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JODI PICOULT

In den Augen
der anderen

Roman

Übersetzung aus dem amerikanischen
Englisch von Rainer Schumacher

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BASTEI ENTERTAINMENT

Für Nancy Friend Stuart (1949–2008) und David Stuart

FALL 1: SCHLAF GUT

Auf den ersten Blick sah sie wie eine Heilige aus. Dorothea Puente vermietete in den Achtzigern Zimmer an Alte und Behinderte in Sacramento, Kalifornien. Doch dann verschwanden ihre Mieter einer nach dem anderen. Sieben Leichen wurden in ihrem Garten gefunden und in den Körpern Spuren von verschreibungspflichtigen Schlafmitteln. Puente wurde des Mordes aus niederen Beweggründen angeklagt. Sie wollte an die Pensionsschecks ihrer Mieter kommen, um damit Schönheitsoperationen und teure Kleidung zu finanzieren. So versuchte sie, das Bild der vornehmen Dame aufrechtzuerhalten, das sie in der feinen Gesellschaft Sacramentos von sich erschaffen hatte. Sie wurde in neun Fällen des Mordes angeklagt und für drei verurteilt.

Im Jahre 1998, während sie zwei aufeinander folgende lebenslange Haftstrafen absaß, begann Puente, mit einem Schriftsteller namens Shane Bugbee zu korrespondieren. Sie schickte ihm Rezepte, die schließlich in einem Buch mit dem Titel Kochen mit einem Serienkiller veröffentlicht wurden.

Halten Sie mich für verrückt, aber ich würde dieses Essen nicht mal mit der Kneifzange anfassen.

1

Emma

Wo ich auch hinschaue, sehe ich Kampfspuren. Die Post liegt auf dem Küchenboden verstreut, die Hocker sind umgestoßen, das Telefon ist aus seiner Halterung gerissen worden, der Akku hängt an den Kabeln heraus. Auf der Schwelle zum Wohnzimmer findet sich ein einzelner, schwacher Fußabdruck und deutet in Richtung der Leiche meines Sohnes Jacob.

Jacob liegt vor dem Kamin und hat alle viere von sich gestreckt. Seine Schläfen und Hände sind voller Blut. Einen Augenblick lang bin ich wie erstarrt, kann nicht mehr atmen.

Plötzlich setzt er sich auf. »Mom«, sagt Jacob, »du versuchst es ja noch nicht einmal.«

»Das ist nur gespielt«, erinnere ich mich selbst und schaue zu, wie er sich wieder genauso hinlegt wie zuvor – auf den Rücken, die Beine nach links verdreht.

»Äh … Es hat einen Kampf gegeben …«, sage ich.

Jacobs Mund bewegt sich kaum. »Und …?«

»Jemand hat dir auf den Kopf geschlagen.« Ich knie mich hin, wie er es mir schon hundert Mal erklärt hat, und bemerke die schwere Uhr aus Kristallglas, die normalerweise auf dem Kaminsims steht, nun aber unter der Couch liegt. Vorsichtig hebe ich sie auf und sehe das Blut an einer Ecke. Mit dem kleinen Finger berühre ich die Flüssigkeit und lecke daran. »Oh, Jacob, sag mir jetzt nicht, dass du wieder den ganzen Sirup aufgebraucht hast …«

»Mom! Konzentrier dich!«

Ich setze mich auf die Couch und halte die Uhr in den Händen. »Es hat einen Einbruch gegeben, und du hast dich den Einbrechern entgegengestellt.«

Jacob setzt sich auf und seufzt. Die Mischung aus Lebensmittelfarbe und Sirup hat sein dunkles Haar verklebt. Seine Augen leuchten, aber er schaut mir nicht in meine Augen. »Glaubst du wirklich, ich würde zweimal den gleichen Tatort aufbauen?« Er öffnet seine Faust, und ich sehe ein Büschel blonden Haars. Jacobs Vater ist blond … oder zumindest war er das, als er mich vor fünfzehn Jahren mit Jacob und Theo, Jacobs blondem kleinen Bruder, sitzenließ.

»Theo hat dich ermordet?«

»Also wirklich, Mom, ein Kindergartenkind könnte diesen Fall lösen«, tadelt mich Jacob und springt auf. Falsches Blut tropft ihm vom Gesicht, doch er bemerkt es nicht. Ich glaube, wenn er auf einen Tatort fixiert ist, könnte eine Atombombe neben ihm detonieren, und er würde noch nicht einmal mit der Wimper zucken. Er geht zu dem Fußabdruck und deutet darauf. Als ich genauer hinsehe, bemerke ich, dass es sich um den Abdruck eines der Skateboard-Sneaker handelt, für die Theo seit Monaten gespart hat. Ein Teil des in die Sohle gebrannten Firmenlogos – NS – ist deutlich zu erkennen. »In der Küche ist es zu einem Streit gekommen«, erklärt Jacob. »Er endete damit, dass ich zur Selbstverteidigung das Telefon nach Theo geworfen habe. Dann bin ich ins Wohnzimmer geflüchtet, wo Theo mir gezeigt hat, was die Stunde geschlagen hat.«

Ich muss ein wenig lächeln. »Wo hast du den Ausdruck denn her?«

»CrimeBusters, Folge 43.«

»Nun, weißt du … das bedeutet eigentlich, jemandem zu sagen, wie spät es ist, aber nicht, ihn mit einer Uhr zu schlagen.«

Jacob blinzelt mich ausdruckslos an. Er lebt in einer wörtlichen Welt. Das ist eines der Kennzeichen seiner Krankheit. Als wir vor Jahren nach Vermont gezogen sind, hat er mich gefragt, wie es da so sei. »Ziemlich grün«, habe ich geantwortet. »Und Hügel wie Wellen.« Er brach in Tränen aus. »Aber dann ertrinken wir doch, oder?«, hat er damals gesagt.

»Aber was war das Motiv?«, fragt er nun, und wie aufs Stichwort poltert Theo die Treppe herunter.

»Wo steckt der Freak?«, brüllt er.

»Theo, du sollst deinen Bruder nicht …«

»Ich werde aufhören, ihn einen Freak zu nennen, wenn er aufhört, Sachen aus meinem Zimmer zu klauen.« Instinktiv trete ich zwischen Theo und seinen Bruder, obwohl Jacob einen Kopf größer ist als wir beide.

»Ich habe nichts aus deinem Zimmer gestohlen«, wehrt Jacob sich.

»Ach ja? Und was ist mit meinen Sneakern?«

»Die waren in der Abstellkammer«, erklärt Jacob.

»Spasti«, knurrt Theo vor sich hin, und ich sehe ein Funkeln in Jacobs Augen.

»Ich bin kein Spasti«, faucht er und stürzt sich auf seinen Bruder.

Ich halte ihn fest. »Jacob«, ermahne ich ihn, »du darfst dir nichts von Theo nehmen, ohne ihn vorher um Erlaubnis zu bitten. Und Theo, ich will dieses Wort nie wieder hören, sonst schnappe ich mir deine Sneakers und werfe sie in den Müll. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?«

»Ich bin weg«, schnaubt Theo und stapft zur Abstellkammer. Einen Augenblick später höre ich die Tür knallen.

Ich folge Jacob in die Küche und schaue zu, wie er sich in eine Ecke zurückzieht. »Was wir hier haben«, murmelt er übertrieben gedehnt, »ist … ein schwerwiegendes Kommunikationsproblem.« Er hockt sich hin und schlingt die Arme um die Knie.

Wenn er nicht weiß, wie er seine Gefühle in Worte fassen soll, leiht Jacob sich die eines anderen. In diesem Fall stammen sie aus Der Unbeugsame. Wenn Jacob einen Film einmal gesehen hat, erinnert er sich an jede Zeile daraus.

Ich habe viele Eltern von Kindern am unteren Ende der Autismusskala kennengelernt, von Kindern, die das genaue Gegenteil von Jacob mit seinem Asperger-Syndrom sind. Und diese Eltern haben mir immer gesagt, was für ein Glück ich mit meinem gesprächigen Sohn hätte, mit einem Sohn, der schier unglaublich intelligent ist und eine defekte Mikrowelle in nur einer Stunde wieder hinkriegt. Sie glauben, es gebe keine schlimmere Hölle, als einen Sohn zu haben, der ganz in seiner eigenen Welt gefangen ist und nichts, wirklich rein gar nichts von der größeren um sich herum weiß. Aber haben Sie mal einen Sohn, der in seiner eigenen Welt feststeckt und trotzdem Kontakt mit der Welt draußen aufnehmen will – mit einem Sohn, der wie alle anderen sein will, aber nicht weiß, wie das geht.

Ich strecke die Hand aus, um ihn zu trösten, halte mich dann jedoch zurück. Selbst bei der kleinsten Berührung kann Jacob explodieren. Er mag weder Händeschütteln noch Schulterklopfen oder Haareraufen.

»Jacob …«, beginne ich, aber dann erkenne ich, dass er überhaupt nicht schmollt. Er hebt den Telefonhörer hoch, über dem er kauert, damit ich den schwarzen Fleck auf der Seite sehen kann. »Du hast auch einen Fingerabdruck übersehen«, verkündet Jacob fröhlich. »Ich will dich ja nicht beleidigen, aber als Kriminaltechnikerin bist du einfach mies.« Er reißt ein Blatt von der Küchenrolle ab und macht es in der Spüle feucht. »Keine Sorge. Ich werde das Blut wegwischen.«

»Du hast mir gar nicht gesagt, was für ein Motiv Theo gehabt hat, dich zu ermorden.«

»Oh.« Jacob schaut über die Schulter, und ein böses Grinsen erscheint auf seinem Gesicht. »Ich hatte seine Sneaker gestohlen.«

Für mich beschreibt der Begriff »Asperger-Syndrom« nicht die Eigenschaften, die Jacob besitzt, sondern die, die er verloren hat. Er war ungefähr zwei Jahre alt, als er zu sprechen begann, keinen Augenkontakt mehr herstellte und andere Menschen mied. Entweder konnte er uns nicht hören, oder er wollte nicht. Eines Tages habe ich ihn beobachtet, wie er neben seinem Spielzeugtruck auf dem Boden saß. Er drehte die Räder, sein Gesicht war nur wenige Zoll von meinem entfernt, und ich dachte: Wo bist du hingegangen?

Ich suchte nach Entschuldigungen für sein Verhalten. Er kauerte sich im Supermarkt natürlich nur deswegen immer im Einkaufswagen zusammen, weil es im Geschäft zu kalt war. Die Wäscheschildchen, die ich immer aus seinen Kleidern herausschneiden musste, waren natürlich nur besonders kratzig. Als er keinen Kontakt zu anderen Kindern im Kindergarten zu bekommen schien, habe ich eine kompromisslose Geburtstagsparty für ihn organisiert, mit Wasserbombenschlacht und Topfschlagen. Dann habe ich plötzlich bemerkt, dass Jacob verschwunden war. Ich war im sechsten Monat schwanger und hysterisch vor Angst. Die anderen Eltern suchten im Hof, auf der Straße und im Haus. Schließlich war ich diejenige, die ihn fand. Er saß im Keller und steckte immer wieder ein und dieselbe Kassette in den Videorekorder und holte sie heraus.

Als seine Krankheit schließlich diagnostiziert wurde, bin ich in Tränen ausgebrochen. Sie dürfen dabei nicht vergessen, dass das 1995 war. Damals beschränkten sich meine Erfahrungen mit Autismus auf Dustin Hoffman in Rain Man. Dem Psychiater zufolge, den wir als Erstes aufgesucht haben, litt Jacob an einer merklichen Beeinträchtigung seines Sozialverhaltens allerdings ohne die Sprachdefizite, die andere Formen von Autismus kennzeichnen. Erst Jahre später haben wir zum ersten Mal den Begriff »Asperger-Syndrom« gehört – vorher war das auch bei der Diagnostik noch viel zu unbekannt gewesen. Zu dem Zeitpunkt war Henry, mein Ex, schon längst ausgezogen und hatte mich mit Jacob und Theo allein zurückgelassen. Henry war Programmierer. Er arbeitete daheim und konnte es einfach nicht ertragen, wenn Jacob wieder einmal einen seiner Tobsuchtsanfälle bekam und das aus den nichtigsten Gründen. Mal war das Licht im Badezimmer zu grell, dann störte ihn das Geräusch eines UPS-Wagens in der Einfahrt oder die Zusammensetzung des Müslis zum Frühstück. Zu dieser Zeit war ich fast ausschließlich mit den Therapeuten beschäftigt, die ständig bei uns ein und aus gingen und versuchten, Jacob aus seiner eigenen kleinen Welt zu zerren. »Ich will mein Haus wieder zurück«, sagte Henry eines Tages. »Ich will dich wieder zurück.«

Doch dank der Verhaltens- und Sprachtherapie hatte Jacob wieder begonnen, mit anderen Kontakt aufzunehmen. Ich sah die Verbesserung, und so blieb mir keine Wahl.

An dem Abend, als Henry ging, saßen Jacob und ich am Küchentisch und spielten ein Spiel. Ich verzog das Gesicht, und er versuchte zu raten, welche Gefühle ich damit ausdrücken wollte. Ich lächelte und weinte gleichzeitig und wartete darauf, dass Jacob mir sagte, ich sei glücklich.

Henry lebt jetzt mit seiner neuen Familie im Silicon Valley. Er arbeitet für Apple, und er spricht nur selten mit den Jungs, obwohl er jeden Monat pflichtbewusst Unterhalt zahlt.

Henry war schon immer gut im Organisieren … und mit Zahlen. Er kann sich einen kompletten Artikel aus der New York Times merken und ihn auswendig zitieren, was in der ersten Zeit, als wir miteinander ausgingen, ja sooo akademisch und sexy auf mich gewirkt hatte. Dabei war es eigentlich nichts anderes als das Verhalten, das auch Jacob mit sechs Jahren zum ersten Mal zeigte, als er das gesamte Fernsehprogramm auswendig konnte, nachdem er einen Blick darauf geworfen hatte. Erst Jahre nachdem Henry uns verlassen hatte, habe ich das mit dem Asperger-Syndrom in Verbindung gebracht.

Es wird viel darüber diskutiert, ob man das Asperger-Syndrom dem Autismus zurechnen soll oder nicht, aber um ehrlich zu sein, es ist egal. Es ist eben der Begriff, den wir benutzen, damit Jacob in der Schule das Umfeld bekommt, das er braucht, nicht um zu erklären, wer er ist. Wenn Sie ihm heute begegnen, werden Sie vermutlich als Erstes denken, dass er vergessen hat, das Hemd zu wechseln oder sich die Haare zu kämmen. Wenn Sie mit ihm sprechen wollen, müssen Sie das Gespräch beginnen. Er wird Ihnen nie in die Augen schauen, und wenn Sie mit jemand anderem sprechen, vielleicht nur ganz kurz, werden Sie wahrscheinlich feststellen, dass er in der Zwischenzeit den Raum verlassen hat.

Samstags gehen Jacob und ich Essen kaufen.

Das ist Teil seines gewohnten Tagesablaufs, soll heißen, wir weichen nur selten davon ab. Alles Neue muss lange im Voraus eingeführt werden, damit er sich entsprechend darauf vorbereiten kann – egal ob es sich dabei um einen Zahnarzttermin handelt, einen Urlaub oder um einen neuen Schüler in seinem Mathematikunterricht.

Ich weiß, dass er seinen »Tatort« bis elf Uhr aufgeräumt haben wird, denn dann öffnet die Frau mit den Probierhäppchen ihren Stand vor dem Supermarkt. Inzwischen kennt sie Jacob, und für gewöhnlich gibt sie ihm zwei Minikuchen, Bruschetta oder was auch immer sie gerade im Angebot hat.

Theo ist noch nicht wieder zurück, also hinterlasse ich ihm eine Nachricht, obwohl er unseren Terminplan genauso gut kennt wie ich. Als ich mir Mantel und Handtasche schnappe, sitzt Jacob bereits hinten im Auto. Ihm gefällt es auf dem Rücksitz, denn da kann er sich ausbreiten. Er hat keinen Führerschein, obwohl wir seit seinem achtzehnten Geburtstag regelmäßig darüber diskutieren, und immerhin sind jetzt schon zwei Jahre vergangen, seit er ihn hätte machen können. Jacob weiß bis ins kleinste Detail, wie eine Verkehrsampel funktioniert, und vermutlich könnte er sie ohne Probleme auseinandernehmen und wieder zusammenbauen, aber ich bin nicht sicher, dass er sich daran erinnert, wann er fahren darf und wann nicht, wenn plötzlich Fahrzeuge aus verschiedenen Richtungen auf eine Kreuzung zurollen.

»Was hast du noch an Hausaufgaben?«, frage ich, als wir die Ausfahrt runterfahren.

»Nur noch dieses blöde Englisch.«

»Englisch ist nicht blöd«, sage ich.

»Aber mein Englischlehrer.« Er verzieht das Gesicht. »Mr. Franklin hat uns einen Aufsatz über unser Lieblingsthema aufgegeben. Ich wollte über das Mittagessen schreiben, doch er lässt mich nicht.«

»Warum nicht?«

»Er sagt, das Mittagessen sei kein Thema.«

Ich schaue ihn an. »Das ist es auch nicht.«

»Nun«, sagt Jacob, »ein Rhema ist es aber auch nicht, und das sollte er doch wohl wissen.«

Ich verkneife mir ein Lächeln. Je nachdem kann Jacobs wörtliche Interpretation der Dinge entweder sehr lustig oder extrem frustrierend sein. Im Rückspiegel sehe ich, wie er den Daumen auf die Fensterscheibe drückt. »Es ist zu kalt für Fingerabdrücke«, bemerke ich beiläufig – auch das ist etwas, das er mir beigebracht hat.

»Aber weißt du auch warum?«

»Äh …« Ich schaue ihn wieder an. »Beweise lösen sich bei Minustemperaturen auf?«

»In der Kälte ziehen sich die Poren zusammen«, erklärt Jacob, »dadurch werden weniger Schweiß und andere Körperflüssigkeiten abgesondert, und das wiederum verhindert, dass auf Oberflächen wie Glas ein eindeutiger Abdruck zurückbleibt.«

»Das wäre mein zweiter Gedanke gewesen«, scherze ich.

Früher habe ich Jacob »mein kleines Genie« genannt, denn schon als kleines Kind hat er mir die Dinge auf diese Weise erklärt. Ich erinnere mich noch daran, wie er einmal das Türschild eines Arztes vorgelesen hat, als ein Postbote vorbeikam – damals war er vier. Der Kerl hörte gar nicht mehr auf, ihn anzustarren, aber man hört ja auch nicht allzu oft, wie ein Kindergartenkind das Wort »Gastroenterologie« fehlerfrei ausspricht.

Ich fahre auf den Parkplatz, lasse die erste Parklücke aber links liegen, denn daneben parkt ein leuchtend orangefarbener Wagen, und Jacob hasst Orange. Ich merke, wie er die Luft anhält, bis wir an dem Auto vorbei sind. Schließlich steigen wir aus, und Jacob holt einen Einkaufswagen. Dann gehen wir hinein.

Dort, wo normalerweise die Frau mit den Probierhäppchen steht, ist niemand.

»Jacob«, sage ich sofort, »das ist nicht schlimm.«

Er schaut auf seine Uhr. »Es ist Viertel nach elf. Sie kommt um elf und geht um zwölf.«

»Es muss etwas passiert sein.«

»Sie ist am Fuß operiert worden«, ruft ein Angestellter, der in Hörweite Karotten stapelt. »In vier Wochen ist sie wieder da.«

Jacob beginnt, mit der flachen Hand auf sein Bein zu schlagen. Ich schaue mich in dem Laden um und versuche einzuschätzen, ob ich mehr Aufsehen erregen würde, wenn ich ihn hinausschaffe, bevor er einen richtigen Zusammenbruch erleidet, oder ob es mir rechtzeitig gelingen könnte, ihn zu beruhigen. »Weißt du noch, wie Mrs. Pinham drei Wochen nicht in die Schule kommen konnte, weil sie eine Gürtelrose hatte?«, sage ich. »Sie hat dir auch nicht vorher Bescheid geben können. Hier ist das genauso.«

»Aber es ist Viertel nach elf«, sagt Jacob.

»Mrs. Pinham ist wieder gesund geworden, nicht wahr? Und dann war alles wieder wie immer.«

Inzwischen starrt der Karottenmann uns an. Warum sollte er das auch nicht tun? Jacob sieht wie ein vollkommen normaler junger Mann aus, ganz offensichtlich intelligent. Aber wenn sein normaler Tagesablauf durchbrochen wird, fühlt er sich vermutlich so, wie ich mich fühlen würde, wenn ich plötzlich mit einem Bungee-Seil vom Sears Tower springen müsste.

Als ein leises Knurren in Jacobs Kehle aufsteigt, weiß ich, dass es kein Halten mehr gibt. Er weicht vor mir zurück und prallt gegen ein Regal voller Gläser mit eingelegtem Gemüse. Ein paar Gläser fallen zu Boden, und das Klirren bringt das Fass zum Überlaufen. Plötzlich schreit Jacob – ein hohes, kreischendes Geräusch, der Soundtrack meines Lebens. Er bewegt sich blind und schlägt nach mir, als ich nach ihm greife.

Es sind nur dreißig Sekunden, doch dreißig Sekunden können eine Ewigkeit sein, wenn alle Blicke auf einen gerichtet sind und man seinen sechs Fuß großen Sohn zu Boden ringt und ihn mit dem ganzen Gewicht dort festhält, bis er sich wieder beruhigt hat. Ich drücke meine Lippen auf sein Ohr. »I shot the sheriff«, singe ich, »but I didn’t shoot the deputy …«

Schon als kleines Kind hat Bob Marleys Text ihn immer beruhigt. Es gab Zeiten, da habe ich den Song vierundzwanzig Stunden am Stück gespielt, um Jacob ruhigzustellen. Selbst Theo kannte den Text schon als Zweijähriger. Und wirklich löst sich die Spannung in Jacobs Muskeln, und seine Arme erschlaffen. Eine einzelne Träne rinnt aus seinem Augenwinkel. »I shot the sheriff«, flüstert er, »but I swear it was in self-defense …«

Ich nehme sein Gesicht in meine Hände und zwinge ihn, mir in die Augen zu schauen. »Ist jetzt alles wieder okay?«

Er zögert, als müsse er erst Inventur machen. »Ja.«

Ich setze mich wieder auf und knie in einer Pfütze aus Gurkensaft. Jacob setzt sich ebenfalls und zieht die Knie an die Brust.

Zuschauer haben sich um uns herum versammelt. Neben dem Karottenmann sind da noch der Filialleiter, mehrere Kunden und zwei sommersprossige Zwillingsmädchen. Sie alle starren mit jener seltsamen Mischung aus Entsetzen und Mitleid auf Jacob herab, die uns folgt, wo auch immer wir hingehen. Jacob könnte keiner Fliege was zuleide tun, und das meine ich wörtlich und nicht im übertragenen Sinn. Ich habe gesehen, wie er während einer dreistündigen Fahrt eine Spinne in der Hand gehalten hat, um sie wieder freizulassen, als wir angekommen waren. Aber ein Fremder, der einen großen, muskulösen Mann sieht, der Regale umwirft, geht nun einmal nicht davon aus, dass der arme Kerl einfach nur enttäuscht ist, er hält ihn für gewalttätig.

»Er ist autistisch«, sage ich gereizt. »Haben Sie sonst noch Fragen?«

Ich habe festgestellt, dass Wut in so einer Situation am besten funktioniert. Sie ist wie ein Stromschlag, durch den die Menschen sich von der Katastrophe abwenden. Als wäre nichts geschehen, legen die Kunden wieder Obst in ihre Einkaufswagen und suchen nach Shampoo. Die beiden kleinen Mädchen huschen den Gang mit den Milchprodukten hinunter. Der Karottenmann und der Filialleiter stellen keinen Augenkontakt her, und das kommt mir nur gelegen. Mit ihrer morbiden Neugier komme ich zurecht, es ist ihre Freundlichkeit, die mich an den Rand des Nervenzusammenbruchs bringt.

Jacob schlurft hinter mir her, während ich den Einkaufswagen an den Regalen vorbeischiebe. Seine Hand zuckt noch immer leicht, aber er reißt sich zusammen.

Ich wünsche mir nichts so sehr für Jacob, als dass es keine Momente wie diese mehr für ihn geben würde.

Und es ist meine größte Angst, dass ich einmal nicht da sein werde, wenn es doch passiert, denn dann werden die Menschen das Schlimmste von ihm denken.

Theo

Mein Bruder ist der Grund dafür, dass ich mit insgesamt vierundzwanzig Stichen im Gesicht genäht wurde. Zehn von ihnen haben eine Narbe quer durch meine linke Augenbraue hinterlassen. Das war damals, als Jacob meinen Hochstuhl umgestoßen hat, ich war gerade acht Monate alt. Die anderen vierzehn Stiche befinden sich an meinem Kinn. Weihnachten 2003 habe ich mich so sehr über irgendein dummes Geschenk gefreut, dass ich das Geschenkpapier zerknüllt habe, das Geräusch war der Grund dafür, dass Jacob durchgedreht ist. Ich erzähle Ihnen das nicht wegen meines Bruders, das mache ich wegen meiner Mutter, die Ihnen sagen wird, Jacob sei nicht gewalttätig, doch ich bin der lebende Gegenbeweis.

Ich soll nachsichtig mit Jacob sein, das ist eine der ungeschriebenen Regeln in unserem Haus. Wenn wir also einen Umweg wegen eines Umleitungsschildes machen (wie paradox ist das denn?), nur weil es orange ist und Jacob in den Wahnsinn treibt, dann ist das wichtiger als die Tatsache, dass ich deshalb zehn Minuten zu spät zur Schule komme. Und er darf immer zuerst duschen, denn vor einer Milliarde Jahre, als ich noch ein Baby war, hat Jacob schon als Erster geduscht, und er hasst es, wenn er seine Gewohnheiten ändern muss. Und später, als ich fünfzehn Jahre alt war und einen Termin gemacht hatte, um mir meine Fahrschullizenz ausstellen zu lassen – ein Termin, der nie stattfand, weil Jacob wegen neuer Sneaker einen Anfall bekam –, erwartete man von mir, Verständnis dafür zu haben, dass so was nun einmal vorkommen kann. Das Problem ist nur, dass auch die nächsten drei Male etwas »passierte«, wenn ich meine Mutter zur Führerscheinstelle schleppen wollte. Irgendwann habe ich dann einfach nicht mehr gefragt. Wenn das so weitergeht, fahre ich noch mit dreißig Skateboard.

Einmal, als Jacob und ich noch klein waren, sind wir mit einem Gummiboot auf einem Teich herumgepaddelt, nicht weit von unserem Haus entfernt. Es war mein Job, auf Jacob aufzupassen, obwohl er drei Jahre älter ist als ich und genauso viele Schwimmstunden hatte wie ich. Wir brachten das Boot zum Kentern und schwammen darunter, dort wo die Luft dick und feucht ist. Jacob begann über Dinosaurier zu plappern – damals stand er darauf –, und er wollte einfach nicht aufhören. Er verbrauchte den ganzen Sauerstoff in dem winzigen Raum. Ich versuchte, das Boot wieder umzukippen, doch das Plastik hatte sich irgendwie am Wasser festgesaugt, und das steigerte meine Panik. Zurückblickend hätte ich natürlich einfach unter dem Boot hindurchtauchen können, doch zu dem Zeitpunkt ist mir der Gedanke einfach nicht gekommen. Ich wusste nur, dass ich nicht mehr atmen konnte. Wenn die Leute mich fragen, wie es ist, mit einem Bruder aufzuwachsen, der unter dem Asperger-Syndrom leidet, dann fällt mir jedes Mal diese Situation ein, obwohl ich den Leuten immer sage, dass ich es eben nicht anders kenne.

Ich bin kein Heiliger. Manchmal tue ich Dinge, die Jacob in den Wahnsinn treiben, und das nur, weil es so verdammt einfach ist. Einmal habe ich zum Beispiel all seine Klamotten im Schrank durcheinandergebracht, und ein anderes Mal habe ich den Verschluss seiner Zahnpastatube versteckt, sodass er sie nach dem Zähneputzen nicht hat wegpacken können. Doch dann tut mir meine Mutter leid, die immer die Hauptlast tragen muss, wenn Jacob einen seiner Anfälle bekommt. Manchmal höre ich sie weinen, wenn sie glaubt, Jacob und ich würden schon schlafen. Dann erinnere ich mich wieder daran, dass auch sie sich dieses Leben nicht ausgesucht hat.

Also mische auch ich mich ein. Ich bin derjenige, der Jacob im wahrsten Sinne des Wortes aus einem Gespräch reißt, wenn er den Leuten mit seinem Übereifer Angst einjagt. Ich bin derjenige, der ihm sagt, er soll aufhören, mit den Armen zu wedeln, wenn er im Bus nervös wird, er sieht dann nämlich wie ein Vollidiot aus. Ich bin derjenige, der zuerst in Jacobs statt in meine eigene Klasse geht, um dem Lehrer zu sagen, dass mein Bruder einen schlechten Morgen hatte, da uns überraschend die Sojamilch ausgegangen ist. Mit anderen Worten, ich verhalte mich wie ein großer Bruder, obwohl ich eigentlich der kleine bin. Und wenn ich dann das Gefühl habe, das sei nicht fair, wenn mein Blut kocht wie Lava, dann gehe ich einfach weg. Und wenn mein Zimmer nicht weit genug entfernt ist, dann schnappe ich mir mein Skateboard und treibe mich irgendwo herum – egal wo, nur nicht an dem Ort, den ich mein Zuhause nenne.

Und das mache ich auch heute Nachmittag, nachdem mein Bruder beschlossen hat, mich als Bösewicht in seinem Krimitheater zu casten. Ich will ehrlich mit Ihnen sein: Was mich aufregt, ist nicht die Tatsache, dass er meine Sneaker genommen und sich Haare aus meiner Bürste gemopst hat (auch wenn das offen gesagt schon so gruselig ist wie Das Schweigen der Lämmer). Erst als ich ihn mit dem Sirup-Blut und der falschen Wunde am Kopf in der Küche gesehen habe und all die Beweise, die auf mich hindeuteten, da bin ich wütend geworden, da ich habe bei mir gedacht: »Ach, was wäre das schön.«

Aber ich darf nicht laut sagen, dass mein Leben ohne Jacob sehr viel leichter wäre. Genau genommen darf ich das noch nicht einmal denken. Das ist auch wieder so eine ungeschriebene Regel der Hausordnung. Also schnappe ich mir meinen Mantel und laufe Richtung Süden, obwohl es draußen eiskalt ist und der Wind mir ins Gesicht schneidet. Kurz halte ich am Skateboard-Parcours an, dem einzigen Ort in dieser dämlichen Stadt, wo die Cops einen noch fahren lassen. Aber im Winter ist das nutzlos, und in Townsend, Vermont, sind das gefühlte neun Monate im Jahr.

Vergangene Nacht hat es heftig geschneit. Ein Typ versucht, mit dem Snowboard das Treppengeländer herunterzufahren, während sein Freund den Trick mit dem Handy aufnimmt. Ich kenne die beiden aus der Schule, aber sie sind nicht in meinen Kursen. Ehrlich gesagt, bin ich auch nicht gerade der typische Skater. Ich bin in Erweiterungskursen und schreibe gute Noten. Natürlich bin ich deswegen ein Freak in der Skater-Gemeinde. Umgekehrt bin ich das dank meiner Kleidung und dem Skateboard bei den Spitzenschülern auch.

Der Kerl, der das Geländer runterrutscht, fällt auf den Arsch. »Das landet auf YouTube, Mann«, verkündet sein Freund schadenfroh.

Ich gehe weiter durch die Stadt zu der Straße, die sich in Serpentinen windet. Genau in der Mitte liegt ein Lebkuchenhaus – ich glaube, den Stil nennt man viktorianisch. Es ist violett gestrichen und hat einen Turm an der Seite. Ich glaube, der Turm ist der Grund, warum ich das erste Mal stehen geblieben bin – ich meine, wer zum Teufel hat schon einen Turm am Haus … außer Rapunzel natürlich? Aber in dem Turm lebt ein Mädchen von zehn oder elf Jahren, und sie hat einen Bruder, der vielleicht halb so alt ist wie sie. Ihre Mom fährt einen grünen Toyota-Van, und ihr Dad muss so was wie ein Arzt sein, denn ich habe ihn schon zweimal in OP-Kleidung nach Hause kommen sehen.

In letzter Zeit gehe ich oft dorthin. Für gewöhnlich hocke ich mich dann vor das Terrassenfenster, durch das man ins Wohnzimmer schauen kann. Von da kann ich so gut wie alles sehen: den Esszimmertisch, an dem die Kinder ihre Hausaufgaben machen, und die Küche, in der die Mom das Abendessen zubereitet. Manchmal öffnet sie das Fenster einen Spalt, und ich kann fast schmecken, was es zu essen gibt.

An diesem Nachmittag ist jedoch niemand daheim, deshalb werde ich übermütig. Obwohl es noch heller Tag ist und obwohl die ganze Zeit über Autos vorbeifahren, gehe ich hinter das Haus und setze mich auf die Schaukel, auch wenn ich eigentlich schon viel zu alt dafür bin. Dann gehe ich zur Terrasse und drücke auf die Türklinke.

Sie geht auf.

Das sollte ich nicht tun – ich weiß das –, trotzdem gehe ich hinein.

Ich ziehe meine Schuhe aus, denn das gehört sich so. Ich stelle sie auf die Fußmatte und gehe in die Küche. In der Spüle liegen Müslischalen. Ich öffne den Kühlschrank und schaue mir die Tupperdosen an. Da ist noch ein Rest Lasagne.

Ich hole ein Glas Erdnussbutter heraus und rieche daran. Bilde ich mir das nur ein, oder riecht diese Erdnussbutter wirklich besser als das Zeug, das wir daheim haben?

Ich stecke meinen Finger hinein und probiere ein wenig. Dann trage ich das Glas mit klopfendem Herzen zur Arbeitsplatte und danach auch noch ein Glas Gelee von Smucker’s. Ich nehme mir zwei Scheiben Brot von dem Laib auf der Arbeitsplatte und krame in der Schublade herum, bis ich Besteck finde. Dann mache ich mir ein Sandwich, so als würde ich mir immer in dieser Küche Sandwichs machen.

Im Esszimmer setze ich mich auf einen der Stühle, auf dem sonst immer die Mädchen beim Essen sitzen. Ich esse mein Sandwich und stelle mir vor, wie meine Mutter mit einem großen, gebratenen Truthahn aus der Küche kommt. »Hey, Dad«, sage ich laut zu dem leeren Stuhl links von mir und tue so, als hätte ich einen echten Vater und nicht nur einen Samenspender mit schlechtem Gewissen, der uns jeden Monat einen Scheck schickt.

»Wie war’s in der Schule?«, würde er fragen.

»Ich habe hundert Punkte im Bio-Test bekommen.«

»Das ist ja unglaublich. Es würde mich nicht überraschen, wenn du Arzt werden würdest – genau wie ich.«

Ich schüttele den Kopf, um wieder klar zu werden. Entweder sehe ich zu viel fern, oder ich habe so eine Art Goldlöckchen-Komplex.

Jacob hat mir früher abends vorgelesen. Na ja, eigentlich nicht wirklich. Er hat sich selbst vorgelesen, und es war auch weniger ein Lesen als vielmehr die reine Wiedergabe von Auswendiggelerntem, und ich war nur zufälligerweise am gleichen Ort und konnte nicht anders als zuhören. Allerdings hat mir das gefallen. Wenn Jacob redet, dann ist das fast wie Gesang. In einem normalen Gespräch klingt das seltsam, aber bei einem Märchen funktioniert das irgendwie. Als ich so die Geschichte von Goldlöckchen und den drei Bären zum ersten Mal gehört habe, habe ich bei mir gedacht: Was für eine Versagerin. Hätte sie sich schlauer verhalten, sie hätte bleiben können.

Letztes Jahr, als ich auf die Bezirkshighschool gekommen bin, musste ich wieder von vorn anfangen. Dort waren Kids aus anderen Orten, die nichts von mir wussten. Die ersten zwei Wochen habe ich mit diesen beiden Typen rumgehangen: Chad und Andrew. Sie waren in meinem Physikkurs und schienen ziemlich cool zu sein. Außerdem kamen sie aus Swanzey und nicht aus Townsend, weshalb sie meinen Bruder nie getroffen hatten. Wir lachten darüber, dass unser Physiklehrer Hochwasserhosen trug, und wir aßen gemeinsam zu Mittag. Wir planten sogar, am Wochenende gemeinsam ins Kino zu gehen, sobald was Gutes laufen würde. Doch dann tauchte Jacob plötzlich in der Mensa auf, nachdem er einen Mathetest in wahnsinnig kurzer Zeit beendet und sein Lehrer ihn entlassen hatte, und natürlich ging er geradewegs auf mich zu. Ich stellte ihn vor und sagte, er sei in der Oberstufe. Nun, das war mein erster Fehler. Chad und Andrew waren so fasziniert davon, mit einem Oberstufenschüler an einem Tisch zu sitzen, dass sie Jacob Fragen stellten. Sie wollten wissen, in welcher Klasse er sei und ob er in einer Sportmannschaft sei. »Ich bin in der Elften«, sagte Jacob und erklärte dann, dass er Sport nicht möge. »Ich mag Forensik«, fuhr er fort. »Habt ihr je von Dr. Henry Lee gehört?« Dann plapperte er geschlagene zehn Minuten am Stück über den Pathologen aus Connecticut, der an so populären Fällen wie denen von O. J. Simpson, Scott Peterson und Elizabeth Smart gearbeitet hatte. Ich glaube, er hat Chad und Andrew irgendwann während des Tutorials über die Muster von Blutspritzern und ihre Bedeutung abgehängt. Unnötig zu erwähnen, dass die beiden mich am nächsten Tag sofort fallenließen, als es darum ging, sich in Physik Partner für ein Experiment zu suchen.

Ich habe mein Sandwich aufgegessen. Also stehe ich auf und gehe nach oben. Das erste Zimmer gehört dem Jungen. Poster von Dinosauriern zieren die Wände. Das Bettzeug ist voller fluoreszierender Flugsaurier, und auf dem Boden liegt ein ferngesteuerter T-Rex. Einen Augenblick lang bin ich wie erstarrt. Es gab eine Zeit, da war Jacob genauso verrückt nach Dinosauriern, wie er es jetzt nach Kriminaltechnik ist. Ob dieser kleine Junge hier einem wohl auch alles über diesen Saurier erzählen kann, der in Utah gefunden wurde und dessen fünfzehn Zoll lange Krallen aussehen wie aus einem Slasher-Film? Oder dass man 1858 ein fast vollständiges Dinosaurierskelett in New Jersey gefunden hat, einen Hadrosaurier?

Nein, der Junge hier ist nur ein Kind, kein Kind mit Asperger-Syndrom. Das sehe ich sofort, wenn ich nachts durch die Fenster schaue und die Familie beobachte. Ich weiß es, weil die Küche mit ihren in warmen Farben gestrichenen Wänden ein Ort ist, an dem ich bleiben, nicht von dem ich fortlaufen will.

Plötzlich erinnere ich mich an etwas. Wissen Sie noch? Der Tag, an dem Jacob und ich auf dem Teich mit dem Gummiboot gespielt haben? Als ich nicht mehr atmen konnte und das Boot förmlich am Wasser klebte? Irgendwie ist es Jacob gelungen, das Ventil zu öffnen, sodass die Oberflächenspannung nachgelassen hat. Dann hat er seine Arme um meine Brust geschlungen und mich weit genug nach oben gehalten, dass ich wieder nach Luft schnappen konnte. Anschließend hat Jacob mich ans Ufer gezogen und sich zitternd neben mich gesetzt, bis ich die Sprache wiedergefunden habe. Soweit ich mich erinnere, war das das letzte Mal, dass Jacob auf mich aufgepasst hat und nicht umgekehrt.

In dem Schlafzimmer, in dem ich jetzt stehe, füllen Videospiele ein ganzes Regal – größtenteils Wii- und XBox-Titel, aber auch ein paar Nintendo-DS-Spiele. Wir haben keine Spielkonsolen. Wir können sie uns nicht leisten. Der ganze Dreck, den Jacob zum Frühstück schlucken muss – eine Extramahlzeit Pillen, dazu Injektionen und Nahrungsergänzungsmittel – kostet ein Vermögen, und ich weiß, dass Mom manchmal nachts noch freiberuflich als Lektorin arbeitet, um Jess bezahlen zu können, Jacobs Sozialtherapeutin.

Ich höre das Grummeln eines Autos auf der ruhigen Straße, und als ich aus dem Fenster schaue, da sehe ich es: Der grüne Van biegt in die Auffahrt ein. Ich fliege die Treppe hinunter, durch die Küche und zur Tür hinaus. Draußen springe ich in die Büsche und schaue zu, wie der Junge den Van als Erster verlässt. Er trägt eine Eishockeyausrüstung. Dann steigt seine Schwester aus und schließlich steigen auch seine Eltern aus. Sein Vater holt eine große Sporttasche aus dem Kofferraum, und schließlich verschwinden alle im Haus.

Ich gehe die Straße hinunter, weg von dem Lebkuchenhaus. Unter meinem Mantel steckt das Wii-Spiel, das ich mir im letzten Augenblick geschnappt habe, irgendein Super-Mario-Titel. Ich spüre, wie mein Herz darunter schlägt.

Ich kann es nicht spielen, aber das will ich eigentlich auch nicht. Ich habe es nur geklaut, weil ich weiß, dass sie sein Fehlen noch nicht einmal bemerken werden. Wie sollten sie auch, wo sie so viel haben?

Jacob

Ich mag ja autistisch sein, aber ich kann Ihnen trotzdem nicht sagen, auf welchen Wochentag der zweiunddreißigste Geburtstag Ihrer Mutter fiel. Ich kann keinen Logarithmus im Kopf ausrechnen. Ich kann nicht auf einen Blick sagen, wie viele Grashalme auf einem Flecken Rasen wachsen. Andererseits könnte ich Ihnen alles sagen, was Sie je über Blitze, die Polymerase-Kettenreaktion, berühmte Filmzitate oder Sauropoden der frühen Kreidezeit wissen wollten. Ich habe das Periodensystem auswendig gelernt, ohne es überhaupt versucht zu haben, ich habe mir selbst Mittelägyptisch beigebracht, und ich habe den Computer meines Informatiklehrers repariert. Ich könnte ewig über Details der Fingerabdruckanalyse reden und ob diese Analyse nun Kunst oder Wissenschaft ist. (So ist zum Beispiel die DNA bei eineiigen Zwillingen gleich, das wissen wir aufgrund wissenschaftlicher Analysen, aber die Fingerabdrücke eineiiger Zwillinge unterscheiden sich in den Minutien. Welches Beweismittel würden Sie also als Staatsanwalt vorziehen? Aber ich schweife ab …)

Ich nehme an, diese Talente würden mich bei jeder Cocktail-Party zu einem Hit machen, wenn ich a) trinken würde, was ich nicht tue, oder b) Freunde hätte, die mich einladen würden, mit oder ohne Cocktail. Meine Mutter erklärt es immer so: Stellen Sie sich vor, jemand kommt mit weit aufgerissenen Augen auf Sie zu und erklärt Ihnen das Blutspritzmuster, das von Objekten verursacht wird, die sich zwischen anderthalb und siebeneinhalb Metern pro Sekunde bewegen, und wie diese Muster sich von denen unterscheiden, die durch Schusswunden oder infolge von Explosionen entstehen. Oder schlimmer noch: Stellen Sie sich vor, wie es ist, derjenige zu sein, der dies alles erklärt und dabei nicht erkennt, dass das Opfer dieser Erläuterungen einfach nur weglaufen will.

Bei mir ist zu einer Zeit das Asperger-Syndrom diagnostiziert worden, als es noch nicht die Geisteskrankheit du jour gewesen ist. Heutzutage missbrauchen Eltern diese Diagnose schließlich reihenweise, um zu verschleiern, dass ihre Gören keine Supergenies, sondern in Wahrheit einfach nur asozial sind. In meiner Schule wissen die meisten Kids aber inzwischen, was das Asperger-Syndrom wirklich ist – dank einer Kandidatin bei America’s Next Top Model. So viele Leute haben mir von ihr erzählt, dass sie vermutlich glauben, wir seien verwandt. Was mich betrifft, so versuche ich, das Wort nicht laut auszusprechen. Asperger, meine ich. Klingt das nicht wie ein Filetstück vom Schwein? Oder wie ein gegrillter Esel?

Ich lebe mit meiner Mutter und mit meinem Bruder Theo. Die Tatsache, dass Theo und ich demselben Genpool entstammen, ist verwirrend für mich, denn wir könnten unterschiedlicher nicht sein. Äußerlich sind wir das genaue Gegenteil voneinander. Theos Haar ist fein und so blond, das es schon als silbern durchgehen könnte, meines hingegen dunkel mit der Neigung, zerzaust auszusehen, wenn ich es nicht genau alle drei Wochen schneiden lasse. (In Wahrheit müssen es aber auch deshalb genau drei Wochen sein, weil drei einfach eine gute, sichere Zahl ist, anders als die vier zum Beispiel, und ich kann es nur ertragen, dass jemand mein Haar anfasst, wenn ich das lange genug im Voraus weiß). Theo beschäftigt auch ständig, was andere Leute wohl von mir denken – zum Beispiel dass ich ein seltsames Kind bin, das einem stets zu nahe auf die Pelle rückt und nie den Mund hält. Und Theo hört ständig Rap-Musik, die mir Kopfschmerzen bereitet. Er fährt Skateboard, als wären die Räder an seinen Füßen festgewachsen, und das meine ich als Kompliment, denn ich kann noch nicht einmal gehen und gleichzeitig Kaugummi kauen. Ich nehme an, er muss viel ertragen. Ich rege mich jedes Mal auf, wenn etwas nicht funktioniert oder wenn mein Terminplan sich ändert, und manchmal habe ich einfach keine Kontrolle mehr darüber, was passiert. Dann werde ich zum Hulk, schreie, fluche und schlage auf Dinge ein. Theo habe ich zwar noch nie geschlagen, aber ich habe schon mit Gegenständen nach ihm geworfen und ein paar seiner Sachen kaputt gemacht. Besonders schlimm war es, als ich seine Gitarre zertrümmert habe. Meine Mutter hat sie mich drei Jahre lang in Raten abbezahlen lassen.

Aber Theo ist auch derjenige, der besonders unter meiner Ehrlichkeit zu leiden hat.

BEISPIEL 1

Theo kommt in die Küche. Seine Jeans sitzt so tief, dass man seine Unterwäsche sehen kann. Dazu trägt er ein viel zu großes Sweatshirt und irgendeine seltsame Medaille um den Hals.

Theo: »Was liegt an?«

Ich: »Yo, Homey, offenbar hast du das Memo nicht bekommen, aber wir leben in der Vorstadt und nicht im Ghetto … oder ist heute 2Pac-Imitatorenwettbewerb?«

Ich erkläre meiner Mutter immer wieder, dass wir beide nichts gemein haben, doch sie besteht darauf, dass sich das ändern wird. Ich halte sie für verrückt.

Ich habe keine Freunde. Das Mobbing hat schon im Kindergarten angefangen, als ich meine Brille bekommen habe. Der Lehrer hat daraufhin einen der beliebten Jungs aufgefordert, eine unechte Brille zu tragen, damit ich eine Verbindung zu ihm aufbauen konnte, doch wie sich herausstellte, wollte er nicht darüber diskutieren, ob man den Archäopteryx als Vogel oder Dinosaurier klassifizieren sollte. Unnötig zu erwähnen, dass diese Freundschaft keinen Tag lang dauerte. Inzwischen bin ich daran gewöhnt, dass andere mir sagen, ich solle verschwinden, mich anderswo hinsetzen. Ich werde am Wochenende nie angerufen. Ich sehe einfach die sozialen Zaunpfähle nicht, mit denen andere winken.

Wenn jemand in der Klasse zu mir sagt, »Oh Mann, ist es wirklich schon ein Uhr?«, dann schaue ich auf meine Uhr und erwidere, ja, es sei schon eins, obwohl der andere vermutlich nur auf eine höfliche Art hat verschwinden wollen.

Ich verstehe einfach nicht, warum die Leute nicht sagen, was sie meinen. Es ist wie bei Immigranten, die zwar die Sprache ihrer neuen Heimat lernen, aber Idiome nicht verstehen. (Mal ernsthaft … Wie soll jemand, der unserer Sprache nicht wirklich mächtig ist, verstehen, dass es nicht um Gemälde oder Fotos geht, wenn man sagt, »jemanden ins Bild setzen«?) Wenn ich mich in einer sozialen Situation befinde – sei es in der Schule, beim Thanksgiving-Essen oder in der Schlange vor der Kinokasse –, dann komme ich mir vor, als wäre ich nach Litauen umgezogen, ohne Litauisch gelernt zu haben.

Wenn jemand mich fragt, was ich am Wochenende vorhabe, kann ich zum Beispiel nicht so spontan antworten wie Theo. Ich weiß nicht, wann ich den Leuten zu viel Informationen gebe, und so verlasse ich mich auf die Worte eines anderen, anstatt kleinschrittig meine Pläne für das Wochenende zu erklären. Ich setze meine beste Robert-de-Niro-Stimme aus Taxi Driver auf und erwidere: »Redest du mit mir, Mann?«

Dabei sind es wohlgemerkt nicht nur andere Kids, die ich missverstehe. Einmal ist zum Beispiel mein Biolehrer unerwartet aus der Klasse gerufen worden, wobei er den Raum mit den Worten verließ: »Dass sich mir ja keiner rührt, solange ich weg bin. Wagt es noch nicht einmal zu atmen.« Die normalen Kids ignorierten diese Bemerkung einfach, lediglich ein paar Streber beugten sich über ihre Bücher. Und ich? Ich saß wie eine Statue da, und meine Lunge hat gebrannt, bis ich kurz davorstand, das Bewusstsein zu verlieren.

Einmal hatte ich aber auch eine Freundin. Ihr Name war Alexa, und sie ist im siebten Schuljahr weggezogen. Danach habe ich beschlossen, meine Schulzeit als anthropologische Studie zu betrachten. Ich habe versucht, ein Interesse an Themen zu kultivieren, über die andere Kids reden. Aber das war schrecklich langweilig.

BEISPIEL 2

Mädchen: »Hey, Jacob, ist das nicht der coolste MP3-Player der Welt?«

Ich: »Vermutlich von chinesischen Kindern zusammengesetzt.«

Mädchen: »Möchtest du einen Schluck von meinem Slush?«

Ich: »Wenn man seine Getränke teilt, kann man Drüsenfieber bekommen … übrigens auch vom Küssen.«

Mädchen: »Ich setze mich dann mal woanders hin …«

Kann man mir wirklich vorwerfen, den Gesprächen mit Gleichaltrigen ein wenig mehr Gehalt zu verleihen, indem ich über Themen rede wie Dr. Henry Lees Meinung zum Mord an Laci Peterson? Irgendwann habe ich diese Art von Konversation ganz aufgegeben. Den Überblick darüber zu behalten, wer gerade mit wem geht, war genauso schwer für mich wie die Balzrituale der Steinzeitjäger Papua-Neuguineas zu verstehen. Meine Mutter behauptet manchmal, ich würde es ja noch nicht einmal versuchen. Ich erwidere dann, ich würde es sogar ständig versuchen, nur weise man mich stets zurück. Eigentlich bin ich aber noch nicht einmal traurig darüber. Warum sollte ich mich auch mit Kids anfreunden, die zu Leuten wie mir gemein sind?

Es gibt eine ganze Reihe von Dingen, die ich nicht ausstehen kann:

1. Das Geräusch von Papier, das zerknüllt wird. Ich kann Ihnen nicht sagen warum, aber ich habe dann immer das Gefühl, als würde irgendjemand das Gleiche mit meinen Organen machen.

2. Zu viel Lärm oder blinkende Lichter.

3. Wenn ein Plan geändert wird.

4. Wenn ich CrimeBusters verpasse, das dank des Wunders Privatfernsehen jeden Tag um halb fünf auf USA Network läuft. Obwohl ich alle 114 Folgen auswendig kenne, ist es so wichtig für mich, es täglich zu sehen, wie das Insulin für einen Diabetiker. Ich plane meinen gesamten Tag danach, und wenn ich meine tägliche Dosis nicht bekomme, werde ich nervös.

5. Wenn meine Mutter meine Kleider wegräumt. Ich ordne sie nach den Regenbogenfarben, und die einzelnen Farben dürfen einander nicht berühren. Meine Mutter gibt ihr Bestes, aber das letzte Mal hat sie Indigo komplett vergessen.

6. Wenn jemand sich einen Bissen von meinem Essen nimmt. Ich muss dann erst einmal das Stück abschneiden, das mit dem fremden Speichel in Kontakt gekommen ist, bevor ich weiteressen kann.

7. Offenes Haar. Davon werde ich verrückt, weshalb mein Haar auch so kurz ist wie beim Militär.

8. Wenn mich jemand berührt, den ich nicht kenne.

9. Speisen mit einer Membran, wie Vanillepudding, oder Essen, das im Mund explodiert, wie Erbsen.

10. Gerade Zahlen.

11. Wenn Leute mich zurückgeblieben nennen, das bin ich nämlich nicht.

12. Die Farbe Orange. Orange bedeutet Gefahr, und im Englischen reimt sich nichts darauf, was mich misstrauisch macht. (Theo will dann immer wissen, warum ich silberne Dinge o.k. finde, aber auf diese Diskussion lasse ich mich gar nicht erst ein.)

Ich habe einen Großteil meiner achtzehn Jahre damit verbracht zu lernen, in einer Welt zu existieren, die gelegentlich orange, chaotisch und zu laut ist. In den Pausen zwischen den einzelnen Unterrichtsstunden zum Beispiel. Dann trage ich Kopfhörer. Früher habe ich dieses großartige Teil getragen, mit dem ich aussah wie ein Fluglotse, aber Theo hat gesagt, alle hätten sich über mich lustig gemacht, wenn sie mich so im Flur gesehen hätten. Irgendwann hat meine Mutter mich dann davon überzeugt, Knopfohrhörer zu tragen. In die Cafeteria gehe ich nur selten, a) weil dort niemand bei mir sitzen will und b) weil all die Gespräche, die dort hin und her gehen, sich wie Messer auf meiner Haut anfühlen. Stattdessen hänge ich im Lehrerzimmer rum, wo man mich nicht anstarrt, als wäre mir gerade ein zweiter Kopf gewachsen, wenn ich erwähne, dass Pythagoras die nach ihm benannte Formel gar nicht entdeckt hat – in Wahrheit haben die Babylonier schon damit gerechnet, als Pythagoras noch nicht einmal ein Funkeln in den Augen seiner griechischen Eltern gewesen ist. Wenn es einmal wirklich schlimm wird, hilft Druck – zum Beispiel unter einem Haufen Wäsche oder unter einer mit Bleigewichten beschwerten Decke –, denn das Gefühl beruhigt mich. Einer meiner Therapeuten, ein Skinner-Fan, hat mich zu Songs von Bob Marley entspannen lassen. Wenn ich mich aufrege, wiederhole ich Worte immer und immer wieder und spreche mit ausdrucksloser Stimme. Dann schließe ich die Augen und frage mich selbst: »Was würde Dr. Henry Lee jetzt tun?«

Aber ich komme nicht in Schwierigkeiten, denn es gibt Regeln, die dafür sorgen, dass ich bei Verstand bleibe. Regeln bedeuten, dass ein Tag genau so abläuft, wie ich es vorausgesagt habe. Ich tue, was man mir sagt. Ich wünschte nur, andere würden sich auch daran halten.

Und wir haben auch Regeln in unserem Haus:

1. Räum dein eigenes Zeug auf.

2. Sag stets die Wahrheit.

3. Putz dir zweimal am Tag die Zähne.

4. Komm nicht zu spät zur Schule.

5. Pass auf deinen Bruder auf – er ist der einzige, den du hast.

Den Großteil dieser Regeln halte ich ganz automatisch ein … na ja, mit Ausnahme des Zähneputzens, das hasse ich, und des Aufpassens auf Theo. Sagen wir einfach, meine Interpretation der Regel Nr. 5 stimmt nicht immer mit Theos überein. Nehmen wir zum Beispiel den heutigen Tag. Ich habe ihm eine Hauptrolle in meinem Tatort gegeben, und er war außer sich vor Wut. Ich hatte ihn als Übeltäter besetzt … Ist ihm eigentlich klar, wie schmeichelhaft das ist?

Mein Psychiater, Dr. Moon Morano, bittet mich oft, Situationen, die ein Gefühl von Beklemmung bei mir erzeugen, auf einer Skala von 1 bis 10 zu bewerten.

BEISPIEL 3

Ich: »Meine Mom ist zur Bank gegangen. Sie hat gesagt, in fünfzehn Minuten sei sie wieder da, und als es dann siebzehn Minuten wurden, bin ich in Panik geraten. Und als ich sie dann angerufen habe, ist sie nicht ans Handy gegangen, und ich war sicher, dass sie irgendwo tot im Graben liegt.«

Dr. Moon: »Auf einer Skala von 1 bis 10, wie hast du dich da gefühlt?«

Ich: »Neun.«

[Anmerkung: Es war eigentlich eine 10, aber das ist eine gerade Zahl, und hätte ich das laut ausgesprochen, hätte ich die Skala gesprengt.]

Dr. Moon: »Kannst du dir eine Lösung vorstellen, die besser funktioniert hätte, als direkt den Notruf anzurufen?«

Ich (in meiner besten Cher-Stimme aus Mondsüchtig): »Reiß dich doch mal zusammen!«

Ich bewerte auch meine Tage, obwohl Dr. Moon das bis jetzt nicht von mir verlangt hat. Hohe Zahlen bezeichnen gute Tage, niedrige schlechte. Und der heutige Tag ist eine Eins dank des Streits mit Theo und dem Fehlen der Frau mit den Leckereien im Supermarkt. (Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich einen Algorithmus entwickelt habe, um vorherzusagen, was sie mir anbieten wird, und vielleicht hätte ich mich nicht so aufgeregt, wenn es der erste Samstag im Monat gewesen wäre, an dem sie nur Vegetarisches im Angebot hat. Aber heute war Nachtisch-Tag, verdammt!) Seit wir wieder zu Hause sind, habe ich mein Zimmer nicht mehr verlassen. Ich habe mich unter meinem Laken vergraben, auf dem eine schwere Decke liegt. Auf meinem iPod läuft I Shot the Sheriff in einer Dauerschleife, und ich höre mir dieses eine Lied bis 16:30 Uhr an. Dann kommt CrimeBusters und ich muss ins Wohnzimmer runter, denn da steht der Fernseher.

Die heutige Folge ist Nummer 82, eine meiner Top Five. Es geht um einen Fall, bei dem eine der Kriminaltechnikerinnen, Rhianna, nicht zur Arbeit kommt. Wie sich herausstellt, hat ein Mann, der um seine kürzlich verstorbene Frau trauert, sie als Geisel genommen. Rhianna hinterlässt Spuren für den Rest des Teams, um sie zu ihrem Versteck zu führen.

Natürlich löse ich das Rätsel lange vor dem Rest des Teams.

Der Grund, warum ich diese Folge so sehr mag, ist der, dass sie einen Fehler gemacht haben. Rhianna wird von ihrem Entführer zu einem Diner geschleppt und hinterlässt einen Kassenbon ihrer Lieblingsboutique unter ihrem leer gegessenen Teller. Ihre Kollegen finden ihn und müssen nun beweisen, dass er wirklich von ihr stammt. Sie untersuchen ihn auf Fingerabdrücke und benutzen anschließend ein Nachweisreagenz und schließlich Ninhydrin. Dabei setzt man in Wirklichkeit zuerst Ninhydrin ein, das mit Aminosäuren reagiert, und erst dann ein Nachweisreagenz, das mit Fetten reagiert. Macht man es umgekehrt, wie in dieser Folge, dann ruiniert das Reagenz die Oberfläche für das Ninhydrin. Als ich diesen Fehler entdeckt habe, habe ich sofort an die Produzenten von CrimeBusters geschrieben. Sie haben mir einen Brief geschickt und ein offizielles Fan-T-Shirt. Das T-Shirt passt mir nicht mehr, aber ich bewahre es noch immer in der Schublade auf.

Nachdem ich die Folge gesehen habe, verbessert mein Tag sich nachhaltig von 1 auf 3.

»Hey«, sagt meine Mutter und steckt den Kopf zur Wohnzimmertür herein. »Wie kommst du zurecht?«

»Gut«, erwidere ich.

Sie setzt sich neben mich auf die Couch. Unsere Beine berühren sich. Mom ist der einzige Mensch, den ich so nahe an mich heranlasse. Wäre es jemand anderes, ich wäre schon weggerückt. »So, Jacob«, sagt sie, »ich möchte dich nur darauf hinweisen, dass du einen Tag ohne Probierhäppchen überlebt hast.«

An Tagen wie diesen bin ich wirklich froh, dass ich Leuten nie in die Augen schaue. Würde ich das tun, Mom wäre sicherlich vor Scham im Boden versunken, hätte sie die Verachtung in meinem Blick gesehen. Natürlich habe ich überlebt. Aber um welchen Preis?

»Auf diese Weise haben wir wieder mal etwas gelernt«, erklärt meine Mutter und tätschelt mir die Hand. »Ich wollte das nur erwähnt haben.«

»Offen gesagt, meine Liebe«, murmele ich vor mich hin, »das ist mir scheißegal.«

Meine Mutter seufzt. »Um sechs gibt es Abendessen, Rhett«, sagt sie, obwohl es immer um sechs Abendessen gibt und ich Jacob heiße.

Die Medien haben immer wieder posthum bei berühmten Persönlichkeiten das Asperger-Syndrom diagnostiziert. Hier ein paar Beispiele:

1. Wolfgang Amadeus Mozart

2. Albert Einstein

3. Andy Warhol

4. Jane Austen

5. Thomas Jefferson

Ich bin mir allerdings zu 99 Prozent sicher, dass keiner von ihnen je einen Zusammenbruch in einem Supermarkt hatte und dabei ein ganzes Regal mit eingelegtem Gemüse zertrümmert hat.

Das Abendessen erweist sich als schmerzvolle Angelegenheit. Meine Mutter scheint fest entschlossen, ein Gespräch zu beginnen, obwohl weder Theo noch ich darauf eingehen. Sie hat wieder ein ganzes Paket Briefe von der Burlington Free Press bekommen. Sie liest sie uns beim Abendessen laut vor, und wir machen politisch inkorrekte Bemerkungen dazu, wie sie meine Mutter in ihrer Kolumne niemals veröffentlichen würde.

BEISPIEL 4

Liebe Tante Em,

meine Schwiegermutter besteht darauf, jedes Mal, wenn mein Mann und ich bei ihr zu Besuch sind, Roastbeef zu kochen, obwohl sie ganz genau weiß, dass ich schon mein ganzes Leben lang Vegetarierin bin. Was soll ich tun, wenn das wieder passiert?

Vor Wut kochend in South Royalton

Liebe Vor-Wut-Kochend,

rümpfen Sie einfach verächtlich die Nase, und hauen Sie ab.

Manchmal sind die Briefe, die sie bekommt, auch wirklich traurig, zum Beispiel der von der Frau, die von ihrem Mann verlassen wurde und nicht weiß, wie sie es ihren Kindern sagen soll. Oder von der Mom, die an Brustkrebs stirbt und einen Brief an ihre kleine Tochter verfasst hat. Der Brief soll ihr vorgelesen werden, sobald sie älter ist. Darin steht, wie sehr sie sich gewünscht hätte, bei der Abschlussfeier ihrer Tochter an der Highschool dabei zu sein, bei ihrer Hochzeit und bei der Geburt ihres ersten Kindes.

Die meisten Briefe und Fragen stammen jedoch von irgendwelchen Idioten, die eine falsche Entscheidung getroffen haben.

Wie bekomme ich meinen Mann wieder zurück, nachdem mir klar geworden ist, dass ich ihn nicht hätte betrügen sollen? Wie wäre es, wenn Sie versuchen, treu zu sein, Lady?

Wie gewinnt man einen Freund am besten zurück, den man mit einer gemeinen Bemerkung verletzt hat? Da hätten Sie wohl am besten gar nicht erst den Mund aufgemacht. Ich schwöre, manchmal kann ich einfach nicht glauben, dass meine Mutter dafür bezahlt wird, das Offensichtliche auszusprechen.

Am heutigen Abend hält sie einen Brief von einer Teenagerin hoch. Das sehe ich sofort, denn die Tinte ist lila und über dem I in »Liebe Tante Em« ist ein Herzchen anstelle des Punkts.

»›Liebe Tante Em‹«, liest meine Mutter vor, und wie immer stelle ich mir bei der Anrede eine alte Dame mit Dutt vor, aber nicht meine Mutter, »›ich mag einen Jungen, der schon eine Freundin hat, und ich weiß, dass er mich auch mögen tut …‹« Lieber Gott im Himmel! Lernt man heute denn überhaupt nicht mehr, sich vernünftig auszudrücken?

»Nein«, beantworte ich meine Frage selbst, »blöd geboren und nichts dazugelernt.«

Theo schaut von seinem Teller auf und grunzt verächtlich in Richtung Grapefruitsaft.

»›Und ich weiß, dass er mich mag, weil …‹«, liest meine Mutter weiter, »›… er mit mir nach der Schule nach Hause geht, und wir reden auch stundenlang am Telefon, und gestern habe ich es einfach nicht mehr ausgehalten und ihn geküsst, und er hat mich zurückgeküsst …‹« Oh bitte, erkläre dem Mädchen doch einer, dass man Sätze statt mit »und« auch mit einem Komma voneinander trennen kann. Plötzlich runzelt meine Mutter die Stirn, dann liest sie weiter.  

»›Und er sagt, wir können zwar nicht miteinander gehen, aber wir könnten Freunde sein und die Vorzüge dieser Freundschaft genießen. Meinen Sie, ich sollte Ja sagen? Mit freundlichen Grüßen, Burlington Buddy.‹« Meine Mutter schaut mich an. »Genießt man die Vorzüge einer Freundschaft nicht immer?«

Ich schaue ausdruckslos drein.

»Theo?«, fragt sie.

»Das ist eine Redewendung«, grummelt er.

»Und was genau bedeutet diese Redewendung?«

Theos Gesicht läuft knallrot an. »Google mal.«

»Sag es mir doch einfach.«

»Das heißt, ein Junge und ein Mädchen haben Spaß miteinander, ohne zusammen zu sein, okay?«

Meine Mutter denkt darüber nach. »Du meinst Spaß wie in … Sex?«

»Unter anderem.«

»Und was passiert dann?«

»Ich weiß nicht«, antwortet Theo. »Irgendwann ignorieren sie sich dann einfach wieder, nehme ich an.«

Meiner Mutter klappt die Kinnlade herunter. »Das ist das Erniedrigendste, was ich je gehört habe. Dieses arme Mädchen sollte dem Kerl nicht nur in den Hintern treten, sondern ihm alle vier Autoreifen zerstechen, und …« Plötzlich wandert ihr Blick zu Theo. »Du hast doch bis jetzt kein Mädchen so behandelt, oder?«

Theo verdreht die Augen. »Kannst du nicht einfach wie andere Mütter sein und mich fragen, ob ich Gras rauche?«

»Rauchst du Gras?«, fragt sie.

»Nein!«

»Hast du eine Freundin, deren Vorzüge du genießt?«

Theo steht auf und schiebt in derselben Bewegung den Stuhl nach hinten. »Ja, Tausende. Sie stehen Schlange vor der Tür. Hast du das etwa nicht bemerkt?« Er wirft seinen Teller in die Spüle und läuft nach oben.

Meine Mutter greift nach dem Stift, den sie sich in den Pferdeschwanz gesteckt hat (sie trägt immer einen Pferdeschwanz, denn sie weiß, wie sehr ich offenes Haar hasse, das bis auf die Schulter fällt). Dann kritzelt sie eine Antwort. »Jacob«, sagt sie, »sei bitte so süß, und räum den Tisch für mich ab, ja?«

Und da geht sie, meine Mutter, Heldin der Verwirrten, Retterin der Unterbelichteten, um Buchstabe für Buchstabe die Welt zu retten. Ich frage mich, was all die ergebenen Leser wohl denken würden, wenn sie wüssten, dass ihre Tante Em einen Sohn hat, der als Soziopath durchgeht, und einen , der sozial überhaupt nicht funktioniert.

Ich würde auch gerne die Vorzüge einer Freundschaft genießen, auch wenn ich das meiner Mutter gegenüber nie zugeben würde.

Ich hätte gerne einen Freund – Punkt.

Letztes Jahr hat meine Mutter mir zum Geburtstag ein unglaubliches Geschenk gekauft: ein Radio mit Polizeifunk. Es empfängt Frequenzen, die andere Radios nicht empfangen können – eine davon im UKW-Bereich oberhalb der üblichen Radiofrequenzen und wird von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst benutzt. Ich weiß lange bevor sie eintreffen, dass die Highway Patrol ihre Streufahrzeuge losgeschickt hat, und ich bekomme spezielle Wetterwarnungen, wenn ein Nordoster im Anrücken ist. Meistens höre ich mir aber den Polizeifunk und die Notrufe an, denn selbst in einem so kleinen Ort wie Townsend gibt es dann und wann ein Verbrechen.

Seit Thanksgiving bin ich schon an zwei Tatorten gewesen. Beim ersten Fall handelte es sich um einen Einbruch in ein Schmuckgeschäft. Ich bin mit dem Fahrrad zu der Adresse gefahren, die über den Funk genannt wurde, und habe vor dem Ladenlokal mehrere Beamte auf Spurensuche vorgefunden. Dabei habe ich zum ersten Mal gesehen, wie man mit einer Sprühmasse Fußspuren im Schnee sichert, ein echtes Highlight. Der zweite Tatort war eigentlich gar keiner. Es war das Haus eines Jungen, der auf meine Schule geht und immer auf mir herumhackt. Seine Mutter hatte 911 gewählt, aber als die Beamten eintrafen, stand sie mit blutender Nase vor der Tür und erklärte, sie wolle ihren Mann nicht anzeigen.

Heute Abend hatte ich gerade den Pyjama angezogen, als ich einen Code im Funk höre, den ich bis jetzt noch nie gehört habe, und ich habe schon viele Codes gehört, zum Beispiel:

10–52 ANFORDERUNG EINES RETTUNGSWAGENS

10–50 MOTORRADUNFALL

10–40 FALSCHER ALARM, AREAL GESICHERT

10–54 TIERE AUF DEM HIGHWAY

Heute allerdings höre ich:

10–100

Und das ist der Code für LEICHE.

Ich glaube, ich habe mich in meinem ganzen Leben noch nie so schnell angezogen. Ich schnappe mir ein Paperblank-Notizbuch. Es ist zwar ein gebrauchtes, aber ich will keine Zeit verschwenden. Rasch schreibe ich die Adresse auf, die mehrmals über Funk wiederholt wird. Dann schleiche ich mich auf Zehenspitzen nach unten. Mit ein wenig Glück schläft meine Mutter bereits und bemerkt gar nicht, dass ich verschwunden bin.

Draußen ist es bitterkalt, und es liegen etwa zwei Zoll Schnee. Vor lauter Aufregung über die Funkmeldung habe ich mir Sneaker statt Stiefel angezogen. Mein Mountainbike droht in jeder Kurve wegzurutschen.

Die Adresse bezieht sich auf einen Highway, und ich weiß sofort, dass ich die richtige Stelle erreicht habe, denn dort stehen vier Streifenwagen mit blinkendem Blaulicht. An einem Holzpfahl flattert Polizeiband im Wind (gelb, nicht orange), und es sind deutlich Fußabdrücke zu sehen. Neben der Straße steht ein leerer Pontiac, bedeckt mit Eis und Schnee.

Ich hole mein Notizbuch heraus und schreibe: »Das Fahrzeug ist mindestens seit zwölf Stunden verlassen; also ist es hier schon vor dem Sturm abgestellt worden.«

Als ein weiteres Polizeifahrzeug eintrifft, verstecke ich mich im Wald. Es handelt sich um eine Zivilstreife, die allerdings auch ein Blaulicht aufs Dach gesetzt hat. Der Mann, der aus dem Wagen aussteigt, ist groß und hat rotes Haar. Er trägt einen schwarzen Mantel und schwere Stiefel. Auf seiner Hand klebt ein Dora-the-Explorer-Pflaster.

Auch das schreibe ich in mein Notizbuch.

»Captain«, sagt ein Beamter und tritt zwischen den Bäumen hervor. Er trägt Uniform, dicke Handschuhe und Stiefel. »Tut mir leid, dass wir Sie rufen mussten.«

Der Captain schüttelt den Kopf. »Was haben Sie?«

»Ein Jogger hat im Wald eine Leiche gefunden. Der Kerl ist halb nackt und über und über mit Blut bedeckt.«

»Wer zum Teufel geht denn mitten im Winter in der Nacht joggen?«

Ich folge den beiden in den Wald und achte dabei sorgfältig darauf, im Schatten zu bleiben. Suchscheinwerfer erhellen das Areal um die Leiche, damit die Beamten die Spuren sichern können.

Der Tote liegt auf dem Rücken. Seine Augen sind geöffnet, und die Hose ist bis zu den Knöcheln heruntergezogen, aber er trägt noch seine Unterwäsche. Die Fingerknöchel sind rot vom Blut, ebenso die Handinnenflächen, die Knie und die Schenkel. Seine Jacke ist offen, und ihm fehlen ein Schuh und eine Socke. Überall um ihn herum ist der Schnee rosa.

»Heilige Scheiße«, sagt der Captain. Er kniet sich hin und zieht sich ein Paar Gummihandschuhe an. Dann untersucht er die Leiche aufmerksam.

Ich höre Schritte. Eskortiert von einem Uniformierten tritt ein weiterer Mann in den Lichtkreis hinein. Der Uniformierte wirft einen Blick auf den Toten, wird kreidebleich und übergibt sich. »Verdammte Scheiße …«, knurrt der andere Mann.

»Hey, Chief«, erwidert der Captain.

»Selbstmord oder Mord?«

»Das weiß ich noch nicht. Aber es handelt sich wohl offensichtlich um eine Sexualstraftat.«

»Rich, der Kerl ist von Kopf bis Fuß voller Blut, und er liegt hier in edelstem Feinripp. Glauben Sie wirklich, er ist vergewaltigt worden und hat dann Harakiri begangen?« Der Polizeichef schnaubt. »Ich weiß, dass ich nicht das gleiche Maß an Erfahrung habe wie Sie nach fünfzehn Jahren Polizeidienst in so einer Metropole wie Townsend, aber …«

Ich schaue auf die Liste in meinem Notizbuch. Was würde Dr. Henry Lee jetzt tun? Nun, er würde erst einmal die Wunden genauer untersuchen. Er würde analysieren, warum es nur oberflächliches Blut gibt und keine Spritzmuster. Er würde die Fußspuren im Schnee bemerken – eine gehört zu dem noch vorhandenen Sneaker des Opfers, die andere zu dem Jogger, der ihn gefunden hat. Und er würde fragen, warum das Opfer nach einem sexuellen Übergriff noch immer seine Unterwäsche trägt, während andere Kleidungsstücke fehlen.

Mir ist so kalt, dass ich zittere. Ich trete von einem Fuß auf den anderen, um mich zu wärmen. Dann schaue ich auf den Boden, und plötzlich ist mir alles vollkommen klar.

»Genau genommen«, sage ich und trete aus meinem Versteck heraus, »irren Sie sich beide.«

Rich

Ich weiß nicht, warum ich mir immer wieder einrede, dass ich am Wochenende etwas geschafft bekommen könnte. Ich habe die besten Vorsätze, aber irgendetwas kommt mir immer dazwischen. Nehmen wir zum Beispiel den heutigen Tag: Ich war fest entschlossen, im Garten eine Eisbahn für Sasha, meine siebenjährige Tochter zu bauen. Sie lebt bei meiner Ex, Hannah, aber von Freitagabend bis Sonntag ist sie bei mir, und im Augenblick ist es ihr Lebensziel, dem US-Eiskunstlaufteam beizutreten, wenn sie groß ist … oder eine singende Tierärztin zu werden. Ich dachte mir, es würde sie freuen, die Plane zu fluten, die ich im Garten ausgelegt und mit Pfosten eingefasst habe – ich habe die ganze Woche über nach der Arbeit geackert, um die Pfosten in die Erde zu rammen und fürs Wochenende gerüstet zu sein. Ich habe Sasha versprochen, wenn sie Sonntagmorgen aufsteht, wird sie Eislaufen können.

Jedoch hatte ich nicht damit gerechnet, dass es so verdammt kalt werden würde. Kaum hatte der Wind eingesetzt, begann Sasha zu weinen. Also bin ich stattdessen mit ihr zum Abendessen nach Burlington gefahren. Dort gibt es einen Laden, den sie ganz besonders mag, denn da darf man auf der Tischdecke malen. Auf der Fahrt nach Hause war sie eingeschlafen, während ich noch immer die Hannah-Montana-Songs von ihrer CD mitsang. Daheim angekommen trage ich sie nach oben in ihr Schlafzimmer, eine pinkfarbene Zuflucht in einem typischen Junggesellenhaushalt. Nach der Scheidung habe ich das Haus bekommen, aber Hannah so ziemlich alles, was sich darin befand. Es ist schon irgendwie seltsam, jedes Mal wenn ich Sasha aus ihrem anderen Heim abhole, sehen zu müssen, wie sich ihr neuer Stiefvater auf meiner alten Couch räkelt.

Sasha bewegt sich ein wenig, als ich ihr die Kleider aus- und das Nachthemd anziehe, doch dann seufzt sie und rollt sich unter der Decke zusammen. Eine Minute lang schaue ich sie einfach nur an. Die meiste Zeit über kämpft man als einziger Detective in der Stadt auf verlorenem Posten, und bezahlt werde ich auch noch schlecht. Außerdem sind die Fälle, an denen ich arbeite, so öde, dass sie es noch nicht einmal in den Lokalteil der Zeitung schaffen. Trotzdem sorge ich dafür, dass Sashas Welt – oder zumindest ein winziger Teil davon – ein wenig sicherer wird.

Deswegen halte ich durch.

Nun ja … und wegen des Rentenbonus, den ich für zwanzig Jahre im Dienst bekommen werde.

Unten schnappe ich mir die Taschenlampe und gehe zu der unvollendeten Eisbahn hinaus. Wenn ich noch ein paar Stunden aufbleibe, ist vielleicht genug Wasser auf der Plane, um über Nacht zu frieren.

Ich breche nicht gerne ein Versprechen. Das überlasse ich lieber meiner Ex.

Aber ich bin nicht verbittert. Nein, das bin ich nicht. Es ist nur so, dass es in meinem Beruf einfacher ist, ausschließlich in Schwarz und Weiß zu denken, anstatt auch die Schattierungen dazwischen zu sehen. Ich will gar nicht wissen, wie Hannah zu der Erkenntnis gekommen ist, dass nicht der Kerl, den sie geheiratet hat, ihr Seelenverwandter ist, sondern der, der die Kaffeemaschinen im Lehrerzimmer wartet. »Irgendwann hat er begonnen, mir Kaffee mit Haselnussaroma zu bringen«, hat sie gesagt und erwartet, dass ich selber dahinterkomme, dass das so viel wie »Ich liebe dich nicht mehr« bedeutet.

Ich gehe wieder rein, öffne den Kühlschrank und schnappe mir eine Flasche Sam Adams. Dann setze ich mich aufs Sofa, schalte das Spiel der Bruins ein und greife nach der Zeitung. Die meisten Männer blättern entweder direkt zum Wirtschafts- oder zum Sportteil, ich liebe die Kolumne auf der letzten Seite. Ich bin regelrecht süchtig nach dieser Kummerkastentante. Sie nennt sich selbst Tante Em, und sie ist mein geheimes Laster.

Ich habe mich in meinen besten Freund verliebt, und ich weiß, dass ich nie mit ihm zusammenkommen werde … Wie soll ich darüber hinwegkommen?

Mein Partner hat mich gerade mit einem vier Monate alten Baby sitzenlassen. Bitte, helfen Sie mir!

Kann man mit Vierzehn schon depressiv sein?

Vor allem zwei Dinge gefallen mir an dieser Kolumne: dass die Briefe mich ständig daran erinnern, dass mein Leben noch nicht einmal annähernd so mies ist wie das anderer Leute, und dass es zumindest einen Menschen auf diesem Planeten gibt, der alle Antworten zu kennen scheint. Tante Em hat stets die praktischsten Lösungen parat, als wäre der Schlüssel zu den größten Rätseln unserer Existenz, die emotionale Komponente einfach chirurgisch zu entfernen und sich nur mit den reinen Fakten zu beschäftigen.

Vermutlich ist sie achtzig Jahre alt und lebt mit einer Horde Katzen. Trotzdem glaube ich, dass Tante Em einen hervorragenden Cop abgeben würde.

Der letzte Brief überrascht mich.

Ich bin mit einem großartigen Mann verheiratet, aber ich kann einfach nicht aufhören, an meinen Ex zu denken, und ich frage mich, ob ich vielleicht einen Fehler begangen habe. Soll ich ihm das sagen?

Ich reiße meine Augen auf, unwillkürlich schaue ich auf die Unterschrift. Die Schreiberin lebt nicht in Strafford, wie Hannah, sondern in Stowe. »Reiß dich zusammen, Rich«, ermahne ich mich stumm.

Ich greife nach der Bierflasche und will gerade den unbeschreiblichen ersten Schluck trinken, als mein Handy klingelt. »Matson«, melde ich mich.

»Captain? Tut mir leid, dass ich Sie an Ihrem freien Abend belästige …«

Das ist Joey Urqhart, ein junger Streifenpolizist. Ich bilde mir das sicher nur ein, aber ich habe das Gefühl, die neuen Beamten werden immer jünger, besonders dieser hier schläft bestimmt noch in einem Hochbett. Sehr wahrscheinlich ruft er mich an, um zu fragen, wo wir auf dem Revier die Ersatz-Kleenex aufbewahren oder etwas ähnlich Sinnloses. Selbst ein Frischling weiß, dass man mit so etwas den Chief besser nicht belästigt, und ich bin der Stellvertreter.

»… es ist nur so …«, fährt Urqhart fort. »Wir haben eine Leiche gefunden, und ich dachte, dass Sie das vielleicht wissen wollen.«

Sofort bin ich hellwach. Ich weiß, dass ich dem Mann besser keine Fragen stellen sollte – zum Beispiel darüber, ob es sich um eine natürliche Todesursache handelt –, das werde ich schon selbst herausfinden.

»Wo?«

Er nennt mir eine Adresse am Highway, nicht weit von einem kleinen Naturschutzgebiet. Um diese Jahreszeit ist die Gegend bei Langläufern und Schneeschuhwanderern ziemlich beliebt. »Ich bin schon unterwegs«, sage ich und lege auf.

Schließlich werfe ich einen letzten, sehnsüchtigen Blick auf das Bier, das ich nicht getrunken habe, und schütte es in den Ausguss. Dann schnappe ich mir Sashas Mantel im Flur und suche in der Abstellkammer nach ihren Stiefeln. Dort sind sie nicht und auch nicht auf dem Schlafzimmerboden. Ich setze mich auf die Bettkante und wecke Sasha sanft. »Hey, Baby«, flüstere ich. »Daddy muss zur Arbeit.«

Sie blinzelt mich an. »Es ist mitten in der Nacht.«

Genau genommen ist es erst 21.30 Uhr, aber mit sieben Jahren ist Zeit relativ. »Ich weiß. Ich muss dich trotzdem zu Mrs. Whitbury bringen.«

Mrs. Whitbury hat vermutlich auch einen Vornamen, doch den habe ich noch nie benutzt. Sie lebt auf der anderen Straßenseite und ist die Witwe eines Cops mit fünfunddreißigjähriger Dienstzeit. Weshalb sie auch versteht, dass es bisweilen einen Notfall geben kann. Sie hat schon den Babysitter für Sasha gespielt, als Hannah und ich noch zusammen waren, und sie tut es immer noch, wenn ich unerwartet rausgerufen werde.

»Mrs. Whitbury riecht nach Schweißfüßen.«

Ja, das stimmt. »Komm schon, Sasha. Ich muss los.« Sie setzt sich auf und gähnt, als ich ihr den Mantel anziehe und die Mütze unter dem Kinn festbinde. »Wo sind deine Stiefel?«, frage ich.

»Ich weiß nicht.«

»Nun, unten sind sie nicht. Weißt du, wo sie sind?«

Sie grinst. »Wow! Du bist doch der Detective hier.«

»Danke, dass du so viel Vertrauen in mich setzt.« Ich hebe sie hoch. »Dann ziehen wir dir eben deine Hausschuhe an«, sage ich. »Ich bringe dich zum Wagen.«

Ich schnalle Sasha im Kindersitz an, obwohl wir nur zwanzig Meter fahren, und da sehe ich sie, die Stiefel. Sie liegen hinten auf der Gummifußmatte. Sasha muss sie sich auf dem Weg nach Hause von den Füßen getreten haben, und ich habe es nicht bemerkt, weil ich sie ins Haus getragen habe.

Wenn doch nur alle Rätsel so einfach zu lösen wären.

Mrs. Whitbury öffnet die Tür, als hätte sie uns schon erwartet. »Tut mir leid, dass ich Sie belästigen muss …«, beginne ich, aber sie winkt ab.

»Kein Problem«, sagt sie. »Ich habe sowieso auf ein wenig Gesellschaft gehofft. Sasha, ich erinnere mich nicht mehr … Mochtest du lieber Schokoladeneis oder Kekse?«

Ich stelle Sasha in den Flur. »Danke«, forme ich mit den Lippen und wende mich zum Gehen, während ich gleichzeitig darüber nachdenke, wie ich am schnellsten zum Tatort komme.

»Daddy!«

Ich drehe mich um und sehe Sasha, die die Arme nach mir ausstreckt.

Nach der Scheidung hat Sasha es noch lange Zeit nicht ertragen können, wenn jemand sie verlässt. Deshalb haben wir uns ein Ritual ausgedacht, das wir auch später beibehielten, weil es Glück bringt. »Kuss, Drücken, High-Five«, sage ich, hocke mich hin und mache die entsprechenden Gesten zu den Worten. Dann drücken wir die Daumen aufeinander. »Erdnusstüte.«

Sasha drückt ihre Stirn an meine. »Mach dir keine Sorgen«, sagen wir im Chor.

Sie winkt mir zu, und Mrs. Whitbury schließt die Tür.

Ich befestige das magnetische Blaulicht auf dem Dach und fahre zwanzig Meilen schneller als erlaubt, bis mir klar wird, dass der Tote auch nicht toter sein wird, wenn ich fünf Minuten zu spät komme, außerdem ist die Straße vereist.

Da fällt mir ein …

Ich habe das Wasser nicht abgestellt. Wenn ich nach Hause komme, wird Sasha wahrscheinlich im ganzen Garten Schlittschuh fahren können.

Liebe Tante Em,

ich musste eine zweite Hypothek aufnehmen, um meine Wasserrechnung zu bezahlen. Was soll ich tun?

Besorgt in Townsend

Lieber Besorgt-in-Townsend,

weniger trinken.

Ich lächele noch immer, als ich die Stelle erreiche, wo das Absperrband der Polizei den Tatort markiert. Urqhart kommt auf mich zu, als ich mir das verlassene Auto anschaue, einen Pontiac. Ich wische ein wenig Schnee von der Scheibe, leuchte mit der Taschenlampe hinein und sehe einen Rücksitz voller Ginflaschen.

»Captain, tut mir leid, dass wir Sie anrufen mussten«, sagt er.

»Was haben Sie?«

»Ein Jogger hat im Wald eine Leiche gefunden. Der Kerl ist halb nackt und über und über mit Blut bedeckt.«

Ich folge ihm einen markierten Pfad entlang. »Wer zum Teufel geht denn mitten im Winter in der Nacht joggen?«

Das Opfer ist nur halb bekleidet und gefroren. Die Hose hängt auf den Knöcheln. Ich frage rasch bei den anderen Beamten nach, was sie gefunden haben – es ist nicht viel. Abgesehen von all dem Blut an den Extremitäten des Mannes gibt es nichts besonders Auffälliges. Da sind zwei Fußspuren. Die eine stammt von den Sneakern des Toten, die andere von dem Jogger, der ihn gefunden hat (was gleichzeitig sein Alibi ist und ihn als Täter ausschließt). Also hat der Täter seine eigenen Spuren vermutlich verwischt. Ich hocke mich hin und untersuche gerade die Schnittwunden an der Innenfläche der linken Hand, als der Chief eintrifft. »Verdammte Scheiße«, sagt er. »Mord oder Selbstmord?«

Ich bin nicht sicher. Falls es sich um einen Mord handeln sollte, wo sind dann die Kampfspuren? Oder die Abwehrwunden an den Händen? Es sieht fast so aus, als sei die Haut aufgescheuert und nicht geschnitten worden, und es gibt keine blauen Flecken auf den Unterarmen. Und falls es sich um einen Selbstmord handeln sollte, warum hat der Kerl sich dann bis auf die Unterhose ausgezogen, und wie hat er das gemacht? Er hat Blut an Knöcheln und Knien, aber nicht an den Handgelenken. Die Wahrheit ist, dass wir so etwas in Townsend, Vermont, viel zu selten sehen, als dass wir eine stichhaltige Einschätzung abgeben könnten.

»Das weiß ich noch nicht.« Dann wage ich mich vor: »Allerdings handelt es sich offensichtlich um eine Sexualstraftat.«

Plötzlich tritt ein Teenager aus dem Wald. »Genau genommen irren Sie sich beide«, sagt er.

»Wer zum Teufel bist du denn?«, fragt der Chief, und zwei Streifenbeamte nehmen den Jungen in ihre Mitte.

»Nicht du schon wieder«, seufzt Urqhart. »Der Kerl ist schon vor gut einem Monat bei einem Einbruch aufgetaucht«, erklärt er uns. »Ist so eine Art Tatort-Spanner. Mach, dass du wegkommst, Junge. Du gehörst hier nicht hin.«

»Warten Sie«, sage ich. Vage erinnere ich mich daran, dass bei dem Einbruch wirklich so ein Teenager anwesend war. Außerdem kommt der Junge für mich im Augenblick auch als Täter in Frage, weshalb ich nicht will, dass er wegläuft.

»Es ist wirklich sehr einfach«, fährt der Junge fort und starrt die Leiche an. »In Folge 26, Season 2, wird das gesamte CrimeBusters-Team zum Mount Washington gerufen, um eine nackte Leiche zu untersuchen, die man auf dem Gipfel gefunden hat. Niemand konnte herausfinden, was der Mann auf dem Berg gemacht hat, doch die Todesursache war Erfrieren. So ist es auch bei diesem Mann. Er hat die Orientierung verloren und ist gestürzt. Als seine Körpertemperatur stieg, hat er sich die Kleider ausgezogen, weil ihm zu heiß war … doch in Wirklichkeit ist er deshalb erfroren.« Er grinst. »Ich kann einfach nicht glauben, dass Sie das nicht wissen.«

Der Chief kneift die Augen zusammen. »Wie heißt du?«

»Jacob.«

Urqhart runzelt die Stirn. »Leute, die erfrieren, bluten für gewöhnlich nicht alles voll, und …«

»Urqhart!«, sagt der Chief gereizt.

»Er hat auch nicht alles vollgeblutet«, sagt Jacob. »Es sind keine Spritzer im Schnee zu sehen, nur Ausfluss. Schauen Sie sich die Wunden an. Da sind Abschürfungen auf den Knöcheln, den Knien und den Handinnenflächen. Er ist gefallen und hat versucht, sich wieder aufzurappeln. Das Blut auf dem Schnee rührt daher, dass er über den Boden gekrochen ist, bevor er das Bewusstsein verloren hat.«

Ich mustere Jacob aufmerksam. Seine Theorie hat einen schwerwiegenden Fehler: Man fängt nicht spontan an zu bluten, wenn man über den Schnee kriecht. Wäre das der Fall, würden jeden Winter hunderte von Schulkindern in Vermont verbluten.

Und da ist irgendetwas … Irgendetwas … Irgendetwas stimmt mit dem Jungen nicht. Seine Stimme ist zu teilnahmslos und zu hoch, und er schaut niemandem in die Augen. Stattdessen wippt er auf den Fußballen, und ich glaube, er bemerkt es noch nicht einmal.

Dort, wo er wippt, schmilzt der Schnee, und Dornen kommen darunter zum Vorschein. Ich trete den Schnee beiseite und schüttele den Kopf. Der arme, betrunkene, tote Kerl hatte das Pech, mitten in ein Dornengestrüpp zu fallen.

Bevor ich etwas sagen kann, trifft der Bezirkspathologe ein. Wayne Nussbaum hat das Clown-College besucht, bevor er sich zum Mediziner hat ausbilden lassen. Trotzdem habe ich den Kerl in fünfzehn Jahren nicht einmal grinsen sehen, geschweige denn lachen. »Seid gegrüßt, alle miteinander«, sagt er und tritt ins Scheinwerferlicht auf der Lichtung. »Wie ich gehört habe, untersuchen Sie hier einen Mordfall, korrekt?«

»Glauben Sie, es könnte sich um Erfrieren handeln?«, frage ich.

Wayne denkt darüber nach und dreht die Leiche vorsichtig auf den Bauch, um den Hinterkopf zu untersuchen. »Ich habe das zwar noch nie gesehen, aber ich habe darüber gelesen. In jedem Fall würde es passen.« Er schaut zu mir hinauf. »Gute Arbeit, aber wegen eines natürlichen Todes hätten Sie mich nicht vom Bruins-Spiel wegholen müssen.«

Ich blicke zu der Stelle, wo Jacob noch vor wenigen Augenblicken gestanden hat, aber er ist verschwunden.

Jacob

Ich radele so schnell ich kann nach Hause. Ich kann es gar nicht erwarten, meine Aufzeichnungen vom Tatort in ein neues Notizbuch zu übertragen. Ich will auch Bilder zeichnen, mit Buntstiften, und eine maßstabgetreue Karte. Ich schleiche mich durch die Garage ins Haus und will mir gerade die Sneaker ausziehen, als hinter mir die Tür aufgeht.

Sofort bin ich wie erstarrt.

Es ist Theo.

Was, wenn er mich fragt, was ich gemacht habe?

Ich war nie ein guter Lügner. Wenn er mich fragt, werde ich ihm von dem Polizeifunkempfänger, der Leiche und dem Tod durch Erfrieren erzählen müssen, und das macht mich wütend, denn im Augenblick will ich das alles erst einmal für mich behalten. Ich stecke mein Notizbuch hinten in die Hose, ziehe das Sweatshirt darüber und verschränke dann die Hände hinter dem Rücken, um es zu verbergen.

»Was? Willst du mich jetzt ausspionieren?«, sagt Theo und tritt sich die Stiefel von den Füßen. »Warum besorgst du dir kein eigenes Leben?«

Erst als er halb die Treppe rauf ist, schaue ich ihn an und sehe, wie rot seine Wangen sind und wie zerzaust sein Haar. Ich frage mich, wo er wohl war und ob Mom davon weiß. Doch der Gedanke verflüchtigt sich sofort wieder und weicht dem Bild des Toten, der blauen Haut und dem pinkfarbenen Schnee im Scheinwerferlicht. All das muss ich mir für das nächste Mal merken, wenn ich einen Tatort konstruiere. Ich könnte Lebensmittelfarbe auf den Schnee spritzen und mir mit einem roten Textmarker Flecken auf Knöchel und Knie malen. Ich bin zwar nicht gerade wild darauf, mich in Unterwäsche in den Schnee zu legen, wäre aber zu diesem Opfer bereit, um meiner Mutter ein Szenario zu präsentieren, das sie umhauen wird.

Als ich mein Zimmer betrete, summe ich noch immer vor mich hin. Ich ziehe meine Kleider aus und meinen Pyjama an. Dann setze ich mich an den Schreibtisch und schneide vorsichtig die Seite aus dem alten, gebrauchten Notizbuch, damit ich nicht das Reißen von Papier hören muss. Anschließend hole ich ein neues Spiralnotizbuch aus der Schublade und zeichne den Tatort.

Sieh mal an … Da hat sich doch gezeigt, dass dieser Tag auf einer Skala von 1 bis 10 eine 11 war.

FALL 2: IRONIE 101

Imette St Guillen war eine ausgezeichnete Studentin der Kriminalistik in New York. Im Winter 2006 ging sie eines Nachts mit ihren Freunden aus. Sie trennte sich von ihnen und zog nach SoHo weiter. Von dort aus rief sie eine Freundin an, um ihr mitzuteilen, dass sie in einer Bar sei. Sie kehrte nie mehr nach Hause zurück. Man fand ihre nackte Leiche, die in eine geblümte Decke gewickelt war, vierzehn Meilen entfernt in einer verlassenen Gegend nahe dem Belt Parkway in Brooklyn. Ihr Haar war auf der einen Seite abgeschnitten und ihre Hände und Füße waren mit Plastikfesseln zusammengebunden. Sie war mit einer Socke geknebelt und ihr Gesicht mit Paketband umwickelt worden. Sie war vergewaltigt und dann erstickt worden.

An einer der Plastikfesseln wurde Blut gefunden, doch bei der DNA-Analyse stellte sich heraus, dass es nicht dem Opfer gehörte, sondern Darryl Littlejohn, einem Türsteher, den man beauftragt hatte, die betrunkene, junge Frau gegen vier Uhr morgens aus der Bar zu entfernen. Zeugen berichteten, die beiden hätten sich gestritten, bevor sie das Etablissement verließen.

In Littlejohns Wohnung fand man Faserspuren, die zu dem Paketband an der Leiche passten.

Littlejohn wurde außerdem wegen einer zweiten Entführung und der versuchten Vergewaltigung einer weiteren Collegestudentin angeklagt, der es jedoch gelungen war zu fliehen. In diesem Fall hatte er sich als Polizeibeamter ausgegeben, ihr Handschellen angelegt und sie in seinen Van geworfen.

Imette St Guillen verwandelte sich so auf tragische Weise von einer Kriminalistikstudentin zum Musterbeispiel in Vorlesungen über die DNA-Analyse.

2

Emma

Früher hatte ich Freunde. Als ich noch keine Kinder hatte und bei einem Schulbuchverlag in Boston gearbeitet habe, hing ich nach der Arbeit mit den anderen Lektoren rum. Wir sind Sushi essen gegangen oder haben uns einen Film im Kino angesehen. Als ich Henry kennenlernte, waren es meine Freundinnen, die mich dazu ermutigten, ihn zu einem Date einzuladen, da er zu schüchtern zu sein schien, um mich zu fragen. Sie drängten sich hinter meinem Schreibtisch, lachten und fragten, ob da auch ein wenig Superman unter all dem Clark Kent versteckt sei. Und als Henry und ich heirateten, waren sie meine Brautjungfern.

Dann wurde ich schwanger, und plötzlich hatte ich nur noch Kontakt zu den Menschen in meinem Geburtsvorbereitungskurs, wo sie übten, richtig zu atmen und über Windelsonderangebote diskutierten. Als wir dann schließlich unsere Babys zur Welt brachten, haben drei andere Mütter und ich eine Krabbelgruppe organisiert. Mit der Aufsicht wechselten wir uns ab. Die Erwachsenen saßen auf der Couch und tauschten die neuesten Gerüchte aus, während die Babys auf dem Boden tollten.

Dann wurden unsere Kinder älter und begannen mit- statt nebeneinander zu spielen. Genau genommen spielten alle miteinander außer Jacob. Die Jungs meiner Freundinnen rasten mit ihren Matchboxautos über den Teppich, Jacob stellte sie Stoßstange an Stoßstange und mit militärischer Präzision auf. Während die anderen Kinder chaotisch-bunte Bilder malten, zeichnete Jacob perfekte, kleine Quadrate in den Farben des Regenbogens.

Zuerst fiel es mir gar nicht auf, dass meine Freundinnen vergaßen zu erwähnen, in wessen Haus sich die Spielgruppe das nächste Mal treffen würde. Ich dachte mir auch nichts dabei, als ich die Gastgeberin war und zwei Mütter sich wegen »anderweitiger Verpflichtungen« entschuldigten. Doch an diesem Nachmittag bekam Jacob einen Anfall, als die Tochter einer Freundin nach dem Spielzeugtruck griff, dessen Räder er gerade drehte, und er schlug sie so hart, dass sie auf die Kante des Wohnzimmertischs fiel. »Ich kann das nicht mehr«, sagte meine Freundin und sammelte ihr schreiendes Kind ein. »Tut mir leid, Emma.«

»Aber das war doch nur ein Unfall! Jacob weiß nicht, was er tut!«

Sie starrte mich an. »Weißt du’s?«

Danach hatte ich keine Freunde mehr. Wie hätte ich bei all den Terminen bei den Spezialisten, zu denen wir mit Jacob gehen mussten, auch Zeit dafür finden sollen? Und waren wir einmal nicht unterwegs, hockte ich den ganzen Tag mit ihm auf dem Teppich und versuchte, mit ihm in Kontakt zu kommen. Nachts, wenn er schlief, las ich die neuesten Bücher über Autismus, als könnte ich so die Fragen beantworten, an denen selbst die größten Experten scheiterten. Als Theo in den Kindergarten kam, lernte ich andere Familien kennen. Zuerst hießen sie mich willkommen, distanzierten sich aber rasch, als sie Theos älteren Bruder kennenlernten. Und weil ich über nichts anderes mehr reden konnte, als darüber, dass die transdermale Verabreichung von Glutathion einigen autistischen Kindern geholfen hatte, weil sie selbst nicht genug von diesem Stoff produzieren können, um ihren Körper zu entgiften.

Isolation. Fixierung auf ein bestimmtes Thema. Unfähigkeit, soziale Kontakte herzustellen.

Bei Jacob hatte man es diagnostiziert, aber ich hätte genauso gut das Asperger-Syndrom haben können.

Als ich um sieben Uhr morgens nach unten komme, sitzt Jacob schon geduscht und angezogen am Küchentisch. Ein normaler Teenager würde sonntags bis Mittag schlafen – Theo ganz sicher –, aber Jacob ist eben nicht normal. Seine Gewohnheit, sich früh für die Schule fertig zu machen ist für ihn wichtiger als die Tatsache, dass am Wochenende keine Notwendigkeit dafür besteht, das Haus so früh zu verlassen. Auch wenn es schneefrei in der Schule gibt, zieht Jacob sich an, anstatt wieder ins Bett zu gehen.

Er kauert über der Sonntagszeitung. »Seit wann liest du denn Zeitung?«, frage ich.

»Jede Mutter will doch, dass ihr Sohn über aktuelle Ereignisse auf dem Laufenden bleibt, oder?«

»Jaja, aber darauf falle ich nicht rein. Lass mich raten … Du schneidest Staples-Coupons für Sekundenkleber aus, stimmt’s?« Jacob macht das dauernd. Er nimmt damit Fingerabdrücke von Gegenständen ab. Genauso normal ist es in diesem Haus, dass plötzlich irgendwas verschwindet – meine Autoschlüssel, Theos Zahnbürste –, und dass diese Dinge dann irgendwann an einem unmöglichen Ort wieder auftauchen.

Ich gebe exakt so viel Kaffee in die Kaffeemaschine, wie ich brauche, um wieder zu einem Mensch zu werden. Dann mache ich Frühstück für Jacob. Das ist eine Herausforderung. Jacob isst weder Gluten noch Kasein – kein Weizen, kein Hafer, keine Gerste und keine Milchprodukte. Da es noch kein Heilmittel für das Asperger-Syndrom gibt, behandeln wir die Symptome, und aus irgendeinem Grund bessert sich sein Verhalten, wenn ich die Diät umstelle. Hält er sich mal nicht daran, wie zum Beispiel letztes Weihnachten, kann man sofort beobachten, wie sich sein Zustand verschlechtert, bis hin zum Zusammenbruch. In Anbetracht der Tatsache, dass bei jedem hundertsten Kind in den Vereinigten Staaten irgendeine Form von Autismus diagnostiziert wird, könnte ich vermutlich eine sehr erfolgreiche Fernsehsendung mit dem Titel »Ernährungstipps für Autisten« machen. Jacob teilt meinen Enthusiasmus fürs Essen jedoch nicht; wird er darauf angesprochen, bezeichnet er mich als eine Mischung aus Jenny Craig und Josef Mengele.

Fünf Tage die Woche isst Jacob nicht nur nach seinem Diätplan, sondern auch nach Farbe. Ich weiß nicht mehr genau, wie das angefangen hat, aber inzwischen ist es Routine. Montags sind alle Speisen grün, dienstags rot, mittwochs gelb und so weiter. Aus irgendeinem Grund hilft ihm das in seinen Denkstrukturen. Das Wochenende ist jedoch für alle Farben offen. Also besteht mein Frühstück heute Morgen aus aufgetauten, selbstgemachten Tapioca-Reismuffins und Müsli mit Sojamilch. Dazu brate ich etwas Putenschinken und stelle Erdnussbutter und glutenfreies Brot auf den Tisch. Ich habe ein drei Zoll dickes Ringbuch voller E-Nummern von Zusatzstoffen und kostenlosen Hotlines von Lebensmittelherstellern. Das ist meine Kochbibel. Und ich habe auch Grapefruitsaft, denn den mischt Jacob mit seinem Glutathionpulver. Davon nimmt er stets einen Teelöffel voll plus einen Viertel Teelöffel Vitamin C. Aber Grapefruitsaft hin oder her, das Zeug schmeckt immer noch wie Schwefel, doch das ist allemal besser als die Alternative: eine Creme, die er sich früher auf die Füße geschmiert hat und über die er dann Socken ziehen musste, weil sie so furchtbar gestunken hat. Allerdings sind die Nachteile des Glutathion nichts im Vergleich zu den Vorteilen. So ermöglicht das Zeug es Jacobs Körper, Gifte auszuscheiden, denen er ansonsten wehrlos ausgesetzt wäre, und das wiederum erhöht seine geistige Leistungsfähigkeit.

Die Lebensmittel sind jedoch nur der eine Teil des Buffets.

Ich hole winzige Silikonschüsseln aus dem Schrank, in denen wir Jacobs Nahrungsergänzungsmittel aufbewahren. Jeden Tag nimmt er ein Multivitaminpräparat, eine Taurinkapsel und eine Omega-3-Tablette. Das Taurin beugt Zusammenbrüchen vor, die Fettsäuren erhöhen Jacobs geistige Flexibilität. Als ich ihm die beiden Dinge vorsetze, die er am meisten hasst, hebt er die Zeitung vors Gesicht. Es ist das Oxytocin-Nasenspray und die Vitamin-B12-Spritze, die er sich selber verabreicht. Beides hilft ihm gegen seine Angst.

»Du kannst dich verstecken, aber du kannst nicht weglaufen«, sage ich und ziehe eine Ecke der Zeitung herunter.

Man sollte meinen, die Spritze sei das Schlimmste für ihn, aber er hebt, ohne mit der Wimper zu zucken, sein T-Shirt und jagt sich das Ding in den Bauch. Aber ein Nasenspray ist für ein hypersensitives Kind wie ein herbeigeführtes Ertrinken. Jeden Tag schaue ich zu, wie Jacob das Fläschchen anstarrt und sich schließlich selbst davon überzeugt, dass er das Gefühl der tropfenden Flüssigkeit in seinem Rachen ertragen wird. Und jeden Tag bricht mir dieser Anblick das Herz.

Ich muss sicher nicht erwähnen, dass keines dieser Mittel – die jeden Monat mehrere hundert Dollar kosten – von der Krankenversicherung bezahlt wird.

Während Jacob in der Zeitung weiterblättert, stelle ich den Teller mit den Muffins vor ihn hin. »Hast du dir die Zähne geputzt?«, frage ich.

»Ja«, murmelt Jacob.

Ich lege die Hand auf die Zeitung, sodass er nicht weiterlesen kann. »Wirklich?«

Jacob lügt fast nie, und wenn er es tut, ist das so offensichtlich für mich, dass ich nur eine Augenbraue zu heben brauche, und er bricht ein. Eigentlich versucht er nur zu lügen, wenn man etwas von ihm verlangt, das er nicht tun will – zum Beispiel seine Nahrungsergänzungsmittel nehmen oder sich die Zähne putzen –, oder wenn er einem Streit aus dem Weg gehen will. In diesen Fällen sagt er immer genau das, wovon er glaubt, dass ich es hören will. »Ich mache es nach dem Essen«, verspricht er, und ich weiß, dass er das tun wird. »Ja!«, krächzt er plötzlich. »Es steht drin!«

»Was steht drin?«

Jacob beugt sich vor und liest laut: »Die Polizei von Townsend hat die Leiche des 53-jährigen Wade Deakins in einem Wald an der Route 140 gefunden. Deakins ist erfroren. Nichts deutet auf eine Gewalttat hin.« Er schnaubt und schüttelt den Kopf. »Ich kann nicht glauben, dass sie das auf Seite 14 versteckt haben?«

»Das kann ich durchaus nachvollziehen«, erwidere ich. »Das ist doch furchtbar. Wer will schon etwas über einen erfrorenen Mann lesen?« Dann halte plötzlich beim Umrühren meines Kaffees inne. »Woher wusstest du, dass der Artikel heute Morgen in der Zeitung stehen würde?«

Jacob zögert. Er weiß, dass er ertappt worden ist. »Ich habe geraten.«

Ich verschränke die Arme vor der Brust und starre ihn an. Auch wenn er mir nicht in die Augen schaut, so spürt er doch meinen brennenden Blick.

»Okay!«, gesteht er. »Ich habe gestern Nacht im Polizeifunk davon gehört.«

Ich sehe die Art, wie er mit dem Stuhl schaukelt, und die Röte, die ihm ins Gesicht steigt. »Und?«

»Ich bin hingefahren.«

»Du bist was?«

»Das war gestern Nacht. Ich habe mein Fahrrad genommen und …«

»Du bist in dieser Eiseskälte mit dem Fahrrad zur Route 140 gefahren?«

»Willst du die Geschichte jetzt hören oder nicht?«, sagt Jacob, und ich unterbreche ihn nicht länger. »Die Polizei hat eine Leiche im Wald gefunden, und der Detective hat zuerst ein Sexualverbrechen und Mord angenommen …«

»Oh, mein Gott!«

»… aber die Beweise gaben das nicht her.« Er strahlt. »Ich habe den Fall für sie gelöst.«

Mir bleibt der Mund offen stehen. »Und sie fanden das o.k.?«

»Nun … äh … nein. Aber sie haben Hilfe gebraucht. Ich habe die Wunden des Toten gesehen, sie waren auf der falschen Spur …«

»Jacob, du kannst nicht einfach so in einen Tatort platzen! Du bist kein Polizist!«

»Aber ein Zivilist, der mehr von Kriminaltechnik versteht als die hiesige Polizei«, argumentiert er. »Ich habe den Detective sogar die Lorbeeren dafür einheimsen lassen.«

Vor meinem geistigen Auge sehe ich schon die Polizei vor der Tür stehen, um mich (bestenfalls) zurechtzuweisen oder (schlimmstenfalls) um Jacob zu verhaften. Wenn ich mich recht entsinne, ist es doch strafbar, sich in eine polizeiliche Ermittlung einzumischen, nicht wahr? Und was wird wohl passieren, wenn bekannt wird, dass Tante Em, die anderen sagt, wie sie ihr Leben zu leben haben, noch nicht einmal weiß, wo ihr eigener Sohn sich des Nachts herumtreibt?

»Jetzt hör mir mal zu«, sage ich. »So etwas darfst du nie wieder tun. Niemals! Was, wenn es sich wirklich um einen Mord gehandelt hätte, Jacob? Was, wenn der Killer sich an deine Fersen geheftet hätte?«

Ich sehe, wie er darüber nachdenkt. »Nun«, antwortet er, und wieder einmal hat er alles wörtlich verstanden, »dann würde ich ganz schnell rennen, nehme ich an.«

»Betrachte das als eine neue Regel der Hausordnung. Du wirst dich nie mehr aus dem Haus schleichen, sondern mir immer vorher Bescheid sagen.«

»Also genau genommen war das kein Schleichen«, erklärt er mir.

»Jacob, so wahr mir Gott helfe …«

Er nickt mit dem Kopf. »Nicht rausschleichen, um zu einem Tatort zu gehen. Verstanden.« Dann schaut er mich an, und das passiert so selten, dass ich unwillkürlich die Luft anhalte. »Aber, Mom«, sagt er, »ernsthaft, ich wünschte, du hättest das sehen können. Die Wunden an den Schienbeinen des Mannes und …«

»Jacob, der Mann ist eines furchtbaren und einsamen Todes gestorben, und er verdient ein wenig Respekt.« Doch noch während ich das sage, erinnere ich mich daran, dass er das nicht versteht. Vor zwei Jahren, bei der Beerdigung meines Vaters, hat Jacob gefragt, ob man den Sarg vor der Beisetzung noch einmal öffnen könne. Ich dachte, er wolle sich von einem geliebten Verwandten verabschieden, doch stattdessen hat er die Hand auf die kalte, blutleere Wange meines Vaters gelegt. »Ich will nur wissen, wie ›tot‹ sich anfühlt«, hat er gesagt.

Ich nehme ihm die Zeitung ab und falte sie zusammen. »Du wirst jetzt einen Brief an den Detective schreiben und dich dafür entschuldigen, dass du dich in seine Arbeit eingemischt hast …«

»Ich weiß nicht, wie er heißt!«

»Dann google nach ihm«, erwidere ich. »Und, ach ja … bis auf Weiteres hast du Stubenarrest.«

»Stubenarrest? Meinst du damit, ich darf nicht aus dem Haus?«

»Nur zur Schule.«

Zu meiner Überraschung zuckt Jacob mit den Schultern. »Dann wirst du wohl Jess anrufen müssen.«

Verdammt! Ich habe seine Sozialtherapeutin vergessen. Jacob trifft sich zweimal die Woche mit ihr, um seine sozialen Fähigkeiten zu verbessern. Jess Ogilvy ist Studentin an der UVM. Später will sie einmal autistische Kinder unterrichten, und sie kommt einfach hervorragend mit Jacob zurecht. Und Jacob vergöttert sie, auch wenn er schreckliche Angst vor dem hat, was sie von ihm verlangt: Kassierern in die Augen schauen, im Bus mit Fremden ein Gespräch anfangen und Passanten nach dem Weg fragen. Für heute hatten sie einen Besuch in der Pizzeria geplant, damit Jacob ein wenig Smalltalk üben kann.

Doch um das zu tun, braucht er die Erlaubnis, das Haus zu verlassen.

»Muffin?«, fragt er unschuldig und hält mir den Teller hin.

Ich hasse es, wenn er weiß, dass er im Recht ist.

Fragen Sie mal die Mom eines autistischen Kindes, ob Impfstoffe bei der Erkrankung ihres Sprösslings eine Rolle gespielt haben, und sie wird ihnen mit allem Nachdruck antworten: Ja!

Fragen Sie eine andere, und sie wird Ihnen genauso nachdrücklich erklären: Nein!

Das Urteil darüber ist im wahrsten Sinne des Wortes noch nicht gefällt worden. Eine Handvoll Eltern hat tatsächlich die Regierung verklagt, weil sie annehmen, dass Pflichtimpfungen für den Zustand ihrer Kinder verantwortlich sind. Ich habe noch keinen Scheck mit Schmerzensgeld erhalten, und ich verlasse mich auch nicht darauf, dass ich jemals einen solchen Scheck erhalten werde.

Das sind die Fakten:

1. Im Jahre 1988 haben die Gesundheitsämter eine neue Impfempfehlung für Kleinkinder in Amerika herausgebracht. Drei Impfungen gegen Hepatitis B kamen hinzu (davon eine unmittelbar nach der Geburt) und drei gegen HIB. All diese Impfungen sollten durchgeführt werden, noch bevor die Kinder sechs Monate alt sind.

2. Die Pharmakonzerne stellten sich der Herausforderung und produzierten Impfstoffe, die mit Thimerosal haltbar gemacht wurden, dem antibakteriellen Natriumsalz einer organischen Quecksilberverbindung.

3. Obwohl die Auswirkungen einer Quecksilbervergiftung schon seit 1940 bekannt sind, haben die Behörden sich nicht damit auseinandergesetzt, welche Auswirkung das Quecksilber in den Impfdosen auf Neugeborene haben könnte. Auch die Pharmakonzerne haben keinerlei Bedenken geäußert, obwohl die neue Regelung mit sich bringt, dass ein wenige Monate altes Baby an nur einem einzigen Tag eine Dosis Quecksilber verabreicht wird, die hundert Mal größer ist als die Menge, die über Jahre hinweg erlaubt ist.

4. Die Symptome des Autismus sind denen einer Quecksilbervergiftung verdammt ähnlich.

So hat die Wissenschaft zum Beispiel die Migration von Quecksilber ins Hirn von Primaten studiert. Wenn ein bestimmter Punkt überschritten wurde, begannen die Tiere Augenkontakt zu meiden.

5. Zwischen 1999 und 2002 ist Thimerosal klammheimlich aus allen Impfstoffen für Kinder entfernt worden.

Es gibt allerdings auch ein Gegenargument: Die organischen Quecksilberverbindungen, wie sie in Impfstoffen verwendet werden, verlassen den Körper schneller als das Methylquecksilber, das als so giftig gilt. Außerdem steigt die Zahl der Autismuserkrankungen immer noch, obwohl es kein Quecksilber in Impfstoffen mehr gibt. Die Gesundheitsbehörden, die WHO und verschiedene Universitäten haben fünf große Studien durchgeführt, und bei keiner davon ist eine Verbindung zwischen Impfstoffen und Autismus festgestellt worden. Diese Fakten sind beeindruckend, dennoch gibt es einen Punkt, der mich davon überzeugt hat, dass es sehr wohl eine Verbindung zwischen beidem gibt:

Mein Sohn war wie jedes andere zweijährige Kind, bis er eine Kombi-Impfung gegen Diphterie, Pertussis, Tetanus, HIB und Hepatitis B bekommen hat.

Ich glaube nicht, dass das Zufall ist, auch wenn nur eins von hundert Kindern nach einer Impfung autistisch wird. Vermutlich ist das ähnlich wie bei Krebs. Wir alle haben die Veranlagung dazu in unseren Genen, aber wenn man zwei Schachteln Zigaretten am Tag raucht, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung nun einmal drastisch. Und Kinder mit einer bestimmten Gendisposition können Quecksilber nun mal nicht so schnell abbauen wie andere, und als Folge davon erkranken sie.

Andererseits gehöre ich aber auch nicht zu jenen Eltern, die so weit gehen, dass sie Impfungen generell ablehnen. Als Theo geboren wurde, hat er auch seine Spritzen bekommen, denn meiner Meinung nach überwiegen immer noch die Vorteile einer Impfung.

Ich glaube an Impfungen. Das tue ich wirklich. Ich halte es nur für besser, sie auf einen längeren Zeitraum zu verteilen.

Es ist Jess Ogilvy zu verdanken, dass Jacob zum Frühlingsball seiner Highschool gegangen ist.

Um ehrlich zu sein, damit hätte ich nie gerechnet. Es gibt viele Dinge, von denen ich früher dachte, dass sie einfach zur normalen Entwicklung eines Kindes gehören, doch nach Jacobs Diagnose ist das meiste davon zu einem frommen Wunsch geworden: der Besuch eines Colleges, ein fester Job, eine liebevolle Partnerin.

Jetzt muss wohl Theo den größten Teil meiner Träume für mich verwirklichen. Für Jacob hoffe ich nur, dass es ihm irgendwann gelingen wird, sich nahtloser in diese Welt einzufügen. Doch für seinen Bruder hoffe ich, dass er eine Spur in der Welt hinterlassen wird.

Deshalb war ich auch so überrascht, als Jacob letzten Frühling verkündete, dass er auf den Schulball gehen würde. »Mit wem denn?«, habe ich gefragt.

»Nun«, hat Jacob geantwortet, »dieses Problem haben Jess und ich noch nicht ganz gelöst.«

Ich verstand sofort, warum Jess das angeregt hatte: die Fotos, der Tanz, die Tischgespräche – all das waren Dinge, mit denen umzugehen Jacob lernen musste. Ich war ganz ihrer Meinung, aber ich wollte auch nicht, dass Jacob verletzt wird. Was, wenn niemand, den er fragen würde, mit ihm gehen wollte?

Halten Sie mich jetzt bitte nicht für eine schlechte Mutter. Ich bin nur realistisch. Ich weiß, dass Jacob gut aussieht, lustig ist und so klug, dass sich mir manchmal der Kopf dreht. Anderen fällt es jedoch schwer, ihn auch in diesem Licht zu sehen. Für sie ist er einfach nur seltsam.

An jenem Abend bin ich in Jacobs Zimmer gegangen. Die Freude darüber, ihn bei einer sozialen Aktivität zu sehen, wurde von der Angst getrübt, dass die Mädchen ihm ins Gesicht lachen würden. »So«, sagte ich und setzte mich auf die Bettkante. Ich wartete darauf, dass er seinen Lesestoff, das Journal of Forensic Sciences, eine Fachzeitschrift für Kriminaltechnik, beiseitelegen würde.

»Der Schulball, hm?«

»Ja«, sagte er. »Jess glaubt, das sei eine gute Idee.«

»Und was ist mit dir? Hältst du das auch für eine gute Idee?«

Jacob zuckte mit den Schultern. »Ich nehme es an. Aber ich mache mir auch ein wenig Sorgen …«

Das war mein Stichwort. »Worüber?«

»Darüber, welches Kleid sie trägt«, antwortete Jacob. »Wenn sie Orange trägt, halte ich das wahrscheinlich nicht aus.«

Ein Lächeln schlich sich auf meine Lippen. »Vertrau mir. Kein Mädchen trägt orange auf einem Schulball.« Ich zupfte an seinem Laken herum. »Gibt es da vielleicht ein bestimmtes Mädchen, das du fragen willst?«

»Nein.«

»Nein?«

»Auf diese Art kann ich nicht enttäuscht werden«, erklärte er in sachlichem Ton.

Ich zögerte. »Ich finde es toll, dass du es versuchst. Und selbst wenn es nicht funktionieren sollte …«

»Mom«, unterbrach Jacob mich, »natürlich wird es funktionieren. Es gibt 402 Mädchen auf meiner Schule. Wenn wir davon ausgehen, dass auch nur eine von ihnen mich ein wenig attraktiv findet, dann gibt es auch eine statistische Wahrscheinlichkeit, dass eine von ihnen Ja sagen wird.«

Wie dem auch sei, er musste nur 83 fragen. Amanda Hillerstein hatte einen jüngeren Bruder mit dem Down-Syndrom, und sie war liebevoll genug, um über sein Asperger-Syndrom hinwegzusehen, zumindest für einen Abend.

Was dann folgte, war ein zweiwöchiger Crashkurs in Schulball-Etikette. Jess arbeitete mit Jacob an seinen Smalltalk-Fähigkeiten. (Angemessen: »Belegst du diesen Sommer einen Kurs am College?« Unangemessen: »Hast du gewusst, dass es in Tennessee einen Ort gibt, der ›Body Farm‹ heißt, wo du lernen kannst, wie eine Leiche zerfällt?«)

Ich wiederum arbeitete mit ihm an allem anderen. Wir übten, nahe an ein Mädchen heranzutreten, anstatt einen halben Meter Abstand zu halten, und in die Kamera zu schauen, wenn man fotografiert wird. Und wir übten, wie man sein Mädchen zum Tanzen auffordert, wobei Jacob eine eindeutige Grenze bei den langsamen Tänzen zog. (»Muss ich sie wirklich anfassen?«)

Am Tag vor dem Schulball gingen mir tausend Dinge durch den Kopf, die schiefgehen konnten. Jacob hatte noch nie einen Smoking getragen. Was, wenn die Fliege ihn aufregte und er sich weigerte, sie anzuziehen? Er hasste Bowling, weil er es nicht mochte, seine Füße in Schuhe zu stecken, die noch wenige Augenblicke zuvor die Füße eines anderen beherbergt hatten. Was, wenn er aus dem gleichen Grund einen Anfall bekam, wenn er seine geliehenen Lederschuhe anziehen sollte? Was, wenn das Organisationskomitee des Balls sich in letzter Minute nicht für das Thema »Unter dem Meer«, sondern für »Disco« entschieden hatte? Würden all die flackernden Lichter und Farben Jacobs Sinne überlasten? Was, wenn Amanda ihre Haare offen tragen würde? Würde Jacob in sein Zimmer rennen, wenn er sie so sehen würde?

Amanda – Gott segne sie – hatte angeboten zu fahren, da Jacob das ja nicht kann. Um Punkt sieben Uhr fuhr sie mit ihrem Jeep Cherokee vor. Jacob wartete mit einem Blumenstrauß auf sie, den er am Nachmittag in der Gärtnerei geholt hatte. Seit sechs Uhr hatte er am Fenster gestanden.

Jess war mit einer Videokamera gekommen, um das Ereignis für die Nachwelt festzuhalten. Als Amanda dann in einem langen pfirsichfarbenen Kleid aus dem Wagen stieg, hielten wir alle die Luft an.

»Du hast gesagt, sie würde kein Orange tragen«, flüsterte Jacob.

»Das ist pfirsichfarben«, korrigierte ich ihn.

»Das gehört zur Familie der Orange-Töne«, erwiderte er. Mehr konnte er nicht sagen, denn in dem Moment klopfte Amanda bereits. Jacob riss die Tür auf. »Du siehst wunderbar aus«, verkündete er genau so, wie wir es geübt hatten.

Als ich sie im Vorgarten fotografierte, schaute Jacob sogar in die Kamera. Bis heute ist das das einzige Bild von ihm, auf dem er in die Kamera schaut. Ich muss zugeben, ich habe ein wenig geweint, als ich zusah, wie er seiner Verabredung den Arm angeboten hat, um sie zum Wagen zu führen. Ich hätte mir keinen besseren Ablauf erträumen können. Jacob hatte sich jede Lektion perfekt gemerkt, die wir ihm beigebracht hatten.

Jacob öffnete Amanda die Tür und ging dann auf die Beifahrerseite.

Oh nein, dachte ich.

»Das haben wir vollkommen vergessen«, sagte Jess.

Und wie selbstverständlich setzte Jacob sich auf seinen angestammten Platz: den Rücksitz.

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