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In der Hitze der Nacht …

1. KAPITEL

In jeder Hand einen dampfenden Becher balancierend versuchte Neve sich einen Weg durch das Gedränge zu bahnen, wobei sie entschuldigend nach allen Seiten lächelte. Es gab keinen einzigen freien Sitzplatz mehr, und überall standen Gepäckstücke herum. Suchend blickte Neve umher, aber Hannah schien verschwunden zu sein. Zumindest war sie nicht mehr dort, wo Neve sie zurückgelassen hatte.

Mein Fehler, schoss es ihr durch den Kopf. „Bleib hier, bis ich wiederkomme!“, hatte sie Hannah gebeten, bevor sie sich selbst an der Bar anstellte.

Sie seufzte einmal tief auf. Du lernst auch nie.

Hannah reagierte auf jede Anordnung – oder das, was sie als eine solche empfand – damit, das genaue Gegenteil zu tun. Wie konnte ich nur so dumm sein zu glauben, in den Ferien könnten wir zueinanderfinden? Diese Hoffnung kam Neve jetzt geradezu lächerlich vor.

Suchend sah sie sich um. Ihr Blick schweifte durch die schummrige Wirtsstube, in der sich ihre Leidensgenossen drängten – Menschen, die ebenso wie sie selbst vom Schneesturm überrascht in diesem abgelegenen Landgasthof gestrandet waren. Neve sah zum Fenster hinüber – hinter den bleigefassten Butzenscheiben tobte der Blizzard mit unverminderter Heftigkeit. Inzwischen war bereits der gesamte Verkehr im westlichen Landesteil lahmgelegt, und es sah nicht so aus, als würde sich der Himmel bald aufhellen.

Plötzlich blitzte in einiger Entfernung etwas auf, und Neve entdeckte den grellblau gesträhnten Haarschopf ihrer Stieftochter, die inzwischen auf einer Holzbank am Fenster saß.

Neve holte tief Luft und begann in Hannahs Richtung zu steuern – möglichst, ohne jemanden mit dem heißen Kakao zu verbrühen.

„Gut gemacht! Du hast tatsächlich noch einen Sitzplatz ergattert!“ Es schien ihr das Klügste zu sein, gar nicht auf die neue Provokation einzugehen. „Ich dachte schon, ich hätte dich verloren.“ Neve stellte den Kakao auf dem Fensterbrett neben einer Schale mit blauen Hyazinthen ab und nahm die Wollmütze vom Kopf. Mit beiden Händen fuhr sie sich durch die rotbraunen Locken, die ihr nun ungebändigt über die Schultern fielen.

Das lodernde Kaminfeuer verbreitete eine angenehme Wärme im Raum. Erleichtert zog Neve die dicke Winterjacke aus. „Ich dachte mir, ein heißer Kakao könnte unsere Lebensgeister wieder wecken … mit einer Extraportion Sahne natürlich!“ Sogar in ihren eigenen Ohren klangen diese Worte künstlich und leicht gezwungen.

Offenbar empfand Hannah das genauso, denn sie bedachte Neve mit einem so verächtlichen Blick, wie ihn nur ein renitenter Teenager zustande brachte. „Hast du überhaupt eine Ahnung, wie viele Kalorien in so einer Tasse Kakao sind? Eigentlich müsstest du rund wie eine Kugel sein!“

Neve fragte sich, ob sie vielleicht besser miteinander auskämen, wenn sie zwanzig Pfund schwerer wäre.

Aber das würde sie sowieso nie erreichen. Sie konnte essen, was sie wollte, ihr Körper blieb immer gertenschlank. Liebend gern hätte sie ihn gegen einen etwas weiblicheren mit üppigeren Rundungen eingetauscht.

Kaum saß Neve neben Hannah auf der Bank, als diese auch schon ans andere Ende rückte. Neve seufzte innerlich und gab den Versuch auf, weiterhin gute Laune zu versprühen.

„Es wird sicher bald aufhören zu schneien.“

Allerdings sah es nicht so aus, als würde sich diese Prognose in naher Zukunft erfüllen. Das bedeutete, sie saßen weiter hier fest – was allerdings auch nicht gerade ein unzumutbarer Zustand war, wie Neve fand. Es gab Schlimmeres, zum Beispiel da draußen im Schneesturm zu stecken. Unwillkürlich überlief Neve ein Schauer, als sie an die schneebedeckten Weiten der Moore von Devon dachte.

Hannah schüttelte unwillig den Kopf, als hätte sie gerade etwas besonders Dummes gehört, und eine leuchtend blaue Strähne fiel ihr ins Gesicht. Diese Strähnen waren der Grund für das Gespräch gewesen, zu dem die Direktorin des Internats Neve kürzlich einbestellt hatte.

Natürlich war Neve sofort erschienen. Doch in dem nüchternen Büro der Schulleiterin saß sie schließlich etwas verloren vor dem wuchtigen Schreibtisch und fühlte sich nicht wie eine Mutter, die die Sorge der Direktorin teilte, sondern eher wie eine zurechtgewiesene Schülerin.

„Es sind nicht nur die Haare, Mrs Macleod … oder die Zigaretten.“ Stirnrunzelnd öffnete die Direktorin die Akte auf ihrem Schreibtisch. „Ich habe den Eindruck, die Situation spitzt sich zu. Allmählich sollte man wirklich ernsthaft durchgreifen. Und dafür müssen wir an einem Strang ziehen.“

Neve nickte kleinlaut. Hoffentlich sah die Direktorin ihr nicht an, wie überfordert sie sich fühlte. Offensichtlich war sie als Erziehungsberechtigte eine Niete!

„Es gab bereits zahlreiche Zwischenfälle – nicht immer ganz harmlos. Wir können von Glück sagen, dass der Besitzer des Lieferwagens auf eine Anzeige verzichtet hat. Normalerweise hätte dieser letzte Vorfall den sofortigen Ausschluss aus der Schule bedeutet. Angesichts der tragischen Umstände jedoch …“

„Für Ihr Verständnis sind wir Ihnen wirklich sehr dankbar.“ Dass es mit Hannahs Dankbarkeit nicht weit her war, verschwieg Neve wohlweislich.

„Die größten Sorgen macht uns Hannahs aggressives Verhalten. Sie scheint die Konfrontation geradezu zu suchen.“

Ach, tatsächlich? spottete Neve innerlich. Laut sagte sie: „Ich bin mir sicher, es ist nur eine Phase.“

„Auch ihre Leistungen haben drastisch nachgelassen.“

„Es ist wirklich schwer für meine Stieftochter – sie und ihr Vater standen einander sehr nahe.“

„Ich kann mir denken, dass die Situation für Sie beide nicht ganz einfach ist.“

Entsetzt fühlte Neve die Tränen aufsteigen. Dabei wollte sie doch unbedingt einen reifen, gefassten Eindruck machen.

Aber die unvermittelte Wärme in der Stimme der älteren Frau brachte Neves mühsam errichtete Selbstbeherrschung ins Wanken. Etwas, was alle Schmähungen der Presse und all die ihr entgegengeschlagene Verachtung nicht vermocht hatten.

Neve fischte dankbar ein Kleenex aus der Schachtel, die die Direktorin ihr hinüberschob, und putzte sich geräuschvoll die Nase.

„Vielen Dank“, murmelte sie und meinte damit nicht nur das Taschentuch.

Hinter ihr lagen harte Monate, in denen die Presse nicht gerade zimperlich mit ihr umgegangen war. Man stempelte sie als eiskalt und berechnend ab, als eine Frau, der es nur um das Vermögen eines Todgeweihten ging. Damals meinte ihr Bruder Charlie, es gebe doch Schlimmeres: Früher wäre Neve – allein schon ihrer roten Haare wegen – als Hexe verbrannt worden.

Anfangs gab es durchaus noch Menschen, die zu ihr hielten und sie nicht von vornherein verurteilten. Aber als ein ehrgeiziger Journalist dann weiter recherchierte und herausfand, dass Charlie in James’ Firma Gelder veruntreut hatte, war es mit dem Verständnis vorbei.

Neve versuchte gar nicht erst, sich zu verteidigen. Wie auch? Die Tatsachen konnte sie nicht leugnen: Sie hatte einen sterbenden Mann geheiratet, der ihr ein unermessliches Vermögen hinterlassen hatte. Und Charlie hatte tatsächlich Gelder veruntreut.

Niemand würde sich für die Wahrheit interessieren: Dass sie keinen Cent von dem Erbe für sich selbst ausgab und James’ Heiratsantrag damals aus Dankbarkeit angenommen hatte – Dankbarkeit für sein Verständnis und seine Güte ihr und ihrem Bruder gegenüber.

„Wir haben schon viel Verständnis für Hannah gezeigt. Aber ein Kind braucht Grenzen“, unterbrach die Stimme der Direktorin Neves Gedanken.

Schuldbewusst nickte sie. Leicht gesagt! Hannah hört mir ja nicht einmal zu, wenn ich mit ihr rede! Wenn sie selbst nur halb so viel natürliche Autorität ausstrahlen würde wie die Direktorin, sähe sicher alles ganz anders aus …

„Ich habe den Eindruck, dass Hannah die erneute Beurlaubung auf die leichte Schulter nimmt. Wenn ich Ihnen einen Rat geben dürfte …?“

„Ich bitte Sie darum!“

„Sie will doch in den Weihnachtsferien mit ihrer Freundin und deren Eltern in den Skiurlaub fahren, nicht wahr?“

Neve nickte zögernd. Es dämmerte ihr bereits, worauf die Direktorin hinauswollte – und dass das ihr Leben nicht einfacher machen würde.

Und so kam es auch – schlagartig wurde sie zum Feind Nummer eins – schuld an aller Unbill, die ihrer Stieftochter je widerfahren war, schlechtes Wetter eingeschlossen.

Irgendetwas machte sie falsch. Es musste an ihr liegen, dass alles so schwierig war.

Wie hatte James es ausgedrückt: Du mit deinen dreiundzwanzig Jahren hast noch nicht vergessen, wie es ist, ein Teenager zu sein.

Das stimmte zwar, aber sie selbst war ein ganz anderer Teenager gewesen als Hannah.

Ich verlange ja auch gar nicht, dass du ihr die Mutter ersetzt, Neve. Aber du kannst für sie da sein. Sie wird eine Freundin brauchen.

Das war schon möglich. Aber Hannah wollte nicht ausgerechnet sie. Im Gegensatz zu James erwartete Neve das auch gar nicht. Aber eine so heftige Feindseligkeit war doch schwer auszuhalten.

Es machte alles unglaublich anstrengend. Neve fühlte sich zutiefst erschöpft … und deprimiert.

Wäre James’ Verfügung für Neve in seinem Testament nicht ganz so großzügig ausgefallen, hätte es vielleicht keinen so großen Skandal gegeben. Er wollte nur ihr Bestes – die gute Absicht schlug jedoch ins Gegenteil um.

Die Beziehung zu James’ Tochter war für Neve nie einfach gewesen, jetzt aber schlug ihr deren grenzenlose Verachtung entgegen. Für Hannah stand inzwischen fest, dass es Neve ausschließlich um das Geld gegangen war.

Neve fühlte sich als völlige Versagerin. James hatte ihr vertraut – dabei fühlte sie sich schon überfordert, wenn sie lediglich ein Haustier versorgen sollte. Und hier ging es um ein halbwüchsiges Mädchen! Welcher Teufel hat mich nur geritten, dem zuzustimmen … mich darauf einzulassen?

Hannahs Stimme riss Neve aus ihren Gedanken. „Ich langweile mich“, jammerte sie in einem Ton, in dem ein deutlicher Vorwurf mitschwang.

Wer sollte auch sonst schuld sein? dachte Neve sarkastisch. Offensichtlich funktionierte die Taktik der Konfliktvermeidung überhaupt nicht. Allerdings erschien es ihr ebenso sinnlos, die böse Stiefmutter zu spielen. Es musste doch einen Mittelweg geben!

„Ich habe mir überlegt, vielleicht könnten wir in den Ferien etwas zusammen unternehmen? Shoppen gehen oder …“

„Na, vielen Dank! Es ist nicht mein Ding, in Secondhandläden rumzuhängen“, gab das Mädchen spitz zurück und verdrehte die Augen. „Außerdem – hat dir noch nie jemand gesagt, dass rote Haare und ein pinkfarbener Pullover absolut nicht zusammenpassen?“ Demonstrativ schüttelte sie sich, während sie abwechselnd Neves wilde Locken und deren Pulli geringschätzig musterte.

Diese Kritik ließ Neve, selbst Besitzerin eines Secondhandladens, relativ kalt. Sie bekannte sich zu ihrem Geschmack. Ihr Pulli stammte sogar aus ihrem eigenen Laden. Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen, und sie hatte spontan beschlossen, ihn selbst zu behalten. Seit ihrer Jugend liebte sie Vintagekleidung. Sie konnte Stunden damit zubringen, in den Läden die Wühltische mit gebrauchter Kleidung oder die Kleiderkammern sozialer Einrichtungen zu durchstöbern. Daraus entwickelte sie einen Stil, den wohlmeinende Freunde als höchst individuell bezeichneten, die meisten anderen Menschen jedoch etwas befremdlich fanden.

Neves Geschmack und Kleidungsstil veränderten sich nach der Hochzeit mit James nicht, obwohl dieser ihr ein eigenes Konto eingerichtet und monatlich eine äußerst ansehnliche Summe überwiesen hatte. Seine Großzügigkeit war ihr jedoch immer unangenehm gewesen, da die Ehe letztlich nur auf dem Papier bestanden hatte.

„Vintage ist im Moment absolut in, weißt du das denn nicht?“ Neves Kunden wussten es jedenfalls, der Laden boomte förmlich.

„Was du da anhast, war nie in!“

„Du könntest mich ja beim Shoppen beraten!“, schlug Neve versöhnlich lächelnd vor.

„Du kannst ruhig aufhören, so scheinheilig zu tun! Es ist niemand da, dem du etwas vormachen musst. Außerdem gelingt es dir sowieso nicht, die Leute zu täuschen. Jeder weiß, warum du Dad geheiratet hast.“

„Ich habe deinen Vater sehr geschätzt, Hannah.“

„Du meinst wohl, sein Geld! Oder willst du etwa behaupten, du hättest ihn geliebt?“

„Dein Vater war ein äußerst liebenswerter Mensch“, antwortete Neve ausweichend.

„Und du bist eine geldgierige Tussi!“, schrie Hannah sie an und stürmte wütend davon.

Hochrot vor Scham wich Neve den Blicken der Umstehenden aus. Sie wünschte sich nur noch, der Fußboden möge sich auftun und sie gnädig verschlingen.

Als klar wurde, dass nur noch ein Wunder ihn rechtzeitig zum Meeting bringen würde, war Severo nicht gerade begeistert, nahm es aber mit schicksalsergebener Gelassenheit. Die Aussicht, womöglich in seinem Geländewagen übernachten zu müssen, stimmte ihn zwar nicht heiter, erschien ihm aber auch nicht als Katastrophe.

Vorsichtig nahm er eine Kurve und trat fluchend auf die Bremse. Es gelang ihm gerade noch, einen Auffahrunfall zu vermeiden, denn ein Personenwagen stand quer mitten auf der Straße. Severo stieg aus und ging durch das dichte Schneegestöber auf den Wagen zu. Da die Autotüren verschlossen waren, ging er davon aus, dass den Insassen nichts zugestoßen war.

Dieser Zwischenfall machte ihm endgültig klar, dass es keinen Sinn hatte, weiterzufahren. Dem Wetterbericht zufolge lagen die Straßen dieser Gegend unter einer dichten Schneedecke, und die Polizei rief dazu auf, nur dann zu fahren, wenn es absolut unumgänglich war.

Man solle zu Hause bleiben, war der Rat. Dazu müsste man erst einmal dort hinkommen, dachte Severo lakonisch, während er sich zu seinem Auto zurückkämpfte. Fast hatte er es erreicht, als er durch das Flockentreiben hindurch die hell erleuchteten Fenster eines Hauses erblickte. Nach zehn Minuten Fahrt durch kniehohe Schneeverwehungen kam er schließlich dort an.

Anscheinend bin ich nicht der Einzige, der hier mitten im Nirgendwo gestrandet ist, dachte er, als er beim Aussteigen die verschneiten Autos vor dem Pub sah.

Er wollte gerade die Eingangstür öffnen, als sein Handy klingelte. Schnell warf er einen Blick auf das Display, aber als er die Nummer erkannte, hätte er den Anruf am liebsten ignoriert. Beim letzten Telefonat mit seiner Stiefmutter war sie gerade wegen Ladendiebstahls festgenommen worden.

Nicht abzunehmen konnte jedoch dramatische Konsequenzen nach sich ziehen. Einmal hatte sie daraufhin kurzerhand einen Ring aus dem Familienschmuck verkauft – etwas, was ihr gar nicht zustand. Das Schmuckstück wieder zurückzukaufen erwies sich damals als äußerst schwieriges und langwieriges Unterfangen.

Als Kind musste Severo miterleben, wie Livia seinen Vater hinterging und ihm darüber hinaus allerhand Lügengeschichten über seinen Sohn auftischte. Damals hatte Severo sich geschworen, es ihr heimzuzahlen, sobald ihm das möglich sein würde.

Jetzt war es so weit, aber die Prioritäten in seinem Leben hatten sich geändert. Seinem Vater konnte dieses raffgierige Weib endgültig nicht mehr schaden, und ihm selbst konnte sie auch nichts mehr anhaben – wenn man einmal davon absah, dass sie ihn von einer peinlichen Situation in die nächste brachte. Und damit schadete sie ständig dem Ruf seiner Familie.

Aber das war ihm gleichgültig. Severo war inzwischen in einer Position, in der ihm die Meinung der Leute völlig gleichgültig war. Auch der Vergangenheit trauerte er nicht nach. Um das Vermögen der Constanza-Familie wäre es allerdings besser bestellt gewesen, wenn etwas mehr Realitätssinn statt verklärender Nostalgie geherrscht hätte.

Heute ließ Livia – einst Livia Larsen, eine viel beachtete blonde Schönheit – nichts unversucht, um sich zu ruinieren.

Severo konnte sich also Zeit und Energie sparen. Er wünschte sich lediglich, sie würde einfach in einem jener teuren Sanatorien bleiben, in denen sie von Zeit zu Zeit eincheckte.

„Livia?“

Schnell hielt er den Hörer vom Ohr weg, als die schrille Stimme seiner Stiefmutter ertönte. Wie üblich begann sie sofort, ihn wüst zu beschimpfen, dass er sich nicht genug um sie kümmere.

„Wie soll ich denn von diesen Almosen leben, die du mir zugestehst?“, beklagte sie sich. „Du hast mehr Geld, als du ausgeben kannst! Du bist stinkreich – wie dieser König aus der griechischen Sage: Was du anfasst, wird zu Gold.“

Severo rieb sich erschöpft die Stirn. Immer wieder dieselbe Tirade! Gleichgültig, wie viel Geld er Livia gab – es reichte ihr nie. Aber was sollte er machen?

„Kannst du mir nicht etwas leihen? Ich zahle es auch ganz sicher zurück! Mit Zinsen! Dein Vater hätte sich bestimmt gewünscht, dass …“ Plötzlich brach die Verbindung ab.

Ohne Bedauern schaltete Severo sein Handy aus und steckte es in die Tasche.

Er wollte gerade die Gaststube betreten, als die Tür aufgestoßen wurde und ein kleines, zierliches Persönchen an ihm vorbei nach draußen stürmte. Trotz der arktischen Temperaturen trug sie weder Hut noch Jacke. Verblüfft sah Severo ihr nach und registrierte den hellrosa Pullover mit den Gänseblümchen, als sie herumwirbelte: „Haben Sie gesehen, in welche Richtung sie gelaufen ist?“

Fragend blickte sie Severo mit angsterfüllten blauen Augen an – sie waren von einem so strahlenden Blau, dass er gar nichts anderes wahrnahm. Dieser Moment dauerte nur sekundenlang – schon drehte sie sich um und rannte weiter.

Sie lief zum Parkplatz – ein winziger rosa Punkt inmitten der weißen wirbelnden Flocken. „Oh, nein!“, hörte Severo sie aufschreien, während ein Auto mit quietschenden Reifen davonraste.

Eigentlich war Severo nicht der Beschützertyp. Er spielte nicht gern den Ritter, denn die Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass Frauen das oft missverstanden. Aber etwas in ihm wurde angerührt und trieb ihn dazu, diesem hilflosen Wesen mit dem flammendroten Haarschopf zu Hilfe zu eilen. Fast hatte er sie eingeholt, als sie in eines der Autos sprang und losfuhr. Es dauerte einige Sekunden, bis ihm klar wurde, dass es sein eigener Wagen war.

Reglos blieb er mitten im Schneetreiben stehen: Der Zündschlüssel – er hatte ihn im Schloss gelassen! Außerdem lag sein Laptop mit sämtlichen brisanten Geschäftsdaten noch im Wagen. Und das Einzige, woran er denken konnte, war ein Paar strahlendblauer Augen!

Severo verfluchte sich für seine Dummheit, was leider auch nichts mehr nützte. Dann drehte er sich um, atmete einmal tief durch und öffnete die Tür zum Lokal.

2. KAPITEL

Als die Tür aufflog, wurde es für einen Moment ganz still im Lokal. Gespräche und Lachen verebbten, während alle Blicke sich auf den eintretenden Fremden richteten.

Der hochgewachsene, breitschultrige Mann schien nicht zu bemerken, welche Wirkung sein Erscheinen ausübte. Suchend sah er sich im Gastraum um.

Mit seinen klassischen Gesichtszügen und dem Körper eines Olympioniken schien er geradewegs einem Businessmagazin für Top-Manager entstiegen zu sein.

Nichts an ihm verriet, dass er gerade einem Blizzard entronnen war – lediglich ein paar Schneeflocken lagen auf seinem kurzen schwarzen Haar und dem Kamelhaarmantel, den er jetzt langsam aufknöpfte. Darunter wurden ein blütenweißes Hemd und eine sorgfältig geknotete Seidenkrawatte sichtbar.

Zielstrebig ging er auf die Theke zu. Als wäre ein Bann gebrochen, nahmen die anderen Gäste ihre Gespräche wieder auf.

„Mein Auto ist gerade auf dem Parkplatz gestohlen worden – von einer Frau mit roten Haaren, die aus Ihrem Lokal kam“, teilte er dem Wirt mit.

„Weit wird sie es ja nicht schaffen“, erwiderte dieser knapp.

„Höchstens bis zum nächsten Graben“, warf einer der Gäste trocken ein und trank einen Schluck aus seinem Bierglas.

Severo schüttelte den Kopf, um das Bild zu vertreiben, das plötzlich vor seinem inneren Auge aufstieg: Wie in Zeitlupe sah er die zierliche rothaarige Person gegen die Windschutzscheibe fliegen. Ob sie überhaupt daran dachte, sich anzuschnallen? Er warf dem Zyniker an der Bar einen eisigen Blick zu, worauf dieser verlegen in sein Bierglas sah.

„Tja, ich fürchte, da können wir nicht viel tun. Waren denn Wertgegenstände im Wagen?“

Irritiert von der Gleichgültigkeit des Wirts schüttelte Severo den Kopf. Im Geiste ging er alle Dinge im Auto durch: Pass, Kreditkarten und natürlich Geschäftsunterlagen mit geheimen Details von unschätzbarem Wert für seine Konkurrenten.

„Na, dann ist es ja gut.“

Severos innere Anspannung wuchs. Er schloss die Augen und rieb sich mit einer Hand den Nacken, um die Muskeln zu lockern.

„Wie wäre es mit einem Drink?“

„Nein, danke.“

„Eine Rothaarige war es, haben Sie gesagt?“

Bestätigend nickte Severo und sah wieder die wilde Lockenmähne vor sich.

„Vielleicht kennt sie hier ja jemand. Allerdings ist es heute ziemlich überfüllt, wie Sie sehen …“ Der Wirt machte eine ausholende Geste über die Köpfe der Anwesenden hinweg. Mit einem lauten Knall setzte er einen Bierkrug auf der Theke ab. „Hat jemand hier eine Rothaarige bemerkt?“, versuchte er mit seinem lauten Bass das Stimmengewirr zu übertönen.

Sofort hoben sich ein paar Hände – von männlichen Gästen. Wie könnte es anders sein, dachte Severo. Die Autodiebin gehörte nicht zu dem Frauentyp, der von Männern übersehen wurde. Niemand schien sie jedoch zu kennen.

„Dann bleibt mir nur übrig, Ihnen einen Platz am Kamin und eine Decke anzubieten – und natürlich gibt es reichlich zu essen und zu trinken.“ Den Wirt schien wirklich nichts aus der Ruhe bringen zu können.

Allerdings konnte Severo diese Gelassenheit nicht teilen. Ablehnend schüttelte er den Kopf, als der Wirt die Whiskyflasche hob.

Wieder tauchte vor Severos innerem Auge ein Bild auf – diesmal das eines leblosen Körpers, der unbeweglich über dem Lenkrad hing und nach und nach von Schneeflocken bedeckt wurde, die durch die zertrümmerte Windschutzscheibe hereinwirbelten.

Es war nicht seine Schuld, wenn diese Verrückte in seinem Auto zu Schaden kam. Schließlich hatte er sie nicht darum gebeten, es zu stehlen!

„Morgen, wenn die Straßen geräumt sind …“

Dann konnte es bereits zu spät sein! „Wir sollten die Polizei benachrichtigen.“

Severo nahm sein Handy aus der Manteltasche. Ein Blick genügte – keine Verbindung!

„Das Festnetz funktioniert auch nicht. Im Moment geht gar nichts mehr. Wenn Sie mich fragen, trinken Sie am besten erst mal was. Mehr können Sie im Moment nicht tun.“

Severo nickte und bestellte einen Kaffee. Vielleicht hatte der Mann recht – andererseits gab es immer verschiedene Optionen.

„Diese Skier auf der Veranda, wem gehören die eigentlich?“

Der Wirt deutete auf eine Gruppe junger Männer. „Studenten – wollten noch weiter rauf in die Berge.“

Severo durchzuckte ein Gedanke. Eine Viertelstunde später war er bereits dabei, ihn in die Tat umzusetzen – gegen alle Warnungen. In einem geliehenen Skianzug, ein Paar Skier untergeschnallt, fuhr er los – in die Richtung, in der sein Wagen verschwunden war.

Inzwischen hatte der Sturm zwar etwas nachgelassen, aber der Schnee fiel unvermindert heftig.

Mit Sicherheit wäre er an dem Fahrzeug vorbeigefahren, hätte er nicht auf einer Anhöhe gehalten und den Horizont abgesucht. In einiger Entfernung sah er das Scheinwerferlicht des Wagens, der offenbar tief in einer Schneewehe steckte.

Severo glitt durch das dichter werdende Schneetreiben auf den Geländewagen zu. Das Bild, das sich ihm beim Eintreffen bot, entsprach fast genau der Szene aus seiner Fantasie – glücklicherweise ohne den leblosen Körper über dem Lenkrad. Sie ist nicht nur eine Diebin, dachte er zynisch, sie ist auch noch lebensmüde. Wie konnte sie bei diesem Wetter den Schutz des Wagens verlassen!

Glücklicherweise befanden sich seine Sachen genau dort, wo er sie zurückgelassen hatte. Das Vernünftigste wäre, alles zusammenzupacken und zurück zum Gasthof zu gehen. Schließlich war er nicht für eine unbekannte Verrückte verantwortlich, die im Schnee herumirrte. Es geschähe ihr recht, wenn sie als Opfer in die Unfallstatistik Eingang fände – er selbst aber würde sich für den Rest seines Lebens Vorwürfe machen!

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