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In den Händen des Milliardärs

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1. KAPITEL

Der Schulchor probte gerade „It’s a Small World“, als ­Celia Patel erfahren musste, wie klein die Welt tatsächlich war.

Hastig brachte sie den Notenständer in Sicherheit und wich zur Seite aus, als ihre Schülerinnen begeistert kreischend von der Tribüne stürmten und den Boden der Turnhalle zum Beben brachten. Die Meute wild gewordener Mädchen kannte nur noch ein Ziel. Den hinteren Eingang der Halle. Denn da stand er.

Malcolm Douglas.

Entertainer und siebenmaliger Grammy-Gewinner.

Und der Mann, der ­Celias Herz gebrochen hatte, als sie beide sechzehn Jahre alt gewesen waren.

Zwei Dutzend aufgeregt kichernder Mädchen umringten den Superstar, während seine beiden Bodyguards unruhig mit den Füßen scharrten.

Malcolm hingegen hatte seinen Blick auf ­Celia gerichtet und schenkte ihr das berühmte Lächeln, das unzählige CD-Cover und Pressefotos zierte. Er hatte nichts von seinem jungenhaften Charme und seinem guten Aussehen eingebüßt. Er war einfach nur reifer geworden – und hatte jede Menge Selbstbewusstsein und etwa zwanzig Pfund Muskelmasse zugelegt.

Er trug verblichene Jeans und Designerschuhe mit der lässigen Selbstsicherheit eines Mannes, der sich in seiner Haut wohlfühlte. Die hochgekrempelten Ärmel seines Hemdes entblößten starke, gebräunte Unterarme und Musikerhände.

­Celia wollte lieber nicht darüber nachdenken, wie geschickt und zärtlich diese Hände sein konnten.

Sein goldbraunes Haar war noch genauso kräftig, wie sie es in Erinnerung hatte. Und immer noch ein wenig zu lang. Die Strähnen, die ihm in die Stirn fielen, verführten dazu, es zurückzustreichen. Und diese blauen Augen! Sie konnte sich gut an den Blick aus diesen Augen erinnern, kurz bevor er sie mit der ungestümen Leidenschaft eines verliebten Teenagers geküsst hatte.

Mittlerweile war er unübersehbar zum Mann geworden.

Was zur Hölle tat er hier? Malcolm hatte keinen Fuß mehr nach Azalea, Mississippi, gesetzt, seit ein Kollege ihres Vaters, des ehrenwerten Richters Patel, ihm vor beinahe achtzehn Jahren die Wahl zwischen Jugendgefängnis und einer Besserungsanstalt des Militärs gelassen hatte. Seit er sie zurückgelassen hatte – verängstigt … und schwanger.

Auch wenn er häufig in der Presse auftauchte, war es doch etwas anderes, ihn nach all den Jahren leibhaftig wiederzusehen. Nicht dass sie die Zeitungen nach Fotos von ihm durchsucht hätte. Doch angesichts seiner Popularität war es nahezu unmöglich, nicht immer wieder unerwartet auf ihn zu stoßen. Am schlimmsten war es, wenn sie das Radio einschaltete und unvermittelt seine verführerische Stimme hörte.

Gerade presste er ein Stück Papier gegen seinen Oberschenkel, um ein Autogramm für eine Schülerin zu schreiben. Als ­Celia ihn mit dem jungen Mädchen sah, zog sich ihr Herz schmerzhaft zusammen. Sie musste daran denken, was hätte sein können, wenn sie gegen alle Widerstände und jede Vernunft ihr Baby behalten hätte.

Doch sie hatte ihre neugeborene Tochter an ein Ehepaar weggegeben, das dem Kind all das geben wollte, was sie und Malcolm ihm nicht bieten konnten. An jenem Tag hatte sie auf einen Schlag all ihre jugendliche Unbekümmertheit verloren, alle Zukunftsträume waren ausgeträumt.

­Celia straffte ihre Schultern und ging langsam auf die Menschentraube zu, die sich am anderen Ende der Turnhalle versammelt hatte. Sie war entschlossen, diesen Überraschungsbesuch mit Haltung zu überstehen.

„Kinder, ihr müsst Mr Douglas ein wenig Platz zum Atmen lassen.“ Sie trat in die Mitte der Mädchen und unterdrückte den Drang, ihr gelbes Sommerkleid glatt zu streichen.

Malcolm verteilte die letzten Autogramme. „Danke, dass du mich rettest, ­Celia“, bemerkte er augenzwinkernd.

„­Celia?“, rief ein Mädchen überrascht. „Miss Patel, Sie kennen ihn? Oh, mein Gott! Woher? Warum haben Sie uns das nie erzählt?“

­Celia hatte nicht vor, dieses Thema zu vertiefen. „Wir waren zusammen auf der Highschool“, erklärte sie knapp. „So, und jetzt geht wieder auf eure Plätze. Ich bin sicher, dass Mr Douglas all eure Fragen gern beantworten wird. Immerhin hat er ja unsere Chorprobe unterbrochen.“

Er begegnete ihrem vorwurfsvollen Blick mit einem vergnügten Grinsen.

„Waren Sie beide ein Paar?“, fragte eine Schülerin neugierig.

Die Glocke läutete – dem Himmel sei Dank! – und beendete die Stunde, ohne dass noch Zeit für weitere Fragen blieb. „Los, Kinder, stellt euch für eure letzte Stunde auf.“

­Celia bemerkte, dass die beiden Wachleute drinnen nur ein Teil von Malcolms Sicherheitspersonal waren. Im Flur standen vier weitere muskelbepackte Männer, während eine extralange Limousine mit getönten Fensterscheiben vor den Glastüren der Eingangshalle wartete.

„Ich nehme an, du bist hier, um mich zu sehen?“, fragte ­Celia, nachdem die letzten Schülerinnen aus der Halle verschwunden waren.

„Ja, das bin ich“, sagte er ruhig, und seine sanfte Baritonstimme schmeichelte ihren Ohren. „Können wir uns irgendwo ungestört unterhalten?“

„Deine Bodyguards machen das wohl ziemlich unmöglich.“ Sie deutete in Richtung des bulligen Duos, das so ausdruckslos zurückstierte wie die Wachsoldaten vor dem Buckinghampalast.

Malcolm nickte den beiden zu, und sie zogen sich wortlos in den Flur zurück. „Sie bleiben vor der Tür. Doch sie sind weniger zu meinem Schutz hier als zu deinem.“

„Zu meinem Schutz?“, fragte sie verständnislos. „Ich bezweifle, dass deine Fans anfangen, mir nachzulaufen, nur weil wir beide uns vor Ewigkeiten einmal gekannt haben.“

„Das meine ich nicht.“ Er wählte seine Worte sorgfältig. „Ich habe Gerüchte gehört, dass es Drohungen gegen dich gibt. Da ist ein wenig extra Sicherheit doch ganz gut, oder?“

„Ach das. Das waren nur ein paar seltsame Anrufe und Zettel. Solche Sachen passieren öfters, wenn mein Vater einen schwierigen Fall verhandelt.“

Wie um alles in der Welt hatte Malcolm davon erfahren? Sie fühlte sich unbehaglich und spürte, wie Panik in ihr aufstieg.

Ach verdammt, sie war kein verängstigter Teenager mehr. Sie war eine selbstsichere, erwachsene Frau, und das hier war ihr Revier. Auch wenn ihre Nerven so gespannt waren wie Klaviersaiten, sie würde nicht zulassen, dass Malcolms plötzliches Auftauchen ihr den Boden unter den Füßen wegzog.

Mithilfe einiger hervorragender Psychotherapeuten hatte sie sich ihren Weg zurück ins Leben erkämpft. Sie weigerte sich zuzulassen, dass irgendetwas oder irgendjemand ihren Seelenfrieden bedrohte und ihr ruhiges, sicheres Leben aus der Bahn warf.

Schon gar nicht Malcolm Douglas.

Sich in ­Celia Patel zu verlieben, hatte Malcolms Leben für immer verändert. Ob zum Guten oder zum Schlechten, darüber stand das Urteil noch aus.

Beinahe achtzehn Jahre lang hatte Malcolm es geschafft, auf Distanz zu bleiben. Aber er hatte ­Celia nie aus den Augen verloren, selbst dann nicht, wenn sie sich auf verschiedenen Kontinenten aufgehalten hatten.

Das war auch der Grund, warum er jetzt hier war. Er wusste zu viel über ihr Leben. Diese Drohungen gegen sie hatten ihn in Alarmbereitschaft versetzt. Er musste ­Celia irgendwie davon überzeugen, dass sie sich helfen ließ. Auf diese Weise konnte er wiedergutmachen, dass er ihr Leben zerstört hatte. Vielleicht konnte er dann auch endlich diese verklärte Jugendliebe hinter sich lassen, die ihm nach so vielen Jahren schon fast wie eine Illusion vorkam.

Doch seine körperliche Reaktion auf ­Celias Nähe war keine Einbildung. Jetzt, wo sie nur einen Schritt von ihm entfernt war, konnte er sich an jedes Detail erinnern. Er wusste, wie seidig sich ihr langes schwarzes Haar anfühlte, das ihr in weichen Wellen bis weit über die Schultern reichte. Das leuchtend gelbe Sommerkleid schmiegte sich an die Kurven, die seine Hände damals liebkost hatten.

Es kam ihm vor wie gestern, als sie damals beide hier zur Schule gegangen waren. Er war extra dem Schulchor beigetreten, um ihr nahe zu sein. Die Sticheleien der anderen Jungs hatten ihn nicht interessiert. Es gab nichts, was er nicht für sie getan hätte.

Und daran hatte sich nichts geändert. Einer seiner Kontaktleute hatte Wind davon bekommen, dass ­Celias Vater, Richter Patel, einen Prozess gegen einen Drogenring führte, dessen Hauptverdächtiger anscheinend versuchte, ­Celia einzuschüchtern. Malcolm hatte die örtliche Polizei informiert, doch die hatten sich nicht einmal die Mühe gemacht, die Unterlagen zu sichten, die er ihnen zur Verfügung gestellt hatte. Unterlagen, die eine klare Verbindung zwischen dem Angeklagten und einem Auftragskiller belegten.

Die Polizei mochte keine Einmischung von Außenstehenden, doch jemand musste etwas unternehmen. Und dieser Jemand war offensichtlich Malcolm. Er würde ­Celia beschützen. Er musste das tun. Schon allein, um wiedergutzumachen, dass er sie vor achtzehn Jahren im Stich gelassen hatte.

­Celia führte ihn in ihr Büro hinter der Bühne. Der winzige Raum war vollgepackt mit Notenblättern und Musikinstrumenten, die sich kistenweise auf dem Schreibtisch und in den Wandregalen stapelten. Der Geruch von Papier, Tinte und Leder mischte sich mit ­Celias süßem Duft, der ihm so vertraut war.

Als sie sich zu ihm umdrehte und ihr langes Haar nach hinten warf, streifte eine der seidigen Strähnen sein Handgelenk. „Mein Büro ist eigentlich eher ein Schrank, in dem ich meine Unterlagen und Instrumente lagere.“

Dort, wo ihr Haar ihn berührt hatte, kribbelte seine Haut. „Genau wie früher. Hier hat sich nicht viel verändert.“

„Manches hat sich verändert, Malcolm. Ich habe mich verändert“, sagte sie in einem unterkühlten Ton, den er von ihr überhaupt nicht kannte.

„Willst du mich jetzt zusammenstauchen, weil ich deinen Unterricht gestört habe?“

„Das wäre unhöflich von mir.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Dein Überraschungsbesuch war immerhin ein Highlight im jungen Leben meiner Schülerinnen.“

„Doch offensichtlich kein Highlight in deinem Leben.“ Er lehnte sich mit dem Rücken gegen die Tür und vergrub die Hände in den Hosentaschen, damit er nicht der Versuchung erlag, nach einem der Instrumente zu greifen. Er erinnerte sich daran, wie sie zusammen Gitarre und Klavier gespielt hatten und wie ihre gemeinsame Liebe zur Musik dazu geführt hatte, dass sie einander auch körperlich nähergekommen waren.

„Warum bist du hier? Du hast doch gar kein Konzert hier in der Gegend.“

„Du kennst meinen Tourneeplan?“

„Die ganze verdammte Stadt kennt jeden deiner Schritte. Ich müsste schon blind und taub sein, um nicht mitzubekommen, was über unseren Wunderknaben erzählt wird. Aber ich bin ganz bestimmt kein Mitglied des Malcolm-Douglas-Fanclubs.“

„Na, das ist ganz die ­Celia, wie ich sie kenne.“ Er grinste.

„Du hast meine Frage immer noch nicht beantwortet. Warum bist du hier?“

„Deinetwegen.“

„Meinetwegen? Da hast du Pech“, erwiderte sie kühl. „Ich bin heute Abend schon verplant. Du hättest vorher anrufen sollen.“

„Du bist viel ernster als früher.“ Er konnte den Ausdruck, der für einen kurzen Moment über ihr Gesicht huschte, nicht deuten.

„Damals war ich ein Teenager“, erwiderte sie. „Heute bin ich erwachsen. Und ich habe Verpflichtungen. Wenn du dich also bitte kurz fassen könntest.“

„Du hast vielleicht mein Leben nicht verfolgt, ich aber deins.“ Er wusste jede Einzelheit über die Anrufe, den zerstochenen Autoreifen und die anderen Drohungen, die täglich schlimmer wurden. Er wusste auch, dass sie ihrem Vater nicht einmal die Hälfte davon erzählt hatte. „Ich weiß, dass du dein Musikstudium an der University of Southern Mississippi mit Auszeichnung abgeschlossen hast und seitdem hier unterrichtest.“

„Du bist wohl kaum hergekommen, um mir nachträglich zum erfolgreichen Abschluss zu gratulieren, oder?“

„Okay. Lass uns zur Sache kommen.“ Er stieß sich von der Tür ab und blieb unmittelbar vor ihr stehen, als wolle er sich selbst beweisen, dass er in ihrer Nähe sein konnte, ohne sie gleich in seine Arme zu ziehen. „Ich bin hergekommen, um dich zu beschützen.“

Sie wich seinem Blick aus. „Ich verstehe nicht ganz, was du meinst.“

„Du weißt sehr wohl, wovon ich spreche. Diese Drohanrufe, die du eben erwähnt hast.“ Warum verheimlichte sie die Vorfälle vor ihrem Vater? Er ärgerte sich über ihren Leichtsinn, und er ärgerte sich über sich selbst, dass er diesen verführerischen Schritt auf sie zu gemacht hatte. Als ob das Zimmer nicht schon klein genug wäre. „Der aktuelle Prozess, den dein Vater leitet. Drogenkartell. Gangsterboss. Klingelt da etwas bei dir?“

„Mein Vater ist Richter. Er verurteilt die Bösewichte, und die können manchmal eben ungemütlich werden.“ Sie blickte ihm wieder ins Gesicht. Das Unbehagen in ihren Augen war einer gefassten Distanziertheit gewichen, die so gar nicht zu dem wilden Mädchen passte, das sie einmal gewesen war. „Und ich weiß wirklich nicht, was dich das alles angeht.“

Sie hatte recht. Es war nicht seine Aufgabe, auf sie aufzupassen. Doch das minderte seinen Beschützerinstinkt nicht im Mindesten. Ebenso wenig, wie ihr Kleid die Erinnerung daran mindern konnte, wie sie mit nichts als ihrem langen Haar um ihre nackten Schultern aussah. „Verdammt, ­Celia, sei doch nicht dumm.“

Sie presste ihre Lippen zu einer schmalen Linie zusammen. „Du gehst jetzt wohl besser.“

Malcolm musste sich eingestehen, was wirklich hinter seinem Ärger steckte – unerfülltes Verlangen. Er fühlte sich viel stärker zu ihr hingezogen, als er vermutet hatte. Verdammt, warum musste sie bloß noch sinnlicher sein als damals? „Entschuldige bitte, so war das nicht gemeint. Aber ich habe von diesem Stalker gehört, der dich bedroht, und ich mache mir Sorgen um dich.“

„Woher weißt du davon?“ Ihr Gesicht verriet Misstrauen. „Mein Vater und ich haben das alles von der Presse ferngehalten.“

„Dein Daddy mag zwar ein einflussreicher Richter sein, aber seine Macht reicht nicht überallhin.“

„Das erklärt nicht, wie du davon erfahren hast.“

Er konnte ihr das „Wie“ nicht erklären. Es gab Dinge in seinem Leben, von denen sie nichts ahnte. Nur wenn es ihm nicht gelang, sie auf andere Weise zu überzeugen, seine Hilfe anzunehmen, würde er ihr als allerletztes Mittel von seiner Arbeit abseits des Musikgeschäftes erzählen, von der nur eine Handvoll Leute wusste. „Aber ich habe doch recht, oder?“

„Einer der Prozesse meines Vaters ist … unerfreulich geworden“, gab sie zu. „Die Polizei ermittelt bereits.“

„Vertraust du wirklich diesem provinziellen Dorfladen, der sich Polizeirevier nennt?“ Er konnte einen gewissen Zynismus in seiner Stimme nicht verbergen.

„Ich habe Vorkehrungen getroffen. Dies ist nicht das erste Mal, dass unsere Familie aufgrund des Berufes meines Vaters bedroht wird.“

„Aber diesmal ist es viel ernster als sonst.“

„Du weißt ja anscheinend eine Menge über mein Leben.“ Sie musterte ihn mit diesen dunklen braunen Augen, die ihn immer noch in ihren Bann zogen.

„Ich sagte es doch schon, ­Celia. Du bedeutest mir so viel, dass ich dich im Auge behalten möchte. Und ich möchte sichergehen, dass es dir gut geht.“

„Danke. Das ist … nett von dir.“ Ihre abwehrende Haltung ließ ein wenig nach. „Ich weiß deine Sorge zu schätzen, und ich verspreche, vorsichtig zu sein. So, nun hast du deine … Pflicht oder was auch immer erfüllt. Ich muss jetzt wirklich meine Sachen zusammenpacken und nach Hause fahren.“

„Ich begleite dich zum Auto.“ Er schenkte ihr ein Lächeln. „Versuch nicht, mein Angebot abzulehnen. Ich könnte deine Bücher tragen. Es wäre genau wie früher.“

„Abgesehen von diesem ganzen Geheimagenten-Sicherheits-Getue.“

„Bei mir bist du sicher.“ Mehr, als sie ahnte.

„Das habe ich vor achtzehn Jahren auch gedacht.“ Erschrocken schlug sie eine Hand vor den Mund. „Entschuldige. Das war nicht fair.“

Ihre Worte hatten Erinnerungen geweckt. Erinnerungen an ihre leichtsinnige, jugendliche Leidenschaft, die dazu geführt hatte, dass sie ungeschützten Sex gehabt hatten. Jede Menge Sex. Er räusperte sich, doch seine Gedanken hingen immer noch in der Vergangenheit fest.

„Schon gut.“ Er wusste, dass er sie damals im Stich gelassen hatte. Ein Fehler, den er nicht noch einmal wiederholen würde. „Lass mich dich zum Abendessen ausführen. Dann können wir uns darüber unterhalten, wie sich deine Sicherheit bis zum Ende des Prozesses gewährleisten ließe. Ich habe da eine Idee.“

„Nein danke.“ Sie schloss den Laptop auf ihrem Schreibtisch und steckte ihn in ihre geblümte Umhängetasche. „Ich muss Zeugnisnoten fertig machen.“

„Aber du musst doch etwas essen.“

„Im Kühlschrank wartet ein Stück Pizza von gestern auf mich.“

Sie war so stur wie eh und je. „Na gut, du lässt mir keine andere Wahl, als es geradeheraus zu sagen. Ich habe Zugang zu vertraulichen Informationen. Diese Drohungen gegen dich sind ernst zu nehmen. Sehr ernst sogar. Du brauchst weitaus besseren Schutz, als die örtliche Polizei dir bieten kann.“

„Jetzt übertreibst du aber.“

„­Celia, Drogenbosse verfügen über nahezu unbegrenzte Mittel und keinerlei Skrupel.“ Als Teenager hatte er sich mit solchen Typen angelegt, um seine Mutter zu beschützen. Und er war ihnen in die Quere gekommen, als er in diesem Club gearbeitet hatte, in dem verzweifelten Versuch, genug Geld zu verdienen, um ­Celia und das Baby zu versorgen. „Die würden dir wehtun, ohne mit der Wimper zu zucken, oder dich sogar umbringen, um deinen Vater unter Druck zu setzen.“

„Glaubst du, das wüsste ich nicht?“ Er sah, wie sie die Zähne zusammenbiss. Nur dies verriet ihre Unsicherheit, ansonsten war sie absolut kontrolliert. „Ich habe alle notwendigen Vorkehrungen für meine Sicherheit getroffen.“

Malcolm erkannte seine Chance und griff zu. „Nicht alle.“

„Na gut, Mr Besserwisser“, sagte sie seufzend. „Was kann ich sonst noch tun?“

Er umfasste ihre Schultern. „Lass meine Bodyguards auf dich aufpassen. Begleite mich auf meine Europatournee.“

2. KAPITEL

Auf Europatournee? Mit Malcolm?

­Celia umklammerte ihre Tasche und versuchte den Schock über dieses aberwitzige Angebot zu überwinden. Das konnte er unmöglich ernst meinen. Nicht nach achtzehn Jahren, in denen es nur anfangs ein paar wenige Briefe und Anrufe gegeben hatte. Sie hatten sich getrennt, sich mehr und mehr aus den Augen verloren und schließlich jeden Kontakt zueinander abgebrochen, nachdem das Adoptionsverfahren abgeschlossen war.

Zu Beginn hatte sie oft davon geträumt, wie es wäre, wenn Malcolm plötzlich vor ihrer Tür stünde. Wenn er sie in seine Arme ziehen und sie dort weitermachen würden, wo sie aufgehört hatten.

Aber diese Fantasien waren nie wahr geworden. Und schließlich hatte ­Celia gelernt, ihre eigene Wirklichkeit zu gestalten – konkrete und vernünftige Pläne für die Zukunft.

Selbst wenn er wirklich aufgetaucht wäre, hätte sie nicht sagen können, ob sie mit ihm gegangen wäre. Sie hatte sich ihre psychische Gesundheit hart erkämpft. In ihrem empfindsamen Zustand hätte es riskant sein können, ihre Stabilität gegen das unbeständige Leben an der Seite eines erfolgreichen Musikstars einzutauschen. Dennoch hätte es ihr viel bedeutet, wenn sie wenigstens eine Wahl gehabt hätte.

Sein lächerlicher Vorschlag jetzt kam viel zu spät.

­Celia warf sich die Tasche über die Schulter. „Der Spaß ist vorbei, Malcolm. Natürlich werde ich dich nicht nach Europa begleiten. Wirklich sehr witzig, aber ich will jetzt endlich nach Hause. Vielleicht kannst du es dir leisten, Zeit mit albernen Spielchen zu vergeuden, aber ich habe Arbeiten zu benoten.“

Er umfasste ihre bloßen Arme, um sie aufzuhalten. „Ich meine es absolut ernst.“

­Celia spürte, wie sich die Härchen an ihren Armen aufrichteten und ihre Haut kribbelte. Es ärgerte sie, dass ihr Körper nach all dieser Zeit immer noch auf seine Berührungen reagierte. „Du meinst es nie ernst. Man braucht ja nur einen Blick in die Klatschpresse zu werfen. Die Zeitungen sind voll mit Berichten über deine ständig wechselnden Liebschaften.“

Er beugte sich näher, und sein fester Griff entfachte in ihr eine längst erloschen geglaubte Glut. „Wenn es um dich ging, habe ich es immer hundertprozentig ernst gemeint.“

Früher war sie immer die Abenteuerlustige gewesen, während Malcolm verbissen an einer besseren Zukunft gearbeitet hatte – bis man ihn verhaftet und in Handschellen abgeführt hatte.

­Celia brauchte einen Moment, bevor sie ihr Gleichgewicht wiederfand. „Ich werde auf gar keinen Fall mit dir nach Europa reisen. Aber danke für das Angebot.“

Er legte den Kopf zur Seite und sah sie herausfordernd an. „Du hast dir doch immer vorgestellt, wie es wäre, sich in Paris im Schatten des Eiffelturmes zu lieben.“ Seine Stimme war rau und lockend und ebenso wirkungsvoll wie die Berührungen seiner Finger.

Sie löste sich aus seinem Griff. „Und jetzt werde ich erst recht nirgendwo mit dir hingehen.“

„Na gut. Dann werde ich die Tournee absagen und dich wie ein Schatten verfolgen, damit dir nichts passiert.“ Er vergrub die Hände wieder in den Hosentaschen. „Aber meine Fans werden stinksauer sein. Manche können ziemlich rabiat werden.“

War er jetzt völlig verrückt geworden?

Sie ballte die Fäuste. „Was sagtest du noch, wie du von dem Prozess erfahren hast?“

Er zögerte einen winzigen Moment, bevor er antwortete. „Ich habe Kontakte.“

„Mit Geld kann man wohl alles kaufen.“

„Vor achtzehn Jahren hätte Geld uns sehr helfen können.“

Seine Worte beschworen die Erinnerung an ihren letzten Streit. Er hatte darauf bestanden, ein Konzert in diesem zwielichtigen Schuppen zu spielen, weil die Gage so gut war. Er wollte unbedingt, dass sie heirateten und als Familie zusammenblieben. Doch sie wusste, dass sie beide zu jung dafür waren. Am selben Abend war er bei einer Drogenrazzia in der Bar verhaftet worden. Und ­Celia hatte man bis zur Geburt des Babys auf ein Schweizer „Internat“ geschickt. Sogar jetzt konnte sie noch den Kummer und den Vorwurf in seinen Augen sehen.

­Celia kämpfte Tränen des Schmerzes und des Verlustes nieder. Sie weigerte sich, vor seinen Augen zusammenzubrechen.

„Mit größerer finanzieller Freiheit wären einige Dinge für dich besser gelaufen“, sagte ­Celia und dachte daran, wie er das Stipendium für die renommierte Juilliard School verloren hatte. „Aber keine Summe der Welt hätte meine Entscheidung ändern können.“ Sie schob sich an ihm vorbei. „Danke, dass du dich um mich sorgst, aber wir sind hier fertig. Leb wohl, Malcolm.“

Sie stürmte an ihm vorbei in die Turnhalle.

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