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In der Ferne ein Lied

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Kapitel 1
  7. Kapitel 2
  8. Kapitel 3
  9. Kapitel 4
  10. Kapitel 5
  11. Kapitel 6
  12. Kapitel 7
  13. Kapitel 8
  14. Kapitel 9
  15. Kapitel 10
  16. Kapitel 11
  17. Kapitel 12
  18. Kapitel 13
  19. Kapitel 14
  20. Kapitel 15
  21. Kapitel 16
  22. Kapitel 17
  23. Kapitel 18
  24. Kapitel 19
  25. Kapitel 20
  26. Kapitel 21
  27. Kapitel 22
  28. Kapitel 23
  29. Kapitel 24
  30. Kapitel 25
  31. Kapitel 26
  32. Kapitel 27

Über die Autorin

Lesley Pearse wurde in Rochester, Kent, geboren und lebt seit über 25 Jahren mit ihrer Familie in Bristol. Ihre Romane sind in England stets auf den ersten Plätzen der Bestsellerlisten zu finden.

Kapitel 1

Grove Park, Süd-London, Februar 1954

Schlüsselklirren und schwere Schritte weckten Georgia auf. Sie hatte ein so feines Gehör, dass sie nicht nur wusste, welche Nonne kam, sondern auch, wo diese sich gerade befand.

Dies war Schwester Agnes. Einige der Nonnen bewegten sich mit einer einzigen fließenden Bewegung die Treppen hinauf, andere keuchten und schnauften und legten auf halbem Wege eine Pause ein. Schwester Agnes allerdings kämpfte sich trotz ihres Alters und ihrer Körpermasse ohne Unterbrechung und mit leicht pfeifendem Atem bis ganz nach oben vor. Jetzt hatte sie den oberen Treppenabsatz erreicht und ging an dem langen, schmalen, vergitterten Fenster vorbei, um die Morgenglocke zu läuten. Georgia setzte sich im Bett auf und rieb sich die Augen. Trübes graues Licht fiel auf zwölf Eisenbetten, sechs auf jeder Seite des großen Raumes, in jedem Bett ein Körper, der eine kleine Erhebung bildete und noch fest schlief. Jetzt entfernten sich die schweren Schritte von ihrem Schlafsaal auf die Glocke zu, die genau neben dem großen Raum hing, in dem die Mädchen schliefen. Ein weiteres Paar Füße stieg vom darüberliegenden Stockwerk die Treppe hinunter, dieses jedoch leicht und federnd, ja fast im Laufschritt, je weiter es nach unten kam. Das war Schwester Theresa, die sich auf den Weg machte, um den morgendlichen Tee für die Mutter Oberin zu kochen. Georgia hörte ein Wimmern und wandte den Blick zu dem Bett, das links neben ihrem stand. Als das Kind darin sich bewegte, wehte ihr der unverwechselbare scharfe Geruch entgegen.

»Pamela!«, zischte sie. »Aggie wird jede Sekunde hier sein. Lauf schnell in den Waschraum. Ich versuche, sie solange abzulenken.«

Die Glocke erschallte in dem Flur mit dem nackten Fußboden, verschluckte Pamelas Antwort, und als das Echo des letzten Tones im ganzen Konvent nachhallte, näherten sich dumpfe Schritte dem Schlafsaal.

Pamelas erster Aufschrei war voller Bestürzung gewesen, weil sie ins Bett gemacht hatte, aber der zweite verriet Panik. Anstatt schnell aus dem Bett zu hüpfen und wie ein Hase vor der Gefahr davonzulaufen, kauerte sie einfach, die kleinen Arme über dem Kopf verschränkt, unter der Decke und wartete auf die Prügel, die sie mit Sicherheit gleich beziehen würde.

Georgia wusste, dass sie sich eine Ablenkung ausdenken musste, um Pamela zu schützen. Sie warf die Bettdecke von sich und vollführte einen Luftsprung. Schwester Agnes blieb einen Moment lang im Eingang stehen und beobachtete von dort Georgias Sprungversuch. Georgia landete mit weit gespreizten Beinen und hielt dabei ihr Schlafanzughose fest.

»Du kommst augenblicklich hierher!«, rief sie. Das Kind sah aus wie ein Schornsteinfeger. Spindeldürr war sie in ihrem zu großen gestreiften Schlafanzug, und der kurze schwarze Lockenschopf stand nach allen Seiten ab wie eine Drahtbürste.

Eine Hand flog aufwärts an ihren Nonnenschleier, damit er nicht verrutschte, und mit der anderen Hand hob Schwester Agnes ihr Gewand hoch, damit es den Boden nicht berührte.

»Wie kannst du es wagen?« Indigniert und mit rasselnder Stimme rauschte sie ins Zimmer.

Georgia grinste sie nur an: ein hellbraunes Gesicht, in dem eine Reihe weißer Zähne aufblitzte und es in zwei Teile spaltete. Noch ein kleiner Sprung, dann schnell ein kräftigerer, ein Überschlag in der Luft, und sie landete nur ein paar Meter entfernt von der Nonne, die mittlerweile außer sich war.

Diesem Salto hatte sie erst einige Tage zuvor im Spielzimmer den letzten Schliff gegeben, wo sie sich vor einem begeisterten Publikum von einer alten Couch auf einen Haufen Kissen geschleudert hatte. Jetzt war sie allerdings auf kaltem, hartem Linoleum gelandet, was sich sehr unsanft in ihren Beinen und ihrem Rücken bemerkbar machte. Sie stolperte gegen das Bettgestell.

»Morgen, Schwester Agnes«, keuchte sie und zog die ausgebeulte Hose wieder auf Taillenhöhe. »Haben Sie gesehen, wie gut ich das schon kann?«

Schwester Agnes war die älteste Nonne im Konvent. Humorlos, niederträchtig und grausam. Aus ihrer wabbeligen weißen Haut sprossen einzelne schwarze Haare, gleich daneben konkurrierten eine Hakennase und die darauf balancierende Warze um Aufmerksamkeit. Ihre scharfen Schweinsäuglein bemerkten eine Ungezogenheit fast noch durch die geschlossene Tür.

»Dies ist ein Schlafsaal und keine Turnhalle«, näselte sie. »Du bist jetzt neun Jahre alt, und es wird höchste Zeit, dass du den Jüngeren als gutes Beispiel vorangehst.«

Die alte Nonne wusste instinktiv, dass Georgia versuchte, sie abzulenken. Derart unverschämtes Benehmen konnte nicht geduldet werden. Georgia brachte sie zur Raserei. Nicht genug, dass sie ein dürres Kind mit riesigen Augen war, die ihr gelbliches Gesicht beherrschten – auch zahllose Strafen und Schläge konnten dem Grinsen von einem Ohr zum anderen keinen Abbruch tun. Trotz ihrer Magerkeit und ihrem Mischlingsblut hatte sie es geschafft, die Anführerin der jüngeren Mädchen zu werden. Und – noch schlimmer – sie unterstützte sie alle bei ihren Ungezogenheiten.

»Mit dir befasse ich mich später.« Schwester Agnes’ scharfe Augen schweiften durch den Schlafsaal. Kleine Mädchen schlüpften schnell in ihre marineblauen Schlüpfer und vermieden es, sie dabei anzusehen. »Was ist hier vorgefallen?«

»Da war ein Geräusch.« Georgia schlich sich von der Seite der Schwester fort und ließ die Augen mit gespieltem Schrecken durch den Raum gleiten. »Ich glaube, es ist wieder ein Vogel hier reingeflogen.«

Das war alles, was ihr auf die Schnelle einfiel. Erst im letzten Sommer hatte sich eine Taube in den Schlafsaal verirrt, und zur Belustigung der Kinder hatte die Schwester fast einen hysterischen Anfall bekommen. Es brachte sie immer noch zum Kichern, wenn sie daran dachte, wie sie aus dem Zimmer gerannt war, als der Vogel um ihren Schleier herumflatterte.

»Wir haben ihn auch gehört.« Der Chor der Zustimmung kam von drei Mädchen, mit denen Georgia besonders eng befreundet war. Während sie sich in ihre grauen Röcke und Pullover hineinkämpften, nickten sie einander zu und flatterten mit den Händen, als wollten sie andeuten, wohin der Vogel geflogen war.

Die Schwester wirbelte herum, gleichzeitig fuhren ihre Hände hoch zu ihrem Schleier, ihre Augen suchten den Raum ab, und sie spitzte die Ohren, um festzustellen, ob ein Flügelschlag oder ein Gurren zu hören war. Jennifer, das jüngste Kind im Schlafsaal, dem die Jacke des Schlafanzuges fast bis zu den dünnen, von Schrammen bedeckten Knien reichte, stand da, einen Daumen im Mund.

Jedes der Mädchen war in diesem Moment unbeweglich in Erwartung dessen, was kommen würde. Der Atem hing wie Rauch in der kalten Luft, die Blicke flogen zwischen der zögernden Nonne und Georgia hin und her. Aller Mut schwand jedoch, als die massige Frau sich langsam umdrehte. Die Mädchen wurden bleich unter ihrem forschenden Blick, Finger tasteten hastig nach Knöpfen, die Augen auf den Boden geheftet. Im günstigsten Fall war sie so ungenießbar wie ein Holzapfel. Wenn sie jedoch wütend war, wurde sie gefährlich.

»Hierher, Mädchen.« Die Stimme der Schwester hallte in dem nackten Raum wider. Ihr Kinn – eigentlich mehr als nur eines – zitterte unheilverkündend, und ihr Gesicht färbte sich rot.

Georgia warf Pamela einen verzweifelten Blick zu. Hoffentlich besaß sie den Verstand, sich jetzt endlich zu bewegen! Dann ging sie gemächlichen Schritts hinüber zu der Nonne.

Die Schwester packte sie mit einer Hand an der Schulter, während sie mit der anderen ausholte und Georgia mit aller Kraft quer übers Gesicht schlug.

Georgia geriet ins Stolpern und prallte seitwärts gegen ein Bettgestell. Aus Pamelas Bett an der anderen Seite des Zimmers kam ein Rascheln. Georgia knirschte mit den Zähnen und versuchte mit ihrer ganzen Willenskraft, die Schwester daran zu hindern, sich umzudrehen und das Mädchen zu entdecken. Aber die scharfen Ohren der Schwester hatten das Geräusch ebenfalls bemerkt. Sie wirbelte herum und rümpfte dann erzürnt die Nase. Das hastige Ankleiden wurde unterbrochen. Zehn Münder klappten vor Schrecken weit auf, Jennifer nuckelte heftig an ihrem Daumen. Pamela stand jetzt neben ihrem Bett – ihrem Schlafanzug entströmte der verräterische Geruch, sie versteckte die Augen hinter ihren Fäusten und wimmerte und zitterte vor Angst.

Sie war ein stilles, nervöses Kind, und sie litt immer noch sehr unter dem kürzlichen Verlust ihrer Mutter. Ihr wuscheliges braunes Haar, ein leichtes Schielen und eine Neigung zur Korpulenz hatten ihr bisher keine Zuneigung außer der Georgias gebracht.

»Sieben Jahre alt, und immer noch machst du ins Bett«, bellte die Schwester, und prompt schossen wieder ein paar Tropfen zu Boden. »Du bist ja schlimmer als ein Tier! Nicht mal die liegen in ihrem eigenen Schmutz!«

Wie eine Klaue schoss ihre Hand vor und packte das verängstigte Kind, das nicht den Verstand besaß, einfach davonzulaufen, während die Nonne Pamela mit der anderen Hand so heftig ohrfeigte, dass sie zu Boden fiel.

Die schlichte Gewalt dieser Attacke ließ Georgia auf sie zuspringen.

»Wagen Sie das ja nicht!«, schrie sie und warf sich auf die schwarze Schwesterntracht. Sie sah, wie ein schwerer schwarzer Schuh vorschnellte, um das hilflose Kind zu treten, und trommelte mit den Fäusten auf das breite Hinterteil der Nonne ein. »Sie kann nichts dafür. Sie machen ihr nur noch mehr Angst. Lassen Sie sie in Ruhe! Sie sind eine Tyrannin!«

Die anderen Kinder hüpften auf dem eisigen Linoleum von einem Fuß auf den anderen. Eines der älteren Mädchen griff sich Jennifer und fing an, ihr beim Anziehen zu helfen, bevor die Nonne auch noch auf die Kleine losgehen konnte.

Die Schwester drehte sich um und packte Georgia an den Handgelenken. Ihr Gesicht war jetzt violett angelaufen, ihre dünnen Lippen kräuselten sich aufwärts.

»Sieh zu, dass du nach unten kommst und die Kohleneimer vollmachst«, brüllte sie. Spucke spritzte dem Kind ins Gesicht. »Diese Unverschämtheit lasse ich dir nicht durchgehen.«

Georgia wich zu ihrem Kleiderhaufen zurück. Wenn sie noch ein Wort sagte, war es sehr wahrscheinlich, dass die Schwester sie in den Schrank einschloss, der als Strafzelle benutzt wurde. Nur bei Brot und Wasser hockte man so lange in diesem schwarzen Loch, bis es Zeit war, zu Bett zu gehen, und es würde nicht einmal eine Decke zum Einwickeln geben. Sie konnte Pamela jetzt nicht mehr helfen, und sie wollte ihr Frühstück haben.

Später, als Georgia im Schuppen kniete und Kohlen schaufelte, konnte sie hören, wie Pamela im Waschraum weinte – aber es war kein zorniges Schreien, sondern einfach ein verzweifeltes Jammern.

Sie konnte sich vorstellen, wie Schwester Agnes sie in eine mit kaltem Wasser gefüllte Badewanne gestellt und mit einer Bürste an ihr herumgeschrubbt hatte, dabei immer wieder Kniffe und Schläge austeilte und die ganze Zeit Sticheleien über Pamelas Bettnässerei von sich gab. Frühstück würde es für sie keines geben. Während die anderen Mädchen ihren Porridge aßen, saß Pamela in der Waschküche und kämpfte ganz allein mit dem Bettzeug, das sie zu waschen hatte. Wieso dachte Aggie bloß, dass Pamela nicht mehr ins Bett machen würde, wenn sie bestraft wurde? Sogar Georgia wusste, dass Pamela gar nichts dafür konnte.

»Aggie ist böse«, sang sie vor sich hin, als sie die Schaufel schwang, kräftig auf die Kohlen einschlug und sich dabei vorstellte, dass Schwester Agnes darunter lag. »Warum sorgt keiner dafür, dass sie aufhört?«

Georgia wurde dauernd bestraft – ob sie nun auf dem Nachhauseweg von der Schule trödelte, während der Mahlzeiten redete oder in der Schulandacht kicherte –, es geschah so häufig, dass es ihr kaum noch etwas ausmachte. Mit der Zeit lernte sie zu akzeptieren, dass Schwester Agnes sie niemals würde leiden können, ebenso wie sie akzeptierte, dass sie eine andere Hautfarbe hatte als die anderen Mädchen. Mittlerweile belustigte es sie sogar, wenn die Schwester sie als »Ausgeburt des Teufels« bezeichnete. Dies hatte sie einmal Schwester Mary erzählt, und ihr Lachen hatte sofort alle üblen Gedanken verjagt.

»Du bist wie eine kleine Kaulquappe«, hatte sie gesagt und dabei mit ihren blauen Augen gezwinkert. »Aber aus dir wird eine schöne Frau werden, warte es nur ab.«

Bis sie fünf oder sechs Jahre alt war, hatte für sie immer noch die Möglichkeit bestanden, eines Tages adoptiert zu werden. Sonntags kamen meistens Ehepaare nach St. Joseph’s, die ein Kind suchten, das sie lieb haben konnten. Einige waren schon alt, einige jung, die anderen reich, die kamen in Autos und trugen Pelzmäntel, andere wieder waren ganz normale Leute, so wie die Mütter der anderen Mädchen in der Schule. Aber eines hatten sie alle gemeinsam: Sie wollten hübsche blonde Mädchen mit blauen Augen, und je jünger und niedlicher sie waren, desto besser.

Manchmal hatte Georgia die Tricks ausprobiert, die die anderen Mädchen versuchten. Auf den Schoß klettern, an den Kleidern ziehen, ein betörendes Lächeln, Augen, die sich langsam mit Tränen füllten … aber jedes Mal hörte sie immer die gleiche Bemerkung. »Sie ist ein liebes kleines Ding, aber ich fürchte, wir würden mit einem Mischlingskind einfach nicht zurechtkommen.«

Georgia seufzte tief, als sie die beiden schweren Kohleneimer über den Hof und die Steintreppe hinunter in die Küche schleppte. Sie hatte sich damit abgefunden, dass sie hierbleiben würde, bis sie fünfzehn war. Dann musste sie Arbeit finden. Wenigstens hatte sie die Schule.

Die meisten anderen Mädchen hassten die Schule noch mehr als das Kloster. Sie wurden als »anders als die anderen Kinder« hingestellt: Zum einen wurden sie wie eine Schafherde von einer der Nonnen über die vielbefahrene Hauptstraße begleitet, und zudem fielen sie durch ihre schlecht sitzende Kleidung, die schweren Schuhe und das glanzlose Haar auf. Für Georgia jedoch war jeder Schultag ein Abenteuer, eine Chance, die Welt draußen zu sehen und etwas über andere Dinge und Orte zu lernen – sich normal zu fühlen.

Sie mochte die Bilder an den Wänden, die Musikgruppe mit den verschiedenen Schlaginstrumenten und die Geschichten; es gefiel ihr, auf Löschpapier Bohnen zu ziehen, Farbpulver zu mischen und Marionetten zu basteln. Aber am meisten liebte sie Miss Powell und ihre Musik.

Miss Powell war die Direktorin. Mit ihren dunklen Kostümen und weißen Rüschenblusen und dem gewellten blonden Haar, das sie im Nacken hochsteckte, strahlte sie eine Art Glamour aus. Aber am allerbesten war sie, wenn sie am Klavier saß und spielte.

Kirchenlieder, Shanties, Volkslieder, wunderschöne schwermütige Melodien, die in Georgias Vorstellung Bilder heraufbeschworen. Wäre Miss Powell nicht gewesen, hätte Georgia vielleicht nie entdeckt, dass sie singen konnte!

Sie fühlte sich gut, wenn sie sang. Sie konnte dann das Kloster und Schwester Agnes vergessen, ihre dunkle Haut und die Leute, die kein Mischlingskind wollten. Wenn sie sang, schauten die Leute sie an und hörten ihr zu. Sogar ihre eigene Lehrerin machte ein stolzes Gesicht, obwohl sie sonst immer schimpfte, weil Georgia ihr Einmaleins nicht lernte.

»Du hast ein ganz besonderes Geschenk mit auf den Weg bekommen, Georgia.« An dem Tag, als sie Georgia für die Rolle des Erzengels Gabriel in der Weihnachtsaufführung der Schule ausgewählt hatte, hatte Miss Powell sie angelächelt. »Ich habe dich ausgewählt, weil deine Stimme der Schönheit des Weihnachtsfestes gerecht wird. Alle sollen genauso stolz auf dich sein wie ich.«

An diesem Dezembernachmittag hatte sie auf der Bühne gestanden, eingehüllt in ein weißes Laken und mit einem Heiligenschein aus Rauschgold, und als der Applaus die ganze Aula füllte, war das der schönste Augenblick ihres Lebens gewesen.

»Mitten im trostlosen Winter«, erschien ihr jetzt genau das passende Lied, als sie den Kohlenstaub von ihren Händen spülte, bevor sie gemeinsam mit den anderen Kindern zum Frühstück ging. Ihre Wangen fühlten sich eisig an, ihre Hände und Oberschenkel waren aufgesprungen vor Kälte, und eben in diesem Moment plante Schwester Agnes ihre Strafe.

Als Schwester Agnes sie nach dem üblichen Samstagsfrühstück aus Porridge und gekochten Eiern nicht unverzüglich ihre Rache hatte spüren lassen, dachte Georgia nicht mehr länger über eine Bestrafung nach. Draußen auf dem Spielplatz warm zu bleiben war wichtiger, als sich darüber Gedanken zu machen, was später geschehen könnte.

Von außen gesehen vermittelte St. Joseph’s den Eindruck eines großes Landhauses. Die Kiesauffahrt, der weitläufige Rasen, der von einer Mauer umgebene Küchengarten und die alten knorrigen Bäume stammten alle aus einer eleganteren Zeit.

Tatsächlich lag das geräumige Haus nur einen Steinwurf von der Grove Park Station im Londoner Süden entfernt. Nur einige Minuten entfernt gab es Ladenreihen und eine Straße mit geschäftigem Auto- und Busverkehr.

Mit den drei Stockwerken, dem Keller und dem Dachboden war es zu groß, um vernünftig geheizt zu werden. Die einst kultivierten Salons und Speisezimmer waren jetzt zugige Schlafsäle. Nur das Wohnzimmer der Schwester Oberin strahlte etwas Gemütlichkeit aus. Sogar die kleine Kapelle im ersten Stock machte einen heruntergekommenen Eindruck, weil nötige Reparaturen nicht ausgeführt wurden.

Der Garten war im Sommer sehr schön. Die Kinder tobten auf dem Gras umher und jagten einander um die Bäume herum. Da gab es den Duft der Blumen, die großen Büsche, hinter denen sie sich verstecken konnten, und lange Tage, an denen sie kaum beaufsichtigt wurden.

Aber jetzt im Februar war es die reinste Folter. Der Wind pfiff durch die dünnen Gabardine-Regenmäntel. Er machte sich schneidend an aufgeschrammten Stellen an den nackten Beinen und auch an Ohren und Fingern bemerkbar. Wenn sie mit dem Schnee spielten, der rings um den Spielplatz zu Haufen aufgefegt war, froren sie schnell noch mehr. Alles, was sie tun konnten, war, sich enger an die Mauern zu drücken. Vierundzwanzig Mädchen zwischen vier und zwölf Jahren, die darauf warteten, dass die Glocke sie zum Mittagessen rief. Blasse, spitze Gesichter, die Augen sehnsuchtsvoll auf die dampfende Waschküche gerichtet, wo die älteren Mädchen den großen Vorteil genossen, bis zu den Ellbogen in Seifenwasser zu stecken oder über heißen Bügeleisen zu schwitzen.

»Sie wird dich gleich reinrufen.« Susan Mullins, eine Elfjährige mit karottenroten Haaren und Sommersprossen, rückte näher an Georgia heran. »Hast du Angst?«

Der Zusammenstoß mit Aggie hatte sich sogar bis zu den älteren Mädchen herumgesprochen. Wenn sie so die Zustimmung der Älteren bekommen konnte, war es die Bestrafung fast wert. Aber egal wie groß und abgehärtet sie sich hier unter all ihren bewundernden Freundinnen auch fühlte – der Drang, zur Toilette zu gehen verschwand genau so wenig wie die Augenblicke der Panik, wenn sie das Gesicht einer Nonne am Fenster sah.

»Nein.« Georgia grinste zittrig. »Ich besorge mir ein Messer und schneide ihre Warze ab. Dann verblutet sie und ist tot.«

Die Tür zum Spielzimmer öffnete sich ganz kurz vor dem Nachmittagstee. Georgia lag zusammengerollt auf einem der alten Sofas und las einen uralten Comic, ein paar jüngere Mädchen rannten durch das große, leere Zimmer, während die älteren sich in einer Ecke an den Heizungsrohren herumdrückten.

»Georgia.« Schwester Marys Stimme ließ sie hochfahren. »Die Schwester Oberin will mit dir sprechen.«

Schwester Mary war die jüngste Nonne, sie mochte Mitte Dreißig sein, aber eigentlich war es schwierig, ihr Alter zu schätzen. Sie war groß und schlank und hatte ein glattes Gesicht ohne Falten. Sie sah aus wie eine Porzellanpuppe mit feinen hellen Brauen über Augen, die wie der Sommerhimmel aussahen, und rosigen Lippen über kleinen weißen Zähnen. Trotz ihrer Jugend war Schwester Mary jedoch stark genug, um sich als Vermittlerin zwischen die Mädchen und Schwester Agnes zu stellen. Ihr perlendes Lachen, ihr Verständnis für die Mädchen, ihre liebe Art und die sanfte Stimme gaben jedem Kind ein Gefühl der Sicherheit. Sie war ausgebildete Krankenschwester. Während des Krieges war sie nahe an die feindlichen Linien geraten, und die älteren Mädchen spekulierten darüber, warum jemand, der so hübsch war, sich für das Kloster entschieden hatte, anstatt zu heiraten und selbst Kinder zu bekommen.

Die älteren Mädchen aus dem mittleren Schlafsaal sahen Georgia voller Schrecken an. Pamelas Augen füllten sich mit Tränen, und sie umklammerte Georgia mit ihren kleinen, pummeligen Händen.

»Es ist alles meine Schuld«, wimmerte sie. »Jetzt kriegst du Schläge, nur weil du dich für mich eingesetzt hast.«

»Keine Sorge«, sagte Georgia aufmunternd und schlang einen Arm um das kleinere Kind. »Ich hab keine Angst vor ihr. Und außerdem kann ich ihr jetzt vielleicht erzählen, wie grausam Schwester Agnes zu dir ist.«

»Du bist so tapfer«, seufzte Pamela, und dabei war das gesunde Auge auf Georgia und das andere auf das Fenster gerichtet. »Ich wünsche mir, dass ich so sein könnte wie du.«

In der Treppenwindung stand eine Statue der Jungfrau Maria mit einem kleinen Nachtlicht davor. Georgia knickste, kniff die Augen ganz fest zusammen und schickte eine schnelle Bitte um Gnade gen Himmel.

Der breite Flur war sehr dunkel. Er war eichengetäfelt, das einzige natürliche Licht fiel durch ein Fenster im Treppenhaus, und es gab eine einsame Kerze unter dem Bild des Herz Jesu. Es war sinnlos, auch nur einen Blick auf die Eingangstür zu werfen und daran zu denken, sich schnell aus dem Staub zu machen. Selbst wenn sie den mächtigen Riegel dort oben erreichen könnte – mit ihren Turnschuhen und ohne Mantel würde sie im Schnee nicht weit kommen. Stattdessen ballte sie ihre Hände zu Fäusten, wischte sich die Nase am Pulloverärmel ab und klopfte an die Tür der Schwester Oberin.

»Herein!« Die dünne alte Stimme der Schwester Oberin drang aus dem Zimmer heraus. Es klang wie raschelndes, uraltes Pergament.

Georgia drehte den Türknopf aus Messing mit beiden Händen, öffnete die Tür nur einen Spalt breit und griff vorsichtig nach innen. Die Mutter Oberin saß, den Rücken zum Fenster, an einem lodernden Holzfeuer – eine kleine, gebeugte Gestalt in einem übergroßen Armsessel.

»Komm schon rein, wir beißen nicht.«

Zu Georgias Überraschung klang die Stimme fast herzlich. Vielleicht lauerte Schwester Agnes hinter der Tür?

Georgia trat mit gesenktem Blick zögernd ein, ohne den Türknauf loszulassen.

»Mach die Tür zu«, schnappte die Oberin. »Wir wollen nicht frieren.«

Das »wir« ließ Georgia hochblicken. Eine Dame saß auf dem Sofa, das etwas vom Kamin entfernt stand. Sie sah Georgia an. Das Lächeln der Schwester Oberin war jenes, das sie sich normalerweise für Weihnachten und Besucher vorbehielt.

Vorsichtig schloss Georgia die Tür und rückte dabei den schweren Wollvorhang wieder zurecht, der gegen Zugluft schützen sollte. Diese Dame hatte sie schon früher ein- oder zweimal in der Schule gesehen. Eine Lehrerin war sie allerdings nicht. Hatte Georgia diesmal etwas so Schlimmes angestellt, dass sie jetzt jemanden von draußen zur Hilfe holen mussten, um sie zu bestrafen?

Die Mutter Oberin streckte eine winzige, knochige Hand aus und bedeutete Georgia, näher heranzutreten. Angeblich war sie achtzig. Georgia hatte keine Ahnung, ob das stimmte oder nicht, aber auf jeden Fall hatte sie eine Menge Falten – nicht nur um die Augen herum, sondern im ganzen Gesicht – als wäre sie um einen halben Meter geschrumpft und nun zu klein für die ganze Haut.

»Mrs. Anderson arbeitet für das Jugendamt. Sie ist hergekommen, um mit dir zu reden.« Mit einem mulmigen Gefühl stand Georgia auf dem Kaminvorleger. Vor lauter Angst drehte sich ihr Magen um. Sie wusste, was die Leute vom Jugendamt taten: Sie waren diejenigen, die herkamen und Mädchen aus dem Heim entfernten, wenn sie sich schlecht benahmen.

Allerdings sah Mrs. Anderson gar nicht böse aus. Sie hatte das gleiche autoritäre Aussehen wie Mrs. Powell, doch sie saß mit einem so heiteren Ausdruck auf ihrem Platz, als wäre sie in ihrem eigenen Haus. Ihr Gesicht war rund, ihr Haar war fast so geschnitten wie bei einem Mann, aber ihr Lächeln und ihre rosigen Wangen waren entschieden weiblich. »Hallo, Georgia.« Die Frau stand auf. Georgia war überrascht von der kräftigen, klaren Stimme, die den Raum füllte. »Ich vermute, du kannst dich nicht an mich erinnern. Ich habe dich in der Weihnachtsaufführung gesehen.«

»Nehmen Sie mich von hier weg?« Georgia streckte ihr kleines, spitzes Kinn trotzig heraus. »Ich hab’ nichts getan. Ich wollte nur Pamela helfen. Schwester Agnes ist grausam und gemein.«

Die Dame sah überrascht von Georgia zur Mutter Oberin.

Jetzt war Georgia verblüfft. Ihre ganze Kindheit hindurch hatte sie die geheimen Blicke der Erwachsenen studiert. Weswegen diese Dame auch gekommen war – der Grund war jedenfalls nicht, sie noch weiter zu bestrafen.

»Na, na, Georgia.« Die Stimme der Oberin war honigsüß, die Warnung vor einer Strafe versteckt und nur für sie beide wahrnehmbar. Sie stand unsicher auf und legte eine Hand auf Georgias Schulter. Knochige Finger gruben sich gerade kräftig genug in ihr Fleisch, um sie daran zu erinnern, dass sie nicht hereingerufen worden war, damit sie Geheimnisse über irgendjemanden verriet. »Mrs. Anderson ist heute hierhergekommen, um dir ein wunderbares Angebot zu machen. Versuch also nicht, Schwierigkeiten zu machen.«

»Vielleicht sollte ich für einen Moment mit Georgia allein sprechen?« Mrs. Andersons Vorschlag klang mehr wie eine Feststellung.

Georgia blickte von einer Erwachsenen zur anderen, verwirrt, aber nicht mehr ängstlich.

»Wenn Sie das für notwendig halten«, antwortete die ältere Frau steif. Sie richtete ihre kleine, gebeugte Gestalt auf, ihre blutleeren Lippen kräuselten sich vor Ärger. »Ich habe ohnehin einige dringende Aufgaben zu erledigen.« Sie eilte geschäftig auf die Tür zu, wobei sie mit jedem Schritt ihre Missbilligung demonstrierte.

Mrs. Anderson stand auf, nahm Georgias Hand und führte sie zurück zum Sofa.

»Sie war nicht sehr begeistert«, sagte sie und hob dabei Georgias Gesicht mit einem Finger an, um es zu studieren. »Also muss ich mich wohl beeilen.«

Georgia gefiel ihre Berührung. Sie war genau wie ihr ganzes Benehmen: zuversichtlich, lieb, vielleicht sogar mütterlich. Ihre Augen waren grau mit kleinen grünen Sprenkeln, leuchtend und unerschütterlich, mit ein paar kleinen Falten rundherum. Die Falten kamen vielleicht eher vom vielen Lachen als vom Alter, und sie roch so schön frisch – so wie Laken, wenn sie den ganzen Tag draußen im Sonnenschein gehangen hatten. Sie war nicht gerade zierlich mit ihren stattlichen Hüften und einem Busen, der die Vorderseite ihrer Jacke ausbeulte, aber sie war auch nicht richtig dick. Sie war auch nicht so elegant wie Mrs. Powell, aber dafür sah sie freundlicher aus.

»Ich habe dich beim Schulkonzert gesehen«, sagte sie leise, »und deine Stimme war so schön, dass ich dich nicht vergessen konnte. Als ich entdeckte, dass du jahrelang hier zugebracht hast, versuchte ich herauszufinden, ob ich dich adoptieren könnte.«

Georgia fiel vor Überraschung der Unterkiefer herunter.

»Offenbar ist das nicht möglich. Aber trotzdem will ich, dass du mein kleines Mädchen wirst. Ich möchte, dass du mit mir kommst und bei mir lebst, wenn du möchtest.«

Es war wie ein Traum, aber die rundliche, warme Hand, die ihre Hand hielt, war ganz wirklich.

»Sie wollen mich?« Georgias breite Lippen öffneten sich zu einem Grinsen, das von einem Ohr zum anderen reichte.

Zu ihrer Überraschung schienen sich Mrs. Andersons Augen mit Tränen zu füllen.

»Weinen Sie nicht.« Georgia lehnte sich näher an sie heran und berührte zögerlich das Gesicht der Dame. »In zehn Minuten bin ich fertig, wenn Sie wollen.«

Da lachte Mrs. Anderson. Diese Art Lachen hatte Georgia bei den Nonnen nie gehört. Es war der Klang der Freiheit, ein wunderbarer Klang, der auf eine Weise das Leben außerhalb der Klostermauern verkörperte. Georgia fiel in das Lachen ein, und ihre Nase zog sich vor Fröhlichkeit zusammen.

»O Georgia, ich wusste gleich, als ich dich zum ersten Mal sah, dass du mein kleines Mädchen bist«, lachte sie und drückte Georgias Hand noch fester. »Meine Güte, du bist wirklich ein Tonikum.«

»Was ist ein Tonikum?« Plötzlich machte Georgia ein ernsteres Gesicht.

»Das ist eine Art Medizin. Wenn du sie nimmst, fühlst du dich besser«, erklärte Mrs. Anderson, und ihre Augen sprühten immer noch vor Lachen. »Gerade hast du jeden Zweifel aus meinen Gedanken verbannt.«

»Wollen Sie mich wirklich mit zu sich nehmen?« Georgias Augen hatten einen misstrauischen Ausdruck. Auf Schwester Mary und Mrs. Powell konnte man sich verlassen, aber ihr waren noch keine anderen Erwachsenen begegnet, die nicht ihre Meinung geändert hätten.

»Ja, aber jetzt kann ich dich noch nicht mitnehmen. Erst morgen.«

Georgia dachte schnell nach. Sie war sich sicher, dass sie Mrs. Anderson vertrauen konnte. Sie gehörte nicht zu den hohlköpfigen Damen, die hierherkamen und nach kleinen, knuddeligen Spielzeugen Ausschau hielten. Sie hatte vor nichts und niemandem Angst.

»Können Sie dann etwas für mich tun?«, fragte Georgia.

»Ich werde es versuchen.«

»Na ja … finden Sie jemanden, der dafür sorgt, dass Schwester Agnes aufhört. Sie schlägt Pamela, weil sie ins Bett macht. Pamela kann aber gar nichts dafür.«

»Ich werde mein Bestes tun.« Mrs. Anderson sah schockiert aus.

»Hat sie dich jemals geschlagen?«

»Andauernd«, sagte Georgia lässig. »Aber ich bin ja auch größer und kann mehr einstecken. Ich kann mich selbst wehren. Pamela nicht. Sie ist erst sieben, und ihre Mummy und ihr Daddy sind tot.«

»Aber du hast doch auch keine Eltern?« Mrs. Andersons Stimme wurde tiefer, sie strich beruhigend über Georgias Wange und gab ihr dann einen Kuss auf das Haar.

»Stimmt.« Georgia blickte stolz zu ihr auf. »Aber ich bin schon allein, seit ich geboren bin. Ich habe gelernt, damit umzugehen, und außerdem mache ich nicht ins Bett.«

Das schien Mrs. Anderson amüsant zu finden.

»Mr. Anderson und ich wohnen in einem schönen großen Haus in Blackheath«, erklärte sie. »Und ich bin sehr froh, dass du nicht ins Bett machst, weil ich nämlich ein sehr schönes neues Bett für dich gekauft habe. Du wirst ganz in der Nähe zur Schule gehen, und die Heide und der Greenwich Park fangen gleich auf der anderen Straßenseite an. Aber sobald du dich bei uns eingelebt hast, werde ich sehen, was ich für deine Freundin tun kann.«

»Haben Sie noch viele andere Kinder?«, fragte Georgia.

»Nein, ich habe gar keine.« Mrs. Andersons Mund zuckte vor Vergnügen über Georgias verzückten Gesichtsausdruck. »Aber du wirst in der Schule bald neue Freunde finden.«

»Gibt es dort Musik?« Irgendeine versteckte Falle musste es geben, aber vielleicht waren ja Mrs. Powell und ihr Klavier nur ein kleiner Preis für das, was sie erwartete.

»Auf jeden Fall gibt es Musik! Ich spiele selbst Klavier, und wenn du willst, kannst du Musikunterricht und auch Gesangsunterricht bekommen.«

Georgias Augen leuchteten auf, ihr Unterkiefer fiel nach unten, und wenn sich nicht in diesem Moment die Tür wieder geöffnet hätte, hätte sie einen Freudenschrei losgelassen. Aber die Schwester Oberin schlurfte ins Zimmer, und ihr faltiges Gesicht war voller Argwohn.

»Haben wir jetzt genügend Zeit gehabt?« Selbst an Georgia ging ihr Sarkasmus nicht spurlos vorüber.

»Bald werden wir alle Zeit der Welt haben«, sagte Mrs. Anderson liebenswürdig. Sie bückte sich, um Georgia zu küssen.

»Wenn du erst mein kleines Mädchen bist.«

»Jetzt lauf, Georgia.« Die Schwester Oberin hatte nun wieder den für Besucher reservierten Gesichtsausdruck, zusammen mit einem falschen, einschmeichelnden Lächeln und einem herablassenden Ton. Gleichzeitig spielten ihre knochigen Finger die ganze Zeit mit ihrem Rosenkranz. »Mrs. Anderson holt dich morgen Früh ab.«

Der weiß gekachelte Waschraum war voller Dampf. Hier hatten vor weniger als vier Stunden noch zwanzig Kinder in den vier großen Wannen gebadet, aber jetzt war der Fußboden überschwemmt. Trotz des Dampfes war der Raum eiskalt, und die Fensterscheiben klirrten, geschüttelt von einem Wind, der mit Orkanstärke um die alten Klostergemäuer heulte.

Georgia war nach Tanzen und Singen zu Mute. Sie wollte der ganzen Welt erzählen, dass dies ihre letzte Nacht hier war. Morgen würde sie ein eigenes Zimmer haben. Eine Mutter, die sie warm zudeckte. Jemanden, der sie gern singen hörte und Klavier spielen konnte.

Seitdem sie an diesem Tag Mrs. Anderson kennengelernt hatte, war sie von den anderen Kindern ferngehalten worden. Die Schwester Oberin hatte sogar gesagt, dass sie diese Nacht im Isolierraum im obersten Geschoss des Hauses verbringen sollte. Aber heute Abend konnte niemand Georgias ausgelassene Laune dämpfen. Als sie allein im Waschraum war, zog sie den verfilzten grauen Pullover aus, dann den hässlichen langen Rock, ihren Flanellunterrock, das Liberty-Hemdchen und zuletzt den blauen, abgetragenen Schlüpfer. Mittlerweile hatte sie auch vergessen, dass man sich im Angesicht Gottes niemals nackt zeigen durfte, und warf das schäbige alte Unterhemd von sich.

Sie nahm ein kleines Handtuch, wickelte es wie ein Kleid um die Taille und tat so, als sei sie eine erwachsene Frau, die vor einem großen Publikum stand.

»In der schönen Stadt Dublin, wo die Mädchen so schön sind«, sang sie aus vollem Hals und tanzte dabei leichtfüßig durch den Raum. »Da sah ich zum ersten Mal die schöne Molly Mahne.« Die Tür öffnete sich leise. Georgia war so gefangen in ihrer Vorführung, dass sie die langsam näherkommende Schwester Agnes nicht sah. Sie hörte auch nicht, wie diese laut Luft holte. Klatsch!

Wie von einer Wespe gestochen, sprang Georgia auf und ließ ihr Handtuch zu Boden fallen.

Schwester Agnes hielt eine ihrer bevorzugten Waffen in der Hand. Es war nur ein dünnes, feuchtes Handtuch, aber in ihren Händen wurde es zur gefährlichen Waffe. Ihr Körper war vor lauter Bosheit angespannt, als sie das Handtuch wie eine Peitsche über Georgias Hinterbacken knallte.

»Wir bewundern uns also selbst, ja?« Ihr hässliches, aufgedunsenes Gesicht war zu einer argwöhnischen Maske verzerrt. Schon bereitete sie das kleine Handtuch für einen weiteren Hieb vor.

»Habe ich nicht«, gab das Mädchen voller Entrüstung zurück. Sie sprang zur Seite und hob schützend die Hände, um weitere Schläge abzuwehren. »Ich habe nur gesungen.«

»Lüg mich nicht an«, brüllte Schwester Agnes und schwang bedrohlich das Handtuch. »Du bist ein verdorbenes, sündiges Kind mit unsauberen Gedanken. Wie kannst du es wagen, dich zur Schau zu stellen?«

In ihrer Aufregung hatte Georgia vergessen, was im Schlafsaal passiert war. Schwester Agnes hatte es aber ganz eindeutig nicht vergessen. Aber ganz sicher würde sie sich doch jetzt nicht mehr trauen, ihr weh zu tun – wo doch Mrs. Anderson so bald zurückkommen wollte?

»Fassen Sie mich nicht an«, schrie sie aus Leibeskräften. »Ich habe jetzt eine Mutter!«

»Du wagst es tatsächlich?« Schwester Agnes ließ das Handtuch fallen und pirschte sich heran. Rund um ihren Nonnenschleier bebten ihre vielen Kinnrollen vor Wut, die wachsamen Augen waren von Bosheit erfüllt.

Georgia wich bis an die gekachelte Wand zurück, wobei sie mit den bloßen Zehen versuchte, Halt auf dem nassen Boden zu gewinnen. Sie war jetzt bereit, sich nicht unterkriegen zu lassen. Sie war entschlossen, dass die alte Frau nicht die Oberhand über sie gewann.

»Schlagen Sie mich bloß nicht«, schrie sie trotzig, und aus ihren Augen sprühte der neue Mut, den sie gefunden hatte. »Ich werd’s ihr erzählen.«

»Erzähl ihr, was du willst. Glaubst du, dass irgendjemand einem beschränkten Nigger glaubt und mir nicht?«

Georgia nahm allen Mut zusammen. Immer und immer wieder hatte Schwester Agnes ihr dieses Wort vor den Kopf geworfen.

»Ich bin kein Nigger.« Ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Das ist ein böses Wort, und Sie sind auch böse.«

Die Schwester starrte sie einen Augenblick lang an, ganz deutlich überrascht, dass irgendein Kind den Mut hatte, ihr Widerworte zu geben. Hier, gegen die weißen Wände, zeigte sich Georgias dunkle Hautfarbe deutlicher. Nackt war sie so dünn, dass sie fast unterernährt aussah. Die Gliedmaßen glichen Stöcken, der Kopf schien zu groß für ihren Körper zu sein.

Für Schwester Agnes war das Kind vor ihr ein Produkt des Teufels – unehelich geboren, verlassen, als es wenige Monate alt war – für Schwester Agnes der Beweis, dass die Mutter eine Hure war.

Sie hegte einen Groll über die Art und Weise, wie Georgia sowohl bei den Erwachsenen wie auch bei den anderen Kindern Beachtung fand, wenn sie sang und in Rollen schlüpfte. Kein anderes Kind in St. Joseph’s besaß die Frechheit, Widerworte zu geben, so wie es Georgia tat, und jetzt war Georgia von dieser Frau ausgesucht worden, die ihr ein Zuhause geben wollte. Ausgerechnet diese unverschämte Mrs. Anderson, die die Frechheit besaß, anzudeuten, Georgia sei unterernährt. Mrs. Anderson war nicht einmal katholisch. Was gab ihr das Recht, die Fürsorge im Kinderheim von St. Joseph’s zu kritisieren?

Georgia hatte nicht damit gerechnet, dass die Schwester mit ihrem kleinen Stock bewaffnet war. Wie eine Schlange kam er plötzlich aus den Falten der Schwesterntracht hervor. Ungefähr dreißig Zentimeter dünnes, biegsames Holz, glatt und glänzend durch jahrelangen Gebrauch.

Schwester Agnes war alt, dick und außer Atem. Aber Georgia konnte es dennoch nicht mit der Schwester aufnehmen, die mittlerweile mit heiliger Entrüstung erfüllt war.

Während Georgia zurückwich, merkte sie, dass sie in der Ecke wie in einer Falle saß. Mit blankem Entsetzen sah sie zu, wie die alte Frau sich über die Badewanne beugte und die Wasserhähne voll aufdrehte, um alle Geräusche zu ersticken. Immer noch gebückt, mit dem Stock in einer Hand und mit der anderen Hand noch am Wasserhahn, drehte sie sich langsam zu Georgia um. Ihre Lippen verzogen sich zu einem höhnischen Grinsen.

Georgia versuchte, an der Wand entlangzuschlüpfen. Ihr Herz hämmerte, und sie hatte das Gefühl, dass ihre Beine in Zement eingeschlossen waren. Eine Hand krallte sich in Georgias knochige Schulter, die andere hob den Stock in die Höhe.

Es gab ein pfeifendes Geräusch, als der Stock blitzartig durch die Luft schnellte, den Arm des Kindes traf und mit brennendem Schmerz durch die Haut schnitt.

»Bitte nicht!«, schrie Georgia und bewegte sich in einen schmerzverzerrten Tanz.

»Bücken«, bellte die Schwester. »Das hier hättest du schon längst verdient gehabt.«

»Bitte, Schwester«, wimmerte Georgia. »Es tut mir leid, ich habe das nicht so gemeint.«

»O doch, das hast du. Du hältst dich für was Besonderes. Es wird langsam Zeit, dass sich dich mal jemand vorknöpft und diesen stolzen Blick aus dir rausprügelt.«

Georgia kauerte sich noch weiter in die Ecke hinein, ließ sich in die Hocke zusammensinken und hob den Kopf zum Protest.

Sie sah, wie ein schwarzer Schuh unter der Tracht hervorschoss und ihr die Beine wegtrat. Sie schlug mit dem Hinterteil auf den Boden auf.

Der nächste Schlag traf sie am Oberschenkel. Sie kroch über den Boden, um zu entkommen, machte aber den Fehler, dabei der Schwester den Rücken zuzuwenden.

Wieder und wieder schnitten sich die Stockhiebe in ihren Po, ihre Beine und ihren Rücken ein. Sie schrie in panischer Angst, aber die Schreie gingen im Rauschen des Badewassers unter.

»In die Wanne«, brüllte Schwester Agnes.

Schnell ging Georgia um die Schwester herum ans andere Ende der Wanne und sprang hinein. Das Wasser war siedend heiß, aber sie traute sich nicht, aufzuschreien. Es reichte ihr bis zu den Achseln und brannte in den Striemen, die der Stock hinterlassen hatte.

Georgia hatte keinen Kampfeswillen mehr übrig. Sie beugte sich der Schwester, die sie hochriss und mit einer Bürste bearbeitete.

»Jetzt trocknest du dich ab und gehst ins Bett«, zischte die Schwester. »Und sieh zu, dass du dich beeilst.«

Die Tür schlug hinter ihr zu, und Georgia tastete blindlings nach einem Handtuch. Sie zitterte vor Kälte. Ihre Augen brannten, und ihr Körper fühlte sich an, als stünde er in Flammen. Langsam kroch sie aus der Badewanne heraus und sank auf einen Hocker. Das Glücksgefühl, das sie vorher empfunden hatte, gurgelte mit dem Badewasser den Abfluss hinunter. Stattdessen kamen ihr Tränen der Verzweiflung.

»Georgia?«

Schwester Marys Stimme kam von der Tür. Georgia blinzelte.

»Was ist los?« Die Schwester kam über den nassen Boden, die Arme ausgestreckt, ihr Gesicht voller Besorgnis.

»Schwe-Schwester Agnes«, stammelte Georgia.

Ein trockenes, weicheres Handtuch wurde um sie gewickelt, das kleine mit einer flinken Bewegung weggenommen und wie ein Turban um ihr Haar gewickelt.

»Was ist passiert?«, fragte die Schwester, und wie immer war ihr Ton sanft, ein scharfer Kontrast zu Schwester Agnes’ Stimme.

Georgia versuchte, es ihr zu erklären, doch ein Hustenanfall machte es ihr unmöglich, und diesmal kam der Husten mit lauten Schreien heraus. Dabei kamen jedes Mal große Mengen Wasser mit herauf, die sie geschluckt hatte. Schließlich lag Georgia auf Schwester Marys Schoß. Sie drehte das Kind mit einer geschickten Bewegung auf den Bauch und klopfte ihr auf den Rücken, bis der Anfall vorbei war. Georgia fühlte, wie sie die Wunden behutsam mit dem Handtuch zu lindern versuchte.

»Was hast du gemacht?« Die Stimme der Schwester war sanft, aber gleichzeitig schwang ein stahlharter Ton mit.

»Ich habe gesungen und getanzt, und sie hat gesagt, dass ich mich bewundere. Sie hat Nigger zu mir gesagt«, schluchzte Georgia.

Die Schwester sagte nichts. Sie hob das Kind nur in ihre Arme, hielt es fest an ihre Brust gedrückt und besänftigte es mit Liebkosungen.

»Ich trockne dich jetzt ab und bringe dich zu Bett.« Ihre Stimme zitterte ein wenig. »Morgen hast du einen großen Tag vor dir. Schwester Agnes wird dich nie mehr anrühren.«

Sie hob Georgia, die immer noch nur in das Handtuch eingewickelt war, hoch und ging schnellen Schritts mit ihr die Treppe hinauf in Richtung des Isolierzimmers.

»Warte einen Augenblick«, sagte sie, als sie das Kind auf das Bett sinken ließ. »Ich sehe nur schnell nach, ob ich einen Schlafanzug finde.«

Bei Nacht war der Raum heimelig. Eine kleine Nachttischlampe und ein eingeschalteter Gaskamin mit künstlichen Flammen gaben dem spärlich eingerichteten Zimmer eine Wärme, die jedem anderen Raum der Klosterschule fehlte. Obwohl sie am ganzen Körper Schmerzen hatte, bemerkte Georgia, dass jemand saubere Kleider für den nächsten Morgen auf den Stuhl gelegt hatte. Ein Schottenrock und ein Pullover, der viel schöner war als die, die sie normalerweise anziehen musste. Ihre Schluchzer verblassten zu einem Schluckauf.

»So.« Mit einem Schlafanzug und einem Unterhemd über dem Arm kam Schwester Mary wieder ins Zimmer geeilt.

In einer Hand hielt sie einen Topf mit Salbe.

»Leg dich auf den Bauch«, sagte sie mit sanfter Stimme. »Hiermit wird es nicht mehr so weh tun.«

Zuerst wimmerte Georgia bei jeder leichten Berührung, doch nach und nach ließen die Schmerzen unter der Berührung von Schwester Marys heilenden Händen nach. Mit festem Griff drehte die Schwester sie auf den Rücken. Mehr Salbe wurde auf ihrem Bauch, ihrer Brust und ihren Armen verteilt.

»So ist es besser«, sagte die Schwester. Sie nahm das Unterhemd und zog es schnell über Georgias Kopf, und danach sofort den warmen Schlafanzug. »Und jetzt ins Bett mit dir. Ich trockne dir die Haare noch ein bisschen.«

»Warum ist Schwester Agnes so gemein?« Während ihre Haare kräftig gerubbelt wurden, hatte Georgia Mut für die Frage geschöpft.

»Ich kann nichts über eine andere Schwester sagen.« Mary erklärte dies vorwurfsvoll und mit einem Zwinkern in den Augen. »Aber du wirst noch herausfinden, dass die Welt voller ganz verschiedener Leute ist – manche sind nett, manche schlicht und einfach gemein. Sagen wir einfach, dass Schwester Agnes tief drinnen nicht so glücklich ist wie ich.«

»Warum sind Sie glücklich?« Georgia drehte den Kopf herum, damit sie Marys Gesicht richtig sehen konnte.

»Weil Gott es für richtig hielt, mich hierherzuschicken.« Die Schwester lächelte, und ihre blauen Augen zwinkerten wieder. »Wie hätte ich dich sonst kennenlernen sollen?«

»Warum nimmt mich diese Dame mit zu sich nach Hause?«

Die Schwester lachte und zeigte dabei eine Reihe gleichmäßiger, weißer Zähne im gedämpften Licht. »So viele Fragen! Ich denke, ihr haben dein Mut und deine Begeisterung gefallen. Genau wie mir.«

»Dann werde ich für immer ihr kleines Mädchen sein?« Jetzt leuchteten Georgias Augen. Der schmerzende Körper war vergessen.

»Ich denke schon.« Schwester Mary zwirbelte eine Locke um ihren Finger. »Sie ist eine starke und fürsorgliche Frau, Georgia. Du wirst es bei ihr und ihrem Mann gut haben. Sei einfach ein braves Mädchen, und sie wird sich um alles andere kümmern.«

»Wird sie mich hierher zurückschicken, wenn ich böse bin?« Vor Angst weiteten sich Georgias Augen.

»Irgendwie bezweifele ich das.« Die Schwester ließ ein leises, tiefes Lachen hören. »Ich glaube nicht, dass sie zu denen gehört, die einfach aufgeben – egal, wer oder was auch kommt. Aber komm nicht auf die Idee, sie auf die Probe zu stellen, hörst du? Sogar für die allernettesten Leute ist das Maß irgendwann voll.«

Sie zog einen Kamm aus ihrer Tasche und fuhr damit durch Georgias feuchtes Haar. Georgia blickte auf und sah, dass der Nonne eine Träne die Wange herunterlief.

»Warum weinen Sie?«, flüsterte sie.

»Ich bin nur traurig, weil ich weiß, dass dies die letzte Nacht ist, die wir hier zusammen sind«, erwiderte die Schwester und wischte mit einer Hand über die Wange. »Wir sind lange Freundinnen gewesen. Ich habe dich an deinem ersten Abend hier ausgezogen. Du hast dich an mich geklammert wie ein Äffchen.« Sie lächelte bei dieser Erinnerung.

Es war eine wilde Novembernacht, in der Georgia mit einer Sozialarbeiterin im Kinderheim eintraf. Gerade einundzwanzig Monate alt, pummelig und mit pechschwarzen Locken, die ihren Kopf wie einen Heiligenschein umgaben, den Daumen fest im Mund vergraben, die Augen so schwarz wie die Nacht.

Es war nicht bekannt, ob sie ausgesetzt worden oder eine Waise war. Nur der Name »Georgia« war weitergegeben worden. Ihr Geburtsdatum, der 6. Januar 1945, war nur ein ungefähr geschätztes Datum.

Schwester Mary war erst wenige Wochen in St. Joseph’s und entsetzt über den allgemeinen Zustand des Heims. Es gab kein Spielzeug und auch herzlich wenig warme Kleidung oder warmes Bettzeug, dafür aber Kinder mit eiternden Wunden, Würmern und Läusen. Sie war aufgrund ihres jugendlichen Alters hierhergeschickt worden und weil sie ausgebildete Krankenschwester war. Bisher war es ihr allerdings nicht gelungen, auch nur eine kleine Schneise durch den Berg der Missstände zu schlagen, die sie hier sah.

Sie nahm Georgia in die Arme, wiegte sie an ihrer Brust und sah zu, wie die dunklen Augen langsam zufielen. Sie hätte darauf bestehen sollen, das Kind an einen Ort zu bringen, wo ein Baby besser aufgehoben war, aber sie hörte die Verzweiflung in der Stimme der Sozialarbeiterin, die Klagen darüber, dass das Haus voll sei, und so schloss sie das Kind ins Herz.

Es war Liebe auf den ersten Blick. Baden, Anziehen, Lehren und Füttern waren nicht länger Pflicht, sondern eine Freude. Die kleinen braunen Arme, die sich um ihren Hals legten und die feuchten, süßen Küsse waren eine ständige Erinnerung an alles, was sie für ihr Gelübde aufgegeben hatte.

Aber als die Jahre vergingen, legte sich manchmal Angst über die Freude. Sie sah, wie sich Georgias Charakter formte. Sie entwickelte sich zu einem verwegenen Clown, sie wurde zur Anführerin und Unterhalterin; sie war ein Kind, das sofort allen Schwächeren zur Seite stand, und sie wusste auch, dass Schwester Agnes genügend Macht und Hass besaß, um all dies zu zerstören. Mary war es gelungen, viele Dinge in St. Joseph’s zum besseren zu wenden. Speiseplan, Hygiene und Gesundheit der Kinder besserten sich, aber die Mutter Oberin hatte immer noch einen blinden Fleck, wenn es um Schwester Agnes’ Grausamkeit ging. Sie weigerte sich, zuzugeben, dass Frauen mit einem solchen Charakter nichts mit Kindern zu tun haben sollten.

Als sie hörte, dass Mrs. Anderson Georgia als Pflegekind zu sich nehmen wollte, war es für Mary, als würde ihr das Herz aus dem Leib gerissen. Gleichzeitig aber war sie auch nicht bereit, weiter ruhig zuzusehen, wie Georgias stolzer Geist gebrochen wurde, ihre Stimme zum Verstummen gebracht und sie zu einer verschreckten, leeren Hülle wurde.

»Gute Nacht, mein kleiner Schatz.« Schwester Mary beugte sich über Georgia und küsste ihr die Wange. »Denk manchmal an mich, wenn du betest, und vielleicht schreibst du mir, wenn du Zeit dazu hast.«

»Ich komme zurück und besuche Sie«, sagte Georgia schläfrig, und ihre Augen fielen zu.

»Sing einfach ab und zu für mich.« Die Schwester wischte eine Träne von ihrer Wange. »Ich werde dich hören, wo immer ich auch sein werde. Gott schütze dich.«

Als sie die Tür erreicht hatte, schlief Georgia schon. Ihre dichten, dunklen Locken bildeten einen schwarzen Heiligenschein auf dem Kopfkissen, und einen Arm wand sie um ihren Kopf. Einen Moment sah Schwester Mary die Schönheit, die später kommen würde. Kaffeebraune Haut mit rosa Untertönen, eine perfekte Knochenstruktur. Zu gleichmäßige Gesichtszüge für ein erst neunjähriges Kind, jedoch der Grundstock für wirkliche Schönheit. Sie schloss leise die Tür und hielt für einen Moment inne, um ihre Fassung wiederzuerlangen.

Morgen würde Mrs. Anderson Striemen auf dem Körper des Kindes sehen, und Schwester Mary wusste mit absoluter Sicherheit, dass diese fürsorgliche Frau schnell und gnadenlos handeln würde. Durch das Leiden eines Kindes konnten vielleicht viele andere davon verschont bleiben.

»Beschütze und erhalte sie, Herr«, flüsterte sie. »Und gib mir die Stärke, es mit Schwester Agnes aufzunehmen.«

Kapitel 2

September 1956

Lass mich hier aussteigen, Daddy!« Unsicherheit machte Georgias Stimme ein wenig zittrig, als sie in die Kidbroke Lane einbogen und der Schulhof der Gesamtschule bedrohlich näher kam.

Es war ein heißer, sonniger Morgen mit lebhaften Farbklecksen in den Vorstadtgärten, und es sah aus, als wollten die Dahlien sich gegenseitig mit aller Macht in ihrer Leuchtkraft übertrumpfen.

»Willst du nicht, dass ich mit dir reingehe?« Brian Anderson fuhr an die Seite und wandte sich Georgia zu.

»Ich sehe ja wie ein Baby aus, wenn du das tust.«

»Du bist ja auch unser Baby.« Brian lachte leise. »Aber ich weiß schon, was du meinst. Mit manchen Dingen muss man allein fertig werden.«

»Hattest du an deinem ersten Tag in einer großen Schule denn Angst?« Georgia lehnte sich einen Augenblick lang an seine Schulter. Der Geruch des gestärkten Hemdes und der Duft des Aftershaves gaben ihr Kraft.

»Fürchterliche Angst«, gab er zu und tätschelte dabei ihre kleine Hand mit seiner großen. »Aber es war gar nicht so schlimm, wie ich erwartet hatte. Das ist mit allen Dingen so.«

»Dann gehe ich jetzt los.« Sie richtete sich auf und neigte sich näher zu Brian heran, um seine glatte Wange zu küssen. »Sehe ich auch wirklich vernünftig aus?«

»Vernünftig! Du siehst einfach toll aus«, lächelte er und wünschte sich dabei, er könnte sie noch einmal knuddeln und dieses besorgte Stirnrunzeln vertreiben. »Jetzt aber raus mit dir, und mach dir keine Sorgen mehr. Dort sind noch andere neue Mädchen. Hunderte, und sie sind genau wie du!«

Brian Anderson sah zu, wie sie die Straße überquerte und an der Umzäunung entlang auf das Tor zuging. Hunderte anderer Mädchen füllten die Allee. Mit dem Frieden war es hier vorbei. Das neue Schuljahr hatte begonnen. Aber Brian Anderson nahm die anderen Mädchen kaum wahr, seine Augen waren nur auf Georgia gerichtet.

Sie hatte sich in zwei Jahren so verändert, dass sie fast nicht wiederzuerkennen war. Sie war in die Höhe geschossen, ihre Arme und Beine, die früher Stöcken geglichen hatten, waren durch das gute Essen etwas runder geworden, das einst kurzgeschorene Haar konnte sich jetzt auf ihren Schultern kringeln, und ihre Haut hatte den gelblichen Farbton verloren.

Unter einem schicken neuen Blazer schwang ihr marineblauer Faltenrock, und ihr Barett saß frech auf ihrem Kopf. Und doch spürte er beim Anblick ihrer kindlichen braunen Beine in den langen grauen Socken und der steifen, glänzenden Schultasche über ihrer Schulter ganz unerwartet einen Kloß im Hals.

»Lass sie dich akzeptieren, Georgia«, sagte er leise, als er den Gang einlegte und anfuhr. »Genauso, wie du es bei mir geschafft hast.«

Brian Anderson kannte das Gefühl, anders zu sein, besser als irgendjemand sonst. Er war von seiner verwitweten Mutter allein in dem großen Haus in Blackheath großgezogen worden, wo er immer noch lebte. Er verstand es, wenn ein Kind das Bedürfnis hatte, genau wie alle anderen zu sein.

Seine Mutter hatte ihn mit den besten Absichten von anderen Kindern ferngehalten. Sie wollte ihn vor Leid bewahren, ihn in einen Kokon der Zuneigung einhüllen. Eine kleine, exklusive Privatschule, in der man auf die raueren Sportarten herabsah; Abende, die gemeinsam lesend mit ihr verbracht wurden oder lange Spaziergänge im Sommer. Er hatte sich bereitwillig in eine Banklaufbahn hineinbugsieren lassen. Männer, die Mädchen, Tanzen, Trinken oder Sport mochten, waren keine Gentlemen.

Brian hielt sich nicht für schwach, und er fand auch nicht, dass er sich den Wünschen seiner Mutter unterwarf. Er war einfach ein Einzelgänger, der keine Abwechslung und keine neuen Erfahrungen brauchte. Nicht einmal Herausforderungen. Manchmal allerdings wünschte er sich doch, dass sein bisheriges Leben etwas ereignisreicher hätte sein können.

Als Brian über die Heide in Richtung Lewisham fuhr, sah er bei einem kurzen Blick in den Rückspiegel sein Gesicht. Rotblondes Haar, das langsam dünner wurde, ordentlich zur Seite gekämmt. Ein rundes, volles Gesicht, das sich seit seiner Teenagerzeit kaum verändert hatte. Eine frische Gesichtsfarbe. Blassblaue Augen mit rötlichen Wimpern und Augenbrauen. Eine gerade, kleine Nase und gleichmäßige weiße Zähne, die vor allem das Produkt mütterlicher Fürsorge und Aufmerksamkeit waren. Kein gutaussehender Mann, aber, wie seine Mutter immer wieder betonte: »Kleider machen Leute.« Seine Anzüge waren sämtlich von Hand geschneidert: für die Bank marineblau mit einem kaum sichtbaren Nadelstreifen, helles Grau für öffentliche Anlässe und ein marineblauer Blazer für die Wochenenden und Ferien.

Seine Hemden wurden immer in die Wäscherei geschickt. Ihm gefiel es, wenn seine Kragen steif und gestärkt waren, die Krawatten in gedeckten Farben. Er besaß vier Paare identischer schwarzer Lederschnürschuhe, die er in täglichem Wechsel trug. Man sah ihm seinen Beruf an: ein fünfzigjähriger, angesehener, verlässlicher Bankfilialleiter, ordentlich und fleißig.

Es herrschte starker Verkehr, als Brian sich langsam der High Street in Lewisham näherte. Er unterdrückte einen Fluch und stellte fest, dass er zum allerersten Mal in seinem Leben zu spät kommen würde.

Er parkte seinen Humber in einer Seitenstraße in der Nähe der Bank, nahm seine Aktentasche vom Rücksitz und schloss hastig die Autotür ab.

»Guten Morgen, Mr. Anderson.«

Die Stimme seiner Sekretärin ließ ihn hochblicken.

»Guten Morgen, Miss Bowden.« Er lächelte. »Ich fürchte, ich bin ein bisschen spät dran. Ich habe Georgia heute Morgen zu ihrer neuen Schule gebracht.«

»Keine Sorge.« Miss Bowden entging das sorgenvolle Stirnrunzeln nicht. »Ich habe heute Morgen extra keine Termine vor zehn Uhr dreißig für Sie gemacht. Ich habe schon damit gerechnet, dass Sie heute ein wenig aufgehalten werden.«

Miss Bowden war seit drei Jahren seine Sekretärin. Eine vernünftige unverheiratete Frau Mitte dreißig und ihrer Arbeit ebenso mit Leib und Seele zugetan wie Anderson selbst. Ihr dunkles Kostüm und die weiße Bluse, die robusten, flachen Schuhe und das ordentlich frisierte braune Haar dienten anderen, jüngeren Angestellten als ständige Erinnerung, dass so eine Frau im Bankgeschäft auszusehen hatte.

»Ich will nur hoffen, dass Coulson pünktlich war.« Brian parkte den Wagen neben dem Bürgersteig. Noch mehr als sein Zuspätkommen irritierten ihn die vielen Menschen, die schon zu so früher Stunde ihre Einkaufswagen über den Markt schoben. »Es ist schon so lange her, dass man von ihm erwartete, die Bank aufzuschließen … ich bezweifle, dass er noch weiß, wie es geht.«

»Natürlich weiß er das«, versicherte Miss Bowden ihrem Chef.

»Schauen Sie selbst – die Lichter sind an.«

Eigentlich war es nicht notwendig, dass Anderson vor neun Uhr dreißig in der Bank war, aber er legt alte Angewohnheiten nur schwer ab. Oft saß er schon kurz nach acht Uhr dreißig an seinem Schreibtisch, lange, bevor die anderen Angestellten eintrafen. Diese Art Zuverlässigkeit war es gewesen, die ihm die Beförderung zum Filialleiter eingebracht hatte, und obwohl Celia ihm immer wieder sagte, dass es für ihn langsam Zeit war, sich zurückzulehnen und die Dinge etwas leichter zu nehmen, gefiel es ihm immer noch, da zu sein und die Bank aufzuschließen.

»Wie ging es Georgia denn heute Morgen?«, fragte Miss Bowden. »War sie nervös? Es ist ein großer Schritt, in eine so große Schule zu gehen.«

»Ein bisschen nervös war sie, aber sobald sie sich eingewöhnt hat, wird sie sich wohl fühlen.« Andersons Gesichtsausdruck wurde ein bisschen weicher. »Erinnern Sie mich dran, dass ich meine Frau später anrufe, ja?«

»Was für ein reizendes Mädchen sie ist!« Miss Bowden lächelte herzlich, als sie sich der Eingangstür näherten und klingelten, damit sie jemand hereinließ. »Sie macht Ihnen beiden Ehre.«

»Danke, Miss Bowden.« Das Kompliment ließ Brians rundes Gesicht strahlen. Manchmal hatte er das Gefühl, ein wenig in Georgias Schatten zu stehen. Deshalb war es nett zu wissen, dass wenigstens seine Angestellten merkten, dass er dafür verantwortlich war, wie vielversprechend sich Georgia entwickelt hatte. »Das war nicht alles leicht für sie, aber sie ist die Unruhe wert gewesen.«

Niemand wusste, welch einen Schrecken es ihm eingeflößt hatte, ein Kind mit unbekanntem Hintergrund in seinem Haus zu haben, am wenigsten Celia. Er verbarg es, so wie er viele andere Dinge verbarg. Celia war wie seine Mutter; es war einfacher, sich nach ihren Wünschen zu richten, als mit ihr zu streiten.

Jetzt trieb es ihm die Röte ins Gesicht, wenn er sich daran erinnerte, als er seinen Freunden und Kollegen erzählt hatte, wie Georgias Rücken bei ihrer Ankunft mit Striemen bedeckt war. Er nahm alle Anerkennung für Georgias gute Fürsorge für sich in Anspruch und ließ anklingen, dass er Himmel und Erde in Bewegung setzen wollte, damit St. Joseph’s geschlossen würde.

Ihre Verletzungen hatten ihn entsetzt, aber es war Celia und nicht er gewesen, die sich damit auseinandergesetzt hatte. Warum hatte er solche Furcht gehabt, ein kleines Kind könne ihr schönes, friedliches Haus zerstören? Warum hatte er sich beleidigt und stumm im Hintergrund gehalten, während Celia sich mit Leib und Seele in ihre Mutterrolle begeben hatte?

Natürlich hatte er damals nicht gewusst, wie viel Gutes ein einziges Kind mit sich bringen konnte. Hätte er es bemerkt, so wäre er vielleicht das Etikett »Der langweilige alte Anderson« über Nacht losgeworden, und vielleicht wäre er auch weniger trotzig gewesen. Es war, als sei er einem exklusiven Club beigetreten. Plötzlich stand er bei Gesprächen, in denen sich alles um das Familienleben drehte, nicht länger außen vor. Seine Angestellten hatten größeres Interesse an ihm, und zum ersten Mal in seinem Leben hatte er das Gefühl, ganz akzeptiert zu werden.

Für ihn hatte es vielleicht ein wenig länger gedauert, ein richtiger Vater zu werden, als er es seine Kollegen hatte bemerken lassen, aber in dieser Zeit gab es Augenblicke des Erstaunens. Wenn er Spaziergänge mit Georgia unternahm, ihr das Radfahren beibrachte oder ihr bei den Rechenaufgaben half – all dies bereitete ihm ein Vergnügen, das er nicht erwartet hatte. Frauen sahen ihn anders an und blieben stehen, um mit ihm zu reden. Er fühlte sich mächtig, als Mann der Tat und nicht mehr nur als ein Mann in den mittleren Jahren mit rötlichem Haar, der sich an einer Aktentasche festhielt.

Nun, vielleicht ging der Zauber nicht so weit, dass Celia ihm nun mit echter Leidenschaft begegnete. Auch war ein Mischlingskind kein richtiger Ersatz für ein eigenes Kind. Aber wenigstens hatten er und Celia ein gemeinsames Interesse. Sie sah jünger und hübscher aus, lachte häufiger und kuschelte sich nachts an ihn. Vielleicht würde sich diese neue Wärme mit der Zeit in Begehren verwandeln.

Sein Büro roch nach frischer Möbelpolitur. Ein sauberes Blatt Papier lag auf seiner Schreibunterlage, und seine Stifte waren ordentlich auf einer Schreibtischablage angeordnet. Bald würde ihm eine der kleineren Angestellten frischen Kaffee bringen, und dank Miss Bowdens Aufmerksamkeit hatte er Zeit, sich zu sammeln und seine Gedanken nicht länger bei Georgia aufzuhalten.

Erinnerungen an sie umgaben ihn überall: der kleine Tintenwischer, auf den sie »Daddy« gestickt hatte und den sie ihm zum letzten Weihnachtsfest geschenkt hatte; ein Bild von ihm, von Celia sorgfältig gerahmt. Früher hätte er niemals daran gedacht, das Bild eines Mannes mit flammend rotem Haar in seinem Büro aufzuhängen, aber insgeheim liebte er das Bild, das Georgia von ihm gemalt hatte. Sie hatte sein verborgenes Selbst eingefangen; ein stark aussehender Mann, der Kricket spielte. Es bot den Kunden Gesprächsstoff, ließ sie lockerer werden; sie erkannten, dass er mehr war als nur ein Stockfisch.

Schließlich war da noch das Foto aus dem Urlaub in Bournemouth, auf dem sie alle drei zu sehen waren. Celia in einem tief ausgeschnittenen Cocktailkleid, er in einer Smokingjacke, Georgia zwischen ihnen. Sie lachte sie beide an, ganz dunkle Locken, große Augen und Grübchen.

»Ihr Kaffee, Mr. Anderson.« Er hatte Miss Bowden nicht eintreten hören. Sie stellte seine Tasse vor ihm hin und legte seinen Terminkalender daneben. »Machen Sie sich keine Sorgen über sie.« Sie klopfte ihm leicht auf die Schulter. »Georgia kann es mit jedem aufnehmen, das wissen Sie doch. Vergessen Sie nicht, Ihre Frau anzurufen.«

Georgia sah auf die Schule, als sie sich dem Haupteingang näherte, und dabei drehte sich ihr vor Angst der Magen um. Es war die größte Schule in Süd-London, nur Glas und Beton. Obwohl sie beiden Eltern versichert hatte, dass auch einige ihrer Freundinnen aus der Grundschule hier sein würden, war es in Wahrheit so, dass die meisten von ihnen anderswo einen Platz bekommen hatten.

Es war leicht, die Schüler aus dem ersten Jahrgang ausfindig zu machen. Genau wie sie trugen sie brandneue Uniformen, sie standen mit weißen Gesichtern ängstlich herum und hielten krampfhaft die Tränen zurück; allesamt viel kleiner als die Mädchen, die an ihr vorbeischlenderten, ihren Freundinnen etwas zuriefen und dabei ihre Barett in die Luft warfen.

Mädchen, die wie erwachsene Frauen aussahen und makellose Abzeichen an ihren Blazern trugen, führten die Mädchen zur großen Aula. Georgia sah sich beklommen um, während die Lehrer Namen ausriefen und die Mädchen anwiesen, sich in einer Reihe aufzustellen. In der oberen Klasse der Unterstufe gab es nur Kinder. Allein in dieser Aula befanden sich schon fast dreihundert, und sie konnte nicht einen Menschen sehen, den sie kannte.

»Georgia Anderson.«

Sie hob ihre Hand und wurde in eine Reihe gewiesen.

Die Lehrerin, die ihren Namen ausgerufen hatte, kam nach vorne und lächelte sie liebenswürdig an. Sie war jünger, als Georgia erwartet hatte, vielleicht nicht älter als dreißig, und sehr elegant. Ihre blonden, glatten Haare waren kurzgeschnitten und hinten hochgebunden. Sie trug ein schwarzes Kostüm mit einem geraden Rock und ein weißes Spitzenhemd. Ihren hellbraunen Augen schien nichts zu entgehen. Sie erinnerte Georgia an Miss Powell, die Direktorin, die Klavier gespielt hatte. Das schien ihr ein gutes Omen zu sein.

»Mein Name ist Miss Underwood«, sagte sie mit knapper, wohltönender Stimme. »Ich bin eure Klassenlehrerin und werde euch jetzt zu eurem Klassenzimmer bringen. Dort erkläre ich euch alles. Ihr seid in Klasse 1b. Das ist alles, was ihr euch erst einmal merken solltet. Jemand wird euch in eure Klasse zurückbegleiten, wenn ihr euch verirrt. Folgt mir.«

Georgia folgte den anderen Mädchen schweigend. Als sie begannen, die Treppe hinaufzugehen, drehte sie sich zu einem Mädchen um, das hinter ihr ging.

»Kennst du irgendjemanden hier?«

»Niemanden.« Das kleine Mädchen war den Tränen nahe. Sie sah kaum alt genug aus, um eine weiterführende Schule zu besuchen; ihre babyblauen Augen, die rosigen Wangen und die blonden Rattenschwänzchen schienen fehl am Platz neben den streng blickenden größeren Mädchen, die sie hatten vorbeistolzieren sehen.

»Ich auch nicht. Ich bin Georgia Anderson. Wie heißt du?«

»Christine Fellows«, flüsterte das blonde Mädchen als Antwort. »Glaubst du, wir können nebeneinander sitzen?«

Bis zur Morgenpause hatte Georgia versucht, sich jedes Gesicht einzuprägen. Christine hatte das Pult neben ihr bekommen, und obwohl es noch nicht möglich gewesen war, miteinander zu sprechen, schien sie wenigstens freundlich zu sein.

»Glaubst du, wir werden uns jemals hier zurechtfinden?«, seufzte Christine, als sie zur Pause nacheinander aus dem Klassenzimmer hinausgingen. »Wir haben jede Stunde in einem anderen Klassenraum. Was ist, wenn wir uns verirren?«

»Dann bleiben wir besser zusammen«, kicherte Georgia. »Ich denke nicht, dass sie uns bestrafen, wenn wir uns in der ersten Woche verirren.«

Als sie die letzte Treppe herunterkamen, war die Zahl der Mädchen, die in den großen Flur zusammenströmten, auf mehrere hundert angewachsen. Alle redeten gleichzeitig, eine wogende Menge in Marineblau, die auf die Türen zum Schulhof zuströmten.

Christine klammerte sich an Georgias Blazer fest, als sie den Flur erreichten. Umgeben von größeren Mädchen, die stießen und schubsten, schoben sie sich blindlings stückchenweise vorwärts.

Die Menge löste sich plötzlich auf, als alle in das helle Sonnenlicht hinaustraten. Beide Mädchen blieben stehen und sahen sich suchend nach der Milchausgabe um.

»Noch eine Niggerin im ersten Jahr.«

Die Bemerkung wurde laut ausgesprochen. Bosheit schwang mit. Georgias Kopf wirbelte herum, und sie sah eine Gruppe Mädchen, die um die Milchkisten herumstanden. Alle waren ungefähr vierzehn. Georgia dachte, dass die Beleidigung ihr galt und blieb abrupt stehen. Christine schien nichts gehört zu haben, denn sie ging auf die Mädchen zu und nahm zwei Flaschen aus der Kiste.

»Was ist los?«, fragte sie, als sie zurückkam und Georgia ihre Milchflasche gab.

Georgia hörte sie kaum, als sie sah, wie ein kleines Mädchen aus der Karibik von einem düster dreinblickenden, großen Mädchen weggeschoben wurde.

»Nigger kriegen ihre Milch um die Ecke«, knurrte sie die verängstigte Erstklässlerin an. »Das hier ist nur für Weiße.«

Das Mädchen sah dreist aus; sie hatte unordentliche, gebleichte blonde Haare, und ihre Krawatte war heruntergezogen. Obwohl sie die Uniform durchaus trug, hatte sie alles Menschenmögliche getan, dies zu verbergen. Ihr Rock war kurz und eng, er wurde von einem breiten ›Wespentaillengürtel‹ gehalten. Die Ärmel ihres Hemdes waren hochgekrempelt, ein enormer Busen dehnte den Stoff bis an seine Grenzen. Sie trug Nylon-Strümpfe und bequeme Schuhe anstatt der festen Schnürschuhe, die Georgia trug. Ein Knutschfleck am Hals und ein pickeliges, blässliches Gesicht trugen noch zu ihrer schlampigen Erscheinung bei.

»Glaubst du, das stimmt?«, flüsterte Georgia Christine zu.

»Was?«

»Dass farbige Mädchen ihre Milch woanders bekommen?« Sie war hin- und hergerissen zwischen dem Drang, sich von hier weg und in die Menge zu bewegen, bevor jemand ihre Hautfarbe bemerkte, oder dem schwarzen Mädchen zur Verteidigung beizustehen.

»Ich glaube nicht.« Christine sah verwirrt aus. »Meine Schwester ist auch hier zur Schule gegangen. Sie hat nie was davon gesagt.«

»Sie müssen einen extra Kasten für mich aufstellen, wenn es stimmt.« Georgia versuchte zu lächeln. »Ein Mittelding zwischen den beiden, so eine gräuliche Farbe.«

Als Georgia und Christine schließlich um die Ecke gegangen waren, um nachzusehen, war das Mädchen aus der Karibik unter den Hunderten von Kindern verschwunden, aber es gab auch keine Milchkisten mehr, und es wurde offensichtlich, dass das große Mädchen einen grausamen Scherz gemacht hatte.

»Reg dich nicht darüber auf«, sagte Christine. »Meine Schwester hat mir von allen möglichen Dingen erzählt, die sie den Mädchen aus dem ersten Jahr antun. Sie hat gesagt, dass sie den Kopf von einem Mädchen in die Toilette gesteckt und dann die Spülung gezogen haben.«

Der Tag zog in einem verschwommenen Nebel neuer Erfahrungen vorbei. Bücher und ungeheuer erscheinende Stundenpläne wurden ausgehändigt, es gab so viele neue Gesichter und Namen, die zu ihnen gehörten, dass Georgia den Vorfall aus der Morgenpause vergaß.

Georgia trennte sich an der Schulpforte von Christine, nachdem sie ausgemacht hatten, sich am nächsten Morgen dort zu treffen. Dann wandte sie sich nach links und stieß zu einer kleinen Gruppe Mädchen, die in Richtung Blackheath gingen.

Die Sonne schien ihr heiß auf Kopf und Schultern herab, sodass Georgia ihren Blazer auszog und ihn trug. Vor ihr an der Straßenecke, um die sie biegen musste, versammelte sich eine Gruppe Mädchen. Georgia beschleunigte ihren Schritt, um zu sehen, was los war. Sie wusste, dass es ein Streit war; sie konnte die Spannung in der Luft schon spüren, bevor sie die Gruppe erreichte, und sie erkannte die Stimme, auch wenn sie nicht über die Köpfe der anderen Mädchen hinwegsehen konnte.

»Du gerissenes kleines Miststück.« Es war dasselbe große Mädchen, das verhindert hatte, dass das Mädchen aus der Karibik Milch bekam. Georgia schlich um die Menge herum und wollte ihren Heimweg fortsetzen, aber der Anblick vor ihr ließ sie augenblicklich stehenbleiben.

Das große Mädchen hatte das kleine schwarze Mädchen an den Haaren gepackt und schlug ihr ins Gesicht wie jemand, der einen Teppich ausklopft.

Georgia ließ ihre Tasche und ihren Blazer fallen und rannte die letzten paar Meter, ohne nachzudenken.

»Hör auf damit.« Sie bekam das Hemd des älteren Mädchens zu fassen. »Sie ist kleiner als du, und sie ist neu!«

Erst, als das Mädchen aufhörte und ihr Opfer losließ, fühlte Georgia einen Angststich.

»Und wer zum Teufel glaubst du, wer du bist? Die blöde Jeanne d’Arc?«

Brüllendes Gelächter kam aus der Menge.

Es waren alles weiße Mädchen, hauptsächlich aus dem dritten und vierten Jahrgang, darunter drei oder vier, die Georgia in der Pause zusammen mit dem rüpeligen Mädchen gesehen hatte. Die restlichen Mädchen waren nur auf dem Nachhauseweg und freuten sich über eine kleine Ablenkung.

Plötzlich schien die baumgesäumte Vorortstraße feindselig und sehr weit weg von zu Hause. Georgia wusste, dass sie sich in etwas eingemischt hatte, dem sie nicht gewachsen war.

»Ich weiß, dass es mich nichts angeht«, sagte Georgia und klang ruhiger, als sie sich fühlte. »Aber es ist nicht richtig, jemanden zu schlagen, der kleiner ist als man selbst.«

Das Mädchen aus der Karibik wich zurück, die Augen vor Schmerz verdreht, ihr Gesicht von den Schlägen verschwollen. Aber sie hatte nicht den Verstand, davonzulaufen, genau wie Pamela damals in St. Joseph’s.

»Kann sie nicht vornehm reden?« Das Mädchen griente ihr Publikum an. Sie schaute zu Georgia zurück, und ihr fieser Mund verzog sich zu einem höhnischen Lächeln. »Oh, ich kapier schon«, sagte sie und musterte Georgia von oben bis unten. »Du hast auch ein bisschen Niggerblut!«

»Ja, ich bin halb schwarz.« Georgia streckte stolz ihren Kopf hoch. »Und das ist ein ganzes Ende besser als weiß und ein Tyrann zu sein.«

»Bist wohl von ’nem Priester aus dem Dschungel geholt und zur Schule geschickt worden, wie?« Das Mädchen bekam Georgias Handgelenk zu fassen, bevor diese sich entfernen konnte. Sie umklammerte es und drehte es mit Gewalt auf Georgias Rücken. Dabei hielt sie sie mit festem Griff.

»Also, wir haben hier unseren eigenen Dschungel, und schwarze Bastarde wollen wir da nicht haben.«

»Lass mich los«, schrie Georgia und trat dem Mädchen dabei gegen die Schienbeine.

Vor lauter Überraschung ließ das Mädchen los. Georgia nutzte die Gelegenheit, um wegzurennen, aber ein Mädchen mit fettigen Haaren stand vor ihr und grinste blöde. Sie war über einen Kopf größer als Georgia, ihr schlabberiger Mund war voller Kaugummi.

»Jetzt hab ich sie, Bev«, rief sie. »Komm her und gib ihr ’ne Tracht.«

Es stürzten sich drei gleichzeitig auf sie. Ein Mädchen hielt ihre Arme fest, ein anderes bekam ihre Haare zu fassen, und das Mädchen, das sie Bev nannten, schlug sie immer wieder ins Gesicht. Georgia versuchte, sie zu treten, aber gemeinsam waren sie zu stark für sie. Alles, was sie sah, bevor Bev ihr einen Kniestoß in den Magen gab, war, wie das schwarze Mädchen wie ein aufgeschreckter Hase die Straße hinaufrannte.

Atemlos stolperte Georgia zu einem Baum und lehnte sich daran.

»Ich bin noch nicht fertig mit dir«, schrie Bev ihr zu. »Das war nur ein Vorgeschmack, damit du merkst, wer in dieser Gegend der Boss ist. Kapiert?«

Gekrümmt vor Schmerz hörte Georgia, wie sie wegliefen und dabei laut lachten.

Der Rest der Menge verstreute sich wie durch Zauberei. In einem Moment gafften sie alle dumm, im nächsten waren sie verschwunden. Ihre Eltern waren bei dem Gedanken, dass Georgia in diese Schule kam, ein wenig nervös gewesen. Jetzt wusste sie, warum. Ihr Gesicht brannte, der Schlag in die Magengrube hatte ihr den Atem genommen, und ihr war schlecht vor Erniedrigung.

Als sie ihre Sachen eingesammelt hatte und zur Bushaltestelle gegangen war, war keines der Schulmädchen mehr auf der Straße zu sehen. Sie wollte weinen und Celia anrufen, damit sie sie abholte. Celia sollte ihr versprechen, eine andere Schule zu finden. Aber schon während sie dieses dachte, wusste sie, dass sie es nicht tun würde.

Celia telefonierte, als sie zur Tür hereinkam. Sie winkte und widmete sich dann wieder ihrem Telefongespräch. Alles war wie immer. Auf die Rückseite des Hauses schien die Sonne und ließ eine Vase mit Blumen auf dem Küchentisch leuchten. Politurgeruch, ein Schmortopf im Backofen. Die Drucke an den Wänden, der dicke, gemusterte Teppich, Sesselschoner aus Chintz. Ein geräumiges Mittelklasse-Zuhause, tausendmal schöner als das, aus dem dieses Mädchen bestimmt kam. Celia war am Telefon; sie trug ein adrettes blaues Sommerkleid mit weißem Kragen, das sorgfältig geschnitten war, um ihre breiten Hüften schmaler aussehen zu lassen. Der Küchentisch war mit Teetassen aus zierlichem Porzellan und einem selbstgebackenen Kuchen gedeckt. Wenn sie ihrer Mutter erzählte, was passiert war, würde das eine Wolke in dieses schöne Haus bringen, einen Schandfleck auf alles, was sie von ihnen gelernt hatte.

Georgia schlüpfte nach oben und wusch sich das Gesicht. Ihre Haut war gerötet, aber bis jetzt hatte sie keine blauen Flecken. Zehn Minuten später kam sie in einem alten rosa Kleid die Treppe herunter, aus dem sie fast herausgewachsen war.

»Hallo, Liebling.« Celia war in der Küche und machte eine Kanne Tee. »Wie war es?«

Sie liebte ihre Mutter so sehr. Sie konnte es nicht ertragen, zu sehen, wie Schmerz das Lächeln aus ihrem Gesicht vertrieb oder Sorgen auch nur einen gemeinsamen Abend verdarben.

»Es ist ein bisschen unheimlich, weil die Schule so groß ist«, sagte Georgia, wobei sie ihre Stimme ausgeglichen klingen ließ und sich mit dem Rücken zum Fenster auf einen Sessel setzte, damit ihre Mutter sie nicht deutlich sehen konnte. »Ich habe ein nettes Mädchen kennengelernt, das Christine heißt, und ich bin in Klasse 1b.«

»Das ist gut.« Celia setzte sich an den Küchentisch, rührte ihren Tee um und goss ein wenig Milch in die beiden Tassen. Sie schnitt den großen Kirschkuchen an und legte ein Stück für Georgia auf einen Teller. »Das bedeutet, dass du im gymnasialen Zweig bist. Wie ist deine Lehrerin?«

»Nett«, sagte Georgia und sah auf ihren Kuchen herab. »Miss Underwood. Sie ist ziemlich jung. Richtig elegant und schick. Aber wir haben sie nur in Englisch und müssen uns jeden Morgen bei ihr melden. In der übrigen Zeit sind wir in anderen Klassenräumen.«

»Was ist mit deinem Gesicht los, du bist ganz rot?« Celias Adleraugen entging nichts.

»Ich bin die Straße runtergelaufen«, log Georgia. »Mir ist nur warm.«

Nachdem sie ihren Kuchen gegessen hatte, ging sie in ihr Zimmer zurück und gab vor, ihre Hausaufgaben zu machen. Ihr Schlafzimmer war das hübscheste, in dem sie je gewesen war. Es war in Rosa und Weiß gehalten, es gab viele Regale und Schränke, und Celia hatte ihr sogar einen kleinen Schreibtisch gekauft, an dem sie ihre Hausaufgaben machen konnte. Verglichen mit dem Zimmer ihrer Eltern nebenan war es kein großes Zimmer, aber es lag an der Vorderseite des Hauses mit Blick auf die Heide, die auf der anderen Straßenseite begann. Auf der anderen Seite des Flurs war ihr Spielzimmer. Nicht einmal in ihren kühnsten Träumen in St. Joseph’s hatte sie sich jemals ein Zimmer vorgestellt, in dem sie malen, tanzen, sich verkleiden und alles andere tun durfte, was sie nur wollte.

Ihre Mutter und ihr Vater hatten sie alles gelehrt. Wie man richtig sprach und mit Leuten redete und wie man sich anzog. Alles, was sie hatte, hatte sie ihnen zu verdanken; wie also konnte sie sie jetzt mit Sorgen über eine Mitschülerin belasten, die sie tyrannisierte?

St. Joseph’s hatte sie nur eine Sache gelehrt, an die sie sich deutlich erinnerte. Man musste für sich selbst einstehen, sonst würde man für immer und ewig tyrannisiert werden.

Am nächsten Morgen hatte sie ihre Haare zu festen Zöpfen geflochten.

»Warum um alles auf der Welt tust du das?«, fragte Celia überrascht. »Es sieht so viel besser aus, wenn du es lang trägst.«

»Es ist ein bisschen warm für die Schule«, erwiderte Georgia.

»Da gibt es so viele große Fenster, und ich sitze genau an einem.« In der Pause stand niemand Wache bei den Milchkisten, und den ganzen Tag bekam Georgia Bev und ihre Freundinnen nicht für den kleinsten Augenblick zu Gesicht. Sie hoffte, dass dieses das Ende der Geschichte war, aber sie würde auf jeden Fall vorsichtig sein.

Als sie sich vor dem Schultor von Christine verabschiedet hatte, zog sie ihren Blazer aus und nahm das Barett ab und steckte beides in ihre Schultasche. Sie krempelte die Ärmel ihres Hemdes auf und überquerte die Straße.

Sie sah die vier Mädchen aus dem dritten Jahrgang über den Sportplatz gehen. Die Art, wie sie, die Köpfe zusammengesteckt, eilig über den Platz gingen, verriet ihr, dass sie planten, ihr aufzulauern. Sie warf sich die Schultasche über die Schulter und rannte um die Ecke, vorbei an der Stelle, an der der gestrige Zwischenfall geschehen war. Sie nahm die Gegend in Augenschein. Der breite Grasrand zwischen Bürgersteig und Straße war ideal für eine weiche Landung, die Bäume boten eine gute Möglichkeit, sich zu verstecken. Ihr Herz klopfte laut vor Angst, aber sie versteckte ihre Tasche hinter einem Baum, sich selbst hinter einem anderen und wartete.

»Sie muss gerannt sein wie der verdammte Wind.«

Georgia unterdrückte ein nervöses Kichern, als die überraschte Stimme eines der Mädchen an ihr Ohr drang. Sie traute sich nicht, aus ihrem Versteck herauszuschauen, bis sie direkt bei ihr waren.

»Entweder das, oder sie versteckt sich in irgendeinem Eingang und wartet, bis wir vorbeigegangen sind.« Sie erkannte die raue Stimme als die von Bev, der blonden Tyrannin. »Dafür geb ich ihr ’ne Extratracht Prügel. Dieses hinterlistige schwarze Miststück«, fügte sie boshaft hinzu.

Es gelang Georgia, einen Blick aus ihrem Versteck hinter dem Baum zu werfen. Drei Mädchen sahen in jedem der Gärten nach. Das Mädchen mit den fettigen Haaren blieb ein wenig zurück, so als sei sie nicht mit ganzem Herzen bei der Sache. Die anderen beiden gingen jeweils an einer Seite neben Bev und machten alles nach, was sie tat, als hätten sie nicht jeweils ihren eigenen Kopf. Eine war mit ihrem üppigen Aussehen, dem schmollenden Ausdruck und den langen, dunklen Haaren recht attraktiv. Das vierte Mädchen in der Gruppe war eine mäuschenhafte Blondine, kleiner als ihre Freundinnen, mit scharfen Gesichtszügen und einer Zahnklammer.

Georgia wartete, bis sie weniger als zwei Meter von ihr entfernt waren, atmete tief ein, ballte ihre Fäuste und trat vor sie.

»Sucht ihr mich?«, sagte sie und balancierte dabei auf den Zehen.

»Ja, du kleiner Scheißer.« Bev war eindeutig überrascht; sie blinzelte voller Zorn, die Spätnachmittagssonne in ihren Augen.

»Hast du vor, mich wieder zu schlagen?« Georgia versuchte, ihrer Stimme einen scheinbar gelassenen Klang zu geben und leise zu bleiben.

Die vier Mädchen sahen einander überrascht an. »Das ist in Ordnung, solange es fair zugeht«, sagte Georgia. »Eine von euch gegen mich. Die anderen dürfen nicht mitmachen.«

»Du freche kleine Schlampe«, rotzte Bev sie an. »Für wen zum Teufel hältst du dich eigentlich?«

»Ich halte mich für niemanden«, sagte Georgia beherzt und bewegte sich federleicht auf ihren Zehen, wie ein Boxer. »Ich weiß ganz genau, wer ich bin. Georgia Anderson.«

Das Mädchen mit den fettigen Haaren lachte nervös und wich bereits zurück, weg von den anderen.

In Zweier- und Dreiergruppen kamen andere Mädchen um die Ecke. Ein aufgeregtes Stimmengewirr ertönte, das auch andere herbeieilen ließ, und nach ein paar Augenblicken bildete sich um sie herum ein großer Kreis.

Jetzt hatte Georgia Angst. Es gab nichts, was diese Mädchen davon abhalten konnte, sich gegen sie zusammenzurotten. Sie würde Härte zeigen müssen, um ihre Anerkennung zu erhalten. »Also, welche von euch will mir eine Tracht Prügel verpassen?«, sagte Georgia und sah jede der Anführerinnen direkt an. Diesmal wich das attraktive dunkelhaarige Mädchen zurück. Ihr Gesicht wurde ein wenig blass.

Georgia konzentrierte ihre Aufmerksamkeit auf die mäuschenhafte Blondine. »Du willst, ja?«, sagte sie arrogant. »Oder willst du auch kneifen?«

Die hellen Augen des Mädchens blickten voller Panik. Sie blickte um sich und sah die anderen beiden Mädchen an, die nur die Schultern zuckten, und wich gemeinsam mit ihnen zurück. Bev stand jetzt allein da; auf ihrer Wange zuckte es leicht, als wäre sie nervös. Sie war groß und schwer, aber jetzt, da sie wusste, dass sie keine Unterstützung hatte, sah sie nicht mehr ganz so zuversichtlich aus.

Die Gruppe war angespannt. Alle warteten ab, um zu sehen, ob dieses neue Mädchen wirklich so dumm war, zu kämpfen.

»Also wir beide.« Georgia lächelte liebenswürdig und schaute mit ihren großen dunklen Augen ganz fest in Bevs kleine, gemeine Augen.

»Du großkotzige kleine Kuh.« Bev sprang schwerfällig auf sie zu. Georgia wartete, bis sie sie fast erreicht hatte und sprang dann leichtfüßig zur Seite. Bev stieß mit ihrem Zeh an die Einfassung des Grasrandes und fiel fast aufs Gesicht. Anerkennendes Gebrüll kam von der Menge, und Georgia drehte sich ein wenig zu ihnen um, um sie anzugrinsen.

Bev erholte sich schnell und drehte sich um, um Georgia wieder zu fassen zu bekommen. Erneut wich Georgia aus. Bevs Hand streckte sich aus, um sie an den Haaren zu packen, aber ihre Finger fanden keinen Halt an den festen Zöpfen. Schnell wie ein Blitz zog Georgia ihr Knie hoch, rammte es in Bevs Magen und trat sie an die Schienbeine, als sie zurückwich.

»Pack sie, Bev«, rief die kleine Blonde. Sie stand auf den Zehenspitzen; gleichzeitig ballte sie ihre Hände und löste sie wieder. In ihren Augen schimmerte Blutlust.

Bev war außer Atem. Ihr Gesicht lief rot an wie eine Tomate. Schwerfällig stürzte sie sich erneut auf Georgia. Diesmal streckte Georgia ihren Fuß aus, erwischte Bevs Beine und brachte sie zum Stolpern. Bev knallte der Länge nach mit dem Gesicht auf den Bürgersteig. Begleitet vom Freudengeschrei der anderen Mädchen trat Georgia vor.

Vorgebeugt und Bev an den Haaren haltend drehte sie deren Kopf zu sich herauf, damit sie sie direkt ansehen konnte.

»War’s jetzt genug?«, sagte sie beinahe lässig, als sie die Blutspur aus einer bösen roten Schramme auf der Stirn des Mädchens kommen sah. Dies war ein gefährlicher Zeitpunkt. Wenn die anderen Mädchen Bev jetzt zur Seite sprangen, konnten sie Georgia zu Brei schlagen.

Bev kämpfte sich hoch. Georgia wartete, bis sie auf allen vieren war und trat ihr dann blitzschnell in den Hintern, was sie krachend auf dem Bürgersteig landen ließ.

Die anderen drei Mädchen waren mittlerweile ganz zurückgewichen; sie hatten eindeutig Angst, in den Kampf verwickelt zu werden.

Der Kreis der Zuschauer wurde enger.

»Verpass ihr eins, Kleine«, schrie jemand. »Wird langsam Zeit, dass sich mal jemand gegen sie stellt.«

Georgia saß rittlings auf Bev und hielt das Mädchen an den Haaren fest.

»Tut weh, nicht?«, fragte sie zähneknirschend. »Schwarzen Mädchen tut das auch weh, oder glaubst du, dass wir nichts fühlen können?«

»Geh runter«, rief Bev; ihre Stimme schwankte, als sei sie kurz davor, in Tränen auszubrechen. »Wir hab’n dich nur ein bisschen geärgert.«

»Und ich ärgere dich auch nur ein bisschen.« Georgia stieß ihren Kopf wieder nach unten, sodass er den Bürgersteig berührte.

»Aber ich höre auf, wenn du dich entschuldigst und mir sagst, dass du mich in Zukunft in Ruhe lässt.«

»Verpiss dich«, schrie Bev. Sie drehte und wandte sich und versuchte, sich unter Georgia umzudrehen. Ein unschöner Geruch nach Schweiß strömte zu Georgia hinauf.

»Das ist sehr unanständig«, sagte Georgia und grinste ihr Publikum an. »Außerdem hast du Körpergeruch. Sieht aus, als ob wir dir noch eine Kostprobe geben müssen.« Sie zog kräftig an den Haaren des Mädchens und knallte ihren Kopf auf den Bürgersteig.

Diesmal schluchzte Bev auf.

»Wirst du dich entschuldigen?« Georgia schaute um sich in die Runde. »Vor Zeugen?«

»Ja.« Das Wort kam heraus wie ein Ächzen.

»In Ordnung. Sprich mir nach. Bev ist eine Tyrannin. Außerdem ist sie eine fette, stinkige Schlampe.«

»Bev ist eine Tyrannin«, wimmerte das Mädchen.

»Lauter.« Georgia verstärkte ihren Griff wieder.

»Bev ist eine Tyrannin«, sagte das Mädchen.

»Weiter!«

»Außerdem ist sie eine fette, stinkige Schlampe.«

»Sehr gut. Ich werde niemals …«

»Ich werde niemals …«, Bev weinte jetzt ganz offen.

»… irgendjemanden quälen oder jemandem Angst machen, vor allem schwarzen Mädchen nicht.«

»… und es auch meinen Freundinnen nicht erlauben.«

»… und es auch meinen Freundinnen nicht erlauben.«

Georgia wartete, bis Bev fertig war. Immer noch rittlings auf Bevs Rücken sitzend, blickte sie zu den anderen drei Mädchen hinüber, die sich an die Wand kauerten.

»Das gilt auch für euch drei«, sagte sie und senkte ihre Stimme bedrohlich, so wie sie es im Schauspielunterricht gelernt hatte. »Ich werde euch beobachten.«

Sie stand ruhig auf, ging hinüber zum Baum, um ihre Tasche zu holen, nahm den Blazer heraus und stolzierte in Richtung Bushaltestelle davon. Sie genehmigte sich nur einen Blick zurück. Bev stand weinend allein da und betupfte sich die Stirn. Ihre Freundinnen waren verschwunden; die übrigen Mädchen standen in kleinen Gruppen herum.

Sobald sie im Bus war, konnte sie nicht verhindern, dass sie zitterte. Sie hatte Glück gehabt; wenn Bev sich nicht wie ein angreifendes Rhinozeros verhalten hätte, hätte sie gemerkt, dass es keine körperliche Stärke war, die sie besiegt hatte, sondern gute Vorbereitung und Schnelligkeit. Wenn Bev oder ein anderer Streithahn sie das nächste Mal überraschend erwischten, könnte sie als Verliererin dastehen.

»Ist alles in Ordnung, Georgia?« Celia kam nach dem Tee in ihr Zimmer, als Georgia ihre Hausaufgaben machte. »Du warst gestern und heute gar nicht so wie sonst. Gibt es etwas, das du mir sagen willst?«

»Nein, Mum.« Georgia schaute auf und lächelte. »Ich habe mir nur Sorgen über diese vielen Hausaufgaben gemacht. Ich weiß nicht, ob ich jetzt noch Zeit zum Singen oder Tanzen habe.«

Celia setzte sich auf ihr Bett. »Du wirst schon Zeit finden.« Sie hob den Teddybär auf, den sie Georgia an ihrem ersten Tag in diesem Haus gegeben hatte, und sah ihn gedankenvoll an. »Also los, die Wahrheit. Ich weiß, dass etwas in der Schule geschehen ist. Hat dich jemand gequält?«

An dem Tag, als sie St. Joseph’s in Celias Auto verließ, hatte Georgia keine großen Erwartungen gehabt. In ihrer Vorstellung gab es kein Bild von einem Haus oder von dem Leben, das sie mit Mr. und Mrs. Anderson führen würde. Sie erinnerte sich an den Augenblick, als das Auto anhielt, an die riesige Fläche schneebedeckter Heide auf der gegenüberliegenden Straßenseite und die grauen Steinhäuser auf ihrer Seite.

»Dieses ist unseres.« Celia hatte wieder ihre Hand genommen und sie zu einer roten Eingangstür geführt. Nach der Klostertür schien sie winzig; kleine Scheiben aus getöntem Glas, und eine Veranda mit alten blauen und weißen Kacheln. Sie hatte Mr. Anderson kaum bemerkt; alles, was sie gesehen und gespürt hatte, war Wärme und Behaglichkeit. Weicher Teppichboden unter ihren Füßen; ein großes Feuer im Kamin und das Klavier am Fenster.

Diese ersten paar Wochen waren so aufregend gewesen. Ganz verschiedene neue und wunderbare Speisen, nagelneue Kleidung und Spielzeug für sie ganz allein. Später waren die Tanz- und Gesangstunden hinzugekommen, die ihr neue Höhenflüge des Glücks verschafften. Aber vor allem anderen bedeutete es, eine Mutter zu haben; jemanden, der sich um sie kümmerte, ihr zuhörte und mit ihr sprach, als sei sie jemand ganz besonderes.

»Da war nur ein bisschen Ärger gestern«, gab sie zu. Sie kannte ihre Mutter zu gut; sie würde nicht aufgeben, bis sie die Wahrheit zu hören bekam. »Aber jetzt ist alles in Ordnung.«

»Jemand hat dich geschlagen! Ich wusste es.« Celia erstarrte und ließ den Teddybär aus ihren Händen fallen. »Warum hast du mir das nicht erzählt?«

»Mami, ich bin jetzt groß«, lachte Georgia. »Ich kann für mich selbst einstehen. Ich habe heute mit dem Mädchen geredet. Es ist vorbei.«

»Worum ging es denn?«

»Ich spreche ihnen zu vornehm, wenn du es unbedingt wissen willst.«

Das war keine richtige Lüge; sie dachte, dass ihre Mutter mit dieser Version besser umgehen konnte als mit dem Problem der Hautfarbe. Sie grinste frech. »Sollte vielleicht wieder so zu sprechen anfangen, wie ich das gewöhnt war.«

»Wag es bloß nicht!« Celia lächelte. »Nach allem, was ich dir beigebracht habe!«

Kapitel 3

Dezember 1959

Georgia beeilte sich, in die Kirche zu kommen. Das Gras auf der Heide war dick mit Frost bedeckt, und der Mond hing über dem Kirchturm, als ob er sich darauf aufspießen wollte. Es war die letzte Probe für das Lied, das der Chor bei der Mitternachtsmesse am Heiligabend singen würde.

Sie trug einen grauen Dufflecoat und darunter einen weißen Rollkragenpulli und Jeans; ihre Haare waren mit einer weißen Schleife zu einem Pferdeschwanz gebunden, um ihren Hals war ein langer roter Schal gewickelt.

Peter wartete auf der Kirchentreppe auf sie. Schon sein bloßer Anblick ließ ihr Herz ein bisschen schneller schlagen. Er war so schön – goldblonde Haare, die unter der Eingangslampe glänzten, seine Pfirsichhaut so klar wie ihre eigene. Sie konnte es kaum erwarten, ganz nahe zu kommen und diese vergissmeinnichtblauen Augen und seine großzügigen weichen Lippen zu sehen.

»Ich dachte, du würdest nicht kommen.« Sein Gesichtsausdruck verwandelte sich in ein erleichtertes Lächeln, als sie in den Kirchenpfad einbog.

»Ich bin aufgehalten worden«, sagte sie atemlos.

Vier Monate waren vergangen, seit sie sich bei einem Diskussionsabend im Jugendclub begegnet waren, und seitdem hatte es nicht einen Tag gegeben, an dem sie nicht an ihn gedacht hatte. War es möglich, jemanden so sehr zu wollen und dieses Verlangen nicht erwidert zu bekommen?

»Mr. Grey kriegt zu viel«, grinste er, und dabei öffneten sich seine weichen Lippen und ließen vollkommene weiße Zähne sehen. »Wir sollten besser reingehen.«

Als Georgia die Kirche betrat, schloss sie eine Sekunde lang die Augen und holte tief Atem. Sie liebte Kirchen. Der Weihrauch, die Kerzen, all die prachtvollen Stickereien an den Altardecken. Mit Religion hatte das nichts zu tun. Für sie war es ein wunderbares Theater und der Chor Teil einer Aufführung, in der sie jedes Wochenende auftraten.

Sie schleuderte ihren Mantel auf eine Bank, schlüpfte ins Chorgestühl und grinste die anderen verlegen an. Acht Frauen, sechs Männer und acht verwahrlost aussehende kleine Jungen. An Heiligabend würden gestärkte Rüschenhemden und rote Soutanen sie verwandeln, aber im Moment waren sie ganz normale Leute, die gern sangen – genau wie sie.

Der Chorleiter klopfte mit seinem Stab auf einen Chorstuhl.

»Ich bin froh, dass du es geschafft hast.« Mr. Greys tiefe Stimme stand im Widerspruch zu seinem gebeugten, ältlichen Körper. Sein Sarkasmus war ungewöhnlich für einen so sanften Mann. Er trug eine neue bunte Strickjacke mit einem schottischen Muster in Heidetönen, aus einer Tasche hing seine Pfeife heraus. »Du musst langsam beginnen. Es ist kein Popstück, sondern ein wunderschönes Stück Musik. Ich will, dass die Leute in den hinteren Reihen dich hören können. Kopf hoch, Brust raus.«

Es war das erste Mal, dass jemand im Chor für ein Solo ausgewählt worden war. Sie wusste, dass es eine große Ehre war, und sie wollte, dass es perfekt wurde.

Sie holte tief Atem, als die Orgel pfeifend lebendig wurde. Das Vorspiel füllte die Kirche mit Tönen, und Peter zwinkerte ihr zu. Ihre Stimme drang in jede Ecke; rein und klar, jedes Wort eine Verkündigung; genau so, wie sie es bei Mr. Grey gelernt hatte.

Der Chor fiel ein. Die Soprane schwangen über ihrem tiefen Alt, die Tenöre und Bässe verliehen dem Stück Pracht und Wärme.

»Sehr gut.« Mr. Grey schlurfte die Stufe hinauf nach vorn. Er hielt sich den Rücken, als hätte er Schmerzen, aber sein altes Gesicht leuchtete vor Freude. »Wenn du an Heiligabend so singst, nehme ich doch sehr an, dass Vater O’Brady genügend Geld für sein neues Dach in der Kollekte haben wird. Wir singen es jetzt noch einmal, dann machen wir einen kurzen Durchlauf durch die Weihnachtslieder, und dann könnt ihr alle früh nach Hause gehen.«

»Du warst sehr gut heute Abend.« Peter ging mit ihr zusammen durch die Kirchentür nach draußen. »Ich höre dich sehr gern singen.«

»Danke.« Sie lächelte zu ihm herauf und fragte sich, ob sie heute Abend die Worte finden würde, um ihn zu ihrer Party einzuladen.

Er wartete immer auf sie. Er begleitete sie nach den Chorproben nach Hause, redete über alles und jeden, und doch hatte er nie versucht, weiterzugehen.

»Musst du jetzt sofort nach Hause gehen?«

Sie fühlte sich durch seine Frage überrumpelt. Peter sah auf seine Füße herab und klang ebenso unsicher, wie sie sich fühlte. »Ich meine, könnten wir noch einen Spaziergang machen?«

»Wo?«, fragte sie, aber es war ihr egal, solange er nur bei ihr war. Sie spürte, wie die Röte ihren Hals hinaufkroch. Ihre Zähne begannen zu klappern, allerdings mehr vor Verlangen als vor Kälte.

»Rüber zum Bootsteich?«

Die Heide erstreckte sich gähnend vor ihnen. Eine große, leere, dunkle Fläche, die ganz allein ihnen gehörte. Ein riesiger Weihnachtsbaum an der Kirchentreppe erleuchtete die Dunkelheit mit winzigen grünen, roten, gelben und blauen Farbfunken. Das reifbedeckte Gras knirschte unter ihren Füßen, und als sie sich vom Licht weg bewegten, verschwanden auch ihre Schatten.

»Dir ist kalt?« Peter blieb stehen und sah sich nach ihr um.

Sie hatte sich den Schal fest um den Hals gebunden, und ihr Atem stieg hervor wie Dampf aus einem Kessel.

»Ja, meine Hände«, sagte sie und wollte nicht zugeben, dass sie sehr fror. »Ich habe meine Handschuhe vergessen.«

Er nahm eine ihrer Hände in seine.

»Wie Eis«, lächelte er. »Steck sie in meine Tasche, zusammen mit meiner.« Er hielt ihre Hand in seiner Tasche und fuhr dabei mit dem Daumen über ihre Handfläche. Ein winziger Schauer fuhr ihr den Rücken herunter, aber diesmal hatte es nichts mit der Kälte zu tun. Sie rückte näher an ihn heran und kuschelte sich an seine Schulter.

»Besser jetzt?«

»Viel besser.« Sie lächelte zu ihm herauf. Sein voller, reifer Mund ließ sie in ihrem Inneren ganz schwach werden. »Ich wollte dich schon länger fragen, Peter. Möchtest du gern zu meiner Geburtstagsparty am sechsten Januar kommen?«

Eine Sekunde lang kam keine Antwort von ihm; er schaute geradeaus, und sie fragte sich, ob sie zu früh gefragt hatte.

»Ich dachte schon, du würdest mich auslassen. Einer von den Jungs in der Schule hat deine Party erwähnt.«

Jetzt fühlte sie sich blöd. Glaubte er, sie lud ihn nur aus Höflichkeit ein?

»Eigentlich habe ich keine Jungen eingeladen.« Sie wurde rot. »Ich habe nur die Mädchen gebeten, einen Partner mitzubringen.«

»Heißt das, ich wäre dein Partner?«

»Ja. Wenn du willst.« Jetzt war es zu spät zum Flirten, und sie konnte auch kein Desinteresse mehr vortäuschen, wie Christine ihr geraten hatte. »Ich habe dich nicht eher gefragt, weil ich Angst hatte, du könntest ablehnen.«

Sie ließ den Kopf hängen und wagte nicht, in seine Augen zu sehen.

Seine Finger strichen über ihre Wange, als er ihr Gesicht zu seinem hochhob.

»Heißt das, ich kann sagen, du bist mein Mädchen?«

Es kamen keine Worte, nur ein Kopfnicken. Seine Augen schlossen sich beinahe; seine Hand umfasste ihren Kopf und zog sie zu sich heran.

Seine Lippen berührten die ihren vorsichtig – so leicht, dass es auch die Berührung eines Mottenflügels hätte sein können.

Sie schloss die Augen und stand nur da, mit klopfendem Herzen und zitternden Beinen. In einem Moment war seine andere Hand noch zusammen mit ihrer in seiner Tasche; im nächsten zog er sie heraus, drückte sie an sich und bedeckte ihre Lippen mit seinen.

Die verlassene Heide, die Kirche hinter ihnen und ihr Zuhause in der Ferne rückten ganz weit weg. Alles, was sie fühlen, sehen und riechen konnte, war Peter. Ein weicher, warmer Mund auf ihrem, das Gefühl seiner Bartstoppeln auf ihrer Haut, die Ekstase, die sie fühlte, weil sie endlich in seinen Armen war.

Vier Monate, in denen sie geträumt und gehofft hatte, und jetzt war der Augenblick endlich da.

»Sollen wir rennen?«, flüsterte er ihr zu und rieb seine Nase an ihrer. »Vielleicht spüren wir die Kälte dann nicht.«

Der Wind fing sich in ihren Haaren und ihrem Schal, als sie Hand in Hand rannten. Sie lachten wie kleine Kinder, als sie über das verharschte Gras rannten.

»Ich wusste, dass es hier eine Hütte gibt«, sagte er atemlos, als sie sich dem silbrigen Teich näherten. Er zeigte auf einen dunklen Umriss an einem Ende, ganz in der Nähe einer Bushaltestelle. »Vielleicht ist es da nicht so kalt, und wir können uns wenigstens hinsetzen.«

Innerhalb von Sekunden war sie wieder in seinen Armen. Die weichen, unerfahrenen Küsse wurde bald kühner und mutiger. Sie nahmen den Mann, der mit seinem Hund spazieren ging, ebenso wenig wahr wie die einsame Straßenlampe, die ihren goldenen Lichtschein auf einen Mülleimer warf. Die Hütte roch nach Schimmel und nach den in Zeitung eingewickelten Pommes frites, die jemand zurückgelassen hatte, aber alles, was sie fühlten, waren der warme Atem des anderen und die süße Qual des Verlangens nach noch mehr Nähe.

Seine Zunge huschte über ihre Lippen; sie öffnete sie und ließ ihre Hände unter seine Jacke schlüpfen, damit sie warm wurden. Sie drückte sich näher an ihn, und ein warmes, zitterndes Gefühl lief über ihren ganzen Körper. Ihre Brüste vibrierten, sie wünschte sich schmerzhaft, dass er sie berühren möge, und hatte gleichzeitig Angst, er könne es tun. Jeder Kuss war länger als der vorherige, ihre Zungen waren mutiger, und mit jedem wuchs die Erfahrung. Ihr Körper war ganz eng an seinen geschmiegt, ihre Finger streichelten, liebten ihn. Die harte Knochigkeit seiner Brust, der Geruch nach Seife und Zahnpasta. Seine Finger, die ihren Hals liebkosten, sein Pullover, der sich rau anfühlte.

»Wir sollten zurückgehen«, flüsterte er, die Lippen in ihrem Hals vergraben. »Es ist fast halb zehn.«

Mit einem Ruck kam die Realität zurück. Georgia sprang auf und hielt ihre Uhr gegen das fahle gelbe Licht. Ihre Augen weiteten sich vor Schreck, als sie sah, dass er recht hatte.

»Dad wird verrückt spielen«, stieß sie hervor. »Ich habe das Gefühl, dass wir erst ein paar Minuten hier sind.«

Peter stand vor ihr, knöpfte ihren Mantel zu und band ihr den Schal wieder um den Hals.

»Es ist nur ein kleines bisschen später als sonst.« Er klang ruhig und fürsorglich. »Sag ihnen, wir haben noch geredet.«

Dann rannten sie Hand in Hand über die Heide und hielten nicht an, bevor sie an ihrem Haus angekommen waren.

»Frag sie, ob du morgen ins Kino gehen darfst«, sagte er und lächelte zu ihr herab. Beide keuchten vom Rennen. »Ich komme und hole dich um sieben ab.«

»Was ist, wenn sie nein sagen?« Sie war hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, bei ihm hier draußen zu bleiben oder aber ins Haus zu eilen und sich zu entschuldigen.

»Ich komme so oder so«, lachte er und beugte sich über sie, um sie noch einmal zu küssen. »Und jetzt geh ins Haus, bevor du dich erkältest.«

»Warum hast du mich nicht vorher schon mal gefragt, ob ich mit dir ausgehe?«, flüsterte sie, schon bereit, gleich ins Haus zu laufen.

»Ich hatte Angst, du könntest mich abweisen«, flüsterte er zurück.

»Du bist spät«, sagte Celia vorwurfsvoll.

Ihre Eltern saßen am Kaminfeuer und sahen fern. Die Lichter am Weihnachtsbaum funkelten vor den dunkelroten Gardinen. Celia war schon im Bademantel aus blassblauer Wolle, unter dem ein Stückchen ihres langen Flanellnachthemdes hervorlugte; die Füße steckten in Slippern. Sie strickte ein Paar graue Socken. Brian trug die braune Strickjacke, die er immer anzog, wenn er seinen Büroanzug ablegte; seine Krawatte war jedoch genau so ordentlich geknotet wie am Morgen, als er ins Büro gefahren war. Er hatte ein Glas Brandy auf dem kleinen Tisch neben sich stehen und sah schläfrig aus; die Brille war auf seiner Nase verrutscht. Am Tag war der Raum fast eine Erweiterung des Gartens. Dann strömte das Licht durch die Glastüren hinein, und es gab keinen sichtbaren Übergang mehr zwischen den Büschen, die eben noch draußen wuchsen, und den Pflanzen im Zimmer. Nachts bekam der Raum jedoch einen anderen Charakter und schrumpfte, sobald die schweren Gardinen vorgezogen worden waren. Dann war es ein gemütliches Zimmer, das auf gewisse Weise die beiden Persönlichkeiten ihrer Eltern verkörperte: Celia bei dem Stutzflügel, den chinesischen Vasenlampen und der Wärme des prasselnden Feuers, Brian in den behäbigen, chintzbezogenen Armsesseln und dem Sofa, den zierlichen Aquarellen an den Wänden und den ledergebundenen Büchern neben ihm.

Georgia schaute von Celia zu Brian, während sie den Schal vom Hals wickelte und ihren Mantel aufknöpfte.

Die Ordnungsliebe ihres Vaters erstreckte sich nicht nur darauf, Bücher nach Größe anzuordnen und die Fransen des Kaminvorlegers flach zu bürsten, sondern auch auf Pünktlichkeit. Allerdings schien er sich ausnahmsweise einmal nicht bewusst zu sein, dass Georgia zu spät dran war.

»Es tut mir leid«, keuchte Georgia. »Ich habe mich mit Peter unterhalten.«

»Hast du deinen Mut zusammengenommen und ihn zur Party eingeladen?« Celia zog eine Augenbraue in die Höhe und ließ ihr Strickzeug in den Schoß fallen. Georgia hatte so oft von diesem Jungen gesprochen, dass sie das Gefühl hatte, sie würde ihn fast so gut kennen wie ihre Tochter.

»Ja.« Georgia hätte am liebsten auf dem Knie ihrer Mutter gesessen, die Arme um sie gelegt und ihr alles erzählt. Aber das Kind in ihr war jetzt verschwunden, sie hatte es an der Kirchentreppe zurückgelassen, als Peter ihre Hand genommen hatte.

»Und er hat gefragt, ob er mich morgen ins Kino einladen kann.«

»So, hat er das?«

Im Licht des Feuers waren Celias Augen mehr grün als grau, und sie funkelten ebenso wie die Lichter am Weihnachtsbaum.

»Dann kann ich also gehen?«

»Ich wüsste nicht, warum du nicht gehen solltest.« Celias weiche, blasse Lippen rundeten sich zu einem Lächeln. »Solange er dich anschließend sofort nach Hause bringt.«

»Einen Moment.« Brian setzte sich mit einer ruckartigen Bewegung auf und nahm seine Brille ab. »Habe ich da nicht ein Wort mitzureden?«

Georgia schluckte. Sie und Celia fragten Brian selten nach seiner Meinung – egal, um was es sich handelte. Erst seit kurzer Zeit schien er dieses zu bemerken. Im weichen Licht sah sein Gesicht wie blank poliert aus; die verblassten blauen Augen waren vor Ärger verdreht.

»Es tut mir leid, Daddy.« Georgia ging zu ihm herüber und hockte sich auf die Lehne seines Sessels. Sein sandfarbenes Haar wurde sehr dünn, und da sie ein wenig über ihn hinwegschauen konnte, sah sie eine kahle Stelle, etwa so groß wie eine halbe Krone. Sie schlang ihren Arm um seinen Hals und kraulte ihm die Ohren. »Bitte, sei kein Miesepeter. Ich habe dich nicht als Erstes gefragt, weil ich zu verlegen war.«

»Wer ist dieser Junge?« Brians Blick wurde sanfter – gerade genug, um Georgia zu zeigen, dass er wenigstens bereit war, ihr zuzuhören.

»Peter Radcliffe. Er singt im Chor. Er würde dir gefallen, Daddy. Er spielt Cricket.«

»Ich hebe mir mein Urteil auf, bis ich ihn kennengelernt habe.« Brian lächelte halb. »Wenn er keiner von diesen Halbstarken ist und man darauf vertrauen kann, dass er sich dir gegenüber anständig verhält, fällt mir kein Grund ein, nein zu sagen.«

Als Georgia an diesem Abend zu Bett ging, vermochte sie ihre Aufregung kaum zu unterdrücken. Wenn sie die Augen schloss, konnte sie wieder Peters Lippen schmecken und dieses seltsame, ziehende Gefühl wieder in sich spüren.

War sie verliebt? Sie hatte alle Symptome, die sie in den Zeitschriften erwähnten. Sie konnte es kaum erwarten, morgen Christine anzurufen und ihr zu erzählen, dass Peter sie endlich doch geküsst hatte.

Sie lag auf dem Rücken und schaute sich das neue Partykleid an, das am Kleiderschrank hing. Celia hatte es gerade vor zwei Tagen gekauft, und sie konnte es nicht erwarten, es anzuziehen.

Es war einfach wunderschön! Roter Satin mit einem bauschigen Tüllunterrock. Das Oberteil war eng und tief ausgeschnitten mit ganz kleinen Flügelärmeln. Keine von den anderen würde solch ein Kleid wie dieses haben.

Celia lächelte, als sie eine Stunde später einen Blick in Georgias Zimmer warf.

Braune Arme, die einen Teddybär an sich drückten, das Gesicht im Kopfkissen vergraben. Sie hatte bemerkt, wie Georgia diesen Jungen ansah, und hatte vermutet, dass die tiefen Seufzer und die langen Augenblicke, in denen sie in Träumerei versunken war, ihm galten. Morgen würde sie pausenlos versichert haben wollen, dass er sie auch wirklich ins Kino eingeladen hatte!

Celia schloss die Tür leise und ging in ihr eigenes Schlafzimmer. Brian war schon im Bett, die Decke bis zum Kinn hochgezogen. »Wie ist dieser Junge?«, fragte er unerwartet.

»Sehr nett«, sagte Celia und setzte sich auf die Bettkante. »Höflich, sieht ziemlich gut aus, und er wird das Abitur machen.«

»Sie ist ein bisschen jung für einen Freund«, sagte er.

»Ach, ich weiß nicht.« Celia stieg ins Bett und legte sich neben ihn. »Die meisten ihrer Freundinnen haben einen. Besser jemand wie er als irgendein Rowdy, der an Straßenecken herumhängt. Du brauchst nicht nervös zu werden, Brian; Teenagerromanzen halten normalerweise nicht lange.«

Als sie das Licht ausschaltete, drehte Brian sich um und legte den Arm um sie.

»Nicht«, sagte sie schroff und rückte von ihm weg.

»Ich wollte nur ein bisschen mit dir schmusen.« Seine Stimme klang beleidigt.

»Das sagst du immer.« Sie schob seinen Arm weg. »Und ich bin nicht in der richtigen Stimmung.«

»Bist du das jemals?« Sein Ton war voller Sarkasmus, und mit einem Seufzer drehte er sich um.

Celia lag in der Dunkelheit und spürte den Anflug eines schlechten Gewissens. Es gab so viel Gutes in ihrer Ehe, aber sie fand es schwierig, seine Gefühle zu erwidern.

Vielleicht wollte sie deshalb, dass Georgia viele Freunde hatte, da ihre eigene Erfahrung mit Männern sehr eingeschränkt war.

Celia Tutthill war immer ein »vernünftiges« Mädchen gewesen. Ihre Kleidung wurde eher nach Strapazierfähigkeit als nach der neuesten Mode ausgewählt; ihr Haar war kurz geschnitten, weil dies weniger lästig war, und während andere die Nächte durchtanzten und sich verliebten, büffelte sie für ihre Prüfungen.

Mit siebenundzwanzig kam sie als Untermieterin in dieses Haus, und sie hatte sich an den Gedanken gewöhnt, ledig zu bleiben.

Martha Anderson und ihr unverheirateter Sohn Brian gingen ganz in ihrer Zweisamkeit auf, und ein ganzes Jahr lang beschränkte sich ihr Kontakt mit den beiden darauf, sich auf der Treppe zu begegnen.

Erst als die alte Mrs. Anderson krank wurde, war Celia in das Leben beider einbezogen worden. Sie erledigte die Einkäufe für sie, half Brian bei der Gartenarbeit, gab der alten Dame ab und zu ihre Medizin und half ihr auf dem Weg ins Badezimmer, wenn Brian beruflich unterwegs war. Martha konnte eine Tyrannin sein; sie hatte ihren Sohn sein ganzes Leben lang an der Kandare gehalten, aber Celia war gleichzeitig auch gerührt über seine Hingabe.

Martha starb eines Abends ganz plötzlich. In der einen Minute las Brian ihr aus der Zeitung vor, in der nächsten war sie tot, zurückgelehnt in ihre spitzengesäumten Kopfkissen, ihr faltiges Gesicht plötzlich verjüngt.

Glücklicherweise hatte Celia dienstfrei. Sie hörte Brian über den Flur hinweg aufschreien, und als sie Marthas Schlafzimmer erreicht hatte, fand sie ihn schluchzend, mit dem Kopf auf der Brust seiner Mutter.

Sie nahm sich vor, nur so lange zu bleiben, bis er seine Trauer überwunden hatte, und sich dann ein anderes Zuhause zu suchen. Jetzt allerdings, da die alte Martha Anderson ihm das Leben nicht mehr schwermachte, begann Celia, eine andere Seite des einsamen Junggesellen zu entdecken. Er war tüchtig und doch sensibel, und seine Sanftheit war wie ein lindernder Balsam nach einem hektischen Tag auf der Station. Sie merkte, wie sie sich auf ihre freien Wochenenden freute, willigte ein, wenn er eine gemeinsame Mahlzeit oder einen Kinobesuch anbot oder sie einfach nur fragte, ob sie gemeinsam Musik hören sollten. Als er sie fragte, ob sie ihn heiraten wollte, schien es die perfekte Partie zu sein. Sie hatten beide ihren Beruf, und sie konnte in dem Haus bleiben, das sie mittlerweile so liebte.

In ihrer Naivität hatte Celia nicht vollständig bedacht, was die Ehe bedeutete. Es war ein Schock für sie, als sie entdeckte, dass der sensible Gentleman auch sinnlich und fordernd war.

Ein flüchtiger Blick auf Haut, dort, wo die Seidenstrümpfe endeten. Eine Andeutung von Nacktheit. Ein aufwühlendes Bild in einer Zeitung – kombiniert mit ein, zwei Gläsern Alkohol – erregte ihn. Bevor sie wusste, was geschah, hatte er sie ergriffen, und sein Mund sabberte über ihr und deutete Dinge an, die ihr eine Gänsehaut verursachten.

Anfang 1946 spitzten sich die Dinge zu. Er war wütend, weil er bei einer Beförderung übergangen worden war; vielleicht schämte er sich auch, weil er die Kriegszeit hinter dem Schreibtisch verbracht hatte. Als er jedoch begann, sie wegen ihrer Gefühlskälte zu verspotten und sie beschuldigte, kein Band produziert zu haben, sah sie die einzige Lösung darin, ihn zu verlassen. Während Brian sich auf einer Schulung in Brighton aufhielt, sah Celia dieses als die perfekte Gelegenheit, die Trennung zu vollziehen.

»So, wie die Dinge laufen, kann ich nicht weitermachen«, schrieb sie. »Ich gebe mir selbst die Schuld, weil ich nicht so auf Dich eingehen kann, wie Du es Dir wünschst. Vielleicht war die Ehe einfach nie etwas für mich. Ich mag Dich sehr gern, aber ich weiß, dass das nicht ausreicht. Wenn ich Dich jetzt verlasse, kannst Du Dein Glück vielleicht mit einer anderen finden.«

Aber einmal in ihrem Leben überraschte Brian sie und handelte unvorhersehbar. Als er den Brief erhielt, kam er augenblicklich nach Hause und fand sie beim Packen.

Bis zum heutigen Tag sah sie sein Gesicht vor sich. Der wenig markante Mund bebte, die Augen waren voller ungeweinter Tränen. Ausnahmsweise war sein Äußeres nicht makellos. Er bat sie zu bleiben und versicherte, dass er sie unter jeder Bedingung bei sich behalten wollte.

Zu einem späteren Zeitpunkt im selben Jahr wurde Brian schließlich zum Filialleiter der Bank in der Lewisham High Street befördert, Celia kündigte ihre Stelle als Krankenschwester und nahm eine Arbeit als Kinderfürsorgerin im Süden Londons an. Sie lernten, Kompromisse zu machen. Sie gab sich größere Mühe, Brian zu befriedigen, und er drängte sie nicht mehr so häufig. Als Georgia zu ihnen kam, ließen sie das neue Glücksgefühl und der neue Sinn in ihrem Leben liebevoller miteinander werden; manchmal war ihr Liebesspiel zärtlich, wenn auch nicht leidenschaftlich. Aber Brian schien nicht zu verstehen, dass es für sie jetzt, da Georgia älter war, schwieriger geworden war. Angenommen, sie hörte sie? Irgendwie kam es ihr in ihrem Alter unanständig vor.

»Ich möchte, dass Georgia aus Liebe heiratet«, sagte Celia im Dunkeln zu sich selbst. »Jemanden nur zu mögen und ein Haus mit ihm zu teilen, reicht für niemanden aus.«

Der Klang der Everly Brothers kam die Treppe herunter.

Die Türschelle hatte seit acht Uhr ununterbrochen geklingelt. Stapfende Füße, schallendes Gelächter, Schreien und Kichern gaben ihnen den Eindruck, dass das Spielzimmer mittlerweile bis zum Bersten gefüllt sein musste.

»Denkst du, ich sollte mal nach oben gehen?« Brian sah von seinem Buch hoch. Sein rundes, volles Gesicht wirkte eher verärgert als ängstlich, aber in seinen Augen war Misstrauen zu sehen.

»Nein.« Celia runzelte die Stirn. Sie hatte ein neues türkisfarbenes Wollkleid angezogen und sich am selben Nachmittag ihre Haare frisieren lassen – nur für den Fall, dass Georgia sie später zu sich nach oben bat. »Sie wird schon nichts Schlimmes anstellen, und falls es jemand von den anderen tut, weiß sie, wo wir sind. Das ist ihre erste ›erwachsene‹ Party; verdirb sie ihr nicht.«

»Wer redet denn davon, dass ich sie verderben will?« Sein Blick war verdrießlich.

Er hatte ebenfalls ein sauberes Hemd und seinen besten Anzug angezogen, und er fand es ziemlich albern, sich gut anzuziehen und einfach zu Hause zu sitzen. »Aber es könnte sein, dass sie da oben herumknutschen. Wir kennen kaum einen von ihnen. Und dann dieses Kleid!«

»Es ist doch nicht viel dabei, wenn sie ein bisschen küssen«, fauchte Celia. »Und sie sieht in dem Kleid so schön aus.«

»Es ist zu erwachsen«, fauchte er zurück. »Was willst du eigentlich aus ihr machen?«

Georgia war ins Wohnzimmer gekommen, um ein wenig damit anzugeben; ihre Haare waren zu einem komplizierten französischen Zopf geflochten, und winzige Löckchen ringelten sich auf ihrer Stirn. Toffeefarbene Schultern, ihre Taille nicht mehr als eine Handspanne breit, und kleine Brüste, die aus dem engen Oberteil hervorlugten.

»Sie sieht wunderschön aus«, gab Celia zurück. »Ich weiß, es ist traurig zu sehen, dass die Zeit der weißen Söckchen und Zöpfchen nun vorbei ist. Aber sie ist jetzt eine junge Frau. Wir können sie nicht aufhalten.«

»Außerdem gefällt mir nicht, dass sie Peter so oft trifft«, erwiderte Brian. »Ab morgen werde ich das drastisch einschränken. Seit er sie damals ins Kino eingeladen hat, ist er fast jeden Tag hier gewesen.«

»Am Montag fängt die Schule wieder an«, sagte Celia beruhigend. »Dann wird er mit Hausaufgaben und Prüfungen beschäftigt sein. Georgia wird wieder zum Tanz- und Gesangunterricht gehen. Was ist denn los, Brian?« Sie stand auf, ging zu seinem Sessel hinüber und hockte sich auf die Lehne. »Du bist schon seit Tagen so grantig. Liegt das nur an der Party? Oder ist es etwas anderes?«

»Nichts, das du verstehen würdest.«

»Lass uns etwas trinken.« Celia ignorierte seine geheimnisvolle Antwort. Sie stand auf und ging hinüber zum Barschrank.

»Ist das eine gute Idee?« Brian zog eine Augenbraue hoch.

»Natürlich, warum nicht?« Celia schaute über ihre Schulter, amüsiert über seinen besorgten Gesichtsausdruck. »Dies ist unser Zuhause, und unsere Tochter hat Geburtstag. Ich habe ja nicht gesagt, dass wir uns volllaufen lassen sollen.«

Sie schenkte sich einen kleinen Gin Tonic ein und gab Brian eine größere Portion, in der Hoffnung, er würde sich dann ein wenig entspannen.

»Es gefällt mir nicht, wenn Georgia sich die Augen so stark schminkt«, brummte er. »Sie sieht billig aus.«

»Sei nicht so ein Trauerkloß.« Celia kehrte zu ihrem Platz am Feuer zurück. Zu jeder anderen Zeit hätte sie seine Einstellung ganz rührend gefunden – der Vater, der Angst hatte, dass sein kleines Mädchen zu einer Frau wurde –, jetzt aber ärgerte sie sich darüber.

»Leg eine Platte auf«, sagte Celia. Die Deckenleuchte schwang unter den tanzenden Füßen über ihnen hin und her. Zwar konnten sie die Musik selbst nicht hören, dafür aber die dröhnenden Schwingungen der Bässe.

Brian stand langsam auf. Er hatte kürzlich ein wenig zugenommen, was sein dunkler Anzug allerdings gut verdeckte. Als er sich zur Musiktruhe hinunterbeugte, konnte sie sehen, dass er einen Bauchansatz bekam, der über seiner Hose hing. Trotz allem gewann er sogar durch die zusätzlichen Pfunde. Tatsächlich veränderte er sich zu seinem Vorteil, je älter er wurde. Ein paar Falten verliehen seinem jugendlich-runden Gesicht mehr Charakter. Sogar die grauen Strähnen gaben ihm einen ausgeprägteren Ausdruck. Leider hatte er keine besonders markanten Gesichtszüge; seine blassblauen Augen waren klein; seine Nase ein kleines bisschen zu breit; sogar das Kinn und der Mund waren zu unauffällig. Aber seine Haut sah gut aus, und er hatte gleichmäßige, gerade Zähne. Ein perfektes Gesicht für den Leiter einer Bankfiliale; nicht zu attraktiv, sodass jeder gleich auf den Gedanken käme, er könne indiskret sein. Beruhigend durchschnittlich eben.

»Ob wohl einer von den Jungs genausogut Jive tanzen kann wie Georgia und Christine?« Celia wollte die Stimmung auflockern, aber ihr gingen langsam die Ideen aus.

Er erwiderte nichts, sondern nahm nur eine Schallplatte aus einer Hülle und staubte sie sorgfältig ab.

Celia reagierte auf sein schwieriges Benehmen mit einem Zähneknirschen, als das Telefon in der Diele klingelte.

»Ich gehe schon.« Sie stand auf und ging zur Tür. »Ich nehme an, das wird eine Mutter sein, die wissen will, wann die Party vorbei ist.«

Brian hatte sich wieder in seinen Sessel gesetzt; er hielt einen Drink in der Hand, und die ersten Takte von »Schwanensee« erfüllten den Raum, als Celia eintrat.

»Das war die Polizei.« Die gelöste Ehefrau und Mutter hatte der harten, engagierten Sozialarbeiterin Platz gemacht. Sogar ihre Stimme war schärfer geworden. »Ich muss gehen. Ein Kind in Stepney ist von seinem Vater verletzt worden. Die übrige Familie ist in Gefahr.« Sie griff nach ihrer Aktentasche, die hinter einem Sessel stand, und sah an ihrer Kleidung herunter, als überlegte sie, ob sie passend angezogen war.

»Gibt es denn auf der ganzen Welt niemanden außer dir?«

»Heute Nacht offenbar nicht.« Sie bemerkte seinen Sarkasmus nicht. Im Moment war sie eher um das fünfjährige Kind besorgt, das einen Schädelbruch davongetragen hatte. »Ich weiß nicht, wie lange es dauern wird. Vielleicht muss ich die Kinder bis morgen sogar hier unterbringen. Ich hoffe, es wird Georgia nichts ausmachen.«

»Was ist mit mir?«, fragte Brian. »Warum fragst du nicht, ob es mir etwas ausmacht?«

Langsam wurde es ihm zu viel. Alles drehte sich nur um Georgia: Was sie gern essen wollte? Wohin sie gern gehen wollte? Nicht ein einziges Mal hatte Celia daran gedacht, ihn nach irgendetwas zu fragen. Jetzt ging sie aus dem Haus, während über ihm hundert Füße stampften. Aber sie schien sich ja mehr Sorgen um ein verdammtes Balg aus den Slums zu machen als um ihren Ehemann, der allein war.

»Sei nicht albern.« Sie beugte sich zu ihm und küsste ihn leicht auf die Wange. »Du weißt ganz genau, dass ich lieber hier bei dir bleiben würde. Aber es ist mein Beruf; du müsstest ja auch nach dem Rechten schauen, wenn jemand heute Nacht die Bank ausrauben würde.« Sie war weg, bevor er überhaupt über eine Antwort nachdenken konnte.

Zwei Jungen saßen auf der Treppe herum; auf den Stufen unter ihnen hockten zwei Mädchen, die die Köpfe zusammengesteckt hatten und miteinander sprachen. Celia hatte keinen der drei zuvor getroffen.

»Alles in Ordnung?«, fragte sie, als sie zur Seite rückten, um sie vorbeizulassen. »Lass das nicht auf den Teppich fallen«, sie schaute missbilligend auf die Zigarette, die lose zwischen den Fingern eines der Jungen hing.

Georgia tanzte Jive mit Christine; das rote Kleid bauschte sich und gab einen Blick auf die Tülllagen und schlanke, wohlgeformte Schenkel frei. Die goldbraune Haut ihres Gesichtes, ihres Halses und ihrer Schultern glänzte vor Schweiß, ihre dunklen Augen blitzten voller Begeisterung. Der französische Zopf, den sie in Stunden geflochten hatte, war mittlerweile ziemlich aufgelöst. Verirrte einzelne Locken lösten sich und ließen sie wild aussehen, wie eine Zigeunerin.

Christine hatte sich seit den frühen Tagen an der Kidbrooke-Schule verändert. Sie war immer noch kleiner als Georgia und ein bisschen rundlicher, aber ihr Kindergesicht war verschwunden. Ihre blonde Hochfrisur schwang beim Tanzen hin und her. Sie hatte ihre hochhackigen Schuhe von sich geschleudert, und ihr tief ausgeschnittenes türkisfarbenes Kleid rutschte ihr langsam von den Schultern. Sogar das aufwendige ägyptische Make-up war verschmiert.

Georgia grinste, als sie sah, dass Celia einen prüfenden Blick durch die Tür warf und winkte sie herein.

»Ich habe keine Zeit.« Celia war schockiert, als sie sah, dass der Raum voller Rauch war, und sie war sich sicher, dass sie mehr als die zwanzig Leute sah, die ihre Tochter eingeladen hatte. Schlaksige Burschen lehnten an den Wänden, weitere waren auf dem Fußboden ausgestreckt. Ein Mädchen saß auf dem Schoß eines Jungen, ihre Münder waren wie zusammengeklebt. Eine kichernde Gruppe Mädchen stand um den Tisch herum, auf dem das Essen stand. Noch ein paar andere tanzten. »Ich muss aus dem Haus. Ein Notfall.«

»Oh, Mami!« Georgias Mundwinkel verzogen sich nach unten. »Ich hatte gehofft, du würdest zu uns raufkommen und alle meine Freunde kennenlernen.«

Georgias traurige Stimme durchschnitt Celias berufsmäßige Sorge, wie Brians es nie tun könnte.

»Es tut mir leid, Liebling.« Celia zwickte Georgia in die Wange. »Du weißt doch, wie das immer ist. Ich wäre auch gern zu euch gekommen. Aber ich bin mir sicher, dass all deine Freunde sich viel besser amüsieren werden, wenn ich ihnen nicht dazwischenfunke.« Sie drehte sich um und lächelte Christine zu, die ihr ein Sandwich anbot.

»Nein, danke, Liebes, ich muss wirklich gehen. Vielleicht werde ich sogar ein paar Kinder mit hierherbringen, falls es keine andere Möglichkeit gibt. Sorg also auf jeden Fall dafür, dass alle um zwölf gehen und dass keiner die Nachbarn stört. Daddy ist unten, falls ihr etwas braucht.«

»Hallo, Mrs. Anderson.« Peter stand neben ihr. Er trug eine schicke graue Hose und ein weißes Hemd. Es war das erste Mal, dass Celia ihn einmal nicht in Jeans sah. Er hatte den gleichen geröteten, glücklichen Gesichtsausdruck wie Georgia, allerdings mischte sich bei ihm Besorgnis darunter. »Kann ich irgendetwas tun?«

Celia hatte Peter von dem Augenblick an gemocht, da sie ihn kennengelernt hatte. Es war nicht das attraktive Gesicht, die klaren Augen, und nicht einmal seine offensichtliche Intelligenz. Er hatte eine Art der Offenheit an sich, die sie erfrischend fand. Die eine oder andere Bemerkung über seine Eltern zeigte, dass sie größeres Interesse an seinen Fähigkeiten als Verdiener als an seinen akademischen Leistungen hatten. Dass er ihr Zuhause so sehr schätzte, war ein Hinweis, dass sein eigenes sehr viel bescheidener war. Allerdings schmeichelte er sich nicht ein, behielt sein eigenes Wesen und den Glauben an sich selbst, während er gleichzeitig Informationen aufsog – von ungewohnten Speisen bis hin zu Celias Arbeit in Stepney.

»Hilf Georgia, die Sache hier im Griff zu behalten.« Sie warf ihm einen strengen Blick nur zu, um ihn auf seinen Platz zu verweisen. »Mr. Anderson ist unten. Ich bin so bald wie möglich zurück.«

»Machen Sie sich keine Sorgen um uns.« Er blickte im Raum umher, als wolle er bereits nach Ärger Ausschau halten. »Fahren Sie vorsichtig, ja? Es hat gefroren.«

Als Celia ihren Mantel aus dem Schlafzimmer geholt hatte, tanzte Georgia mit Peter. Sie blieb einen Moment lang auf dem Treppenabsatz stehen. Peter war kein guter Tänzer; er schlurfte ungeschickt umher und konnte kaum den Takt halten. Aber die Augen ihrer Tochter waren auf sein Gesicht gerichtet und nicht auf seine Füße, und Celia bekam einen Kloß im Hals, als sie sah, wie Peter Georgia anlächelte.

Brian wurde unruhig. Im Fernsehen gab es nichts, das er sehen wollte, und der Krach über ihm ging ihm auf die Nerven. Er öffnete erneut den Barschrank und schenkte sich noch ein Glas ein.

Er war fast froh, dass Celia aus dem Haus hatte gehen müssen. Jetzt gab es wenigstens etwas Konkretes, an dem er seinen Ärger festmachen konnte.

Es lag nicht an der Party im ersten Stock, nicht einmal an der Tatsache, dass ihn niemand fragte, ob ihm vielleicht irgendetwas missfiel. Er war auch nicht in diesem Moment erst so launisch geworden.

Er war gut über fünfzig, die Haare fielen ihm aus, und er wurde dicker. Seine Angestellten nannten ihn den »alten Anderson«, so als stünde er schon mit einem Fuß im Grab. Manchmal fühlte er sich so einsam, dass er schreien wollte.

Celia war schuld. Wenn sie Parties für Georgia organisieren konnte, warum gab sie dann nicht hin und wieder eine für sie beide?

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