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In den Gangs von Neukölln. Das Leben des Yehya E.

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Christian Stahl

In den Gangs von Neukölln

Das Leben des Yehya E.

Hoffmann und Campe

Schuld

»Sechs Jahre.«

Im Saal 700 des Kriminalgerichts Moabit wurde es für einen Moment gespenstisch still.

Sechs Jahre Haft beantragte die Staatsanwältin.

Das sind zweitausendeinhundertundneunzig Tage. Oder die Zeit von der Geburt bis zum ersten Schultag. Oder die komplette Jugend oder meine gesamte Studienzeit plus das Volontariat beim damaligen Sender Freies Berlin.

Sechs Jahre sind eine verdammt lange Zeit.

Hinter mir, im Zuschauerraum, seufzte die Mutter eines Mitangeklagten erschrocken. Alle anderen schwiegen.

Die sechs Angeklagten, vier davon links von mir in einem Kasten, der unten holzvertäfelt war und oben eine Scheibe aus Panzerglas hatte. Zwei weitere, die nicht mehr in Untersuchungshaft waren, in einer Stuhlreihe gegenüber. Ihre Anwälte in langen schwarzen Roben. Die Jugendgerichtshelfer rechts von mir. Die drei Richter und zwei Schöffen hinter ihrem erhöhten Pult aus Wilhelminischer Zeit. Hinten im Zuschauerraum die Eltern, Brüder und Schwestern der sechs Neuköllner Jungs, um die es hier ging. Alle horchten auf. Ich saß allein auf den Pressebänken.

Zum Prozessauftakt waren noch alle da gewesen: Bild, BZ, Tagesspiegel, Inforadio, Berliner Abendschau, Der Spiegel. Sie waren seinetwegen hier. Natürlich. Er hatte es wieder mal geschafft, im Mittelpunkt zu stehen:

Yehya E.

Saal 700 ist der größte und prächtigste Saal des berühmten Kriminalgerichts in Moabit. In diesem Gerichtsgebäude wurden schon Wilhelm Voigt, bekannter als der Hauptmann von Köpenick, Carl von Ossietzky wegen Abdrucks des Tucholsky-Zitates »Soldaten sind Mörder,« Horst Mahler wegen der Befreiung von Andreas Baader, Bubi Scholz, Arno Funke alias Dagobert, Erich Honecker und Egon Krenz angeklagt und verurteilt. Nicht alle im neobarocken Saal 700, aber die meisten. Und jetzt er.

Bestimmt wusste Yehya nicht, in welch illustrer Gesellschaft er sich hier befand.

Als Chef einer Neuköllner Bande, so die Anklage, habe Yehya ab dem Sommer 2013 drei Überfälle organisiert, geplant und durchführen lassen. Die Taten hatten alle Beteiligten schon vor Prozessbeginn gestanden. Allerdings sagten sie, sie seien keine Bande gewesen, sondern Freunde. Bei der letzten Tat im Oktober hatten sie einen Tresor geklaut, in dem noch der Schlüssel steckte.

Jetzt saßen sie alle vor mir, die Köpfe zwischen den durchtrainierten Schultern gesenkt. Ich kannte viele von ihnen. Seit Jahren. Weil ich Yehya kannte und weil ich etwas von ihrer Lebenswelt erfahren wollte. Mit den meisten war ich schon im Fitnessstudio oder in der Shishabar.[1] Ein seltsames Gefühl beschlich mich im Gerichtssaal. War ich Kriminellen zu nahe gekommen? War ich mit meinem beruflichen Eifer zu tief in ihre Welt eingetaucht? War ich als Journalist zu weit gegangen und verteidigte etwas, das nicht zu verteidigen war und ist?

Aber was verteidigte ich denn?

Meine Antwort auf die Frage, ob Yehya voll verantwortlich gewesen sei für seine Taten, war klar: ja. Yehya war schuldig. Das wusste er selbst. Dazu bekannte er sich ungewöhnlich offen während des Prozesses. Obwohl er mit 23 Jahren immer noch keinen Aufenthaltstitel besaß, hatte er eine Riesenchance, die nur wenige bekommen. Er war DER Vorzeige-Aussteiger Berlins, bekannt geworden durch den Film Gangsterläufer, gemocht wegen seines Charmes, seiner Selbstreflektion und Schlagfertigkeit. Beliebt bei Politikern, Polizei und Integrationsbeauftragten. Selbst eine Rolle in einem deutschen Spielfilm hatte er in Aussicht gehabt. Alles lief in die richtige Richtung. Es lief ihm zu langsam.

Und sie steckte in ihm drin. Die Wut. Die Lust auf den Kick. Die kriminelle Energie. Kriminalität ist keine Krankheit, die man mal so eben heilen kann. So wie ich sie durch Yehya kennengelernt habe, wirkt sie eher wie eine Droge. Er scheint süchtig nach ihr. Und die Wut ist Yehyas Antrieb, sie weckt das Bedürfnis nach der Droge, die Kriminalität ist sein Heroin. Was er brauchte, war ein wirklicher Entzug. Aber auf den Straßen von Neukölln, in den Gangs und auf der Sonnenallee sind alle auf dieser Droge. Da allein rauszukommen, war alles andere als leicht, das wurde mir während des Prozesses wieder schlagartig klar.

Natürlich hatte Yehya versagt. Niemand muss kriminell werden, nur weil er ein Flüchtlingskind ist. Aber reicht es, mit dem moralischen Zeigefinger auf ihn zu zeigen? Reicht es, von Abschiebung zu sprechen? Oder mindestens von deutlich härteren Strafen? Von kulturellen Konflikten, die nicht überwunden werden können? Ist dem überhaupt so? Welche Lösungen gibt es für Fälle wie den von Yehya E.? Wer oder was ist verantwortlich für den Werdegang solcher Jungs? Nur sie selbst?

Zwei Tage zuvor hatte ich auf Wunsch der Verteidigung dem Gericht die – wie es heißt – »persönlichen Verhältnisse« des Angeklagten Yehya E. geschildert. Wir kennen uns seit zehn Jahren.

Er war kurz davor, endlich eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen, endlich arbeiten und sich auch außerhalb Berlins frei bewegen zu dürfen. Yehya E., das Musterbeispiel der Integration. Yehya E., der Streitschlichter in Neukölln, der mit der Berliner Polizei zusammenarbeitete, um zur Deeskalation von brenzligen Situationen beizutragen.

So kurz davor. Vielleicht war genau das der Grund für seinen Rückfall in die Kriminalität? In Neukölln galt Yehya E. zum Schluss als V-Mann der Polizei. Als einer, der sich mit Deutschen abgibt, Filme macht und dann auch noch Bücher schreiben will. Was für ein Abstieg für den früheren »Boss von der Sonnenallee.«

Als ich diese parallele Welt vor Gericht zu schildern versuchte, fuhr mich die Staatsanwältin plötzlich von der Seite an. Sie kannte Yehya E. aus vergangenen Verfahren. Beide begegneten sich seitdem mit großer Skepsis. Auf mich wirkte sie zierlich, etwas fahrig, aber immer beherrscht und um Selbstkontrolle bemüht. Überhaupt verlief der Prozess erstaunlich leise, respektvoll und höflich. Bis zu diesem Moment. Die Staatsanwältin unterbrach mich mitten im Satz, sprach schnell, erregt und vornübergebeugt:

»Jetzt rechtfertigen Sie den auch noch, Herr Stahl. Ich kann das wirklich nicht verstehen, bei all den Taten! Wie können Sie das bloß mit Ihrer gutbürgerlichen Moral vereinbaren?«

Einen Augenblick lang war ich perplex. Was hatte sie da gerade gefragt? »Wie ich die Straftaten von Yehya E. und seinen Jungs mit meiner gutbürgerlichen Moral vereinbaren kann?«, fragte ich zurück. »Gar nicht. Die gutbürgerliche Welt, in der Sie und ich groß geworden sind, hat nichts mit der Welt in Neukölln zu tun, in der Flüchtlingskinder wie Yehya aufwachsen. Für uns beide, Frau Staatsanwältin, ist die Polizei ein Freund und Helfer. Für uns beide ist es selbstverständlich, Abitur zu machen, zu studieren, zu reisen, sich an Gesetze zu halten und als gute deutsche Staatsbürger ein moralisch mehr oder weniger einwandfreies Leben zu führen. Aber die Welt, in der Yehya E. groß wurde, hat mit unserer Welt nichts zu tun. Unmittelbar nach Yehyas Geburt im palästinensischen Flüchtlingslager Shatila im Libanon flohen seine Eltern. Der Vater wurde unterwegs gefasst, musste ins Gefängnis und wurde wieder in den Libanon abgeschoben, bevor ihm dann Monate später die Flucht gelang. Die Mutter kam mit dem knapp vier Wochen alten Sohn in Deutschland an. Yehya reiste also als ausländischer Säugling in die Bundesrepublik ein. Er ist nun seit mittlerweile dreiundzwanzig Jahren nur geduldet, er darf bis heute nicht arbeiten, Berlin nicht verlassen, nicht studieren, darf nicht mal einen Führerschein machen.[2] Und bei der Ausländerbehörde lachen sie ihn aus, wenn er sagt, er fühle sich als Deutscher. Frau Müller ruft dann Frau Schmitz aus dem Nebenzimmer und sagt: ›Hör mal, was der Araber da gerade gesagt hat. Hahahaha.‹ Sein Vater war dreizehn Jahre lang mit einem Arbeitsverbot belegt und musste einen Blumenladen wieder schließen. Die Polizei, die wir rufen, damit sie uns beschützt, ist in den Augen von Flüchtlingen, die seit über zwanzig Jahren in Deutschland leben, ohne deutsch sein zu dürfen, eine gefühlte permanente Bedrohung, die abschiebt, ausweist und Papiere kontrolliert. In Neukölln ruft man sie nicht, vor ihr haut man ab. Und wenn ich als Araber in Neukölln bedroht werde, schütze ich mich selbst, mit den Fäusten. Ist das gut? Nein. Ist das nachvollziehbar? Ich meine, ja. Und wenn Sie wollen, nehme ich Sie gern mit in eines der Cafés in der Sonnenallee, dann können Sie sich Ihr eigenes Bild von dieser Welt machen.« Ich hatte mich in Rage geredet. Die Staatsanwältin sah mich mit großen Augen an. Auf den Zuschauerbänken, wo an jenem Prozesstag neben den Eltern der Angeklagten auch viele Freunde von Yehya E. saßen, wurde laut getuschelt. Irritierenderweise klatschte sogar irgendjemand kurz.

»Keine weiteren Fragen.« Weder vom Richter noch von den Verteidigern.

Es gab fünf Minuten Pause. Draußen sprach mich Khaled an, der mit Yehya E. in Plötzensee, dem zentralen Gefängnis der Berliner Jugenstrafanstalt, gesessen hatte. Khaled war gefühlte zwei Meter groß und zwei Meter breit. Ein Riese, der meistens schwieg und keine Miene verzog. Jetzt kam er strahlend auf mich zu, schlug mir mit seiner Pranke auf die Schulter und sagte: »Christian, whallah, weißt du was, du bist voll der Mörder! Du bist DER King.«

»Mörder« ist ein Kompliment. So eine Art Neuköllner Verdienstkreuz. »Mies« bedeutet hier auch »gut.« Je mieser, desto besser. Im Gangjargon von Neukölln wird alles umgedreht, manchmal auch Realitäten. Ich versuchte, ihm zu erklären, dass die Staatsanwältin mit ihrer Frage recht hatte und sie die Welt der Jungs so wenig kannte und verstand wie umgekehrt auch.

Parallele Welten. Das Gutbürgerliche auf der einen, die Gangsterphantasien der Sonnenallee auf der anderen Seite. Aber Parallelen sind auch Zwillinge. Sie berühren sich nicht, aber laufen Seite an Seite. Die parallele Welt in Neukölln, die ich in den vielen Jahren meiner Recherche kennengelernt habe, hat mit der gutbürgerlichen Welt, die die Staatsanwältin meinte, viel mehr gemein, als die meisten denken. Die Wünsche, die Hoffnungen, die Ängste, die Sehnsüchte, die Ideale – in beiden Welten sind es dieselben. Ich habe neben sehr viel Neuem auch großes Vertrauen mir gegenüber und Vertrautes in einer mir anfangs noch fremden Welt kennengelernt. Kriminell sind vergleichsweise wenige in dieser Welt, auch wenn sie das Bild in der Öffentlichkeit prägen. Das Gefühl, nicht dazugehören zu dürfen, gibt es dagegen überall in Neukölln. Egal, ob Manager, Ärztin, Sozialarbeiter oder Intensivstraftäter. Alle Menschen mit palästinensischer oder anderer »orientalischer« Herkunft, die ich traf, wussten, was Diskriminierung und Ausgrenzung im Alltag bedeutet. Auf dem Flur des Kriminalgerichts Moabit fiel mir, nach meinem eigenen Plädoyer, jene Zeile wieder ein, die wohl aus der Feder eines Berliner Streetartists stammt: »Ich möchte einer von uns sein.«

In all der Wut, die die selbsternannten Gangster von Neukölln in sich tragen, in all dem Machogehabe und dem brutalen Straßenleben schwingt diese unausgesprochene Sehnsucht mit: einer von uns sein. Das Gefühl von Heimweh nach der Zukunft, in der das Land, in dem du geboren oder groß geworden bist, dich nicht mehr als fremd oder falsch ansieht und sich zumindest darum bemüht, deinen Namen richtig auszusprechen. Yehya spricht man mit rauem »ch« wie in »Krach«, und das »y« wird wie ein »j« ausgesprochen. Also Jech-ja. Nicht Yeya, nicht Jescha und auch nicht Yehiya. Man muss das nicht auf Anhieb aussprechen können, aber man könnte nach der richtigen Aussprache fragen. Integration ist keine Einbahnstraße, genauso wenig ist Kriminalität zu rechtfertigen, auch nicht mit einem Flüchtlingsschicksal.

Die Geschichte, die ich hier erzähle, muss niemandem gefallen. Sie ist stellenweise brutal, paradox, zwiespältig, schwierig. Sie steht stellvertretend für sehr viele Geschichten. Sie ist ein Insiderbericht. Sie basiert auf zehn Jahren intensiver Recherche. In vielen Kapiteln zitiere ich Briefe, Mails oder Auszüge aus Yehya E.s Kladde, die er von mir bekommen hatte, um in der Berliner Jugendstrafanstalt seine Eindrücke und Gedanken aufzuschreiben. Dieses Buch liefert völlig neue Einblicke in die Gangs von Neukölln, in die Welt der Kriminalität, es skizziert den Alltag in deutschen Gefängnissen, benennt die Schikanen der Ausländerbehörde, die Absurditäten des deutschen Asylrechts und zeichnet den schwierigen Grat zwischen krimineller und bürgerlicher Welt nach. Es ist die Geschichte eines hochtalentierten Flüchtlingsjungen, der immer der Beste sein wollte. Es ist die Geschichte eines gescheiterten Auf- und Ausstiegs und einer ungewöhnlichen Freundschaft. Es ist eine Geschichte über Enttäuschung und Erwartungen. Eine über den verzweifelten Kampf, dazuzugehören. Es ist vor allem die Geschichte von Yehya E., die inzwischen auch meine geworden ist. Vor allem aber ist es eines: eine deutsche Geschichte.

Yehya E. von der Sonnenallee

Ich wollte nicht nach Neukölln. Auf die Sonnenallee schon gar nicht. An jenem Tag im Mai 2005 suchte ich ebenso lustlos wie dringend eine neue Wohnung, um einen privaten Neuanfang zu starten. Ich saß nach meiner Moderationsschicht beim Radio allein in der Redaktion und suchte online in allen Bezirken der Innenstadt. Kreuzberg, Schöneberg, Wilmersdorf, Charlottenburg, Wedding, Prenzlauer Berg, Mitte, selbst in Friedrichshain. Auf keinen Fall Neukölln. Die Gegend östlich des Hermannplatzes war mir viel zu laut, zu dreckig und zu runtergekommen. Neukölln war damals noch nicht hip, die Rütli-Schule eine stinknormale Hauptschule und der Makler ein Mann, der auch dann zuhörte, wenn niemand etwas sagte. Er spürte sofort, dass mir die Zwei-Zimmer-Wohnung in Kreuzberg, deretwegen ich eigentlich gekommen war, zu eng und zu klein war. Als er erfuhr, dass ich bei Radio Multikulti moderierte, stand für ihn fest, dass ich das perfekte Versuchskaninchen wäre, um eine Dachgeschosswohnung doch noch loszuwerden, die hoffnungslos unvermietbar schien. Ein von Architekturstudenten entworfenes Atelier mit offenem Kamin, amerikanischer Küche, sechs Meter hohen Decken, Wänden aus Glas, Dachterrasse und – aus damaliger Sicht – nur einem einzigen Fehler: die Adresse. Sonnenallee, mittendrin. Dafür zu einem Spottpreis und zwei Monate mietfrei.

Ich unterschrieb sofort und zog ein. Vielleicht war es Zufall, vielleicht Fügung. Oder eine Mischung aus beidem. Mit diesem Tag änderte sich mein Leben auf jeden Fall so fundamental, wie ich es mir weder in meinen Träumen noch Albträumen hätte ausmalen können. Schneller, als mir lieb war, wurde ich gefühltes Mitglied einer palästinensischen Großfamilie. Ich begann, ohne je Regie studiert zu haben, einen Dokumentarfilm zu drehen, für den die Arbeiten sechs Jahre dauern würden. Ich lernte die Regeln der Straße und den Knast von innen kennen. Und ich geriet tiefer und tiefer in die parallele Welt der Flüchtlingsfamilien, bestand die arabischen Integrationstests und werde bis heute trotz deutschen Migrationshintergrunds voll akzeptiert. Das alles verdanke ich Neukölln. Und meinem ehemaligen Nachbarn Yehya E., dem ich damals im Hausflur begegnet war.

Im Frühsommer 2005, ein Jahr bevor der sogenannte Brandbrief der Rütli-Schule zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung alles veränderte, war Neukölln Nord, die Gegend südlich des Paul-Lincke-Ufers und östlich der Hermannstraße, vor allem billig, dreckig, schräg. Im Gegensatz zu den Eindrücken, die ich vor meinem Umzug von dem Kiez hatte, änderte sich mein Bild. Ich fing an, die Gegend zu mögen.

Auf der Sonnenallee gab es »Rudis Resterampe«, wo alles höchstens einen Euro kostete. Der Laden rechts von unserer Haustür hieß »Al-Aqsa-Boutique.« Darin ausgestellt: drei muslimisch korrekte Schaufensterpuppen. Ganz rechts die Jungfrau, enges rotes Kleid und durchsichtiger Schleier überm Plastikhaar. In der Mitte die Braut, natürlich ganz in Weiß, geschmückt wie eine Barbiepuppe im Zuckerbäckerwunderland und mit Seidenschleier verhüllt. Ganz links, am Ende der kulturellen Evolutionskette, die schwangere Ehefrau, mit schmucklosem Kopftuch und traurigem gelben Kleid, das an ihr hing wie ein Sack.

Feiertage und Sonntage gab es nicht, nur zum Freitagsgebet hatten viele Läden geschlossen, weil die Besitzer in die nächstgelegene Moschee eilten. Strafzettel gab es auch nie, da sich die Polizei auf der Sonnenallee und den angrenzenden Straßen sowieso so gut wie nie blicken ließ. Es gab ein Sammelsurium seltsamer Läden. Eckkneipen, aus denen es schon um 10 Uhr morgens nach Bier, Schnaps und kaltem Rauch stank. Spielhöllen. Nussläden. Arabische Süßigkeiten. Gebrauchte Fotoapparate. Reisebüros, die auch Hochzeitsvideos und Handys im Sortiment hatten. Shishacafés und südosteuropäische Spelunken, von denen jeder wusste, dass hier eigentlich mit Waffen und Drogen gehandelt wurde. »Telekom«-Shops, die geklaute Handys weitervertickten. Nebenan Puffs, in denen man den Diebeslohn gegen sexuelle Dienstleistungen eintauschen konnte. Das parallele Universum funktioniert mit einer eigenen Logik. Bis heute. Es gibt klare Regeln. Eindeutige Hierarchien. Und ein allen vertrautes Wertesystem, welches die Schlagwörter »Ehre« und »Respekt« nur sehr unzureichend beschreiben. Es ist eher ein Spannungsfeld, das immense Widersprüche dulden kann, ohne den Respekt vor sich selbst zu verlieren.

Das gilt auch für die kriminellen Familienunternehmen, bei denen die Boulevardmedien gern so tun, als wären sie und Neukölln eins. Fast alle mir bekannten kriminellen Jugendlichen von der Sonnenallee wollen beispielsweise – später, wenn sie mal groß sind – Polizist werden. Oder eben Gangsterboss. Eine ständig schlummernde Gewaltbereitschaft ist die Kehrseite einer Gastfreundschaft, die ihresgleichen sucht. Auf der einen Seite herrscht eine kaum nachvollziehbare Härte, auf der anderen eine unglaubliche Herzlichkeit, Hilfsbereitschaft und Solidarität.

Ich will nichts beschönigen. Ich liefere auch Zahlen, Daten und Fakten, bin aber durch meinen Blick in die parallele Welt und durch meine persönliche Beziehung zu Yehya E., seiner Familie und seinen Freunden nicht im klassischen Sinne objektiv und möchte vieles aus dieser subjektiven Sicht schildern. Ich kann zwangsläufig nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit abbilden und darüber schreiben. Aber ich kann aufrichtig sagen, dass ich mich insbesondere um eines bemüht habe: zuzuhören. Den Menschen, um die es hier geht, und ihren Geschichten. Ich behaupte, gerade weil ich diese Möglichkeiten des privaten Einblicks hatte, ist meine Perspektive eine journalistische. Denn die Geschichten, die ich zu hören bekam, wären wahrscheinlich kaum an die Öffentlichkeit gelangt, wenn es nicht auch diese persönliche Verbindung gegeben hätte.

Neukölln ist nicht nur schräg. Neukölln ist auch gefährlich. Die arabischen Jungs lernen von klein auf, sich zu verteidigen und niemals zu verlieren. Es gibt Kreise, in denen Gewalt glorifiziert und das Rechtssystem in Teilen außer Kraft gesetzt wird. Wer mit vierzehn noch keine Straftat begangen hat, wird auf der Straße ausgelacht. Sechzehnjährige Muskelpakete, die ohne Führerschein S-Klasse fahren, gibt es ebenso wie die Großfamilien, die durch kriminelle Machenschaften und illegale Geschäfte steinreich geworden sind und ganze Kieze beherrschen. Es gibt die Welt, in der die Väter Tag für Tag rauchend vor dem Bildschirm sitzen und sich via Satellit durch die vielen arabischen Kanäle und die nicht enden wollenden Kriege und Bürgerkriege der arabischen Welt zappen. Wo die Kinder tagtäglich in zahllose Rollen schlüpfen, um den verschiedenen Realitäten, in denen sie aufwachsen, gerecht zu werden. Und in den Straßen von Neukölln reifen sie unter Umständen zu Intensivstraftätern heran. Bis sie einen eigenen Staatsanwalt bekommen, mit dem sie dann prahlen können.

All das gibt es. Nur ist es keine homogene Wirklichkeit in Neukölln. Die große Mehrheit der Familien, die aus arabischen Ländern stammen, ist nicht kriminell. Nur stammt eben auch ein hoher Prozentsatz der kriminellen Kinder von Neukölln aus arabischen Einwandererfamilien.[3] Die Zahlen der Polizei geben dabei nur ein unscharfes Bild wieder. Vieles bleibt unentdeckt oder gelangt nie zur Anzeige. Die Gangs von Neukölln sind ein ernst zu nehmendes gesellschaftliches Problem, das weit über die Grenzen des Berliner Bezirkes hinausreicht. Nur sollten wir, anstatt entweder die Flüchtlingsfamilien pauschal zu beschuldigen oder Religion und Kultur aus den sogenannten Heimatländern zu bezichtigen, endlich damit beginnen, uns mit der Geschichte dieser Menschen zu beschäftigen. Die Probleme sind in Deutschland entstanden. Hier müssen wir auch nach den Ursachen und nach Lösungsmöglichkeiten suchen.

Für mich fing alles damit an, dass ich diesem Jungen etwa ein halbes Jahr nach meinem Einzug im Treppenhaus begegnete. Ich versuchte gerade, mehrere übervolle Einkaufstüten in der einen und eine Kiste Bier in der anderen Hand jonglierend, in den fünften Stock zu gelangen, als mich der rothaarige kleine Muskelprotz ansprach. »Entschuldigen Sie, darf ich das für Sie tragen? Das ist gutes Training. Für die Arme.«

Seine Stimme war sanft und sein Deutsch akzentfrei. Beides passte auf den ersten Blick weder zu seinem Outfit mit den Picaldi-Jeans, dem Muskel-Shirt und dem Goldkettchen noch zu der Mike-Tyson-Gedenkfrisur – alles Bestandteile einer Art inoffizieller Neuköllner Straßenuniform vieler männlicher Jugendlicher. Trotz der Last in seinen Händen war Yehya schneller im fünften Stock als ich und schien die Strecke am liebsten noch einmal laufen zu wollen. Geld lehnte er strikt ab. Nicht mal ein Glas Wasser durfte ich ihm anbieten.

»Wissen Sie, das tue ich wirklich gern.«

»Danke dir!«

»Wir wohnen im zweiten Stock. Wenn Sie Hilfe brauchen, egal was.«

»Sollen wir nicht Du sagen?«

»Das ist nett von Ihnen. Gern.«

»Von dir!«

»Ach ja. Von dir. Also dann, machen Sie’s gut.«

Yehya siezte mich noch mindestens vier Wochen lang, obwohl ich jedes Mal auf dem Du beharrte. Wir trafen uns jetzt öfter, meist zufällig im Hausflur. Ich gab ihm Tipps für seine Hausaufgaben. Yehya trug regelmäßig meine Einkäufe ins Dachgeschoss. Je schwerer, desto besser. »Was für ein toller Junge!«, dachte ich.

Einige Zeit später interviewte ich Schüler der Rütli-Schule für einen Radiobeitrag. Es war der Sommer 2006, wir saßen vor dem Jugendclub »Manege«, gleich gegenüber von der Schule, im Schatten auf Holzbänken und unterhielten uns. Plötzlich sah ich, wie die Schüler mitten im Interview nervös und still wurden. Sie hatten offensichtlich Angst bekommen vor etwas, das sich vor ihnen und hinter mir befand. Ich drehte mich um. Und sah dem Etwas in die Augen. Wut und Verachtung sprachen aus ihnen. Den Kopf gesenkt, das Kinn auf der Brust, den Oberkörper leicht nach vorn gebeugt. Der ganze Körper war angespannt wie bei einem Raubtier, das seine Beute taxiert. Kurz vor dem Sprung. Das Etwas war Yehya.

Ich erkannte ihn im ersten Moment nicht. Als hätte er zwei Persönlichkeiten. Das Etwas rief irgendwelche Drohworte über den Schulhof. Mir war so, als ob er in diesem Moment auch mich nicht erkannte.

Ich war fassungslos. Und ich war wütend, weil dieser andere Yehya gerade mein Heileweltbild zerstörte. Konnte es das wirklich geben, dass in einem so herzlichen, höflichen, reflektierten Jungen so viel Hass und Wut steckten? Hatte ich solch eine schlechte Menschenkenntnis? Ich brach das Interview ab und stellte Yehya auf dem Rütli-Spielplatz zur Rede. Und schon in diesem ersten sehr langen Gespräch stellte sich mir die Frage, die mich bis heute beschäftigt: warum? Wie konnte das mit ihm passieren?

Aus Yehyas erstem Brief aus der Jugendstrafanstalt »Kieferngrund« Berlin, 3. Mai 2008
Nachbarn

So wie immer öffne ich die Haustür mit einer alten Fitnesskarte, die ich zwischen Tür und Rahmen schiebe, und komme rein. Dabei sehe ich, wie mein Nachbar sich mit Tüten und einer Kiste rumquält, die er wahrscheinlich gerade eingekauft hat, und entschließe mich, meinen Bizeps etwas zu fordern: »Entschuldigen Sie bitte, dürfte ich Ihnen beim Tragen helfen?«

Er lächelt freundlich und sagt: »Ach nein, das geht schon.« Es ist ihm ein bisschen unangenehm, aber ich bestehe darauf und zunächst will er mir die kleinen oder leichten Tüten geben, aber ich bestehe darauf, die Kiste und die vollgestopfte Tüte zu nehmen …

Er folgt mir mit einem Ausdruck von Erleichterung in seinem Gesicht und als wir im fünften Stock ankommen, ist er so freundlich zu mir und will mir Geld geben, was ich natürlich nicht annehme!

»Warum ist dieser Deutsche so nett?«, denke ich mir.

Ich sehe ihn ab und zu und er fragt, wie es mir geht. Er ist stets freundlich, als irgendwann klar ist, dass ich auf die Rütli-Schule gehe, fragt er mich, ob ich an einem Projekt teilnehmen möchte, das dort gemacht werden soll …

Ich stimme sofort zu, ohne zu wissen, worum es geht (und weiß ehrlich gesagt heute auch nicht mehr, um was es ging). Er ist für mich einfach der freundliche Nachbar, der fragt. Und man sagt da nicht nein!

Wenige Tage später treffen wir uns vor der Schule mit anderen Mitschülern und als wir dort stehen und ich mich gegenüber meinen Schulkameraden wie immer verhalte, wird Christian irgendwie komisch und ist gar nicht mehr freundlich. Er will mich nicht mehr im Projekt dabei haben und will mit mir allein reden …

Wir haben ein langes, tiefes, für mich neues und extrem ausdrückliches Gespräch! So ein Gespräch hatte ich noch nie mit einem fremden DEUTSCHEN! Meine Welt – dass mein Verhalten normal ist, dass Dinge die ich tue, so sein müssen, so sein sollen – schwankte! Der Einblick in Christians Welt erschüttert meine eigene!

Wenige Tage später bin ich mit den Jungs unterwegs und sehe Christian auf der Straße. Ich grüße ihn und die ganzen Jungs fragen verwundert: »Wer ist die Kartoffel?«

Ich sage: »Der will ’nen Film über mich machen …«

Meine neue Heimat

Wenn ich von Neukölln erzähle, stimmt das eigentlich nur halb. Der Bezirk Neukölln hat eine Fläche von fast 45 Quadratkilometern und mehr Einwohner als Flensburg, Frankfurt/Oder, Hof und Detmold zusammen. Von den gut 320000 Einwohnern in Neukölln sind etwa 23 Prozent Ausländer, 42 Prozent haben einen Migrationshintergrund. Die Menschen stammen aus knapp 150 unterschiedlichen Staaten. Zu den größten Gruppen zählen mit 11 Prozent Leute mit türkischen Wurzeln und mit 9 Prozent Neuköllner aus arabischen Ländern. Einwohner polnischer Herkunft machen mit 5 Prozent die drittgrößte Gruppe aus. Dahinter liegt die Gruppe der Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien und aus der ehemaligen Sowjetunion mit vier beziehungsweise zwei Prozent. Die Arbeitslosenquote schwankt, je nach Jahreszeit, zwischen 15 und 20 Prozent.

Die Hälfte der Neuköllner wohnt in den vergleichsweise bürgerlichen und friedlichen südlichen Ortsteilen Rudow, Britz, Buckow, zum großen Teil in Einfamilienhaussiedlungen. Die zweite Hälfte, also etwa 160000 Menschen, wohnt im Ortsteil Neukölln, nördlich des S-Bahn-Ringes, gemeinhin bekannt als Neukölln Nord. Hier befinden sich der Reuterkiez und die Rütli-Schule, die Sonnenallee und die Hermannstraße – die Koordinatenachsen der Kriminalität in Neukölln – mit den Hehlerläden, Puffs sowie Cafés, in denen mit Waffen und Drogen gehandelt wird. Hier sind die Straßenzüge aufgeteilt in Reviere der jeweiligen Clans und Banden. Neukölln Nord hat knapp ein Viertel der Fläche des Bezirkes. Von diesem Neukölln erzähle ich. Der Zusatz »Nord« ist wichtig, denn fast alle, die Neukölln sagen und »Probleme« denken, meinen diesen Ort. Probleme mit Kriminalität. Probleme mit der Integration. Probleme mit arabischen Großclans. Probleme mit Schulschwänzern, Hartz-IV-Generationen, dicken Autos, Machojungs, frühreifen Mädchen, Ausländern im Allgemeinen, Arabern im Besonderen und so weiter und so fort. Einiges, was über Neukölln gesagt wird, stimmt. Aber vieles ist bis zur Unkenntlichkeit übertrieben oder schlicht falsch dargestellt. Ja, es gibt eine arabische Welt. Ja, es gibt eine weit verbreitete Mentalität, auf den deutschen Rechtsstaat zu pfeifen. Ja, Neukölln Nord kann sehr gefährlich sein, und ich befürchte, noch viel gefährlicher werden.

Aber Neukölln Nord hat auf der anderen Seite ein so ungeheures Potenzial – wenn es nur in die richtigen Bahnen gelenkt würde. Wenn man den Jungs aus den geduldeten Familien rechtzeitig eine Perspektive jenseits der Kriminalität aufzeigen würde – mit zwölf oder dreizehn ist es nämlich längst zu spät dafür – und wenn man sie vor allem endlich »deutsch« sein ließe. Damit meine ich nicht nur die deutsche Staatsbürgerschaft, die den geduldeten kurdischen oder palästinensischen Familien in vielen Fällen verweigert wird, weil man sie ja eigentlich abschieben will, aber auch weiß, dass dies niemals gelingen wird (auf diesen Teufelskreis wird später noch detaillierter eingegangen). Ich meine damit auch eine gesellschaftliche Logik, in der die hier geborenen oder aufgewachsenen Jungs wie Yehya grundsätzlich als arabische Kriminelle stigmatisiert werden. Yehya war eindeutig kriminell. Aber er ist eben kein arabischer oder genauer: palästinensischer, sondern ein deutscher Krimineller. Wann werden wir in Deutschland aufgewachsene Menschen endlich als Deutsche und die Probleme, die durch verfehlte Einwanderungspolitik mit verursacht wurden, als deutsche Probleme anerkennen? In ferner Zukunft vermutlich. Aber will man über die Zukunft sprechen, sollte man die Vergangenheit kennen.

Bis Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts hieß Berlins berühmtester Problembezirk nicht Neukölln, sondern Rixdorf. Friedrich Wilhelm I. hatte Mitte des achtzehnten Jahrhunderts böhmische Einwandererfamilien angeworben, die die bisherige Struktur und Lebenswirklichkeit komplett änderten. 1912 hatte der Bezirk dann seinen Ruf weg als der Brennpunkt für Kriminalität und Verwahrlosung. Um das miese Image von Rixdorf aufzupolieren, dachten sich die kaiserlichen Beamten etwas ganz Raffiniertes aus: einfach umbenennen. In Neukölln.

Wiederholt sich nun die Geschichte? Das Neukölln, das ich kennengelernt habe, funktioniert auf jeden Fall nach klaren Regeln. Straßenregeln. Und es gibt eine eigene Sprache. In der viele Wörter ihre ganz eigene Bedeutung haben. »Kartoffel« zum Beispiel ist auf der Sonnenallee ein Schimpfwort. So wird hier verächtlich jeder genannt, der der deutschen Mehrheitsgesellschaft angehört, die hier in Neukölln Nord eine Minderheit ist (47 Prozent), und sich mit den Regeln der Straße nicht auskennt. Als eine waschechte »Kartoffel« outete ich mich gleich im ersten Monat meines neuen Lebens in Neukölln.

Weil ich Straßenregel Nr. 2 noch nicht kannte: niemals grundlos rennen. Niemals! Wie so häufig viel zu spät dran, fuhr ich in hohem Tempo mit dem Auto über die Sonnenallee, um es doch noch irgendwie pünktlich zum Fußballtraining zu schaffen. Kurz vor der Haustür parken, bis ins Dachgeschoss spurten, Fußballklamotten greifen und wieder runter, das war mein Plan, als ich mit quietschenden Reifen einparkte, die Fahrertür aufriss und aus dem Landrover sprang. Als ich noch völlig in Gedanken um mein Auto hetzte, sah ich einen arabischen Mann, wahrscheinlich Mitte vierzig, in Jeans, Holzfällerhemd und beigefarbenem Blouson, der stehen blieb, blass wurde, mich anstarrte und die Hände in die Höhe riss.

»Bist du Polizei, oder was?«

Völlig verdattert blieb ich stehen und stammelte etwas von: »Nein, ich, nein. Fußball. Ich will zum Fußball!«

In diesem Moment kehrte die Farbe in sein Gesicht zurück – und wie. Er nahm die Arme herunter und schrie mich an: »Was rennst du dann so, Arschloch?!?«

Die Frage hab ich ihm dann nicht mehr beantwortet. Straßenregel Nr. 1 lautet übrigens: Schau niemals jemanden auf der Straße an, wenn du ihn nicht kennst. Heute beherrsche ich notgedrungen die Regeln, die wichtigsten zumindest. Ich weiß, wie man wen grüßt und um wen man besser einen großen Bogen macht. Ein anderes in Neukölln Nord entstandenes Wort ist »Gangsterläufer.« Meinen Film habe ich nur gegen sehr großen Widerstand von Produzenten, Verleihern und Redakteuren so nennen dürfen, weil es, so wurde es mir damals erklärt, das Wort eigentlich nicht gebe und es niemand verstehe. Außerdem seien zu viele Umlaute in dem Wort. Mir war das egal. Denn Gangsterläufer ist mehr als der Name eines Spiels, es ist eine Philosophie. Yehya und seine Jungs haben damals auf dem heutigen Gelände des Campus Rütli Gangsterläufer gespielt. Jedes Wochenende. Yehya hat es mir damals so erklärt:

»Man muss wegrennen – und einer ist der Fänger. Und wenn er einen fängt, darf er ihm dreißig Sekunden lang Todesschläge geben, und der andere darf sich nicht mal wehren. Danach ist er auch Fänger und darf seine Wut an den anderen auslassen. Keiner darf sich einfach fangen lassen. Wer sich fangen lässt, der gehört nicht mehr zu unserer Crew, der fliegt raus. Man muss um sein Leben kämpfen – und wenn man vom Dach da oben runterspringen muss. Scheißegal, man muss einfach darum kämpfen. Einer bleibt am Ende übrig: der Beste, der, den sie nicht gekriegt haben. Und das ist dann der Gangsterläufer.«

Gangsterläufer. Treffender als mit diesem Spiel kann man das »arabische« Neukölln, das ich kennengelernt habe, nicht zusammenfassen. Es ist unglaublich brutal und hat ein einziges Ziel: der Beste zu sein. Es ist eigentlich ein Kinderspiel, dass die achtzehnjährigen Muskelpakete jedes Wochenende in ihrer Wutvariante spielen. Die Wort-Neuschöpfung »Gangsterläufer« ist fast poetisch. Und es ist das Symbol eines Perpetuum mobile der Perspektivlosigkeit. Egal, wer das Spiel gewinnt, es ändert sich ja doch nichts. Und egal, wie sie dich auf der Straße feiern, Montagmorgen in der Schule, beim Jobcenter oder in irgendeiner Behörde bist du wieder der Ausländer, der Asylbewerber. Geduldet. Ohne Pass. Ohne Perspektive. Dafür voller Wut. Hass auf alles. Den Traum vom großen Mafiaboss im Herzen. Mädchen, Geld und schnelle Autos. Held sein für einen Augenblick. Zukunft gibt es eh nicht. Yehya gehört zu der Sorte Mensch, die solch ein Spiel grundsätzlich gewinnt.

Was mir eines Tages fast das Leben gerettet hat. Zumindest hat es mich vor der Intensivstation bewahrt. Es muss im Frühjahr 2007 gewesen sein. Ich kam aus dem Sender, ziemlich frustriert, weil sich seit mehr als einem Jahr niemand für meine Filmidee über Yehyas Leben interessierte. »Lass uns in Ruhe mit deinen Türken, Stahl«, höre ich. »Multikulti ist tot und das Thema mega-out.« Dass es Araber und keine Türken, oder genauer: palästinensische Flüchtlinge aus dem Libanon waren, interessierte die Fernsehredakteure nicht. Schwarzkopf ist Schwarzkopf. Und Trend ist Trend. Beides zusammen passte halt gerade nicht. Es war ein großer und langer Kampf, bis die Verantwortlichen schließlich doch zustimmten.

Aus meinen Gedanken gerissen wurde ich von einem schwarzen Audi A8, den ich durch den Rückspiegel auf mich zurasen sah. Ich war gerade dabei, auf der Sonnenallee einzuparken, als mir der A8-Fahrer mit seiner Kamikaze-Aktion den Parkplatz wegnahm. Ohne meine eigene Vollbremsung wären wir ineinandergekracht. Da ich mich inzwischen als Neuköllner fühlte, stieg ich aus, um ihn zur Rede zu stellen. Allerdings siezte ich ihn und versuchte, höflich zu bleiben. Der Mann war zwei Köpfe kleiner als ich, kein Araber, aber auch kein Deutscher, sehr aggressiv. Sein Auto habe ja nicht wissen können, dass ich einparken will, und überhaupt solle ich verschwinden hier, sonst … Da ich an diesem Tag schon genug Stress hatte, stieg ich wortlos ein und fuhr weiter. Allerdings sah ich, als ich um die Ecke bog, dass der Typ mir auf dem Fahrrad hinterher fuhr. An der nächsten roten Ampel, Ecke Karl-Marx-Straße, holte er mich ein, stellte das Fahrrad quer vor mein Auto, riss die Fahrertür auf und bedrohte mich mit geballter Faust. Den Grund dieser Aktion erfuhr ich erst später. Ich zog mein Handy aus der Tasche und warnte ihn: »Ich rufe jetzt die Polizei!«

Straßenregel Nr. 3: niemals Polizei. Der Typ verschwand trotzdem irgendwann, hinter uns hupte halb Neukölln, vermutlich wurde ihm das zu unangenehm. Ich fuhr um die Ecke und hielt erst mal an. Ich zitterte. Ich holte tief Luft. So aus dem Nichts war ich noch nie bedroht worden. Und das auch noch im Auto, wo man sich ja eigentlich unangreifbar fühlt. Jetzt rief ich tatsächlich bei der Polizei an und ließ mich mit der nächsten Dienststelle verbinden. Ich schilderte dem Beamten den Vorfall und bat darum, dies anonym zu Protokoll zu geben. Eine Anzeige, auch gegen Unbekannt, erfordert die Preisgabe der eigenen Adresse. Und wenn der A8-Schlägertyp jemals von solch einer Anzeige und meiner Adresse erfahren hätte,[4] dann gute Nacht.

Der Beamte sagt nur genervt: »Das geht nicht!«

»Wie, das geht nicht? Es muss doch möglich sein, Ihnen solch einen Vorfall zu schildern, ohne dass der Schläger meine Adresse erfährt?«

»Nein!«

»Nein? Ist das alles, was Ihnen einfällt?« Die völlige Empathielosigkeit und Borniertheit des Polizeibeamten ärgerte mich zunehmend.

»Und? Was raten Sie mir jetzt?«, fragte ich.

»Ziehen Sie doch weg aus Neukölln, wie jeder anständige Bürger«, lautete die Antwort.

 

Einige Tage später spazierte ich mit Yehya auf der Sonnenallee. Ich erzählte ihm von den frustrierenden Absagen, was den Film angeht, und dass wir natürlich trotzdem weitermachen würden. Yehya war unkonzentriert, in Gedanken woanders, grüßte ständig irgendwelche Jungs auf der Straße. Ich kam nur stockend zum Erzählen. Meine Jacke hatte ich über die Schulter geworfen, es war ein milder Nachmittag. Plötzlich riss jemand heftig von hinten an der Jacke und warf mich fast um. Stolpernd drehte ich mich um und sah den A8-Typen mit erhobener Faust und wütend verzerrter Fratze. Allerdings änderte sich sein Gesichtsausdruck binnen Sekunden, nachdem er Yehya gesehen hatte.

»Was machst du mit dem scheiß Deutschen da?«, fragte der A8-Typ Yehya.

»Was willst du von meinem Freund?« Auch Yehya war jetzt in Kampfhaltung gegangen. Die beiden standen sich lauernd gegenüber. Ich, das Objekt der seltsamen Begierde, stand als Randfigur daneben. Mit einer Körpergröße von einsneunzig. Drei Köpfe größer als die beiden, die laut ausdiskutierten, ob ich nun ins Krankenhaus geprügelt werden dürfe – oder nicht. Wortfetzen in einem Slang, den ich nicht verstand. Schließlich sah ich, wie sich Yehyas Muskeln entspannten, er die Kampfposition aufgab und sich von seinem Gegenüber mit Handschlag verabschiedete. »Wir reden gleich, nach der nächsten Kreuzung, ja?« Yehyas Stimme war ungewöhnlich sanft. Ich verstand gar nichts mehr. Als wir auf der anderen Straßenseite angekommen waren, erklärte er mir die Lage.

»Du lässt dich immer auf Sachen ein, Christian!«, sagte er und schüttelte den Kopf. »Hier Probleme zu kriegen, ist ja normal, aber warum legst du dich gleich mit einem der mächtigsten Typen hier an?«

»Mit einem der mächtigsten Typen?«

»Mafiaboss. Das Café, vor dem du parken wolltest, ist seins. Ist aber nur Schein. Da laufen Drogen- und Mädchengeschäfte und so. Der Typ ist richtig gefährlich. Und du willst ihm seinen Parkplatz wegnehmen und legst dich dann auch noch mit ihm an …«

»Ich hatte ja keine Ahnung, dass …«

»Der hatte sein Messer dabei, Christian. Einen anderen hat er mit 17 Messerstichen auf die Intensiv gebracht. Der ist verrückt. Du musst echt besser aufpassen. Andererseits …« Yehya guckte mich breit lächelnd an: »Immer nur die ganz großen Dinger im Kopf, wa?! Du wirst langsam zum Araber, mein Freund.«

Er lachte laut auf. Wir liefen weiter. Um das Café des Mafiabosses habe ich von da an einen großen Bogen gemacht. Und trotzdem. Von diesem Tag an ging die subkutane Angst mit mir spazieren, wenn Yehya nicht dabei war, auf den Straßen von Neukölln.

Aus Yehyas Kladde, März 2011
Die Beseitigung des Teufels

Die Geschichte ist schon ein paar Jahre her. Ich laufe gerade nach Hause, meine Kopfhörer im Ohr, und genieße Eye of the Tiger. Ich grüße die Homies aus der Straße und laufe weiter noch zweihundert Meter und ich bin zu Hause. Ich sehe eine Horde der Familie O. bewaffnet und vollgepumpt mit Adrenalin da stehen und alle Augen sind auf mich fixiert! Ich nehme die Kopfhörer raus und bleib stehen. Zehn Sekunden fällt kein Ton und dann frage ich: »Was ist los?« Und bevor ich den Satz zu Ende spreche, fragt der eine: »Wo ist dein älterer Bruder?.« Ich sage: »Was wollt ihr von ihm?« Er wiederholt seine Frage … Ich sehe Imran O. an, der ein relativ gutes Verhältnis zu mir hat, und er sagt zu mir: »Tut mir leid Yehya, es kommt von oben. Ich kann nichts tun. Familie geht vor. Du weißt ja, wie es ist …« Ich sage: »OK.

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