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In der Glut der Nacht

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit

lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

1. KAPITEL

Er stand am Ufer, allein. Der Blick seiner strahlend blauen Augen glitt über den Horizont, als würde er etwas – oder jemanden – suchen. Wegen des kalten Morgennebels über der Elliott Bay war die Sicht nicht besonders gut, doch der einsame, breitschultrige Mann schien das gar nicht zu bemerken. Auf seiner Stirn hatten sich tiefe Sorgenfalten eingegraben. Der Pazifik-Wind zerrte an einer Strähne seines dunkelbraunen Haars, aber Noah Wilder kümmerte es nicht. Die eisige Brise, die über den Puget Sound fegte, konnte seinen Ärger und seinen brodelnden Zorn nicht abkühlen, und das, obwohl Noah nur einen Anzug trug.

Sowie ihm klar wurde, dass er schon viel zu viel Zeit damit verbracht hatte, auf das endlose Auf und Ab der Wellen zu starren, machte er sich auf den Rückweg. Zurück zu einem Job, den er kaum ertragen konnte. Die Zähne fest zusammengebissen, lief er Richtung Süden und bemühte sich, die Wut und die Angst, die ihn innerlich zerrissen, in den Griff zu bekommen.

Erst vor einer halben Stunde war er darüber informiert worden, dass sein Sohn nicht im Unterricht aufgetaucht war. Wieder einmal. Noah versuchte, nicht daran zu denken, was alles passiert sein könnte. Mittlerweile hatte er erkannt, dass sein rebellischer Sohn die Schule hasste – besonders die Schule, in die er vor gerade mal zwei Monaten versetzt worden war. Noah hoffte, dass Sean nicht tatsächlich in Schwierigkeiten steckte.

Auf dem Weg ins Büro blieb er ein einziges Mal stehen, und das nur, um eine Zeitung zu kaufen. Wissend, dass es ein Fehler war, schlug er den Finanzteil auf. Diesmal war der Artikel zwar nicht ganz so prominent platziert, dennoch fand ihn ziemlich schnell auf Seite vier. Er hatte eigentlich gehofft, dass sich das Interesse an dem Skandal gelegt hatte. Doch da hatte er sich getäuscht. „Verdammt“, murmelte er in sich hinein, während er rasch die Meldung überflog.

Der Brand war vier Wochen her, aber Noah Wilder hatte seither dermaßen oft einen Grund gehabt, seinen Vater zu verfluchen, dass er schon nicht mehr mitzählte. Der heutige Tag stellte keine Ausnahme dar. Allerdings waren der Brand und der damit verbundene Skandal nur ein paar Probleme auf einer langen Liste, die täglich länger zu werden schien. Das Feuer und der Verdacht auf Brandstiftung machten die Sache für Noah noch komplizierter. Ihm war klar, dass er bis zur Aufklärung der ganzen Angelegenheit noch viele weitere endlose Stunden in seinem Büro und eine Menge schlaflose Nächte vor sich hatte. Sein Pech, dass der Brand sich ausgerechnet zu einer Zeit ereignet hatte, als sein Vater nicht im Lande gewesen war. Bei dem Gedanken an Ben Wilder wurden Noahs Sorgenfalten noch tiefer.

Der frühe Morgennebel hatte sich noch nicht gelichtet, die Luft war feucht, und es roch intensiv nach Meer. Ein paar Sonnenstrahlen blitzten zwischen den grauen Wolken hervor und spiegelten sich auf dem Wasser, das sich auf dem Bürgersteig gesammelt hatte. Noah allerdings war viel zu sehr in seinen düsteren Gedanken versunken, um den herannahenden Frühling zu bemerken, der trotz Kälte in der Luft lag.

Als er die stark befahrene Straße überquerte, hörte er, wie jemand wütend hupte und ihn ein vorbeifahrender Autofahrer empört anschrie. Noah ignorierte ihn. Zielstrebig steuerte er weiter auf das riesige Gebäude aus Beton und Stahl zu, in dem sich Wilder Investments befand, die erfolgreiche Holding seines Dads. Zum Teufel mit Ben! Er hatte sich wirklich den denkbar ungünstigen Zeitpunkt ausgesucht, um sich in Mexiko zu erholen und Noah die Lösung aller Probleme in der Firma zu überlassen. Hätte sein Vater nicht kürzlich diesen Herzinfarkt gehabt, wäre Noah längst wieder in Portland, wo er hingehörte. Und Sean würde vielleicht nicht schon wieder die Schule schwänzen.

Bei dem Gedanken an seinen rebellischen Sohn zog sich Noah vor Sorge der Magen zusammen. Unglücklicherweise konnte er niemand anderem die Schuld für Seans Verhalten geben als sich selbst.

Noah hätte sich nie von Ben dazu überreden lassen sollen, die Leitung von Wilder Investments zu übernehmen, nicht einmal für kurze Zeit. Es war ein Fehler gewesen, und Sean war derjenige, der es ausbaden musste. Noah hätte sich bei der Entscheidung, nach Seattle zu gehen, nicht von seinen Gefühlen leiten lassen sollen; Bens Herzinfarkt hätte bei diesem Entschluss keine Rolle spielen dürfen. Noah fluchte leise. Es war schwierig genug gewesen zu versuchen, einen Sohn allein in Portland großzuziehen. Aber jetzt, in Seattle, mit all den Problemen, die das Führen von Wilder Investments mit sich brachte, war es Noah nahezu unmöglich, seinem Sohn genug Zeit zu widmen.

Noah schob die breiten Glastüren des Wilder-Gebäudes auf und schritt wütend zum Aufzug. Es war noch früh und die Lobby fast leer. Die Fahrstuhltüren glitten leise auseinander, und Noah stieg – dankbar, dass er allein war – in den Aufzug. An diesem Morgen hatte er keine Lust auf Smalltalk mit den Angestellten des Multimillionen-Dollar-Unternehmens seines Dads. Alle und alles, was ihn an Ben Wilder erinnerte, würden Noahs Wut nur noch steigern.

Nachdem er auf den Knopf für das 13. Stockwerk gedrückt hatte, starrte er auf die Schlagzeilen des Finanzteils der Zeitung und las noch einmal den Anfang des Artikels, der ihm den Morgen verdorben hatte.

Wilder Investments: „Heißer“ Verdacht auf Versicherungsbetrug.

Noah biss die Zähne zusammen und versuchte, seinen Zorn in den Griff zu bekommen. Der erste Absatz war jedoch noch schlimmer als der reißerische Titel:

Hat Wilder Investments den Brand auf Cascade Valley möglicherweise absichtlich verursacht? Noah Wilder von Wilder Investments war für einen Kommentar zu den Gerüchten nicht erreichbar. Das Feuer, das im Westflügel des Weinguts ausgebrochen war, kostete ein Menschenleben. Der Verstorbene Oliver Lindstrom, zum Zeitpunkt des Großbrands ein Geschäftspartner von Wilder Investments …

Der Aufzug blieb stehen, und Noah riss sich von dem empörenden Artikel los. Er kannte den Inhalt ohnehin, und das Lesen verstärkte nur noch seinen Zorn auf seinen Vater und dessen Entscheidung, seinen Aufenthalt in Mexiko zu verlängern. Und zu allem Überfluss schwänzte Sean heute auch noch die Schule und war unauffindbar. Wo, zum Teufel, steckte er nur? Noah biss sich auf die Lippe, und seine Augen funkelten grimmig. Er schwor sich, dass er – koste es, was es wolle – einen Weg finden würde, Ben zu zwingen, nach Seattle zurückzukehren und Wilder Investments wieder zu übernehmen. Diesmal kam Sean an erster Stelle. Es gab einfach keine andere Möglichkeit.

Noah stieg aus dem Fahrstuhl und marschierte zum Büro seines Vaters. Nur bei Maggies Schreibtisch hielt er kurz an, um ihr eine knappe Anweisung zu geben. „Versuchen Sie, Ben ans Telefon zu kriegen.“ Er zwang sich zu einem Lächeln, obwohl ihm nicht danach zumute war, und betrat das große Büro mit den vielen Fenstern, in dem alle Entscheidungen von Wilder Investments getroffen wurden. Nachdem Noah die leidige Zeitung unsanft auf den modernen Eichenschreibtisch geschleudert hatte, zog er sein Sakko aus und warf es kurzerhand über die Lehne einer glänzenden Ledercouch.

Aus den Fenstern hinter dem Schreibtisch hatte man eine wunderbare Aussicht auf den Pioneer Square, eines der ältesten und repräsentativsten Viertel von Seattle. Die Backsteinhäuser am Fuß der Hügel überragten die massiv gebauten, prunkvollen alten Gebäude und bildeten einen starken Kontrast zu den modernen Wolkenkratzern daneben. Hier gab es jede Menge Antiquitätenläden, Boutiquen und Restaurants.

Hinter dem Pioneer Square lag das ruhige, graue Meer des Puget Sounds, und in der Ferne erhoben sich stolz die Olympic Mountains. Bei klarem Wetter sahen sie wie ein schneebedeckter Schutzwall zum Pazifik aus. Heute waren sie lediglich gespenstische Schatten, die sich im schieferfarbenen Nebel versteckten.

Noah genoss kurz den Blick über die Dächer der Stadt, ehe er in dem Schreibtischstuhl seines Vaters Platz nahm. Der Ledersessel ächzte, als Noah sich zurücklehnte und sich mit der Hand nervös durch seine widerspenstigen Haare fuhr. Er senkte die Lider und versuchte, sich zu konzentrieren. Wo war Sean?

Er schüttelte den Kopf, öffnete die Augen und starrte auf die Zeitung, die offen auf dem Schreibtisch lag. Sein Blick fiel auf das Foto des abgebrannten Weinguts. Das Letzte, woran er heute Morgen denken wollte, war das Feuer. Ein Mann war tot. Man vermutete Brandstiftung. Cascade Valley, das berühmteste Weingut des Nordwestens, hatte den Betrieb einstellen müssen, und es gab Probleme mit der Versicherungszahlung. Wie um alles in der Welt, fragte sich Noah, konnte ich bloß so viel Pech haben, in dieses Chaos geraten? Das Summen des Telefons riss ihn aus seinen Gedanken.

„Ihre Mutter ist auf Leitung zwei“, hörte er Maggie sagen.

„Ich wollte mit Ben sprechen, nicht mit meiner Mutter“, antwortete Noah harsch und gereizt.

„Ich konnte ihn nicht erreichen. Es war schwer genug, Katharine ans Telefon zu bekommen. In diesem gottverlassenen Dorf gibt es wahrscheinlich nur ein einziges Telefon.“

„Schon in Ordnung, Maggie“, lenkte Noah ein. „Ich hätte nicht so barsch sein dürfen. Natürlich rede ich mit Katharine.“ Obwohl er wütend auf sich selbst und seinen Vater war, gab es keinen Grund, seinen Ärger an der Sekretärin auszulassen. Er atmete tief durch, und stellte sich schon mal auf den Schwall an Entschuldigungen ein, den seine Mutter für seinen Vater vorbringen würde. Nachdem er die entsprechende Taste am Telefon gedrückt hatte, bemühte er sich, ungezwungen und höflich zu klingen. „Hallo, Mutter. Wie geht es dir?“

„Gut, Noah“, war die kühle, mechanische Antwort. „Aber dein Vater fühlt sich gar nicht gut.“ Hinter Katharines sanfter Stimme verbarg sich ein eiserner Wille.

Noahs Kiefermuskeln spannten sich unwillkürlich an, dennoch schaffte er es, sich freundlich und ruhig anzuhören. „Ich würde gern mit ihm sprechen.“

„Tut mir leid, Noah, das geht auf keinen Fall. Er ruht sich gerade aus.“ Seine Mutter sprach in emotionslosem Ton weiter und berichtete Noah, wie die aktuelle Prognose des Gesundheitszustands seines Vaters aussah. Noah hörte zu und krempelte ungehalten die Ärmel seines Hemds hoch. Dann begann er, vor dem Schreibtisch auf und ab zu tigern und sich mit einer Hand den Nacken zu massieren. Mit der anderen Hand hatte er den Telefonhörer vor lauter Ärger so fest umklammert, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten, während Katharine irgendwo im Norden Mexikos mit ausdrucksloser Stimme weiterredete. Noah starrte düster durchs Fenster hinaus auf den aufsteigenden Nebel und hoffte auf eine Pause in der einseitigen Unterhaltung.

Es war offensichtlich, dass Katharine Wilder ihren Mann vor den Forderungen seines Sohnes beschützte. Noah sah den harten, unerbittlichen Zug um den kleinen Mund seiner Mutter und den kalten, distanzierten Blick ihrer blauen Augen förmlich vor sich.

„Du merkst also, Noah, dass uns nichts anderes übrig bleibt, als noch mindestens zwei Monate in Guaymas zu bleiben. Vielleicht drei.“

„So lange kann ich nicht warten!“

Seine Mutter seufzte schwer. Ihre Stimme klang jetzt etwas schwächer. Die ohnehin nicht gute Telefonverbindung nach Mexiko schien noch schlechter zu werden. „Ich fürchte, es wird dir nichts anderes übrig bleiben, Noah. Die Ärzte sind der Meinung, dass dein Vater viel zu krank für die anstrengende Rückreise nach Seattle ist. Er kann die Firmenleitung derzeit unmöglich wieder übernehmen. Du musst einfach noch ein bisschen durchhalten.“

„Und was ist mit Sean?“, fragte Noah aufgebracht. Keine Antwort. „Lass mich einfach mit Ben sprechen“, bat er in etwas ruhigerem Ton.

„Das kann doch nicht dein Ernst sein! Hast du denn nicht gehört, was ich gesagt habe? Dein Vater ruht sich gerade aus. Er kann unmöglich ans Telefon kommen!“

„Ich muss mit ihm reden. So war das alles nicht geplant“, erwiderte Noah warnend. Er versuchte nicht länger, seine Empörung zu verstecken.

„Später vielleicht …“

„Jetzt!“ Noah, der seine Ungeduld nicht mehr zügeln konnte, wurde wieder lauter.

„Tut mir leid, Noah. Wir sprechen später wieder.“

„Leg nicht auf …“

Ein Klicken in der Leitung trennte die Verbindung.

„Verdammt!“ Noah warf den Hörer aufs Telefon und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. Dann stieß er ein paar Flüche aus, die zum Teil seinem Vater, jedoch hauptsächlich ihm selbst galten. Wieso hatte er sich nur bereit erklärt, die Investmentfirma während Bens Rekonvaleszenz zu übernehmen? Wie hatte er nur so naiv sein können? Es war ein von Emotionen geprägter Entschluss gewesen, und zwar ein schlechter. Noah neigte normalerweise nicht zu gefühlsmäßigen Entscheidungen – nicht seit der letzten, die er vor fast sechzehn Jahren getroffen hatte. Diesmal allerdings hatte er sich wegen des kritischen Zustands seines Vaters von seinen Gefühlen leiten lassen. Noah schüttelte über seine eigene Dummheit den Kopf. Er war ein verdammter Narr. „Verflu…“

„Wie bitte?“, fragte Maggie, die gerade mit der für sie typischen Geschäftigkeit das Büro betrat. Mit ihren fast sechzig Jahren, den leuchtend roten Haaren und in dem bunt gemusterten Kleid wirkte sie wie der Inbegriff der unerschütterlichen Tüchtigkeit.

„Ach, nichts“, brummte Noah, doch das zornige Funkeln in seinen blauen Augen war nicht zu übersehen. Er ließ sich in den Schreibtischsessel seines Vaters fallen und versuchte, seine Wut in den Griff zu kriegen.

„Gut!“ Maggie lächelte und legte ihm die Post auf den Tisch.

Noah betrachtete den Stapel Briefe und runzelte die Stirn. „Was ist das?“

„Ach, nur das Übliche. Bis auf den obersten Brief. Er ist von der Versicherungsgesellschaft. Ich glaube, Sie sollten ihn lesen.“ Maggies freundliches Lächeln wurde schwächer.

Noah warf nur einen kurzen, angewiderten Blick auf das betreffende Schriftstück und schaute anschließend wieder seine Sekretärin an. Sie bemerkte, dass er den Brief ignorierte und verzog beunruhigt den Mund.

„Würden Sie Betty Averill im Büro in Portland anrufen? Sagen Sie ihr, dass ich nicht so schnell zurück sein werde wie geplant. Sie soll alles, womit sie und Jack nicht zurechtkommen, hierher schicken. Wenn sie irgendwelche Fragen hat, kann sie sich an mich wenden.“

Erstaunt musterte Maggie ihn. „Ist Ihr Vater nicht am Ersten zurück?“ Normalerweise war sie nicht neugierig, doch jetzt konnte sie nicht anders. Noah war in letzter Zeit nicht mehr er selbst gewesen, und Maggie gab den Großteil der Schuld daran seinem eigensinnigen Sohn. Der Junge war sechzehn und ein richtiger Satansbraten.

„Offenbar nicht“, murmelte Noah.

„Dann bleiben Sie also noch ein paar Monate?“

Noah zog die Brauen zusammen. „Scheint ganz so.“

Maggie versuchte, den wütenden Ausdruck in Noahs Augen nicht zu beachten. Sie klopfte mit einem Finger – ihre Nägel waren knallbunt lackiert – auf den Stapel Briefe. „Wenn Sie weiterhin Geschäftsführer von Wilder Investments sind …“

„Vorübergehend!“

Maggie zuckte die Achseln. „Das spielt keine Rolle. Sie sollten dieses Schreiben der Versicherung lesen.“

„Ist es denn so wichtig?“, erkundigte er sich zweifelnd.

„Das müssen Sie selbst beurteilen“, entgegnete Maggie.

„Na gut, ich schaue es mir an“, stimmte er zögernd zu. Als Maggie gehen wollte, rief er sie zurück. „Oh, Maggie, könnten Sie mir einen Gefallen tun?“ Sie nickte. „Bitte rufen Sie weiter im Haus an. Jede halbe Stunde, wenn es sein muss. Und geben Sie mir sofort Bescheid, falls Sie meinen Sohn erreichen. Ich will mit ihm reden!“

Maggies lächelte ein wenig traurig. „Wird erledigt.“ Sie schloss leise die Tür hinter sich.

Nachdem sie gegangen war, griff Noah nach dem Dokument, auf das sie ihn hingewiesen hatte. „Was, zum Teufel, ist das?“, murmelte er. „Verflucht!“ Noah knüllte den Brief zu einem winzigen Ball zusammen und warf ihn wütend in den Papierkorb. Er drückte eine Taste auf seinem Telefon und wartete darauf, dass Maggie sich meldete. „Verbinden Sie mich mit dem Vorstandsvorsitzenden der Pac-West-Versicherungsgesellschaft. Sofort!“, rief er, ohne auf ihre Antwort zu warten.

Das Letzte, was er brauchen konnte, waren noch mehr Probleme mit dem Weingut am Fuße der Cascade Mountains. Er hatte gehofft, die Versicherung hätte mittlerweile alles geregelt – trotz der Komplikationen wegen der mutmaßlichen Brandstiftung. Offensichtlich hatte er sich getäuscht. Maggies Stimme riss ihn aus seinen Grübeleien.

„Joseph Gallagher ist auf Leitung drei“, erklärte sie knapp.

„Gut.“ Er hob eine Hand, um das Gespräch anzunehmen, doch dann hielt er inne. „Wie heißt noch mal der Privatdetektiv, der für meinen Vater arbeitet?“, fragte er seine Sekretärin.

„Mr Simmons.“

„Richtig. Sobald ich das Gespräch mit Gallagher erledigt habe, möchte ich mit Simmons sprechen.“ Bei dem Gedanken an den gerissenen Detektiv wurde ihm leicht unbehaglich zumute. „Ach, Maggie … Haben Sie im Haus angerufen?“

„Ja, Sir. Es ist niemand drangegangen.“

Noahs blaue Augen wurden dunkel. „Danke. Versuchen Sie es weiter“, meinte er zähneknirschend. Wo war Sean? Noah schob die düsteren Gedanken seinen Sohn betreffend beiseite und konzentrierte sich wieder auf die Probleme in seinem Büro. Hoffentlich konnte Gallagher seine Fragen zu dem Brand auf dem Weingut beantworten und ihm erklären, warum die Versicherungssumme noch nicht an Wilder Investments ausgezahlt worden war. Wenn nicht, wäre Noah gezwungen, Anthony Simmons zu kontaktieren. Noah verzog grimmig den Mund, als er an den schmierigen Privatdetektiv dachte, den Ben seit Jahren auf Firmenkosten beschäftigte. Noah hasste es zwar, auf solche Leute angewiesen zu sein, aber in diesem Fall blieb ihm keine andere Wahl. Falls die Versicherungsgesellschaft die Zahlung wegen der mutmaßlichen Brandstiftung verweigerte, konnte Simmons vielleicht einen Schuldigen für das Verbrechen finden und damit jeden Verdacht, Wilder Investments hätte irgendetwas mit dem Feuer zu tun gehabt, aus der Welt schaffen. Außer natürlich, Ben Wilder wusste etwas, das er seinem Sohn verschwieg.

Die Büros von Fielding & Son waren konservativ eingerichtet. Die Anwaltskanzlei befand sich im dritten Stock eines Bankgebäudes aus dem 19. Jahrhundert und war teuer ausgestattet, ohne protzig zu wirken. Auf dem Boden lagen dicke, rostrote Teppiche, und die Wände waren mit glänzendem Kirschholz getäfelt. Von der Decke hingen geflochtene Blumenkörbe mit grünen Schwertfarnen und üppigen Philodendren. Ledergebundene Ausgaben von Gesetztestexten schmückten die Bücherregale, und glänzende Kupferlampen verliehen den Räumen eine warme Atmosphäre.

Trotz der gemütlichen Einrichtung war Sheila nervös. Obwohl sie ihre Hände im Schoß verschränkt hatte, spürte sie, dass ihre Handflächen ganz feucht waren.

Jonas Fielding tupfte sich mit einem Seidentaschentuch den Schweiß von der beginnenden Glatze. Es war zwar erst Ende Mai, doch das Wetter im Tal war für die Jahreszeit ungewöhnlich warm, und die kleine, zierliche Frau, die ihm gegenübersaß, setzte ihm zusätzlich zu. Die Trauer über den Tod ihres kürzlich verstorbenen Vaters hatte dunkle Schatten unter ihren großen Augen hinterlassen. Trotz des maßgeschneiderten Business-Kostüms, das sie trug, hatte sie etwas Unschuldiges an sich. Unwillkürlich erinnerte er sich an Sheila Lindstrom als kleines Mädchen.

Er arbeitete seit fast vierzig Jahren als Anwalt. Schon vor Jahren hätte er in Rente gehen können, hatte es allerdings nicht getan. Und es waren Momente wie dieser, in denen er wünschte, er hätte die Firma seinem jüngeren Kanzleipartner übergeben. Bei Sheilas Anblick fühlte er sich sehr alt und spürte die Last seiner siebzig Lebensjahre schwer.

Er hätte an den Umgang mit trauernden Angehörigen schon lang gewöhnt sein müssen, aber es war ihm nie gelungen. Besonders dann nicht, wenn der Verstorbene ein Freund von ihm gewesen war. Die Erbschaftsangelegenheiten für die Verwandten zu regeln, war ein trostloser Teil seiner Arbeit – einer, den er lieber einem jüngeren Partner übertragen hätte. In diesem Fall allerdings wäre das ohnehin unmöglich gewesen. Oliver Lindstrom war ein persönlicher Freund von Jonas Fielding gewesen. Daher kannte er Olivers Tochter Sheila schon ihr ganzes Leben. Einunddreißig Jahre.

Jonas räusperte sich und fragte sich, warum, zum Teufel, die Klimaanlage in dem Gebäude nicht richtig funktionierte. Die Luft erschien ihm heute unangenehm stickig, doch vielleicht bildete er es sich ja auch nur ein. Möglicherweise war der Grund für seine Gereiztheit in Wahrheit Sheila. Er hasste diesen Teil seines Jobs. Um sich etwas Freiraum zu verschaffen, stand er auf und schritt zum Fenster, ehe er sich Sheila zuwandte.

„Ich verstehe, dass das alles im Moment ein bisschen viel für dich ist“, begann er. „Die ganze Sache mit dem Testament deines Vaters und die Komplikationen mit der Versicherung …“ Sheila wurde blass und presste die Lippen zusammen. „Aber du musst den Tatsachen ins Auge sehen.“

„Welchen Tatsachen?“ Ihre Stimme bebte und klang wegen der aufgewühlten Gefühle rau. „Willst du mir etwas sagen, was ich schon weiß? Dass alle in diesem Tal – und übrigens auch der gesamte Pazifische Nordwesten – denken, mein Vater hätte sich das Leben genommen?“ Sheilas Hände zitterten. Es war schwer, die Fassung nicht zu verlieren und die Tränen zurückzuhalten, die ihr im Hals brannten, aber sie riss sich zusammen. „Tja, ich glaube es nicht. Kein einziges Wort. Ich weigere mich, es zu glauben!“ Nervös strich sie sich mit den Fingern durch die dichten, kastanienroten Strähnen ihres Haars. „Du warst ein Freund meines Vaters. Du denkst doch nicht wirklich, dass er sich umgebracht hat, oder?“ Sie schaute den Anwalt mit ihren großen, grauen Augen herausfordernd an.

Dieses Thema hatte Jonas die ganze Zeit vermieden. Er musste sich ans Fensterbrett lehnen. Er räusperte sich und versuchte so, Zeit zu gewinnen, damit ihm eine passende Antwort einfiel. Er wollte freundlich sein. „Ich habe keine Ahnung, Sheila. Es scheint unwahrscheinlich … Oliver war ein so lebenslustiger Mensch … Doch wenn jemand mit dem Rücken zu Wand steht, tut er manchmal einfach alles, um das zu bewahren, wofür er sein Leben lang gearbeitet hat.“

Sheila senkte die Lider. „Dann glaubst du es also auch“, flüsterte sie. Plötzlich fühlte sie sich verwundbar und sehr allein. „Genau wie die Polizei und die Presse. Sie denken alle, dass Dad das Feuer selbst gelegt hat und versehentlich darin umgekommen ist … oder, dass er sich das Leben genommen hat.“

„Niemand hat angedeutet, dass …“

„Das musste auch niemand! Schau dir doch einfach die Titelblätter an! Es ist vier Wochen her, und die Zeitungen schlachten die Story immer noch aus!“

„Cascade Valley hat viele Leute aus der Umgebung beschäftigt. Seit das Weingut geschlossen ist, hat sich die Arbeitslosigkeit im Tal verdoppelt. Es lässt sich nicht leugnen, dass Cascade Valley in den Schlagzeilen ist, Sheila. Es ist eine Riesenstory.“ Jonas redete in einem Ton, der beruhigend sein sollte, doch Sheila wollte sich nicht beschwichtigen lassen.

„Ich verstehe einfach nicht, warum alle offenbar denken, mein Vater hätte sich umgebracht. Warum hätte er das tun sollen?“

„Wer weiß.“ Jonas zuckte die Achseln und ging zu seinem Schreibtisch. „Das ganze Gerede … Alles nur Spekulationen.“

„Das sind Verleumdungen!“, rief Sheila vorwurfsvoll und reckte trotzig das Kinn empor. „Mein Vater war ein anständiger, gesetzestreuer Bürger, und nichts wird daran je etwas ändern. Er würde nie …“ Die Belastung der letzten vier Wochen wurde plötzlich zu viel für sie. Ihr versagte die Stimme, als sie an den liebenswürdigen Mann dachte, der sie großgezogen hatte. Seit dem Tod ihrer Mutter vor fünf Jahren war Sheilas Beziehung zu ihrem Vater enger geworden. Als sie ihn zum letzten Mal lebend gesehen hatte, während des letzten Urlaubs im Frühling, war er so kräftig und gesund gewesen, dass Sheila es immer noch nicht fassen konnte, dass er jetzt tot war. Während ihres Besuchs war er zwar sehr beschäftigt und reserviert gewesen, allerdings hatte sie das auf die Probleme zurückgeführt, die das Weingut damals gehabt hatte. Trotz der Distanziertheit ihres Vaters war sich Sheila sicher, dass kein Problem von Cascade Valley so schwerwiegend gewesen war, um ihn in den Suizid zu treiben. Dafür war er zu stark gewesen.

Es gelang ihr, sich zusammenzureißen, denn sie war viel zu stolz, um Jonas Fielding zu zeigen, wie sehr sie in Wahrheit trauerte. „Gibt es irgendeine Möglichkeit, wie ich den Betrieb des Weinguts wieder aufnehmen kann?“

Jonas schüttelte den Kopf. „Das bezweifle ich. Die Versicherung hält die Zahlungen wegen des Verdachts auf Brandstiftung zurück.“

Müde seufzte Sheila und ließ die Schultern sinken.

Jonas zögerte, ehe er fortfuhr. „Es steckt noch mehr dahinter.“

Sie hob ruckartig den Kopf. „Wie meinst du das?“

„Die Unterlagen im Bankschließfach deines Vaters … Hast du sie gelesen?“

„Nein … Ich war damals zu traurig. Ich habe alles hierher gebracht.“

„Wusstest du, dass Oliver das Unternehmen nicht allein gehört hat?“

„Ja.“

Der alte Herr schien sich etwas zu entspannen. „Hast du seinen Geschäftspartner je kennengelernt?“

„Vor Jahren, als ich ganz klein war. Doch was hat Ben Wilder damit zu tun?“, fragte sie. Die neue Richtung, die das Gespräch genommen hatte, verwirrte sie. Warum sah Jonas ihr nicht in die Augen?

„Ben Wilder und dein Vater waren gleichberechtigte Partner, als sie die Firma vor fast achtzehn Jahren gekauft haben.“

Sheila nickte. Sie erinnerte sich an den Tag, an dem ihr Vater begeistert den Kauf eines alten Weinguts in den östlichen Ausläufern der Cascades verkündet hatte.

„In den letzten paar Jahren allerdings“, fuhr Jonas fort, „war Oliver gezwungen, sich Geld von Wilder Investments zu leihen, um … die Kosten zu decken. Als Sicherheit hat er seinen Anteil am Weingut eingesetzt.“

Sheila bekam ein mulmiges Gefühl im Magen. „Du wusstest nichts davon?“

Jonas schüttelte den Kopf. „Ben Wilders Anwälte haben sich um alle rechtlichen Angelegenheiten gekümmert. Ich hätte Oliver davon abgeraten.“

Sheila beschlich plötzlich eine ungute Ahnung, als sie an die Entwicklungen der vergangenen fünf Jahre dachte. „Warum genau hat Dad sich das Geld geliehen?“

Jonas rieb die Handflächen aneinander. „Dafür gab es mehrere Gründe“, versuchte er, ihr auszuweichen. „Die Wirtschaft war am Boden, und dann gab es das Problem mit den manipulierten Flaschen in Montana. Daraufhin sind die Verkaufszahlen zurückgegangen.“

„Aber es steckt noch mehr dahinter, nicht wahr?“, flüsterte Sheila. Ihre Kehle wurde eng. Langsam wurde ihr klar, warum ihr Vater bei Ben Wilder Schulden gemacht hatte. Er hatte es ihretwegen getan! Eine Welle von Schuldgefühlen schlug über ihr zusammen und nahm ihr für einen Moment die Luft.

Jonas graute vor dem, was er jetzt sagen musste. „Dein Vater hat den Kredit vor vier Jahren aufgenommen.“

Sheila wurde blass. Ihr Verdacht hatte sich bestätigt.

Der alte Anwalt zögerte kurz, bevor er weitersprach. „Soweit ich mich erinnere, waren da mehrere Gründe für den Kredit. Am wichtigsten war damals, dass Oliver dir nach deiner Scheidung von Jeff helfen wollte, wieder auf die Beine zu kommen. Dein Vater war der Meinung, du solltest zurück auf die Uni und deinen Master machen. Er wollte nicht, dass es dir oder Emily an irgendetwas fehlte, nur weil deine Ehe in die Brüche gegangen ist.“

„Oh Gott, nein!“, stöhnte Sheila verzweifelt. Sie schloss die Augen und sank tiefer in den Sessel. Sie hatte das Geld ihres Vaters damals nicht annehmen wollen, allerdings hatte er ihr kaum eine andere Wahl gelassen. Nach der Scheidung war sie eine alleinerziehende Mutter gewesen, ohne Ausbildung und ohne Job. Ihr Vater hatte darauf bestanden, dass sie eine Privatuniversität in Kalifornien besuchte; die Studiengebühren und die Kosten für ihren und Emilys Lebensunterhalt waren enorm gewesen. Aber Oliver hatte darauf bestanden, dass die Sonne Kaliforniens ihr helfen würde, Jeff und ihre unglückliche Ehe zu vergessen.

Das war nun über vier Jahre her, und bis jetzt hatte Sheila es nicht geschafft, ihm auch nur einen Penny zurückzuzahlen. Und jetzt war ihr Vater tot. Er hatte nicht ein einziges Mal erwähnt, dass Cascade Valley in Schwierigkeiten steckte. Die Schuldgefühle schnürten Sheila die Kehle zu.

Jonas reichte ihr die Unterlagen, und sie überflog sie rasch. Der Anwalt hatte mit seiner Einschätzung der Situation recht. Nachdem sie die Dokumente genau durchgelesen hatte, schaute sie auf und gab die Papiere dem Freund ihres Vaters zurück.

„Wäre dein Vater bloß zu mir gekommen!“, sagte Jonas. „Ich hätte dieses Durcheinander verhindern können.“

„Warum hat er ist nicht getan?“

„Aus Stolz, würde ich meinen. Doch das ist jetzt alles Schnee von gestern.“

„Es gibt einen Brief, in dem Wilder Investments die Rückzahlung des Kredits fordert“, überlegte Sheila laut vor sich hin.

„Ich weiß.“

„Aber er wurde nicht von Ben Wilder unterschrieben, sondern von …“ Sheila versagte die Stimme und sie zog die Brauen zusammen, als sie den Namen sah.

„Noah Wilder. Bens Sohn.“

Sheila dachte nach. Sie wusste nicht viel über diesen Mann, und trotz ihrer Trauer wurde sie neugierig. „Leitet er jetzt die Firma?“

„Nur vorübergehend, bis Ben aus Mexiko zurück ist.“

„Hast du mit Ben oder seinem Sohn geredet und dich erkundigt, ob sie eventuell in Erwägung ziehen, den Kredit zu verlängern?“, fragte Sheila. Sie hatte endlich verstanden: Ohne die Hilfe von Wilder Investments war das Weingut erledigt.

„Ich hatte Probleme, Noah zu erreichen“, antwortete Jonas. „Er hat mich nie zurückgerufen. Ich bin immer noch an der Versicherungsgesellschaft dran.“

„Soll ich Wilder Investments anrufen?“, fragte Sheila spontan. Doch warum sollte sie es schaffen, mit Noah Wilder zu sprechen, wenn es Jonas nicht gelungen war?

„Es könnte nicht schaden, schätze ich. Weißt du irgendetwas über Wilder Investments oder den Ruf der Firma?“

„Ich weiß, dass er nicht der beste ist, wenn du das meinst. Ich würde sagen, das Image von Wilder Investments ist mehr als nur ein bisschen angeschlagen.“

„Das ist richtig. In den letzten zehn Jahren hat sich Wilder Investments nach Ansicht der Börsenaufsicht hart an der Grenze zur Illegalität bewegt. Allerdings konnten die Verstöße, die man der Firma vorgeworfen hat – schwerwiegende Verstöße –, nie bewiesen werden. Aber natürlich ist der Name Wilder für die Skandalblätter ein unerschöpflicher Quell an Storys.“

Sheila zog die Augenbrauen hoch. „Ist mir bekannt.“

Jonas trommelte mit den Fingern auf dem Schreibtisch. „Dann ist dir klar, dass Wilder Investments und die Familie selbst eher …“

„… dubios sind?“

Jonas musste unwillkürlich lächeln. „Das würde ich nun nicht sagen. Andererseits traue ich Ben Wilder nicht über den Weg, und das solltest du auch nicht tun.“ Er wurde ernst. „Als einzige Erbin des Besitzes wärst du möglicherweise leichte Beute für Leute wie Ben Wilder.“

„Was willst du damit andeuten?“

„Ist dir denn nicht klar, wie viele Firmen Wilder Investments allein in diesem Jahr zum Opfer gefallen sind? Da gab es ein Transportunternehmen in Seattle, eine Theatergruppe in Spokane und eine Lachsfabrik in British Columbia.“

„Glaubst du wirklich, dass die Wilders es auf Cascade Valley abgesehen haben?“ Sheila konnte ihre Skepsis nicht verbergen.

„Warum nicht? Sicher, es gab in den letzten Jahren Probleme, dennoch ist es immer noch das größte und angesehenste Weingut im Nordwesten. Keiner, nicht einmal jemand mit dem Geld und der Macht von Ben Wilder, könnte eine bessere Lage für einen Weinbaubetrieb finden.“ Jonas tupfte sich den Schweiß von der Oberlippe. „Dein Vater war vielleicht kein besonders guter Geschäftsmann, Sheila, doch er wusste sehr wohl, wie man den besten Wein im ganzen Staat produziert.“

Sheila schaute Jonas an. „Willst du damit andeuten, Wilder Investments könnte für das Feuer verantwortlich sein?“

„Natürlich nicht. Aber unabhängig davon lässt sich nicht leugnen, dass Wilder Investments der einzige Beteiligte ist, der davon profitiert. Ben Wilder lässt sich eine einmalige Gelegenheit nicht entgehen, wenn sie sich ihm bietet.“

„Und du denkst, das Weingut ist diese Gelegenheit.“

„Davon kannst du ausgehen.“

„Was wird er deiner Meinung nach machen?“

Jonas überlegte einen Moment. „Kontakt mit dir aufnehmen, falls ich mich nicht täusche.“ Er rieb sich das Kinn. „Ich vermute, dass Ben dir deine Anteile abkaufen will.“

„Und du bist der Meinung, ich sollte nicht verkaufen?“

„Das habe ich nicht gesagt. Sei einfach vorsichtig. Sprich vorher unbedingt mit mir! Ich möchte nicht mit ansehen müssen, wie dich Ben Wilder oder sein Sohn über den Tisch ziehen.“

Sheilas Augen blitzten. „Sei unbesorgt, Jonas“, entgegnete sie entschlossen. „Ich habe vor, Ben Wilder – oder seinem Sohn – die Stirn zu bieten und Cascade Valley zu behalten. Es ist das Einzige, was Emily und ich noch haben.“

2. KAPITEL

Die Tür zu Bens Büro ging auf. Noah runzelte die Stirn und wandte den Blick von der Korrespondenz ab, in die er gerade vertieft gewesen war. Es ging dabei um ein kürzlich gekauftes Transportunternehmen, allerdings fehlten in dem dicken Stapel ein paar der wichtigsten Unterlagen. „Ja!“, rief er gereizt, als er die Sekretärin seines Vaters eher spürte, als sah. Er blickte auf und zwang sich zu einem Lächeln.

„Tut mir leid, Sie zu stören, Noah, aber auf Leitung eins ist ein Gespräch für sie“, sagte Maggie. Sie hatte sich an die schlechte Laune gewöhnt, die Noah wegen der geschäftlichen Entscheidungen seines Vaters an den Tag legte.

„Ich bin beschäftigt, Maggie. Können Sie nicht einfach notieren, worum es geht?“ Er konzentrierte sich wieder auf die Unterlagen, die sich auf seinem Schreibtisch stapelten.

„Ich weiß, wie beschäftigt Sie sind“, erwiderte sie sanft, „aber die Frau, die Sie sprechen will, ist Miss Lindstrom.“

„Lindstrom?“ Noah überlegte. Der Name kam ihm vage bekannt vor. „Sollte ich sie kennen?“

„Sie ist Oliver Lindstroms Tochter. Er ist vor ein paar Wochen bei diesem Brand ums Leben gekommen.“

Die Sorgenfalten auf Noahs Stirn wurden noch tiefer. Er strich sich mit den Händen durch seine dichten braunen Haare. „Das ist die Frau, die mich ständig drängt, ihr die Versicherungssumme auszuzahlen, oder?“

Maggie nickte kurz. „Genau die.“

Noah richtete nun seine ganze Aufmerksamkeit auf die Sekretärin und kniff die tiefblauen Augen misstrauisch zusammen. „Lindstrom ist bei dem Feuer gestorben, und es besteht Verdacht auf Brandstiftung. Glauben Sie, Lindstrom hat das Feuer gelegt und ist darin versehentlich umgekommen?“ Ohne Maggies Antwort abzuwarten, griff Noah nach dem Schreiben der Versicherung. Er überflog es, während er der Sekretärin eine weitere Frage stellte. „Habe ich dieser Lindstrom nicht geschrieben und unseren Standpunkt erklärt?“

„Ja, haben Sie.“

„Und was habe ich geschrieben? Wollten wir nicht Zeit gewinnen, bis die Untersuchung des Falls abgeschlossen ist?“ Er dachte konzentriert nach und rieb sich die Stirn. „Jetzt weiß ich es wieder … Ich habe ihr geschrieben, dass die ganze Angelegenheit warten muss, bis Ben wieder da ist.“

„Das stimmt.“ Maggie presste die Lippen aufeinander. Sie wusste, dass Noah für die Geschäfte von Wilder Investments die absolute Entscheidungsvollmacht hatte, zumindest so lange, bis Ben aus Mexiko zurückkam.

„Warum ruft sie mich dann schon wieder an?“, fragte Noah ungehalten. Dieser Brand hatte ihn schon ein paar lange Nächte im Büro gekostet, und der Gedanke, noch mehr Zeit investieren zu müssen, frustrierte ihn. Bis das Versicherungsgutachten fertig war, konnte er ohnehin nicht viel tun.

Maggie wusste mittlerweile, dass Noah den Widerwillen, den er gegen die Firma seines Vaters empfand, deutlich zeigte. Das Problem mit der Versicherung des Weinguts schien ihn jedoch ganz besonders zu ärgern. „Ich weiß nicht, warum sie Sie anruft, Noah“, erwiderte sie geduldig, „aber Sie sollten vielleicht mit ihr reden. Es ist schon ihr fünfter Anruf heute Nachmittag.“

Noah betrachtete schuldbewusst den ordentlichen Stapel Telefonnachrichten, der unberührt am Rand seines Schreibtischs lag. Bis jetzt hatte er ihn in der Hoffnung ignoriert, die kleinen rosa Zettel würden sich irgendwie in Luft auflösen.

„Na gut, Maggie“, gab er zögernd nach. „Sie haben gewonnen. Ich rede mit …“

„… Miss Lindstrom“, ergänzte die Sekretärin im Gehen.

Er hob ab. „Hier spricht Noah Wilder“, sagte er, ohne sich seine Verärgerung anmerken zu lassen. „Kann ich etwas für Sie tun?“

Sheila hatte fünf Minuten am Telefon gewartet, als Ben Wilders Sohn sich endlich doch dazu durchrang, ihr ein bisschen von seiner kostbaren Zeit zu schenken. Sie unterdrückte das Bedürfnis, den Hörer unsanft aufzulegen, riss sich zusammen und beantwortete seine lässige Frage mit einem Hauch von Sarkasmus. „Das hoffe ich sehr – falls es nicht zu viel verlangt ist. Ich würde gern einen Termin mit Ihnen vereinbaren, aber Ihre Sekretärin sagt, Sie sind zu beschäftigt, um sich mit mir zu treffen. Stimmt das?“

Irgendetwas an der schwelenden Gereiztheit, die durch die Leitung kroch, weckte Noahs Interesse. Seit er letzten Monat vorübergehend die Geschäfte seines Vaters übernommen hatte, war niemand auch nur andeutungsweise anderer Meinung als er gewesen. Noah hatte zwar seine Probleme mit Wilder Investments, doch er war mit niemandem aneinandergeraten. Es war fast so, als wäre die Macht, die Ben überall ausgeübt hatte, auf Noah übergegangen. Keiner von Bens Geschäftspartnern hatte Bens Sohn jemals auch nur mit einem einzigen Wort widersprochen. Bis jetzt. Noah spürte, dass sich mit dieser Dame diesbezüglich alles ändern würde.

„Im Gegenteil, Miss Lindstrom“, erwiderte er. „Ich würde mich gern mit Ihnen treffen, aber es geht erst irgendwann übernächste Woche. Leider hat Maggie recht – mein Terminkalender ist für die nächsten zweieinhalb Wochen total voll.“

„So lange kann ich nicht warten!“, rief Sheila, der der ohnehin dünne Geduldsfaden nun endgültig riss.

Ihre Antwort überraschte Noah. „Was genau ist das Problem? Haben Sie unseren Brief nicht bekommen?“

„Genau deshalb rufe ich ja an. Ich muss Sie wirklich treffen. Es ist wichtig.“

„Ich nehme an, Sie hoffen, dass ich meine Entscheidung zurücknehme?“ Noah staunte über die Hartnäckigkeit dieser Frau. Er blätterte rasch seine Telefonnachrichten durch. Sheila Lindstrom hatte in den letzten fünf Stunden tatsächlich exakt alle sechzig Minuten angerufen.

„Sie müssen! Wenn wir das Weingut bis zur Ernte im Herbst wieder instand setzen wollen, müssen wir so bald wie möglich anfangen. Und selbst dann wäre es möglich, dass wir nicht rechtzeitig fertig werden …“

Noah unterbrach sie. „Ich verstehe Ihr Problem.“ Es störte ihn, dass in seiner Stimme ein Hauch von Verzweiflung mitschwang. „Aber ich kann wirklich nichts für Sie tun. Sie wissen ja, dass mein Vater verreist ist und …“

„Mir ist egal, ob ihr Vater auf dem Mond oder sonst irgendwo ist!“, schnitt Sheila ihm das Wort ab. „Wenn Sie Wilder Investments leiten, sind Sie mein Ansprechpartner. Oder sind Sie etwa nur eine Marionette und können nicht einmal eine simple geschäftliche Entscheidung treffen, solange Ihr Vater nicht da ist?“

„Sie verstehen das nicht“, setzte Noah hitzig an, um seine Situation zu erklären, während er sich gleichzeitig verfluchte, weil er sich von einer Fremden in eine Verteidigungsposition drängen ließ. Es ging sie wirklich nichts an.

„Sie haben recht, Mr Wilder, ich verstehe es wirklich nicht. Ich bin Unternehmerin, und es kommt mir völlig unlogisch vor, dass Sie ein blühendes Unternehmen wie Cascade Valley brachliegen lassen, wenn es doch Gewinne bringen könnte.“

Noah versuchte, ruhig zu bleiben. Er wusste, dass die Frau ihn absichtlich provozierte. „So wie ich die Situation verstehe, Miss Lindstrom, hat Cascade seit fast vier Jahren nur Verluste gemacht.“

Am anderen Ende der Leitung herrschte kurz Stille, als würde Sheila Lindstrom über seine Worte nachdenken.

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