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In den sanften Händen des Retters

WILDFIRE ISLAND DOCS

DAS TEAM:

Dr. Keanu Russell

Inselarzt

Caroline Lockhart

Krankenschwester

Henrietta (Hettie) de Lacey

Pflegedienstleiterin

Dr. Maddie Haddon

Flying Doctor

Dr. Joshua (Josh) Campbell

Notarzt

Beth

Rettungssanitäterin

PATIENTEN:

Malu

Minenarbeiter

Macca

Minenarbeiter

Reuben Alaki

Minenarbeiter

Kalifa Lui

Minenarbeiter

UND:

Pearl

Malus Frau

Nani Lui

Kalifas Frau

Dr. Max Lockhart

Carolines Vater

Ian Lockhart

ihr Onkel

Pete Blake

Vorarbeiter

PROLOG

Helden und Heldinnen entscheiden sich nicht bewusst dafür, mutig zu sein, dachte Maddie. Meist haben sie keine andere Wahl. In ihrem Fall wurde sie unfreiwillig zur Heldin, als große Felsbrocken sie in einer Mine gefangen hielten – einer Mine, die sie erst gar nicht hätte betreten sollen.

Diese Heldin war nicht mutig. Sie war einfach nur dumm.

Schließlich wussten alle, dass es dort gefährlich war. Ian Lockhart, der Besitzer, hatte Wildfire Island schon vor Wochen mit einem Berg von Schulden verlassen und ohne die Gehälter seiner Angestellten zu bezahlen. Kurz nach seinem Verschwinden war die Mine aus Sicherheitsgründen geschlossen worden.

Wer hatte also die grandiose Idee gehabt, eine der Schichten dicht unter der Oberfläche anzuzapfen?

Schließlich gab es Gründe dafür, warum dieser Bereich bisher nicht erschlossen worden war. Der Fels war brüchig. Aber da sie keine Gehälter bekommen hatten und verzweifelt Einkommen suchten, hatten die Inselbewohner den Zaun durchtrennt und angefangen zu graben. Niemand sollte davon wissen.

Aber jetzt … vor einer Stunde war der Anruf durchgekommen. Ein zersplittertes Stück Holz der Stützbalken und ein kleiner Felsbrocken hatten einem der Inselbewohner ein zerbrochenes Bein beschert.

Wenn der Bruch nicht so schlimm gewesen wäre, hätten die Bergleute Kalifa ins Krankenhaus gebracht und ihr Geheimnis für sich behalten. Stattdessen hatten sie Maddie angerufen und sie gebeten, über die Berge zu dem verwilderten Minengelände zu kommen.

Maddie – Madeline Haddon – war zwar hochschwanger, aber die einzig verfügbare Ärztin. Die Bergleute hatten ihr gesagt, dass Knochensplitter aus Kalifas Haut ragten und er deshalb nicht transportiert werden könnte, ohne dass man riskierte, die Blutzufuhr zu durchtrennen.

Sie hatte keine andere Wahl gehabt.

Als sie in der Mine eingetroffen war, hatte es sie große Mühe gekostet, ihn zu stabilisieren. Kalifa musste dringend operiert werden, wenn er nicht für den Rest seines Lebens humpeln sollte, und Maddie machte sich Sorgen, ob sein Herz dieser Belastung gewachsen sein würde. Daher hatte sie Keanu angerufen, den anderen Inselarzt, der gerade auf dem Rückweg von einer Klinik auf dem Festland war. Sie hatte ihn gebeten, Kalifas Überführung nach Cairns zu organisieren, als sie plötzlich von unten ein ominöses Grummeln gehört hatte.

Kurz darauf kam aus der Öffnung der Mine eine große Schmutz- und Staubwolke.

Maddie hatte geglaubt, dass Kalifa und seine beiden Freunde, die sie angerufen hatten, allein gearbeitet hätten. Sie hatte nicht gedacht, dass noch weitere Männer in der Mine sein würden. Aber dann kamen sie stolpernd und vom Staub geblendet aus der Öffnung.

Sie hatte den beiden Männern dabei geholfen, Kalifa auf den Rücksitz des Jeeps zu hieven. In Notfällen wie diesen diente ihr Auto schon einmal als Ambulanz. Doch dann hatte sie sich umgedreht und entsetzt dabei zugeschaut, wie die Bergleute ins Freie gestolpert waren.

„Wie viele von euch sind da unten?“, fragte sie den ersten Mann, der eine tiefe Fleischwunde am Arm hatte. Sie griff nach einem Verband und drückte ihn auf die Wunde.

„Zw … zwölf Männer“, erwiderte er.

„Und sind jetzt alle draußen?“ Als man sie wegen Kalifa angerufen hatte, hatte sie gedacht … Warum hatte sie nicht nachgefragt?

„Es fehlen noch drei.“

„Aber warum? Wo sind sie?“

„Malus Bein ist zerschmettert“, erwiderte er. „Er blutet wie verrückt.“

„Sitzt er fest? Ist der Schacht eingestürzt?“

„Nur … ein bisschen Steinschlag, wo Kalifa gegen den Balken gefallen ist. Malu hatte Pech – wir wollten die Abstützung wieder aufrichten, er befand sich direkt darunter, als der Felsen runterkam. Macca und Reuben helfen ihm rauszukommen, doch sie können den Druckverband nicht länger festziehen. Aber der Schacht ist frei genug. Sie müssten gleich rauskommen.“ Seine Stimme erstarb. „Vorausgesetzt, sie können die Blutung stoppen.“

Maddie starrte den Mann entsetzt an.

Der Staub hatte sich inzwischen gelegt. Alles sah fast so aus wie immer.

Jemand war am Verbluten …

Oh, verdammt!

Sie hatte die Männer, die aus der Mine gekommen waren, kurz überprüft. Niemand schien ernsthaft verletzt zu sein. Und sie standen einander bei. Die Krankenschwester, die sie begleitet hatte, Caroline Lockhart, kümmerte sich gerade um einen Bergmann, der anscheinend seinen Arm gebrochen hatte. Doch er stand auf zwei Beinen und schien außer Gefahr zu sein. Einige der Männer hockten auf dem Boden und husteten. Sie mussten noch untersucht werden.

Ersteinschätzung.

Ein gebrochener Arm. Schürfwunden, Schnittwunden und sonst nichts. Kalifa wartete darauf, dass man ihn ins Krankenhaus brachte.

Doch jemand war am Verbluten …

Die Ersteinschätzung sagte ihr genau, wo sie gebraucht wurde.

Aber sie war schwanger. Schwanger! Instinktiv legte sie die Hand auf den Bauch und zuckte innerlich zurück.

Wie hoch war das Risiko?

Es war nur ein kleiner Felsbrocken heruntergestürzt, sagte sie sich. Der Schacht als solcher war unversehrt.

Doch hinten im Schacht drohte Malu zu verbluten. Sie hatte keine andere Wahl.

„Helfen Sie mir“, herrschte sie einen unverletzten Bergmann an. Sie griff nach seiner Hand und drückte sie auf den Verband, den sie auf die Wunde am Arm seines Kumpels gelegt hatte. „Drücken Sie ganz fest und machen Sie so weiter, bis Caroline Zeit hat, Ihnen zu helfen. Die Blutung lässt bereits nach, aber lassen Sie den Verband nicht los. Caroline, können Sie Keanu funken?“

„Er ist auf dem Weg von Atangi hierher.“

„Sagen Sie ihm, er soll mit dem Boot an dieser Küstenseite der Insel anlegen und so schnell wie möglich herkommen. Inzwischen sollten Sie Kalifa nicht bewegen. Er braucht einen Arzt, der ihn auf dem Transport begleitet. Die Blutzufuhr zu seinem Bein scheint stabil zu sein, solange er sich nicht rührt. Glücklicherweise haben wir genug Schmerzmittel für ihn dabei. So, und jetzt geben Sie mir Ihre Taschenlampe“, befahl sie einem anderen Bergmann. „Und Ihren Schutzhelm.“

„Sie … Sie können dort nicht reingehen“, stammelte der Kumpel. „Doc, Sie sind schwanger. Das ist zu gefährlich.“

„Natürlich ist es gefährlich. Ihr Idioten habt in einer Mine gearbeitet, die eigentlich geschlossen sein sollte. Aber habe ich eine andere Wahl? Malu hat zwei Kinder, und seine Frau ist meine Freundin. Caro, jetzt übernimmst du hier das Kommando!“

Sie griff nach ihrer Tasche, setzte sich den Helm auf und steuerte auf den Schacht zu.

„Doc, warten Sie, ich komme mit“, rief einer der Männer ihr hinterher.

„Denken Sie nicht mal dran. Sie haben auch Kinder“, schnappte sie zurück. „Wir haben schon vier Idioten in der Mine. Wagt ja nicht, fünf daraus zu machen!“

1. KAPITEL

Dr. Joshua Campbell war so gelangweilt vom Patiencespielen, dass er jede Partie inzwischen schneller beendete. Das war zwar nicht im Sinne des Spiels, aber ihm blieb nichts anderes übrig. Er hatte schon jede verfügbare Fachzeitschrift gelesen und die Ausrüstung wieder und wieder gecheckt. Er war unruhig im Zimmer auf und ab gelaufen und hatte das restliche Personal des Cairns Air Rescue Service in den Wahnsinn getrieben. Er hatte das Gefühl durchzudrehen.

Die ganze Woche lang war nichts Außergewöhnliches passiert. In ganz Nordqueensland schien niemand auch nur auf eine Spinne getreten zu haben, und die Patiententransporte, um die er sich hatte kümmern müssen, waren reine Routine gewesen. Es hatte keinen einzigen Notfall gegeben.

„Wenn nicht bald was passiert, gehe ich noch zur Armee“, sagte Josh mürrisch zu Beth, der Rettungssanitäterin. „Vielleicht nehmen sie mich ja im Bombengeschwader. Glaubst du, es gibt hier in der Gegend Bedarf an Bombendeponien?“

„Warum putzt du nicht einfach mal unsere Küche, nur so zur Übung?“, gab Beth verdrossen zurück. „Ferien und drei Jungs in der Pubertät? Eine Handgranate könnte nicht mehr Chaos anrichten. Wenn dir nach Explosionen zumute ist, musst du dir nur einen Haushalt zulegen. Vielleicht solltest du heiraten.“

„Hab ich schon hinter mir“, grummelte er.

„Ja, ich weiß, mit Maddie. Aber das ist doch schon Jahre her.“ Beth und Josh hatten ihre Stellen zum selben Zeitpunkt angetreten, und da sie jetzt schon viele Jahre miteinander gearbeitet hatten, gab es nur wenig, was der eine nicht vom anderen wusste. „Du hast es nicht lange genug ausgehalten, um wirklich zu wissen, was häusliches Glück bedeutet.“ Doch dann verschwand ihr Lächeln. „Oh …. Verdammt, tut mir leid, Josh. Ich weiß, ihr habt das Baby verloren, aber trotzdem … Das ist doch alles schon so lange her. Glaubst du, dass du und Karen vielleicht …“

„Nein!“ Er sagte es mit mehr Nachdruck als beabsichtigt und war selbst erstaunt über die Heftigkeit seiner Antwort. Sie befanden sich im Personalraum, der zu dem großen Hangar gehörte, in dem die Rettungsflugzeuge standen. Die Tür war offen, und seine Stimme hallte in dem gewölbten Hangar wider. „Nein“, wiederholte er ein wenig leiser, „Familienleben interessiert uns beide nicht.“

„Und ihr seht euch immer weniger“, sagte Beth nachdenklich. „Wie wäre es mit einem Dating Portal? Vielleicht findest du ja so die richtige Frau?“

„Beth …“

„Du bist jetzt sechsunddreißig, Josh. Zugegeben, du siehst immer noch sehr gut aus. Aber das wird nicht immer so bleiben. Ehe du es dich versiehst, brauchst du eine Gehhilfe und bist deprimiert darüber, dass du keine Enkelkinder hast …“

„Jetzt steht mein Entschluss fest – ich werde mich definitiv für das Bombengeschwader bewerben“, erwiderte er und warf ihr ein Bündel Papiere hin. „Nur um vor dir zu flüchten. Schau dir lieber mal das Dokument hier an. Ich hab zwar schon alle Papiere geordnet, aber was soll’s? Dann hab ich wenigstens die Zeit, mein Bewerbungsschreiben für die Armee auszufüllen.“

In diesem Moment meldete sich das Funkgerät. Beide griffen danach, aber Beth schnappte es sich zuerst. Sie hörte den kurzen Anweisungen am Ende der Leitung zu, während ihre Miene immer ernster wurde.

Die Papiere lagen vergessen auf dem Boden. Josh griff schon nach seiner Jacke. Er kannte diesen Gesichtsausdruck. „Was ist los?“, erkundigte er sich, nachdem sie das Gespräch beendet hatte.

„Es gibt Ärger“, erwiderte sie und zog sich ebenfalls die Jacke an. „Auf Wildfire Island ist eine Mine eingestürzt. Einer der Bergleute hat ein gebrochenes Bein und muss nach Cairns überführt werden. Das Flugzeug geht um zehn.“

„Ein Mineneinsturz?“, wiederholte Josh. „Und nur ein Mann ist verletzt worden?“

„Ja, gleich zu Beginn. Eine der Abstützungen ist eingebrochen. Hat das Bein des Mannes zerquetscht, aber diese Idioten haben wohl nicht begriffen, dass sie die Mine evakuieren sollten. Jetzt hingegen …“ Sie schüttelte den Kopf. „Der Einsturz scheint ziemlich heftig zu sein. Wir haben noch nicht alle Informationen, aber es sieht so aus, als wäre eine Ärztin aus der Gegend ebenfalls eingeschlossen.“

Eine Ärztin aus der Gegend.

Wildfire.

Etwas in Josh erstarrte zu Eis.

Beth sah ihn an. „Was ist los?“

„Du hast gesagt Wildfire. Ein Teil der M’Langi Gruppe?“

„Ja.“

„Da arbeitet doch Maddie.“

„Maddie?“ Ihre Augen weiteten sich. „Deine Maddie?“

„Wir sind ja nicht verheiratet.“

„Ich weiß, und das seit Jahren. Aber woher willst du das wissen?“

„Naja, ich … ich verfolge ihren Weg ein bisschen. Sie arbeitet zwei Wochen auf der Insel und zwei Wochen auf dem Festland. Ihre Mutter lebt in einem Altersheim in Cairns.“

„Verstehe“, nickte Beth verblüfft, dann schien es ihr plötzlich zu dämmern. „Heißt das, du stalkst sie?“

Das sollte zwar ein Witz sein, aber Josh fand es nicht so lustig.

„Natürlich nicht. Wir bleiben nur in Verbindung, schicken uns zu Weihnachten und den Geburtstagen Karten. Ich weiß, wo sie arbeitet, für den Fall, dass …“ Er zögerte. „Zur Hölle, ich habe keine Ahnung.“

Beths Gesichtszüge wurden weicher. Sie zog den Reißverschluss ihrer Tasche zu und klopfte ihm leicht auf die Schulter. „Ich weiß, wie es ist“, sagte sie. „Schließlich war ich bereits zweimal verheiratet. Einmal dein Ex, immer dein Ex. Aber mach dir keine Sorgen, es gibt schließlich ein großes medizinisches Zentrum auf Wildfire. Die Ärztin in der Mine muss nicht Maddie sein.“

„Stimmt.“ Josh starrte ins Leere. Irgendetwas sagte ihm … Er wusste es einfach.

„Erde an Josh“, sagte Beth mit fester Stimme. „Unser Flugzeug wartet. Lass uns gehen!“

Der Krach kam wie aus dem Nichts. Gerade hatte Maddie noch sehr effizient im Dämmerlicht gearbeitet. Sie war besorgt gewesen, hatte aber keine Angst.

Jetzt aber hatte sie Angst.

Sie musste den Staub, die Dunkelheit und die Angst ausblenden.

Wo war ihr Patient?

Sie hatte ihre Taschenlampe verloren und war voller Schreck hingefallen, als die Felswand um sie herum zusammengebrochen war. Alles in Ordnung, dachte sie, als sie sich vorsichtig hinkniete. Wenn sie ihren Mund bedeckte, konnte sie immer noch atmen. Nur konnte sie nichts sehen.

Und irgendwo in der Nähe war ein Mann, der kurz davor war zu verbluten.

Wo war nur die verdammte Taschenlampe?

Die Telefon-App! Maddie schluchzte erleichtert auf, als sie sich an einen Nachmittag vor ein paar Wochen erinnerte. Sie hatte zusammen mit Hettie, der Oberschwester, auf der Terrasse der Klinik gesessen, und Caroline hatte ihnen gezeigt, welche Apps sie auf ihre Handys laden konnten.

Für die meisten hatte sie keinen Bedarf, aber es hatte auch eine Taschenlampen-App gegeben, falls man im Dunkeln landete. So wie jetzt und … Ja, ihr Handy war in ihrer Tasche. Sie zog es heraus und tippte die App an.

Eine erstaunliche Menge Licht kämpfte sich durch den Staub.

Jetzt sah sie auch die große Taschenlampe vor sich auf dem Boden liegen. Erleichtert hob Maddie sie auf und knipste sie an. Glücklicherweise war sie nicht kaputt.

Und als Nächstes …

Der Verletzte, um den sie sich kümmern musste.

Sie war den Männern auf der Hälfte des Wegs begegnet. Blut war von Malus Bein heruntergelaufen, und er war nur halb bei Bewusstsein gewesen. Die Bergleute hatten ihm einen Druckverband angelegt, aber das reichte nicht.

„Er braucht mehr Druck“, hatte sie die beiden angeblafft. „Legt ihn hin.“

Dann hatte sie das Grummeln gehört. Sie hatte gespürt, wie die Erde zitterte.

„Los, lauft“, hatte sie die beiden Männer angeschrien, die ihn trugen, und das Echo ihres Schreis hallte noch immer in ihren Ohren wider.

Sie waren losgelaufen.

Maddie hoffte, dass sie es ins Freie geschafft hatten. Der Weg, auf dem sie gekommen war, war durch Felsbrocken blockiert. Hoffentlich waren sie auf die andere Seite gelangt.

Aber jetzt gab es Wichtigeres für sie. Sie musste Malu finden. Mit ihrer Taschenlampe und dem Handy reichte die Sicht nur für ein paar Meter.

„Malu?“

„H … hier.“

Zwischen ihnen lag ein Steinhaufen. Maddie kletterte darüber hinweg, auch wenn die Steine ihr ins Fleisch schnitten. Sie war jetzt im achten Monat schwanger. Vielleicht war es ja keine gute Idee, in diesem Zustand zu klettern, doch darum ging es jetzt nicht.

Malu lag direkt dahinter und hatte Glück gehabt, dass die Felsen ihn nicht erschlagen hatten.

Und er war noch am Leben. Ja, er hatte Glück gehabt, sehr viel Glück.

Auf dem Oberschenkel hatte er eine tiefe Fleischwunde, die auch der Druckverband nicht ganz verdecken konnte. Darunter tröpfelte das Blut …

Maddie zog ihre Jacke aus und wickelte sie ihm ums Bein.

Malu schrie vor Schmerzen auf.

„Tut mir leid“, sagte sie, konnte aber im Moment nichts dagegen tun. „Zuerst müssen wir die Blutung stoppen, und dafür muss ich fest drücken.“

„Entschuldigen Sie, es war nur der Schock …“

„Ja, ich hätte Sie warnen sollen.“

Das Atmen fiel ihr nicht leicht, bei all dem Staub und Dreck in der Luft. Trotzdem versuchte sie, nach außen hin möglichst kontrolliert zu wirken und ihrem Patienten nicht zu zeigen, wie viel Angst sie hatte.

Malu blieb stumm. Maddie kannte ihn, er war ein Inselbewohner der M’Langi Gruppe, die für ihre Zähigkeit berühmt waren.

Er hatte eine Frau und zwei kleine Kinder.

Maddie dachte daran, dass sie Morphium in ihrer Tasche hatte. Wenn sie nur ein weiteres Paar helfender Hände gehabt hätte …

Aber das hatte sie nicht.

Seine Hose waren zerrissen. Sie drückte mit einer Hand auf die Wunde und riss mit der anderen Hand sein Hosenbein bis zum Knöchel auf.

Dann suchte sie in ihrer Tasche nach einer Schere und fand sie glücklicherweise sofort. Ein Schnitt, und sie hielt das Stück Stoff in der Hand. Sie legte es um das Bein und zog es immer fester zusammen, bis Malu vor Schmerz aufschrie.

„Malu, das Schlimmste ist vorbei“, sagte sie, nachdem sie es geschafft hatte, den Stoff zu verknoten. „Die Blutung hat aufgehört, und ich habe jetzt die Hände frei. Ich werde uns Masken machen, damit wir leichter atmen können. Und dann hole ich Ihnen Schmerzmittel.“

Außerdem braucht er Flüssigkeit, dachte sie und dankte Gott dafür, dass sie ihre Tasche nicht verloren hatte. Ja, sie konnte versuchen, ihm eine Salzinfusion zu legen. Aber unter diesen Bedingungen steril zu arbeiten würde nicht einfach sein.

Das Wichtigste war, Malu jetzt am Leben zu erhalten. Nachdem er so viel Blut verloren hatte, musste sie die Flüssigkeiten austauschen.

Malu reagierte jetzt kaum noch. Sein Puls … Sein Puls …

Fünf Minuten später hatte Maddie ihm Morphium gespritzt und eine improvisierte Infusion gelegt, die die Flüssigkeit in seinen Arm pumpte. Sie hatte ihre Bluse zerrissen und daraus Atemmasken gemacht, damit der Staub nicht in ihre Lungen kam. Jetzt lehnte sie sich zurück und fand endlich Zeit, selbst zu atmen.

Doch sie hatte das Gefühl zu ersticken. Ihre Augen waren voller Splitt.

Aber sie waren am Leben.

„Doc?“ Malus Stimme war nur noch ein Flüstern.

„Hmmm?“

„Macca und Reuben … Sie haben mich getragen.“

„Ja, ich weiß.“

„Reuben ist mein Onkel. Glauben Sie, sie haben es geschafft?“

„Ich weiß es nicht.“ Es machte keinen Sinn, ihn anzulügen. Wahrscheinlich kannte Malu die Risiken noch besser als sie. Maddie griff nach seiner Hand und hielt sie fest. Mehr konnte sie im Moment nicht tun.

Der Gedanke, dass die anderen sie suchen würden und sich durch den Schutt kämpfen mussten … selbst wenn sie ihn hätte verlassen können, hätte ihr das nichts genutzt. Die Trümmer um sie herum waren nicht zu durchdringen.

Malu drückte fest ihre Hand. „Denken Sie nicht mal dran, die Steine wegzuschaffen. Das geht nur von der anderen Seite. Aber Sie sollten jetzt das Licht ausschalten.“

„Wie bitte?“

„Das Licht. Wir brauchen es im Moment nicht. Wer weiß, wie lange wir …“

„Völlig richtig“, nickte Maddie und knipste ihre Taschenlampe und die App aus. Doch als sie auch ihr Handy abschalten wollte, tauchte auf einmal eine SMS auf dem Display auf.

Wann war sie gekommen? Das hatte sie gar nicht mitbekommen.

Die Botschaft war simpel.

Maddie? Sag mir, dass du nicht in der Mine bist. Wir sind unterwegs mit dem Rettungsflugzeug. Josh.

Josh!

Josh würde kommen.

Ihr Handy funktionierte. Hilfe war unterwegs.

Es war erstaunlich, dass das Signal bis hier unten gekommen war. Aber der Tunnel war ja auch nur schmal, und in regelmäßigen Abständen gab es Regulierungsschächte. Allein das Telefon zu haben war eine große Beruhigung für Maddie. Und Josh würde kommen … Plötzlich fühlte sie sich unendlich erleichtert. Sie sagte Malu Bescheid und spürte, wie sich sein Griff um ihre Hand lockerte. Ja, die Kavallerie war unterwegs und würde sie retten.

Josh würde kommen.

Eigentlich sollte ihr das egal sein, denn ihre Ehe war ja schon seit Jahren vorbei. Inzwischen waren sie … Freunde? Vielleicht nicht einmal das.

Egal … Josh würde kommen.

„Sie bekommen also immer noch Signale?“, fragte Malu voller Hoffnung.

„Ja, so gerade noch.“

„Sagen Sie ihnen, sie sollen sich beeilen. Und wenn auch nur eine Kamera am Ausgang steht, brauche ich ein Paar neue Hosen, bevor sie mich rausbringen.“

Maddie schmunzelte. Er war so voller Zuversicht.

Aber sein Puls war weiterhin sehr schwach.

„Ich werde es ihnen sagen“, erwiderte sie und tippte die Nachricht ein.

Ja, wir sind unter Tage. Ein Felsbrocken versperrt uns den Eingang. Außerdem bräuchten wir dringend neue Kleidung. Irgendwie funktioniert der Reinigungsdienst hier nicht so gut.

Sie las Malu die SMS vor, und er kicherte. Vielleicht sollte ich noch mehr schreiben, dachte Maddie. Eigentlich war ein ausführlicher medizinischer Report angesagt. Doch im Moment reichte es zu wissen, dass sie beide noch am Leben waren.

Dabei würde sie es belassen müssen, bis Josh …

Bis die Kavallerie eintreffen würde.

Das Flugzeug rollte auf die Landebahn raus. „Bitte schalten Sie Ihr Handy aus“, fuhr der Pilot Josh an. Er wollte sein Telefon schon in die Tasche stecken, als plötzlich eine weitere Nachricht auf seinem Display erschien.

Ja, wir sind unter Tage. Ein Felsbrocken versperrt uns den Eingang.

Außerdem bräuchten wir dringend neue Kleidung. Irgendwie funktioniert der Reinigungsdienst hier nicht so gut.

Er stieß einen Fluch aus.

„Josh?“ Beth sah ihn besorgt an.

„Sie ist dort unten“, sagte er grimmig. „Maddie sitzt in der Falle.“

„Noch ein Grund mehr, dein Handy auszuschalten, damit wir endlich losfliegen können“, erwiderte sie. Dann nahm sie ihm das Telefon ab und las die Nachricht. Ihre Gesichtszüge erstarrten. Das Rettungsteam war zwar an schreckliche Nachrichten gewöhnt. Aber wenn es eine von ihnen traf …

„Bitte warten Sie noch dreißig Sekunden“, bat sie den Piloten und fing an, eine SMS einzutippen.

„Was machst du da?“ Josh versuchte, ihr das Telefon wegzunehmen, doch sie drehte ihm den Rücken zu und tippte weiter. Nachdem sie die Nachricht abgeschickt hatte, reichte sie ihm das Handy.

Er starrte auf das Display.

Wir sind unterwegs. Josh führt uns an. Er wird dich retten, und wenn er mit seinen bloßen Händen graben muss.

„Beth …“ Er konnte kaum sprechen.

„Stimmt es etwa nicht?“, fragte sie, während er vergeblich versuchte, seine Panik zu verbergen.

„Doch“, erwiderte er und schaltete das Telefon aus, bevor es endlich losging.

2. KAPITEL

Welche gütige Fee hatte dafür gesorgt, dass sie mit einem voll bepackten Medikamentenkoffer in die Mine gegangen war?

Und welcher böse Geist hatte sie dazu veranlasst, überhaupt dort reinzurennen?

In den nächsten Stunden versuchte Maddie, sich einen Reim auf das Geschehen zu machen.

Es hätte ein automatisches System vor Ort geben müssen, um mich aufzuhalten, dachte sie, während die Dunkelheit um sie herum immer schwärzer zu werden schien. Und Absperrungen, die verhindert hätten, dass die Ex-Minenarbeiter überhaupt reinkommen konnten.

Aber wer hatte eigentlich das Sagen gehabt? Ian Lockhart vielleicht? Ihm gehörte diese Mine, oder, um genauer zu sein, seinem Bruder. In den letzten Jahren war es mit der Insel stetig bergab gegangen.

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Viel Spaß!



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