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In den Händen der Normannen

1. KAPITEL

Beckford, Yorkshire, 1095

Judith stand am Eingang der Hütte und blickte zu der Burg hinauf, die über den einfachen Holzhäusern der Dorfbewohner aufragte wie eine kahle Felsklippe. Es war immer dasselbe. Jedes Mal, wenn Judith im Dorf war, zogen diese bedrohlichen grauen Mauern sie in ihren Bann.

Mit zusammengekniffenen Augen fixierte sie die Festung, als müsse sie ein Rätsel ergründen, ähnlich einem Schriftgelehrten, der versucht, die fremde Sprache auf einem Pergament zu entziffern.

Die schmalen Ausblicke im Turm erschienen Judith wie feindselige Augen, die böse auf sie herabschauten. Eine nicht greifbare Gefahr ging von der Burg aus.

„Judith, wo bist du nur mit deinen Gedanken!“, schalt die alte Kräuterfrau, die humpelnd zur Tür geschlurft kam. „Hast du mir überhaupt zugehört?“

Judith drehte sich mit schuldbewusster Miene zu Aethel um, deren warmherzigem Blick man ansah, dass sie nicht wirklich böse war. „Verzeih, Aethelgyth, du sagtest, dass ich …“

„Dass du deiner Mutter weiterhin diese Kräuter hier geben sollst. Nimm reichlich, und koch sie lange in Wasser auf. Dann seihst du den Tee durch. Viermal am Tag musst du ihn ihr geben, und achte drauf, dass er jedes Mal frisch zubereitet ist.“

Judith zog die Nase kraus. „Arme Mutter! Er schmeckt grässlich, und sie trinkt ihn schon so lange. Meinst du nicht, dass es ihr allmählich besser gehen müsste?“

Aethel zupfte an den Kräutern in dem Korb und überhörte die Frage des Mädchens. „Du kannst den Tee mit Honig süßen“, schlug sie vor, „das nimmt den bitteren Geschmack.“

Judith wollte eine genauere Auskunft von der alten Kräuterfrau, aber sie kam nicht dazu, ihre Frage zu wiederholen, denn ein fernes Geräusch von der Zugbrücke lenkte sie ab.

Aethel stieß einen leichten Seufzer der Erleichterung aus. Sie liebte es nicht, den Leuten schreckliche Wahrheiten zu sagen.

„Oh mein Gott. Aethel, siehst du sie?“, rief Judith aus und fasste die alte Frau am Ärmel. „Die Ritter reiten aus der Burg.“

Aethel bekreuzigte sich. „Gott hab’ Erbarmen“, flüsterte sie, „was haben diese Teufel jetzt vor?“

Judith warf ihre blonden Zöpfe zurück und trat entschlossen vor das Haus.

„Judith!“, schrie Aethel außer sich. „Bist du von Sinnen? Komm von der Straße weg, schnell!“

„Nein, Aethel, ich möchte sie sehen, mit eigenen Augen. Es kann nicht wahr sein, was meine Brüder über diese Ritter erzählen. Erst wenn ich sie selbst gesehen habe, werde ich ihnen glauben.“

„Judith, Judith, du weißt nicht, was du sagst!“ Aethel schüttelte besorgt den Kopf und bewegte sich mühsam vorwärts. Sie musste das Mädchen unbedingt in Sicherheit bringen! „Du bist jetzt fünfzehn. Auf keinen Fall dürfen sie dich entdecken. Komm herein!“

Doch Judith ging furchtlos weiter und blieb mitten auf der Dorfstraße stehen. Mit glühenden Wangen blickte sie zur Burg hinauf. Von der Zugbrücke dröhnte Hufgeklapper. Hintereinander ritten die normannischen Krieger über die Brücke. Jeder hielt eine brennende Fackel in der Hand. Sie lenkten ihre Pferde im Bogen auf den ausgetretenen Pfad, der vom Burghügel hinabführte, und sprengten im Galopp auf das Dorf zu.

Man hörte Laufen, leise Rufe, zuschlagende Türen, dann trat Stille ein.

Judiths Herz setzte einen Schlag lang aus. Es schien beinahe so, als ob Eadwolds Erzählungen wahr wären.

Als die Reiter die Hütten erreichten, war die staubige Dorfstraße wie leer gefegt. Kein Mensch, kein Hund, kein Huhn war mehr zu sehen. Als hätte hier die Pest gewütet, lag das Dorf wie ausgestorben da.

Judiths blaues Kleid flatterte in der warmen Abendbrise. Zehn Augenpaare, die durch die Schlitze in den eisernen Helmen hindurchschauten, bemerkten die Bewegung. Sie erblickten ein schlankes junges Mädchen vor der armseligsten Hütte des Dorfes. Eine rotblonde Haarsträhne hatte sich aus seinem Zopf gelöst und leuchtete im Schein der sinkenden Sonne.

„Hier ist was für uns“, brüllte einer der Reiter. Er zügelte sein Pferd und löste sich aus der Reihe. Der unerschrockene Ausdruck in den Augen des Mädchens war eine Herausforderung, der er nicht widerstehen konnte.

Judith fühlte, wie eine kleine Hand an ihrer zerrte. „Judith“, piepste eine Kinderstimme. „Großmutter ruft nach dir.“

„Ich komme gleich, Leofric. Lauf schon zu“, sagte Judith, ohne den Blick von den Rittern zu wenden.

Einer ritt jetzt direkt auf sie zu. Sie hörte die schweren, dumpfen Hufschläge, sah die feinen Staubwölkchen, die am Boden aufwirbelten. Vom Sattel des Pferdes hing ein blauer Schild mit silbernem Emblem, das die Form eines zunehmenden Mondes hatte.

Judith hob den Kopf und blickte in ein Stahlvisier. Die Fackel in der Hand des Mannes flackerte.

„John!“, rief eine Stimme im Kommandoton, laut, aber etwas schwankend.

Der Ritter, der als einziger aus der Reihe ausgeschert war, hielt widerstrebend sein Pferd an und sah über die Schulter. „Mylord!“ Sein Ton klang dreist und respektlos.

„Zügle deine Lüsternheit noch eine Weile, hörst du?“, befahl Baron Hugo, der Anführer des Normannentrupps. Der Wein hatte seine Zunge schwer gemacht. „Ich dachte, wir wollten uns andere Fische braten. Der da hält sich noch.“

„Mylord.“ John neigte leicht den Kopf als Zeichen widerwilligen Gehorsams. Sein Blick heftete sich noch einmal auf Judith, und seine Augen hinter dem Visier leuchteten auf. Der Mann salutierte, und Judith wusste, dass er wiederkommen würde.

Sporen blitzten auf. Im nächsten Moment waren die Reiter hinter einer Staubwolke verschwunden. Boten der Hölle.

Judith schaute ihnen nach. „Sie durchqueren die Furt“, sagte sie, als sie das Wasser aufspritzen sah. „Wohin sie wohl unterwegs sind?“

Aethel kam an ihrem Stock zur Tür gehumpelt. In ihrem Gesicht standen Sorge und Furcht. „Sie nehmen die Abkürzung durch den Wald“, meinte sie.

Judith hob fragend die Brauen.

„Warum tragen Baron Hugos Männer Fackeln?“, wollte Leofric wissen.

Judith wurde bleich. Ein Schauer überlief sie.

„Für dich ist er Baron de Mandeville, kleiner Leo“, belehrte Aethel ihren Enkel.

Leofric hob einen Stock vom Boden auf und peitschte ihn durch die trockenen Blätter, die der Wind vom Wald herübergeweht hatte. „Ja, Großmutter“, erwiderte er beleidigt, „Baron de Mandeville. Aber warum hatten sie Fackeln? Es ist doch noch hell. Die Vesperglocken haben noch nicht geläutet.“

Judith stand wie erstarrt da. Ihr war plötzlich eiskalt. Sie sah Aethel ängstlich an.

Die wurde mit einem Mal ungeduldig. Sie riss ihrem Enkelsohn den Stock aus der Hand und sah ihn streng an. „Warum beschäftigst du dich nicht mit etwas Nützlichem? Du könntest zum Beispiel deiner Großmutter helfen und die Kräuterbüschel zum Trocknen aufhängen.“ Sie wies mit dem Stock in die Hütte. „Du weißt, wie es gemacht wird.“

„Oh Großmutter!“, jammerte Leo und brachte damit zum Ausdruck, dass diese Mädchenarbeit unter seiner Würde war.

„Hinein mit dir!“ Die alte Frau gab dem Jungen einen liebevollen Klaps und wollte ihm in die Hütte folgen.

„Aethel …“ Judiths Stimme klang verzweifelt.

Die Alte blieb wie versteinert stehen.

„Du … du glaubst doch nicht, dass sie jetzt zu unserer Hütte reiten werden?“

Schwerfällig drehte Aethel sich um. Sie schwieg. Traurig und müde blickte sie drein.

Judith wich einen Schritt zurück. „Nein!“, sagte sie leise, und dann noch einmal, laut und verzweifelt: „Nein! Nicht meine Mutter! Nicht mein Vater! Nein!“

Aethel seufzte. „Es ist ein Wunder, mein Kind, dass es nicht schon viel früher passiert ist.“

„Nein, das lasse ich nicht zu!“, schrie Judith. Sie stürzte auf die alte Frau zu und umklammerte ihre Arme. „Ich brauche ein Pferd“, stieß das Mädchen hervor. „Schnell ein Pferd. Sag mir, wo ich eins bekomme.“

„Aber Judith, du kannst doch nicht …“

Sie schüttelte Aethel an den Schultern. „Ich kann, und ich muss ein Pferd haben! Nun sag schon, Aethel, wo …“

„Bei Smithy, dem Hufschmied. Sicher beschlägt er gerade einen Gaul.“

„Danke, Aethel!“ Judith wirbelte herum und hastete die Dorfstraße hinunter.

Seufzend blickte ihr die Alte nach. Noch nie hatte sie so sorgenvoll und traurig ausgesehen. Sie lehnte sich müde gegen den Türrahmen und dachte, dass sie mit ihrem langen Leben bestraft und nicht gesegnet sei. Es war ein Fluch, dass sie diese Zeit erleben musste.

Die Leute kamen vorsichtig aus ihren Häusern, und der Dorfplatz belebte sich allmählich wieder. Hühner scharrten nach Futter, zwei Schweine machten sich grunzend über eine Ladung Äpfel her, die aus einem Korb gefallen war, und ein Mädchen versuchte, die Tiere schimpfend mit einem Stock zu vertreiben.

Judith nahm von alledem nichts wahr. Sie hörte weder die lauter werdenden Stimmen der Leute noch das rhythmische Schlagen der Dreschflegel. Ihre Sinne waren nur auf ein Geräusch konzentriert, und diesem Geräusch folgte sie. Die gleichmäßigen Hammerschläge dröhnten im selben Rhythmus wie ihr rascher Herzschlag. Sie lief schneller.

Die Heiligen waren auf ihrer Seite. Wie sie gehofft hatte, stand vor der Schmiede ein Pferd angebunden, eine schlanke, junge Stute, die unruhig auf der Stelle trat und darauf wartete, losgaloppieren zu können.

Judith löste die Riemen von dem Eisenpfahl, hob ihren Rock und schwang sich auf den ungesattelten Rücken des Pferdes. Es schnaubte und machte einen Satz nach vorn. Judith straffte die Zügel und lenkte die Stute in Richtung Fluss. Nach und nach ließ sie die Zügel lockerer, und das Pferd fiel in Galopp.

Kaltes Wasser spritzte an Judiths bloßen Beinen hoch, während sie durch die Furt ritt. Hinter sich hörte sie Rufe und Flüche, aber sie beachtete sie nicht. Tief über den Nacken des Pferdes gebeugt, redete sie sanft auf das Tier ein. „Lauf, meine Hübsche, zeig mir, was du kannst. Zeig mir, wie schnell du dahinjagen kannst.“

Sie drückte der Stute die Fersen in die Flanken und spornte sie zum gestreckten Galopp an, nachdem sie den Fluss durchquert hatten. Die ganze Zeit hatte sie das Gesicht ihrer Mutter vor sich, Ediths sanftes Gesicht, das von Schmerzen und Krankheit gezeichnet war und trotzdem nichts von seiner strahlenden Schönheit eingebüßt hatte. Ihre Mutter hatte sich trotz des Leids ihr heiteres, liebesvolles Wesen bewahrt.

Judith presste dem Pferd die Hacken in die Flanken und dachte an ihren Vater, Godric Coverdale. Ein stolzer sächsischer Fürst in jener fern zurückliegenden Zeit, lange bevor Judith geboren wurde. Jetzt war er ein Krüppel und humpelte an Krücken herum. Aber er hatte in der Schlacht von Hastings mehr verloren als seine Gesundheit.

Der Sturm des Wandels hatte Edith und Godric Coverdale von ihrem rechtmäßigen Platz gefegt, und nun sah es so aus, als hätte das Schicksal noch Ärgeres mit ihnen vor. Sie waren ohne jeden Schutz, denn Eadwold und Saewulf waren nach Tanfield geritten. Lieber Gott im Himmel, beschütze sie! betete Judith, während sie das Pferd unbarmherzig durch den Wald vorantrieb.

Die dornigen Zweige der Brombeerbüsche verhakten sich in ihrem hochgeschürzten Rock und zerkratzten ihr die Arme und Beine. Sie spürte die Schmerzen nicht. „Schneller, meine Hübsche, du kannst viel schneller laufen“, drängte sie die Stute. Sie musste vor den anderen dort sein, musste ihre Eltern warnen, damit sie sich im Wald versteckten, bis der Baron und seine Männer wieder abgezogen waren. Später, wenn die Brüder zurückkämen, könnten sie in der Abtei Zuflucht suchen.

Die Mönche würden ihnen Asyl gewähren. Was hatten sie Schlimmes getan? Ihre einzige Schuld bestand darin, dass sie zu der alten Aristokratie gehörten. Sie waren Sachsen, und die neuen Herren, die normannischen Eroberer, wollten sich ihrer entledigen.

Die Stute strauchelte über eine Baumwurzel, und Judith verdankte es nur ihrem unglaublichen Reitgeschick, dass das Pferd nicht stürzte. Sie atmete erleichtert auf, als die Schrecksekunde überstanden war. Warum musste sie auch auf dem überwucherten Waldpfad so schnell reiten? Wenn das Pferd sich ein Bein brach, war sie verloren.

Trotz besseren Wissens trieb Judith die Stute wieder zum Galopp an. Die Luft strich kühlend an ihrem Gesicht vorbei. Ihre Zöpfe hatten sich aufgelöst und ihr seidiges rotblondes gelocktes Haar wehte im Wind. Fast schien es ihr, als flöge sie, aber ein Gefühl tief in ihrem Innern sagte ihr, dass sie immer noch nicht schnell genug war.

Sie erreichten den alten Eichenhain im Herzen des Waldes. Ein verschreckter Fasan flatterte aus dem Unterholz auf. Die Stute scheute. Judith schmiegte sich dicht an den Pferdehals und trieb das Tier an. Weiter, rasch!

Der Geruch von Rauch lag in der Luft.

Judith war nur noch einen Speerwurf von der Hütte entfernt. Geschwind ließ sie sich vom Pferd gleiten und führte die Stute das letzte Stück am Zügel. Auch wenn sie halb wahnsinnig vor Angst um ihre Eltern war, blieb sie doch vorsichtig.

Die Bäume versperrten ihr den Blick zur Hütte, aber sie roch den Rauch. Panik erfasste sie. Sie schluckte. Ihr wurde übel. Das Herz hämmerte ihr bis zum Hals. Rasch band sie das Pferd an einem dicken Ast fest.

Aber ist dies nicht die Zeit der Kartoffelfeuer? beruhigte Judith sich. Oder … vielleicht räucherte ihre Mutter Fisch. Sie hatte heute Morgen begonnen, sich um die Wintervorräte zu kümmern.

Als wolle es Judiths Gedanken bestätigen, wieherte ihr Pferd leise. Von der Lichtung her kam das Echo, ein fröhliches Wiehern, das der warme Abendwind zusammen mit dem Geruch verkohlten Holzes herübertrug.

Judiths Herz krampfte sich zusammen. Ihre Eltern hatten kein Pferd, und ihre Brüder waren mit dem Maultier fortgeritten.

Sie betete. Vielleicht hatten ihre Sinne ihr einen Streich gespielt. Ja, bestimmt hatte sie sich getäuscht. Sie lauschte angespannt und hörte nichts mehr.

Plötzlich zerrissen Schreie die Stille.

Es war ein furchtbarer, kaum menschlicher Laut. Beinahe klang es wie das Heulen eines Wolfs. Aber Judith erkannte in dem rohen, animalischen Schmerzensschrei die Stimme ihrer Mutter. Diese sonst so schöne melodische Stimme, die sie immer nur leise und sanft gehört hatte.

Es durfte nicht wahr sein. Judith war überzeugt, dass sie sich in ihrer Panik die schlimmsten Fantasien vorgaukelte. Sie schlich ein Stück weiter und fand zwischen den Bäumen eine Schneise. Sie bückte sich. Einen Moment zögerte sie ängstlich, ehe sie zu der Hütte hinüberspähte.

Der Atem stockte ihr. Das Bild, das sich ihr bot, war grässlich. Mit vor Schrecken weit aufgerissenen Augen sah sie zu der Lichtung hinüber.

Judith erkannte den Baron und seine Krieger. Die schweren Schlachtpferde standen neben dem Stamm des umgestürzten Baumes und stampften mit den Hufen. Sonst saß dort ihr Vater so gern an warmen Abenden, um sich von den letzten Strahlen der Sonne bescheinen zu lassen, in der Hoffnung, dass dadurch die Schmerzen seiner steifen Glieder gelindert würden.

Aber die Sonne wärmte Godric nicht mehr. Judith sah in ihrem Schein das kalte Metall eines Speers aufblitzen, eines Speers, der aus Godrics Brust ragte.

Das Bild verschwamm vor ihren Augen. Sie schwankte, schüttelte benommen den Kopf, um die schreckliche Vision zu verbannen. Sie klammerte sich an einen Baumstamm und blickte noch einmal hinüber.

Die Szene stellte sich ihr noch genauso dar wie zuvor. Es war also keine Einbildung gewesen. Durch die Beine des Pferdes hindurch erblickte Judith etwas Grünes, das sich bewegte. Das Kleid ihrer Mutter.

Edith hatte sich über ihren Mann gebeugt und stieß immer noch markerschütternde Klagelaute aus. Einer der Krieger zog mit roher Gewalt den Speer aus Godrics Brust. Ein Blutstrahl färbte seine Tunika und Ediths Gewand, bevor er sich zu einer Lache ausbreitete und im Grasboden versickerte.

Ediths Schreie gellten durch die Stille des Waldes.

„Hör mit dem Geschrei auf, Frau!“ Der Klang der eiskalten, harten Stimme mit dem fremdartigen Akzent schmerzte Judith in den Ohren. „Und sei gewarnt! So ergeht es allen Verrätern des Königs.“

Judith war vor Entsetzen wie gelähmt. Sie bewegte die Lippen, brachte aber keinen Laut heraus. Die Geräusche und grausigen Bilder nahm sie kaum noch wahr. Ihre anderen Sinne schienen indessen doppelt geschärft zu sein, denn sie spürte unter ihrer Handfläche jede noch so winzige Erhebung der rauen Baumborke. Tausendfach verstärkt, spürte sie die Berührung eines Blattes auf ihrer Wange. Im Laub raschelte ein Tier. Eine Ringeltaube gurrte.

In die Szene vor der Hütte kam Bewegung. Einer der Ritter, die noch im Sattel saßen, holte weit mit dem Arm aus und schleuderte seine Fackel zu dem Haus, aus dem bereits Qualm drang. Das brennende Geschoss beschrieb vor dem violetten Abendhimmel einen leuchtenden Bogen und landete direkt auf dem Strohdach.

Der Mann lachte, als es sofort Feuer fing. Er setzte das Zerstörungswerk seiner Kameraden fort, die ihre Fackeln bereits geworfen hatten. Erst jetzt wurde Judith bewusst, woher der Brandgeruch rührte. Natürlich hatte ihre Mutter keinen Fisch geräuchert – eine Hoffnung, an die sie, Judith, sich bis zu diesem Moment verzweifelt geklammert hatte. Jetzt loderten aus der Tür und den Fenstern helle Flammen.

Sie züngelten an den Holzbalken der Hütte hoch und fanden immer neue Nahrung. Das zundertrockene Dach brannte schon lichterloh. Es würde nicht lange dauern, bis alles in Schutt und Asche lag.

„Welch schöner Anblick. Wir werden alle Verräter vernichten.“ Eine andere Fackel flog zum Dach. Der Mann, der sie geworfen hatte, grinste hämisch, als Edith von Neuem laut jammerte.

Einige der Reiter brachen in Lachen aus. Baron Hugo de Mandeville schwankte betrunken im Sattel.

Judith spürte einen bitteren Geschmack im Mund. Sie hatte es nicht geglaubt, hatte es mit eigenen Augen sehen wollen. Jetzt wusste sie, dass Eadwold nicht übertrieben hatte. Diese Männer waren der Abschaum.

Plötzlich wich Judiths Anspannung einer grenzenlosen Wut. Sie musste sich zwingen, ihren Zorn nicht laut hinauszuschreien. Mörder! Normannische Hunde! Sie presste die Lippen aufeinander und zog ihren Dolch. Einen von diesen Kerlen würde sie töten, und wenn sie selbst dabei sterben müsste …

Mit einem Satz stürzte sie nach vorn.

Ein starker Arm schlang sich um ihre Taille und zog sie ins Gebüsch zurück. „Das würde ich an deiner Stelle nicht tun“, zischte ihr eine männliche Stimme zu. „Ein hübsches Mädchen wie du ist genau das, was sie brauchen, um ihr Tagewerk zu krönen.“

„Lass mich los!“ Judith versuchte, sich aus der Umklammerung zu befreien. „Lass mich sofort los!“

Der Fremde lockerte seinen Griff gerade so weit, dass Judith sich umdrehen konnte. Sie blickte in das gebräunte Gesicht eines jungen Mannes, den sie noch nie gesehen hatte. Seine grünen Augen hatten einen lebhaften Ausdruck, das blonde Haar hing ihm wirr ins Gesicht. Über seine Wange lief ein roter Striemen, anscheinend rührte er von einem Peitschenhieb her.

Judith besann sich auf ihre Waffe, aber im Nu hatte der Mann ihr den Dolch abgenommen. Ihre Gedanken wirbelten in ihrem Kopf herum, verwirrten sich. Alles, was hier geschah, passierte nicht wirklich. Es war nur ein böser Traum.

Ediths Klagerufe erstarben plötzlich. Ein eisiger Schauer überlief Judith. Sie hörte ein Pferd schnauben und das Klirren von Zaumzeug. Und ihre Mutter? Was war mit ihr?

Judith wandte sich um und spähte zur Lichtung hinüber. Der Dachfirst senkte sich gerade und brach krachend in sich zusammen. Ein Stützbalken knickte um, und die Funken sprühten nach allen Seiten.

Judiths Mutter hob das gramverzerrte Gesicht und sah mit leerem Blick auf die Ruine ihres Heims.

Judith, die zu ihrer Mutter wollte, versuchte sich loszureißen. Vergeblich. Mit eisernem Griff wurde sie zurückgehalten. Sie wollte schreien, aber der Mann schien ihre Absicht zu ahnen und presste ihr die Hand auf den Mund. Ein brennendes Büschel Stroh schwebte durch die Luft und landete direkt vor ihren Füßen.

„Hier sind wir nicht sicher“, flüsterte die Stimme hinter ihr. „Gleich werden die Wände einstürzen. Wir müssen uns im Wald verstecken.“ Während der Mann sie mit sich zog, wehrte Judith sich. Sie kratzte, trat, biss und schmeckte Blut. Verächtlich spie sie es aus.

Und jetzt sah sie den Dolch im Gras liegen. Er musste dem Mann heruntergefallen sein. Blitzschnell bückte sie sich’ nach der Waffe und hob sie auf. „Geh, und versteck dich im Wald, du Feigling“, stieß sie mit bebender Stimme hervor. „Ich werde meiner Mutter helfen.“

Die Züge des Mannes wurden hart. Sein Blick wanderte zu dem Dolch und heftete sich auf Judiths Gesicht.

Sie sah in seine grünen Augen und schluckte. Nein, sie wollte diesen Mann nicht töten.

Er tat einen Schritt auf sie zu.

Fest umklammerte Judith den Griff des Dolches. Doch sie zögerte, und das war ein schwerer Fehler. Die Hand des Mannes schnellte vor und umschloss ihren Arm. Noch eine schnelle Bewegung, und Judith hing wie ein Sack über seiner Schulter. Eilig marschierte er mit seiner Last in den Schutz des Waldes.

Verzweifelt strampelte Judith mit den Beinen. „Lass mich runter!“, schrie sie. Die Bäume schienen vor ihren Augen auf und nieder zu tanzen. Ihr wurde schwindelig. „Lass mich gehen, ich muss meiner Mutter helfen. Bitte, bitte, lass mich los!“ Stoßweise, im Takt seiner eiligen Schritte, schleuderte sie die Worte hervor. Ihr Entführer schien nichts zu hören und ging noch schneller.

„Lass mich runter, ich muss zu ihr …“ Judith atmete schwer. Mit jedem Schritt des Mannes schlug sie keuchend gegen seinen Rücken. Ihr Haar, jetzt völlig aufgelöst, schleifte wie eine Schleppe über den Waldboden.

Judith begann, den Rücken des Mannes mit den Fäusten zu bearbeiten. Ihr Angriff blieb ohne Wirkung. Sie dachte an ihre Mutter und stöhnte verzweifelt auf.

Plötzlich hörte das Geschüttel auf. Der junge Mann ging in die Knie und legte Judith auf ein weiches Laublager. Sie richtete sich auf, zupfte sich ein Blatt aus dem Haar und betrachtete den Fremden.

„Wir sind jetzt weit genug entfernt“, sagte er. „Ich glaube nicht, dass sie uns finden. Hier bist du in Sicherheit.“ Sein Atem ging heftig, aber seine Stimme war sanft und leise. Er lächelte.

In diesem Augenblick verzerrte sich sein Gesicht. Er betastete kurz seine aufgeschürfte Wange und strich sich dann mit einer verlegenen Geste das Haar aus der Stirn.

„Wer bist du?“, fragte Judith unfreundlich. „Was gibt dir das Recht, mich einfach wegzuschleppen? Hast du nicht gesehen, was sie mit meinem Vater gemacht haben? Und meine Mutter. Ich kann sie nicht allein lassen. Was für ein Mann bist du, dass du feige ausreißt und eine hilflose Frau diesen … diesen Bastarden überlässt?“

Wieder musterte sie den Fremden eingehend. Wer war er? Ein Leibeigener konnte er nicht sein, denn kein Leibeigener würde jemals ein so feines ledernes Wams und Hosen aus so gutem Stoff besitzen. Auch der Gürtel war kostbar. Die silberne Schnalle war allerdings nicht kunstvoll genug bearbeitet, um den Mann als Adligen auszuweisen. Judith ließ den Blick zu seinen Händen wandern. Sie waren feingliedrig und zeigten keine Spuren von schwerer Arbeit.

Ein grässlicher Verdacht keimte in Judith auf. Sie spürte, wie das Blut aus ihrem Gesicht wich. „Wer bist du?“, fragte sie noch einmal mit leicht schwankender Stimme. Der Magen drehte sich ihr um, und sie blickte verstohlen um sich. War der Mann allein, oder lauerten irgendwo im Gehölz seine Kumpane? Es war allgemein bekannt, wer in diesem Wald sein Unwesen trieb.

„Mein Name ist Roland. Ich war auf der Jagd.“ Er zuckte gleichmütig mit den Schultern. „Wozu ist ein Wald sonst da?“

Er lächelte gewinnend. Aber Judith misstraute ihm. Wenn ihr Verdacht richtig war, würde sie ihre Mutter nie wiedersehen. Sie musste die Wahrheit herausfinden und sagte frei heraus: „Ich habe gehört, dass die Sklavenhändler sich wieder hier im Wald verborgen halten.“

„Sklavenhändler?“ Roland machte ein erschrockenes Gesicht.

Das Lächeln ist ihm vergangen, dachte Judith. Vielleicht kann ich ihm doch vertrauen. „Ja, Sklavenhändler“, bestätigte sie. „Wo lebst du, dass du die Warnungen nicht gehört hast?“ Wieder wartete sie gespannt auf seine Reaktion.

Seiner verwirrten Miene nach zu urteilen, war er völlig ahnungslos. Nein, ein Sklavenhändler war er nicht.

Judith verbarg, so gut es ging, ihre Erleichterung, und setzte ihr Verhör fort. „Du behauptest also, dass du auf der Jagd warst.“

Roland nickte abwesend und sah Judith beunruhigt an. „Sklavenhändler“, wiederholte er ungläubig. „Davon wusste ich nichts.“

„Für wen jagst du?“, wollte Judith wissen. „Dieser Wald gehört dem Baron de Mandeville. Er führte jene Krieger an, die gerade eben einen wehrlosen Mann getötet haben.“ Judith schluchzte auf. „Bist du ein Jäger des Barons?“ Wieder packte sie die Angst. Mit einem Mal fühlte sie sich wie ein gehetztes Reh, das von Jagdhunden umzingelt war. Der einen Falle entkommen, schien sie in die nächste geraten zu sein.

Sie rückte ein Stück von Roland fort und sah sich unauffällig nach einem Fluchtweg um. Wenn sie sehr, sehr schnell lief, könnte sie diesem Fremden vielleicht entkommen und sich vor ihm im Dickicht verstecken.

Er beobachtete sie wachsam. „An deiner Stelle würde ich es nicht tun“, bemerkte er trocken. „Ich kenne jeden Schlupfwinkel in diesem Wald und würde dich bald finden.“ Er ging in die Hocke und streckte behutsam die Hand aus, als wäre Judith ein wildes Tier, dem er die Scheu nehmen wollte.

Sie fuhr zurück. „Du hast mir immer noch nicht auf meine Frage geantwortet“, sagte sie streng.

„Welche Frage?“

„Jagst du für den Baron?“

Judiths Herz schlug schneller, als er lächelte. Er hatte schöne, ebenmäßige Zähne. Sein Lächeln rührte sie tief in ihrem Innern an.

„Ich und für den Baron jagen? Niemals!“ Er strich über den Striemen an seiner Wange, und ein Schatten huschte über sein Gesicht. „Ich jage für mich selbst. Und du brauchst keine Angst zu haben, dass ich dich dem Baron ausliefere. Was meinst du, weshalb ich dich von dort weggebracht habe? Ich tat es, um dich zu retten.“

Noch immer streckte Roland Judith die Hände entgegen, die Innenflächen nach oben gedreht. Sie ignorierte die Geste, obwohl ihr Argwohn mehr und mehr schwand. Sie hätte ihm gern vertraut, aber noch zögerte sie und blieb abweisend. „Das soll ich dir glauben?“, fragte sie kalt.

„Ja.“

„Ich tue es aber nicht. Wenn du keiner von Mandevilles Männern bist, dann kannst du nur ein Geächteter sein.“

„Meinst du?“

„Warum sonst solltest du in diesem Wald jagen? Oder weißt du nicht, dass die normannischen Teufel mit jedem, der hier wildert, kurzen Prozess machen? Wenn du riskierst, als Dieb aufgehängt zu werden, musst du wirklich in großer Bedrängnis sein. Ein Mann, auf dessen Kopf eine Belohnung steht. Was soll ein Vogelfreier mit mir anfangen?“

„Ja, was nur?“ Er musterte Judith amüsiert, doch als sie erschrocken zurückwich, beschwichtigte er sie schnell. „Schau nicht so ängstlich drein, ich tue dir nichts. Darauf gebe ich dir mein Ehrenwort.“

„Und du meinst, das Ehrenwort eines Geächteten hätte irgendeinen Wert für mich?“

„Allmählich beginne ich zu glauben, dass ich eine Kratzbürste gerettet habe“, meinte er seufzend. „Vielleicht hätte ich dich lieber Hugos Männern übergeben sollen. Sie hätten ein wenig Vernunft in dich hineingeprügelt. Allerdings bezweifle ich, ob du noch einen Nutzen von der Lektion gehabt hättest.“ Roland sprang auf und schlenderte davon.

Damit hatte Judith nicht gerechnet. Ein Schauer überlief sie, als sie daran dachte, in der Dunkelheit des Waldes allein zurückgelassen zu werden. Es war stockfinster geworden. Die hohen Bäume erschienen Judith wie unheilvolle Gestalten, die sie drohend umzingelten. Jetzt sprang sie ebenfalls auf, lief hinter Roland her und fasste ihn am Ärmel. „Es tut mir leid, Ro…land. Lass mich nicht allein. Bitte nimm mich mit.“

Beschwichtigend legte er die Hand auf ihre. Wie klein diese war, und wie warm sie sich anfühlte. „Keine Sorge, ich lasse dich nicht allein. Ich weiß einen Platz, wo du heute Nacht schlafen kannst. Und morgen …“

„Morgen?“ Judith biss sich auf die zitternde Lippe. „Würde es doch kein Morgen geben. Mein Vater ist tot. Und meine Mutter …“ Judiths Stimme brach. „Oh Gott, wenn ihr nur nichts geschehen ist.“

Roland umfasste zart Judiths Kinn und hob ihr Gesicht zu sich empor. „Sobald du in Sicherheit bist, werde ich zurückgehen und nach deiner Mutter sehen.“

Judith drückte seinen Arm. „Willst du das wirklich tun? Oh Roland …“

„Vertraust du mir nun?“

Sie schluckte und schluchzte kurz auf, ehe sie nickte.

„Dann komm“, befahl Roland energisch, „sonst verlieren wir noch mehr Zeit. Dort entlang.“ Er nahm Judith bei der Hand, und bald waren sie im Dickicht verschwunden.

Judith zog sich den pelzgefütterten Umhang bis ans Kinn und lauschte. Außer dem Rascheln der Waldtiere hörte sie keinen Laut. Roland war schon lange fort. Zu lange, wie Judith fand. Ungeduldig wartete sie auf seine Rückkehr.

Es war trocken und warm in dem engen Unterschlupf. Lange Lederstücke am Eingang der Höhle, der mit Moos und Zweigen getarnt war, schützten vor dem Wind und der Kälte der Nacht. Dafür lauerten andere Gefahren.

Judith kroch zum hintersten Ende der Grotte. Wenn nun ein Wildschwein oder sogar ein Wolf sie witterte und der verlockenden Fährte nachspürte? Judith tastete in der undurchdringlichen Dunkelheit nach möglichen Waffen und prüfte die Keule, die sie fand, auf ihre Stärke. Nicht gerade beruhigend, dachte sie beklommen.

Draußen schrie eine Eule. Leise raschelten die Blätter im Wind. Ganz in der Nähe knackte ein Zweig …

Vor Schreck stockte Judith der Atem. Hastig griff sie nach dem Dolch, den Roland ihr wiedergegeben hatte, bereit, ihr Leben zu verteidigen. Der lederne Vorhang wurde beiseite geschoben.

„Judith?“

Sie stieß die Luft aus und ließ den Dolch fallen. „Roland“, flüsterte sie und fuhr hoch. „Erzähl, wie geht es ihr?“

Er kroch zu Judith und umschloss ihre Hand. Judith, ich … es tut mir leid …“

„Sie ist tot, nicht wahr?“

„Ich … ich weiß es nicht.“

Hoffnung flackerte auf. „Wie meinst du das?“

„Wie versprochen ging ich zu eurem Haus zurück, das heißt, was von ihm noch übrig geblieben ist. Ich fand nur noch einen schwelenden Aschehaufen. Dein Vater lag noch immer an derselben Stelle. Aber deine Mutter war nicht da. Ich habe überall nach ihr gesucht. Sie ist fort.“

„Meine Brüder?“, rief Judith aus. „Sie haben sie in Sicherheit gebracht. Ja, bestimmt haben sie sie gefunden.“

„Brüder?“

„Ja, ich habe zwei Brüder. Sie sind beide älter als ich. Als der Überfall passierte, waren sie in Tanfield. Gut, dass sie Mutter helfen konnten.“

Roland drückte Judiths Hand. „Ich bete zu Gott, dass du recht hast.“

Sie war zuversichtlich. „Morgen werde ich sie alle drei finden, und dann werden wir zusammen … Vater begraben.“ Sie schluchzte und wischte sich die Tränen fort. Nein, sie würde nicht mehr weinen. Nicht vor einem Fremden.

„Judith?“ Rolands Stimme klang weich.

„Ja?“

„Es ist keine Schande zu weinen.“

Noch einmal schluchzte sie auf. Danach breitete sich Stille aus. Nur das leise Rascheln der Blätter war zu hören.

Sanft strich Roland über Judiths Hand. „Schlaf jetzt ein wenig. Du brauchst morgen deine ganze Kraft.“

Judith kämpfte gegen die Tränen an. „Ich kann nicht schlafen“, brachte sie mühsam heraus.

„Dann ruh wenigstens.“ Er drückte sie sanft, aber bestimmt auf ihr Lager und deckte sie mit dem warmen Umhang zu. „So, gute Nacht. Ich halte Wache, damit du dich nicht ängstigst.“

„Gute Nacht Roland. Und … meinen Dank“, flüsterte Judith und schmiegte sich an den warmen Hermelinpelz.

Judith erwachte von ihrem eigenen Schrei. Ein schrecklicher Albtraum hatte sie gequält und auch jetzt noch verfolgten sie die grausigen Bilder. Betrunkene Normannen stürzten über sie her. Einer bohrte ihr einen Dolch ins Herz und drehte ihn um. Es war ein unvorstellbarer Schmerz.

Zuerst wusste Judith nicht wo sie war, aber allmählich kamen die Erinnerungen. Bilder der Wirklichkeit, furchtbarer noch als die Traumszene.

Sie stöhnte laut auf.

„Judith, Judith …“

Sie spürte eine feste Umarmung. „Roland?“, flüsterte sie mit tränenerstickter Stimme und schmiegte sich an ihn.

„Ja, ich bin bei dir, Judith. Du bist nicht allein. Weine nur. Es macht das Trauern leichter.“ Zärtlich strich er ihr das Haar aus dem Gesicht.

Die liebevolle Geste erinnerte Judith an ihre Mutter, und plötzlich vermochte sie ihren Schmerz nicht mehr zu unterdrücken. Ein heißer Tränenstrom lief ihr über die Wangen. Sie hörte weder Rolands leise gemurmelten Worte, noch bemerkte sie, wie er sie sanft streichelte. Judith fühlte sich nur unendlich geborgen.

Das Weinen erleichterte sie, und allmählich wurde ihr Schluchzen leiser. Doch als Roland behutsam die Hände von ihr fortzog, hob sie den Kopf. „Halt mich fest, ganz fest. Dann tut es nicht so weh.“

„Judith.“ Roland zögerte. „Es ist spät. Wir sollten jetzt schlafen.“

„Ja.“ Sie wollte ihn an sich ziehen, fühlte, wie er sich anspannte und ihr Widerstand entgegensetzte. „Was ist, Roland?“ Sie wollte nicht, dass er sich von ihr zurückzog. Sie brauchte ihn, brauchte seinen Trost.

„Es ziemt sich nicht“, antwortete er steif.

„Es ziemt sich nicht? Warum?“, fragte Judith erstaunt. „Du bist doch viel älter als ich.“

„Einundzwanzig“, sagte er, und selbst im Dunkeln spürte Judith sein Lächeln. „Ist das ein so hohes Alter?“

In ernsterem Ton sprach er weiter. „Baron Hugos Ritter sind ein ganzes Stück älter als ich, aber das hätte dich nicht vor ihnen geschützt.“

„Weil sie Banditen und Teufel sind. Fremde Eindringlinge, die uns Sachsen hassen und verachten. Ich wünsche den Normannen die Pest und tausend Plagen.“ Judith zögerte und strich scheu über Rolands Arm. „Du bist anders. Du bist kein Normanne.“

„Judith, ich muss dir etwas …“

„Halte mich, Roland, lass mich in deinen Armen ruhen, bitte. Es tut so wohl.“ Wieder begannen ihre Tränen zu fließen. „Ich … ich bin so traurig.“

Roland konnte Judiths Gesicht nicht sehen, aber als Jäger besaß er ein feines Gehör. Seine Ohren nahmen die leisesten Schwingungen auf, und Judiths bebende Stimme verriet ihm ihren tiefen Kummer und ihr Sehnen nach Nähe und Trost.

„Also gut, wenn du es möchtest“, antwortete er leichthin. „Aber du musst versuchen zu schlafen. Und gib mir einen Zipfel von dem Umhang, mir ist hier draußen kalt.“

Im Osten schimmerte schwach das erste Sonnenlicht. Hoch auf einem Baum zwitscherte ein Vogel.

Judith erwachte langsam aus einem tiefen, traumlosen Schlaf. Ihr war wunderbar warm, und unbewusst schmiegte sie sich an die schlafende Gestalt neben sich.

In der Ferne bellte ein Hund. Ein zweiter Vogel begann sein Morgenlied.

Judith schlug blinzelnd die Augen auf. Einen Moment lang musste sie sich besinnen, wo sie war. Sie lächelte, als sie den warmen Körper neben sich spürte, und hob den Kopf, um ihren geheimnisvollen Retter zu betrachten.

Roland schlief noch fest. Aufmerksam ließ Judith den Blick über seine Züge gleiten und fand, dass er genauso schön war wie die Prinzen in den Liedern der fahrenden Sänger.

Sein dichtes blondes Haar hing ihm zerzaust in die Stirn. Auf seinen schmalen Wangen und seinem markanten Kinn sprossen die ersten Bartstoppeln. Er hatte eine wohlgeformte Nase und einen kräftigen, schön geschwungenen Mund. Seine tief gebräunte Haut verriet, dass er die meiste Zeit im Freien verbrachte.

Roland atmete ruhig und gleichmäßig. Eine Hand hatte er um Judiths Taille gelegt. Die andere – Judith stutzte und musste lächeln –, die andere lag in ihrer.

Sie rührte sich nicht, damit sie Roland nicht weckte. Es war angenehm, seine Hand zu berühren, und es war angenehm, ihn ungestört zu betrachten.

Ja, er sah aus wie ein Prinz. Nur der rote Striemen auf seiner Wange entstellte ihn etwas. Judith zog ihre Hand aus seiner und strich ihm über die Wunde, die von seinem Wangenknochen bis zum Kinn reichte. Die Berührung war so zart wie ein Lufthauch, aber Roland erwachte davon. Er öffnete die Augen und lächelte.

Verlegen wich Judith seinem Blick aus. Ihre Wangen glühten.

„Du hast es fertiggebracht und mir kein Fitzelchen von dem Umhang gelassen“, sagte er verschlafen.

Judith wandte ihm wieder das Gesicht zu. Was für ausdrucksvolle Augen, dachte sie. Sie waren von dichten, schwarzen Wimpern umkränzt.

„Das tut mir leid.“ Sie zupfte an den schweren Falten des Überwurfs.

Roland lächelte ihr zu, und sie wunderte sich, wie vertraut er ihr schon vorkam. „Es ist noch früh“, bemerkte er und zog Judith wieder in die Arme, so unbefangen und selbstverständlich, als würde er jeden Tag mit einem fremden Mädchen neben sich erwachen. „Schlaf noch ein wenig. Ich beschaffe uns inzwischen etwas Essbares.“

Judith wurde unsanft an den Schultern gerüttelt. „Judith! Judith! Mein Gott, Eadwold, sie lebt!“

„Saewulf!“ Sie blickte in das Gesicht ihres neunzehnjährigen Bruders und lächelte, als sie in seinen klaren blauen Augen las, wie erleichtert er war. „Oh Saewulf!“ Sie schlang ihm die Arme um den Nacken.

„Und für deinen älteren Bruder hast du keinen Gruß?“, rief eine tiefe und viel rauere Stimme über die Lichtung.

Judith kroch aus dem Unterschlupf und fragte sich, wo Roland wohl geblieben war. Dann fiel ihr ein, dass er etwas zu essen beschaffen wollte. Hoffentlich wurde er nicht von den Leuten des Barons erwischt, wenn er die Fallen kontrollierte.

Sonnenstrahlen fielen durch das Blätterdach und tanzten auf Judiths Gesicht. Leicht blinzelnd sah sie zu Eadwold auf. So wenig sie ihm äußerlich ähnelte, so wenig fühlte sie sich ihm innerlich verbunden. Ihren älteren Bruder umarmte sie nicht.

„Bist du unverletzt, Schwester?“, fragte Eadwold. Die Hände in die Hüften gestemmt, stand er vor Judith. „Sie haben dir doch nichts … angetan?“

„Nein. Noch nicht einmal gesehen haben sie mich. Ich habe alles vom Wald aus beobachtet.“ Judiths Miene verdüsterte sich. „Wo … wo ist Mutter? Habt ihr sie gesehen?“

„Sie ist in Sicherheit. Wir haben sie in die Abtei gebracht.“

„Dem Himmel sei gedankt.“ Judith seufzte erleichtert. Die gute Nachricht milderte ihre Trauer. „Geht es ihr …“ Sie brach mitten im Satz ab, denn ihr Bruder hörte ihr nicht mehr zu, sondern sah mit zornrotem Gesicht auf etwas hinter ihr. Sie drehte sich um und folgte seinem Blick.

Die Ursache seiner Wut war der pelzgefütterte Umhang, mit dem Saewulf aus der Höhle gekommen war. Judith las in Eadwolds finsterer Miene, dass er sich seine Gedanken über den Besitzer des noblen Kleidungsstücks machte.

Ihr Bruder erschien ihr noch riesiger als sonst, als er sich drohend vor ihr aufbaute und sich ausgiebig den Bart kratzte. Sie wusste, dass Flucht das Beste wäre, wenn ihr jähzorniger Bruder seine Ausbrüche hatte. Aber wohin sollte sie jetzt flüchten?

„Wie schön, dich unversehrt zu sehen, kleine Schwester.“ Seine Stimme klang wie fernes Donnergrollen, und der kalte Ausdruck in seinen Augen ließ Judith schaudern. „Du hast dir einen Beschützer gesucht, was?“

„Eadwold, ich …“

„Was hat er als Lohn verlangt, dein mutiger Beschützer? Wie hoch war der Preis für deine Sicherheit?“

„Eadwold, Judith ist noch ein Kind“, versuchte Saewulf seinen Bruder zu beschwichtigen. Sein Gesicht spiegelte Judiths wachsenden Schrecken.

„Sie ist alt genug, um der Familie Schande zu machen“, versetzte Eadwold scharf. „Ich bin jetzt das Oberhaupt der Familie, und ich hätte es ehrenvoller gefunden, wenn unsere Schwester ihr Leben geopfert hätte, statt sich dem Erstbesten an den Hals zu werfen, um ihre Haut zu retten.“

Ein kalter Schauer überlief Judith. Sie hatte das Gefühl, als hätte sich plötzlich eine dunkle Wolke vor die Sonne geschoben. „Nein! Eadwold, du verstehst nicht.“

Aber Eadwold hatte sie aufmerksam beobachtet. Er hatte gesehen, wie sie erbebt war. Mit einem Schritt war er bei ihr und fasste sie hart bei der Schulter.

Judith spürte einen schmerzhaften Druck an ihrem Schenkel. Sie blickte hinab. „Du … du trägst Vaters Schwert“, brachte sie stockend heraus. „Und Saewulf … er ist auch bewaffnet! Ihr wisst, dass es gegen das Gesetz ist. Wenn die Leute des Barons euch so sehen …“

„Dann bekommen wir noch mehr Schwierigkeiten. Wolltest du das sagen?“, rief Eadwold wütend. „Lass die normannischen Hunde ruhig kommen. Lass sie Schwierigkeiten machen, wie du es so feinsinnig nennst, kleine Schwester. Wir werden uns wehren. Die Tage der feigen Duckmäuserei sind seit gestern vorbei. Ich habe neben Vaters Leichnam geschworen, dass sein Tod nicht ungesühnt bleibt. Und ich bin entschlossen, unser Land von den normannischen Parasiten zu befreien. Ich werde de Mandeville und seine Schergen vernichten, und wenn es mich das Leben kostet.“

Eadwolds riesige Gestalt schien über die Bäume hinauszuwachsen. Das Echo seiner donnernden Stimme hallte in der Stille nach. Judith erkannte ihren Bruder kaum wieder. Eine Veränderung war in Eadwold vorgegangen. Wie ein Fremder kam er ihr jetzt vor. Dies war keiner seiner üblichen Wutausbrüche, sondern wilder Hass, der nicht mehr einzudämmen war.

Eadwold heftete seinen Blick auf Rolands Cape. Sein kalter Ausdruck machte Judith Angst, plötzlich sah sie in ihrer Fantasie Roland vor sich, dessen grüne Augen leuchteten, wenn er lächelte. Ihr Bruder und ihr sanfter Beschützer, Eadwold und Roland – welche Gegensätze!

Eadwold war hochgewachsen und kräftig, wie ein Wikinger aus dem Norden. Er hatte langes flachsblondes Haar und einen vollen Bart. Ein echter Germane, ein Sachse. Roland war kleiner und nicht so massig gebaut wie Eadwold. Er war gewiss kein Schwächling, aber in einem Zweikampf würde er vermutlich unterliegen.

Judith wurde unruhig. Sie musste ihre Brüder von hier wegbekommen, bevor Roland zurückkäme. Natürlich verlor sie kein Wort über ihn, denn sie wusste, dass er eine willkommene Zielscheibe für Eadwolds Zorn wäre.

Eadwold bemerkte Judiths umherschweifenden Blick. Blitzschnell zog er das Schwert aus der Scheide. „Hältst du nach deinem Beschützer Ausschau?“, fragte Eadwold boshaft und richtete die Schwertspitze auf Judiths Brust. Der Ring ihres toten Vaters schimmerte an seinem Finger.

„Eadwold, hast du den Verstand verloren?“, protestierte Saewulf scharf.

Die Spitze glitt langsam tiefer. Mit angehaltenem Atem sah Judith auf die fadendünne rote Spur, die sich unter dem Stoff ihres Kleides abzeichnete. Zögernd hob sie den Blick. Sie musste sich zwingen, ihrem Bruder ins Gesicht zu sehen. Seine Pupillen hatten sich zu schwarzen Punkten verengt.

„Ich habe keinen Beschützer“, erklärte Judith, und ihre Stimme klang glockenrein, „außer vielleicht meinen jüngeren Bruder. Würdest du Saewulf töten, Eadwold, wenn er mir zur Hilfe käme?“

Eadwolds stechender Blick schien ihre Augen zu durchdringen. Das Schwert wurde fortgezogen.

Judith atmete tief ein und wieder aus.

„Kein Beschützer, aha“, meinte Eadwold spöttisch. „Und wie hast du diesen sicheren Unterschlupf gefunden?“

Die halbe Wahrheit war noch immer besser als eine Lüge. „Es wurde dunkel“, sagte Judith. „Ich lief eine ganze Weile durch den Wald, bis ich auf die Höhle stieß.“

Saewulf strich über den Pelz des Capes. „Sonderbar, dass jemand einen so kostbaren Umhang so achtlos liegen lässt.“

„Ja, wirklich“, stimmte ihm Judith lächelnd zu, obwohl sie ihn hätte erwürgen können. „Aber er hat gute Dienste geleistet und mich eine Nacht lang gewärmt.“ Sie gab sich ganz unbekümmert. „Und nun, Brüder? Wohin gehen wir jetzt? Hier können wir nicht bleiben.“

„Nein, das können wir nicht“, bestätigte Eadwold grimmig. „Wir müssen tief in den Wald gehen.“

„In den Wald?“, fragte Judith verständnislos.

„Ja. Wir sind jetzt Vogelfreie, Judith“, erklärte Saewulf.

„W…was?“

„Gesetzlose, Geächtete“, wiederholte Eadwold stolz. „Entscheide dich, ob du mit uns gehen willst, ob du für uns oder gegen uns bist.“

„Aber Eadwold, bedenk, was das bedeutet“, hielt Judith ihm entgegen. „Auf eure Köpfe wird eine Belohnung ausgesetzt, und jeder, der euch hilft, wird ebenfalls zum Vogelfreien erklärt.“

„Für uns oder gegen uns“, sagte Eadwold hart. „Was für alle anderen gilt, gilt auch für dich. Aber das eine sage ich dir, wenn du dich gegen uns stellst, bist du nicht länger meine Schwester. Ich werde nie wieder mit dir sprechen. Ein Wort, eine Handlung gegen mich, und du bist für mich gestorben.“

Judith blickte hilflos zwischen ihren Brüdern hin und her. „Vogelfreie …“, flüsterte sie. „Gesetzlose. Wenn man euch fängt, werdet ihr gehängt. Ganz abgesehen von der Folter, die ihr vorher erleiden müsst. Eadwold, denkst du gar nicht an unsere Mutter? Es würde sie umbringen.“ Der Glanz in Eadwolds Augen verriet, dass er in eine Welt jenseits der Vernunft eingetaucht war.

Trotzdem versuchte Judith, ihn zu erreichen. „Eadwold, möchtest du, dass Mutter aus Gram über deinen ehrlosen Tod stirbt?“

„Für mich gibt es nur noch eins. Rache!“, erwiderte Eadwold ungeduldig. „Ein gemeiner Mord ist geschehen. Unser Haus, der klägliche Rest unseres Besitzes wurde zerstört. Die Verbrechen der normannischen Parasiten schreien nach Strafe und Rache. Sprich, Schwester, bist du für uns oder gegen uns?“

Judith antwortete nicht.

Ein Rascheln im Gebüsch ließ alle drei Köpfe herumfahren. Das Herz schlug Judith bis zum Hals. Sie seufzte hörbar auf, als sie die Amsel erblickte, die im trockenen Laub scharrte.

Eadwold wandte Judith wieder den Blick zu. „Antworte, Schwester. Mit uns oder gegen uns?“

„Nun, mit euch natürlich“, entgegnete sie hastig. „Seid ihr nicht meine Familie? Geh du voran, Eadwold, ich folge euch.“

Er sah finster zu Boden und regte sich nicht.

„Eadwold, worauf warten wir?“ Judith nahm seine kräftige Hand und versuchte, ihn mit sich zu ziehen. Sie mussten hier verschwinden. Die Sonne stieg immer höher, der Tau auf den Gräsern und Blättern war schon verdunstet. Jeden Moment konnte Roland zurückkommen.

Eadwold schüttelte den Kopf und entriss ihr energisch seine Hand. „Nein, Judith. Wir können dich nicht mitnehmen. Ich will eine Truppe zusammenstellen, und für Mädchen ist dort kein Platz. Wir bringen dich zu Mutter. In der Abtei bist du gut aufgehoben.“

Seine Augen leuchteten jetzt auf. „Meine Armee wird anders sein als die wüsten Haufen der Normannen.

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