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In den Armen der Erbin

MAGGIE ROBINSON

In den Armen

der Erbin

Roman

Ins Deutsche übertragen von

Ursula Prawitz

Zu diesem Buch

Als die schöne und wohlhabende Erbin Louisa Stratton eine Einladung auf das Familienanwesen Rosemont erhält, um den jüngst angetrauten Ehemann vorzustellen, steht sie vor einem Dilemma: Ihren illustren, kunstliebenden Gatten Maximilliam Norwich hatte Louisa nur erfunden, um ihre Familie endlich zufriedenzustellen! Seitdem sie in jungen Jahren ihr Herz und ihre Unschuld verlor, hat sie der Liebe abgeschworen. Doch wie soll sie das ihrer strengen Tante Grace erklären, die sie nach dem Tod ihrer Eltern großgezogen hat? Kurzerhand entschließt sie sich, einen Ehemann zu engagieren. Der attraktive Soldat Charles Cooper scheint dafür die perfekte Wahl zu sein. Unvermögend, vom Krieg gezeichnet und nur an leichten Affären interessiert, nimmt dieser das ungewöhnliche Angebot an. Schließlich sind es bloß dreißig Tage, die es als frisch verliebtes Ehepaar durchzustehen gilt. Doch der Aufenthalt in Rosemont entwickelt sich schon bald zu einer Nervenprobe: Die Verwandtschaft treibt Louisa fast in den Wahnsinn, und irgendjemand scheint es auf Charles’ Leben abgesehen zu haben. Vor allem jedoch hätte Louisa niemals damit gerechnet, dass sie sich Hals über Kopf in ihren falschen Ehemann verlieben könnte …

1

Nizza, Frankreich, Anfang November 1903

Meine liebe Tante Grace,

schweren Herzens muss ich dich vom Ableben meines geliebten Gatten Maximillian in Kenntnis setzen.

»Sie lassen ihn sterben

Ihre Zofe Kathleen hatte die ärgerliche Angewohnheit, wie aus dem Nichts immer dann hinter ihr aufzutauchen, wenn sie es am wenigsten erwartete.

»Es gibt ihn doch gar nicht wirklich«, antwortete Louisa Stratton und tupfte den Tintenklecks fort, der auf den Brief getropft war.

Kathleen öffnete die Tür zur Terrasse, die den Blick auf das Mittelmeer freigab, und eine kühle, feuchte Brise wehte beinahe Louisas Brief fort. Um diese Jahreszeit erwartete man im Süden Frankreichs eigentlich milderes Wetter.

»Wie ist er denn gestorben?«

»Ich weiß noch nicht. Eine Lawine vielleicht? Ein Zugunglück?« Außerhalb des Museums könnte Maximilian Bergsteiger sein, ganz in Leder gekleidet und mit sonnengebräuntem Gesicht. Die feinen Fältchen um seine himmelblauen Augen woben einen Fächer wie aus zarter Spitze. In ihrer Fantasie fuhr Louisa diese Linien zärtlich mit der Fingerspitze nach –

Mit einem Knall schlug Kathleen die Tür zu. »Über beides wäre in allen Zeitungen berichtet worden.«

»Verflucht.« Daran hätte sie denken müssen.

»Sie werden sich wohl etwas weniger Spektakuläres einfallen lassen müssen. Irgendeine Herzgeschichte vielleicht. Oder einen entzündeten Finger.«

Louisas Miene hellte sich auf. »Genau! Er hat Herbstrosen für mich gepflückt, und dabei hat er sich gestochen. Ein so winziger Stachel – und dennoch so gefährlich. Du weißt, wie er mich verwöhnt hat – täglich frische Blumen, gleich in welcher Jahreszeit. Er hätte seine Handschuhe tragen sollen. Er hatte wundervolle Hände. Groß und elegant und kaum Haare auf den Handrücken. Und er verstand sie so geschickt zu gebrauchen.« Sie warf Kathleen ein wissendes Lächeln zu.

Doch Kathleen schüttelte tadelnd den Kopf. »So sollten Sie aber nicht reden. Und außerdem wird es so auch nicht gehen. Schließlich gilt Maximillian Norwich als bedeutender Mann. Sie haben es so gewollt. Sie wissen, dass Ihre Tante regelmäßig die Todesanzeigen liest. Sie wird sich wundern, weshalb Sie es nicht bekannt gegeben haben.«

»Ich war einfach am Boden zerstört. Ich war außer mir. Sie denkt ohnehin, dass ich nicht ganz richtig im Kopf bin.«

Wie üblich hatte Louisa auf alles eine Antwort. Hätte es wirklich einen Maximillian gegeben, sie hätte die angemessenen Gefühle, die mit dem Verlust der Liebe ihres Lebens einhergingen, empfinden und zeigen können. Davon war sie überzeugt. Vermutlich hätte sie über Wochen, wenn nicht gar über Monate hinweg, ihr einsames Bett nicht mehr verlassen. Vielleicht auch über Jahre nicht. Mühelos hätte sie Queen Victoria Konkurrenz gemacht, die sich bis zu ihrem Tod nach Albert verzehrt hatte. Natürlich wäre sie dabei attraktiver gekleidet.

Berge von Taschentüchern würde sie nass weinen, Speisen unberührt zurückgehen lassen. Kathleen würde sie einen hoffnungslosen Fall nennen, und Louisa würde im Zustand tiefer Melancholie die Wand anstarren, dessen Tapetenmuster vor ihren tränenfeuchten Augen verschwimmen würde. Sie würde dem Ruf der Sirenen lauschen, der vom Meer herüberklang und sie dazu verführen könnte, Steine in den Saum ihres Nachtgewands einzunähen und sich zu ertränken.

Natürlich würde Kathleen rechtzeitig hinzukommen und verhindern, dass sie sich ihre Finger blutig stach – denn Louisa hatte trotz der unermüdlichen Versuche von Tante Grace, aus ihr eine Lady zu machen, nur wenig Erfahrung im Nähen. Ärzte würden gerufen – vielleicht würde Kathleen sogar nach Dr. Freud im fernen Wien schicken.

»Wenn Sie ihn sterben lassen, müssen Sie in Trauerkleidung nach Rosemont fahren, und Sie wissen, wie blass Sie in Schwarz aussehen – wenn ich so kühn sein darf, Sie daran zu erinnern.«

»Als könnte ich dich daran hindern.« Kühn reichte bei Weitem nicht aus, um Kathleens Umgangston zu beschreiben. Seit fünf Jahren war sie Louisas Zofe, und inzwischen war sie mehr eine Freundin als eine Bedienstete. Und im letzten Jahr war das Band zwischen ihnen noch fester geschmiedet worden, hatten sie doch in dieser Zeit der Freiheit einige haarsträubende Abenteuer zu bestehen gehabt.

Seit einer Weile jedoch zeigte sich Kathleen sehr launisch. Louisa vermutete als Grund irgendein nutzloses Mannsbild. Bevor sie nach Europa geflüchtet waren, hatte Robertson, der neue schottische Chauffeur, Kathleen Avancen gemacht. Zugegeben, er war ein ansehnlicher Kerl, aber Kathleen sollte ihre Unabhängigkeit nicht für ein paar Minuten unbeholfenen Beischlafs aufgeben. Sexueller Verkehr wurde nach Louisas Ansicht weit überbewertet.

»Und Ihre Tante wird dafür sorgen, dass Sie sich völlig aus dem gesellschaftlichen Leben zurückziehen, genauso, wie sie es immer gemacht hat«, fuhr Kathleen fort und wurde wieder einmal ihrer gewohnten Rolle als Stimme der Vernunft gerecht. »Zwei Jahre Trauer. Keine Besuche. Keine Konzerte oder Vorträge. Ihre Tante wird Sie nicht einmal für einen Tag nach London fahren lassen, müssten Sie sich einen Zahn ziehen lassen. Sie würden sich im Handumdrehen zu Tode langweilen. Und obendrein auch noch Schwarz tragen müssen.«

»Wie wahr!« Louisa knabberte am Ende ihres vergoldeten Conklin-Füllfederhalters, der beim Schreiben unangenehmer Briefe schon einige tiefe Spuren davongetragen hatte. Es war verflixt ärgerlich, dass sie Maximillian überhaupt erst hatte erfinden müssen. Aber Tante Grace war mehr als entsetzt gewesen, als Louisa zu einer Reise mit einem Motorwagen über den Kontinent aufgebrochen war – mit Kathleen als einziger Begleitung. An jedem Postamt waren die beiden Reisenden von einer Flut von Telegrammen und Briefen erwartet worden, und Tante Grace hatte auch nicht gezögert, in schauerlichen Einzelheiten auszumalen, was zwei alleinreisenden, unschuldigen jungen Damen im Sündenpfuhl Europa widerfahren konnte.

Nun ja, Louisa konnte kaum unschuldig genannt werden, wie Grace sehr wohl wusste. Aber sie war abwesend und damit außerhalb von Grace’ Reichweite. Die Briefflut war abrupt verebbt, nachdem Louisa ihre Familie darüber in Kenntnis gesetzt hatte, dass sie den charismatischen Maximillian Norwich kennengelernt hatte – im Louvre, vor einem besonders dunklen und schemenhaften Rembrandt-Gemälde – und ebendiesen nach kurzem und heftigem Umwerben geehelicht habe.

Nach einer Weile erreichten Louisa dann erneut Briefe, in denen ihr lauwarme Glückwünsche ausgesprochen wurden. Und eine Aufforderung: Louisa solle nach Hause kommen und ihren Ehemann mitbringen.

Für eine gewisse Zeit war ihr Rosemont nicht wie ihr Zuhause erschienen, aber nach einem goldenen Jahr der Ungebundenheit musste auch Louisa zugeben, dass es wohl an der Zeit war, zurückzukehren.

Kathleen jedoch schmollte. Wenn sie im Winter in einem offenen Motorwagen umherfuhren, würden sie sich höchstwahrscheinlich jede Menge Frostbeulen holen. Zudem gab es in letzter Zeit einige Misslichkeiten mit Louisas Bank, die geklärt werden mussten. Und wenn man den Briefen ihres liederlichen Cousins Hugh und denen Dr. Fentress’ Glauben schenken durfte, hatte Tante Grace nicht mehr lange zu leben. Nicht, dass Louisa das ernsthaft glaubte.

Grace war viel zu gehässig, um ins Gras zu beißen. In den einundzwanzig Jahren, die Louisa seit dem Tod ihrer Eltern bei Grace lebte, hatte diese Frau nicht einmal eine Erkältung gehabt. Seit sie vier Jahre alt war, wurde Louisa unnachgiebig von ihrem Vormund getadelt, auch für noch so kleine Vergehen. Als sie es dann tatsächlich darauf ankommen ließ, hatte das höllische Konsequenzen gehabt.

Sicher aber standen Grace in der Hölle ohnehin alle Tore offen.

»Was schlägst du vor, Kathleen? Sollte ich die Wahrheit sagen?«

Ihre Zofe zog eine fuchsrote Augenbraue hoch. »Sie? Die Wahrheit sagen? Da falle ich doch glatt in Ohnmacht.«

»Du fällst doch nie in Ohnmacht. Ich kenne keine andere Frau, die in Krisensituationen einen derart kühlen Kopf bewahrt. Ausgenommen ich, natürlich.«

Auch wenn Kathleen das vielleicht nicht unbedingt so sah, hatte sie das notwendige Gespür, nichts dagegen einzuwenden. Denn wenn man nachhaken würde, müsste Louisa durchaus einräumen, dass sie in den vergangenen Monaten mehr Rückschläge hatte einstecken müssen, als ihr lieb war. Es wäre schon praktisch gewesen, in der einen oder anderen Situation einen Ehemann zu haben, der ihr aus der Klemme hätte helfen können, obgleich sie wahrlich keine Pläne hatte, jemals zu heiraten. Warum sollte sie auch? Sie war schließlich eine Erbin, unabhängig und frei. Louisa brauchte keinen Mann, der sie herumkommandierte. Während ihrer Kindheit in Rosemont hatte sie schon genug Regeln befolgen und mehr als zwanzig Jahre ihres Lebens wie eine Nonne hinter Klostermauern verbringen müssen.

Natürlich war Rosemont mit seinen tausend Morgen üppiger Parkanlagen und seinen fünfzig üppig gestalteten Zimmern weit luxuriöser als jedes Kloster, das Louisa auf ihren Reisen gesehen hatte. Für einen Gentleman ohne Rang – genau wie Mr Darcy! – war Louisas Vater unanständig reich gewesen, und darüber hinaus hatte er auch noch gut geheiratet. Das Vermögen ihrer amerikanischen Mutter war sogar noch größer gewesen als das seine. Tragischerweise waren beide Eltern bei einem Bootsunfall ums Leben gekommen, als sie noch sehr klein gewesen war. Und hätten ihre Porträts nicht in den Gängen von Rosemont gehangen, hätte sie sich womöglich überhaupt nicht mehr an sie erinnern können.

»Irgendwann müssen wir zurück nach Hause«, sagte Kathleen. »Haben Sie denn niemals Heimweh nach Rosemont?«

Nein, das hatte Louisa wahrlich nicht. Zu Hause warteten Grace und Hugh und ein paar andere Familienangehörige, und irgendwie schaffte sie es nicht, sie loszuwerden. Nachdem Louisas Eltern gestorben waren, war Grace als ihr Vormund in das Elternhaus zurückgekehrt, und ein paar andere Verwandte suchten dort ebenfalls Unterschlupf. Als sie im letzten Jahr endlich Zugriff auf ihre Geldmittel erhielt, fand es Louisa einfacher, davonzulaufen, als sich mit Tante Grace die Köpfe einzuschlagen und zu versuchen, allesamt aus dem Haus zu werfen.

Louisa hielt sich nicht für einen Feigling. Sie würde schon nach Hause gehen, würde ihnen die Stirn bieten. Jedenfalls einigen von ihnen. Sie hatte zum Beispiel nichts dagegen, dass sich Isobel, die Cousine ihrer Mutter, auf dem Anwesen aufhielt. Ende der Siebzigerjahre waren die beiden jungen Amerikanerinnen auf der Suche nach einem Ehemann nach England gekommen, aber nur die Bemühungen von Louisas Mutter waren von Erfolg gekrönt gewesen.

Soweit man es als einen Erfolg erachten konnte, fünf Jahre nach seiner Eheschließung zu ertrinken.

Louisa brauchte jetzt ihren eigenen Erfolg. Sie würde Grace und Hugh mit allem, was nötig war, bestechen, sobald ihre Bankprobleme erst einmal gelöst waren.

Und sie würde dabei jemanden an ihrer Seite haben. Einen Gefährten. Einen attraktiven, kultivierten Mann von Welt, der ihr im Louvre den Boden unter den Füßen weggezogen hatte und dem sie sich seitdem süß und sündig hingab. Mit seinen geschickten zarten Händen verwöhnte er sie – zumindest in ihren glühenden Träumen. Ja, Maximillian Norwich würde mit ihr nach Rosemont kommen, und wenn sie ihn ebenfalls bestechen musste.

Louisa riss den Brief an ihre Tante in kleine Fetzen. »Kathleen, wie heißt gleich noch diese Agentur, über die dein Bruder letztes Jahr seine neue Stellung gefunden hat? Irgendetwas mit Evening?«

»Evensong, Miss Louisa. Die Evensong Agency. Das Büro befindet sich in der Mount Street. Die können Wunder bewirken, zumindest gilt das für Mrs Evensong. Von dort kam übrigens auch der neue Chauffeur in Rosemont. Warum fragen Sie? Sie haben doch nicht etwa vor, mich vor die Tür zu setzen, oder?«

»Gewiss nicht.« Louisa hatte nicht im Entferntesten eine Ahnung, was sie ohne Kathleen machen sollte, auch wenn diese in letzter Zeit etwas launisch war.

»Da bin ich aber erleichtert. Wollen Sie, dass ich Ihnen die Brüste für unsere Spritztour heute Nachmittag abbinde und Ihre Hosen ausbürste, oder werden Sie Ihr Korsett mit dem Reifrock tragen?«

»Hosen, denke ich. Es ist verdammt kalt draußen«, antwortete Louisa und schnappte sich ein weiteres Blatt des Hotelbriefpapiers.

2

Dienstag, 1. Dezember 1903

Am liebsten hätte sich Mrs Mary Evensong nur noch die Nase zugehalten, aber leider musste sie ja auch atmen. Stattdessen angelte sie ein parfümiertes Taschentuch aus ihrem Gobelintäschchen und hielt es sich vor das Gesicht. Der Duft des Blenheim-Bouquets war unübertrefflich – Zitrone, Limone und Lavendel, eine himmlische Kombination. Der neue Duft von Penhaligon war schnell zu ihrem Favoriten avanciert, auch wenn er eigentlich für Herren gedacht war, und sobald sie diese unangenehme Aufgabe hinter sich gebracht hatte, würde sie noch kurz im Geschäft in der Jermyn Street anhalten, um eine Nase voll davon zu inhalieren.

Unter dem Bündel Lumpen auf dem Federkernsofa regte sich etwas, und Mary verengte die Augen hinter ihrer rauchgrauen Brille. Captain Charles Cooper war ein langer Mann, der auf einer kurzen Couch lag. Allem Anschein nach hatte er in letzter Zeit weder gebadet noch seine Kleider gewechselt. Die Klappe, die er über einem Auge trug, hatte sich verschoben und saß jetzt schief auf seiner Nase. Sein dunkles Haar war kurz geschoren, und sein Kinn hätte durchaus eine Rasur vertragen können.

Mary nickte. In London wimmelte es nur so von Kerlen mit haarigen Gesichtern. Die Bartmode hatte sie noch nie nachvollziehen können – in der Tat war sie der Ansicht, dass sich die meisten Männer einen Bart stehen ließen, um ein fliehendes Kinn oder ein Doppelkinn darunter zu verbergen. Darüber hinaus war es dermaßen unangenehm, beim Küssen den Mund voller Schnauzhaare zu haben. Nicht, dass die Herren in letzter Zeit bei ihr Schlange gestanden hätten.

Ein ausgeprägtes Aroma von Gin und männlichem Schweiß hing im Raum, und erneut sah sie sich gezwungen, sich das Taschentuch vor den Mund zu pressen.

»Captain Cooper«, sagte sie jetzt gefestigt. Sie hatte es geschafft, ihre Abscheu zu überwinden, indem sie an Zitrusfrüchte und spanischen Sonnenschein dachte. Das half für den Moment. »Wachen Sie auf.«

»Keine Lust.«

Na, das war doch einfacher als gedacht. Nur ungern hätte sie ihn mit ihrem Schirm angestupst.

»Ich bin Mrs Evensong, Eigentümerin der Evensong Agency. Ich möchte Ihnen ein Angebot unterbreiten, Sir. Mr George Alexander hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass Sie Ihren Dienst vor Kurzem quittiert haben und auf Arbeitssuche sind.«

»Das wüsste ich.« Captain Cooper lag noch immer mit geschlossenen Augen auf der Couch.

»Aber ich versichere Ihnen, dass ich persönlich mit ihm gesprochen habe.« Das Dienstverhältnis von Captain Cooper war allerdings nicht das Einzige gewesen, das sie besprochen hatten. Mr Alexander war ein vielseitiger Geschäftsmann, und er hatte mit der Aussicht auf eine Investitionsgelegenheit Mrs Evensongs volles Interesse geweckt. Sie würde sich also mit der gewohnten Gründlichkeit der Sache annehmen.

Cooper seufzte. »Es ist mir gleich, wer Sie sind oder mit wem Sie gesprochen haben. Ich brauche von George keine Almosen. Er hat schon genug getan.«

»Es handelt sich mitnichten um ein Almosen, Captain, sondern um eine bezahlte Position. Mr Alexander hat damit nur wenig zu tun, er hat mir lediglich Ihren Namen genannt.« Mary Evensong würde dem Captain sicher nicht auf die Nase binden, dass sie von dem Industriellen und von Miss Louisa Stratton bezahlt werden würde, sobald er den Vertrag unterzeichnete. Es gab keinen Grund dafür, ihn in solche geschäftlichen Details einzuweihen, da sie sich ohnehin von Fall zu Fall änderten. Beruflich wie privat musste sie stets flexibel sein.

»Es gibt da eine junge Dame, die Ihre Dienste in Anspruch nehmen möchte. Sie würden es sicher nicht bereuen, wenn Sie sich von diesem abscheulichen Sofa erheben und in die nächste Badewanne steigen würden.«

Charles Cooper rappelte sich auf und stützte sich auf einem Ellbogen ab, dabei schob er die Augenklappe mit zittriger Hand zurück über sein blindes blaues Auge. Mary hatte all die Berichte über ihn gelesen und seine Referenzen studiert, und sie hatte mit einer ausreichenden Zahl seiner Vorgesetzten und Lehrer gesprochen, um sich eine Meinung über diesen Mann bilden zu können. Diesen Mann, der im Moment äußerst unheldenhaft und geistlos wirkte, ganz im Gegensatz zu den überschwänglichen Belobigungen, die ihr bislang zu Ohren gekommen waren. Himmel, er sah aus, als würde er bald nach einem weiteren Drink verlangen! Ein Ritual, mit dem er wohl jeden seiner Tage begann, und sie wollte nicht dabei sein und zusehen, wie er sein Leben fortwarf.

»Eine junge Frau also. Wie ich sehe, sprechen Sie nicht über sich selbst.«

Die Muskeln in Marys Körper spannten sich für einen Moment an, aber dann neigte sie dennoch ihren kunstvollen schwarzen Samthut in seine Richtung.

»Sie machen mich neugierig, Mrs Evensong. Ich habe seit meiner Rückkehr aus Südafrika keine Frau mehr bestiegen. Wo ist sie? Ich bin mehr als bereit.«

»Wenn Sie denken, Sie könnten mich mit Ihren groben Phrasen abwimmeln, dann kennen Sie die Evensong Agency nicht«, sagte Mary gelassen. »Ich erfülle stets meine Missionen, und Sie, Sir, sind eine davon.«

»Mir kann niemand mehr helfen, Mrs Evensong. Tun Sie uns beiden den Gefallen, und gehen Sie einfach.«

Er klang regelrecht erschöpft und sah noch schlimmer aus. Mit zwei spitzen Fingern ließ Mary ein schmutziges Hemd zu Boden fallen und nahm auf dem einzigen Stuhl im Raum Platz.

»Ich habe Sie nicht aufgefordert, sich zu setzen, Frau.«

»Nein, das haben Sie nicht, und Ihre Unhöflichkeit werden Sie auch ablegen müssen, bevor Sie meine Kundin treffen. Sie ist nämlich höchst wählerisch. Sie waren an einer Privatschule, Captain Cooper. Sie waren Offizier. Sicherlich können Sie sich noch ganz gut daran erinnern, wie man mit einer Lady umgeht und spricht.« Mary faltete ihre behandschuhten Hände im Schoß.

»Wie ich Ihnen bereits erklärte, hatte ich in letzter Zeit sehr wenig Kontakt zu Damen. Hat es Ihre Kundin gern ein bisschen grob? Ich kann mir nicht vorstellen, warum sie sonst Interesse am Sohn eines Fabrikvorarbeiters haben sollte.«

»Meine Kundin ist eine sehr anspruchsvolle junge Dame, die von Ihrer Vergangenheit nichts erfahren muss. Obwohl ich bezweifle, dass sie allzu schockiert sein würde. Sie ist nämlich sehr – wie soll ich sagen? – demokratisch eingestellt.«

»Wohl eine von diesen Sozialistinnen?«

»Ich glaube nicht, dass sie überhaupt politische Ambitionen hat, außer wenn es um die Rechte von Frauen geht.«

Cooper verzog das Gesicht. »Oh nein, bleiben Sie mir mit diesen verfluchten Stimmrechtlerinnen vom Leib. Was immer sie will, ich bin nicht ihr Mann, Mrs Evensong. Ich kann sie keinesfalls zu Mrs Pankhursts Versammlungen und Kundgebungen fahren – ich bin halb blind, haben Sie das vergessen?«

»Miss St… – nun, die junge Dame fährt selbst, Captain Cooper.« Mary hatte auch die Polizeiberichte aus verschiedenen Ländern Europas gelesen, in denen Louisa Strattons Fahrkünste hinreichend dokumentiert waren. Sie ließen durchaus zu wünschen übrig. Was die junge Frau brauchte, war ein guter Chauffeur, und Mary wusste, dass es in Rosemont einen gab. Einen soliden jungen Schotten, den sie selbst dorthin vermittelt hatte.

»Soso, tut sie das? Nun, Sie sollten mir besser sagen, worum es geht, bevor sich meine Vermieterin noch Gedanken darüber macht, weshalb ich eine alte Schachtel wie Sie in meinem Zimmer unterhalte.«

Mary Evensong war sich unsicher, ob ihre graue Perücke noch immer gerade saß. Sie achtete immer auf jedes Detail und legte Wert darauf, so aufzutreten, wie man es von ihr erwartete. »Ihre Vermieterin wird sich gar nichts dabei denken. Ich habe sie ansehnlich dafür entschädigt, dass sie mir Zutritt zu Ihrem Zimmer gewährt. Und übrigens, als sie den Zustand des Zimmers gesehen hat, hat sie verlangt, dass Sie so schnell wie möglich Ihre Sachen packen und verschwinden.«

Das stimmte so zwar nicht ganz, musste aber Charles Cooper auch nicht wirklich interessieren. Es war für ihn ein weiterer Anreiz, ihrem Plan zuzustimmen.

Mary Evensong hatte immer einen Plan und verschiedene Alternativen dazu, sollte es einmal nicht so laufen wie gedacht. Jetzt hatte sie den Eindruck, dass sie Captain Coopers volle Aufmerksamkeit geweckt hatte. Er blitzte sie mit einem blutunterlaufenen blauen Auge an.

»Fahren Sie fort«, blaffte er in einem Ton, in dem er wahrscheinlich seine Truppen in Transvaal kommandiert hatte.

»Es ist wirklich ganz einfach. Meine Kundin braucht einen attraktiven, kultivierten Gentleman, der sich während der Weihnachtsferien in einem der führenden Landhäuser Englands als ihr Gatte ausgibt. Rosemont. In Kent. Haben Sie schon einmal davon gehört? In der Dezemberausgabe 1900 des English Illustrated Magazine erschien ein Bericht über das Anwesen.«

»Liebe Mrs Evensong, ich fürchte, zu diesem Zeitpunkt war ich nicht im Lande und konnte folglich auch keine Gesellschaftsmagazine studieren«, erwiderte der Captain trocken.

»Das weiß ich auch, dass Sie da gerade ehrenhaft in Afrika Ihren Dienst taten. Ich erwähne es nur deshalb, weil es ein sehr prachtvolles Anwesen ist und es ein Privileg wäre, es einen Monat lang sein Zuhause nennen zu dürfen.«

»Bis dass der Tod, Pardon, ein Monat uns scheidet. Warum braucht dieses Mädchen überhaupt einen falschen Gatten?«

»Sie hat ein paar Schwierigkeiten mit ihrer Familie. Es erschien ihr zu gegebener Zeit eine gute Idee zu sein, einen Gatten zu erfinden.« Insgeheim hielt Mary Louisa Stratton für einen echten Wildfang, aber Vergangenes konnte man nun mal nicht ungeschehen machen, es sei denn, man war clever genug. Und das war Mary. Über die Jahre hinweg hatte sie schon mehreren jungen Damen aus Situationen geholfen, in die sie durch unüberlegte Handlungen geraten waren, und das, ohne dass jemand davon erfuhr.

Cooper rieb sich über sein Stoppelkinn. »Wie viel?«

»Verzeihen Sie?«

»Wie hoch ist die Bezahlung? Ich habe auch Familie.«

Das wusste Mary Evensong. Zwei ältere Brüder, deren Frauen und zahlreiche Sprösslinge. Die meisten von ihnen arbeiteten in einer der Töpfereien von George Alexander. Cooper würde wahrscheinlich ebenfalls in der Fabrik arbeiten, hätte ihn sich Mr Alexander nicht als zwölfjähriger Junge gegriffen und auf die Schule geschickt. George Alexander hatte im jungen Charlie Cooper Potenzial gesehen, und jetzt sah Mrs Evensong ihn mit zusammengekniffenen Augen an und versuchte es ebenfalls. Mr Alexander war ein scharfsinniger Gentleman, der überall mitmischte und über ein Vermögen verfügte, das nicht zu verachten war.

Sie nannte ihm den Preis, auf den sie und Miss Stratton sich geeinigt hatten. Captain Coopers Gesicht nahm die Farbe des schmuddeligen Hemds auf dem Boden an.

»Für einen Monat? Ist das Ihr Ernst?«

Ha, das brachte ihn schließlich dazu, aufzustehen und aufgeregt durchs Zimmer zu marschieren. In seiner Uniform musste er eine recht ansehnliche Erscheinung abgegeben haben – ein Jammer, dass Maximillian Norwich ein verweichlichter Kunstkenner und kein Soldat war.

»Aber gewiss. Die Evensong Agency ist seit 1888 im Geschäft. Wir haben noch nie unser Wort gebrochen«, sagte Mary und schwindelte ein klein wenig. »Sie werden auch passende Kleidung erhalten. In einem Haus wie Rosemont können Sie nicht mit einem Zelluloidkragen ein und aus gehen.« Sie langte in ihre Handtasche, zog die Karte eines Schneiders hervor und übergab sie dem Captain, als er an ihr vorbeischlurfte. Mr Smythe konnte es in Sachen Qualität mit jedem Herrenausstatter in der Jermyn Street aufnehmen, und das für weniger als die Hälfte. »Sie haben morgen Mittag einen Termin. Ich werde Sie begleiten. Und Sie müssen mir etwas versprechen – Sie hören auf zu trinken. Maximillian Norwich würde niemals billigen Gin saufen.«

»Wer?«

»Habe ich das noch nicht erwähnt? Das ist der Name des imaginären Gatten meiner Kundin. Sie werden sich wohl oder übel daran gewöhnen müssen.«

Charles Coopers wettergegerbtes Gesicht verzog sich zu einem Grinsen. Für einen Mann der niederen Klassen waren seine Zähne erstaunlich gut. »Mrs Evensong, für diesen Geldbetrag, den mir Ihre dusselige Kundin bezahlen will, würde ich mich sogar Fido nennen lassen. Also dann: Max.«

Miss Stratton könnte darauf bestehen, ihn Maximillian zu nennen – sie schien von diesem Namen geradezu besessen zu sein –, aber Mary wollte ihr Glück nicht herausfordern. Es gab in den nächsten Tagen noch viel zu tun, und ein fröhlicher Charles Cooper war weit besser als dieser griesgrämige Kerl, den sie anfangs angetroffen hatte.

Vielleicht sollte sie ihm sogar beim Packen seiner wenigen Habseligkeiten helfen und ihm das leer stehende Zimmer in der Mount Street anbieten. Sie und ihr Personal könnten so ein wachsames Auge auf ihn haben und gewährleisten, dass er im nüchternen Zustand zu seinem morgigen Termin erschien. Er sah auch so aus, als könnte er eine vernünftige Mahlzeit vertragen, und Marys Köchin war eine der besten in London, auch wenn sie sich in ihren jungen Jahren als Hure verdingt hatte.

Also unterbreitete sie Captain Cooper ihr zweites Angebot an diesem Morgen, und er hatte nichts dagegen einzuwenden. »Seit 1888 erreichen wir Unmögliches noch vor dem Morgengrauen« lautete das Motto der Agentur, und es schien, als würde es auch dieses Mal vollends erfüllt werden.

3

Mittwoch, 2. Dezember 1903

Es war aberwitzig – alle redeten über ihn, als ob er taub wäre. Er hatte zwar ein verletztes Auge, aber seine Ohren waren noch ganz in Ordnung. Charles hatte es satt, sich von dem kahlköpfigen kleinen Mr Smythe und seinen Assistenten ständig knuffen und piken zu lassen. Seit mehr als einer Stunde wuselten sie bereits wie eine Ameisenarmee um ihn herum.

»Ich fragte, ob wir endlich fertig sind.« Er klang piekfein, befand er, wie ein richtiger Harrow-Absolvent. Niemand würde vermuten, dass er im Arbeiterdorf von George Alexander groß geworden war. George war ein großzügiger Arbeitgeber und ein mildtätiger Herr. Man könnte sogar sagen, dass der erwachsene Charles ihm sein Leben zu verdanken hatte, weil George Alexander ihn als kleinen Jungen aus seiner Familie geholt und ihn in die Zivilisation geführt hatte.

Nun ja, sein Leben war dennoch nicht viel wert. George hatte einen schlechten Handel gemacht.

»Beinahe, Captain Cooper. Sie waren wirklich sehr geduldig«, sagte der Schneider.

Tatsache war, er hatte sich sehr gelangweilt. Und er war verdammt durstig. Wenn er schon keinen Gin haben konnte, wollte Charles die alte Evensong wenigstens dazu überreden, ihm zum Lunch ein Glas Wein einzuschenken.

Falls es überhaupt jemals etwas zu essen geben würde. Das Frühstück, so gut es auch gewesen war, lag bereits Ewigkeiten zurück. Sein Magen rebellierte, und der Assistent des Schneiders grinste ihn auch noch frech an.

Charles war den ganzen Morgen lang von Mrs Evensong darin unterwiesen worden, welche Pflichten und Verantwortungen er als temporärer Gatte von Miss Louisa Stratton zu erfüllen hätte. Sie hatte ihm sogar ein aufwendig illustriertes Kunstbuch in die Hand gedrückt, da dieser Maximillian – man lasse sich den Namen auf der Zunge zergehen – eine Art Experte auf dem Gebiet sein sollte. Da Charles einen Rembrandt von einem Rousseau nicht unterscheiden konnte, musste er sich wohl oder übel intensiver mit dieser Materie beschäftigen.

Er fühlte sich an alte Zeiten erinnert, in denen er als Stipendiat die Sprösslinge der besten Familien Englands in den Schatten gestellt hatte. Niemand durfte Charles dumm nennen, sonst bekam er seine Fäuste zu spüren. Und damit konnte er ebenso gut umgehen wie mit Zahlen.

Die Schule und die Armee hatte einige seiner rauen Kanten abgeschliffen, aber selbst heute, im Alter von siebenundzwanzig Jahren, kam der eine oder andere Stachel noch zum Vorschein. Er hoffte, dass Miss Stratton nicht zu enttäuscht sein würde, wenn sie ihn erst einmal zu Gesicht bekam.

Andererseits konnte es ihm aber auch egal sein. Seine Aufgabe war es, das gut bezahlte Schoßhündchen eines albernen Weibsstücks der besseren Gesellschaft zu spielen, und für diesen exorbitanten Preis könnte er einen Monat lang beinahe alles ertragen. Diese Louisa musste mehrere Schrauben locker haben – und Geld im Überfluss.

Eine behütete kleine Prinzessin wie sie wäre wohl auf der Stelle tot umgefallen, hätte sie all das gesehen, was er in Afrika erlebt hatte.

Charles sprang von der Kiste, auf der er gestanden hatte, und schloss seine Manschettenknöpfe. Zehn Jahre lang hatte er eine Uniform getragen, und als er jetzt vor dem großen, dreigeteilten Spiegel stand, erkannte er sich kaum wieder. Der neue Anzug stand ihm ausgezeichnet, wenn er das so sagen durfte. Mr Smythe, der Schneider, hatte sogar den Auftrag erhalten, ihm neue Augenklappen aus Seide anzufertigen. Eine deutliche Verbesserung gegenüber den kratzigen Dingern, die man ihm im Feldhospital mitgegeben hatte.

Wenn man ihn ohne die Klappe sah, käme man nie auf die Idee, dass er einen Großteil seines Augenlichts verloren hatte. Die lädierten Blutgefäße und Schwebeteilchen aber ließen nicht nur das Bild verschwimmen, sondern er hatte davon auch starke Kopfschmerzen bekommen. Und so sorgte er mit seiner Augenklappe unter seinen Kameraden für allerlei Belustigung. Seine Erscheinung hätte dadurch etwas Piratenhaftes, meinten sie, das wohl in der Damenwelt viel Anklang finden würde. Ob sich das tatsächlich so verhielt, hatte er bislang jedoch noch nicht ausprobieren können.

Seit er geholfen hatte, Hunderte Frauen und Kinder zu begraben, deren nackte, unterernährte Körper von der Sonne verbrannt waren, war Charles nicht mehr in der Lage gewesen, in sexueller Hinsicht an Frauen zu denken. Kitcheners Truppen hatten eine Unmenge von Internierungslagern eingerichtet, in denen die Burenfrauen eingesperrt wurden. Die Zelte schossen wie Pilze aus dem trockenen Boden. Nahrungsmittel und Wasser kamen für gewöhnlich nicht bei ihnen an, da die englischen Liefer- und Kommunikationsleitungen zu den Flüchtlingslagern von ihren eigenen südafrikanischen Landsleuten unterbrochen wurden. Obendrein erhielten diejenigen Frauen und Kinder, deren Ehemänner und Väter noch immer kämpften, als besonders grausame Bestrafungsmaßnahme noch kleinere Rationen als die übrigen. Und wenn die Familien nicht verhungerten, wurden sie von Masern, Typhus und der Ruhr dahingerafft.

Es gab Zeiten, in denen sich Charles wünschte, er hätte sein Sehvermögen auf beiden Augen verloren, um diesen Wahnsinn nicht mit ansehen zu müssen.

Südafrika war die wirkliche Welt, seine Hitze und sein Blut pulsierten durch die rissige Erde. England dagegen war nur ein fadenscheiniges, unechtes Bühnenbild, bevölkert von denjenigen, die keinen Schimmer davon hatten, wozu ihre Landeshelden fähig waren. Schon bald würde er selbst im Rampenlicht stehen und seine Rolle spielen, bis der Vorhang fiel.

Verflucht, er war hungrig! Nicht so hungrig wie die dem Untergang geweihten Burenfrauen – aber er sollte besser aufhören, in der Vergangenheit zu wühlen. Maximillian Norwich machte sich keine Gedanken über Abschlachtungen und den Tod – so etwas gab es in seiner höhergestellten Existenz nicht. In seinem Leben drehte sich alles nur um seine törichte Erbin und ihren glänzenden Motorwagen, um Champagner und Kaviar.

Charles stolperte über einen Stoffballen. Verdammt! Bei der Eile, mit der Mrs Evensong ihn gestern hinausgetrieben hatte, hatte er seine Tagebücher unter den Dielen seines Pensionszimmers vergessen. Sicher hatte Mrs Jarvis bereits einen neuen Mieter organisiert – diese Frau würde keine Gelegenheit verstreichen lassen, um Geld zu verdienen, obwohl Charles die Miete bis zum neuen Jahr bezahlt hatte. Weder den Schmutz noch den Geruch würde er vermissen, aber seine Tagebücher, die musste er unbedingt haben.

Seine Familie würde alles verstehen, sobald sie die Bücher gelesen hatte.

Er wandte sich an Mrs Evensong, die gerade eine gemusterte kastanienbraune Weste in Augenschein nahm, als hätte sie den Heiligen Gral entdeckt. Welch sonderbare Frau sie war! »Ich muss gehen.«

Sie sah auf und runzelte die Stirn. Man konnte ihre Augen hinter den gräulich eingefärbten Brillengläsern kaum erkennen, aber er war sicher, dass sie arglistig blickten. »Warum? Wohin wollen Sie?«

»Ich habe etwas in meiner alten Unterkunft vergessen. Keine Angst. Ich gehe nicht ins Pub an der nächsten Ecke. Ich habe Ihnen schließlich mein Wort gegeben.«

»Ja, das haben Sie in der Tat, und ich erwarte, dass Sie es auch halten. Also gut, Captain. Sie kommen dann zurück in die Mount Street, sobald Sie fertig sind?«

»Selbstverständlich. Sagen Sie, Ihre Köchin könnte mir wohl nicht in der Zwischenzeit ein Sandwich zubereiten?«

»Na, wenn das alles ist«, sagte Mrs Evensong süffisant. »Beeilen Sie sich aber, Miss Stratton wird heute Nachmittag vorbeikommen.«

Verflucht! Er war noch nicht wirklich bereit, auf seine »Gattin« zu treffen. Aber wenn wirklich stimmte, dass Kleider Leute machten, war er zumindest vorzeigbar. Mr Smythe half ihm in einen dunkelgrauen Tweedmantel, der ihn vor Wind schützen sollte, und reichte ihm einen Zylinder. Es war bereits entschieden worden, dass seine Maßanzüge und Hüte mit Monogramm versehen und mit seinem neuen Namen beziehungsweise seinen Initialen beschriftet werden sollten. Bis zum nächsten Vormittag würde alles abholbereit sein. Mrs Evensong dachte einfach an alles.

Mit dem Geld, das sie ihm als Vorschuss gegeben hatte, rief Charles eine Droschke heran – die Summe war nicht so üppig bemessen, dass er sich in Schwierigkeiten bringen konnte, aber sie reichte aus, um in jenen eher unwirtlichen Teil der Stadt zu gelangen und auch wieder zurück. Seine ehemalige Vermieterin, Mrs Jarvis, tat zunächst so, als ob sie ihn nicht erkennen würde, und erst als er einen Teil seines Sündengelds in ihre schmuddeligen Hände fallen ließ, gewährte sie ihm Zugang zu seinem alten Gemach. Dabei bewachte sie ihn wie ein Terrier. Was bildete sich die Alte ein? Glaubte sie, er würde vielleicht die kaputte Vorhangstange stehlen? Sie sah zu, wie er eine verformte Planke anhob und die Tagebücher mit ihren marmorierten Pappdeckeln hervorkramte.

»Was sind das für Bücher?«, fragte sie neugierig.

»Meine Geschichte, Mrs Jarvis, jede Schlacht, jede Wunde, jede Frau ist hierin verewigt. Eine faszinierende Lektüre für kalte Winterabende.« Er stellte sich vor, wie seine Brüder irgendwann nach seinem Ableben in den Seiten blätterten und ihm wegen seiner Worte und natürlich auch wegen des Geldes, das er ihnen hinterlassen würde, vergaben. Tom und Fred würden es sicher verstehen. Sie mussten einfach.

Plötzlich erschütterte eine Explosion unten auf der Straße das alte Gebäude. Spontan packte Charles Mrs Jarvis an den Schultern und warf sie zu Boden, schirmte ihren dürren Körper mit dem seinen ab.

»Nehmen Sie Ihre Pfoten von mir, Sie Tölpel«, kreischte sie und versuchte, sich zu befreien.

Seine Reaktion war instinktiv erfolgt. Mörser. Granaten. Die Erinnerung hatte sich tief im seinem Kopf eingegraben. Aber wie konnte es sein, dass inmitten dieses alten Viertels mit Artilleriegranaten geschossen wurde?

»Wir könnten in Gefahr sein. Was war das für ein Knall?«

»Wer weiß, und wen kümmert es? Gehen Sie jetzt sofort von mir herunter!«

Charles konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann er zuletzt über einer Frau gelegen hatte. Und Mrs Jarvis war gewiss nicht seine Wunschkandidatin, so viel wusste er. Ihre Schreie hallten in seinen Ohren wider, bis er das Gefühl hatte, ihm würde das Trommelfell platzen. Er hatte keine andere Wahl, als ihr seine Hand über den offenen Mund zu legen, was sie prompt mit einem boshaften Biss belohnte. »Schhh … Seien Sie doch still, ich höre jemanden kommen.«

Die Stufen knarrten bedrohlich, und Charles klemmte die Frau zwischen seinem Körper und der Wand ein. Er würde die verfluchte Harpyie beschützen, auch wenn sie das nicht im Geringsten zu schätzen wusste.

»Hallo? Captain Cooper, sind Sie da drin?«

Eine Frauenstimme.

»Mir behagt dieser Ort nicht, Miss. Hier riecht es grauenvoll.«

Eine weitere Frau, und keine von den beiden klang auch nur annähernd wie Mrs Evensong.

»Sei still, Kathleen. Du bist ein solcher Snob. Ich bin sicher, dass die Bedürftigen froh sind, ein festes Dach über dem Kopf zu haben. Sir? Sind Sie angezogen? Dürfen wir eintreten?«

Heilige Mutter Gottes! Charles nahm seine Hand von Mrs Jarvis’ Mund und stellte sich auf einen markerschütternden Schrei ein. Der ließ auch nicht lange auf sich warten.

»Helfen Sie mir! Er ist verrückt geworden!«

Charles sprang in dem Moment auf die Füße, als die Tür aufsprang. Mrs Jarvis blieb auf dem Boden sitzen und zerrte fieberhaft an ihren Röcken.

Die Augen der beiden Frauen waren vor Entsetzen geweitet, als sie die Situation erfassten. Charles klopfte sich den Staub von seinem neuen Mantel und versuchte ein Lächeln aufzusetzen, mit dem er die jungen Damen nicht verschrecken würde. Wenn sie auch noch in das Geschrei von Mrs Jarvis einstimmen würden, würde er sicherlich ebenso taub wie blind werden.

»C-Captain Cooper?«

Die Blonde war außergewöhnlich hübsch, auch wenn sie weiß war wie ihr Hermelinmantel und der dazu passende Muff, in dem sie ihre Hände versteckte. Einen Moment lang wünschte sich Charles, sie hätte darin eine kleine Pistole versteckt, mit der sie ihn hätte erschießen und aus dieser misslichen Situation erlösen können.

»Miss Stratton, nehme ich an.«

»Oh, Miss Louisa, das kann er doch unmöglich sein. Wie kann Mrs Evensong nur einen solchen Fehler gemacht haben? So kenne ich sie gar nicht«, sagte die kleine Rothaarige.

»Schweig, Kathleen. Ich bin mir sicher, dass es dafür eine Erklärung gibt. Oder irre ich mich?«

Ihre Augen leuchteten in einem goldenen Braun und waren auf seine Lippen geheftet, während sie auf eine Erklärung warteten. Als ob er eine hätte.

Man erkannte auf den ersten Blick, dass sie mit dem goldenen Löffel im Mund geboren worden war. Miss Louisa Stratton sah nach Geld, Honig und Sahne aus. Noch nie hatte Charles jemanden wie sie gesehen.

Mrs Jarvis packte sein schlimmes Knie, während sie sich selbst hochzog. »Er hat versucht, mich zu vergewaltigen!«

Noch bevor Charles protestieren konnte, sprach die güldene Göttin: »Seien Sie nicht absurd, gute Frau. Sie könnten seine Mutter sein. Sie sind doch nicht einer von dieser Sorte, oder Captain? Ich hielt Ödipus stets für einen äußerst abstoßenden Mythos. Sollten Sie aber doch mit dieser fixen Idee behaftet sein, bin ich sicher, dass ich einen guten Arzt für Sie finden kann. In Wien machen sie mit ihren Studien der menschlichen Psyche allerlei Fortschritte, müssen Sie wissen. Wir waren erst im letzten Frühjahr dort, nicht wahr, Kathleen? Die Mehlspeisen waren einfach himmlisch

Mrs Jarvis hatte recht. Er war verrückt geworden. Er brauchte jetzt ein Glas White Satin, um alles runterzuspülen. Oder besser gleich eine ganze Flasche.

»Da war ein lauter Knall«, sagte er zögerlich.

»Ach ja. Ich fürchte, das war ich, das heißt, mein Automobil. Etwas hat nicht richtig funktioniert, anscheinend gab es einen Aussetzer im Hubkolben. Wir werden den Wagen in die örtliche Werkstatt schleppen lassen müssen. Hier gibt es doch eine örtliche Werkstatt, oder?«

Charles hinkte zu dem verschmierten Fenster und blickte nach unten. In sicherem Abstand umringte ein Dutzend Straßenkinder ehrfürchtig Miss Strattons rauchenden Motorwagen. Lange aber würde diese Ehrfurcht nicht andauern, und einer von ihnen würde schließlich einen Scheinwerfer oder sonst etwas klauen. Er öffnete das Fenster.

»Wenn einer von euch kleinen Rotzlöffeln auch nur einen dreckigen Finger auf diesen Wagen legt, dann kann er was erleben.«

»Wir schau’n doch bloß, Chef. Haben gar nix gemacht«, rief der Anführer der kleinen Bande zurück.

»Seht zu, dass das auch so bleibt, oder ich haue euch dermaßen die Hucke voll, dass ihr nicht mehr wisst, ob ihr Männlein oder Weiblein seid.«

»Aye aye, Käpt’n.« Die Lauser salutierten ihm zu.

»Mrs Jarvis, bitte akzeptieren Sie meine Entschuldigung für dieses Missverständnis«, sagte Charles und kehrte zu einem sanfteren Tonfall zurück.

Sie nickte und sah ihn mitleidig an. Dumme Pute! »Das war der Krieg, nicht wahr? So manch einer ist nicht mehr richtig bei Verstand, wenn er zurück nach Hause kommt. Und Sie sind wohl auch einer von denen?«

»In der Tat. Miss Stratton und – Kathleen, richtig?«

»Ja, Sir.«

»Ich denke, wir sollten diese Konversation unten fortführen und ein paar Arrangements für Ihre Beförderung treffen. Hier sind Sie nicht lange sicher.«

Miss Stratton sah in seinen alten Wohnräumlichkeiten vollkommen deplatziert aus und würde draußen auf der Straße noch mehr hervorstechen. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, in diesem lächerlichen Fahrzeug und in einen weißen Pelzmantel gekleidet hierherzukommen? Er bemerkte die Schutzbrille, die ihr wie eine hässliche Halskette vor der Brust baumelte. Sie war es doch wohl, die nicht ganz bei Verstand war.

»Wie haben Sie mich gefunden?«, fragte er, als sie die Treppe hinunterstapften.

»Ich habe an der Evensong Agency gehalten. Der junge Mann dort hat mir Ihre Adresse gegeben.«

Charles war irgendwie froh, dass Mrs Evensong ihn nicht hintergangen hatte. Er war im Leben schon so weit gekommen, aber in dieser Absteige beinahe wieder dort angelangt, wo er einst angefangen hatte.

»Ich wohne jetzt bei Mrs Evensong in der Mount Street. Sie lehrt mich, wie sich ein richtiger Gatte zu verhalten hat, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass Sie das viel besser können.«

»Oh, ich habe eigentlich nicht die geringste Ahnung, was ein echter Gatte so macht. Maximillian hat mir jeden anderen Mann madig gemacht«, flötete Miss Stratton. »Er nimmt volle Rücksicht auf meine Gefühle und ist stets mit einem starken Arm an meiner Seite. Wir diskutieren über Kunst, Geschichte und Philosophie, und er nimmt meine Ansichten ebenso ernst wie ich die seinen.«

Aye. Dieses Mädchen war definitiv nicht bei Verstand.

4

In seinen neuen gestärkten Anzügen sah er vielversprechend aus, dachte Louisa. Sie hatte zwar nicht mit einer Augenklappe gerechnet, aber die machte ihn sogar recht schneidig.

Maximillian könnte sein Auge bei einem Fechtunfall verloren haben. Er focht wie ein Gott, war muskulös und geschickt in der Beinarbeit, und mit seinem nackten Oberkörper, der von seinem ungewöhnlich aromatischen Schweiß nur so glänzte, schien er unbesiegbar. Auf faszinierende Weise blitzte ein winziges Stück dunkles Haar unter dem Rand seines Hosenbunds hervor.

Doch es brauchte nur einen Moment der Unaufmerksamkeit, und die Tragödie nahm ihren Lauf. Wie tapfer war er doch gewesen! Wie unerschütterlich! Es war eine Schande, dass ihm dieses Unglück widerfahren war, bevor Louisa ihn kennengelernt hatte, denn sie hätte eine ausgezeichnete Krankenschwester abgegeben. Ruhig. Gelassen. Immer ein ermutigendes Wort auf den Lippen, und mit Liebkosungen hätte sie ihren armen Liebling verwöhnt. Aber Maximillian wäre es doch nicht recht gewesen, wenn sie irgendwelchen Unannehmlichkeiten ausgesetzt worden wäre.

Ja, diese Geschichte würde gut funktionieren. Louisa steckte beide Hände in ihren Pelzmuff und fröstelte. Es war kalt, und der Mechaniker brauchte eine Ewigkeit, bis er den Wagen hinter seinen Pferden angespannt hatte.

Captain Cooper hatte sie gedrängt, nach Hause zu gehen, was derzeit ihre Suite im Claridge’s war. Aber sie hatte sich geweigert, wollte die Angelegenheit bis zum Ende überwachen, und Kathleen verharrte stur an ihrer Seite. Ihre Zofe bohrte Löcher in den Rücken des Captains, untersuchte jeden Zentimeter an ihm, während er sich bückte, um den Stoßfänger ihres kleinen, armen Cottereau festzuketten.

»Gefällt dir der Anblick?«, zischte Louisa.

»Er ist zwar nicht mein Gatte, aber ich wette, unter diesem Mantel verbirgt sich ein ansehnliches Gesäß.«

»Das werde ich wohl nie herausfinden.« Louisa bedauerte das ein wenig. Der Captain war groß und gut gebaut, seine Haut noch immer gebräunt von seiner Zeit in Afrika, sein gesundes Auge hatte die Farbe von Kornblumen. An den Schläfen war er jedoch schon etwas grau geworden, was für einen solch jungen Mann nicht üblich war – er war erst siebenundzwanzig, nur ein Jahr älter als sie, wenn sie Mrs Evensongs Akte Glauben schenken durfte.

»Haben Sie das wirklich gut durchdacht? Sie sind schließlich noch immer auf Hochzeitsreise. Ihre Tante wird Sie im Zimmer Ihrer Eltern einquartieren. Sie werden mit ihm ein Bett teilen müssen, um kleine Norwiches zu zeugen.«

Verflixt! In einem derart großen Haus wie Rosemont erschien es lächerlich, dass sich ihre Eltern ein Schlafzimmer geteilt hatten. Jedermann wusste, dass vornehme Leute so etwas nicht taten, kleine Norwiches hin oder her. »Er kann im Ankleidezimmer auf einem Feldbett schlafen.«

»Da hat er aber vielleicht andere Vorstellungen, Miss Louisa. Sie haben gesehen, wie er sich gegenüber seiner Vermieterin benommen hat.«

»Er konnte das alles erklären«, sagte Louisa ungeduldig. »Er hat auf die Explosion reagiert, dachte, es sei eine Bombe oder Ähnliches. Der Mann verhielt sich heldenhaft unter Beschuss, während er versuchte, die Frau vor Schaden zu bewahren.«

Kathleen schniefte. »Sagen Sie hinterher nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt, wenn er Sie beim geringsten Geräusch auf den Boden wirft. Sie werden sich lauter blaue Flecken holen – Sie wissen, dass sie mit Ihrer blassen Haut stark dazu neigen. Ich traue ihm nicht. Haben Sie gehört, wie er mit diesen Kindern gesprochen hat? Wenn das ein Gentleman sein soll, heiße ich nicht länger Kathleen Carmichael.«

»Mrs Evensong sagt, er ging nach Harrow. Hast du keinen zweiten Vornamen?« Wie eigenartig, dass Louisa das nicht wusste – Kathleen war schon bei ihr, seit sie beide einundzwanzig Jahre alt waren! Ihr eigener war Elizabeth, nach ihrer Mutter.

»Nein, Miss Louisa. Einer war genug. Meine Eltern hatten zwölf Kinder, und ihnen gingen die Namen aus, bis ich auf die Welt kam.«

Zwölf Kinder waren eine ganze Menge. Louisa war ein Einzelkind, und dass sie zusammen mit ihrem Cousin Hugh aufgewachsen war, zählte nicht. Es wäre sicher toll gewesen, einen echten Bruder zu haben – oder einen Cousin, der sie nicht ungestraft schikanierte.

»Was schätzen Sie, wie lange noch, Captain Cooper?«, rief sie von Mrs Jarvis’ Türschwelle. Das Wenigste, was diese Frau hätte tun können, wäre, ihnen eine Tasse Tee anzubieten, während sie warteten. Aber wahrscheinlich hätte sie ihn in einer verdreckten Tasse serviert, und er hätte nach nichts geschmeckt. Louisa war von Mrs Jarvis’ Etablissement nicht sehr beeindruckt.

»Wir sind fast fertig, oder, Joe? Miss Stratton wohnt im Claridge’s Hotel. Sie hätte gern ihren Wagen morgen früh dorthin geliefert.«

Der Mann kratzte sich mit seinen schwarzen Fingern am Kopf. »Ich weiß nicht, Sir. Das ist ein französischer Wagen. Ich muss sehen, ob ich die Ersatzteile habe. Und selbst wenn, wird das eine teure Reparatur.«

»Dann tun Sie, was Sie können, aber informieren Sie Miss Stratton so bald wie möglich. Sie wird ihre Reisepläne ändern müssen.«

Louisa war ziemlich sicher, dass Charles Cooper noch ein »Das hoffe ich bei Gott!« vor sich hin brummelte, nachdem er den Mechaniker ermahnt hatte. Spielverderber. Sie und Kathleen und der Cottereau waren unzertrennlich, seit Louisa den Wagen in Paris gekauft hatte, nachdem ihr original englisches Transportmittel an einer renitenten Backsteinmauer angeeckt war. Man konnte ihr wohl kaum die Schuld dafür geben, dass die Bremsen versagt hatten.

»Darf ich die Ladys zurück zum Hotel geleiten?«

»Eigentlich erwartet uns Mrs Evensong zum Tee, Captain. Ich hätte Sie in ihrem Büro zum ersten Mal heute Nachmittag treffen sollen. Aber ich konnte einfach nicht warten.« Louisa hatte den echten Mann in seiner natürlichen Umgebung sehen wollen. Jetzt war sie noch verwirrter als jemals zuvor. Charles Cooper war ein sehr merkwürdiger Kerl – in einem Moment war er ganz sanft, im nächsten wieder kratzbürstig.

»Die ausgefeiltesten Pläne.« Er schenkte ihr ein kurzes Lächeln, und Louisas Herz machte einen kleinen Hüpfer. Seine Nase war nicht aristokratisch, aber seine Zähne waren ausgezeichnet. Impulsiv schlang sie ihren Arm um seinen.

»Wie lange müssen wir Ihrer Einschätzung nach durch dieses scheußliche Viertel laufen, bevor wir auf eine Droschke hoffen können?«

»Ein kurzes Stück. Miss Kathleen, darf ich Ihnen meinen anderen Arm anbieten?«

Das war aber wirklich reizend von ihm. Er war doch ein Gentleman, ganz gleich, was Kathleen sagte.

Sie gingen ein paar schäbige Blocks weit, bevor sie einen Droschkenführer fanden, der angesichts der großen Distanz aufstöhnte, die er sie fahren sollte.

»Ist es Ihnen etwa zuwider, Geld zu verdienen, Sir?«, fragte Louisa scharfzüngig. »Was ist nur aus diesem Land geworden? Während meiner Abwesenheit haben sich die Dinge zum Schlechteren verändert. Als ich letztes Jahr weggegangen bin, haben die Leute noch immer gern gegessen, und das ist ohne ausreichend Münzen wohl kaum möglich. Sollten wir uns einen etwas ambitionierteren Gesellen suchen?«, fragte sie ihre Begleiter.

»Er will doch nur den Preis nach oben treiben, Miss Stratton. Ich bin sicher, er ist ebenso ambitioniert wie ein anderer Fahrer. Wahrscheinlich noch mehr, und Sie haben es nun vermasselt. Wie viel verlangen Sie für die Fahrt?«

Der Mann nannte seinen Preis.

»Straßenräuberei!«, rief Louisa. Es war immer das Gleiche – Menschen erblickten ihre Erscheinung und versuchten, einen Vorteil daraus zu schlagen. Aber sie würde einen Teufel tun und sich in Sack und Asche hüllen, nur um sie alle irrezuführen.

»Steigen Sie ein, Miss Stratton. Die Leute schauen schon.«

Das stimmte. Ein paar Leute hatten sich an der Ecke zusammengerottet, um nichts von ihrer Auseinandersetzung mit dem Kutscher zu verpassen.

Louisa vergrub die Hände in ihrem Muff, wo ihre fette Brieftasche in einem Täschchen verstaut war. Sie war eine Erbin, die nicht nur einen Pelzmuff trug, sondern auch einen Pelzmantel und eine mit Diamanten besetzte Nadel in ihrem verschleierten Fahrhut. In diesem letzten Jahr hatte sie gelernt, vorsichtig zu sein, aber all ihre guten Sinne hatten sie heute verlassen.

Womöglich war Captain Cooper doppelt daran schuld. Sie hatte sich aufgetakelt, um ihm zu imponieren, und man konnte nur schwer seine Gedanken fassen, wenn sein blaues Auge auf einem ruhte.

»Nun gut«, sagte sie, hob das Kinn leicht an und erlaubte ihm, ihr beim Einsteigen zu helfen.

Sie und Kathleen saßen nebeneinander, während Charles Cooper es sich gegenüber bequem machte. Seine langen Beine reichten dabei unvermeidlich bis auf ihre Seite hinüber. Er war so schweigsam, dass Louisa den Drang verspürte, etwas zu sagen.

Sie war kein Freund von Stillschweigen. Davon hatte sie während ihrer Kindheit in Rosemont ausreichend genießen dürfen, als sie niemanden zum Reden oder zum Zuhören gehabt hatte. Ruhe machte sie nervös.

Sie suchte nach einem neutralen Thema, etwas Alltäglichem, damit Captain Cooper nicht den Eindruck hatte, sie wäre zu neugierig. Auch wenn Louisa nichts sehnlicher wünschte, als ihn mit ihren Fragen zu löchern. Wie kam es dazu, dass ein solch ausgezeichneter Soldat in einem solchen Dreckloch leben musste? Sie würde es natürlich etwas milder ausdrücken. Eine Spur damenhaften Verhaltens war doch noch in ihr vorhanden. Und wer hatte ihm die Nase gebrochen? War Afrika einen Besuch wert? Hatte er irgendwo auf der Welt ein Liebchen sitzen?

Sie öffnete den Mund, aber Captain Cooper war schneller. »Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Das Feldbett ist in Ordnung. Ich werde kein Schlafzimmer mit Ihnen teilen, Miss Stratton. Keiner von uns würde auf diese Weise zu viel Schlaf kommen.«

Louisa fühlte, wie sie errötete. »Sie haben ein sehr gutes Gehör.«

»Ja, das stimmt. Es ist wie ein Wunder. Viele Soldaten werden taub. Der Krieg ist laut. All die explodierenden Geschütze.«

»In Rosemont ist es sehr ruhig.« Verdammt ruhig.

Er wechselte seine Sitzposition. »Das ist nicht wichtig. Ich schlafe ohnehin nicht gut.«

»Werden Sie von schlimmen Träumen geplagt?« Sie hatte mithilfe eines Deutsch-Englisch Wörterbuchs versucht, ein sehr interessantes Buch von Dr. Freud in Originalsprache zu lesen, was ihr aber nicht gut gelungen war.

In der dunklen Droschke verriet sein Gesicht nicht viel. »So könnte man es nennen.«

»Ich kann den Hausarzt rufen lassen. Er kann nach Rosemont kommen und Ihnen etwas für Ihre Nerven geben.«

»Meine Nerven?« Seine Stimme war eiskalt.

»Na ja, damit Sie besser schlafen können«, fuhr sie schnell fort. Männer gaben ihre Schwächen nie gern zu. »Wenn man durcheinander ist, etwas nicht aus seinem Kopf bekommt. Dr. Fentress war sehr hilfreich, als meine Tante mir mein Debüt verwehren wollte. Sie hatte sich über irgendetwas geärgert. Ich kann mich nicht mehr erinnern, worüber, aber sie bestrafte mich, indem sie die ganze Sache einfach absagte. Ich konnte tagelang nicht schlafen, bis Dr. Fentress mit seinem Elixier kam.« Natürlich konnte sich Louisa noch ganz genau daran erinnern, was sie getan hatte, aber das erzählte sie doch keinem Fremden. Sie hatte noch immer den Geruch der Lilien in der Nase, bevor sie vor die Tür gekehrt worden waren. Jeder Hauch von Lilie machte sie seither traurig.

»Ihr Debüt

Sie ließ sich nicht irritieren. »Ja. Sie müssen verstehen, wie wichtig es für ein Mädchen ist, in die Gesellschaft entlassen zu werden. Ohne hat man es schwer, einen Mann zu finden. Nicht, dass ich einen Gatten haben wollte, zumindest nicht jetzt. Damals jedoch schon.« Mehr als jeden Mann hatte Louisa ihre Freiheit und ihr Geld gewollt, zwei Dinge jedoch, die ihr ihre Tante Grace nicht gewährt hatte. Als ihr Hauptvormund und ihre Treuhänderin hatte Grace es verstanden, jeden Mann in der Umgebung von Rosemont davon abzuhalten, je seinen Fuß auf die Stufen des Anwesens zu setzen. Aus der Not war Louisa sehr erfinderisch dabei geworden, die jungen Herren stattdessen selbst aufzusuchen.

Eine Zeit lang zumindest. Doch dann waren die Gitter gefallen, und sie wurde zur Gefangenen im eigenen Haus.

»Lassen Sie mich sehen, ob ich Sie richtig verstanden habe, Miss Stratton. Sie haben Medikamente genommen, damit Sie schlafen konnten, weil Sie kein flauschiges weißes Kleid tragen und die ganze Nacht durchtanzen durften, um irgendeinen reichen Trottel einzusacken. Mir kommen die Tränen.«

Wie er es so sagte, klang es tatsächlich so, als sei sie eine unglaublich verwöhnte Göre. Aber verwöhnt war sie ganz und gar nicht. »Sie sind ein Mann – Sie verstehen das nicht!«

»Miss Louisa«, ermahnte sie Kathleen.

»Sei still, Kathleen! Ich habe meine Meinung, und ich glaube, die darf ich auch sagen, insbesondere gegenüber einem Angestellten. Und das sind Sie, Captain. Das sollten Sie nicht vergessen.«

Louisa erwartete, dass er kontern würde, vielleicht irgendwie in Bezug auf das, was mit ihrem armen Wagen passiert war. Aber die Lippen dieses Mannes bildeten nur eine dünne Linie, und er sagte gar nichts mehr.

Da war sie wieder, diese teuflische Stille. »Ich habe Ihnen Hilfe angeboten, und Sie haben mich verspottet. Das ist nicht sehr fein von Ihnen.«

»Ah, aber Ihre Zofe Kathleen – Carmichael, wenn ich mich nicht irre – hat recht, Miss Stratton. Ich bin kein Gentleman. Und ich habe keine Ahnung, wie mein Arsch aussieht, aber Sie dürfen ihn natürlich jederzeit inspizieren, wenn es Ihnen beliebt. Schließlich bin ich Ihr Angestellter.«

Neben ihr rang Kathleen nach Luft. Himmel, dieser Kerl hatte Ohren wie ein Elefant! Louisa würde in Zukunft besser aufpassen müssen.

Der Anfang war nicht sonderlich geglückt. Sie hätte geduldig sein und darauf warten sollen, ihn bei einer Tasse Tee in der Mount Street kennenzulernen, aber Geduld gehörte nun mal nicht zu ihren Tugenden. Die hatte sie vor langer Zeit schon abgelegt.

Louisa würde es aber auch nicht erlauben, dass er sie reizte. »Ich werde das im Kopf behalten. Und wo wir schon dabei sind, ich werde diesen Gefallen nicht zurückgeben. Sie haben Ihre Augen und Hände bei sich zu lassen, es sei denn, ich wünsche, dass Sie vor meiner Familie ein gewisses Maß an Zuneigung zeigen. Maximillian wäre in der Öffentlichkeit niemals indiskret. Er ist ein perfekter Gentleman.«

»Meine Augen?«

Dieser Mann konnte mit zwei Worten mehr ausdrücken als irgendwer sonst, den sie jemals getroffen hatte.

»Sie wissen, was ich meine. Ihre Versehrtheit bedaure ich zutiefst. Wie haben Sie Ihr Auge denn verloren?«

»Ich habe es nicht verloren. Es ist immer noch da.«

»Nun«, sagte sie in einem Anflug perplexen Triumphs, »dann hatte ich ja recht.«

»Ich bin sicher, das haben Sie immer, Miss Stratton. Sie bezahlen mich auch gut genug dafür.«

»Ich erwarte nicht, dass Sie stets mit mir einer Meinung sind«, sagte Louisa und fühlte ein seltsames Gefühl in ihrer Brust aufsteigen. »Sie sind ein Mann.«

»Das bin ich.«

Damit war alles gesagt. Louisa würde sich mit der Stille anfreunden müssen, bis sie die Mount Street erreichten. Ihr, Louisa Elizabeth Stratton, fiel einfach nichts mehr ein.

***

Charles hatte nicht den Eindruck, dass er das durchhalten könnte – verflixtes Geld! Dieses Mädchen war unmöglich, herrisch, eine Männerhasserin und hübscher, als ihr guttat. Jetzt, da er sie besser in Augenschein hatte nehmen können – mit seinem einen Auge –, konnte er sehen, dass ihr Mund zu breit war (»Damit ich dir besser in den Ohren liegen kann, mein Kind«) und am linken Mundwinkel ein Muttermal aufwies. Aber sie war dennoch äußerst attraktiv. Jedes Mal, wenn ihr Pelzmantel zur Seite rutschte, konnte er ihre schmale Taille und die Sanduhrenform ihres restlichen Körpers sehen, der vielversprechend aussah. Er fragte sich, ob sie in ihrem Korsett überhaupt atmen konnte, entschied dann aber, dass sie schließlich auch ausreichend Luft bekam, um ihm eine Gardinenpredigt zu halten.

Er fühlte sich ein wenig wie ein Preisbulle auf einem Jahrmarkt, nur dass er nicht in den Genuss kommen würde, mit den Kühen zu kuscheln, sobald er das blaue Band gewonnen hatte. Ein Tag unter Mrs Evensongs Dach war nicht ausreichend, um ihn zurück in die Zivilisation zu holen, und er scheiterte schon jetzt als Ehegatte. Es sei denn, sie waren ein streitlustiges Paar.

Das, so dachte er, könnte er regeln. Dieser Maximillian erschien ihm wie ein verträumter Trottel, der niemandem ähnelte, den er kannte, und Rosemont versprach einfach nur schrecklich zu werden. Wahrscheinlich würde er das Porzellan zerbrechen und in eine Ecke pissen, bevor alles erledigt war.

Wenn er nur selbst den Mut gefunden hätte, sich neulich nachts das Leben zu nehmen, würde er jetzt nicht in dieser erbärmlich gefederten Droschke sitzen und ständig mit den Knien von Louisa Stratton und ihrer unverblümten Zofe zusammenstoßen. Er hatte schon immer eine Leidenschaft für Rothaarige gehabt, jedenfalls, als er noch so etwas wie Leidenschaft empfunden hatte. Aber irgendwie fand seine männliche Natur die blonde Mistress von Kathleen deutlich anziehender.

Charles fragte sich, wie die Erbin wohl aussehen würde, wenn ihr Korsett gelockert war. Er stellte sich helle, rosafarbene Linien auf milchig weißer Haut vor, pralle Brüste, die in seine Hände sprangen, und ihre Taille so schmal wie die eines Kindes.

Und dann sah er sich selbst, wie er ihren Rücken einschnürte und die Schnüre dabei so eng zog, dass sie sich kaum bewegen konnte. Kaum noch atmen konnte. Er würde seine Hand um diese winzige Taille legen und sie festhalten. Und dann könnte er alles mit ihr anstellen, was er nur wollte, und sie wäre unfähig, sich zu wehren. Er würde die Nadeln aus ihrem Pompadour entfernen und sie an ihrem goldenen Haar nach unten ziehen –

Er war eine Bestie. Miss Stratton war nicht diese Sorte Mädchen und er nicht diese Sorte Mann, oder? Er hatte noch nie in seinem Leben einen solch unnatürlichen Drang empfunden – nach Unterwerfung. Kontrolle.

Es war schon seltsam, dass moderne Frauen ein Vermögen für Korsetts ausgaben, um ihren Körpern eine derart unnatürliche Form zu geben. Ein paar Monate in einem Buren-Konzentrationslager würden ihre Taillen vollkommen kostenfrei schrumpfen lassen.

Charles schloss die Augen. Er konnte vorgeben zu schlafen, bis sie die Mount Street erreichten. Vielleicht hatte Miss Stratton recht. Charles konnte Dr. Fentress aufsuchen und sich sein Elixier flaschenweise in den Hals schütten, wenn dadurch nur die ...

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