gefühle preis.

Erst jetzt fiel Jamilah seine förmliche Kleidung auf. Der dunkle Anzug saß wie angegossen und betonte Salmans schmale Hüften, dazu trug er ein blütenweißes Hemd. Plötzlich fühlte sie sich schäbig in ihrer Jeans und dem einfachen T-Shirt. Sie wusste zwar, dass Salman als Investmentbanker arbeitete, doch mehr hatte er ihr nicht erzählt.

Er spricht mit mir nie über Persönliches! schoss ihr durch den Kopf. Er war ihr Liebhaber, nicht mehr. Sie spürte, wie ein Zittern durch ihre Beine lief, aber bevor sie etwas sagen konnte, bemerkte Salman gelassen: „Ich hatte nicht erwartet, dich heute Abend zu sehen. Wir waren nicht verabredet.“

Genauso wenig war verabredet, dass du innerhalb von drei Wochen mein Leben auf den Kopf stellst! wollte Jamilah ihm wütend an den Kopf werfen, aber sie hatte Angst, ihre Stimme würde ihr nicht gehorchen.

Konnte diese kalte, distanzierte Person vor ihr wirklich derselbe Mann sein, der sie noch vor zwölf Stunden leidenschaftlich geliebt hatte?

Tränen traten in ihre Augen. „Ich … ich wollte dich überraschen. Ich habe eingekauft …“

Sie senkte den Kopf und blickte auf die verstreuten Lebensmittel zu ihren Füßen. Zerbrochene Eier hatten sich auf dem Marmorboden verteilt und mischten sich mit Rotwein.

„Du kannst hier nicht einfach unangemeldet hereinplatzen, wenn dir danach ist, Jamilah“, sagte Salman in tadelndem Tonfall.

Ihr Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen. „Ich wäre sicher nicht gekommen, wenn ich gewusst hätte, dass du … beschäftigt bist.“ Sie biss sich auf die Lippen, doch sie konnte ihre Worte nicht zurückhalten. „Hast du dich die ganze Zeit, seit wir zusammen sind, mit ihr getroffen?“

Ungeduldig schüttelte Salman den Kopf. „Nein.“

Jamilahs Mund war staubtrocken, aber sie zwang sich, weiterzusprechen. „Jedenfalls triffst du sie jetzt. Offensichtlich bin ich dir schon langweilig geworden. Sind drei Wochen dein Limit?“

Sie hörte selbst, wie verletzt sie klang, aber sie schaffte es nicht, ihre Stimme zu kontrollieren. Sie konnte nur noch daran denken, wie sie diesem Mann noch vor wenigen Stunden ihr Herz und ihre Seele geöffnet hatte.

„Ich liebe dich, Salman. Ich glaube, ich habe dich immer geliebt“, sagte sie leise.

Er lächelte schmal. „Mach dich nicht lächerlich, Jamilah. Du kennst mich doch nicht einmal richtig.“

„Ich kenne dich schon mein Leben lang, Salman. Und ich weiß, dass ich dich liebe.“ Sie ließ ihn nicht aus den Augen, und sie sah, wie er zurückzuckte, als sie von Liebe sprach.

„Was hast du dir denn von … von diesem Abenteuer versprochen, Jamilah?“, fragte er mit einem spöttischen Lächeln.

Sie nahm ihre ganze Kraft zusammen, um nicht vor ihm in Tränen auszubrechen. „Gar nichts. Es wäre doch dumm von mir gewesen, etwas zu erwarten, oder nicht? Offensichtlich hast du bereits eine Neue gefunden. Hattest du überhaupt vor, es mir zu sagen?“

Salmans Lippen wurden schmal. „Was gibt es da zu sagen? Wir zwei hatten eine nette Affäre. Sie war gut, so lange sie gedauert hat. Aber in einer Woche fliegst du zurück nach Merkazad, und ja, natürlich geht mein Leben weiter.“

Jamilah fühlte sich, als hätte sie einen Schlag in den Magen bekommen. Vor Salman hatte sie noch keinen Mann geliebt. Doch er nannte das, was zwischen ihnen geschehen war, eine nette Affäre. Sie hatte ihm ihre Unschuld geschenkt, und er reduzierte jeden gemeinsamen Moment zu billigem, austauschbarem Sex.

Salman runzelte die Stirn und trat auf sie zu. „Du gehst doch zurück nach Merkazad, nicht wahr?“, fragte er eindringlich.

Als Jamilah schwieg, zischte er einen arabischen Fluch durch die Zähne. „Du hast nicht wirklich mehr erwartet, oder?“

Sie schüttelte nur stumm den Kopf.

„Ich habe dir keinerlei Versprechungen gemacht“, fuhr er mit eiskalter Stimme fort. „Ich habe dir nie Anlass gegeben, mehr zu erwarten.“

Nein, das hatte er nicht. Jeder Tag mit Salman war aufregend und magisch gewesen, aber zu keiner Zeit hatte er Pläne gemacht, die weiter als vierundzwanzig Stunden in die Zukunft reichten.

Ich muss hier weg! dachte Jamilah. Sie wollte sich nur noch verkriechen und ihre eigene Naivität verfluchen. Doch ihre Beine bewegten sich keinen Zentimeter.

Salman beobachtete die junge Frau ihm gegenüber. Er hatte seine Gefühle schon so lange nicht mehr zugelassen, dass ihn der stechende Schmerz in seiner Brust ohne Vorwarnung traf. Mit purer Willenskraft stieß er das Brennen gnadenlos in die Tiefe zurück.

Die letzten drei Wochen hatte er wie im Traum verbracht. Wie leicht und glücklich habe ich mich gefühlt! dachte er spöttisch. Fast hätte er sich überzeugen lassen, dass es doch ein normales, glückliches Leben für ihn geben konnte.

Das Wiedersehen mit Jamilah hatte etwas in seinem Inneren aufgebrochen. Wie unglaublich schön sie geworden war! Gegen sein besseres Wissen hatte er versucht, daran zu glauben, dass ihre angeborene Güte und Unverdorbenheit auf ihn abfärben könnten.

Erst vor wenigen Minuten hatte er beobachtet, wie sie über das ganze Gesicht lachend auf sein Apartment zugesteuert war. In dem Moment war ihm klar geworden, dass sie ihr Liebesgeständnis am Morgen ernst gemeint hatte.

Den ganzen Tag lang hatte er versucht, ihre Worte aus seinem Kopf zu vertreiben und seine drückenden Schuldgefühle zu ignorieren.

In dem Moment, in dem er sie so glücklich vor seinem Wohnhaus gesehen hatte, hatte er sich gefühlt, als würde er einen kleinen zerbrechlichen Schmetterling in der Hand halten. Und er wusste, dass er den Schmetterling zerstören würde, ganz egal, wie sehr er sich auch bemühen würde, ihn zu beschützen. Er musste die Beziehung mit ihr auf der Stelle beenden. Und zwar auf eine so drastische Art und Weise, dass keine Zweifel übrig bleiben würden.

Seine Kollegin Eloise war ihm gern in sein Apartment gefolgt. Gegen ihre aufdringliche und schamlose Art war ihm der Kontrast zu Jamilahs Unschuld noch deutlicher geworden.

Als der Concierge ihm Jamilahs Ankunft mitgeteilt hatte, hatte sich etwas in Salman verschlossen. Er würde den kleinen Schmetterling zerquetschen. Ihm blieb keine Wahl. Er konnte ihr nichts bieten als eine zerstörte Seele, zerrissen von dunklen Geheimnissen.

Salman schaute Jamilah so lange nur schweigend an, dass ein Funken Hoffnung in ihr aufstieg. Hatte sie die furchtbare Szene vielleicht nur geträumt? Für eine Sekunde glaubte sie, so etwas wie Reue oder Schmerz in seinen Augen zu entdecken. Doch dann begann er zu sprechen, und sie spürte, wie ihr Herz brach.

„Jamilah, glaubst du wirklich, ich wusste nicht, dass du auf dem Weg nach oben warst? Der Concierge hat mir Bescheid gegeben.“ Salman zuckte teilnahmslos die Achseln. „Natürlich hätte ich mich beherrschen können, um dich zu täuschen. Aber wozu letztendlich? Es ist besser, wenn du jetzt herausfindest, was für ein Mensch ich bin. Was zwischen uns war, hätte nicht passieren sollen. Ich kann dir nicht geben, was du willst. Ich bin kein Märchenprinz auf einem weißen Pferd, der dich in eine wundervolle Traumwelt entführen wird. Was ich dir bieten kann, ist düster und trostlos. Es ist aus zwischen uns. Heute Abend werde ich mit Eloise zu Abend essen und zu meinem alten Leben zurückkehren. Ich schlage vor, dass du dasselbe tust.“

„Aber …“ Sie sah ihn hilflos an.

„Ich denke, es ist das Beste, wenn du jetzt gehst.“ Salman wies zur Tür. „Du hast für deine Rückkehr nach Merkazad bestimmt noch einiges vorzubereiten.“

„Ich dachte, wir wären Freunde … ich dachte …“ Jamilah versuchte vergeblich, das Zittern in ihrer Stimme zu unterdrücken.

„Du dachtest was?“, fiel Salman ihr barsch ins Wort. „Nur weil wir am selben Ort aufgewachsen sind und als Kinder ein bisschen Zeit zusammen verbracht haben, sind wir Freunde fürs Leben?“

Bei seinen Worten durchfuhr ein stechender Schmerz Jamilah. „Es war mehr als nur das!“, rief sie aus. „Viel mehr! Du hast in Momenten mit mir gesprochen und Zeit mit mir verbracht, als du niemand anderen sehen wolltest! Und die letzten drei Wochen … ich dachte, wir lieben uns.“

Salman seufzte ungeduldig und verdrehte die Augen. „Meine Güte, Jamilah! Du bist mir jahrelang wie ein verlorener Welpe hinterhergelaufen. Ich hatte nur nicht das Herz, dich fortzuschicken. Die letzten drei Wochen waren pure Lust. Du bist eine wunderschöne Frau, und ich habe dich begehrt. Das ist alles.“

All die glücklichen Erinnerungen an ihre gemeinsame Vergangenheit kamen Jamilah plötzlich wie Lügen vor. Ihre gesamte Wut und Verletztheit waren verpufft, zurück blieb nur ein Gefühl der grenzenlosen Leere. „Du brauchst nicht weiterzusprechen, ich habe verstanden. Ich weiß nicht, ob es den Salman aus meiner Erinnerung je gegeben hat. Jetzt ist er jedenfalls verschwunden. Du bist nichts als ein kaltherziger Bastard.“

„Du hast es erfasst.“

Es kostete Jamilah ihre letzte Kraft, sich durch die auf dem Boden verstreuten Lebensmittel den Weg zur Tür zu bahnen, ohne dass ihre Beine unter ihr nachgaben.

Als sie gerade die Hand auf den Türknopf legte, rief Salman ihr zynisch hinterher: „Grüß Merkazad und meinen geliebten Bruder von mir. Ich habe nicht vor, sie in nächster Zeit wiederzusehen.“

Oder dich. Er musste die Worte nicht aussprechen, damit Jamilah ihn verstand.

Sie schloss die Augen und holte tief Luft, bevor sie mit halbwegs erhobenem Kopf das Apartment verlassen konnte. Blind vor Tränen wankte sie zum Aufzug. Sobald sich die Türen hinter ihr geschlossen hatten, sank sie an dem kalten Metall zu Boden und begann hemmungslos zu schluchzen.

2. KAPITEL

Fünf Jahre später

Die Festlichkeiten zu Ehren des Geburtstags des Sultans von Al-Omar waren so prunkvoll wie eh und je. Schauplatz war der imposante Palast mitten im Herzen der schillernden Metropole B’harani. Direkt an der Küste der Arabischen Halbinsel gelegen, war B’harani nur zwei Stunden von der hügeligen Landschaft Merkazads entfernt.

Schon seit mehr als einem Jahr erhielt Jamilah zu allen offiziellen Feiern des Sultans eine Einladung von Ahmed El-Salamouny, einem der Stabsmitglieder. Da Jamilah vermutete, dass Ahmed an ihr interessiert war und versuchte, ihr auf diese Weise näherzukommen, hatte sie bisher stets höflich abgelehnt. Doch diesmal hatte sie endlich nachgegeben und zugesagt.

Heute war die erste Nacht der mehrtägigen Feier. Obwohl nur Familie und enge Vertraute des Sultans geladen waren, hatten sich mehr als zweihundert Leute im Ballsaal versammelt.

Als Jamilah beschämt an den wahren Grund für ihr Kommen dachte, schoss ihr das Blut in die Wangen: Sie hatte erfahren, dass Salman ebenfalls zu der Feier erscheinen würde.

In den letzten fünf Jahren hatte sie sein Privatleben aus den Klatschblättern mitverfolgen können. Nie kam er mit einer Verabredung zu einer Party, doch er ging stets mit einer neuen Frau an seinem Arm. Eine war schöner und berühmter als die nächste, wenn man den Zeitschriften glauben konnte.

In diesem Moment verfluchte Jamilah sich selbst für ihre unüberlegte Entscheidung. Doch sie musste ihn wiedersehen! Trotz ihrer grausamen Trennung in Paris hatte sie Salman in all den Jahren nicht vergessen können.

Seit einigen Wochen quälten sie noch dazu ihre alten, fast vergessenen Träume. Nacht für Nacht stand sie im Schlaf wieder als sechsjähriges Mädchen vor dem Grab ihrer Eltern, und Salman kam, um ihre Hand zu nehmen.

Nur durch die Kraft, die er ihr in jenem Moment gegeben hatte, hatte sie damals den Willen zum Weiterleben gefunden. Sie wusste, dass es albern klang, aber das war der Moment gewesen, in dem sie sich in Salman verliebt hatte.

Nach ihrer Affäre in Paris hatte sie begriffen, dass es kein Happy End für sie geben würde. Doch noch immer krampfte sich bei jedem Gedanken an Salman ihr Herz vor Schmerz und Sehnsucht zusammen.

Ihre gesamte Teenagerzeit hatte daraus bestanden, die Zeit zwischen Salmans Heimatbesuchen von seinem englischen Internat zu überbrücken. War er dann wirklich gekommen, hatte sie ihren Mund in seiner Gegenwart nicht mehr aufbekommen.

Seine Besuche waren immer seltener geworden, und irgendwann war er gar nicht mehr zurückgekehrt. Ohne ihn war Jamilah ihre ganze Welt traurig und leer erschienen.

Sie erinnerte sich nur ungern daran, wie ihr liebeskrankes Verhalten damals auf Salman gewirkt haben musste. Sie hatte sich sogar nur deshalb für Paris als Studienort entschieden, weil sie wusste, dass er dort lebte. Und sie hatte bitter dafür bezahlt.

Aber so konnte es nicht weitergehen! Heute Abend war sie gekommen, um ihre Sehnsucht nach Salman ein für alle Mal loszuwerden. Wenn sie ihn selbst als vergnügungssüchtigen Playboy erleben würde, könnte sie vielleicht endlich Abscheu für ihn empfinden und mit diesem Kapitel ihres Lebens abschließen.

Wenige Meter vor sich entdeckte Jamilah plötzlich Scheich Nadim. Zwar sah sie ihn nur von hinten, aber niemand sonst im Raum war so hochgewachsen und breitschultrig wie er. Fröhlich streckte sie die Hand aus und setzte an, seinen Namen zu rufen, als sie ihren Fehler bemerkte.

Doch es war schon zu spät. Ihr entfuhr ein erstickter Laut, bevor sie ihre Hand vor den Mund schlug. In der Hoffnung, dass Salman sie nicht gehört hatte, starrte sie wie gebannt auf seinen Rücken. Zu ihrem Entsetzen drehte er sich langsam zu ihr herum.

Mit fragend erhobenen Brauen blickte er ihr direkt ins Gesicht. Als er Jamilah erkannte, trat er überrascht einen Schritt zurück. Für einen Moment glaubte sie, eine seltsame Verletzlichkeit in seinen Augen zu entdecken, aber im nächsten Moment wirkte er wieder kühl und unnahbar.

Sie war so schockiert über das ungeplante Aufeinandertreffen, dass sie Salman nur stumm anstarren konnte. Ihr Herz raste, als wollte es aus ihrer Brust springen.

„Jamilah. So treffen wir uns wieder“, sagte er leichthin. „Ich hatte schon angefangen, mich zu fragen, ob du mich absichtlich meidest.“

Seine tiefe Stimme ließ ihren Körper vibrieren. Für einen furchtbaren Moment fühlte sie sich wieder wie das schutzlose Mädchen an jenem grauenvollen letzten Abend in Paris.

Instinktiv wollte Jamilah an Salman vorbeilaufen. Doch blitzschnell schoss seine Hand hervor, und er fasste mit eisernem Griff nach ihrem Arm. Sie stolperte. Seine Finger auf ihrer nackten Haut waren zu viel für sie.

Erbost blickte sie zu ihm auf. Er ist älter geworden! schoss ihr unwillkürlich durch den Kopf. In seine Mundwinkel hatten sich feine Linien gegraben. Seine Augen waren hart, viel härter als in ihrer Erinnerung.

„Wie kommst du auf so eine Idee? Welchen Grund hätte ich, dich zu meiden?“ Jamilah hoffte inständig, dass er das Zittern in ihrer Stimme nicht bemerkt hatte.

„Bisher habe ich dich jedenfalls nie auf einer Feier des Sultans gesehen.“

Entschieden befreite sie sich aus Salmans hartem Griff. „Es geht dich zwar nichts an, aber ich bin heute Abend nicht allein hier, sondern mit…“

„Ah, Jamilah!

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