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In den Armen des Windes

Über die Autorin

Caroline Roth wurde 1967 geboren und lebt in der Schweiz. Sie studierte Betriebswirtschaft und arbeitet heute als Finanzchefin bei einer Gruppe von Rehabilitationskliniken. IN DEN ARMEN DES WINDES ist ihr erster Roman bei Bastei Lübbe.

1

Frankreich, im Jahre 1760

Das trübe Herbstwetter passte bestens zu Fleur Laurents Stimmung. Es war ein trauriger Tag, wie ihm schon viele vorangegangen waren und wie ihm noch viele folgen würden, zumindest in ihrem Leben. Davon war sie überzeugt. Besonders, wenn sie an die Worte des Advokaten dachte: »… Ihr habt das Anwesen binnen vier Wochen zu verlassen …«

Binnen vier Wochen. Der letzte Tag dieser Frist war heute. Nichtsdestotrotz umklammerte sie die Schere, mit der sie die verblühten, traurig aussehenden Rosen zurückschnitt. Vorsichtig darauf bedacht, die Schere genau oberhalb jenes Auges anzusetzen, aus dem im nächsten Jahr eine neue Knospe wachsen sollte. Nächstes Jahr – verbittert schob sie diesen Gedanken beiseite und versuchte, sich mit aller Kraft auf die Rosen zu konzentrieren. Sie schnitt die letzten verwelkten Blüten ab, trat einen Schritt zurück und begutachtete ihr Werk kritisch. Das langgezogene Rosenbett bildete im Sommer einen hübschen Abschluss der großen Terrasse vor dem Haus.

Hinter Fleur schob der Wind totes Laub raschelnd über die Sandsteinplatten der Terrasse und bildete kleine Haufen. Der Sturm der vergangenen Nacht, der sie um den Schlaf gebracht hatte, musste wieder neue Blätter heruntergerissen haben. Wohl bald die letzten, dachte sie, als sie zu den beinahe kahlen Ästen in den Wipfeln des alten Baumbestandes hinaufblickte. Nebel hing stattdessen in den Bäumen, und die Vögel, die den ganzen Sommer über vergnügt ihr Lied gezwitschert hatten, waren verschwunden. Wo sind sie wohl hingeflogen?, fragte sich Fleur.

Bevor sie weiter solchen trübseligen Gedanken nachhängen konnte, riss eine Stimme sie aus ihrer Versunkenheit. »Madame Laurent! Madame Laurent!«

Missmutig drehte sie sich zu der Stimme um, die von einem grauhaarigen Kopf mit einem kleinen Dutt im Nacken stammte, der sich aus einem Fenster im zweiten Stock lehnte. »Die Kutsche ist da!«

»Ja, ja, ich komme«, antwortete sie und drehte sich wieder zu ihren Rosen um. Der Kutscher konnte warten. Ein letztes Mal ließ sie wehmütig den Blick über die Rosenstöcke, den Rasen und die mächtigen, alten Bäume des weitläufigen Gartens schweifen.

Dann griff sie kurz entschlossen nach dem Korb, in dem sie die abgeschnittenen Rosen gesammelt hatte, und ging über die Terrasse um die Hausecke zu einem Holzschuppen. Die verwelkten Blüten kippte sie auf den Komposthaufen, Schere und Korb hängte sie an ihre Plätze an der Bretterwand im Schuppen. Alle Werkzeuge waren sorgfältig an ihren Platz geräumt, was Fleur aber nicht davon abhielt, da und dort eine der verschiedenen Sägen zurechtzurücken oder einen der Rechen umzustellen. Es war ihr daran gelegen, alles ordentlich zu hinterlassen.

Schließlich gab es auch für einen peniblen Geist nichts mehr zu bemängeln. Sie seufzte gedrückt, trat aus dem Zwielicht des Schuppens hinaus und schloss die Tür hinter sich. Ohne nochmals einen Blick auf ihren geliebten Garten zu werfen, ging sie schnellen Schrittes durch die Terrassentür ins Haus.

Der große Salon, den sie betrat, wirkte ebenso verlassen wie der Garten. Die zierlichen Möbelstücke – fein gearbeitete Stühle, mit schwerem Satinstoff bezogene Chaiselongues und kleine, mit Intarsien belegte Salontischchen – waren mit Tüchern abgedeckt. Niemand würde sich in nächster Zeit, in eine anregende Konversation versunken, auf sie setzen und seine Tasse Tee abstellen. Es war, als ob sich der Salon und seine Möbelstücke wie die Pflanzen im Garten für den Winter zurückgezogen hatten und erst wieder zum Leben erwachen würden, wenn sich die rauen Zeiten gebessert hätten. Selbst das Pendel der großen Standuhr hatte aufgehört, die Minuten und Stunden zu zählen. Bewegungslos hing es in seinem Holzkasten hinter dem Glas und wartete darauf, dass irgendwann jemand kommen würde, der die schweren Gewichte an den langen, dünnen Ketten nach oben schob und sie wieder zum Laufen brachte.

Das gleiche verwaiste Bild boten die anderen Räume, die Fleur auf ihrem Weg zum Haupteingang durchquerte.

»Ich bin bereit.«

»Aber Madame, wollt Ihr Euch nicht noch etwas frischmachen?« Die Haushälterin warf einen missbilligenden Blick auf Fleurs Hände. Sie verstand augenscheinlich nicht, wie eine Dame von Stand sich dazu herablassen konnte, etwas derart Geringes wie Gartenarbeit zu verrichten. Selbst wenn es sich nur um das Schneiden der Rosen handelte.

Fleur betrachtete ihre Hände, unter deren Nägel Erde aus dem Garten hängengeblieben war. »Nein«, antwortete sie mit unbeteiligter Miene. So würde ihr wenigstens noch eine Zeitlang etwas von ihrem Garten und ihrem Zuhause bleiben.

Obwohl sie die Haushälterin gemocht hatte, hielt sie den Abschied kurz. Es fiel ihr schwer, hoch erhobenen Kopfes das Anwesen zu verlassen, von dem sie gedacht hatte, es gehöre ihr und sie würde darin wohnen bis zu ihrem Lebensende. Nun war sie es, die gehen musste. Die Haushälterin, eines der Dienstmädchen und die Köchin konnten bleiben. So hatte es der neue Eigentümer angeordnet.

Als sie aus der Tür trat, wurde gerade der schwere, mit Metallbeschlägen versehene Schrankkoffer auf die Kutsche geladen. Er enthielt alles, was man Fleur gelassen hatte: ihre Kleider, einige Bücher und ein paar andere Habseligkeiten.

Wie betäubt stieg Fleur in die Kutsche, die sie in eine ungewisse Zukunft bringen würde. Sie hörte das Schnalzen des Kutschers, mit dem er die Pferde in Bewegung setzte. Rumpelnd fuhr das Gefährt an. Unter den Rädern knirschte der Kies. Fleur warf keinen Blick zurück. Es würde den Schmerz nur unnötig vergrößern. Den Schmerz und die Hoffnungslosigkeit, die sie in sich trug, seit dem Tag, an dem sie im Schreibzimmer des Advokaten ihres kürzlich verschiedenen Gatten gesessen hatte. Wo ihr die amtlichen Entscheide der Testamentsvollstreckung eröffnet worden waren. Sie hörte wieder die Stimme des Advokaten in ihrem Kopf: »… und daher werden das Haus und die dazugehörenden Ländereien den Gläubigern Eures Gatten übereignet, um damit seine Schulden zu begleichen. Euch werden Euer persönlicher Besitz sowie Anteilsscheine an der Hälfte einer Plantage auf den Antillen überlassen.«

Der Advokat hatte bereits eine Passage auf die französischen Antillen auf einem der letzten Schiffe der Saison für sie gebucht. Er hatte ihr auf seinem Globus auch zeigen wollen, wo Sainte-Lucie, die Insel mit der Plantage, lag. Aber Fleur hatte abgelehnt. Was spielte es für eine Rolle, in welchem abgelegenen Winkel der Welt sie den Rest ihres Lebens würde verbringen müssen? Die Inseln waren ihr nicht bekannt. Und es würde nichts an ihrem Schicksal ändern.

Der Advokat hatte ihr auch den Brief vorgelesen, den der Besitzer der anderen Hälfte der Plantage als Antwort an ihren verstorbenen Mann geschickt hatte. Darin erklärte er sich bereit, Fleur zu heiraten. Es würde Sinn machen, dass die Plantage wieder in einer Hand gehalten wurde, und weiße Frauen seien rar auf den Inseln, weshalb er bis dato unverheiratet geblieben sei.

Fleur hatte sich den Plänen der beiden gefügt. Eine andere Möglichkeit blieb ihr nicht. Ihr Vater war vor zwei Jahren verstorben. Und einem ihrer Brüder oder den Ehemännern ihrer Schwestern zur Last fallen, war undenkbar. Sie war sich nicht einmal sicher, ob sie sie nicht von der Tür weisen würden. Im Grunde war ihr Ehemann nach Vaters Tod ihre einzige Familie gewesen.

Bitterkeit drohte, sie zu ersticken. Warum hatte er ihr das angetan? Wie hatte er ihr das Zuhause und damit ihr Leben wegnehmen können? Gewiss, er war ein guter Gatte gewesen, auch wenn er mit seinen beinahe fünfzig Jahren doppelt so alt wie sie gewesen war. Sie hatte ihn nicht geliebt, aber über die vier Jahre, die sie verheiratet gewesen waren, hatten sich eine gewisse Zuneigung und gegenseitiger Respekt eingestellt. Seinen Tod hatte sie bedauert. Zumindest bis zu jenem Tag, an dem der Advokat ihr Leben zunichte gemacht hatte.

Aber daran wollte sie nicht mehr denken. Sie wollte an gar nichts mehr denken. Es war vorbei und alles verloren.

Einige Stunden später hielt die Kutsche am Hafen von Nantes, direkt am Quai, wo eine ganze Reihe von vertäuten Schiffen lag. Hinter ihnen erstreckte sich das bleigraue Meer in seiner Unendlichkeit. Bei dessen Anblick zog sich Fleurs Herz zusammen. Lieber hätte sie sich in einem gemütlichen, warmen Zimmer verkrochen, als sich diesem grauenhaften Nichts auszuliefern.

Der Kutscher rief einen herumlungernden Tagelöhner herbei, damit er ihm half, den schweren Koffer über die Holzplanken hinauf zu einem der Schiffe zu tragen. Es war ein Dreimaster, der aber wesentlich kleiner war als das neben ihm vertäute Schiff.

Unsicher blickte Fleur die vor ihr aufragende Bordwand hinauf. Dieses Schiff sollte wochenlang gegen die Herbststürme ankämpfen und sie über den Atlantik tragen? Zum ersten Mal seit dem Tag beim Advokaten fühlte sie etwas anderes als Taubheit und Bitterkeit. Angst kroch in ihr hoch. Würde sie dieses Schiff jemals wieder lebend verlassen?

Ein Mann in einer dunkelblauen, mit goldenen Knöpfen und Tressen verzierten Uniform kam ihr entgegen. »Madame Laurent, es ist mir eine Ehre, Euch an Bord zu begrüßen. Kapitän Larousse.« Er salutierte zackig und bot ihr seinen Arm, um ihr über die Holzplanken hinaufzuhelfen. Es war eine höfliche Geste, aber sein Gesichtsausdruck blieb streng und reserviert. »Die übrigen Passagiere und die Fracht sind bereits an Bord. Nun da auch Ihr hier seid, können wir auslaufen.«

Sein Tonfall ließ in Fleur ein schlechtes Gewissen aufkommen, als hätte er ihretwegen mit dem Auslaufen warten müssen. Dabei war sie sicher, dass sie sich am vereinbarten Tag an Bord eingefunden hatte. Und die Mittagszeit war noch nicht einmal vorbei.

»Heute schon?«, fragte Fleur entsetzt. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass sie Frankreich so schnell verlassen würden. Das jähe Bewusstsein, dass nicht einmal mehr Zeit blieb, einige Dinge für die Überfahrt einzukaufen, geschweige denn, ein letztes Mal durch die Gassen von Nantes zu spazieren und sich von ihrer Heimat zu verabschieden, traf sie wie ein Schlag.

»Wir müssen das gute Wetter ausnutzen. Die Stürme werden uns noch lange genug zu schaffen machen.«

Fleur sah zum Himmel. Es hatte vor Kurzem aufgehört zu regnen, aber dunkelgraue Wolkenberge ließen erahnen, dass das nicht lange anhalten würde. Wenn der Kapitän dieses trübe Regenwetter als gut bezeichnete, was wäre dann für ihn schlechtes Wetter, fragte sie sich, während sie ihm unter Deck folgte, wo er sie zu ihrer Kabine brachte. Zwei Seeleute stellten den Schrankkoffer in eine Ecke, und der Kapitän zeigte ihr die Kabine.

»Die Dinge, die Ihr in der nächsten Zeit benötigt, könnt Ihr in diesen Schrank räumen. Danach wird der Koffer in den Frachtraum gebracht. In der Kabine ist dafür nicht genügend Platz«, bestimmte er. Dann ließ er sie allein.

Fleur sank auf die Kante der schmalen Koje nieder. Da saß sie nun. Auf einem Schiff, das sie weit weg von Zuhause bringen sollte. Einem Zuhause, das es nicht mehr gab.

2

Fleur sah sich in dem engen Raum um. Über der Koje, auf der sie saß, war eine weitere angebracht. Daneben gab es zwei schmale, eingebaute Schränke. Als einziges Möbelstück stand ein Stuhl in der Kabine. Es war nicht zu übersehen, dass die zweite Bewohnerin sich bereits häuslich eingerichtet hatte. Auf einem Bord an der Wand lagen eine Haarbürste, ein Lockenstab, eine Puderdose aus ziseliertem Silber und andere Schmink- und Frisierutensilien.

Fleur ordnete sorgfältig die Kleidungsstücke, die sie brauchen würde, in den zweiten, noch leeren Schrank. Den Rest ließ sie im Koffer. Auch die wertvolle Urkunde, die bestätigte, dass sie Eigentümerin an der Hälfte einer Plantage auf Sainte-Lucie war. Sie klappte den Deckel zu, drehte den Schlüssel und hörte beruhigt, wie das Schloss einschnappte. Die Urkunde würde im sicher verschlossenen Koffer im Frachtraum besser verwahrt sein als im Schrank in der Kabine. Den kleinen Schlüssel hängte sie an ihre Halskette, um ihn ja nicht zu verlieren.

Plötzlich flog die Tür auf.

»Ihr müsst Madame Laurent sein! Wie schön, dass Ihr endlich da seid!« Die fröhliche Stimme gehörte einer heftig atmenden Frau, die im Türrahmen stand. »Ich bin gleich heruntergeeilt, als ich von Eurer Ankunft gehört habe! Wir sind eben von einem Ausflug in die Stadt zurückgekehrt. Oh, entschuldigt bitte!« Sie schlug die Hand vor den Mund. »In meiner Aufregung habe ich ganz vergessen, mich vorzustellen: Lucille Baulant.«

Sie war eine mollige Frau mit rotblonden Haaren, die sie hochgesteckt hatte. Ein paar Strähnchen waren herausgezogen und zu Zapfenlöckchen gedreht. Sie sollten wohl neckisch wirken, machten aber eher einen unordentlichen Eindruck. Ihr Gesicht war zu breit, um schön zu sein, die Pausbäckchen zu sehr gerötet und mit unzähligen Sommersprossen übersät, und sie hatte etwas hervorstehende Augen. Aber diese strahlten Fleur nun derart an, dass sie gar nicht anders konnte, als die ausgestreckte Hand freundlich zu drücken, obwohl sie sich von Lucille Baulants ungestümer Art überrollt fühlte.

»Mademoiselle Baulant, es freut mich, Eure Bekanntschaft zu machen.« Das Mademoiselle war geraten. Fleur hatte keinen Ring an ihrer Hand bemerkt, und die Tatsache, dass sie anscheinend allein reiste, ließ darauf schließen, dass sie unverheiratet war. Obwohl sie eigentlich längst im heiratsfähigen Alter gewesen wäre – sie erschien Fleur gleich alt wie sie selbst oder sogar noch älter.

»Ich muss gestehen, ich habe Eure Ankunft mit Bangen erwartet!«, fuhr die junge Dame aufgeregt fort. »Der Gedanke, Ihr könntet eine in die Jahre gekommene, gottesfürchtige Jungfer sein, hat mich beunruhigt. Das wären sehr öde Wochen geworden. Umso mehr freut es mich, eine solche Reisebegleiterin wie Euch zu haben!«

Sie plapperte munter drauflos, was Fleur durchaus recht war. Sie selbst war eher zurückhaltend, und manchmal fiel es ihr schwer, von sich aus ein Gespräch zu beginnen. Dieses Problem würde sie mit Lucille Baulant sicher nie haben.

»Habt Ihr schon Bekanntschaft mit den übrigen Passagieren gemacht?«, fragte Lucille.

Fleur verneinte.

»Also, da wären Madame Juvier mit ihren beiden Töchtern, eine ältere Frau und die Dupères. Madame Juvier ist vor Kurzem Witwe geworden und zieht nun mit ihren Töchtern zu ihrem Sohn, der Verwalter auf einer großen Plantage ist. Die ältere Frau ist eine eingetrocknete Schachtel, die auf den Inseln eine Stelle als Gouvernante antreten wird – die armen Kinder!«, sie verdrehte die Augen, »und Monsieur Dupère ist Beamter in Begleitung seiner Ehefrau. Ein ziemlich zusammengewürfelter Haufen.« Eine wegwerfende Handbewegung folgte der letzten Bemerkung.

Auch wenn Fleur es nicht zeigte, musste sie innerlich über die unverblümte Ausdrucksweise ihrer Begleiterin lächeln. Das erste Mal seit Wochen empfand sie so etwas wie Hoffnung. Lucilles heiteres Wesen würde sie sicher von ihrem Kummer ablenken. Auch wenn es eigentlich nach einer so kurzen Zeit der Bekanntschaft nicht angebracht war, sich beim Vornamen zu nennen, schlug Fleur es dennoch vor. Im Gegensatz zu dem steifen Kapitän fühlte sie sich in Lucilles Gegenwart wohl. Trotzdem überkam sie, sogleich die Worte ausgesprochen waren, Bedenken über ihr voreiliges Handeln. Es entsprach nicht den Regeln der Höflichkeit.

Lucille schien sich darum allerdings wenig zu scheren. Hocherfreut nahm sie das Angebot an.

»Wir werden schließlich die nächste Zeit eng zusammen verbringen, und da wäre eine solche Formalität fehl am Platz«, rechtfertigte sich Fleur unnötigerweise.

Laute Kommandos und emsige Schritte an Deck unterbrachen die beiden.

»Lasst uns nach oben gehen. Wir legen gleich ab«, schlug Lucille vor, deren Miene bei diesen Worten ihre Heiterkeit verlor. »Ich möchte noch einen letzten Blick auf die Stadt werfen, damit ich mich in der Ferne daran erinnern kann.«

Das Deck war mit Segeltuchballen, dicken Bündeln aus Tauen und Wasserfässern verstellt, die als letztes Frachtgut möglichst frisch an Bord geliefert worden waren. Geschäftig gingen die Seeleute ihren Arbeiten nach. Bald waren die Segel angeschlagen und bereit, gesetzt zu werden, die Taue hingen säuberlich zusammengerollt an den Klampen, und die Wasserfässer waren unter Deck verschwunden.

Fleur und Lucille suchten sich einen Platz an der Reling, wo sie den Seeleuten nicht im Weg standen, und blickten hinunter auf die Hafenmole, die mit Abschied nehmenden Menschen überfüllt war. Männer, die ihre Familien umarmten, und weinende Frauen und Kinder, die ihren Lieben auf dem Schiff zuwinkten. Letzte Grüße, Trost und Liebesworte wurden einander zugerufen.

Eine Gruppe von jungen Frauen in aufwändig geschnittenen, pastellfarbenen Kleidern zog Fleurs Aufmerksamkeit auf sich. Sie scharten sich um eine blonde Frau in ihrer Mitte. Fetzen ihres klirrenden Lachens waren bis an Bord zu hören. Daneben stand eine distinguierte Frau mittleren Alters, die ein Auge auf die Gruppe hielt. Die Mädchen erinnerten Fleur an eine Schar aufgeregter Gänschen, die von ihrer stolzen Mutter zum ersten Mal einem größeren Kreis präsentiert wurden.

»Das ist Yvette Juvier und ihre kleine Schwester. Daneben steht Madame Juvier«, erklärte Lucille, die Fleurs Blicken gefolgt war.

Lucille setzte schon an weiterzureden, und Fleur war sich trotz ihrer kurzen Bekanntschaft fast sicher, dass ihr eine bissige Bemerkung auf der Zunge lag, da unterbrach sie eine männliche Stimme.

»Gestatten, dass ich mich vorstelle?« Von hinten war ein Mann in Uniform herangetreten und gesellte sich nun zu ihnen an die Reling. »Ich bin Docteur Pécherin, der Schiffsarzt.«

Fleur sah in ein freundlich lächelndes Gesicht mit offenherzigen Augen. Das braune Haar war sorgfältig zu einem Zopf gebunden. Seine blaue Uniformjacke war mit Epauletten, goldenen Tressen und Knöpfen versehen, ähnlich wie diejenige des Kapitäns, nur waren die Verzierungen sparsamer angebracht.

»Madame Laurent«, antwortete Fleur und deutete mit dem Kopf eine Verbeugung an.

»Es freut mich, Eure Bekanntschaft zu machen und Euch an Bord zu begrüßen. Wie es scheint, kommen wir bei dieser Überfahrt wirklich in den Genuss einer bezaubernden Gesellschaft.« Dann zwinkerte er Lucille zu. »Mademoiselle Baulant.«

Diese errötete und nickte nur zur Begrüßung. Fleur wunderte sich, dass die neue Freundin plötzlich so ungewohnt still war.

Docteur Pécherin wandte sich wieder Fleur zu. »Madame Laurent, ich hoffe, wir werden in den kommenden Wochen noch einige Gelegenheiten haben, uns zu unterhalten.«

»Vielen Dank für Eure aufmerksame Begrüßung«, entgegnete Fleur höflich, ohne jedoch das Gespräch fortzuführen.

»Dann werde ich die Damen nun alleine lassen. Meine Pflichten rufen mich.«

»Ist er nicht hinreißend?«, flüsterte Lucille aufgeregt, nachdem Docteur Pécherin sich entfernt hatte.

»Doch, doch«, brummte Fleur, froh darüber, dass er sich zurückgezogen hatte. Es war ihr lieber, im Hintergrund zu bleiben und das Geschehen um sie herum wie auf einer Bühne zu verfolgen, als selbst angesprochen und mit hineingezogen zu werden. Ihrer Erfahrung nach ließen sich die meisten Probleme so vermeiden.

»Gibt es niemanden, von dem Ihr Euch verabschiedet?«, wechselte Fleur das Thema.

»Nein«, antwortete Lucille, »ich habe mich schon verabschiedet. Meine Mutter und meine Schwester haben mich hierher begleitet. Sie sind aber vor einigen Tagen wieder abgereist. Und Ihr? Von wem müsst Ihr Euch verabschieden?«

»Von niemandem«, antwortete Fleur einsilbig.

Bevor Lucille nachhaken konnte, rief der Kapitän den Rest seiner Mannschaft und die Passagiere an Bord. Sie beobachteten, wie die Seeleute und ihre Mitreisenden sich unten auf der Straße von ihren Liebsten lösten. Als der Letzte auf dem Schiff war, wurden die Holzplanken auf die Mole geschoben und die Öffnung in der Reling geschlossen. Die Taue, mit denen das Schiff vertäut war, wurden gelöst, der Anker hochgezogen und die Segel gesetzt.

Sie stachen in See.

Die Entfernung zum festen Bollwerk der Mole vergrößerte sich schneller, als Fleur lieb war. Die winkenden Menschen an Land wurden kleiner und kleiner. Lucille winkte zurück, obwohl niemand da war, den sie kannte. Erst verzagt, dann immer heftiger. Tränen begannen über ihre Wangen zu rollen. Fleur zog ein Spitzentaschentuch aus dem Ärmel und reichte es ihr. Aber das machte es nur noch schlimmer. Lucille begann nun erst recht zu weinen. Schluchzend stand sie da und klammerte sich an die Reling. Fleur legte schließlich den Arm um sie und streichelte ihre Schulter, um sie zu trösten. Lange Zeit standen die beiden da. Der Dunst ließ ihre Heimat immer mehr verschwimmen, bis nur noch ein matter Farbklecks am Horizont übrig blieb, der bald auch entschwand.

»Ich werde sie nie mehr wiedersehen«, schluchzte Lucille.

»Das weißt du doch gar nicht«, versuchte Fleur zu trösten. »Vielleicht kommen sie dich einmal besuchen oder du kehrst nach Frankreich zurück.«

»Und was ist, wenn es ganz schrecklich ist auf der Insel? Wenn ich mich dort überhaupt nicht wohlfühle und nicht mehr zurück kann?«

»Du wirst sehen, es wird alles gut.« Fleur drückte Lucille enger an sich und sah hinaus auf die bleierne See. Es waren Worte des Trostes, wie sie schon tausendmal gesprochen worden waren. Und wie oft hatten sie sich bewahrheitet? Durfte man überhaupt etwas aussprechen, an das man selbst nicht glaubte? Aber wie sollte man sonst die Zuversicht behalten, die es brauchte, um in eine unbekannte Ferne aufzubrechen?

Und so hielt Fleur Lucille fest und ließ sie die Tränen vergießen, die sie selbst tief in sich eingeschlossen hatte.

3

Wie Fleur befürchtet hatte, gerieten sie direkt nach ihrer Abreise in einen Herbststurm. Der Wind fegte durch die Takelage, Regen prasselte unaufhörlich auf das Deck, und mächtige Wellenberge drückten dem Schiff ihren Willen auf wie einem herrenlosen Stück Treibholz. Das schlechte Wetter verdammte die Passagiere dazu, Tag für Tag in ihren dunklen Kabinen auszuharren, die Langeweile zu ertragen und seekrank auf das Ende der Welt zu warten.

Fleur störte das nicht weiter. Es passte zu ihrem Gemütszustand.

»Ich kann es kaum erwarten, bis wir auf der Insel ankommen.« Lucille klappte das Buch, in dem sie gelesen hatte, mit einem verklärten Ausdruck im Gesicht zu. »Es soll wundervoll sein. Immer ist es warm und die Sonne scheint. Stell dir vor, nie mehr frieren zu müssen! Das ganze Jahr über blühen Blumen, und es gibt immer frische Früchte und Gemüse. Und in der Hauptstadt trifft sich die vornehme Gesellschaft zu allerlei Anlässen.«

Fleur sah hinüber zu Lucille, die auf der unteren Koje der Kabine lag. Ihr Blick fiel auf das Buch, das Lucille in der Hand hatte. Es war der Liebesroman, in dem sie schon seit dem ersten Tag ihrer Reise las.

»Ob mein Bräutigam wohl auch so wunderbar ist wie der Held in dieser Geschichte?« Sie drückte das Buch an die Brust. »Er hat geschrieben, dass er eine große Plantage besitzt, dass es mir bestimmt gefallen wird und er sich auf meine Ankunft freut«, schwelgte Lucille weiter.

»Du gehst auf die Insel, um zu heiraten?«, fragte Fleur. Wie die meisten anderen Passagiere hatte Lucille die ersten Tage an Bord mit der Seekrankheit zu kämpfen gehabt, daher hatten sie sich bisher noch nicht allzu viel unterhalten. Heute ging es ihr zum Glück wieder besser.

»Ja. Endlich«, seufzte Lucille.

»Und du kennst deinen Bräutigam nicht?«

»Nein. Aber er hat mir einen so netten und liebevollen Brief geschrieben, dass ich mich gleich in ihn verliebt habe.«

Fleur runzelte die Stirn.

»Willst du den Brief sehen?« Ohne eine Antwort abzuwarten, zog Lucille ein zusammengefaltetes Papier aus dem Buch und reichte es Fleur.

Der Brief war reichlich zerknittert. Lucille musste ihn unendliche Male geöffnet haben. Fleur hatte es eigentlich ablehnen wollen, ihn zu lesen, schien er doch sehr persönliche Worte an Lucille zu enthalten. Aber das hätte sie bestimmt verletzt. Also überflog Fleur die Zeilen. Der Brief war höflich und sachlich abgefasst, beschrieb die Plantage, das Haus und ab wann der Absender mit Lucilles Ankunft rechnen würde.

»Und, wie findest du ihn?«, fragte Lucille gespannt.

Fleur wusste nicht, was sie antworten sollte. Sie hatte einen anderen Eindruck von dem Geschriebenen als Lucille. Diese schien in den höflichen Worten mehr zu lesen, als der Absender beabsichtigt hatte. Sie verklärte sie zu ihrem eigenen Liebesbrief. Fleur bezweifelte, dass Lucilles Fantasien der Wirklichkeit entsprachen. Aber sollte sie ihrer Begleiterin diese Gedanken mitteilen? Sie hatte keinerlei Gewissheit, dass sie recht hatte. Es waren nur ihre Erfahrungen, die sie zu dem Schluss kommen ließen. Und was schadete es, Lucille noch eine Weile ihre Träume zu lassen? Sie würde sie wahrscheinlich früh genug verlieren.

»Er ist nett«, antwortete sie deshalb und gab Lucille den Brief zurück. »Warum hast du nicht jemanden zuhause geheiratet?«

Lucilles Gesicht wurde betrübt. »Wen hätte ich schon bekommen können? Ich bin keine Schönheit und auch keine gute Partie. Meine Eltern haben ihr ganzes Vermögen aufgebraucht, um meine drei älteren Schwestern mit der nötigen Mitgift auszustatten. Für mich blieb nichts mehr übrig. Ich hätte ins Kloster gehen können oder mir eine Anstellung suchen.« Doch ebenso schnell, wie sie gekommen war, verschwand Lucilles Bitterkeit wieder. »Aber nun bin ich diejenige mit dem meisten Glück! Mich erwartet ein großes Abenteuer auf einer wunderbaren Insel!«

Fleur sagte nichts dazu.

»Und weshalb gehst du auf die Insel?«, fragte Lucille neugierig.

»Auch um zu heiraten.«

»Hast du deinen Verlobten in Frankreich kennengelernt?«

»Nein. Mein Mann hat die Heirat arrangiert, bevor er gestorben ist.«

Betroffen sah Lucille sie an. »Es tut mir leid, dass er gestorben ist. Das muss schrecklich gewesen sein für dich.«

Fleur zuckte mit den Schultern.

»Warum bist du nicht zu deiner Familie zurückgegangen?«

»Mein Vater lebt nicht mehr, und der Rest der Familie …« Fleur brach ab.

Lucille blickte sie derart mitfühlend an, dass sie schließlich weitererzählte. »Mein Vater hat wieder geheiratet, nachdem meine Mutter gestorben war. Ich habe also nur noch eine Stieffamilie, und der wollte ich nicht zur Last fallen.«

»Aber da gab es doch sicher jede Menge Verehrer, die einer so hübschen Frau wie dir den Hof gemacht haben.«

»Nein, leider nicht. Mein Mann war viel älter als ich, und wir haben zurückgezogen auf dem Land gelebt. Das Gesellschaftsleben in der Stadt war ihm zu anstrengend, und so haben sich unsere Kontakte auf die Nachbarn beschränkt. Nachdem mein Mann gestorben war, hat sich herausgestellt, dass wir bis über beide Ohren verschuldet waren. Wer hätte mich, eine verarmte Witwe, noch gewollt? Ich bin keine erstrebenswerte Partie. Und hübsch bin ich auch nicht«, fügte Fleur trotzig hinzu.

»Natürlich bist du hübsch!«, rief Lucille aus. »Du hast die ideale schlanke Figur, schöne braune Naturlocken und große braune Augen. Nicht wie ich mit diesen grässlichen roten Haaren und meiner pummeligen Figur.«

»Das stimmt doch gar nicht. Du hast wenigstens nicht so langweilige Haare wie ich. Bei mir ist alles braun. Ich bin eine richtig braune Maus. Und meine Figur ist überhaupt nicht ideal. Ich bin viel zu dünn.«

»Also ich bin da anderer Meinung. Das Einzige, was mir an dir nicht gefällt, sind deine schmucklosen, dunklen Kleider. Daran merkt man, dass du wirklich vom Land kommst.«

»Ich bin schließlich noch in Trauer!«, wehrte sich Fleur.

»Docteur Pécherin ist übrigens auch meiner Meinung«, entgegnete Lucille schnippisch.

»Du hast mit Docteur Pécherin über mich geredet?«, fragte Fleur vorwurfsvoll.

»Nein, natürlich nicht«, entgegnete Lucille empört. »Aber es ist doch offensichtlich, dass er an dir Gefallen gefunden hat. So wie er dich heute beim Abendessen angesehen hat.«

»Davon habe ich nichts bemerkt.«

»Du willst ja auch nichts bemerken! Du suhlst dich lieber in deinem Elend«, regte sich Lucille auf. »Ich würde mir sein Interesse nicht entgehen lassen. So ein gut aussehender Mann! Wer weiß, vielleicht nimmst du lieber ihn, als deinen unbekannten Plantagenbesitzer.«

Fleur nahm ihr eigenes Buch – kein Liebesroman, sondern der Reisebericht eines Forschungsreisenden – zur Hand, um Lucille zu verstehen zu geben, dass sie an einer weiteren Unterhaltung über dieses Thema nicht interessiert war.

»Fleur!«, insistierte Lucille.

Fleur reagierte nicht, sondern tat so, als lese sie weiter.

Lucille schnaubte. »Es tut mir leid. Ich wollte dich nicht verletzen. Es ist nur … nicht immer einfach für mich. Ich weiß, dass ich nicht hübsch bin. Das habe ich akzeptiert. Aber dann kommen Frauen wie du daher, die so viel schöner sind als ich, und ausgerechnet ihr beklagt euch. Ich möchte doch nur auch einen Teil vom Glück.«

Fleur senkte ihr Buch wieder. »Schon gut. Es ist nur so, dass Schönheit nicht unbedingt glücklicher macht.«

Dazu schnaubte Lucille nur.

Erst als das Schiff nach Wochen in südlichere Gefilde gelangte, besserte sich das Wetter und mit ihm die Stimmung der Passagiere. Sie strömten aus den Kabinen und genossen es, an Deck zu flanieren. Über ihnen wölbte sich der blaue Himmel. Das Meer hatte eine freundlich grüne Farbe angenommen, und seine sanften Wogen glitzerten im Sonnenlicht. Fleur und Lucille lehnten an der Reling und genossen die frische Seebrise nach der stickigen Luft in der Kabine.

Die angenehme Ruhe wurde unterbrochen, als auch die Juviers das Deck betraten.

»Was für ein herrlicher Tag!«, rief Yvette Juvier, die ältere der beiden Töchter, aus und blickte verzückt in den blauen Himmel auf. Sie breitete die Arme aus und drehte sich einmal um sich selbst. »Einfach wunderbar! Guten Tag, Kapitän Larousse! Habt Ihr dieses Wetter für uns bestellt?«

Der Kapitän warf ihr einen befremdeten Blick zu und nickte zur Begrüßung nur kurz mit dem Kopf. Dann wandte er sich wieder dem Seemann zu, den er gerade gerügt hatte, weil er das Deck nicht ordentlich geschrubbt hatte.

Yvette Juvier ließ sich von der abweisenden Reaktion des Kapitäns nicht beirren. Was auch nicht nötig war. Kaum hatte sie das Deck betreten, richteten sich alle Augen auf die perfekt gekleidete und frisierte junge Frau. Yvette war eine engelhafte Schönheit mit ihren goldenen Löckchen, die sich da und dort verspielt aus der Frisur gelöst hatten, den unschuldigen blauen Augen, dem kleinen Näschen und dem alabastergleichen Teint. Neben ihrer Mutter, die die Schönheit der Jugend hinter sich gelassen hatte, und ihrer jüngeren Schwester, die noch in der Unsicherheit der letzten Mädchentage steckte, stand Yvette eindeutig im Mittelpunkt. Der Stolz Madame Juviers auf ihre Tochter war unübersehbar, ebenso, dass es ihr gefiel, sich in der Aufmerksamkeit, die ihrer Tochter entgegengebracht wurde, zu sonnen.

Es dauerte nicht lange, bis sich der erste und der zweite Offizier, zwei fesche junge Männer, den Damen angeschlossen hatten und ihnen ihre Bewunderung zollten. Fleur konnte es ihnen nicht einmal verübeln.

Die Juviers spazierten mit ihrem Gefolge über das Deck, auf der Suche nach einem Plätzchen im Schatten, was nicht einfach war. Die Sonne des späten Morgens brannte auf das Deck. Schließlich befahl der zweite Offizier einem Seemann, die Stellung eines der unteren Segel dahingehend zu ändern, dass es genug Schatten spendete.

»So ein eitles Wesen!«, murmelte Lucille leise.

»Ach was, sie ist noch jung und braucht die Aufmerksamkeit als Bestätigung«, beschwichtigte Fleur, obwohl auch sie Unmut empfand über die aufgesetzte Art und Weise, wie Yvette Juvier sich in der Aufmerksamkeit der Männer sonnte. Aber Fleur zog es vor, diese Gedanken für sich zu behalten, da sie befürchtete, man könnte sie ihr als Eifersucht auslegen.

Lucille hatte offensichtlich keine solchen Befürchtungen. »Da wäre ich mir nicht so sicher. So unschuldig, wie sie dreinblickt, ist sie bestimmt nicht. Solchen Frauen kann man nicht trauen. Die nutzen ihr Aussehen, um alle um den Finger zu wickeln.«

»Das braucht uns doch nicht zu kümmern. In ein paar Wochen haben wir ohnehin nichts mehr mit ihr zu tun.«

Docteur Pécherin gesellte sich zu Fleur und Lucille. »Meine Damen, genießt Ihr auch das schöne Wetter?«

»Ja, und vor allem das Schauspiel da drüben«, bemerkte Lucille bissig. Yvette Juvier reichte gerade einem der Offiziere kokett die Hand, um sich eine kleine Stufe hinaufhelfen zu lassen. Inzwischen hatte Lucille ihre Schüchternheit gegenüber dem attraktiven Arzt abgelegt, was wohl vor allem daran lag, dass sie keinerlei Hoffnung mehr hegte, er könne ein romantisches Interesse an ihr entwickeln.

»Lucille!«, mahnte Fleur leise. Es war eines, wenn sie sich untereinander über die Passagiere unterhielten. Aber in Gegenwart von einem Dritten erschien dies Fleur nicht angebracht.

»Das ist noch gar nichts«, erwiderte Docteur Pécherin schmunzelnd. »Wartet erst einmal ab, was passieren wird, wenn der Kapitän bemerkt, dass sie die Segelstellung haben ändern lassen. Um den weißen Teint der Damen zu schützen!« Er warf Fleur einen amüsierten Blick zu.

Die drei unterhielten sich weiter, ohne die Juviers aus den Augen zu lassen. Der Kapitän war auf dem hinteren Teil des Decks beschäftigt, wo er die Männer anwies, die Messingabdeckung entlang der Ladeluken noch einmal zu polieren. Schließlich hatte er seine Inspektionsrunde beendet. Gemessenen Schrittes, die Hände hinter dem kerzengeraden Rücken verschränkt und mit verkniffenem Gesicht, kam er wieder nach vorn.

»Gleich geht es los«, flüsterte Docteur Pécherin.

Der Kapitän hörte das Flattern des Segels und sah nach oben. Alle Segel in der Takelage waren prall vom Wind gefüllt und standen genau richtig, um die höchstmögliche Geschwindigkeit zu gewährleisten. Nur eines nicht. Das unterste Rahsegel, unter welchem die Juviers mit den Offizieren standen, flatterte. Der Blick des Kapitäns senkte sich hinunter auf die Gruppe, die im Schatten stand, und beinahe gleichzeitig verfärbte sich sein Gesicht rot. Er kniff die Augen noch mehr zusammen und blieb einen Moment stehen. Es war ihm anzusehen, dass er nur mit Mühe seinen Ärger unterdrücken konnte. Dann ging er, ohne die Juviers zu beachten, auf seine Offiziere los.

»Meine Herren, wir haben wohl nichts Wichtigeres zu tun, als wie die Hähne herumzustehen und zu gackern! Ist Euch bewusst, dass das Segel über Euren Köpfen flattert? Vielleicht hättet Ihr die Güte, es richtig stellen zu lassen«, sagte er mit gepresster Stimme.

Der zweite Offizier, für den es die erste Überfahrt mit Kapitän Larousse war, überhörte, betört von Yvette, den Sarkasmus in der Stimme des Kapitäns. »Monsieur, die Damen brauchten etwas Schatten, und da dachten wir …« Er kam nicht dazu, weiterzureden.

Wutentbrannt schnitt ihm der Kapitän das Wort ab. »Ihr dachtet? Die Damen brauchten Schatten? Wo denkt Ihr eigentlich, dass Ihr seid? Auf einem Vergnügungsschiff? Das ist ein Handelsschiff! Eure Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass wir schnellstmöglich in die Karibik gelangen! Das Denken überlasst gefälligst mir! Und wenn die Damen Schatten brauchen: Den finden sie in ihrer Kabine!« Dann wandte er sich brüsk an den ersten Offizier: »Der zweite Offizier möchte sich gerne eine Woche lang im Frachtraum bei Brot und Wasser auf seine Pflichten besinnen. Ihr werdet dafür sorgen, dass er da unten eingesperrt wird! Und Ihr werdet während dieser Zeit die Arbeit Eures Kollegen übernehmen. Ich hoffe, dass Ihr dabei lernt, Eurer Verantwortung gerecht zu werden!«

»Zu Befehl, Monsieur le Capitaine«, konstatierte der erste Offizier beschämt.

Der Kapitän bedachte die Gruppe mit einem letzten grimmigen Blick, drehte sich auf dem Absatz um und marschierte weiter. Die Seeleute, deren Weg er kreuzte, vertieften sich hastig in ihre Arbeit. Jeder fürchtete, dass sich der Zorn des Kapitäns auch über ihm entladen könnte.

Madame Juvier hob hochmütig das Kinn und scheuchte ihre beiden Töchter mit beleidigter Miene zum Niedergang. Bevor Yvette unter Deck verschwand, drehte sie den Kopf und warf der Gruppe um Fleur einen hasserfüllten Blick zu, als wäre diese für ihre Schmach verantwortlich.

4

Das Schiff gelangte in die Nähe des Äquators. Fleur und Lucille verbrachten nun die meiste Zeit an Deck, da sich die Wärme in der Kabine zu einer schweißtreibenden Hitze staute. In ihren langen, schweren Kleidern waren sie dankbar für jeden Windhauch. Die Zeit, die verging, bis sie endlich in die Nähe der Antillen gelangten, erschien Fleur ewig anzudauern.

Eines Nachmittags schallte plötzlich die Stimme des Ausgucks über das Deck. »Schiff ahoi! Achterlich, drei Strich nach Steuerbord!«

Sofort hielten die Seeleute in ihren Arbeiten inne, und unzählige Augenpaare suchten den Horizont ab.

Nervöse Stimmen gingen durch die Mannschaft. »Wo denn?«

»Seht ihr etwas?«

»Was ist es für ein Schiff?«

»Eins von uns?«

Der Kapitän und seine Offiziere eilten nach Achtern, wohin der Ausguck zeigte. Mit Fernrohren suchten sie das Meer ab.

»Ich kann nichts erkennen«, murmelte der Kapitän.

»Ich auch nicht«, erwiderte der erste Offizier.

Aufmerksam suchten sie weiter.

»Da ist es! Ein Segel!« Aufgeregt deutete der zweite Offizier aufs Meer.

Angestrengt blickten sie weiter durch die Fernrohre. Auf den Gesichtern der Seeleute begann sich Besorgnis abzuzeichnen. Keiner ging zurück an seine Arbeit. Alle standen da und warteten auf die entscheidenden Worte: Freund oder Feind.

Sie befanden sich im Krieg mit den Engländern, und die Flagge, unter welcher das fremde Schiff segelte, hatte einen entscheidenden Einfluss auf ihr Leben. Manch einer begann zu beten, es möge ein französisches oder ein spanisches Schiff sein. Nur um alles in der Welt kein gefürchtetes englisches Kriegsschiff!

»Er setzt über dem Segel, das wir sehen, noch zwei weitere!«, rief der erste Offizier bestürzt.

Die Miene des Kapitäns verfinsterte sich. »Dann ist es ein verdammter Kaperer, der auf der Lauer gelegen hat!«

Fleur wollte schon fragen, woher der Kapitän wusste, dass es Kaperer waren. Aber der zweite Offizier sah ebenso verwirrt wie sie aus, und so setzte der Kapitän direkt zu einer Erklärung an: »Die oberen Segel zu bergen ist ein alter Piratentrick. Damit sind sie für andere Schiffe erst spät sichtbar, während die Piraten selbst ihre Beute längst ausgemacht haben.«

Inzwischen war das andere Schiff bereits für das bloße Auge als weißer Punkt am Horizont erkennbar.

Unvermittelt drehte der Kapitän sich um. »Setzt alle Segel, die wir haben!«, brüllte er. »Auch den hintersten und letzten Fetzen! Kurs ändern um fünf Strich nach Backbord! Brassen auffieren!«

Das Kommando des Kapitäns setzte die gelähmte Mannschaft in Bewegung. Er brauchte sie nicht anzutreiben. Der weiße Punkt am Horizont war Motivation genug. Flink wie Eichhörnchen kletterten sie in die Takelage und öffneten alle Segel, die noch nicht gesetzt waren. Taue wurden gelöst, Segelstellungen geändert. Der Steuermann drehte das Schiff auf seinen schnellsten Kurs.

»Wir versuchen, zu entkommen. Auch wenn wir noch nicht erkennen können, unter welcher Flagge das Schiff segelt. Wir können nicht warten, bis es nah genug ist. Dann ist eine Flucht vielleicht nicht mehr möglich«, erklärte der Kapitän und marschierte über das Deck, um sich persönlich davon zu überzeugen, dass alles Notwendige getan worden war, um auch noch das Letzte an Geschwindigkeit aus dem Schiff zu holen.

Danach begann die zermürbende Warterei. Es konnte nichts mehr getan werden, als abzuwarten, ob sie schneller waren als ihr Verfolger. Dass sie verfolgt wurden, ließ sich nicht mehr von der Hand weisen. Das Schiff hinter ihnen hatte die Kurskorrektur nachvollzogen und hielt sich genau in ihrem Fahrwasser.

Die Gespräche an Deck waren verstummt. Die Aufmerksamkeit von jedermann war auf den weißen Punkt hinter ihnen gerichtet. Beinahe unmerklich wurde er größer. Die Nervosität der Mannschaft stieg, und Fleur sah überall um sich besorgte, sogar ängstliche Mienen. Ihr eigenes Herz schlug ihr bis zum Hals. Was mochten die kommenden Stunden bringen? War es ein französischer Kaperer, der sie ihrer Wege ziehen lassen würde, oder ein feindliches Schiff? Würde es zu einem Gefecht kommen und sie geentert werden? Als Handelsschiff waren sie nur mit einer geringen Anzahl Kanonen bestückt. Gegen einen echten Gegner hätten sie keine Chance.

Fleur klammerte sich an die Reling, Lucille hatte sich furchtsam bei ihr untergehakt. Die Segel waren jetzt deutlich zu erkennen. Vier standen übereinander. Es musste also ein größeres Schiff sein als ihr eigenes. Fleur wurde die Kehle eng. Sie hatte den Verlust ihrer Heimat und ihres bisherigen Lebens noch nicht verwunden. Beim Gedanken, dass sie möglicherweise in Kürze getötet oder verschleppt würde, zog sich alles in ihr zusammen. Sie musste sich an der Reling festhalten, um nicht zu taumeln. Würde sie Sainte-Lucie und die Plantage, ihre neue Heimat, je erreichen? Würde ihr auch das genommen werden? Warum nur verlor sie immer wieder alles? Stand es ihr einfach nicht zu? Sie hatte ihr Leben lang doch nur den Wunsch gehabt, einen Ehemann zu haben, der sie anständig behandelte. In einem Haus zu wohnen, in dem man sich wohlfühlen konnte. So viel Vermögen zu besitzen, dass sie nicht Not leiden musste, und einen Platz in der Gesellschaft zu haben. Mehr hatte sie nicht erwartet. Damit wäre sie zufrieden gewesen. Aber das Schicksal schien ihr nichts davon zuzugestehen. Fortlaufend nahm es ihr, was sie mühevoll erlangt hatte. Warum musste ihr verstorbener Ehemann Schulden machen und warum zerstörte dieser Krieg ihr Leben? Sie hatte ihn nicht gewollt, und er interessierte sie nicht. Es war nicht ihr Krieg.

Plötzlich rief der erste Offizier: »Ich sehe seine Flagge!«

An Bord wurde es so mucksmäuschenstill, dass man eine Stecknadel hätte zu Boden fallen hören.

»Engländer!«, schrie der zweite Offizier kurz darauf.

Ein Stöhnen ging durch die Mannschaft. Das letzte bisschen Hoffnung der Menschen an Deck löste sich in Luft auf. Sie waren auf den Feind getroffen.

Und der Engländer rückte rasch näher.

»Eine Fregatte«, murmelte der Kapitän resigniert.

Selbst Fleur mit ihrem eingeschränkten Wissen über Schiffe wusste, dass ihr Zusammentreffen damit zu einem Kampf zwischen David und Goliath wurde. Nur zeigte ein Blick in die Gesichter der Männer zu deutlich, dass hier keinem David eine List einfiel, um Goliath zu besiegen. Eine Fregatte war ihnen an Gefechtsstärke weit überlegen.

Nichtsdestotrotz ließ der Kapitän die Kanonen ausfahren und Waffen an die Mannschaft verteilen.

Plötzlich waren zwei Donnerschläge zu hören, und Fleur zuckte von der Reling zurück. Zu beiden Seiten des Achterdecks spritzte Wasser in einer hohen Fontäne auf.

»Der hat sogar Kanonen am Bug anbringen lassen!«, stöhnte der Kapitän auf. Sein Gesicht wirkte plötzlich alt und eingefallen.

Den beiden Kanonenschüssen folgten keine weiteren. Es war nur eine Drohung gewesen. Eine deutliche Drohung.

Fleur beobachtete starr vor Entsetzen, wie der Engländer an Höhe gewann und bald parallel zu ihnen fuhr, sodass sie die ganze Stärke ihres Gegners erkennen konnten. Die Fregatte war um einiges größer als das Handelsschiff und verfügte über ein Zwischendeck mit fünfzehn Kanonen auf einer Breitseite und über weitere zehn auf dem Hauptdeck. Die Stückpforten, aus deren Öffnungen die Kanonenrohre herausstanden, waren schwarz bemalt, was sie noch beängstigender erscheinen ließ. Auf dem hohen Deck standen mit Pistolen, Musketen und Säbeln bewaffnete Männer und stießen ein entsetzliches Gebrüll aus. Ihre mit Ruß bemalten Gesichter ließen sie wie leibhaftige Teufel aussehen.

Fleur war nicht die Einzige, die dieser Anblick entsetzte. Lucille, die sich immer noch an sie klammerte, quetschte ihr fast den Arm ab, und sie sah Männer, denen die blanke Todesangst ins Gesicht geschrieben stand. Sie hatten keinerlei Aussichten auf Erfolg gegen diese waffenmäßige Übermacht und diese Kampfgier. Eine einzige Breitseite aus den Kanonen der Fregatte würde das Deck des Handelsschiffes leerfegen und ein Blutbad hinterlassen.

Fleur keuchte unwillkürlich auf, als der englische Kapitän, ein Furcht erregender, schwer bewaffneter Mann, ebenso schwarz im Gesicht wie seine Mannschaft, sich auf das Dach eines Aufbaues auf dem Mitteldeck schwang und von dem Podest aus seinen Hut lüftete. Auch wenn er sich dabei verbeugte, war Fleur klar, dass dies nicht etwa ein Akt des Respekts war. Die herablassende Geste untermauerte nur seine unbestrittene Überlegenheit. Was für ein grässlich arroganter Mann!

»Bonjour, Monsieur le Capitaine!«, rief er in beinahe akzentfreiem Französisch herüber. »Gestatten, Kapitän Pierce Blackhurst, Freibeuter im Auftrag seiner königlichen Majestät. Mit wem habe ich die Ehre?«

Kapitän Larousse lüftete ebenfalls seinen Hut und stellte sich vor.

»Wie ich die Situation einschätze, werdet Ihr in einem Gefecht kaum eine Chance haben«, rief der englische Kapitän. »Es wäre daher für beide Seiten von Vorteil, wenn Ihr Euch widerstandslos ergebt. Wir wollen unnötiges Blutvergießen vermeiden. Ich hasse das Saubermachen danach. Oder seht Ihr das anders?«, fügte er ironisch an.

Kapitän Larousse presste die Lippen zusammen, und sein Gesicht versteinerte. Er schwieg.

»Ich gebe Euch zwei Minuten zum Überlegen. Danach werden wir das Feuer eröffnen.« Um zu unterstreichen, dass dies keine leere Drohung war, zog der englische Kapitän eine Taschenuhr aus seinem Rock. Dann gab er mit der Hand ein Zeichen, dass die Zeit zu laufen begonnen hatte.

Kapitän Larousse’ Haltung wurde noch steifer, als sie es sonst schon war. Fleur beobachtete ihn mit klopfendem Herzen. Er hatte keine Wahl. Sich zur Wehr zu setzen, würde Selbstmord gleichkommen. Aber war er zu stolz, das einzusehen? Fleur glaubte es nicht, und sie betete, dass sie sich nicht täuschte.

Nach einer endlos dauernden Minute befahl der Kapitän: »Holt die Flagge ein!«

Damit war die Kapitulation besiegelt. Das Gefecht war beendet, bevor es überhaupt begonnen hatte. Fleur hielt sich die Ohren zu, als die englischen Teufel ein Freudengebrüll ausstießen, während die Franzosen angsterfüllt ihre Waffen niederlegten.

Dann ging alles sehr schnell. Die Engländer verloren keine Zeit. Mit langen Enterhaken zogen sie die Schiffe aneinander, bis sich die Bordwände krachend berührten. Dieses Geräusch weckte Fleur aus ihrer Erstarrung. Als der erste Engländer auf ihr Schiff sprang, fuhr sie herum, packte Lucille bei der Hand und flüchtete in ihre Kabine.

In angespanntem Schweigen saßen Fleur und Lucille nebeneinander auf dem Kojenrand und horchten auf jedes Geräusch. Siegesgebrüll drang zu ihnen hinunter. Die Decke über ihren Köpfen knarrte unter den darübereilenden Fußtritten. Lucilles Blicke waren nach oben geheftet und folgten hektisch dem Knarren.

Plötzlich polterten schwere Schritte die Treppe hinunter. Jemand versuchte, ihre verriegelte Kabinentür zu öffnen. Angsterfüllt griff Lucille nach Fleurs Hand.

Als sich die Tür nicht öffnen ließ, wurde dagegengehämmert. »Aufmachen!«

Die beiden Frauen erstarrten.

»Los! Aufmachen!« Wieder wurde an die Tür gehämmert.

Lucilles Hand klammerte sich fester um Fleurs.

»Brecht sie auf!«, befahl die Stimme draußen.

Fleur, deren Vater darauf bestanden hatte, dass nicht nur ihre Brüder, sondern auch sie Englischunterricht bekam, verstand die englischen Worte, die draußen in dem Korridor gerufen wurden. Sie stand auf und griff nach dem Riegel an der Tür, um ihn zurückzuziehen.

»Nein!«, flüsterte Lucille entsetzt. »Tu das nicht!«

»Sie werden sie sowieso aufbrechen«, erwiderte Fleur mit gefasster Stimme, »und dann werden wir womöglich von den Holzsplittern verletzt.« Sie schob den Riegel zurück.

Als sich die Tür öffnete, stürzten zwei bewaffnete Männer mit rußgeschwärzten Gesichtern in die Kabine. Fleur und Lucille wichen zurück. Vor ihnen blitzten die Klingen von Entermessern auf.

Mit einem schnellen Blick prüften die Eindringlinge die Lage.

»Nur zwei Frauen«, rief der eine über die Schulter einem Dritten zu, der im Korridor stehen geblieben war.

»Schafft sie in den Salon zu den anderen!«, befahl er.

Mit den Entermessern wurden Fleur und Lucille hinaus und durch den Korridor zum Salon gescheucht, wo sie eingeschlossen wurden. Die anderen Passagiere waren bereits dort versammelt.

»Wie geht es Euch? Seid Ihr verletzt?«, fragte die Gouvernante besorgt.

»Nein, uns geht es gut«, antwortete Fleur und setzte sich an das hintere Ende der Bank, möglichst weit weg von der Tür. Lucille folgte ihr.

Madame Juvier ging mit nervösen Schritten auf und ab, soweit das in dem engen Raum überhaupt möglich war. Ihre Töchter klammerten sich auf der Bank aneinander.

»Wenigstens sind wir alle wohlauf«, seufzte Monsieur Dupère erleichtert.

»Was wird mit uns geschehen?« Die Stimme seiner Frau zitterte.

Dupère tätschelte ihre Hand, während er nach beruhigenden Worten suchte. »Wir sind zwar im Krieg mit den Engländern, aber wir sind keine Soldaten, sondern Zivilpersonen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie irgendein Interesse an uns haben könnten.«

»Aber das ist kein Kriegsschiff der englischen Flotte! Es sind Piraten!«, fiel ihm Madame Juvier mit schriller Stimme ins Wort.

Madame Dupère zuckte zusammen und fing an zu weinen.

Ihr Mann legte den Arm um sie und sagte verärgert zu Madame Juvier: »Bitte beruhigt Euch! Es sind keine Piraten, sondern Freibeuter. Sie haben sich an die englischen Gesetze zu halten.«

»Die englischen Gesetze! Pah!« Mit einer vernichtenden Handbewegung wurde sein Einwand beiseitegewischt. Doch plötzlich hielt Madame Juvier inne, stürzte sich auf ihn und schüttelte ihn an den Schultern. »Ihr müsst ihnen sagen, dass Ihr der Sekretär des Stellvertreters des Gouverneurs seid! Dann werden sie nicht wagen, uns etwas anzutun!«

»Madame, bitte!« Er versuchte, ihre Hände von seinem Kragen zu lösen.

In diesem Moment wurde die Tür aufgestoßen. Laut knallte sie gegen die Wand, und diesmal zuckten alle zusammen, auch Fleur. Ihr Blick richtete sich auf die beiden Männer, die im Türrahmen standen. Sie waren besser gekleidet als diejenigen, die sie hier zusammengetrieben hatten. Aber auch sie hatten rußgeschwärzte Gesichter, waren bewaffnet und sahen Furcht erregend aus. Finster musterten sie die Passagiere.

Als die durchdringenden blauen Augen des einen sie für einen Moment fixierten, erkannte Fleur ihn: Kapitän Pierce Blackhurst. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Sie hatte das Gefühl, in die Fänge des Leibhaftigen persönlich geraten zu sein.

Madame Juvier verlor die Nerven. Sie ließ von Dupère ab und stürzte sich auf den kleineren der beiden Männer. »Er ist von der französischen Regierung!«, kreischte sie und zeigte auf den Beamten.

Der Mann reagierte nicht auf ihr Geschrei, sondern stieß sie mit unbeteiligter Miene von sich. Dann sah er Dupère an. »So so. Ist er das.« Es war keine Frage, sondern eine gelangweilte Feststellung.

Fleur ließ Kapitän Blackhurst nicht aus den Augen. Sie meinte, so etwas wie Verachtung in seiner Miene zu sehen, aber es war fast unmöglich, in dem rußgeschwärzten Gesicht zu lesen.

»Ja, sagt es ihm!«, verlangte Madame Juvier von Dupère.

Der aber schwieg.

Fleur hätte dasselbe getan. Sie glaubte nicht, dass diese Männer eine Antwort auf eine Frage wünschten, die sie nicht gestellt hatten.

»Fangen wir mit ihr an«, entschied Pierce Blackhurst und deutete mit dem Kopf auf eine ältere Frau, die wie eine Gouvernante aussah. Er hatte genug gesehen. Seine langjährige Erfahrung erlaubte es ihm, den Wert seiner Beute schnell abschätzen zu können. Die strenge, alte Jungfer gehörte nicht zu den wertvollen Stücken. Weder hübsch anzusehen noch vermögend. Das Beamtenehepaar gehörte ebenfalls nicht dazu. Mit der französischen Regierung wollte er keinesfalls Schwierigkeiten bekommen. Bei der hysterischen Mutter und den Töchtern, an die sie sich jetzt klammerte, sah es anders aus. Ihre Kleidung ließ auf einen vermögenden Stand schließen. Und mit ihrer älteren, blond gelockten Tochter war ihnen eine Perle von einmaliger Schönheit in die Hände geraten.

Wie es um die pummelige Rothaarige stand, würde sich zeigen. Dasselbe galt für die Braunhaarige mit den Rehaugen.

Mittlerweile waren ihm die Reaktionen von erbeuteten Frauen geläufig. Die Palette reichte von Tränen und Flehen über aufgebrachtes Keifen bis zu eingeschüchtertem Zittern. Mitunter gab es sogar welche, die ihre Situation mit Kokettieren zu verbessern versuchten. Dazu schien das Goldlöckchen, die ältere Tochter der Keifenden, zu gehören. Zuerst hatte sie den Kopf verschüchtert gesenkt, um ihm danach unter ihren langen Wimpern hervor einen kurzen Blick mit blauäugiger Unschuld zuzuwerfen.

Sie alle waren leicht einzuschätzen, außer der Braunhaarigen mit den Rehaugen. Ruhig saß sie zuhinterst auf der Bank, und ihre Miene verriet ihm nichts über sie. Auch nicht, als sie den Kopf drehte und ihn mit ihren braunen Augen direkt anblickte.

Er wandte sich ab und ging in die Kapitänskabine, während sein zweiter Offizier, Henry Ferguson, die Gouvernante hinter ihm herführte. Pierce stellte sich ans Fenster und begann die Befragung. Die Frau war tatsächlich eine Gouvernante. Und damit wertlos, wie er angenommen hatte. Niemand würde für sie ein Lösegeld bezahlen. Interessant wurde es bei der Befragung von Madame Juvier, die er Ferguson überließ. Nachdem er sie zweimal hart angefahren hatte, gab sie eingeschüchtert Auskunft, dass ihr Sohn Verwalter einer bedeutenden Plantage sei. Ferguson warf ihm einen augenzwinkernden Blick zu. Wenn das keine fette Beute war!

Als Nächstes wurde die Braunhaarige von einem seiner Männer gebracht.

»Setzen!«, befahl Ferguson. Er deutete auf den Stuhl in der Mitte der Kabine.

Die junge Frau tat wie geheißen und setzte sich. Sie fühlte sich offensichtlich unwohl unter ihren taxierenden Musterungen, aber sie drückte den Rücken durch, verschränkte die Hände im Schoss und sah starr geradeaus.

Pierce stellte sich schräg hinter sie. Er würde zu gern dafür sorgen, dass diese eiskalte Fassade Risse bekam. Er fragte sich, was er wohl dahinter finden würde. Er nickte Ferguson zu, damit er mit der Befragung begann.

»Name?«

»Fleur Laurent.«

Ihr Kopf zuckte, als wollte sie sich umdrehen, aber sie fing sich, bevor sie die Bewegung beenden konnte. Pierce lächelte. Gut, seine stille Anwesenheit hinter ihr machte sie nervös.

»Familie?«

Fleur schüttelte verneinend den Kopf.

Ferguson verzog enttäuscht den Mund. Ohne Familie ließ sich kaum Lösegeld erpressen.

»Was wollt Ihr auf den Antillen?«, fuhr er fort.

»Heiraten.«

Pierce betrachtete den eleganten, schlanken Hals, über dem sich ein paar feine Haare kringelten. Er unterdrückte den Drang darüberzustreichen, um herauszufinden, ob die Haut genauso zart war, wie sie aussah.

»Wen?«

»Monsieur Maurais.«

»Und womit beschäftigt sich dieser Maurais?«, fragte Ferguson.

Nun wurde es interessant. Eine offensichtlich wohlerzogene Frau wie sie würde doch sicher keinen armen Schlucker heiraten. Also wurde es vielleicht doch noch was mit dem Lösegeld.

»Er besitzt eine Plantage.«

Ferguson grinste. »Das gefällt mir schon besser.«

Eigentlich hatten sie alle Informationen, die sie brauchten, aber Pierce war neugierig. »Seid Ihr Monsieur Maurais schon einmal begegnet?«

Fleurs Haltung wurde, wenn möglich, noch etwas steifer. Sie blickte sich nicht um. »Nein«, antwortete sie leise.

Interessant! Aber er hatte erfahren, was er wissen wollte. »Lass die Nächste kommen!«, befahl Pierce.

Fleur wurde hinausgeführt, und die beiden verhörten den Rest der Passagiere.

Danach entschied Pierce: »Wir behalten die beiden Juvier-Töchter, Mademoiselle Baulant und Madame Laurent. Die sollten uns was einbringen. Den Rest setzen wir mit der Mannschaft ab.«

»Madame Juvier wollt Ihr nicht behalten?«, wunderte sich Ferguson. »Drei bringen uns mehr ein als zwei.«

»Nein. Sie wird nur Schwierigkeiten machen. Und ich ziehe es vor, sie macht diese Schwierigkeiten an Land bei ihrem Sohn, um das Lösegeld zu beschaffen, anstatt an Bord. Außerdem werden wir für die beiden Töchter gleich viel verlangen können wie für alle drei.«

Mit einem Klopfen trat der erste Offizier ein. »Sir, wir haben die ganze Fracht durchgesehen und die teuren Stücke auf unser Schiff umgeladen.«

»Gut. Dann gebt mir eine Liste davon.« Damit konnte er die Frachtpapiere des französischen Kapitäns fälschen, damit Gouverneur Henry Moore nicht merken würde, dass sie der englischen Regierung einen Teil der Fracht vorenthielten, um ihre Prise zu erhöhen. Sie waren zwar Freibeuter, aber keine Gesetzeslosen wie die Piraten, und deswegen galten für sie einige Regeln. Mit dem Kaperbrief gab ihnen die englische Regierung das Recht, Handelsschiffe feindlicher Nationen anzugreifen und auszuplündern und ihre Feinde dadurch zu schwächen. Im Gegenzug für dieses Recht mussten sie der Regierung einen Teil ihrer Beute abliefern. Aber auch als Freibeuter musste man sich ja nicht an alle Regeln halten, und es hielt die Mannschaft bei Laune, wenn Pierce ihren Sold auf diese Weise erhöhte!

»Ihr segelt das Handelsschiff nach Jamaika und bringt es Gouverneur Moore als Prise«, befahl Pierce seinem ersten Offizier. »Setzt die französische Mannschaft und die Passagiere an einem verlassenen Strand von Guadeloupe ab. Von dort können sie sich zu ihren Landsleuten durchschlagen. Wir werden mit der Fregatte noch eine Weile in diesen Gewässern kreuzen, vielleicht gerät uns ein zweites Handelsschiff in die Fänge. Danach laufen wir Puerto Rico an, verkaufen die erbeutete Fracht und die Frauen an unseren spanischen Verbindungsmann, der das Lösegeld für sie einfordern wird. Auf Jamaika treffen wir uns wieder. Mast- und Schotbruch!«

Der erste Offizier salutierte ergeben.

Pierce wandte sich an Ferguson. »Und Ihr schafft die Frauen auf unser Schiff.«

»Aye, aye, Käpt’en.« Es war ihm anzusehen, dass ihm dieser Befehl gefiel.

5

Im Salon der Passagiere war es ruhig geworden. Madame Juvier hatte kein Wort mehr gesprochen, seit sie von der Befragung zurückgebracht worden war. Madame Dupère und die Gouvernante beteten, und Lucille lehnte den Kopf an Fleurs Schulter.

Wie eine rasant wachsende Schlingpflanze hatte die Angst begonnen, um sich zu greifen. Wuchernd breitete sie sich aus. Keiner konnte sich ihr entziehen. Sie lähmte jede Bewegung, jedes eventuelle Aufbegehren. Sie kontrollierte die Gedanken der Eingesperrten, die sich in Schreckensbildern überschlugen. Zumindest empfand es Fleur so. Sie hatte das Gefühl, dass sie etwas tun musste – irgendetwas –, und die Hilflosigkeit war beinahe schlimmer als die Angst. Aber nur beinahe. Sie war nicht naiv. Sie wusste, was Frauen in Kriegszeiten geschehen konnte. Und sie hatte die Blicke des Kapitäns beinahe wie eine Berührung auf ihrer Haut gespürt.

Sie schreckte auf, als sich die Tür öffnete. Zwei Piraten kamen herein. Der erste war der, der auch die Befragung durchgeführt hatte. Er packte die erschrockenen Juvier-Schwestern und zerrte sie ohne ein Wort aus dem Salon. Der zweite, ein riesiger Mann mit schwarzer Hautfarbe, umschloss Fleurs und Lucilles Arme und zog sie hinter sich her. Er war barfuß und nur mit einer Hose bekleidet, in deren Gürtel ein Messer und eine Pistole steckten. Der Oberkörper war nackt und muskelbepackt. Sein Äußeres wirkte derart bedrohlich, dass Fleur und Lucille sich ohne Gegenwehr mitführen ließen. Er zog sie die Treppe hinauf an Deck und dort auf das erhöhte Achterdeck.

Die Fregatte und das Handelsschiff lagen längsseits dicht aneinander, mit Tauen festgezurrt. Je nach Wellengang krachten die beiden Schiffe zusammen und drifteten wieder ein Stück auseinander, soweit es die Taue zuließen.

»Du rüberspringen!«, befahl der schwarze Mann in schlechtem Französisch an Lucille gewandt und deutete auf das Deck der Fregatte.

Entsetzt sah Lucille ihn an und schüttelte den Kopf. Sie schien sich vor dem, was er von ihr verlangte, noch mehr zu fürchten als vor ihm.

»Du springen!«, befahl er nochmals.

Wieder schüttelte sie den Kopf. Ihre Augen begannen sich mit Tränen zu füllen.

Fleur versuchte einen ruhigen Kopf zu bewahren. Sie trat an die Reling und warf einen Blick in den Spalt hinunter, der sich eben wieder zwischen den beiden Schiffen auftat. Sie schauderte. Einige Meter unter ihnen brodelte die dunkle See. Die Bordwände krachten jäh wieder aneinander, und eine Gischtfontäne spritzte auf. Fleur konnte gerade noch rechtzeitig zurückweichen, um nicht nass zu werden. Sie schüttelte den Kopf. Der Sprung war zwar nicht weit, aber die Bewegungen der Schiffe waren unberechenbar. Ein falscher Schritt, und man würde zwischen die Bordwände ins Wasser fallen und unweigerlich von ihnen zermalmt werden. Sie nahm ihren Mut zusammen und wandte sich dem schwarzen Mann zu. Sie zeigte auf ihre Röcke und versuchte ihm begreiflich zu machen, dass sie unmöglich springen konnten.

Nach einer Weile schien der Mann ihre Handzeichen verstanden zu haben, denn er nickte. Nachdenklich kratzte er sich am Kopf. Dann hob er einen Enterhaken auf und zog ein lose von einer Rah herabhängendes Tau von der Fregatte auf das Achterdeck des Handelsschiffes hinüber.

Lucille beobachtete ängstlich sein Tun und wich zurück, als er mit dem Tau auf sie zukam.

»Du keine Angst. Ich dich festbinden.«

Seine Worte hatten nicht die erwünschte Wirkung. Als er versuchte, das Tau unter ihren Armen hindurchzuziehen, begann sich Lucille panisch gegen ihn zu wehren. Fleur versuchte, sie zu beruhigen, aber ihre Stimme schien gar nicht bis zu Lucille durchzudringen. Schließlich packte der Mann sie und hielt sie so fest, dass sie sich kaum noch bewegen konnte.

»Du keine Angst«, wiederholte er.

Verzweifelt wand sich Lucille in seiner Umklammerung.

»Ich dir nichts tun«, versuchte er sie zu beruhigen, »ich dir nichts tun.« In seiner Stimme klang Trauer und Resignation mit; zumindest meinte Fleur, das herauszuhören.

Aber die Worte und der Ton drangen auch zu Lucille durch, und ihre Befreiungsversuche erlahmten.

»Gut.« Er lockerte seinen Griff, drehte sie zu sich und betrachtete sie forschend. Dann griff er nach einer Strähne, die sich aus ihrer Frisur gelöst hatte, und ließ sie durch seine Finger gleiten. »Du Haar wie Flammen«, murmelte er andächtig.

Verwirrt blickte Lucille zu ihm auf. Sie schien völlig perplex, dass jemand ihre Haare bewundern konnte! Sie wich nicht einmal zurück, als er die Strähne losließ und mit dem Daumen über ihr Gesicht fuhr.

»Und Honigtropfen im Gesicht«, fügte er hinzu.

»Hässliche Sommersprossen«, sagte sie verschämt.

»Honigtropfen«, insistierte er, »süß«, und lächelte sie an. Dann zog er das Tau unter ihren Armen hindurch und verknotete es über ihrer Brust. Er bedeutete ihr, dass sie an dem Tau hochgreifen und sich auf das andere Deck schwingen sollte.

Lucille hatte ihn gewähren lassen, doch als er auf die Fregatte zeigte, kehrte ihre Angst zurück und ließ sie erstarren.

Er tätschelte die Reling und bot ihr seine Hand, um ihr beim Hinaufklettern zu helfen. Als sie sich immer noch nicht bewegte, packte er sie und hob sie auf die Reling. Er hielt sie fest, bis sich die Schiffe wieder annäherten und gab ihr einen Stoß. Sie kreischte, aber sie schwang hinüber und landete sicher auf dem anderen Deck, wo ein Matrose das Seil löste und wieder zurückwarf.

Nun war Fleur an der Reihe. Der Mann schickte sich an, auch ihr das Tau umzubinden.

»Nicht anfassen«, wehrte sie ab und trat einen Schritt zurück. Sie wollte dieses Tau nicht von ihm umgebunden bekommen.

Er zuckte mit den Schultern und deutete auf den Spalt zwischen den Schiffen.

»Gib mir das Tau. Ich werde mich daran festhalten beim Springen.«

Er reichte es ihr. Fleur reckte sich, hielt sich so weit oben wie möglich fest und kletterte auf die Reling. Unter ihr klatschte das Wasser gegen die Bordwände. Einen Moment lang schwankte sie. Nicht hinuntersehen!, schärfte sie sich ein. Sie holte tief Luft und sprang. Das Tau schwang sie über den tiefen Spalt, in dem das Meer schäumte. Das Deck der Fregatte tauchte unter ihren Füßen auf. Sie ließ das Tau los und fiel auf die Holzplanken.

»Fleur! Alles in Ordnung?« Besorgt stürzte Lucille herbei und half ihr aufzustehen.

Erleichtert, sicher gelandet zu sein, nickte Fleur.

Der Mann sprang neben ihnen auf das Deck, nahm sie wieder an den Armen und führte sie einen Niedergang hinunter. Er öffnete eine Kabinentür und schob Fleur hinein. Lucille wollte nachfolgen.

»Nein. Du woanders.« Er zog sie zurück, steckte den Schlüssel von außen in das Schloss und sperrte ab, bevor Fleur die Möglichkeit hatte, zu protestieren. Sie hämmerte an die Tür und rief nach ihnen. Doch es nützte nichts. Sie hörte, wie sich die beiden entfernten.

Und sie war allein.

Pierce Blackhurst und sein zweiter Offizier Ferguson lehnten an der Reling der Fregatte und sahen dem Handelsschiff nach, das sich mit gesetzten Segeln von ihnen entfernte.

Pierce fragte sich, wo das Triumphgefühl blieb, das er normalerweise nach einem erfolgreichen Fang empfand. Wie immer hatte er begierig auf der Lauer gelegen, und das Jagdfieber hatte ihn gepackt, als das Handelsschiff aufgetaucht war. Und er freute sich auch über den gelungenen Beutezug. Aber es war nicht mehr so wie früher. Die Erregung flaute viel zu schnell ab. Und dies war nicht das erste Mal, dass er sich so fühlte. Er verstand nicht, was mit ihm los war, und das bereitete ihm schlechte Laune.

Wenigstens war die Jagd ohne Blutvergießen beendet worden. Die Finte mit den zusätzlich aufgemalten Stückpforten, die durch die schwarze Farbe noch größer wirkten und eine stärkere Bewaffnung vorspiegelten als tatsächlich vorhanden war, das Drohgebrüll der an Deck versammelten Männer, ihre geschwärzten Gesichter und sein eigenes überlegenes Auftreten hatten sich wieder einmal bewährt. Er hatte diese Taktik schon früh gelernt: Eine erfolgreiche Einschüchterung war der halbe Sieg.

»Eine gute Prise. Die Mannschaft wird sich freuen«, bemerkte Ferguson mit einem Leuchten in den Augen.

»Nicht nur das. Es wird unser Ansehen bei Gouverneur Moore erhöhen.« Pierce’ Blick blieb auf das sich entfernende Handelsschiff gerichtet.

Ferguson wartete offensichtlich darauf, dass er weitersprach. Als er das auch nach einer Weile nicht tat, wurde der zweite Offizier ungeduldig. Er trat von einem Fuß auf den anderen, setzte zum Sprechen an, unterließ es dann aber, da das Gespräch für den Kapitän anscheinend beendet war und seine Aufmerksamkeit immer noch dem Handelsschiff galt.

Pierce ließ sich nichts anmerken, aber er beobachtete jede Regung des anderen Mannes genau. Er provozierte ihn schließlich absichtlich. Der ehrgeizige Heißsporn brauchte ab und zu einen Dämpfer. Damit er nicht vergaß, wer der Herr an Bord war. Und die Tatsache, dass das notwendig war, verschlechterte Pierce’ Laune weiter. Er wusste, dass er seinem ersten Offizier bedingungslos vertrauen konnte. Nicht aber seinem zweiten. Ferguson strebte ein eigenes Kommando an. Was an sich nichts Falsches war, nur schien er manchmal zu denken, dass der beste Weg dorthin eine Meuterei war. Deshalb hatte Pierce ihn auch nicht mit dem Handelsschiff nach Jamaika geschickt. Er befürchtete, dass Ferguson diese Möglichkeit genutzt hätte, sich zu verselbstständigen.

Schließlich hielt Ferguson es nicht mehr aus und stellte ungeduldig die Frage, die ihm schon die ganze Zeit auf der Zunge brannte. »Wie teilen wir die Beute auf?«

Betont langsam drehte Pierce sich zu seinem Offizier um. »Wie immer. Sobald wir in Jamaika ankommen«, entgegnete er kurz.

»Nein, ich meine die Frauen.« Bedeutungsvoll hob Ferguson die Augenbrauen.

Pierce hatte die Frage erwartet, aber das machte sie nicht weniger unangenehm. Der Platz an Bord war begrenzt, und es gab keine Kabinen für zusätzliche Passagiere. Um die Sicherheit von Frauen auf einem Schiff mit einer Horde Männer, denen seit Monaten weibliche Gesellschaft vorenthalten worden war, zu gewährleisten, teilten die Offiziere sie auf ihre eigenen Kabinen auf. Sie hatten für die Sicherheit der Frauen zu sorgen. Dies war ihr oberstes Gebot. Wenn sich aber eine von ihnen verführen ließ, nun, dann war das ihre eigene Entscheidung.

Pierce war aufgefallen, dass Ferguson ein Auge auf das Goldlöckchen geworfen hatte. Was nicht verwunderlich war. Nur stand ihm als Kapitän die erste Wahl zu und damit die schönste der Frauen. Und das ließ ihn dieses Mal in eine Zwickmühle geraten. Er hatte keine Lust auf das Goldlöckchen. Sie war ihm zu jung, zu unerfahren und zu kokett. Das wog selbst ihre Schönheit nicht auf. Der Gedanke, ein kicherndes Gänschen bis nach Puerto Rico in seiner Kabine zu haben, ließ ihn innerlich aufstöhnen.

Er hatte überhaupt keine Lust auf eine Frau. Er wollte seine Ruhe. Und auch das war ein befremdendes Gefühl für ihn. Er hatte die Gegenwart schöner Frauen immer genossen. Aber als er versuchte, sich die Gesichter der Frauen, die er in den letzten Jahren verführt hatte, vor Augen zu rufen, stellte er fest, dass er sich an die wenigsten erinnern konnte und schon gar nicht an ihre Namen. Das Goldlöckchen wäre nur eine mehr in dieser gesichtslosen Reihe. Ihren Namen hatte er schon jetzt vergessen. Warum diesmal also überhaupt eine Frau? Der Gedanke, es nicht zu tun, war verlockend.

Aber er wusste, auf das Goldlöckchen zu verzichten und sie Ferguson zu überlassen, würde seinem Stand bei der Mannschaft schaden; sie könnten es ihm als Schwäche auslegen. Das durfte er angesichts der Situation mit seinem zweiten Offizier keinesfalls zulassen. Ein schwacher Kapitän lief immer Gefahr, gemeutert zu werden. Er musste sich für eine entscheiden. Wenn nicht Goldlöckchen, dann blieb nur das Rehauge übrig. Sie konnte zwar nicht mit der Schönheit der ersteren mithalten, aber sie war hübsch, wenn auch für seinen Geschmack zu mager, und sie würde sich ruhig verhalten und ihn am wenigsten stören. Er würde sein Ansehen damit zwar nicht stärken, ihm aber auch nicht schaden.

»Ich nehme die Braunhaarige.«

Überrascht sah Ferguson ihn an. »Nicht die Blonde?«

Blackhurst verzog das Gesicht. »Sie ist ein dummes Gänschen. Die Braunhaarige ist erfahrener.«

»Dann …« Ferguson brach ab. Er konnte kaum glauben, dass er ein solches Glück haben sollte.

»Bedient Euch«, offerierte Pierce gelangweilt. »Aber benehmt Euch dabei wie ein Ehrenmann«, setzte er mit scharfer Stimme hinzu. »Ich will von der Dame keine Klagen hören.«

Ferguson strahlte und ging unter Deck.

Pierce blieb allein an der Reling zurück. Es widerstrebte ihm, in seine Kabine zu gehen. Dorthin würde Ferguson gleich das Rehauge bringen.

6

Fleur blieb nicht in dem kleinen Raum, in den man sie gesperrt hatte. Nach einer Weile kam ein weiterer Pirat – der, den sie schon von der Befragung kannte – und brachte sie wortlos in eine andere Kabine. Diese war ungewöhnlich geräumig. Auf der einen Seite standen ein Tisch mit zwei gemütlich aussehenden Stühlen und dahinter eine Art Buffet mit Schränken und einer Anrichte. Die Möbel waren schnörkellos, aber in sorgfältiger Handarbeit gezimmert, und das Holz, abgesehen von einer matten Lackierung, in seinem natürlichen Zustand belassen worden. Die Sonne strahlte durch eine Fensterfront an der Längsseite des Raumes auf eine darunterstehende, massive Truhe, die mit Eisenbeschlägen verziert war, und auf die breiten Holzplanken des Fußbodens. An der Wand daneben war ein ungemachtes Bett.

Trotz der Möbel war der Raum karg eingerichtet. Bilder und persönliche Gegenstände fehlten. Es war, als ob der Besitzer für eine längere Zeit verreist sei. Einzig die zerknüllten weißen Laken auf dem Bett zeugten von einem Bewohner. Sie strahlten eine derartige Intimität aus, dass sie Fleur vom Bett weg zum Tisch trieben, wo sie sich ängstlich setzte.

Angespannt wartete sie darauf, dass jemand hereintreten würde. Ihre Hände waren feucht vor Schweiß, sodass sie sie in ihrem Schoß faltete, anstatt sie auf die Armlehnen zu legen. Bald spürte sie, wie sich auch Schweiß an ihrem Rücken bildetet, diesmal allerdings wegen der Wärme im Raum, nicht wegen ihrer Nervosität. Unbarmherzig strahlte die Sonne durch die Fenster auf Fleurs braunes Kleid. Aber sie wagte nicht, sich zu rühren, aufzustehen und den Stuhl ein Stück nach hinten zu rücken, um den Sonnenstrahlen zu entfliehen. Verkrampft blieb sie sitzen.

Eine jähe Erkenntnis ließ die Hitze auf einen Schlag noch unerträglicher werden. Angst schoss in ihr hoch. Eine solch geräumige Kabine hatte nur eine Person auf einem Schiff: der Kapitän! Es war seine Kabine! Die finstere Gestalt mit den durchdringenden blauen Augen. Was würde er hier mit ihr tun? Weshalb war sie in seine Kabine gebracht worden? Bei der Vorstellung, zu was ein solcher Mann fähig wäre, wenn ihm eine Frau in die Hände geriet, brach ihr der Schweiß aus allen Poren.

Fleur wusste nicht, wie lange sie unbeweglich auf dem Stuhl verharrt hatte – es kam ihr vor wie Stunden –, als die Tür aufging und er hereintrat.

Blackhurst warf ihr einen kurzen Blick zu, marschierte mit zwei Schritten durch die Kabine, wobei er seinen Hut achtlos auf die Truhe warf, und riss die Fenster auf. Auch dasjenige, das sich in Fleurs Rücken befand. Die feuchten Nackenhaare sträubten sich ihr, als er hinter sie trat.

Sie sträubten sich auch noch, nachdem er sich ihr gegenüber auf den Stuhl hatte fallen lassen und sie mit einem intensiven Blick fixierte. Trotz der Hitze rann ein Schauer der Kälte über ihren feuchten Rücken. Furchteinflößend funkelten seine Augen zwischen wirren kohleschwarzen Haarsträhnen hervor. Die untere Hälfte des Gesichts war von einem ebenso schwarzen, kurzen Bart bedeckt. Seine groß gewachsene, kräftige Gestalt schien, obwohl er saß, den ganzen Raum in der Kabine einzunehmen und nichts mehr davon für Fleur übrig zu lassen. Sie fühlte sich eingezwängt und erdrückt.

Er lehnte sich zurück, legte die Füße überkreuzt auf den Tisch vor ihr und verschränkte die Arme selbstgefällig hinter dem Kopf. Immer noch starrte er sie an und ließ dabei seinen Blick an ihrem Körper hinabschweifen und wieder hinauf. Ohne ein Wort zu sagen.

Fleur rieb ihre feuchten Hände am Kleid. Das Schweigen zerrte an ihren Nerven. Sie hätte es gerne gebrochen, um ihm zu entkommen, aber in ihrem Kopf nahm kein einziges Wort Form an. Es gelang ihr nur, ihren Blick abzuwenden und auf die Tischplatte zu senken, die mit Schnitten und Kerben übersät war.

In einer geschmeidigen Bewegung nahm er die Füße vom Tisch und beugte sich vor. »Du bist nicht gerade gesprächig, Rehauge!«

Fleur fühlte sich gezwungen, ihn wieder anzusehen, aber sie hielt seinem Blick nur eine Sekunde stand. Sie krallte die Finger in den Stoff des Kleides. Erneut brach ihr der Schweiß aus, trotz dem erlösenden Lufthauch, der durch die geöffneten Fenster wehte.

»Aber wir haben Zeit, viel Zeit.« Er lehnte sich wieder zurück und starrte sie weiterhin an. Eine Weile lang saßen sie sich schweigend gegenüber.

Dann befahl er: »Los, geh in deine Kabine!« Mit dem Kopf deutete er auf die Tür am Fußende des Bettes. Seine Stimme hatte einen verärgerten Unterton angenommen.

Es dauerte einen Moment, bis es Fleur gelang, die Erstarrung abzuschütteln und aufzustehen. Auf wackeligen Beinen setzte sie einen Fuß vor den anderen, bis sie vor der Tür stand. Sie öffnete sie, trat über die Schwelle und schloss sie hinter sich. Sie atmete aus, und mit der Luft, die aus ihr herausströmte, sank sie in sich zusammen. Zum Glück war es fast unmöglich, nicht in die Koje zu fallen.

Die Kabine war noch enger als diejenige auf dem Handelsschiff – gerade mal eine Armlänge breit –, und mit dem Unterschied, dass es nur eine Koje gab, die in die Wand eingelassen war.

Sie hatte das Gefühl, nicht atmen zu können. Sie kämpfte sich hoch, und mit zittrigen Händen öffnete sie das kleine Fenster, auch wenn es draußen nur unmerklich kühler war als im Raum. Sie rang nach Luft.

Nur allmählich ließ der eiserne Griff um ihre Lunge nach. Als sie endlich wieder tief durchatmen konnte, reckte sie sich, um die Verkrampfungen in ihrem Körper, die sie starr wie eine Holzpuppe hatten werden lassen, zu lösen. In ihrem Nacken knackte es.

Auch wenn die Worte des Kapitäns und seine beinahe unerträgliche Nähe direkt hinter der dünnen Holzwand der Koje wie ein schweres Gewicht auf ihr lasteten, war sie dankbar für die Ruhepause, die ihr gegönnt wurde. Allein in einer eigenen Kabine zu sein, selbst wenn deren Enge ihr keine Bewegungsfreiheit gab, war in diesem Moment eine derart unbeschreibliche Erlösung, dass sie darüber beinahe in Tränen ausgebrochen wäre. Erschöpft schloss sie die Augen und versuchte an nichts zu denken. Schon gar nicht daran, was als Nächstes geschehen würde.

Eine Faust hämmerte zweimal gegen Fleurs Kabine. »Abendessen!«

Erschrocken richtete sie sich auf. Durch das Fenster waren einzelne violett gefärbte Wolken an einem dunkelblauen Himmel zu erkennen. Darunter lag das Meer in seiner nachtschwarzen, unüberwindbaren Endlosigkeit, die Fleur von jedem anderen Leben auf dieser Welt abschnitt und zur Gefangenen dieses Schiffes und seines Kapitäns machten. Der Drang, sich in ihrer Koje zu verstecken, anstatt sich wieder in die Höhle des Löwen zu begeben, war beinahe übermächtig. Doch die Angst, er könnte kommen und sie holen, und ein beinahe unerträglich gewordener Durst zwangen sie, aufzustehen, sich notdürftig zurechtzumachen und hinüberzugehen.

Das Licht eines Kerzenleuchters, der von der Decke herunterhing, erhellte den Raum. Kapitän Blackhurst saß am Tisch und riss mit den Zähnen ein Stück Fleisch von einem Knochen, den er mit dem Entermesser aufgespießt hatte und mit der anderen Hand festhielt.

Unsicher näherte sich Fleur und blieb vor dem Tisch stehen. Er nahm einen weiteren Bissen. Als sie immer noch bewegungslos dastand, ließ er den Knochen los, der aufgespießt am Entermesser hängen blieb, und forderte sie mit einer unwirschen Handbewegung auf, sich zu setzen. Dann wandte er sich wieder dem Essen zu.

Fleur schob den Stuhl zurück und setzte sich. Erleichtert bemerkte sie, dass ein metallener Teller mit Messer und Gabel für sie bereit lag. Wenigstens würde sie nicht mit den Fingern essen müssen.

»Nimm!«, sagte er mit vollem Mund und deutete auf die Schüssel.

Nach einem kurzen Zögern wagte sie es, das übrig gebliebene Stück Fleisch zu nehmen und auch Kartoffeln und Gemüse, die sich ebenfalls in der Schüssel befanden. Dabei bemühte sie sich, das Zittern ihrer Hände zu verbergen.

Nachdem sie einige Bissen hinuntergewürgt hatte, ohne von Blackhurst belästigt worden zu sein, nahm sie allen Mut zusammen und stellte die Frage, die sie seit ihrer Trennung umtrieb: »Wo ist Lucille?«

Blackhurst hielt inne und kniff die Augen zusammen. »Wer?«

»Lucille Baulant, die Frau mit den roten Haaren.«

Er sah sie einen Moment schweigend an, dann wandte er sich wieder dem Essen zu. »Das hat dich nicht zu interessieren.«

Pierce schenkte der Frau, die ihm gegenübersaß, aus einer Karaffe mit Wasser verdünnten Wein ein und beobachtete sie. Kerzengerade saß sie am Tisch, schnitt sich kleine Bissen Fleisch von dem Knochen und aß, als ob sie sich an der Tafel einer vornehmen Abendgesellschaft befinden würde. Ihr Benehmen war tadellos, mit einer Ausnahme: Sie unterhielt ihren Tischnachbarn nicht mit einer angenehmen Konversation.

Je länger er sie beobachtete, desto mehr verärgerte ihn ihre vornehm abweisende Art. Sie erinnerte ihn an seine Mutter und die Frauen der sogenannten besseren Gesellschaft. Die Frauen, die nur Augen für seinen ältesten Bruder gehabt hatten, der den Familientitel und die Ländereien erben würde. Oder für seinen zweitältesten Bruder, dem zumindest noch die Militärakademie und damit eine glanzvolle Laufbahn finanziert worden war. Bestimmt aber nicht für ihn, dem nur noch das Theologiestudium offengestanden und der nach dem Willen seines Vaters Pfarrer hatte werden sollen.

Ausgerechnet er! Es war, als ob das Schicksal ihm und seinen Brüdern einen Streich hatte spielen wollen, indem es sie in der falschen Reihenfolge in die Welt setzte. Anstatt ihn an erste oder zweite Stelle zu setzen, waren seine Brüder auf diesen Plätzen gelandet. Den Friedfertigen, der sich nie mit anderen Jungs prügelte und kein Blut sehen konnte, setzte es an die Stelle desjenigen, der nach Familientradition aus einer siegreichen Schlacht heimkehren sollte. Und der gottesfromme Scheue mit seiner Angst vor dem Vieh sollte sich mit den Pächtern herumschlagen.

Aber das hatte seinen Vater nicht interessiert. Der Familientradition war Folge zu leisten.

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