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In den Armen des Scheichs

Carol Marinelli

In den Armen des Scheichs

PROLOG

Layla dachte nicht daran, die Augen zu schließen, während ihre Zofen sie verschleierten, sondern beobachtete im Spiegel, wie nach und nach ihr hübsches Dekolleté, die langen, schlanken Beine und kunstvollen Henna-Tattoos hinter mehreren goldenen, mit Juwelen besetzten Stofflagen verschwanden.

Als Letztes waren das lange rabenschwarze Haar, ihr perfekt geschminktes Gesicht mit den hohen Wangenknochen und dem vollen Mund dran, bis nur noch die Augen zu sehen waren.

Beim Gedanken, dass diesmal nicht die gewohnte Erleichterung eintreten würde, wenn sie endlich wieder aus ihrer goldenen Hülle schlüpfen konnte, blinzelte sie nervös. Denn dann war sie nicht wie gewohnt zu Hause, im Palast von Haydar, sondern in der Qusay-Wüste, wo die Schleier vor den Augen ihres neuen Ehemannes fallen würden … in ihrer Hochzeitsnacht!

König Xavian Al’Ramiz, der Mann, dem sie seit ihrer Kindheit versprochen war, hatte nach all den Jahren, in denen er ihre Existenz standhaft ignorierte, plötzlich beschlossen, sie zu seiner Braut zu machen. Nicht nur, dass Xavian durch die lange Wartezeit sie und ihr Land im Unklaren über die Zukunft ließ, Layla fühlte sich verständlicherweise auch persönlich gedemütigt.

Ihr Leben verlief – oder besser war verlaufen – in einer endlosen Warteschleife.

Sie war die Älteste in einer langen Reihe von Schwestern. Beim siebten Versuch, einen männlichen Erben zu produzieren, verstarb ihre Mutter. Layla erinnerte sich noch sehr gut daran, wie wenig die traditionsbewusste Bevölkerung von Haydar sich mit dem Gedanken abfinden konnte, eines Tages von einer Königin regiert zu werden.

Aber ihr Vater, ein weiser Mann, überzeugte den König von Qusay, stolzer Vater eines männlichen Thronfolgers, von der Idee, den Prinzen mit seiner ältesten Tochter zu verheiraten. Und der männliche Nachkomme, den sie natürlich liefern würden, sollte später, zu aller Zufriedenheit, über beide Königreiche herrschen.

Ein guter Plan, der bisher allerdings an Xavians Unentschlossenheit scheiterte, sodass Layla nach dem Tod ihres Vaters Königin von Haydar wurde. Allerdings setzten die bisherigen Regierungsberater darauf, dass sie dieses Amt nur nominell ausüben würde und sich nach ihren Ratschlägen richtete, um die Bevölkerung nicht zu verunsichern. Doch damit war die neue Herrscherin absolut nicht einverstanden.

Die Bevormundung des Ältestenrates erbitterte sie ebenso wie Xavians Desinteresse, der seinen Status als Junggeselle und Womanizer offenbar zu sehr genoss, um ihn gegen unbequeme Ehefesseln eintauschen zu wollen.

Erst der unerwartete Tod beider Elternteile zwang ihn quasi zum Handeln. Allerdings war Layla inzwischen durch die Verantwortung für ihr Land und Volk, die sie sehr ernst nahm, schneller erwachsen geworden als erwartet. Und damit natürlich auch nicht mehr bereit, die erkämpfte Position so ohne Weiteres an einen Mann abzutreten, dem weder an Haydar noch an ihr wirklich etwas lag.

Doch offensichtlich hatte der überraschende Verlust seiner Eltern den umschwärmten Playboy-Prinzen aufgeschreckt. Zum Erstaunen aller erwies er sich als der geborene Führer, der, trotz des persönlichen Verlustes, das trauernde Volk mit starker Hand um alle innenpolitischen und wirtschaftlichen Klippen schiffte, die eine derart einschneidende Katastrophe häufig mit sich bringt. In beeindruckend kurzer Zeit mauserte Prinz Xavian sich zu einem echten König, und als solcher benötigte er eine Frau an seiner Seite.

Es war ein rein geschäftlicher Deal.

Dessen war sich Layla absolut bewusst. Und trotzdem stieg so etwas wie Eifersucht in ihr auf, während sie das freie Leben ihres zukünftigen Gatten aus der Ferne verfolgte. Anstatt verärgert zu sein, beneidete sie ihn eher. Zum Beispiel um das Recht, sich Geliebte zu nehmen, wann immer ihm danach war, während sie brav in ihrem goldenen Käfig verharren und auf ihn warten musste.

Inzwischen war sie sechsundzwanzig – und immer noch Jungfrau!

Doch heute würde sich alles ändern! Endlich war ihre große Stunde gekommen! Egal, ob es sich um eine Vernunftehe handelte und sie die nächsten Jahre möglicherweise mehr getrennt als gemeinsam verbrachten … heute, an ihrem Hochzeitstag, in der Wüste von Qusay, stand sie ihrem zukünftigen Mann endlich Auge in Auge gegenüber!

Plötzlich war sie sehr froh über die üppigen Lagen goldener Schleier, die ihre Gefühle vor neugierigen Blicken verbargen. Denn Layla wurde ganz heiß bei dem Gedanken, was in dieser Nacht geschehen würde.

König Xavian Al’Ramiz würde ihr erster Liebhaber sein und ihr einziger! Bizarrerweise wünschte sie sich, er wäre weniger gut aussehend und sein Gesicht, das sie von unzähligen Zeitungsfotos, Fernsehauftritten und aus dem Internet kannte, hätte nicht diesen hochmütigen, grüblerischen Ausdruck, der ihr stets eine leichte Gänsehaut verursachte.

Wie oft hatte sie seine arroganten Züge studiert und mit angehaltenem Atem versucht, dem eindringlichen Blick der schwarzen Augen standzuhalten, der einen selbst vom Foto bis in die Seele zu dringen schien …

Königlich wirkte Xavian in jedem Fall. Angefangen bei der klassisch romanischen Nase über die hohen Wangenknochen, dem schwarzen Haar und den ebenso dunklen Augen, die mit dichten Wimpern umrahmt waren, was ihnen einen melancholischen, fast schwermütigen Ausdruck verlieh. Auf jeden Fall entstammte er unübersehbar einer guten Linie.

Außerdem verfügte er über eine unglaubliche Präsenz. Sobald er anwesend war, wandten sich die Menschen ihm instinktiv zu. Und die natürliche Aura von Selbstsicherheit und Souveränität, die ihn umgab, war umso anziehender, weil er sich seiner Wirkung gar nicht bewusst zu sein schien.

Layla hatte mehrfach eine Kostprobe davon spüren können, wenn sie ihn, anlässlich irgendwelcher öffentlichen Events, zu dem sie beide eingeladen waren, aus dem Hintergrund beobachtete. Wie oft hatte sie davon geträumt und sich heimlich gewünscht, er würde ihre Anwesenheit spüren und sich wenigstens einmal umdrehen und mit seinen nachtschwarzen Augen ihren Blick suchen …

Natürlich blieb das ein Traum. Und das lag ganz sicher nicht nur an ihrer Verschleierung, die zu derartigen Anlässen obligatorisch war. Anders als sie verspürte Xavian offensichtlich keinerlei Bindung oder auch nur Interesse für sie, obwohl sie seine zukünftige Frau und Königin war.

Anlässlich der Krönung Stefanias von Aristo im letzten Jahr hatte Layla sogar direkt neben ihm am roten Teppich gestanden, und Xavian hatte sie komplett ignoriert. Die Scham und Demütigung, die sie an jenem Tag empfand, brannte immer noch in ihr. Warum konnte sie sich nicht endgültig damit abfinden, dass es zwischen ihm und ihr einfach keine Seelenverwandtschaft gab …?

„Eure Hoheit?“

Layla seufzte. Es nervte sie, mit welcher Penetranz man sie mit letzten Instruktionen und Bedenken bombardierte und Klärungen für akute Probleme einforderte. Und alles nur, weil sie eine Woche Auszeit von ihren royalen Verpflichtungen nehmen würde.

„Wir brauchen dringend eine Unterschrift, um den Vertrag bezüglich der Saphir-Minen abschließen zu können“, drängte Imran.

Lieber Himmel! Es war ihr Hochzeitstag!

Doch wie stets stand die Pflicht an erster Stelle. Nicht einmal anlässlich ihrer offiziellen Hochzeitsreise war es ihr gelungen, ihren Hofstaat abzuschütteln. Und so wurde die Braut von etlichen Beratern, Dienstboten und von Baja, ihrer Hofdame und altvertrauten Zofe, begleitet.

Obwohl die königlichen Berater allmählich einsahen, dass der Entschluss der jungen Königin, die Regierungsgeschäfte in die eigenen Hände zu nehmen, beileibe nicht nur vorübergehend war, konnten sich die zumeist alten Männer nur sehr schwer damit abfinden. So blieb es ein stetes Tauziehen, das Layla abwechselnd erschöpfte oder, in guten Zeiten, noch darin bestärkte, die Zügel auf keinen Fall wieder aus der Hand zu geben.

Während die Traditionalisten jeden Reformversuch abwehrten und forderten, alles so zu belassen wie gewohnt, war Layla geradezu begeistert von den vielfältigen Möglichkeiten des reichen Landes, sich einer modernen Zukunft zu öffnen.

„All das kann bis zu meiner Rückkehr warten …“, informierte sie ihren perplexen Berater und sah, wie sich seine Lippen zu einem schmalen, missbilligenden Strich verzogen. „Heute werde ich gar nichts unterzeichnen.“

„Die Probebohrungen sind nämlich abgeschlossen und haben ergeben …“

„Wenn ich zurück bin …“, unterbrach Layla ihn in scharfem Ton, „… werde ich mir den Vertrag durchlesen, und wenn … wenn ich mit allem einverstanden bin, ihn auch unterschreiben!“ Damit wandte sie sich brüsk ab und trat ans Fenster, um ihre Tränen zu verbergen, die sie nicht länger zurückhalten konnte. Aus schwimmenden Augen schaute sie über den azurblauen Ozean, am Rande der Wüste.

Es war ihr Hochzeitstag!

Hatte sie nicht wenigstens einen Tag und eine Nacht lang das Recht, einfach nur Frau zu sein? Offenbar nicht!

„Aber wir müssen unbedingt noch über eine Ausdehnung des geplanten Besuchs König Xavians in Haydar diskutieren …“

„Ganz sicher nicht vor der Eheschließung“, befand Layla, Imran immer noch den Rücken zuwendend. Sie durfte kein Zeichen von Schwäche zeigen, wenn sie nicht riskieren wollte, dass sich der Ältestenrat wie eine Horde Hyänen auf sie stürzte, um die Macht wieder an sich zu reißen. „Lassen Sie mich eines ganz klarstellen, Imran“, gab sie deshalb noch einmal über die Schulter zurück. „Während meiner Abwesenheit wird nichts, aber auch gar nichts entschieden!“

„Natürlich, ganz wie Sie wünschen, Eure Hoheit …“, murmelte er aalglatt. „Obwohl, wenn etwas Unvorhergesehenes geschehen sollte, gehe ich doch davon aus, dass sie dem Ältestenrat genügend vertrauen, um …“

„Imran!“ Abrupt wandte Layla sich nun doch um. Die Tränen waren versiegt, und der Blick, mit dem sie den Berater bedachte, glasklar und kalt wie Gletschereis. „Ich werde ständig meinen Laptop bei mir haben, und sollte es Verbindungsschwierigkeiten geben, dann setzen Sie sich gefälligst in einen Helikopter und suchen mich persönlich in der Wüste auf! Haben wir uns jetzt verstanden?“

„Ich dachte, Sie wünschten, nicht gestört zu werden“, konnte sich ihr Peiniger nicht verkneifen.

„Ich warne sie nicht zum ersten Mal …versteigen Sie sich nicht dazu, meine Gedanken zu kennen und womöglich noch interpretieren zu wollen …“

„Verzeihung, Eure Hoheit …“ Damit zog er sich endlich zurück.

„Atmen, Layla … tief durchatmen“, mahnte Baja sanft.

Wider Willen musste Layla lächeln.

Baja, liebe gute Baja, die sich immer im Hintergrund hielt und dennoch alles mitbekam. Baja, die von ihren Tränen wusste, die sie nachts weinte. Baja, die einzige Person, die sie verstand und die von der täglichen Last wusste, die ihre Schultern drückte.

„Sie werden meine Abwesenheit ausnutzen, um ihren Willen durchzusetzen“, seufzte Layla.

„Sie wären verrückt“, sagte Baja ruhig. „Deine Befehle waren glasklar.“

„Man dreht mir ständig die Worte im Mund herum.“

„Dann schreib sie nieder.“

Layla war so dankbar für die Weisheit ihrer alten Zofe, für ihre klugen Ratschläge und die große Geduld. Sie war der Mensch, dem sie fast ihr ganzes Vertrauen schenkte. Aber auch nur fast, da Layla früh lernen musste, dass man nur sich selbst wirklich trauen konnte.

„Das werde ich tun.“

„Aber erst wird geheiratet“, entschied Baja mit einem Lächeln.

Nach einem letzten Blick in den Spiegel wurde Layla durch die langen Gänge des Palastes von Qusay hinaus in den Garten geführt. Die sengende Wüstenhitze nahm ihr den Atem und brachte ihren Puls zum Rasen. Fasziniert schaute sie sich in der zauberhaften Wüstenoase um. Winzige Vögel, bunt und schillernd wie kostbare Juwelen, schwirrten zwischen exotischen Blüten und grünen Blättern umher, wobei ihre Flügel so aufgeregt flatterten wie Laylas Herz, als sie endlich zum Stehenbleiben aufgefordert wurde, um auf ihren Bräutigam zu warten.

Die Zeremonie würde kurz und schlicht sein.

In der nächsten Woche sollte es, so wie es seit jeher in Haydar Tradition war, einen festlichen offiziellen Empfang geben. Dabei würden Xavian und sie hohen Würdenträgern und Herrschern anderer Königreiche als Paar präsentiert. Doch heute waren die einzigen Zeugen ihrer Vereinigung der Friedensrichter und die Ältesten beider Länder.

Layla stand stocksteif im Schatten eines Orangenbaumes und wartete inmitten verführerischer Düfte, die Blüten und Früchte um sie herum verströmten. Und wartete und wartete …

Mehr als zehn Jahre hatte sie bereits diesem Augenblick entgegengefiebert. Was bedeuteten da schon zehn weitere Minuten?

Oder noch einmal zehn!

Man brachte ihr einen Stuhl, doch Layla lehnte brüsk ab. Hoch aufgerichtet, das Kinn stolz erhoben und brennend vor Scham stand sie da und rührte sich nicht. Konnte dieser Mann noch deutlicher machen, was er von ihr hielt?

Am liebsten wäre sie einfach gegangen. Hätte der Tradition den Rücken gekehrt, Xavian schriftlich hinterlassen, was sie von seinem rüden Benehmen hielt, und einen Helikopter verlangt, um augenblicklich nach Haydar zurückzufliegen.

„Der König wird jeden Moment erscheinen.“

Layla senkte den Kopf und starrte auf ihre Hände, die sie so fest zu Fäusten geballt hielt, dass die zarten Knöchel weiß hervortraten.

„Vielleicht sollten Eure Hoheit sich doch lieber setzen?“ Erneut wurde ihr ein Stuhl angedient, den Layla nicht eines Blickes würdigte. Der alte Richter hatte den Vorschlag längst akzeptiert und schien mit auf die Brust gesunkenem Kinn friedlich vor sich hinzudämmern.

Warum bietet man uns nicht auch noch Erfrischungen an? dachte Layla aufrührerisch. Oder pflückt zumindest ein paar Orangen vom Baum. Dann könnten wir wenigstens an den saftigen Fruchtspalten lutschen und dabei diskutieren, wie man sich am besten verhält, wenn der König beschließt, seiner eigenen Hochzeit fernzubleiben!

Dies hier war jedenfalls die Hölle! Stehen … sich zutiefst gedemütigt fühlen und warten, warten, warten …

Layla tat es allein für ihr Volk, das fest mit der Bereitschaft seiner Königin rechnete, sich um seinetwillen der Tradition zu beugen und die von ihrem Vater arrangierte und von allen ersehnte Vernunftehe einzugehen. So blieb sie geisterhaft blass und mit zusammengepressten Lippen stehen und schwor sich innerlich, dass er für all dies würde bezahlen müssen …

König Xavian hätte lieber sorgfältiger recherchieren sollen, dann wüsste er nämlich, dass sich unter den undurchsichtigen goldenen Schleiern eine selbstbewusste, stolze Frau verbarg, die man nicht ungestraft demütigte!

Er hat wirklich keine Vorstellung, was ihn erwartet, dachte Layla mit einem siegessicheren Lächeln, das allerdings langsam verebbte, als ihr zukünftiger Gatte sie auch weiterhin warten ließ …

1. KAPITEL

König Xavian Al’Ramiz las den Brief wieder und wieder. Es war einer von vielen mit Glückwünschen zu seinem heutigen Hochzeitstag.

König Zakari von Calista war der Absender. Zusätzlich zu den formellen guten Wünschen drückte er seine Freude darüber aus, ihm anlässlich des offiziellen Empfangs in einer Woche noch einmal persönlich gratulieren zu können.

Es war bereits sein dritter Brief an Xavian.

Als Erstes erreichte ihn eine Beileidsbekundung zum Tod seiner Eltern, verbunden mit einer Einladung in den Palast von Calista, auf die Xavian nicht antwortete. Er hatte sie einfach verbrannt.

Dann folgte eine Danksagung für das Geschenk des Königreiches Qusay zur Geburt seines Sohnes, Prinz Zafir. Auch darauf reagierte Xavian nicht, obwohl er den Brief tagelang mit sich herumtrug und ihn immer wieder las, bis er auch ihn dem Feuer überantwortete.

Und nun dies.

Die freundlichen Zeilen enthielten nichts Unerwartetes oder gar Beunruhigendes, wie er sich immer wieder versicherte, trotzdem las er das Schreiben zum x-ten Mal. Hunderte solcher Briefe mit Glückwünschen hatte er erhalten, doch in diesem versuchte Xavian verzweifelt, zwischen den Zeilen zu lesen. Warum, konnte er sich allerdings auch nicht erklären …

Seine Braut erwartete ihn. Er war längst unentschuldbar zu spät dran, dennoch klammerte er sich wie ein Ertrinkender an jedes einzelne Wort des formellen Glückwunschschreibens des Königs von Calista und seiner Frau, Königin Stefania von Aristo. Ihre Verbindung hatte die beiden Mittelmeerinseln wieder zum vereinten Königtum Adamas zusammengeschlossen.

Doch warum hatte Zakari, anstatt Adamas’ Wappen zu benutzen, den Brief mit dem von Calista versiegelt?, grübelte Xavian und fuhr mit der Fingerspitze über die erhabenen Konturen. Da ihm das Wappen nichts sagte, hätte es ihn kaltlassen müssen, stattdessen spürte er einen seltsamen Schauer über den Rücken rinnen. Irgendetwas beunruhigte ihn zutiefst und schien ihn regelrecht zu verfolgen. Und zwar seit der Krönung von Zakaris Frau, Stefania von Aristo, im letzten Jahr. Vielleicht war es der schockierte Ausdruck in ihren klaren blauen Augen gewesen, als sich ihre Blicke begegneten?

Unsinn!, rief er sich zur Ordnung. Sie war nicht schockiert gewesen, sondern nahe davor, in Ohnmacht zu fallen. Er hatte sie nur gestützt und mit ihr gesprochen, bis ihr Gatte zur Stelle war und ihm die Verantwortung abnahm. Wie sich später herausstellte, war sie zu dem Zeitpunkt bereits schwanger, was im Nachhinein alles erklärte.

Außer für ihn.

Denn die quälende Unruhe in seinem Herzen hatte begonnen, noch ehe er Stefania zu Hilfe kam. Und zwar in dem Moment, als er Zakari aus der beigen Luxuskarosse steigen sah, wie er sich freundlich der jubelnden Menge zuwandte, ehe er seiner Frau aus dem Wagen half.

Von einer Sekunde zur anderen hatte sich Xavians Herzschlag verdoppelt. Ein seltsames Gefühl zwischen Panik und Erregung hatte ihn überfallen. Und genau das war es auch, was ihn nach fast einem Jahr immer wieder nachts hochschrecken ließ und was er beim Lesen dieses Briefes fühlte. Es war keine Angst, sondern eher wie ein Warnsignal, ein Vorzeichen … aber wofür?

„Alles ist bereit, Eure Hoheit.“ Xavian wandte sich nicht einmal um, als Akmal, sein Großwesir, die königliche Privatsuite betrat. „Ihre Braut wartet.“

Der drängende Unterton in Akmals Stimme war nicht zu überhören. Okay, seine Braut, Königin Layla von Haydar, wartete bereits eine ganze Weile auf ihn. Als wenn er das nicht selbst wüsste!

„Ich werde gleich da sein.“

„Eure Hoheit, dürfte ich vielleicht vorschlagen …“

„Haben Sie nicht gehört, was ich gesagt habe?“ Als Xavian sich jetzt umdrehte, funkelten seine nachtschwarzen Augen vor Wut und erinnerten den Großwesir höchst wirksam daran, wer hier der König war.

In der olivengrünen Militäruniform, die Brust mit Orden bestückt, die langen, muskulösen Beine in schwarzen Lederstiefeln, mit einem Schwert an der Seite und einer goldenen Kordel um den traditionellen Kafeya, gab Xavian eine wahrlich imposante Erscheinung ab.

Aber das tat er eigentlich immer. Dank seiner beachtlichen Größe von annähernd einem Meter neunzig, den breiten Schultern und einem durchtrainierten Körper brauchte er weder Waffen noch irgendwelche Auszeichnungen, um sich Respekt zu verschaffen.

„Sie kann warten, bis ich so weit bin“, erklärte er arrogant.

„Eure Hoheit …“ Akmal wusste, wann er geschlagen war, und wagte keinen weiteren Vorstoß, sondern zog sich nach einer knappen Verbeugung zurück. Wieder allein trat Xavian erneut ans Fenster und starrte hinaus auf den Ozean.

Sie würde warten, immerhin war sie es seit Jahren gewohnt. Von Kindertagen an füreinander bestimmt, hätte er sie bereits vor zehn Jahren heiraten sollen, hatte sich aber anders entschieden. Stattdessen genoss er lieber rund um den Globus seine Freiheit als begehrter Junggeselle.

Doch damit war es jetzt vorbei.

Xavian trat hinaus auf den Balkon und wünschte, er könne von hier aus in die Wüste schauen und nicht zum Meer. In der Wüste fand er den Frieden, den er suchte und ersehnte. Und dorthin würde er heute Nacht seine Braut entführen …

Wie müde und lustlos er sich bei diesem Gedanken fühlte.

Seit seine Eltern bei einem Flugzeugunglück ums Leben gekommen waren, machten seine Berater ständig Überstunden. Sein Playboyleben hatte er von heute auf morgen aufgeben müssen. Er war jetzt König und hatte die Pflicht, Thronerben zu produzieren. Nach drei Monaten tiefer Trauer sollte die Hochzeit, der er bisher erfolgreich ausgewichen war, endlich stattfinden.

Es würde keine große Angelegenheit sein. Angesichts der besonderen Umstände schickte sich einfach kein rauschendes Fest. Der Bevölkerung wollte man morgen mitteilen, dass der König geheiratet habe, und die wenigen Tage bis zum offiziellen Empfang würden seine frisch angetraute Gattin und er in der Wüste verbringen.

Nach einer angemessenen Zeit der Staatstrauer war eine feierliche Krönungszeremonie geplant, anlässlich derer auch das Volk seiner Begeisterung Ausdruck geben konnte. Möglicherweise gab es neun Monate nach der Eheschließung ja bereits einen weiteren Anlass dazu, lautete ein diskreter Wink des Ältestenrates. Zum Beispiel, wenn ein kleiner Prinz unterwegs war …

Um die Chancen dafür zu optimieren, war Xavian sogar vom Großwesir angewiesen worden, mindestens eine Woche vor der Hochzeit sexuell enthaltsam zu leben, was er natürlich ignorierte. Auf diesem Gebiet hatte es nie ein Problem gegeben.

Seine Hochzeit würde ein geschäftlicher Deal sein, mehr nicht. Und natürlich würde er für seine privaten Bedürfnisse auch Geliebte haben.

Die Unruhe, die Xavian momentan empfand, war also kaum mit amourösem Lampenfieber zu erklären. Schon lange, ehe die Hochzeit geplant war, und lange, bevor seine Eltern tödlich verunglückt waren, zerfraß eine quälende Unrast seine Seele.

Es war wie ein verborgener Ort, den er nicht besuchen oder erforschen wollte. Häufig, während der Nacht, wenn er aus einem Albtraum hochschreckte, oder jetzt, beim Lesen dieses Briefes, überfiel ihn eine namenlose Panik, und er fürchtete, den Verstand zu verlieren.

Wie oft hatte er versucht, in den Armen seiner jeweiligen Geliebten Ruhe und Trost zu finden. Doch wenn er von seinem eigenen rasenden Herzschlag erwachte, klatschnass geschwitzt, fluchend aus dem Bett sprang und sich anzog, schickte er die Schönen der Nacht angewidert dahin zurück, woher sie gekommen waren. So wollte er von ihnen nicht gesehen werden.

Auch jetzt schlug sein Herz wie ein Vorschlaghammer, und sein schwerer Atem drohte ihm den Brustkorb zu sprengen, während er mit düsterem Blick auf die bewegte Wasserfläche starrte. Er fühlte Übelkeit in sich aufsteigen, als würde er selbst von den rollenden Wogen des Ozeans hin- und hergerissen. Die wulstigen Narben an seinen Handgelenken brannten und schmerzten, wie sie es manchmal ohne ersichtlichen Grund taten.

Xavian wandte sich ab und ging zurück in seine Suite. Er presste die heiße Stirn gegen das kühle Fensterglas, schloss die Augen und versuchte, sich mit einer angenehmen Erinnerung abzulenken. Doch dabei kam ihm nicht das Bild seiner Braut in den Sinn, sondern die endlose Weite der Wüste …

Ja! Er wollte die Hochzeit so schnell wie möglich hinter sich bringen, seine Braut mit in die Wüste nehmen, die Ehe vollziehen und ab morgen die geliebte Einöde durchwandern, um Ruhe für seine gepeinigte Seele zu finden.

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