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In den Himmel einziehen und ein Wolkenhaus bauen

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Ulrich Wigand

In den Himmel einziehen
und ein Wolkenhaus bauen

Autobiographie

Das Buch:

An einem sonnigen Frühlingsbeginn gerät die Welt des dreifachen Familienvaters Ulrich Wigand ins Wanken: die Diagnose eines tödlichen Hirntumors gibt seinem einzigen Sohn Yannick noch drei bis sechs Monate.

Der verzweifelte Kampf um das Leben des Vierjährigen wird zu einer Odyssee durch die Welt von Heilern, fernöstlicher und alternativer Medizin und zum Ausgangspunkt heftiger Kämpfe zwischen Vater und Sohn, an denen die Familie zu zerbrechen droht.

Aber auch Innigkeit und Nähe entwickeln sich zwischen dem Vater und seinem Sohn, der in seiner klaren und phantasievollen Sprache oft Weisheit und ein tiefes Wissen um seinen Weg ausdrückt, und der viele Menschen mit seiner Ausstrahlung beeindruckt, während er immer mehr seiner Fähigkeiten verliert: das Laufen, die Sprache, die Gestik, die Mimik und schließlich jede Bewegungs fähigkeit.

Es passieren verstörende, rätselhafte Dinge. Zufälle? Werden den Eltern und Yannick Zeichen gegeben, dass größere Mächte um sie herum sind? Die Umstände von Yannicks Tod und die Ereignisse und Begegnungen danach ermöglichen es dem Vater, auf den Trümmern alter Gewissheiten zu einer neuen, spirituellen Sicht auf die Welt zu kommen, reicher wieder ins Leben zurückzufinden und schließlich eine neue, bleibende Verbindung zu seinem Sohn schaffen.

Der Autor:

1953 in Hamburg geboren, von Beruf Stadtplaner, lebt in der Aachener Grenzregion.

Ulrich Wigand

In den Himmel einziehen
und ein Wolkenhaus bauen

Autobiographie

Für Mara und Johanna

Vorwort

Mehr als ein Jahrzehnt sind vergangen, ehe ich begann, die in Heften und Kladden, auf losen Blättern und Speichermedien verstreuten Notizen, Aufzeichnungen, Textfragmente und Erinnerungen zu sichten und zu ordnen. Die Geschichte, die dieses Buch erzählt, ereignete sich bereits im Jahr 2000. Damals hielten wir viele Begebenheiten und Aussprüche spontan in Form kleiner Notizen fest. In den beiden ersten Jahren danach brachte ich immer wieder Erinnerungen zu Papier, getrieben von der Angst, zu vergessen. In den Urlauben saß ich oft schon früh morgens auf dem Campingplatz vor dem Zelt und schrieb mir die Finger wund, während der Rest der Familie noch schlief: schon damals mit der vagen Vorstellung, irgendwann die vielen Aufzeichnungen zusammenfügen und Yannick und die damaligen Ereignisse in einem zusammenhängenden Text wieder lebendig werden lassen. Aber dann fehlte acht Jahre lang neben meinen intensiven beruflichen Aufgaben die Zeit, und danach traute ich mich weitere Jahre nicht, die Texte wieder auszupacken und damit alles noch einmal zu erleben und zu durchleiden.

Die vielen Fragmente und Puzzleteile sind nun doch noch ein Ganzes geworden. Bis in die Details hat sich die Geschichte so, wie sie hier steht, abgespielt – allerdings aus meiner ganz subjektiven Sicht und Wahrnehmung heraus erzählt. Jeder andere der damals beteiligten Menschen würde über die Ereignisse sicherlich anders schreiben, erlebte und erinnert sie anders.

So kommen meine Töchter Mara und Johanna und meine Frau Gabriele in diesem Buch oft nur am Rande vor. Das spiegelt meine damalige Wahrnehmung: eine verengte Welt, fokussiert auf eine einzige Aufgabe: mit allen Mitteln meinen Sohn Yannick am Leben zu erhalten. Ich konnte nur noch ihn sehen und verlor dabei immer mehr den Rest meiner engsten Familie und Angehörigen aus den Augen. Diese Versäumnisse sind nicht korrigierbar. Aber vielleicht hilft dieses Buch, sie etwas nachvollziehbarer zu machen.

Mein Dank gilt an dieser Stelle meinen „Lektorinnen“ Gisela Hinsberger und Cordula Viergutz, sowie allen anderen, die mir mit Ratschlägen und kritischen Rückmeldungen bei der Entstehung dieses Buches geholfen haben.

Frühling

1

Die Farben leuchten im Licht der wieder höher stehenden Sonne an diesem ersten Frühlingstag, dem einundzwanzigsten März. Die Luft ist durchsichtig, der Himmel wolkenlos, tief und klar. Ein Tag, an dem nichts absurder erscheint, als dass er unser Leben für immer verändern, es in zwei Teile teilen könnte: das Leben davor und das Leben danach. Erste Wärme und erstes durchbrechendes Grün laden ein, früh im Büro Schluss zu machen, meine Joggingrunde im Wald zu absolvieren. Umso ärgerlicher die Langwierigkeit des Projektgesprächs: draußen die lockende Sonne und ich als Gastgeber der Besprechung festgenagelt. Es ist schon später Nachmittag, als ich endlich auf dem Weg nach Hause bin.

Wie Yannick wohl einen Tag wie diesen beschreiben würde? „Die Welt glitzert“ vielleicht. Woher nimmt er seine Worte und Sprüche mit seinen gerade einmal vier Jahren? Seine blumige, die Welt beobachtende, die Natur erspürende Sprache verblüfft uns immer wieder, ist wie ein Sprach-Zirkus, eine Mischung aus Wortakrobatik und verbaler Clownerie.

Bestimmt werden sie wieder, wie meistens an solchen Tagen, auf unserer kleinen Wohnstraße spielen, in die ich gleich einbiege. Mara, mit neun Jahren die Ältere, ruhig, zurückhaltend und besonnen, für Yannick als große Schwester der wichtigste Bezugspunkt in seinem kleinen Kosmos. Johanna, mit sieben Jahren quirlig, unentwegt in Bewegung und voller Phantasie. Schließlich Yannick, der kleine Bruder, extrovertiert auf die Umwelt zugehend und mit seinem verschmitzten Charme wie selbstverständlich alle für sich einnehmend. Gabriele wird vielleicht schon das Abendessen vorbereiten oder mit einer Nachbarin in der Küche noch einen Kaffee trinken.

Die Mädchen werden Seilchen springen oder auf ihren Inline-Skates oder Fahrrädern vor dem Haus unterwegs sein, Yannick mit Roller oder Dreirad, Fußball spielen oder auf dem Bobbycar sitzen und bei meinem Einbiegen in die Straße, sobald er meinen alten schwarzen Fiat Panda erblickt, alles liegen lassen und mir entgegen laufen. Dann wird er, wie so oft, ins Auto auf meinen Schoß klettern und helfen, es ans andere Ende der Straße zu lenken, am Wendehammer zu kehren und vor dem Haus einzuparken.

Aber in letzter Zeit war das seltsam verändert. Wenn Yannick mich mit dem Auto die Straße hochkommen sah, kam er nicht mehr freudig, sondern weinend und – so schien es mir – verzweifelt auf mich zu und beruhigte sich erst wieder, als er auf meinem Schoß saß und lenkte. Ich machte mir keine weiteren Gedanken darüber. Doch es war eine der tieffliegenden Schwalben vor dem Unwetter, die wir nicht beachteten und in ihrer Bedeutung nicht erkannten. Eines von vielen Anzeichen der heraufziehenden Katastrophe.

Als ich endlich in unsere Straße einbiege, ist sie leer. Keines der Kinder spielt vor dem Haus. Unser Familienauto, ein roter siebensitziger Citroen-Van, den wir uns erst vor einem halben Jahr angesichts der großen Familie und zahlreicher Freundinnen der Kinder, die zu verschiedenen Anlässen mitgenommen werden wollen, gekauft haben, ist nirgendwo zu sehen. Die Haustür steht, ganz ungewöhnlich, offen. Ich finde Mara und Johanna im Wohnzimmer mit einer Nachbarin und deren Freund.

„Gabriele ist mit Yannick vor einer halben Stunde ins Klinikum gefahren. Nichts Akutes, aber irgendwas stimmt nicht“, sagt sie. Ich solle so schnell wie möglich nachkommen. Sie würden bei den Mädchen bleiben.

Ich setze mich sofort wieder ins Auto. Fahre die zwei Kilometer zum Aachener Klinikum, einem der wohl größten zusammenhängenden Gebäudekomplexe Europas, ein in den siebziger Jahren errichteter Bau in futuristischer Fabrikarchitektur aus Stahl und Glas, ein technisches Monstrum, die Fassade bedeckt mit Lüftungsrohren und Leitungen, von innen wie eine komplette Stadt. Es ist schwer, in dem Labyrinth von Gängen, Etagen, Versorgungswegen und Stationen die Gesuchten zu finden. Schließlich begegne ich ihnen in einem kleinen Untersuchungsraum tief im Inneren des Ameisenhaufens. Als Yannick mich sieht, stürmt er auf mich zu und rennt in meine Arme. Das Standard-Untersuchungsprogramm wird gerade an ihm durchgeführt: Reflexe, Blutabnahme, Zugang legen, Größe, Gewicht. Keine Befunde, alles normal. Er soll über Nacht bleiben. Morgen weitere Untersuchungen: Computertomografie wegen Verdachts auf Hirntumor. Gabriele will bei ihm bleiben und in seinem Krankenzimmer übernachten.

„Hoffentlich kein Hirntumor“, sagt sie noch. Als Ärztin kann sie Symptome eher deuten als ich. Ich versuche, sie zu beruhigen: vielleicht ein Infekt, sicher nichts Dramatisches. Doch sie hat Angst, berichtet von Drehschwindel am Nachmittag, Erbrechen, plötzlicher Panik bei ihm und noch größerer Panik bei ihr. Monate später sagt sie, in dem Moment habe sie es bereits gewusst.

„Ich habe Angst, dass ich in den Himmel fliege. Halt mich fest“ hat Yannick in den letzten Tagen mehrmals zu Gabriele gesagt.

„Ich halte dich ganz fest“, versuchte sie ihn zu beruhigen.

Gabrieles Bericht über die Ereignisse der letzten Stunden weckt bei mir die Erinnerung an merkwürdige Ereignisse der letzten Wochen und Monate. Veränderungen, schleichend, unmerklich, zunehmend. Jede für sich allein genommen eigentlich nichts wirklich Beunruhigendes.

Zuerst Yannicks Gang, vor allem abwärts, die steile Treppe vom Dachgeschoss unseres holländischen Reihenhauses herunter, wo kein Handlauf vorhanden ist. Unser kleiner Fernseher steht ganz oben im Haus, möglichst weit weg vom täglichen Geschehen, und „Die Sendung mit der Maus“ war anfangs das Einzige, was die Kinder sehen durften und entsprechend beliebt und heftig erwartet war. Später kam am Abend das Sandmännchen hinzu. Von Woche zu Woche, wenn am Sonntagmittag die „Die Maus“ zu Ende war, wurde Yannicks Gang die Treppe hinunter unsicherer. Mir fiel es kaum auf, aber Gabriele beobachtete seine Bewegungen mit zunehmender Sorge. Manchmal setzte er sich oben auf die Treppe und rutschte auf dem Po Stufe für Stufe die Treppe hinunter.

Im Februar dann Elternabend im Kinderladen. Auf einem der für uns Erwachsene viel zu kleinen und von Minute zu Minute härter und unbequemer werdenden Kinderstühlchen den ganzen Abend über im Kreis hockend, wartete ich bei den diversen Themen, Organisatorischem, Unwichtigem, ungeduldig auf den einzigen Tagesordnungspunkt, der mich an dem Abend interessierte, an dem die Erzieher immer reihum über die Kinder berichten. Wenn Yannick dran war, erzählten sie oft von den engen Freundschaften, die er mit vielen anderen Kindern im Kinderladen geschlossen hat, wie ihm alle Herzen zufliegen, wie wichtig er für so viele Kinder ist, wie er sich mitfühlend um andere Kinder kümmert und ihnen hilft. Ein kleiner Junge, Peter, weinte regelmäßig, wenn seine Mutter ihn morgens nach dem Bringen zurückließ, um zur Arbeit zu fahren. Yannick nahm ihn dann an die Hand oder in den Arm und erklärte ihm, dass er nicht traurig zu sein bräuchte, seine Mama würde wiederkommen und ihn abholen. Und jetzt würden sie erst einmal spielen gehen, und er nahm ihn mit nach oben in den großen Gruppenraum. Einmal erzählten die Erzieher, Yannick sei bei Gesellschaftsspielen, besonders bei jedem „UNO“-Spiel immer ganz vorne dabei und auch unangefochtener „Dinosaurier-Memory“-König. Nur seine Freundin und frühere Krabbelgruppengefährtin Leonie könne ihm manchmal das Wasser reichen.

An jenem Abend aber wurde meine freudige Erwartung, wieder von Yannicks Beliebtheit und seiner tollen Entwicklung in der Gruppe zu hören, enttäuscht: Yannick stände manchmal etwas merkwürdig orientierungslos im Raum, wie abwesend, ihm sei einmal schwindelig gewesen, wurde berichtet. Der sorgenvolle Ton war unüberhörbar.

Wir glaubten, Yannick hätte sich den Magen verdorben, als er sich am Rosenmontag erbrach. Er war als Ritter verkleidet, mit seinem Holzschwert, das er zum letzten Geburtstag bekommen hatte, Helm, Schild mit Löwen drauf. Gabriele hatte ihm noch ein Ritterwams genäht, ebenfalls mit einem Löwen drauf. Ein stolzer Ritter. Als ein halbes Jahr zuvor die Ritterbegeisterung begann, aßen Yannick und sein Freund Sebastian eine riesige Portion Rosenkohl, den sie eigentlich überhaupt nicht mögen, nachdem Gabriele ihnen erzählt hatte, es handele sich um Ritterknödel, die besonders stark machen.

Wir standen alle in unseren Karnevalskostümen unten an der Straßenecke in der Menge, nur etwa hundert Meter von unserem Haus entfernt. Die ersten Wagen des Rosenmontagszugs waren vorbei, die ersten Kamelle gesammelt. Plötzlich erbrach sich Yannick und das Erbrochene ergoss sich über sein Ritterwams. Ich nahm ihn auf den Arm, trug ihn nach Hause, zog ihn um, machte uns beide sauber. Er wollte nicht mehr zurück zum Zug und zu den anderen, wollte zu Hause bleiben. Das war ungewöhnlich, hatte er sich doch seit Wochen auf dieses Ereignis gefreut.

Erst kürzlich beim Griechen „Alexander der Große“ passierte es wieder. In den letzten Jahren fast schon zu einem Ritual geworden, läuten wir oft das gemeinsame Wochenende freitags abends nach der Kinderladen-, Schul- und Arbeitswoche mit einem Essen bei einem der Griechen ein. Yannick hatte erst wenig gegessen, als er seine Spaghetti auf den Teller erbrach.

Und als wir erst vor wenigen Tagen mit den Schwiegereltern im Bonner „Haus der Geschichte“ waren, wollte Yannick fortwährend auf den Arm und weinte untröstlich, nachdem er, offenbar orientierungslos, im Foyer mit einem Mann kollidiert war, der sich zwar entschuldigte, dem ich aber noch mit auf den Weg gab, er solle doch bitte besser aufpassen.

Vor allem aber begann Yannicks klare Sprache immer mehr zu verschwinden. Er ist ein Sprachjongleur, der es liebt und manchmal regelrecht zelebriert, Redewendungen, Floskeln, was immer er aufschnappen kann, zu originellsten Äußerungen zu verarbeiten. Und eine so glockenklare und prononcierte Aussprache wie seine hatte ich nie ich zuvor bei einem kleinen Kind gehört. Noch gut erinnere ich mich an die Telefonate mit der Familie, als ich für sechs Wochen zu einer Kur war. Jedes Mal, wenn Yannick, damals gerade drei Jahr alt, den Telefonhörer erobert hatte, begann er übergangslos nach einem „Weißt du waas….?“, wobei das „wa-as“ immer eine Terz nach unten ging, mit seiner hellen Stimme in gewählten Formulierungen die lustigsten Neuigkeiten von zu Hause und aus dem Kinderladen zu erzählen.

Aber seit einiger Zeit wird Yannicks Aussprache immer verwaschener. Auch bei seinen Lieblingsbüchern, die er sich, vor allem abends im Bett, wieder und wieder vorlesen lässt, deren Text er irgendwann auswendig kennt und vom ersten bis zum letzten Wort mitspricht. Er liebt die Stellen mit Komik, platzt fast vor diebischer Vorfreude darauf, fängt schon zwei Seiten vor der Pointe an zu kichern. Und wehe, man verliest sich, sagt ein falsches Wort: der Protest kommt auf der Stelle. Dieses Mitsprechen wurde von Woche zu Woche undeutlicher. „Yannick macht auf Kleinkind, er hat eine regressive Phase“, lautete unsere erste Vermutung.

„Sprich bitte deutlich! Musst du so nuscheln? Man versteht dich ja gar nicht! Kannst du nicht normal sprechen?“ mahnten wir ihn immer wieder. Gabriele kaufte einen Ratgeber mit dem Titel „Kleine Helden in Not“, in der Überzeugung, seine Rolle als gleichzeitig kleiner Mann und doch Kleinkind sei der tiefere Grund für ein regressives Verhalten. Aber seine Aussprache verschlechterte sich weiter.

Vielleicht ist an Yannicks Gehör etwas nicht in Ordnung, vermuteten wir. Bekommt er deswegen Probleme mit der Sprache? Und ist das auch der Grund des gelegentlichen Schwindels, der Orientierungslosigkeit, der Unsicherheit beim Gehen? Gabriele vereinbarte einen Termin beim Hals-Nasen-Ohrenarzt. Zu dieser Untersuchung ist es nicht mehr gekommen.

Alle diese Vorkommnisse gehen mir durch den Kopf, als ich nach Hause fahre, um die notwendigsten Übernachtungssachen einzupacken und sie ins Klinikum zu bringen. Den beiden Mädchen erkläre ich, dass Gabriele und Yannick eine Nacht zur Untersuchung im Krankenhaus bleiben müssen, bringe sie ins Bett, mache am nächsten Morgen das Frühstück und schicke sie zur Schule, bevor ich wie an jedem Tag in mein Büro im zwanzig Kilometer entfernten Herzogenrather Rathaus zur Arbeit fahre. Neue Nachrichten kann es zu dieser Stunde ja noch nicht geben.

2

Es ist später Vormittag, als Gabriele am Telefon ist, in Tränen aufgelöst. Sie kann kaum sprechen.

„Er hat einen Hirntumor, bitte komm sofort!“

Die Welt wankt. Ich lege wie betäubt auf, lasse alles stehen und liegen, sage meinen Mitarbeitern, bei meinem Sohn sei ein Hirntumor festgestellt worden, ich müsse sofort weg. Den Schrecken in den Gesichtern nehme ich beim Hinausgehen nur undeutlich wahr, fahre mechanisch, wie durch einen Tunnel. Gedanken und Bilder vergangener Ereignisse und uns bevorstehender Szenarien wirbeln mir durch den Kopf. Ich versuche zu realisieren, was da gerade passiert ist, was da mit uns, mit mir, mit Yannick geschieht.

Ich finde Gabriele im Flur der Radiologiestation, wartend. Ich spüre ihr leichtes Beben, als ich sie zur Begrüßung umarme. Nach der Computertomografie am Morgen wurde zur besseren Identifizierung und Lokalisierung des Tumors eine Kernspinuntersuchung angeordnet. Yannick ist noch im Untersuchungsraum. Er musste mit Beruhigungsmitteln in einen Schlafzustand versetzt werden. Gabriele rechnet mit dem Schlimmsten. Das Schlimmste, das ich mir vorstellen kann, ist eine Operation in einem äußerst sensiblen und riskanten Bereich, im Gehirn. Also eine Zeit mit Risiken, eine dramatische Zeit. Aber eine Zeit, die wir alle auch wieder hinter uns lassen werden und nach der wir wieder eine gesunde und vollständige Familie sein werden.

Wir gehen in die Cafeteria, es wird noch etwas dauern, bis die Untersuchung beendet ist, sprechen nicht viel, jeder in Gedanken, mit seinen Ängsten, halten uns nur kurz an der Hand. Als wir wieder zur Station zurückkommen, ist Yannick noch nicht wieder aufgewacht. Aber wir können zu ihm. Er hat seinen weißdunkelblau-gestreiften Matrosenpullover an, Strähnen seiner blonden Haare fallen ihm in die Stirn. Er sieht unglaublich süß aus. Zusammen mit zwei Krankenschwestern schieben wir unseren reglos daliegenden Sohn in seinem fahrenden Bett durch die Flure zur Kinderstation. An jeder Ecke des Bettchens eine Person. Plötzlich ist mir, als ob wir einen Sarg zu Grabe tragen. Eiskalt kriecht Angst in mir hoch, zieht mir die Brust zusammen. Gabriele erzählt später, dass sie in diesem Moment die gleichen Bilder hatte.

Die Diagnose wird am späten Nachmittag erwartet. Es ist Mittag, als wir in das Krankenzimmer zurückkommen. Auf dem Tisch steht ein Strauß gelber Narzissen. Yannick ist aufgewacht, bester Laune, hat „Mausi“, seine Plüsch-Maus, seine „Sendung mit der Maus“, wie er sie auch manchmal nennt, fest in die Arme gedrückt. Es gelingt mir nicht, das Bild dieses Jungen mit dem, was wir heute erfahren haben, in Übereinstimmung zu bekommen. Seine kristallklaren bunten Augen, in denen sich braun, grün und grau mischen, strahlen mich an.

Yannick verlangt, dass ich mit ihm “Uno“ spiele. Schon wenn er beim Kartenmischen die „Vier-zie- hen“-Karte oder auch nur die „Zwei-ziehen“-Karte sieht, fängt er an zu kichern. Und wenn er mir dann eine solche Karte legen kann, fällt es mir angesichts seines glucksenden Lachens schwer, den Zerknirschten zu spielen.

Wir gehen hinaus in die Frühlingssonne. Yannick rennt über den weiten Vorplatz des Klinikums, schlenkert mit den Armen, lässt sie kreisen wie Windmühlenflügel. Immer wenn er gut gelaunt ist, rennt er, die Arme wie Propeller drehend, oder die Arme und Schultern wie eine alte Dampflokomotive kreisen lassend. Wir steuern den italienischen Eisverkäufer auf Rädern an, der seinen Stand vor dem Klinikum aufgebaut hat. Dann zurück ins Krankenzimmer, warten, vorlesen, spielen. Jemand von der Station schenkt Yannick einen orangefarbenen Luftballon.

„Warum guckst du so blass?“ fragt mich Yannick.

Stunden verstreichen, die Visite lässt auf sich warten.

Dann kommen sie, als wir gerade mitten in einem Uno-Spiel sind. Eine große Truppe in weißen Kitteln: Chef, Oberärzte, Assistenten, Pfleger, Sozialarbeiter. Das Krankenzimmer ist auf einmal voll.

„Er hat einen Tumor im Hirnstamm, ein ,Pons- Gliom‘ – nicht operierbar – keine Heilungschance – Prognose je nach Behandlung drei bis sechs Monate“. Wortfetzen und Begriffe bohren sich in mich hinein.

Als eine Pflegerin auf Yannick zutritt, zerplatzt sein orangener Luftballon mit lautem Knall mitten in die Diagnosestellung hinein. Yannick fängt an zu weinen, ist untröstlich, schreit. Chaos bricht aus. Ich sehe vor mir nur noch eine weiße Front, aus der immer noch Mitteilungen das Schreien zu durchdringen und uns zu erreichen suchen. Die Worte sickern von den Ohren in den Kopf, den Bauch, das Herz, in alle Glieder, durch den Körper, eiskalt, glühend heiß. Mit weit aufgerissenen Augen starre ich den Arzt, der dort spricht, an: „Nein!“ Die Wut auf die Ärzteschaft kommt erst viel später. Das Todesurteil für den geliebten Sohn wie eine lapidare Nachricht zu überbringen, ohne Vorwarnung hingeworfen durch eine weiße Meute und im Beisein des wegen seines Luftballons verzweifelt schreienden Yannick.

Es wird Abend. Wir sitzen mit Yannick im Dienstzimmer der Oberärztin. Sie ist verständnisvoll, ernst, sachlich. Yannick auf meinem Schoß. Er ist müde, schläft irgendwann ein. Ich wiege ihn, halte ihn, grabe meine Nase in seine Haare, sauge seinen Duft ein. Draußen ist es dunkel. Wir sitzen irgendwo in einer kleinen Zelle einer großen Apparatur, in einem Raumschiff, das durch die Nacht fliegt. Nichts existiert mehr, als dieser Raum im Dunkel des Weltalls.

„Ein Mädchen mit Pons-Gliom hat im vergangenen Jahr nach der Chemo- und Strahlenbehandlung noch einen langen Sommer ohne große Beeinträchtigungen gelebt“, höre ich die sonore Stimme der Ärztin. Die Worte dringen in mich ein und fließen durch mich hindurch. Gedanken, Gefühle blitzen auf, verglühen wie Sternschnuppen, Tränen überschwemmen mich, trocknen. Ich beuge mich über meinen schlafenden Sohn, will ihn schützen vor all diesen Worten, vor seinem Schicksal. Fragen steigen in mir auf.

„Wie ist der Krankheitsverlauf?“ Sie spricht von Lähmungserscheinungen. Ich kann und will mir keine Vorstellungen machen. Sie bietet Hilfe an, nennt Ansprechpartner. Ihre Worte fallen in einen dunklen Schacht.

„Wird er leiden müssen?“ Ich bekomme die Frage kaum über die Lippen. Höre mich selber von weit her sprechen. Zur Antwort diverse Ausführungen über mögliche Schmerzbehandlungen. „Man wird ihn wohl bis zum Schluss schmerzfrei halten können“. Schluss? Bis zum Schluss? Sie bietet Chemotherapie und Bestrahlung an. Dies könne die Prognose um einige Monate verlängern. Wie viel, sei individuell verschieden, vielleicht drei Monate, vielleicht ein Jahr, vielleicht auch gar nicht. Die Entscheidung liegt bei uns. Wir müssen es nicht sofort entscheiden, aber in den nächsten vierzehn Tagen, wenn es noch etwas nutzen soll. Sie verschreibt Cortison, um das Ödem zum Abschwellen zu bringen. Es würde die Symptome vorübergehend verbessern.

Irgendwann gehen wir. Zurück zur Station. Ich weiß nicht, wie spät es ist. Gabriele und Yannick bleiben im Klinikum. Zur Beobachtung. Yannick wird an Apparate angeschlossen, die seine Körperfunktionen überwachen und schon Alarm auslösen, wenn er sich zu sehr bewegt. Wir fühlen uns diesem medizinischen Apparat ausgeliefert, der tut, als bestände akute Lebensgefahr für unseren Sohn, sind benommen, unfähig, zu widersprechen.

Ich fahre nach Hause, versuche, den Mädchen keine Angst zu machen, sage ihnen nur, dass Yannick krank ist. Bringe sie schlafen. Aber ich muss es mitteilen, herausschreien. Alle müssen es wissen! Oder darf es keiner wissen? Ich kann doch niemandem eine solche Nachricht zumuten! Halte den Telefonhörer in der Hand. Ich bringe es nicht über mich, meine Eltern anzurufen. Schließlich rufe ich meine Schwester an. Sie als Ärztin muss doch wissen, wie man Todesurteile übermittelt. Sie meldet sich. Ich weiß nicht, wie ich es aussprechen, es über die Lippen bringen, meine Stimmbänder in Bewegung setzen soll. Sekunden, die wie Ewigkeiten scheinen, vergehen ohne ein Wort. Irgendwann dann doch, unter Tränen, schluchzend, berichte ich.

„Bitte ruf unsere Eltern an und wen du noch willst, ich kann es nicht“. Bis ich den Mund aufmache, um Yannicks Diagnose mitzuteilen, war ich äußerlich ruhig, wie unter Schockstarre. Es ist, als ob erst das gesprochene Wort das Unvorstellbare wirklich werden lässt, als wenn eine fremde Stimme mir das Unfassbare mitteilt und ich es ungläubig anhöre.

Es wird spät. Ich stehe im Dunkeln am Fenster, schaue in den Nachthimmel, in das Nichts, in dieses schwarze Loch, das alles um mich herum aufsaugt. Ich bin mir sicher: wenn es so kommt, wie diese Ärzte es behauptet haben, werde ich die Kraft nicht haben, dies durchzustehen. Daran werde ich zerbrechen! Was erträgt ein Mensch? Welche Kraft kann man aufbringen? Was habe ich bisher schon tragen müssen: einige Schwierigkeiten und Unebenheiten im Beruf, keine Schicksalsschläge. Ich weiß nicht, wie das geht. Unmöglich! Nicht Yannick! Ich habe drei tolle Kinder und bei jedem dachte ich, mehr als dieses kann ich nicht mehr lieben. Das war so bei Mara und dann erneut bei Johanna. Und als ich dachte, alle meine Liebe sei verbraucht und gebunden, kam Yannick und bewies mir das Gegenteil, verkörperte meine Sehnsüchte, nicht erfüllten Kindheitsträume. Wenn er stirbt, sterbe ich mit.

3

Yannick war geplant. Gut geplant. Ein Wunschkind. Drei Jahre nach Johannas Geburt sollten es am besten sein. Bei der Wahl des Zeitpunkts spielte ein wenig der Gedanke mit, sich Gabrieles KrankenhausJob im hundert Kilometer entfernten Krefeld noch eine Weile zu sichern und von ihrem aktuellen Erziehungsurlaub direkt in den nächsten Mutterschutz zu gleiten. Nach der Geburt von Mara gab es gesetzlich erst eineinhalb Jahre Erziehungsurlaub, so dass der Abstand der beiden Töchter mit knapp neunzehn Monaten auch damals genau passte.

Wir zeugten Yannick in der Silvesternacht, nach einem ausgelassenen Jahreswechsel auf der Aachener Partymeile, während die Mädchen und ihre Großeltern, die für ein paar Tage zu Besuch waren, in den Nachbarzimmern ruhig schliefen. Das Jahr war erst zwei oder drei Stunden alt. Es war Neujahr, und es war Neumond, eine Nacht voller Kraft und Magie.

Knapp neun Monate später, wieder war Neumond und das Sternzeichen war zum Herbstanfang gerade zwei Stunden zuvor von Jungfrau zur Waage gewechselt, war Yannick da, am Nachmittag des dreiundzwanzigsten September, präzise zu dem Termin, für den er ausgerechnet worden war. Es war wieder ganz anders, als zuvor bei seinen Schwestern: Nicht wie bei Mara, die nach wochenlangem Klinikkaufenthalt, Warten und Zögern dann ganz langsam und nach durchkämpfter Nacht drei Wochen vor der Zeit kam. Nicht so ungestüm wie Johanna, die es kaum abwarten konnte, ans Licht der Welt zu stürmen und uns kaum die Zeit ließ, den Kreißsaal zu erreichen.

Yannick hielt sich an die verabredete Zeit und kam ganz unspektakulär. Gabriele hatte sich an diesem spätsommerlichen Nachmittag gerade erst bei Musik von Mozart in die Badewanne gelegt, als sie merkte, es sei doch vielleicht besser, ins Luisenhospital zu fahren. Lieber einmal umsonst, als zu spät. Die Nachbarn waren glücklicherweise da und konnten sich um die Mädchen kümmern. Es war dann doch gut, dass wir am Krankenhaus einen für Ärzte reservierten Parkplatz benutzten, sonst hätte es hektisch werden können. Zum ersten Mal durchschnitt ich einem meiner Kinder die Nabelschnur. Nicht dass es mich dazu gedrängt hätte, nein - mir wurde einfach die Schere in die Hand gedrückt. Ich trennte Yannick von seiner Mutter, übergab ihn der Welt, dem Dasein als eigener Mensch, als Individuum, das atmet und schreit – ja, da war der Schrei, mit dem er sich in der Welt anmeldete.

Eine Nacht sollte Gabriele nach der Entbindung mit Yannick im Krankenhaus bleiben. Es war also meine Aufgabe, den beiden Mädchen zu eröffnen, dass sie einen Bruder mit dem Namen Yannick bekommen haben. Gabriele und ich wussten schon seit mehr als einem halben Jahr, dass wir einen Sohn bekommen würden, nachdem Gabriele sich zu einer Fruchtwasseruntersuchung entschlossen hatte. Aber Mara und Johanna fielen aus allen Wolken. Für sie war es offenbar völlig selbstverständlich, dass sie eine Schwester bekämen. Sie hatten intensiv an den Geburtsvorbereitungen teilgenommen, waren in die Rolle der werdenden Mutter geschlüpft. Seit Wochen hatte vor allem Mara die schwangere Mutter gespielt, sich Stofftiere oder Kissen unter den Pullover gestopft und sich immer wieder das Schwangerschafts-Kinderbuch „Peter, Ida und Minimum“ vorlesen lassen.

Was für eine Enttäuschung für die beiden.

„Ich will keinen Bruder, ich wollte eine Schwester!“ Johanna brach in Tränen aus.

„Das geht nicht. Den kann man nicht mehr zurückgeben. Auch nicht umtauschen. Das ist, weil der Uli Jungenssamen hatte“, erklärte Mara ihr.

Wir wissen nicht, wann und warum alle drei Kinder sich angewöhnt hatten, mich Uli zu nennen. Gabriele hieß immer Mama.

Ich stehe noch immer am dunklen Fenster, versuche, die Ungeheuerlichkeit des Geschehens zu erfassen. Doch jeder Versuch endet damit, dass meine Gedanken abgleiten, mich wegführen von dem Unfassbaren. Ein Gefühl der Unwirklichkeit, außerhalb der Realität zu stehen. Erinnerungen, Bilder, Gedankenfetzen, die wie Squashbälle an imaginären Wänden abprallen und ihre Richtung wechseln. Meine Brust zieht sich zusammen, bis ich kaum noch atmen kann. Dann wieder glaube ich, sie wird gleich bersten, meine Eingeweide zerreißen. Inzwischen ist am nächtlichen Himmel über unserem Haus der Mond aufgegangen, immer wieder verhüllt durch schwere dunkle Wolken, die sich vor ihn schieben. Ich versuche, sie mit der Kraft meines Willens beiseite zu drücken. Wenn die Wolken jetzt genau in dieser Minute den Mond freigeben, ist das das Zeichen des Himmels, dass Yannick wieder gesund wird. Ich weiß nicht, wie beten geht. Ich rufe Gott an, mit dem ich mich seit Jahrzehnten nicht beschäftigt habe, vielleicht gibt es ihn ja doch, ich flehe: „Wenn es dich gibt, bitte lass es nicht zu, lass mir meinen Sohn. Nimm mein Leben und schenke es Yannick. Wenn ich ihn retten kann, indem ich sterbe, so lass mich sterben.“

Bis gestern verlief mein Leben in mehr oder weniger geordneten Bahnen, getragen von festen oder verfestigten Vorstellungen, Ansichten und Überzeugungen. Ein Linker, ein Idealist und Weltverbesserer, elektrisiert und inspiriert von der antiautoritären 68er-Be- wegung, der gegen das gutbürgerliche Elternhaus und sein konservatives ...

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