Logo weiterlesen.de
In den Armen des Millionärs

1. KAPITEL

Schon seit Jahren war ihm keine lebenswichtige Entscheidung mehr aus der Hand genommen worden – höchstens von Gott. Und wenn es nach ihm ginge, würde das auch so bleiben.

Während die Sonne an diesem Oktobernachmittag langsam unterging, fuhr Jake Benton von der privaten Landepiste zu seiner Ranch. Er war froh, Dallas übers Wochenende verlassen zu haben und Abstand zu seinem Vater zu bekommen, der sich immer noch gern in sein Leben einmischte. Früher hatten sie darüber gestritten, welche Universität Jake besuchen sollte. Später ging es darum, ob er im Familienunternehmen mitarbeitete oder nicht.

Damals war er zum ersten Mal mit der Drohung seines Vaters konfrontiert worden, ihn zu enterben. Inzwischen drohte sein alter Herr ihm nur noch damit, wenn es um größere, wichtigere Dinge ging. Wie zum Beispiel die neueste Forderung, dass er innerhalb eines Jahres heiraten sollte.

Jake verdrängte die Gedanken an den Streit mit seinem Vater. Er war auf dem Weg zu seiner Ranch in West Texas, wo er sich erholen konnte. Die einzigen Leute im weiteren Umkreis waren diejenigen, die für ihn und seinen Bruder arbeiteten. Wie immer, wenn er auf die Ranch zurückkehrte, fragte er sich, warum er nicht öfter herkam.

Dem Telefon und den unternehmerischen Verpflichtungen konnte er zwar nicht entkommen, aber er könnte kürzertreten.

Jake entspannte sich bereits, als die Familienranch, die nun ihm gehörte, mit ihren Gästehäusern, der Schlafbaracke, den Ställen und sonstigen Nebengebäuden in Sicht kam. Gepflegte Beete mit bunten Herbstblumen umrahmten jedes Gebäude. Jake nahm den Anblick in sich auf und freute sich noch mehr, wieder hier zu sein. Während die Sonne sich hinter Wolken verbarg und ganz in der Nähe Donner grollte, teilte sich die Straße.

Als Jake abbog und zur Seite des Hauses fuhr, entdeckte er zu seiner Verblüffung jemanden auf der Veranda. Dabei gab es einen Zaun und einen Wachmann vor dem Tor zur Ranch. In all den Jahren waren keine ungebetenen Besucher hierhergekommen. Bis zu diesem Zeitpunkt.

Seine erste Reaktion war Ärger darüber, dass jemand sich unbefugt Zutritt verschafft hatte. Doch die Neugier überwog. Der Eindringling sah aus der Ferne aus wie eine Frau. Je näher er kam, umso deutlicher wurde, dass sie attraktiv war.

Als er vorm Haus hielt, musterte er sie. Kastanienbraunes, hochgestecktes Haar umrahmte ein ovales Gesicht mit markanten Wangenknochen. Ihre langen Beine steckten in einer ausgeblichenen engen Jeans. Dazu trug sie Cowboystiefel. Eine kurze Lederjacke betonte ihre schmale Taille. Er war inzwischen nah genug, um festzustellen, dass ihr Anblick ihn nicht kaltließ.

Der letzte Rest Feindseligkeit verschwand. Verzweifelt kramte er in seinem Gedächtnis nach einem Hinweis auf ihre Identität oder den Grund, weshalb sie auf seiner Veranda stand. Er konnte sich nicht vorstellen, warum sie auf ihn wartete oder wieso sie wusste, dass er kam. Gespannt auf die Antworten – und entschlossen, sie zu bekommen –, stieg er aus dem Wagen.

Ihre Blicke trafen sich, und die Atmosphäre schien förmlich zu knistern.

Was immer die Motive der hübschen Brünetten sein mochten, sie war ziemlich dreist und strahlte etwas Trotziges aus, was ihn verwirrte.

„Willkommen zu Hause, Jake“, begrüßte sie ihn freundlich.

Ohne den Blick von ihr abzuwenden, stieg er die Verandastufen hinauf und blieb dicht vor ihr stehen. Damit hatte er sie einschüchtern wollen. Stattdessen war er gefangen von ihren klaren grünen Augen, die von geschwungenen rotbraunen Wimpern umrahmt waren. Sie sah fantastisch aus, und er konnte sich nicht von ihrem Anblick losreißen.

„Ich bin eher selten überrascht, aber jetzt schon“, gestand er. „Wie sind Sie an meinem Wachmann am Tor vorbeigekommen?“

Auf ihren sinnlichen Lippen erschien ein Lächeln. Unwillkürlich fragte er sich, wie es wohl wäre, sie zu küssen. Er atmete tief durch und konzentrierte sich auf die Frage, die er ihr gerade gestellt hatte.

„Du erkennst mich nicht, oder?“, meinte sie.

„Nein“, gab er zu. Dass sie glaubte, er müsse sie kennen, machte die Sache noch beunruhigender. Denn wäre er mit ihr ausgegangen, hätte er sich an sie erinnert. Eine so attraktive Frau vergaß man nicht. „Sie sind im Vorteil. Wahrscheinlich sollte ich Sie kennen. Zumindest sind wir nie miteinander ausgegangen“, sprach er seine Überlegung laut aus.

„Nein, sind wir nicht.“ Erneut lächelte sie. „Und um deine Frage zu beantworten: Ich bin nicht auf deinen Wachposten getroffen, weil ich aus westlicher Richtung gekommen bin.“

„Im Westen gibt es weder einen Weg noch ein Tor“, sagte er und schaute an ihr vorbei zu dem dichten Eichenwald, den er als Windschutz gepflanzt hatte. Dahinter erstreckte sich das flache Land kilometerweit westwärts. „Wenn Sie den Fluss überquert haben, muss er momentan ausgetrocknet sein. Allerdings droht Regen. Falls Sie Ihren Wagen im Wald abgestellt haben, sage ich lieber meinem Vorarbeiter Bescheid, bevor der den Sheriff verständigt. Sie haben mein Land widerrechtlich betreten, und das könnte Ihnen Ärger einbringen. Ich sollte den Sheriff anrufen und Sie verhaften lassen. Immerhin habe ich Warnschilder aufgestellt.“

„Dies ist ein verzweifelter Versuch, mit dir zu reden. An deinen Sekretärinnen und Anwälten bin ich nämlich nicht vorbeigekommen.“

Erneut erwachte seine Neugier. „Aha, Sie wollen also reden. Na schön, setzen wir uns hier auf die Veranda.“ Er deutete auf die Gartenstühle, da es ihm widerstrebte, sie ins Haus einzuladen. Vielleicht war sie bewaffnet. „Aber zuerst muss ich gestehen, dass ich tatsächlich nicht weiß, wer Sie sind.“

Sie schien amüsiert zu sein. „Caitlin Santerre.“

Die Erkenntnis traf ihn wie ein Eimer eiskaltes Wasser und dämpfte ihre Wirkung auf ihn erheblich. Jake hatte Mühe, seine Erinnerung an Caitlin Santerre mit dieser wunderschönen Frau in Einklang zu bringen.

„Na so was“, murmelte er geschockt. „Du bist erwachsen geworden. Was willst du von mir?“

„Du hast wirklich keine Ahnung, was?“ Auf einmal wirkte sie zornig. „Du besitzt unser Land. Ich will einen Teil davon zurückkaufen.“

„Na, wenigstens kommst du sofort zur Sache. Es ist mein Land, seit dein Bruder es abgestoßen hat. Ich war überrascht, dass er bereit war, es an mich zu verkaufen.“

„Will ist Geld wichtiger, als eine alte Familienfehde weiterzuführen. Er denkt nur an sich, Loyalität der Familie gegenüber ist ihm fremd“, erklärte sie.

„Da muss ich dir zustimmen. Allerdings bin ich voreingenommen. Du hättest ihm sagen müssen, dass er nicht verkaufen soll.“ Jake versuchte sich zu erinnern, wie groß der Altersunterschied zwischen ihnen war. Als sie noch klein war, hatte er nie auf sie geachtet, wenn er in der Stadt war. Sie schien viel jünger zu sein, weshalb er keinen Gedanken an sie verschwendet hatte.

„Mein Bruder und ich standen uns nie nahe.“

„Das kann ich gut verstehen“, gab Jake zynisch zurück, da er Will Santerre verachtete. In Gedanken ließ er die Geschichte Revue passieren. Der erste Benton, der sich Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in Texas niedergelassen hatte, hatte den ersten Santerre getötet, da dieser einen Wasserlauf umzuleiten versuchte. Die Rache folgte prompt – das Töten von Vieh gehörte ebenso dazu wie das Vergiften von Wasser. In der nächsten Generation brannte ein Santerre-Sohn Haus und Stall der Bentons nieder.

Die Fehde ging weiter, bis Caitlins Vater nach einer Schlägerei mit Jakes Vater im Krankenhaus landete. Später spitzte sich der Familienkrieg zu, der darin gipfelte, dass Will Santerre Jakes ältere Schwester Brittany umbrachte. Davon war Jake zumindest überzeugt. Das Gericht sprach ihn jedoch frei.

Will schwor, Brittany habe den Autounfall verursacht, aber das glaubte Jake nicht. So ungern er es zugab, aber Brittany war in Will verliebt gewesen. Sie war Football-Queen gewesen, Klassensprecherin, schön, beliebt – Will liebte die Mädchen und war hinter ihr her. Vielleicht sowohl aus Rache als auch, weil er sie wirklich wollte. Vielleicht hielt er sie für eine Eroberung, mit der er sich schmücken konnte. Allerdings bezweifelte Jake, dass Will imstande war, einen anderen Menschen als sich selbst zu lieben.

Er sah zu Caitlin hinüber. Ja, sie war schön. Aber sie war eine Santerre.

Die ersten dicken Regentropfen fielen. „Ich werde den Vorarbeiter wegen deines Wagens anrufen. Was für einen fährst du?“

Ihr Lächeln ließ ihn seine Feindseligkeit erneut vergessen. „Es gibt keinen Wagen.“ Sie deutete zu dem kleinen Eichenwald. „Ich bin auf dem Pferd gekommen und über den Zaun gesprungen. Du könntest deinem Vorarbeiter sagen, dass ich mein Pferd dort angebunden habe. Es wäre schön, wenn es bei dem Wetter nicht draußen stehen müsste.“

„Ah, jetzt weiß ich, warum niemand dich entdeckt hat. Ich habe Leute, die an der Grenze patrouillieren, aber die können angesichts der Größe der Ranch nicht überall gleichzeitig sein. Die Chance, dass irgendwer aus einer anderen Richtung als vom Highway auf die Ranch kommt, ist minimal. Zum Glück habe ich keine Feinde, jedenfalls nicht viele.“ Er schaute zu den Bäumen. „Ich werde veranlassen, dass dein Pferd in den Stall gebracht wird.“

„Danke.“

Während Jake telefonierte, nahm der Regen zu. Als er das Telefonat beendet hatte, steckte er das Handy wieder ein. „Mein Vorarbeiter wird dein Pferd in dem Stall unterbringen, der dem Haus am nächsten liegt.“

„Vielen Dank.“

„Vielleicht ist das nur ein Herbstschauer. Gehen wir rein, da ist es behaglicher“, schlug Jake vor. Obwohl er ihren Halbbruder hasste, faszinierte Caitlin ihn. „Seit der Zeit unserer Großväter müssen wir uns kaum Sorgen wegen Eindringlingen machen.“

„Ich glaube, unsere Väter waren weniger damit beschäftigt, Zäune einzureißen und sich gegenseitig Vieh zu stehlen, als die Generation vor ihnen. Die Fehde zwischen unseren Familien begann mit den ersten beiden Männern, die sich hier niederließen.“

„Es mag inzwischen weniger gewalttätig zugehen, aber vorbei ist es nicht“, erinnerte er sie und musste wieder an Will denken. „Wo ist Will jetzt?“

„Der hat sich ein Haus in San Francisco gekauft, und in Paris besitzt er auch noch eine Wohnung. Er ist Investmentbanker. Abgesehen davon weiß ich kaum etwas über ihn. Wir haben keinen Kontakt.“

Jake hielt ihr die Tür auf. „Dies ist eine Wende in der Fehde – du bist die erste Santerre, die ins Haus gebeten wird.“

Sie schenkte ihrer Umgebung kaum Beachtung, als sie durch die weitläufige Eingangshalle gingen. „Hier bist du also aufgewachsen.“

„Ja. Der ursprüngliche Teil des Anwesens ist so alt wie das Haus, in dem du aufgewachsen bist. Ich weiß, dass das Haus deines Vaters später gebaut wurde.“

„Es existiert nicht mehr“, erwiderte sie scharf. „Deine Bauarbeiter haben letzte Woche mit dem Abriss begonnen. Es dauert nicht lange, ein Haus abzureißen. Zum Glück steht Großmutters Haus noch.“

Jake verkniff sich einen Kommentar und führte sie ins Arbeitszimmer. „Gehen wir hier rein“, sagte er.

Sie betraten einen von Jakes Lieblingsplätzen. In dem großen Raum gab es hohe Bücherregale und Fensterfronten. Eine Glasschiebetür führte hinaus auf die rund ums Haus laufende Veranda.

„Setz dich“, forderte Jake sie auf und drehte sich um, als sie in einem hohen Ledersessel Platz nahm. Flüchtig registrierte er ihr blaues Westernhemd, das ihre üppigen Kurven betonte. Der Gürtel ihrer engen Jeans umspannte eine Taille, die tatsächlich so schmal war, wie er auf den ersten Blick vermutet hatte.

Das kleine Santerre-Mädchen, dem er nie Beachtung geschenkt hatte, war zu einer atemberaubend schönen Frau herangewachsen. Er setzte sich ihr gegenüber in einen anderen Ledersessel an dem niedrigen Mahagonitisch.

Sie schlug die langen Beine übereinander, und er fragte sich, wie sie wohl in einem Kleid aussah. Allein die Vorstellung brachte sein Blut in Wallung. Sie wirkte gelassen und überhaupt nicht wie jemand, der ihn verzweifelt um etwas bitten wollte. Außerdem sah sie sehr begehrenswert aus. Obwohl sie eine Santerre war, hatte sie etwas Aufregendes an sich, das ihn fast vergessen ließ, wer sie war.

Als er von ihren Beinen aufschaute, trafen sich ihre Blicke. Erneut fühlte er sich benommen. Die Anziehung zwischen ihnen war deutlich spürbar. Offenbar empfand sie das Gleiche, denn sie sah ihm unverwandt in die Augen, während es zwischen ihnen regelrecht knisterte. Er wollte sie besser kennenlernen. Andererseits trübte der lebenslange Hass auf die Santerres diese Anziehung. Caitlin war tabu. Und doch wollte er ihre Lippen auf seinen spüren.

Er holte tief Luft und nahm sich zusammen. „Hast du schon lange gewartet?“, erkundigte er sich. „Ich habe mir mit meinem Flug heute Morgen Zeit gelassen.“

„Ich hatte keine Probleme damit, zu warten“, entgegnete sie.

„Woher wusstest du überhaupt, dass ich heute komme?“

Ein belustigter Ausdruck trat in ihre Augen. „Ich habe einen Privatdetektiv engagiert, der deinen Aufenthaltsort ausfindig macht, damit ich eine Gelegenheit finde, mit dir zu sprechen. Du hast nur selten einen Bodyguard bei dir.“

„Du bist ein ziemliches Risiko eingegangen. Dir ist doch wohl klar, dass ich dich hätte verhaften lassen können.“

„Nachdem du mich in dein Haus gebeten hast, dürfte es schwer sein, mich als Eindringling darzustellen.“

„Du willst also einen Teil eurer Ranch zurückkaufen. Warum hast du das nicht mit deinem Bruder besprochen?“

„Mein Halbbruder hat mir keine Gelegenheit dazu gegeben. Traditionsgemäß erbt bei den Santerres der älteste Sohn die Ranch. Er wird dazu erzogen, die Ranch zu schützen, sich um sie zu kümmern und sie im Familienbesitz zu halten. Will interessiert das alles nicht. Er macht, was ihm passt, und hat kein Interesse an Cowboys, dem Land oder der Ranch.“

„Ja, das hat er mir gegenüber erwähnt.“ Jake dachte an den Notartermin, zu dem er eigentlich nicht hatte gehen wollen. Letztendlich hatte er es dann doch getan, um Will Santerre zu sehen, wenn er den Santerres ihr Haus abkaufte. Obwohl Will froh war über den Verkauf, empfand Jake es als süße Rache.

Seit Generationen war es das Ziel der Bentons, den letzten Santerre aus der Gegend verschwinden zu sehen. Jakes Anwalt hatte ihn bereits darüber informiert, dass Caitlin nicht zu den Erben der Ranch gehörte. Außerdem hatte sie seit ihrem Collegeabschluss nicht mehr auf der Ranch gelebt, sodass sie in Jakes Gedanken schon keine Rolle mehr gespielt hatte.

„Warum hat Will dir nicht einen Teil der Ranch verkauft, wo du sie so dringend zu wollen scheinst?“

„Er hielt es nicht für nötig, Kontakt zu mir aufzunehmen, weder wegen des Verkaufs noch um zu fragen, ob ich einen Teil davon kaufen möchte. Will und ich stehen uns nicht nahe. Er interessiert sich nur für sich selbst.“

„Da stimme ich dir zu.“ Jake erinnerte sich an die Feindseligkeit, die beim Verkauf der Ranch zwischen ihnen geherrscht hatte.

„Wäre es nach Will gegangen, hätte man mich aus der Familie verbannt“, fuhr Caitlin fort. „Unser Vater dachte genauso.“

„Wenn ich mich recht entsinne, bist du bei deiner Großmutter aufgewachsen. Sie war eine Santerre, die Mutter deines Vaters.“

„Ja, aber in vielen Dingen war sie ganz anders als er. Ich habe sie sehr geliebt, und sie war gut zu mir. Ihretwegen betrachtet mich jeder als Santerre, außer Will.“

Jake erinnerte sich an die Geschichten über die Santerres – dass Caitlins Mutter Hausangestellte bei den Santerres gewesen war, an die kurze Affäre und das daraus hervorgegangene Baby, welches nicht anerkannt wurde. Titus Santerre wollte nichts damit zu tun haben, doch ihre Großmutter mütterlicherseits zog sie auf. Titus blieb bis zu deren Tod mit Wills Mutter verheiratet und heiratete danach nicht mehr.

„Warum willst du etwas von der Ranch zurückkaufen?“, fragte er. „Du wohnst doch längst nicht mehr hier, und Rancherin bist du auch nicht.“

Er betrachtete ihr kastanienbraunes Haar, das sie locker zusammengebunden hatte. Ein paar Strähnen hatten sich aus dem Knoten gelöst. Es sah seidig aus und weckte in ihm das Verlangen, mit den Händen hindurchzufahren.

„Ich habe meine Großmutter geliebt und bin gern bei ihr aufgewachsen. Die Menschen, die für sie arbeiteten und ihr nahestanden, wurden in ihrem Testament bedacht. Unser Vorarbeiter, Kirby Lenox, Altheda Perkins, unsere Köchin, und Cecilia Mayes, Großmutters Freundin – die sind alle geblieben. Kirby und zwei Männer, die für ihn arbeiten, führen die Ranch. Altheda kümmert sich ums Haus und kocht. Cecilia ist inzwischen alt. Sie war meiner Großmutter treu ergeben, erst als Sekretärin, dann als Freundin.“

„Ich wusste, dass dort noch Leute wohnen.“

„Als neuer Besitzer hättest du sie hinauswerfen können.“

„Ich habe es nicht eilig. Ich dachte mir, früher oder später gehen sie ohnehin. Und falls nicht, hätte ich sie dazu aufgefordert. Schließlich ist es jetzt mein Besitz.“

„Ich liebe sie alle, denn ich bin bei ihnen aufgewachsen. Sie sollten das Haus, den Stall und die Tiere behalten können, solange sie leben. Ich wollte die Ranch ab und zu besuchen können – so wie du es hier machst.“

Jake nickte. „Warum hast du es Will nicht gesagt?“

Sie wandte den Blick ab, doch ihm entging die plötzliche Kälte nicht, die in ihren Augen zu lesen war. „Das habe ich. Er hat mich nur ausgelacht und daran erinnert, dass mein Vater meine Existenz kaum zur Kenntnis genommen hat. Deshalb hätte ich auch kein Mitspracherecht. Falls es zum Verkauf käme, würde er mir Bescheid sagen. Was er nicht tat. Dazu war er rechtlich auch nicht verpflichtet, da ich keinerlei Anspruch auf die Ranch erheben konnte.“

Jakes Mitgefühl hielt sich in Grenzen. Auch wenn sie und Will nichts miteinander zu tun hatten, konnte er doch nicht vergessen, dass sie beide Santerres waren. In ihren Adern floss das gleiche Blut.

„Für einen Santerre kann ich nur schwer Mitgefühl aufbringen“, sprach er seine Gedanken laut aus. „Nicht einmal für eine wunderschöne Frau.“

Sie hob eine Braue, ansonsten wirkte sie unbeeindruckt. „Immerhin bist du ehrlich. Ich bitte dich nicht, mich zu mögen. Wir müssen uns auch nicht wiedersehen. Ich will nur das Haus kaufen und einen Teil vom Land. Es hat Großmutter nie gehört. Mein Vater sicherte ihr testamentarisch zu, dort auf Lebenszeit wohnen zu können. Erst danach sollte der Besitz Will zufallen. Ich will bloß einen kleinen Teil.“

„Welchen Vorteil hätte ich davon? Es würde nur bedeuten, dass ich weiterhin eine Santerre als Nachbarin behalte. Du kennst doch unsere Familiengeschichte.“

„Oh, klar kenn’ ich die. Der erste Benton tötete den ersten Santerre wegen Wasser. Der Fluss schlängelte sich unbeirrt weiter durchs Land, während unsere Familien über Grenzen und Nutzungsrechte stritten. Unsere Ururgroßväter waren politische Gegner. Deine Familie brannte angeblich unsere Scheune nieder, stahl unser Vieh und unsere Pferde. Die Liste ist lang.“

„Du hast die jüngste Episode vergessen, die unser Leben berührt hat. Meines jedenfalls. Du warst vielleicht noch zu jung, um es mitzubekommen. Ich bin vierunddreißig, und du musst zweiundzwanzig sein.“

Amüsiert erwiderte sie: „Du liegst ein kleines bisschen daneben. Sonst wäre ich ja noch ein Kleinkind gewesen, als du siebzehn warst und zur Highschool gegangen bist. Nein, ich bin jetzt achtundzwanzig.“

Er grinste und zuckte die Schultern. „Du warst noch ein Kind. Du hättest ebenso gut fünf sein können, als ich siebzehn war. Damals bist du mir jedenfalls nicht aufgefallen.“

„Hm, ich hoffe, das hat sich geändert“, entgegnete sie, und ihr Tonfall war derart sinnlich, dass er erschauerte. Es war offensichtlich, dass sie mit ihm flirtete.

„Vielleicht muss ich meine Einstellung zu den Santerres überdenken“, sagte er.

„Du wärst erstaunt, was sich dir dadurch eröffnet“, meinte sie und schenkte ihm ein Lächeln, das seinen Puls beschleunigte.

„Du solltest mich lieber vergessen lassen, dass du mit Will verwandt bist. Meine Familie ist nach wie vor der Ansicht, dass er schuld an Brittanys Tod ist.“

„Er wurde vom Gericht für unschuldig befunden. Der Zusammenstoß war ein Unfall“, stellte Caitlin sachlich fest.

„Für mich war er nicht unschuldig. Will hat ausgesagt, Brittany habe ihn von der Straße abzudrängen versucht. Dabei liebte sie ihn. Will war derjenige, der sie von der Straße abgedrängt hat.“

„Das Gericht hat ihn für unschuldig erklärt. Will und ich sprechen kaum miteinander. Nach dem Tod unseres Vaters wird der Kontakt ganz einschlafen. Allerdings hat mein beruflicher Erfolg Will doch ein wenig Anerkennung abgerungen. Leider nicht genug, um mich darüber zu informieren, dass er die Ranch verkaufen will. Ganz zu schweigen davon, wer der Käufer ist.“

„Will ist ein Mistkerl“, sagte Jake und dachte an Caitlins seidiges kastanienbraunes Haar und ihre großen Augen. Er war noch immer verblüfft über ihre Identität.

„Bitte denk darüber nach. Ich will das Haus retten und den Menschen, die dort wohnen, die Möglichkeit erhalten, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Ich fühle mich verantwortlich für ihr Wohlergehen, denn sie waren immer für meine Großmutter und mich da.“

„Wie nobel von dir. Aber es war ihr Job, sie wurden dafür bezahlt, und vermutlich nicht schlecht.“

„Ach, es ist nicht nur das. Mit dem Haus sind glückliche Erinnerungen verbunden. Denk doch über meine Bitte nach.“

Schweigend betrachtete er sie. Dann erklärte er: „Na schön, ich werde darüber nachdenken. Aber ich glaube nicht, dass ich meine Meinung ändern werde.“

„Wenn du es nicht tust, dann ja wohl aus reiner Boshaftigkeit.“ Ihre Miene veränderte sich nicht. In ihren grünen Augen lag ein kühler Ausdruck. „Du besitzt eine der größten Ranches im Land, und nun hast du auch noch Nachbarfarmen aufgekauft, so wie unsere. Ich bitte dich nur, für alles offen zu sein, wenn du darüber nachdenkst.“

„Es ist keine Boshaftigkeit, jedenfalls nicht dir gegenüber. Höchstens der Wunsch, mich an Will zu rächen. Ich war froh, ihm die Ranch abkaufen zu können. Noch glücklicher war ich, Wills Haus abreißen und in Schutt und Asche legen zu können.“

Ein Blitz zuckte am Himmel, und der nachfolgende Donner ließ die Fensterscheiben klirren. Regen trommelte aufs Dach.

Jake dachte nach, musste jedoch zugeben, dass Caitlins Schönheit seine Konzentration beeinträchtigte. Die Anziehung zwischen ihnen war nicht zu leugnen. Trotzdem hatte er nicht vor, ihr nachzugeben. Diese Frau war eine Santerre, und deshalb würde er ihr nichts von dem Land verkaufen. Hätte sie das Haus ihrer Großmutter behalten wollen, hätte sie unmittelbar nach dem Tod ihres Vaters mit Will sprechen müssen.

Jake schaute hinaus in den Regen, dann sah er auf die Uhr. Es war fast sechs. Gern hätte er Caitlin gebeten, zum Abendessen zu bleiben. Sein Verstand riet ihm allerdings ab. Er sollte sie schleunigst loswerden. Sie würde schon Ruhe geben und verschwinden, wenn ihr klar wurde, dass keine Hoffnung bestand, das Haus ihrer Kindheit zurückzubekommen.

Trotzdem genoss er ihren Anblick. Zu sehr.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "In den Armen des Millionärs" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen