Logo weiterlesen.de
In den Armen des Sizilianers

1. KAPITEL

Emma wurde es angst und bange, als sie den großen Mann mit dem blonden Haar ansah, der vor ihr stand. Sie konnte sich jedoch nicht erlauben, in Panik zu geraten, und nahm sich zusammen.

„Es tut mir leid, Andrew, ich kann beim besten Willen keine höhere Miete bezahlen“, erklärte sie ruhig. „Das wissen Sie doch.“

Ohne eine Miene zu verziehen, zuckte er die Schultern. „Ich bin kein Wohltätigkeitsverein. Wenn ich das Cottage anderweitig vergebe, kann ich leicht den doppelten oder dreifachen Betrag erzielen.“

Unwillkürlich nickte sie. Das stimmte natürlich. Die Leute rissen sich geradezu um so gemütliche Häuser in englischen Kleinstädten. Auf dem Land zu leben war momentan groß in Mode.

„Gibt es niemanden, der Ihnen helfen könnte? Vielleicht Ihr Mann?“, fragte Andrew.

Der Gedanke an Vincenzo ließ sie erschauern. Doch sie wollte und konnte sich keine Schwäche mehr erlauben.

„Danke, dass Sie sich um mich Sorgen machen, aber das ist nicht nötig. Ich werde nach einer Lösung suchen“, erwiderte sie, wobei ihr Lächeln wenig überzeugend wirkte.

„Emma …“

„Bitte, Andrew“, unterbrach sie ihn betont ruhig. Sie wollte weder mit ihm noch mit sonst jemandem über Vincenzo reden. „Entweder schaffe ich es, Ihrer Forderung nachzukommen, oder ich schaue mich nach einer günstigeren Wohnung um.“

Sie wusste, dass es noch eine andere Möglichkeit gab, das hatte Andrew ihr auf seine ganz spezielle Art mehr als einmal nett und höflich zu verstehen gegeben. Sie würde jedoch nicht mit ihm ausgehen, nur damit er die Miete nicht anhob. Dann würde er sich Hoffnungen machen, die sie enttäuschen musste. Sie legte keinen Wert darauf, Freundschaften zu schließen, dafür gab es in ihrem Leben keinen Platz. Seit sie Vincenzo verlassen hatte, konnte sie sich nicht mehr vorstellen, jemals wieder mit einem Mann zusammen zu sein.

Andrew verabschiedete sich und verschwand im Nebel, der an diesem grauen Novembertag über dem Land lag, und Emma ging ins Haus zu ihrem Sohn, der im Kinderzimmer schlief.

Sie konnte kaum glauben, dass er schon zehn Monate alt war. Er war ein gesundes, kräftiges Kind und hatte einen starken Willen, den er zweifellos von seinem Vater geerbt hatte.

Seine Decke hatte der Kleine schon wieder weggestrampelt, und das Plüschtier presste er so fest an sich, als hätte er Angst, man würde es ihm wegnehmen. Bei seinem Anblick floss ihr das Herz über vor Liebe und Zärtlichkeit. Wenn es nur um sie ginge, brauchte sie sich keine Sorgen um eine Wohnung zu machen. Es gab genug Arbeitgeber, die ihren Mitarbeitern ein Zimmer zur Verfügung stellten, und sie hätte ein solches Angebot, ohne zu zögern, angenommen.

Ihre Hauptsorge galt jedoch ihrem Sohn. Sie war es ihm schuldig, ihm nur das Allerbeste zu bieten. Es war ganz allein ihre Schuld, dass sie sich jetzt in dieser schwierigen Situation befand, und er sollte nicht darunter leiden.

Sie biss sich auf die Lippe. Andrews Vorschlag, Vincenzo um Hilfe zu bitten, war nicht von der Hand zu weisen. Doch der Stolz verbot es ihr eigentlich, Vincenzo, der ihr fremd geworden war, daraufhin anzusprechen.

Andererseits war er wahrscheinlich verpflichtet, ihr Unterhalt zu zahlen, was ihm bei seinem Reichtum bestimmt nichts ausmachen würde. Wenn sie ihn um die Scheidung bat, würde er sich sicher nicht weigern, ihr monatlich einen bestimmten Betrag zu überweisen, obwohl er sie verachtete und ihr nichts Gutes wünschte.

Müde rieb sie sich die Augen. Hatte sie überhaupt eine andere Wahl? Um einen gut bezahlten Job zu bekommen, war sie nicht genügend qualifiziert, und als sie arbeiten gegangen war, hatte sie einen großen Teil ihres bescheidenen Gehalts für die Kinderbetreuung ausgeben müssen. Außerdem hatte Gino darunter gelitten, stundenlang von ihr getrennt zu sein.

Deshalb hatte sie sich entschlossen, als Tagesmutter zu arbeiten. Sie liebte Kinder, konnte zu Hause bei ihrem Sohn bleiben und verdiente genug, um davon zu leben. Doch dann gab es Probleme, mit denen sie nicht gerechnet hatte.

Mehrere Mütter hatten sich beschwert, es sei für ihre Kinder in dem Cottage zu kalt. Zwei meldeten ihre Kinder sofort ab, und was Emma befürchtet hatte, trat dann auch ein. Nach und nach suchten sich alle eine andere Betreuung, sodass sie kein Einkommen mehr hatte.

Wovon sie und Gino leben sollten, war ihr rätselhaft. Am liebsten hätte sie sich hingesetzt und einmal so richtig ausgeweint, doch damit löste sie ihre Probleme nicht. Sie war erwachsen und musste sich zusammennehmen. Außerdem gab es weit und breit sowieso niemanden, der sie hätte trösten können.

Mit bebenden Fingern nahm sie die abgegriffene Visitenkarte aus der Schublade des Telefontisches und betrachtete sie nachdenklich.

Vincenzo Cardini, las sie. Darunter standen die Adressen und Telefonnummern seiner Büros in Rom, New York und Palermo. Ihn im Ausland anzurufen konnte sie sich nicht erlauben, weil es viel zu teuer war. Doch glücklicherweise besaß er auch eine Niederlassung in London, wo er, wenn sie Glück hatte, zu erreichen war.

Der Gedanke, dass er sich von Zeit zu Zeit in England aufhielt und nicht ein einziges Mal versucht hatte, sie zu besuchen, schmerzte. Weshalb hätte er jedoch Kontakt mit ihr aufnehmen sollen? Hatte er ihr nicht klar und deutlich zu verstehen gegeben, was er von ihr hielt und wie er zu ihr stand?

„Verschwinde, Emma, und komm nie wieder zurück! Du bist nicht mehr meine Frau“, hatte er kühl erklärt.

Danach hatte sie ihn zweimal angerufen, doch er hatte sich geweigert, die Telefonate überhaupt entgegenzunehmen. Wieso glaubte sie, er würde sie dieses Mal nicht wieder demütigen?

Es half alles nichts, sie musste das Risiko eingehen, das war sie ihrem Sohn schuldig. Ihm zuliebe musste sie sich überwinden und sich bei ihrem Mann melden. Das, was Gino von dem sagenhaften Reichtum seines Vaters zustand, sollte er auch bekommen.

Sie fröstelte plötzlich und zog die warme Jacke fester um sich. In letzter Zeit hatte sie abgenommen, ihre Sachen waren ihr viel zu weit geworden. Normalerweise trug sie mehrere T-Shirts und Pullover übereinander, um in dem ungemütlich kalten Herbstwetter nicht zu frieren. Doch ihr Sohn würde bald aufwachen, und dann stellte sie sowieso die Heizung an, obwohl sie es sich finanziell eigentlich gar nicht leisten konnte.

Sie hatte wirklich keine andere Wahl, sie musste Vincenzo anrufen. Während sie die trockenen Lippen befeuchtete, griff sie nach dem Telefon und wählte die Nummer seiner Londoner Niederlassung. Mit heftig klopfendem Herzen wartete sie darauf, dass sich jemand meldete.

„Hallo, kann ich Ihnen helfen?“, ertönte wenige Sekunden später eine freundliche weibliche Stimme in akzentfreiem Englisch.

Emma erinnerte sich, dass Vincenzo nur zweisprachige Mitarbeiter einstellte, die sowohl Englisch als auch Italienisch perfekt beherrschten. Noch lieber war es ihm, wenn sie darüber hinaus Sizilianisch sprachen, einen Dialekt, der für Außenstehende schwer zu verstehen war. Sizilianer hielten eng zusammen, wie er ihr einmal erzählt hatte, sie waren stolz auf ihre Herkunft. Dass er sie, eine Engländerin, die keine weitere Sprache außer ihrer eigenen beherrschte, geheiratet hatte, war etwas, das ihr für immer unverständlich bleiben würde.

Er hat es getan, weil er, wie er oft genug betont hat, sich dazu verpflichtet gefühlt hat, sagte ihr eine kleine innere Stimme.

„Hallo?“, wiederholte in dem Moment die Frau am anderen Ende der Leitung. Emma räusperte sich. „Würden Sie mich bitte mit Signor Cardini verbinden?“, antwortete sie aufs Geratewohl.

Sekundenlang herrschte Schweigen, als wäre die Telefonistin schockiert, dass jemand es wagte, eine solche Bitte überhaupt zu äußern.

„Mit wem spreche ich?“, fragte sie schließlich.

„Mit … Emma Cardini.“

Die Angestellte zögerte kurz. „In welcher Angelegenheit rufen Sie an?“

Offenbar hat sie keine Ahnung, wer ich bin, jedenfalls lässt sie es an dem nötigen Respekt fehlen, dachte Emma leicht verletzt.

„Ich bin seine Frau“, erklärte sie kurz angebunden.

Wieder entstand eine Pause. Wahrscheinlich überlegte die Angestellte, wie sie reagieren sollte. „Einen Moment bitte“, erwiderte sie dann. Die kurze Wartezeit, die Emma wie eine halbe Ewigkeit vor kam, machte sie nervös, und trotz der Kälte, die im Cottage herrschte, traten ihr Schweißperlen auf die Stirn. Immer wieder legte sie sich die Worte zurecht, mit denen sie das Gespräch beginnen wollte, bis die Telefonistin sie aus den Gedanken holte.

„Signor Cardini ist in einer Besprechung und möchte nicht gestört werden. Das lässt er Ihnen ausrichten.“

Was für eine Demütigung!, schoss es Emma durch den Kopf, und sie wollte gerade das Gespräch beenden, als die Frau noch etwas hinzufügte.

„Er wird Sie später zurückrufen, wenn Sie mir die Nummer geben, unter der Sie zu erreichen sind.“

Aus lauter Stolz hätte Emma am liebsten entgegnet, er solle es vergessen, aber eine solche Überheblichkeit konnte sie sich nicht erlauben. „Okay, haben Sie etwas zu schreiben?“

„Natürlich“, antwortete die Frau leicht belustigt, und Emma nannte ihr die Nummer.

Anschließend machte sie sich eine Tasse Tee, umfasste sie mit den kalten Fingern und blickte zum Küchenfenster hinaus in den kleinen Garten, den sie so sehr liebte.

Glänzende braune Kastanien von dem alten Baum, der jenseits der niedrigen Steinmauer auf Andrews riesigem Grundstück stand, bedeckten den Rasen und den Gartenweg. Eigentlich hatte sie geplant, für Gino einen kleinen Sandkasten anzulegen und weißen Jasmin zu pflanzen, dessen Duft sie an lauen Sommerabenden hätte genießen können. Doch wahrscheinlich musste sie all ihre Träume vergessen.

Wenn sie wirklich ausziehen und diesen idyllischen Ort verlassen musste, wo sollte dann ihr kleiner Sohn spielen? Preisgünstige Wohnungen mit eigenem Garten wurden nur selten angeboten.

Plötzlich unterbrach das Läuten des Telefons ihre trüben Gedanken. „Hallo?“, meldete sie sich rasch, damit Gino nicht aufwachte.

„Ciao, Emma.“

Beim Klang von Vincenzos Stimme verkrampfte sich ihr der Magen. Niemand sprach ihren Namen so aus wie er – aber er ließ sich sowieso mit keinem anderen Mann vergleichen. Er war einzigartig.

Wie oft hatte sie sich vorgenommen, betont sachlich und gelassen mit ihm zu reden! Jetzt hatte sie die Gelegenheit, es in die Tat umzusetzen.

„Hallo, Vincenzo.“ Sie schluckte. „Danke, dass du zurückrufst.“

Vincenzo presste die Lippen zusammen. Ihre sanfte Stimme, die ihn immer wieder von Neuem betört hatte, hörte sich an, als würde sie mit ihm ein Verkaufsgespräch führen wollen. Er gestand sich jedoch ein, dass sie ihn trotz seiner feindseligen Gefühle ihr gegenüber immer noch berührte.

„Ich habe fünf Minuten Zeit“, erklärte er unbeteiligt und warf einen finsteren Blick auf seinen vollen Terminkalender, der vor ihm lag. „Weshalb wolltest du mich sprechen?“

Obwohl sie sich oft genug eingeredet hatte, es sei ihr egal, was er von ihr hielt, war sie sehr betroffen. Er behandelte sie so unfreundlich, als wäre sie irgendeine Fremde, die ihm lästig war und die er rasch abwimmeln wollte. Wie schnell ist doch die Flamme der Leidenschaft erloschen und hat nur einen Haufen graue Asche hinterlassen, dachte sie und musste über den Vergleich insgeheim lächeln.

„Ich wollte dich um die Scheidung bitten“, erwiderte sie genauso emotionslos. Sein Schweigen kam Emma wie eine Ewigkeit vor.

Vincenzo lehnte sich in seinem Schreibtischsessel zurück, streckte die langen Beine aus und dachte nach. „Warum verlangst du die endgültige Trennung? Hast du einen anderen Mann kennengelernt, den du heiraten willst?“, fragte er schließlich kühl.

Seine Kälte und Gleichgültigkeit verletzten Emma viel mehr, als sie für möglich gehalten hätte. War das noch derselbe Mensch, der einmal gedroht hatte, er würde jedem Mann, der es wagte, sie zum Tanz aufzufordern, den Hals umdrehen? Nein, er war nicht mehr derselbe. Damals hatte Vincenzo sie geliebt, zumindest hatte er es behauptet, und jetzt verachtete er sie.

„Selbst wenn ich einen Freund hätte, würde ich nicht im Traum daran denken, mich noch einmal fest zu binden. Das eine Mal reicht mir“, erwiderte sie, um ihn zu verletzen. Doch das war offenbar reine Zeitverschwendung, wie sein spöttisches Lachen bewies.

„Das beantwortet meine Frage nicht, Emma“, ermahnte er sie seidenweich.

„Ich glaube nicht, dass ich darauf eingehen muss.“

„Nein?“ Er drehte sich mit seinem Sessel zum Fenster und betrachtete die Londoner Skyline. Zwei dieser beeindruckenden Wolkenkratzer gehörten ihm. „Okay, dann können wir uns das Gespräch sparen.“

„Ich wollte mich nicht mit dir unterhalten, sondern …“

„Du wolltest Tatsachen schaffen“, unterbrach er sie. Seine Stimme klang so kalt wie Eis. „Hast du deine Termine im Kopf?“

„Ja, wieso?“, fragte sie verständnislos.

„Wir sollten uns zusammensetzen und über deinen Vorschlag reden.“

Emma bekam weiche Knie und musste sich an dem Telefontisch festhalten. „Nein!“

Er hörte die Panik in ihrer Stimme. „Nein?“, wiederholte er belustigt. „Glaubst du wirklich, ich würde am Telefon mit dir über eine mögliche Scheidung sprechen?“

„Wir können es ja unseren Rechtsanwälten überlassen, die Einzelheiten auszuhandeln“, schlug sie vor.

„Einverstanden“, antwortete er.

Ahnte er, in was für einer schwierigen Situation sie sich befand, und wollte sie zwingen, Farbe zu bekennen? Nein, das war eigentlich unmöglich.

„Wenn du möchtest, dass wir in der Sache zusammenarbeiten, musst du mir entgegenkommen, Emma“, fuhr er sanft fort. „Sonst steht dir ein langer und teurer Prozess bevor.“

Ich darf mir jetzt keine Schwäche erlauben, mahnte sie sich und verdrängte die aufsteigenden Tränen. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, war er durch nichts und niemanden umzustimmen. Wie hatte sie das vergessen können?

„Welches Interesse hättest du daran, nicht in die Scheidung einzuwilligen?“, fragte sie müde. „Wir wissen doch beide, dass unsere Ehe nur noch auf dem Papier besteht und keiner von uns beiden sie fortsetzen will.“

Vielleicht hätte er sie geschont, wenn ihre Stimme unsicher geklungen oder sie irgendwelche Gefühlsregungen hätte erkennen lassen, und vielleicht wäre er dann bereit gewesen, ihr entgegenzukommen. Doch ihre kühle, sachliche Argumentation ließ den Zorn, der sich seit dem Scheitern ihrer Ehe in ihm aufgestaut hatte, mit voller Wucht hervorbrechen. Er wusste in dem Moment selbst nicht genau, was er eigentlich wollte.

Es kam ihm nur noch darauf an, Emma einen Strich durch die Rechnung zu machen.

„Passt es dir nächsten Montag?“, fragte er, als hätte sie gar nichts gesagt.

Natürlich brauchte sie nicht lange zu überlegen, denn sie lebte sehr zurückgezogen und ging so gut wie nie aus. Doch das würde sie ihm nicht verraten. Deshalb zögerte sie und tat so, als müsste sie es erst überdenken.

„Ja, da habe ich noch nichts vor“, erwiderte sie dann. „Um wie viel Uhr?“

„Wo wohnst du? Wollen wir uns zum Abendessen treffen?“

Der letzte Zug nach Boisdale fuhr abends um kurz nach elf in London ab. Wie sollte sie nach Hause kommen, wenn sie ihn verpasste? Ihre Freundin Joanna würde Gino bestimmt tagsüber betreuen, nicht aber eine ganze Nacht. Jedenfalls hatte sie ihren Sohn noch nie so lange in die Obhut ihrer Freundin gegeben und wollte auch gar nicht damit anfangen.

„Nein, das ist ganz unmöglich“, antwortete sie betont gelassen und ignorierte die Frage nach ihrem Wohnort.

„Hast du abends etwas anderes vor?“ Seine Stimme klang spöttisch.

„Ich wohne nicht in London. Deshalb ist es mir lieber, wir treffen uns zum Mittagessen.“

Vincenzo schenkte der attraktiven Brünetten in dem hautengen Rock, die ihm jetzt einen Espresso servierte, ein freundliches Lächeln und sah hinter ihr her, als sie mit verführerischem Hüftschwung aus dem Raum schwebte.

„Gut, ich lasse uns etwas ins Büro bringen. Du weißt, wie du herfindest, oder?“, erkundigte er sich ruhig.

Es widerstrebte ihr zutiefst, ihn in seinen luxuriösen Geschäftsräumen zu treffen. Zu deutlich würde es ihr vor Augen führen, wie verschieden die Welten waren, in denen sie lebten. Hinzu kam, dass sein Büro kein neutraler Ort war. Für Vincenzo war es vertrautes Terrain, und das verschaffte ihm ihr gegenüber einen erheblichen Vorteil, was ihm natürlich mehr als recht war.

„Es wäre mir lieber, wir würden uns in einem Restaurant treffen“, schlug sie vor.

Die Hoffnung, die in ihrer Stimme schwang, ließ sein Herz zu seiner eigenen Überraschung höher schlagen. „Nein, das möchte ich nicht“, lehnte er sanft ab. Ihr in einem Lokal an einem Tisch inmitten von anderen Gästen gegenüberzusitzen und umgeben von geschäftig hin und her eilenden Kellnern entsprach nun gar nicht seiner Vorstellung. Er zog die private Atmosphäre seiner eigenen Räume vor. „Ich erwarte dich um ein Uhr.“

Zu ihrer grenzenloser Verblüffung beendete er damit das Gespräch, und die Leitung war tot. Nachdem Emma den Hörer aufgelegt hatte, fiel ihr Blick in den Spiegel über dem Flurtisch. Sie war blass wie eine weiße Wand und hatte dunkle Ränder um die Augen. Vincenzos verächtlichen Blick konnte sie sich gut vorstellen, wenn er sie so sehen würde. Er hatte immer Wert darauf gelegt, dass sie dem Bild entsprach, das er sich von ihr machte. Es war ihm wichtig, dass sie perfekt gekleidet war und auch sonst das Beste aus sich machte.

Sie biss sich auf die Lippe. Bis Montag musste sie sich etwas einfallen lassen und ihr Aussehen verändern, sonst würden seine kritischen und verächtlichen Blicke sie noch mehr verunsichern.

2. KAPITEL

Mit Herzklopfen ging Emma auf den Eingang des imposanten Bürogebäudes aus Stahl und Glas zu. Es verriet Reichtum und Macht und hatte dem Architekten einen begehrten Preis eingebracht. In diesem vornehmen Geschäftsviertel von London fühlte sich Emma völlig fehl am Platz.

Das passende Outfit für das Treffen mit ihrem Mann zu finden war nicht leicht gewesen. Die teuren und eleganten Designerkleider, die sie damals als Vincenzos Frau getragen hatte, besaß sie nicht mehr. Ihre Garderobe bestand nur noch aus praktischen Sachen. Schließlich hatte sie sich für ein schlichtes Kleid entschieden, zu dem sie eine hübsche Halskette aus Halbedelsteinen trug, und die Schuhe hatte sie so glänzend poliert, dass sie sich beinah darin hätte spiegeln können. Nur ihr dunkler Kaschmirmantel mit dem roten Seidenfutter war von bester Qualität. Vincenzo hatte ihn ihr damals in Mailand in einer exklusiven Boutique gekauft und sie damit überrascht.

Eigentlich hatte sie ihn wegen der damit verbundenen Erinnerungen gar nicht anziehen wollen. Er hielt sie jedoch wunderbar warm, und sie konnte sich darin überall sehen lassen. Außerdem hatte sie gar keine andere Wahl gehabt. Niemals hätte sie gewagt, dieses beeindruckende Bürogebäude in ihrem anderen, bescheidenen dreiviertellangen Mantel zu betreten.

Sie nahm all ihren Mut zusammen, ehe sie durch die Drehtür ging und die riesige Empfangshalle betrat, wo sie wie betäubt auf den Empfangstresen zusteuerte.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte die junge Rezeptionistin und lächelte sie freundlich an.

„Ich bin mit Signor Cardini verabredet“, erwiderte Emma.

Die hübsche Frau blickte auf den Bildschirm ihres Computers. „Emma Cardini?“ Sie konnte ihre Überraschung kaum verbergen.

„Richtig“, bestätigte Emma.

„Fahren Sie bitte mit dem Aufzug ins oberste Stockwerk. Dort nimmt Sie jemand in Empfang.“

„Vielen Dank.“ Emma betrat den Fahrstuhl, und während sie nach oben fuhr, dachte sie darüber nach, wie lange sie schon nicht mehr in London gewesen war. Dann überlegte sie zum hundertsten Mal, was ihr Sohn wohl jetzt machte. Wie würde er sich verhalten, wenn er merkte, dass sie heute länger wegblieb als jemals zuvor?

Sie zog ihr Handy aus der Tasche und blickte auf das Display, aber sie hatte keine Nachricht erhalten. Demnach vermisste Gino sie nicht, denn sie hatte Joanna gebeten, sie sogleich anzurufen, falls es Probleme gab.

Als der Aufzug anhielt, atmete sie tief durch, und dann glitt auch schon die Tür auf. Sie sah sich einer attraktiven Brünetten in einem hautengen, kurzen Rock und einer eleganten Seidenbluse gegenüber. An ihren Ohren funkelten Diamantohrringe, und das Haar hatte sie kunstvoll hochgesteckt. Bei ihrem Anblick kam Emma sich vor wie die arme Verwandte vom Land, die sich in die Großstadt verirrt hatte. Offenbar umgab sich Vincenzo gern mit schönen Mitarbeiterinnen.

„Signora Cardini, würden Sie bitte mitkommen?“, forderte die junge Frau sie auf. „Vincenzo erwartet Sie.“

Natürlich tut er das!, hätte Emma am liebsten empört erwidert. Wieso nannte diese Person ihren Mann beim Vornamen, den sie geradezu pathetisch und irgendwie schwärmerisch aussprach?

Er ist ja eigentlich schon lange nicht mehr mein Mann und wird es bald auch offiziell nicht mehr sein, deshalb gibt es gar keinen Grund, eifersüchtig auf irgendjemanden zu sein, versuchte sie, sich zu beruhigen.

Während ihr die junge Frau mit dem bemerkenswerten Hüftschwung vorauseilte, wappnete Emma sich noch einmal, wie schon auf der ganzen Fahrt, für die Begegnung mit Vincenzo. Dennoch traf sie wenig später der Anblick ihres Mannes mitten ins Herz.

Er stand am Fenster, das die ganze Breite des riesigen Raumes einnahm, hatte die Hände in die Hüften gestützt und wirkte mit seiner großen, schlanken Gestalt wie das perfekte Modell eines Bildhauers – und so arrogant wie eh und je. Dank seiner Überzeugungskraft, der Aura von Macht, die ihn umgab, und seiner faszinierenden Ausstrahlung fiel ihm alles in den Schoß, was er haben wollte.

Emma schluckte. Sie musste auf der Hut sein, denn sie besaß etwas, das er sich sehr gewünscht hatte. Das jedoch würde sie sich von ihm nicht wegnehmen lassen.

„Hallo, Vincenzo“, begrüßte sie ihn.

„Emma.“ Dann sagte er etwas auf Italienisch, woraufhin die Brünette rasch das Büro verließ. Nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, ging er auf Emma zu. Trotz ihrer guten Vorsätze und allem, was geschehen war, bekam sie prompt weiche Knie.

Er sah noch attraktiver aus, als sie ihn in Erinnerung hatte. Damals war sie unsterblich verliebt gewesen und hatte nicht darüber nachgedacht, was für ein außergewöhnlich gut aussehender Mann er war. Als es jedoch anfing, in ihrer Ehe zu kriseln, hatte er sich ihr gegenüber so kalt und abweisend verhalten, dass sie sich von ihm zurückgezogen hatte.

Seitdem hatte sie oft und lange nachgedacht und machte sich keine Illusionen mehr. Es war alles nur ein schöner Traum gewesen. In der perfekt sitzenden Designerhose zu dem weißen Seidenhemd sah er aus wie der Traummann einer jeden Frau. Das Jackett hatte er über einen Stuhl gehängt, und man ahnte, was für ein muskulöser Körper sich unter dem Hemd verbarg. Die Krawatte hatte er gelockert und die obersten Knöpfe des Hemdes geöffnet, sodass einige der dunklen Härchen auf seiner Brust zu erkennen waren.

Am meisten faszinierte sie jedoch sein Gesicht. Die Ähnlichkeit zwischen Vater und Sohn war frappierend, auch wenn Ginos sanfte, kindliche Züge kaum mit Vincenzos harten und zynischen zu vergleichen waren.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "In den Armen des Sizilianers" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen