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In den Armen des Playboys

PROLOG

Unglücklich lag Megan in dem harten, schmalen Krankenhausbett und hoffte, dass die Spritze, die der Arzt ihr gegeben hatte, schnell wirkte. Sie ertrug es einfach nicht länger, bei Bewusstsein zu sein. Der Schmerz über ihren Verlust war einfach zu groß.

Dabei war sie noch gestern so glücklich gewesen. Die Ultraschalluntersuchung hatte ergeben, dass sie und James einen kleinen Jungen bekommen würden. Sie war außer sich vor Freude gewesen. Und James auch.

Am Abend hatte er sie ganz besonders sanft und zärtlich geliebt. Und hinterher hatten sie sich endlos unterhalten, darüber gesprochen, welchen Namen sie ihrem Sohn geben wollten. Schließlich hatten sie sich auf Jonathan geeinigt, nach James’ älterem Bruder, der vor Jahren auf tragische Wei se bei einem Autounfall ums Leben gekommen war.

Die Krämpfe hatten in den frühen Morgenstunden eingesetzt. Dann waren Blutungen hinzugekommen. James hatte sie eiligst ins Krankenhaus gebracht, und die Ärzte hatten ihr Bestes versucht. Doch nichts hatte ihr Baby retten können.

Wieder strömten Tränen über ihr Gesicht, und Megan presste hilflos die Fäuste auf die bebenden Lippen, um ein Schluchzen zu ersticken. Niemand sollte sie weinen hören. Sie wollte kein Mitleid, keinen Trost, suchte nur noch Vergessen. Also biss sie sich in die Knöchel und litt schweigend.

Die Zeit zog sich endlos dahin.

Endlich begann die Beruhigungsspritze zu wirken, Megan fiel in einen Dämmerschlaf und bemerkte ihren Mann nicht, der wenig später das Krankenzimmer betrat. So sah sie nicht, wie hoffnungslos und traurig er sie betrachtete. Seufzend strich er ihr das Haar aus dem Gesicht, beugte sich über sie und küsste sie zart auf die Wange. Dann richtete er sich kopfschüttelnd auf und verließ den Raum.

Irgendwann kam Megan zu sich, hielt die Augen jedoch geschlossen. Ihr Kopf fühlte sich schwer und benommen an. Sie hörte Stimmen im Raum … männliche Stimmen. Nach und nach wurde ihr bewusst, wer bei ihr war: die beiden besten Freunde ihres Mannes.

„James ist jetzt schon eine ganze Weile draußen und spricht mit dem Arzt“, sagte Hugh gereizt.

Hugh Parkinson war der einzige Sohn und Erbe eines Medien-Tycoons. Und obwohl James’ Freund als unverbesserlicher Playboy galt, hatte Megan ihn immer gemocht. Bei ihrer Hochzeit war er Trauzeuge gewesen und hatte eine wundervolle Rede gehalten.

„Bestimmt macht er sich Sorgen wegen Megans Zustand“, erwiderte Russell. Russell McClain gehörte eine der erfolgreichsten Immobilienagenturen von Sydney.

Im Internat waren die drei Männer Zimmergenossen gewesen und seitdem dicke Freunde. Und obwohl sie wenig gemeinsam hatten – außer ihrem Reichtum und der Leidenschaft fürs Golfspielen –, hatte ihre Freundschaft zwanzig Jahre überdauert. Manchmal beneidete Megan die drei um ihr bedingungsloses Zusammengehörigkeitsgefühl. Sie selbst hatte nie leicht Freundschaften geschlossen, war eher scheu und verschlossen.

„Pah!“, widersprach Hugh grimmig. „Eher versucht er herauszufinden, ob sie wieder ein Baby haben kann.“

Der Ton, in dem er das sagte, schockierte Megan – noch mehr, was Hugh anzudeuten schien. Offenbar glaubte er, James hätte sie nur geheiratet, weil sie schwanger war! Aber es stimmte doch nicht! James liebte sie, dessen war sie sicher. Er hatte es ihr immer wieder beteuert!

„James hätte das arme Mädchen nicht heiraten dürfen“, fuhr Hugh fort. „Das war ein Fehler. Schlimmer noch, es war unehrlich. Geschieht ihm recht, wenn sie keine Kinder mehr haben kann.“

Megan war entsetzt. Wie konnte er so grausam und abfällig über seinen Freund sprechen?

„Bist du nicht etwas zu hart?“, hörte sie Russell sagen.

„Nein. Ich finde, man sollte aus Liebe heiraten, und nicht, um sich egoistisch seinen Kinderwunsch zu erfüllen.“

„Es ist doch nichts Schlechtes, wenn James sich eine Familie wünscht. Traurig ist nur, dass er Megan nicht liebt. Aber er schätzt sie, ich weiß, er hat sie sehr gern.“

Megan konnte kaum noch atmen. Der Schmerz über ihre Fehlgeburt war schrecklich, doch jetzt stand sie vor einer noch viel unerträglicheren Entdeckung. Mit dem Verlust des Babys würde sie irgendwann fertig werden, solange sie sicher sein konnte, dass James sie liebte.

Doch jetzt musste sie erfahren, dass es nicht so war.

Gleich würde sie aus diesem wahnwitzigen Albtraum erwachen …

„Ich könnte ihm verzeihen, wenn das Mädchen zufällig schwanger geworden wäre“, fuhr Hugh fort. „Dann wäre es Ehrensache gewesen, sie zu heiraten. Ich finde es jedoch mies, dass er sie absichtlich geschwängert und ihr erst danach den Heiratsantrag gemacht hat.“

Megan presste die Faust fest an den Mund, um nicht aufzuschreien. Gut, dass sie Russell und Hugh den Rücken zukehrte, sonst hätten sie gemerkt, dass sie bei Bewusstsein war.

„Ich kann verstehen, warum er es getan hat“, versuchte Russell seinen Freund in Schutz zu nehmen. „Du weißt doch, was er durchgemacht hat, als er erfuhr, dass Jackie keine Kinder haben kann. Der arme Kerl war völlig fertig.“

Megan glaube, sich verhört zu haben. Keine Kinder! James’ erste Frau konnte keine Kinder haben?

Er hatte ihr erzählt, seine erste Ehe sei gescheitert, weil Jackie, ein australisches Supermodel, ein Jetset-Leben führen wolle, während er sich eine ganz normale Familie wünsche. Seit Jahren hätten sie sich entfremdet, hatte er behauptet, und sich schließlich in gegenseitigem Einvernehmen getrennt. Doch aus den Bemerkungen seiner Freunde ging hervor, dass James sich von Jackie hatte scheiden lassen, weil sie keine Kinder haben konnte.

Verzweifelt versuchte Megan, Gründe für sein unglaubliches Verhalten zu finden. Vielleicht hatten die beiden sich wirklich entfremdet. Die große Liebe konnte es nicht gewesen sein, sonst hätte er Jackie doch sicher eine Adoption vorgeschlagen. Oder gehörte James zu den egoistischen Männern, die nur ein leibliches Kind wollten? Was Hugh gesagt hatte, klang fast danach.

„Ich hätte James verzeihen können, wenn er sich eine weltgewandte, erfahrene Frau wie Jackie gesucht hätte“, murrte Hugh. „Aber ein zweites Mal hat er es wohl nicht gewagt. Erst musste er sein Leben wieder in den Griff bekommen. Und da hat er sich für eine ahnungslose Jungfrau entschieden, die so hingerissen vom tollen James Logan war, dass sie ihn nur noch durch eine rosarote Brille sah.“

„Woher willst du wissen, ob Megan noch Jungfrau war?“, gab Russell zu bedenken. „Sie ist vierundzwanzig. Heutzutage laufen nicht mehr viele vierundzwanzigjährige Jungfrauen herum.“

„Ach komm, Russell! Du brauchtest nur zu beobachten, wie sie James anhimmelt, um zu wissen, dass er ihr erster Liebhaber war. Sie ist völlig vernarrt in ihn. Er könnte ihr weismachen, die Welt sei flach, und sie würde es glauben.“

Megan wand sich innerlich.

„Wahrscheinlich“, gab Russell seinem Freund seufzend recht. „Das bedeutet jedoch noch lange nicht, dass James keinen guten Ehemann und Vater abgibt. Er mag manchmal etwas rücksichtslos sein, aber er ist ein guter Kerl. Und ein prima Freund. Wir haben kein Recht, ihn zu verurteilen, Hugh. Letztlich waren wir beide auch keine Engel. Nur gut, dass Megan keine Ahnung von all dem hat.“

„Und wenn sie es herausfindet?“

„Wer könnte es ihr verraten? Wir ganz sicher nicht.“

Nein, dachte Megan unglücklich. Ihr würdet mir kein Wort sagen. Nicht einmal Hugh, der James’ Verhalten offenbar missbilligt. Bei unserer Hochzeit habt ihr miterlebt, wie James mir ewige Liebe und Treue schwor, obwohl ihr genau wusstet, dass das Ganze eine einzige große Lüge ist.

Megan bemühte sich, sich nicht zu bewegen, als sie hörte, wie die Tür geöffnet wurde und kurz darauf die Stimme ihres Mannes erklang.

„Tut mir leid, dass ihr so lange warten musstet“, entschuldigte James sich bei seinen Freunden. „Schläft Megan noch?“

„Sie hat sich nicht gerührt“, erwiderte Russell. „Was sagt der Arzt?“

„Er sähe keinen Grund, warum sie nicht wieder schwanger werden könne. Doch er meint, wir sollten nichts überstürzen. Es würde eine ganze Weile dauern, bis Megan die Fehlgeburt seelisch verkraftet hat. Das Ganze hat sie fürchterlich getroffen.“ Müde seufzte James. „Uns beide. Es war ein Junge“, fuhr er leise fort. „Wir wollten ihn Jonathan nennen.“

Es war verrückt, aber Megan berührte die Trauer in der Stimme ihres Mannes zutiefst. Wie konnte sie trotz allem, was sie soeben erfahren hatte, immer noch mit ihm leiden?

„Sorry, Junge“, sagte Hugh mitfühlend. „Wir wissen ja, wie sehr du dir Kinder gewünscht hast. Du musst dich schrecklich fühlen. Komm, wir gehen einen trinken. Weiter unten an der Straße ist ein Pub.“

„Erst will ich nach Megan sehen.“

„Klar.“

Megan spürte James’ warmen Atem an ihrer Wange, als er sich besorgt über sie beugte.

„Liebes, kannst du mich hören?“

Warum nur, warum musste sie die Augen öffnen?

„Wie fühlst du dich?“, fragte er sanft.

Heiße Tränen stiegen ihr in die Augen, als sie in das Gesicht des Mannes blickte, den sie liebte … von dem sie geglaubt hatte, er würde sie auch lieben.

„Geh“, brachte sie erstickt hervor. „Bitte geh einfach!“ Hemmungslos begann sie zu schluchzen, weinte herzerweichend und konnte nicht mehr aufhören.

„Ich hole die Schwester“, entschied James.

Die Krankenschwester eilte herbei, eine mütterliche Frau, die Megan in die Arme nahm und tröstend umfangen hielt.

„Nun, nun“, sprach sie beruhigend auf die Verzweifelte ein. „Ich weiß, wie Ihnen zumute ist, ich habe auch ein Baby verloren.“

Aber ich habe alles verloren! antwortete Megan in Gedanken. Alles!

„Lassen Sie Ihre Gattin jetzt besser allein“, riet die Schwester James, der hilflos dabeistand. „Ich hole den Arzt, damit er ihr etwas Stärkeres gibt. Danach wird sie lange schlafen. Kommen Sie heute Abend wieder. Hoffentlich fühlt sie sich dann besser.“

Nein! Ganz sicher nicht! dachte Megan verzweifelt. Ich werde mich nie mehr besser fühlen. Nie!

1. KAPITEL

Drei Monate später …

Ende April spürte man in Sydney oft kaum, dass der Winter bald vor der Tür stand. Zwar konnte es nachts und frühmorgens schon recht frisch sein, doch die Tage waren meist warm und trocken, der Himmel klarblau.

Hughs Hochzeitstag war so ein Tag. Am späten Nachmittag hatte das Thermometer angenehme vierundzwanzig Grad erreicht, und Megan war froh darüber, da sie nur eine begrenzte Auswahl warmer Sachen besaß. Seit sie im Januar aus dem Krankenhaus entlassen worden war, hatte sie sich nichts mehr gekauft. Genauer gesagt, sie hatte das Haus überhaupt nicht verlassen.

Bis jetzt …

Sie saß steif neben ihrem fabelhaft aussehenden Mann in der zweiten Reihe der Stühle, die der Vater des Bräutigams auf dem Hauptdeck seiner Superjacht hatte aufstellen lassen. Als die Einladung kam, hatte Megan rundweg abgelehnt, an der Hochzeit teilzunehmen. Daraufhin hatte James jedoch erklärt, ohne sie auch nicht hinzugehen. Später hatte Hugh angerufen und Megan persönlich gebeten, zu seiner Hochzeit zu kommen. Sie würde nur im kleinen Kreis stattfinden, hatte er ihr versichert. Höchstens sechzig Gäste oder so seien geladen.

„Es wird dir guttun, einmal herauszukommen, Megan“, hatte er beschwörend auf sie eingeredet. „So kannst du unmöglich weitermachen.“

Das stimmte natürlich. So konnte sie nicht weiterleben, abgekapselt von der Welt, ohne jemanden an sich heranzulassen. Schon gar nicht James. Sie musste sich entscheiden, ob sie ihn verlassen wollte oder nicht. Doch diese Entscheidung konnte sie einfach noch nicht treffen. Sie wollte überhaupt nichts entscheiden. Um den Tag zu überstehen, rettete sie sich regelmäßig in die einzige Tätigkeit, mit der sie ihren quälenden Gedanken und Gefühlen entfliehen konnte.

Malen war schon immer ihre Leidenschaft gewesen. Als Teenager hatte sie davon geträumt, eines Tages eine berühmte Künstlerin zu werden, deren Werke in den bekanntesten Galerien Australiens ausgestellt wurden. Schließlich hatte sie ihren Vater bestürmt, nach dem Abitur die Kunstakademie besuchen zu dürfen, und zum Entsetzen ihrer Mutter war er damit einverstanden gewesen.

Drei Jahre lang hatte Megan Kunst studiert, war von ihren Professoren in ihren Bestrebungen bestärkt und gelobt worden, doch die Kunstwelt und die Öffentlichkeit hatten nur wenig Interesse gezeigt. Nur eins ihrer Werke war überhaupt je ausgestellt worden, und das in einer kleinen Galerie in Bondi. So war es wenig wahrscheinlich, dass ihr Traum sich erfüllen würde, eine erfolgreiche Malerin zu werden.

Dennoch hatte sie die Malerei nie aufgegeben, auch nicht, nachdem sie James geheiratet hatte. Danach hatte Megan sie jedoch mehr als Hobby betrachtet.

Und jetzt war das Malen ihre einzige Überlebenswaffe, eine Art Medizin, die ihr half weiterzuleben.

Megan lächelte ironisch. Wenn James das Bild sähe, an dem sie gerade arbeitete, würde er sie prompt wieder zu dem Arzt schleppen, der nach der Fehlgeburt die Diagnose akute Depression gestellt hatte. Und der Mann würde ihr weitere Schlaftabletten und Antidepressiva verschreiben.

Als ob ihr Problem mit Pillen zu lösen wäre!

Das konnte nur sie selbst! Allein. Eigentlich hatte Megan das von Anfang an gewusst. Vor einigen Wochen hatte sie endlich alle Tabletten weggeworfen und fühlte sich seitdem nicht schlechter, eher etwas besser.

Das Haus zu verlassen und an Hughs Hochzeit teilzunehmen, war für sie auch jetzt noch ein großer Schritt, aber sie würde es schaffen.

Und nun war sie hier, im zartrosa Kostüm, das ihr inzwischen eine Nummer zu groß war. Sie hatte den Gurtbund enger knöpfen müssen, damit der Rock nicht rutschte. Die Jacke saß ein wenig locker, aber das war in Ordnung, früher hatte sie etwas zu eng gesessen. Das lange dunkle Haar trug Megan zu einem Nackenknoten gewunden. Seit einer Ewigkeit war sie nicht beim Friseur gewesen, und das war die einzige elegante Frisur, die sie selbst zuwege brachte. Fürs Make-up hatte sie viel Zeit aufgewendet: Grundierung, Lippenstift, Wangenrot wegen ihrer blassen Haut, nur die braunen Augen hatte sie mit Lidschatten und Mascara betont. Auf Eyeliner hatte sie verzichtet, weil ihre Finger zu sehr zitterten.

Sie sei „wunderschön“, hatte James vorhin gesagt, als er sie sah.

Innerlich war Megan vor dem Kompliment zurückgezuckt, so wie sie stets vor James zurückwich, wenn er lieb zu ihr sein wollte. Doch diesmal hatte sie ein schwaches Lächeln zustande gebracht und sich höflich bedankt. Dann hatten sie Hand in Hand die Gangway der Jacht betreten, und Megan hatte ihm die Hand nicht entzogen.

Das war ein Fehler, wurde ihr jetzt bewusst, als sie auf ihre Finger blickte, die James immer noch festhielt. Händchenhalten war nichts Intimes, aber es stellte eine persönliche Geste dar, wie Megan sie ihm seit ihrer Fehlgeburt nicht mehr gestattet hatte.

Nachdem sie aus dem Krankenhaus entlassen worden war, hatte James kein einziges Mal mit ihr geschlafen. Bei der bloßen Vorstellung, mit ihm ins Bett zu gehen, fühlte sie sich elend. Wenn er sie in die Arme nehmen wollte, hatte sie sich ihm mit einem scharfen „Nein!“ entzogen und danach gewöhnlich eine nichtige Entschuldigung angeführt, warum sie es einfach nicht könne. Noch nicht.

Bisher war James erstaunlich geduldig mit ihr gewesen, aber Megan machte sich nichts vor. Ihr war nicht entgangen, dass er immer enttäuschter reagierte, abends erst spät von der Arbeit heimkehrte, sicher, um nicht zu Hause bei seiner Frau sein zu müssen, die ihn nur zurückwies. Sie selbst verbrachte mehr und mehr Zeit in ihrem Atelier und malte. Manchmal schlief sie sogar dort.

Obwohl es nicht viel zu bedeuten hatte, dass sie James jetzt ihre Hand halten ließ, bemerkte Megan, dass er mit diesem Fortschritt recht zufrieden zu sein schien. Auch mit ihr. Sicher würde er heute Nacht wieder versuchen, mit ihr zu schlafen, und erwarten, dass sie ihn diesmal nicht abwies.

Der traditionelle Hochzeitsmarsch wurde angestimmt. Sanft drückte James ihre Finger und zog sie auf die Füße. Ihre Blicke begegneten sich, und es überraschte Megan, dass sie Magenflattern bekam. Schnell blickte sie zur Seite, ehe James sehen konnte, wie verwirrt sie war.

War das neu aufflackerndes Verlangen?

Unmöglich! Es konnte nicht sein.

Sie wollte ihn nicht mehr begehren. Nie wieder!

Doch im tiefsten Innern befürchtete Megan längst, dass sie nicht von James loskam. Wenn sie ihn nicht verließ, würde sie ihm eines Tages wieder verfallen. Deshalb hatte sie die ganze Zeit über jeden körperlichen Kontakt vermieden. Darum nahm sie seit einiger Zeit die Pille. Weil sie im Grunde ihres Herzens wusste, dass sie sich selbst jetzt noch nach der Liebe ihres Mannes sehnte.

Sex mit James hatte alles übertroffen, was sie sich je erträumt hatte – schon beim ersten Mal, als sie noch Jungfrau war. Es war einfach wunderbar gewesen.

Als James zwei Wochen vor der Hochzeit eine Geschäftsreise unternommen hatte, war sie vor Sehnsucht nach ihm vergangen. Nacht für Nacht hatte sie sich in ihrem einsamen Bett nach ihm verzehrt, stundenlang wach gelegen und ihre leidenschaftlichen Umarmungen im Geist erneut durchlebt.

Auf der Hochzeitsreise hatte sie dann nicht genug von James bekommen können, hatte jeden Moment, jede zärtliche Berührung genossen. In den ersten beiden Wochen auf Hawaii hatte Megan unter morgendlicher Übelkeit gelitten, und er hätte nicht rücksichtsvoller sein können, als sie sich deshalb nicht mehr wie vorher jederzeit lieben konnten. Dabei hatte sie förmlich darauf gehofft, jeden Tag endlos in seinen Armen zu liegen. Daraufhin hatte James sie abends und manchmal mitten in der Nacht geliebt, ehe morgens die Übelkeit einsetzte.

Nach der Rückkehr aus den Flitterwochen war jedoch die Zeit für ihr Liebesleben knapper geworden. Anfangs hatte Megan geglaubt, James wäre müde, weil er als Chef einer erfolgreichen Werbe- und Marketingagentur stark beansprucht wurde. Inzwischen war Megan jedoch klar, dass er sich mit ihr offenbar zu langweilen begonnen hatte. Sein Ziel war erreicht, sie erwartete ein Kind …

Vor Liebe war sie blind gewesen.

Vielleicht hatte James auch geglaubt, ihr Verlangen nach Sex hätte durch die Schwangerschaft nachgelassen. Das Gegenteil war der Fall. Sie hatte James nur noch mehr begehrt.

Manchmal hatte Megan sich so nach ihm gesehnt, dass sie drauf und dran gewesen war, die Initiative zu ergreifen: Einmal, als sie in einer schwülen Sommernacht mit James im Pool schwamm, ein andermal vor einer Party … James hatte geduscht, und sie hatte sich spontan ausgezogen, um ihn unter der Dusche zu lieben. So sehr hatte sie nach ihm verlangt, dass sie sich ausgemalt hatte, gewagte Dinge mit ihm zu tun … mit den Händen, den Lippen …

Doch dann hatte sie den Mut dazu nicht aufgebracht.

Irgendwie hatte Megan von Anfang an gespürt, dass sie ihren Mann mehr begehrte als er sie. Aber das war verständlich … sie liebte ihn.

Und trotz allem liebte und begehrte sie ihn selbst jetzt noch.

Was war aus ihrem Stolz geworden?

Megans Herz schlug schneller, als James sie jetzt ansah und auf jene Wei se lächelte, die sie stets schwach machte.

Irgendwie schaffte sie es, ihm ihre Hand zu entziehen, und suchte in ihrer Handtasche nach einem Taschentuch. „Auf Hochzeiten muss ich immer weinen“, wisperte sie entschuldigend.

„Ehrlich gesagt, hätte ich es nie für möglich gehalten, dass dieser Tag kommen würde“, bemerkte James trocken. „Hugh hat immer geschworen, er würde nie heiraten.“

Megan fiel ein, was Hugh im Krankenhaus gesagt hatte – dass man nur aus Liebe heiraten solle.

„Trotzdem habe ich das Gefühl, dass er in der Ehe glücklicher wird als sein Vater“, flüsterte James ihr zu. „Aber das dürfte nicht allzu schwer sein. Ich habe aufgehört zu zählen, wie viele Ehefrauen Dickie Parkinson hatte – eine immer jünger als die andere. Hugh hat eine gute Wahl getroffen, finde ich. Kathryn ist eine sympathische, attraktive Frau. Und sehr vernünftig.“ Er blickte auf. „Donnerwetter! Wie kommt es, dass Bräute immer atemberaubend aussehen?“

Klopfenden Herzens betrachtete Megan die junge Frau, die feierlich den Gang entlangschritt.

Viel wusste Megan nicht von Kathryn Hart, nur dass sie Hughs persönliche Assistentin gewesen war. Aber James hatte recht. In ihrem weißen Korsagenkleid mit dem weiten bodenlangen Rock gab sie eine traumhafte Braut ab. Ihr langer Tüllschleier wurde im hochgesteckten dunklen Haar durch ein Diadem aus weißen Rosen gehalten, und sie schien förmlich über den roten Läufer zu schweben.

Megan blickte zum Geistlichen, der bei Hugh und Russell stand. Im schwarzen Smoking, eine weiße Rose am Aufschlag, sahen beide umwerfend aus. Doch keiner kann es mit James aufnehmen, dachte Megan.

Verstohlen betrachtete sie ihn.

James war wirklich ein toller Mann: Er war ungewöhnlich groß, hatte markante Züge, tief liegende dunkle Augen, kantige Wangenknochen, eine gerade Nase und einen sinnlichen Mund. Trotz seiner konservativen Wesensart trug er das dunkelbraune Haar sehr kurz, was ihm ein forsches, kühnes Aussehen verlieh.

Die Frauen wären ihm auch nachgelaufen, wenn er kein reicher, mächtiger Mann wäre. Das maßgeschneiderte weiße Smokingjackett stand ihm fantastisch … doch ohne Kleidung war er noch atemberaubender, fand Megan. Sein muskulöser, durchtrainierter Körper ließ keinen weiblichen Wunsch offen.

Mir hat er jeden Wunsch erfüllt, dachte sie erschauernd. Immer.

Und er würde es auch jetzt wieder tun, erinnerte sie eine innere Stimme. Sie brauchte es ihm nur zu gestatten …

Die Versuchung war groß.

Megan schoss das Blut in die Wangen, und unwillkürlich stöhnte sie leise auf.

Als James sie forschend ansah, presste sie sich schnell das Taschentuch an die Lippen.

Er lächelte nachsichtig. „Du weinst doch hoffentlich nicht jetzt schon?“

„Noch nicht“, brachte sie mühsam hervor.

„Du bist unglaublich gefühlsbetont“, bemerkte er. „Aber das liebe ich so an dir.“

So? Sie blickte fort. Liebst du überhaupt etwas an mir?

James mochte sie sehr gern, hatte Russell gesagt. Das stimmte wahrscheinlich. Er war immer nett zu ihr.

Aber jemanden gern zu haben war eine ziemlich lauwarme Sache, während sie von Anfang an verrückt nach ihm gewesen war – und geglaubt hatte, James würde das Gleiche für sie empfinden. Wie viel von seiner Leidenschaft in der Hochzeitsnacht war gespielt gewesen? Hatte er sie je wirklich begehrt – oder war sie nur ein Mittel zum Zweck gewesen?

Natürlich wusste Megan, dass Männer keine Erektion vortäuschen konnten. Doch ein Mann in der Blüte seiner Kraft – wie James mit seinen sechsunddreißig Jahren – war schnell erregt. Männer konnten Sex genießen, ohne zu lieben. Es genügte eine Frau, die bereitwillig mitmachte …

Und sie war mehr als bereitwillig gewesen. Obendrein schrecklich naiv.

Naiv war sie jetzt nicht mehr.

Falls sie je wieder mit James ins Bett gehen sollte, musste sie sich damit abfinden, dass er sie nicht liebte.

Würde sie es können?

Nein! hätte sie bis heute entschieden abgewehrt.

Jetzt war Megan sich dessen nicht mehr so sicher.

„Hoffentlich hat Russell die Ringe nicht vergessen“, hörte sie James sagen. „Wir wollen doch keine bösen Überraschungen erleben, wie bei seiner eigenen Hochzeit. Weißt du noch, wie seine schreckliche Schwiegermutter in letzter Minute auftauchte und ihm vorhielt, er würde ihre Tochter nur aus Rache heiraten?“

„Wer könnte das vergessen?“, erwiderte Megan.

„Die Frau war verrückt! Als ob jemand aus Rache heiraten würde. Außerdem konnte jeder sehen, wie verliebt Russell in Nicole war.“

Megan blickte zu Russell, der Nicole zulächelte. Feierlich schritt sie den Gang entlang und sah in ihrem zartgrünen langen Brautjungfernkleid einfach zauberhaft aus. Nur zu gut erinnerte Megan sich an die Hochzeit der beiden, an den Moment, als auch sie aufgesprungen war und begeistert Beifall geklatscht hatte, nachdem Nicole erklärt hatte, wichtig sei nur, dass sie und Russell sich liebten.

Kurz zuvor war Megan überglücklich und voller Selbstvertrauen aus den Flitterwochen zurückgekehrt und hatte blind an James’ Liebe ...

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