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In deinem sinnlichen Bann

1. KAPITEL

Die Jacht durchschnitt die türkisblauen Gewässer des Mittelmeers. Als sie sich Mallorca näherte, drosselte sie das Tempo und legte schließlich gekonnt im Jachthafen von Alcudia an. Zufrieden lächelnd gab Alessandro Barberi das Ruder an den Kapitän zurück.

„Den Rest überlasse ich Ihnen.“

Lediglich mit Shorts und T-Shirt bekleidet trat Alessandro barfuß an Deck. Nur kurz glitt sein Blick über das Touristengewimmel im Hafen, bevor er prüfend begutachtete, wie seine Crew die Jacht an der Anlegestelle festmachte. Sobald er sich davon überzeugt hatte, dass alles in Ordnung war, erlaubte er sich einen bewundernden Blick auf die klassische, alte Segeljacht unmittelbar neben seiner.

Etwas auf ihr erregte seine Aufmerksamkeit. Angespannt spähte er genauer zu den beiden Frauen hinüber, die auf dem edlen Holzdeck ein Sonnenbad nahmen.

Die Blondine saß aufrecht da und beobachtete die Ankunft seiner Jacht mit offensichtlichem Interesse. Aber es war die andere, die auf einer Sonnenliege flach auf dem Bauch lag, die ihn fesselte und seine männlichen Jagdinstinkte weckte.

Sie kann es unmöglich sein, redete er sich ein. Aber er musste unbedingt Gewissheit haben. Langsam hob er das Fernglas an die Augen und richtete es auf die Frau. Wie in Zeitlupe wanderte sein Blick über die langen wohlgeformten Beine hinauf zu dem kleinen knackigen Po …

Alessandro stockte der Atem. Da waren sie, genau oberhalb des schmalen Bündchens ihres Bikinitangas: zwei perfekte, kreisrunde Grübchen. Rasch betrachtete er den Rest, die schlanke Taille, die zierlichen, glatten Schultern, langes goldbraunes Haar, das lose auf dem Hinterkopf hochgesteckt war. Ganz in ein Buch vertieft, bemerkte sie überhaupt nicht, wie aufmerksam er sie beobachtete.

Nur ein einziges Mal hatte er eine Frau gesehen … eine Frau gekannt … die so unverkennbare Grübchen an genau dieser Stelle besaß. Er war völlig verrückt nach diesen Grübchen gewesen, hatte sie im heißen Liebesspiel unzählige Male geküsst und liebkost. Alessandro senkte das Fernglas und schob die Hand in die Tasche seiner Shorts, während ihn allein bei der Erinnerung heftiges Verlangen durchfuhr.

Sie musste es sein. Seine Exfrau, Sara Beecham.

Längst vergessen geglaubte Erinnerungen stürmten auf ihn ein. Beispielsweise der Moment, als er sie zum ersten Mal gesehen hatte. Auch damals hatte sie ihm den Rücken zugekehrt. Und ihre tief sitzende Hüftjeans, kombiniert mit einem taillenfreien Top gaben den Blick auf genau diese Grübchen frei, die ihn auf Anhieb in ihren Bann schlugen. Als sie sich dann umdrehte, raubte ihre Schönheit ihm buchstäblich den Atem. Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen. Jedenfalls hatte er es sich damals eingebildet. Rückblickend wusste er, dass es sich bei ihm um reine, zügellose Lust gehandelt hatte.

Seine kurze Ehe war eine Lektion in Sachen Treulosigkeit der Frauen gewesen, speziell dieser einen Frau. Kaum drehte er sich das erste Mal um, verließ sie ihn auch schon. Natürlich nicht ohne einen großzügigen Scheck, den sie von seinem Vater eingefordert hatte.

Als Alessandro nach Hause gekommen war, war seine Frau fort gewesen. Ihm blieb nur ein kurzer, nichtssagender Abschiedsbrief. Dumm, wie er war, wollte er es anfangs nicht glauben. Aber als sie wenige Tage nach ihrer Rückkehr nach Großbritannien den Scheck über eine Viertelmillion Pfund einlöste, war er überzeugt. Seine Anwälte brachten die Scheidung schnell und problemlos über die Bühne, und Alessandro hatte Sara nie wiedergesehen. Bis heute.

„Willst du dir die ‚Il Leonessa‘ nicht endlich ansehen? Das nenne ich eine Jacht! Wow! Aber lassen wir das Schiff … was für ein Mann! Sieh nur … Oh mein Gott, ist das nicht der aufregendste Kerl, den du je gesehen hast? Sieh dir den Brustkorb an!“

Sara spürte die Finger ihrer Freundin an ihrer Schulter und riss sich nur widerstrebend von ihrem spannenden Krimi los. „Bitte, Pat, nicht schon wieder so ein griechischer Gott. Das ist bestimmt der hundertste in dieser einen Woche.“ Sie lächelte. „Und du bist verheiratet.“

„Glaub mir, dieser ist etwas Besonderes. Sündhaft attraktiv und sexy. Leider hat er nur Augen für dich.“ Pat seufzte betrübt. „Ich wette, er ist eine Wucht im Bett.“

„Du solltest dich schämen!“ Sara schüttelte missbilligend den Kopf und wandte sich wieder ihrem Buch zu.

„Und du vergeudest dein Leben, Mädchen. He, du bist hier auf einer Jacht zusammen mit sechs Junggesellen und nur zwei weiblichen Gästen. Selbst ein Blinder würde sehen, dass Peter Wells scharf auf dich ist. Aber ermutigst du ihn? Nein. Wenn du nicht gerade kochst, verbringst du den größten Teil deiner Freizeit damit, die Nase tief in ein Buch zu vergraben. Wo ist dein Abenteuergeist? An deiner Stelle würde ich sofort an Bord der Jacht dort drüben gehen, um herauszufinden, wer der tolle Mann ist.

Und wenn ich es mir genau überlege, werde ich genau das tun. Ich lade ihn einfach zu unserer Abschiedsparty heute Abend ein. Dave hat bestimmt nichts dagegen, wenn ich ihm sage, dass ich es für dich tue.“

„Nein!“ Sara drehte sich um und setzte sich hin. „Wage es ja nicht!“ Aber ihre Freundin stand bereits und ging davon. Das Problem mit Pat war, dass sie so ziemlich alles wagte. Und ihr Ehemann Dave war genauso schlimm. Als Freundin und Steuerberaterin der beiden hatte Sara sich bemüht, ihnen etwas Zurückhaltung beizubringen. Aber das war vergebliche Liebesmüh gewesen.

Irgendwie konnte sie Pat einfach nicht böse sein. Sogar ihre eigenen Urlaubspläne hatte Sara für ihre Freundin verworfen. Denn als Pat ihr erzählt hatte, dass der Koch für die Kreuzfahrt in letzter Sekunde abgesprungen war, gab es nur eine Lösung: Sara hatte sofort ein Ticket nach Marseille gebucht und sich den Kochlöffel geschnappt. Schließlich hatte sie während ihrer Ausbildung mit Pat zusammengewohnt und wusste: Pat war ein absolut hoffnungsloser Fall in der Küche. Sara selbst durfte dagegen ohne Eitelkeit von sich behaupten, erstklassig zu kochen. Außerdem wusste sie besser als jeder andere, wie schlimm die finanzielle Lage der Freunde aussah.

Nach ihrer Heirat vor drei Jahren hatten die beiden ihre jeweiligen Jobs aufgegeben und all ihr Geld – und einiges mehr – in diese Jacht gesteckt. Sie wollten das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden und als leidenschaftliche Weltenbummler das nötige Geld verdienen. Der Plan sah vor, dass sie die Jacht für kleine Kreuzfahrten chartern ließen, verbunden mit einem Segelkurs. Auf dem Papier klang das ja auch ganz gut. Aber da Pat schwanger war, mussten sie sich bald für eine Weile niederlassen, vorzugsweise in England. Dave glaubte trotzdem, die Jacht halten zu können und gleichzeitig eine Wohnung in London zu mieten, bis das Baby alt genug war, um mitzusegeln. Doch Sara, die die Geschäftsbücher kannte, wusste, wie immens teuer allein der Unterhalt der Jacht war.

Obwohl Dave selbst Segelunterricht gab und Pat in der Crew mitarbeitete, brauchten sie mindestens noch drei ausgebildete Seeleute und einen Kabinenjungen, deren Heuer sie zahlen mussten. Dazu kamen hohe Versicherungskosten für die Jacht und die zahlenden Gäste. Auch diese Summen kannte Sara, denn sie hatte die Policen ausgehandelt.

Die Chartergesellschaften bestanden in der Regel aus jungen Leuten, die bereits Segelerfahrung besaßen und dazulernen wollten. Weil sie ziemlich viel für diesen Urlaub bezahlten, erwarteten die Kunden bei Flaute, dass der Motor angeworfen wurde, damit sie keinen der versprochenen Zielhäfen verpassten. Angesichts des gewaltigen Preisanstiegs beim Treibstoff in den letzten beiden Jahren machte eine flautenreiche Zeit so den gesamten Profit einer Kreuzfahrt zunichte. Und allein die Liegegebühren in den Mittelmeerhäfen waren enorm. Weshalb Sara auf die zweite Woche ihres Gourmetkochkurses in Südfrankreich verzichtet hatte, um den Freunden auszuhelfen.

Ohne besonderes Interesse blickte sie nun zu der wesentlich größeren, imposanten schwarzen Jacht hinüber. Du liebe Güte, da stand sogar ein kleiner Hubschrauber auf dem Oberdeck! Wie viel Geld musste man wohl haben, um sich so ein Schiff leisten zu können? Millionen vermutlich. Langsam glitt Saras Blick über die Jacht, und sie entdeckte den Grund für Pats Begeisterung … oder zumindest seine rückwärtige Ansicht. Er war groß, hatte schwarzes Haar, breite Schultern, schmale Hüften und lange kraftvolle Beine und stand gerade im Begriff, das Ruderhaus zu betreten. Was für ein fantastischer Körper, dachte Sara, und aus unerfindlichen Gründen lief ihr eine Gänsehaut über den Rücken. Sie zuckte die Schultern, streckte sich wieder auf dem Bauch aus und schlug ihren sehr blutrünstigen Krimi auf.

Später am selben Abend lehnte Alessandro Barberi an der Reling der Nachbarjacht und beobachtete die Frau, die soeben an Deck kam. Sie war in den vergangenen zehn Jahren noch schöner geworden. Das goldbraune Haar fiel ihr in weichen Wellen über die Schultern, und ihr sanft gebräunter Teint schimmerte wie Seide. Unter makellos geschwungenen Brauen leuchteten die ausdrucksvollen blauen Augen, von dichten dunklen Wimpern umrahmt. Die Nase war klein und gerade, die Oberlippe ihres sinnlichen Mundes formte einen perfekten Amorbogen. Ein weißes Wickelkleid aus glänzendem Satin schmiegte sich um ihre hohen, straffen Brüste, betonte die zierliche Taille und endete ein gutes Stück über den Knien, was den Blick auf hinreißende Beine lenkte. Strassverzierte Flipflops zierten die schlanken Füße.

Allein ihr Anblick weckte seine Lust, und Alessandros Entschluss stand fest. Es lag über zwei Wochen zurück, seit er mit Mai Kim in Hongkong Schluss gemacht hatte und nach Italien zurückgekehrt war. Dort verbrachte er einige Tage in der Familienvilla in Neapel, um an der Hochzeit seines jüngeren Bruders Aldo teilzunehmen. Dann reiste er weiter nach Monaco, wo er seine neue Jacht übernahm. Vor zwei Tagen war er mit dem Vertreter des Jachtbauers und seiner neuen Crew in Frankreich losgefahren, um das Schiff unter voller Fahrt auf Herz und Nieren zu prüfen. In jeder Hinsicht zufrieden hatte er an diesem Morgen in gemächlichem Tempo Kurs auf Mallorca genommen. Alessandro genoss die Ruhe und Entspannung, die ihm die Jacht bot. Doch nun erkannte er, dass er noch viel dringender als das eine Frau brauchte. Eine ganz bestimmte Frau. Und Dio, sie schuldete es ihm!

Sara trat an Deck und betrachtete die Gästeschar, die sich dort vergnügte, mit gemischten Gefühlen. Wie üblich hatte Pat es geschafft, die Zahl der ursprünglich acht Chartergäste aus England auf ungefähr dreißig Personen zu vermehren. Überraschte sie das wirklich? In ihrem Bestreben, den Gästen so viel Spaß wie möglich zu bieten, damit sie den nächsten Urlaub erneut bei ihnen buchten, hatte Pat das bisher in jedem Hafen getan, den sie angelaufen waren. Und es machte ja auch Spaß, wie Sara einräumte. Dennoch war sie froh, dass die Kreuzfahrt sich dem Ende zuneigte. Morgen früh würden sie nach Ibiza weitersegeln, von wo am Abend ihr Flieger nach Hause ging. Dieses Leben lag ihr nicht. Sieben Tage nur Segeln und Party waren mehr als genug. Und bei aller Liebe, nachdem sie eine Woche fünfzehn Personen mit nur einem Kabinenboy als Hilfe verpflegen musste, hatte sie auch vom Kochen erst einmal die Nase voll.

Im Großen und Ganzen wollte Sara sich allerdings nicht beklagen. Bei allen Pflichten war ihr genug Zeit geblieben, um zu lesen und Kontakt zu den netten, jungen Gästen zu knüpfen. Die Abwechslung tat ihr gut – seit Jahren hatte sie sich nicht so locker und entspannt gefühlt. Vermutlich hatte Pat recht, nur Arbeit ohne jedes Vergnügen war für niemanden gut. Und vielleicht war es wirklich an der Zeit, dass sie sich einen Mann suchte.

„Sara, Sie sehen hinreißend aus wie immer. Tanzen Sie mit mir?“

„Peter.“ Sie erwiderte das Lächeln des großen blonden Mannes. Wie die anderen Gäste auch arbeitete er bei einem Spitzen-Hedge-Fonds in London und galt in Bankerkreisen als phänomenales Wunderkind. Wobei die Betonung auf „Kind“ lag, denn mit gerade einmal vierundzwanzig hatte er bereits seine erste Million in Prämien eingefahren. Sein Motto lautete: Wer hart arbeitet, darf auch viel Spaß haben.

„Ist denn genug Platz dafür?“, versuchte sie zuerst seiner Aufforderung auszuweichen, fügte dann aber hinzu: „Ja, warum nicht? Es ist unser letzter Abend, und hier, mitten zwischen den Gästen, werden Sie sich wohl keine weiteren Streiche erlauben.“

Im Lauf der Woche hatte er dafür gesorgt, dass sie bei einem Landausflug auf Korsika den Tender zurück zur Jacht verpasste und ihr das Bikinitop stibitzt, als sie am Strand in Sardinien arglos auf dem Bauch gelegen und gelesen hatte. Außerdem versuchte er so ziemlich jeden Abend, sie betrunken zu machen. Und gestern hatte er sie vor Menorca über Bord geworfen, um sie dann auf theatralische Weise zu retten, obwohl sie ausgezeichnet schwamm und gar keiner Rettung bedurfte.

„Oh, ich weiß nicht …“ Ehe sie begriff, was er vorhatte, zog er sie näher zu sich, beugte sich lachend herab und küsste sie unverfroren auf den Mund. Sara war zu verblüfft, um sich zu wehren, und stellte im nächsten Moment fest, dass Peter, was das Küssen betraf, ganz bestimmt kein Kind mehr war!

Feixend blickte er auf. Seine blauen Augen funkelten übermütig. „Ich war fest entschlossen, Sie vor Ende der Kreuzfahrt zu küssen, damit Sie wissen, was Ihnen fehlt“, erklärte er selbstbewusst.

Sie lächelte leicht wehmütig. Peters Kuss hatte sie überrascht, aber ehrlicherweise musste sie zugeben, dass sie ihn als sehr angenehm empfunden hatte. Zum ersten Mal seit Jahren war ihr Blut wieder etwas in Wallung geraten. Und Peter hatte recht: Der Kuss erinnerte sie daran, was ihr fehlte. Doch gleich darauf machte ihr etwas anderes Sorgen. Als Peter sie weiter an sich presste, bemerkte sie seine Erregung, weshalb sie beide Hände gegen seine breite Brust stemmte und sich aus seiner Umarmung befreite.

„Das war sogar noch besser, als ich es mir ausgemalt habe.“

„Nun, in Zukunft sollten Sie bei Ihren Fantasievorstellungen bleiben“, meinte sie trocken. „Denn ich bin nicht auf der Suche nach einem jugendlichen Liebhaber.“ Weil er ein netter Kerl war, wollte sie ihn nicht kränken. Aber sie war sich auch nicht sicher, ob sie ihn ermutigen sollte, nur weil sie seinen Kuss angenehm gefunden hatte. Allerdings schmeichelte ihr seine Erregung, wenn sie ehrlich war. Vielleicht wollte ihr Körper ihr nach zehn Jahren Enthaltsamkeit etwas sagen, und vielleicht war es gar keine so schlechte Idee?

„Ah … Sie treffen mich mitten ins Herz“, rief er, wobei er sich mit der Hand an die Brust griff.

Sara lachte. Peter war wirklich eine beneidenswerte Frohnatur. Mit seinem jungenhaften Charme und dem unbändigen Selbstbewusstsein lagen ihm die Mädchen zu Füßen, und er wusste es. War sie auch einmal so jung und unbedarft gewesen? Sara verdrängte den Gedanken. Heute Abend wollte sie sich amüsieren. Die Jacht war mit bunten Lichterketten geschmückt, die Gäste bester Laune, und Musik und fröhliches Lachen schufen ein beinahe perfektes Ambiente.

„Sie sind ein unverbesserlicher Schauspieler“, meinte sie lächelnd zu Peter.

„Meine Liebe, Sie haben mich durchschaut!“

„Du liebe Güte, Sie sind so verrückt, dass es mich wundert, dass überhaupt ein Mädchen darauf abfährt!“ Beide lachten herzlich. „Kommen Sie.“ Peter legte ihr freundschaftlich einen Arm um die Schultern. „Ich besorge Ihnen einen Drink.“

Daraufhin sah Sara ihn misstrauisch von der Seite an.

„Nein, keine Sorge, ich werde nicht noch einmal versuchen, Sie betrunken zu machen. Aber Sie sehen heiß aus … richtig heiß.“ Er lächelte vielsagend.

„Auf Mallorca im Juni ist es heiß“, erwiderte sie schlagfertig, ohne auf seine Andeutung einzugehen. „Und wie es aussieht, wird es eine schwüle Nacht.“

Alessandro beobachtete voller Missfallen, wie der blonde Jüngling seine Exfrau in die Arme nahm. Aber überraschte ihn das wirklich? Bei den Informationen, die er eingeholt hatte, nachdem Pat Smeaton so forsch an Bord der „Il Leonessa“ gekommen war, um sich vorzustellen und ihn zu ihrer Party einzuladen.

Pat und Dave Smeaton gehörte die alte Segeljacht. Offensichtlich betrieb Dave sie mit Hilfe seiner Frau und einer vierköpfigen Crew als Charter-Geschäft. Sie boten private Kreuzfahrten für kleine Gruppen an, Segelunterricht inklusive. Die gegenwärtigen Gäste an Bord waren allesamt Angestellte eines erfolgreichen Hedge-Fonds, dessen Inhaber Mark Hanlom ein Geschäftsfreund von Alessandro war. Der Blonde musste Peter Wells sein, das „Wunderkind“ des Unternehmens. Aber Sara Beecham – anscheinend hatte sie ihren Mädchennamen wieder angenommen – arbeitete nicht für Hanlom. Während Alessandro sie beim Tanzen mit dem jungen Mann beobachtete, konnte er sich sehr gut vorstellen, warum sie an Bord war.

Er wich von der Reling zurück und erstarrte, als das Paar, das seine Aufmerksamkeit so sehr gefangen nahm, sich in diesem Moment tatsächlich küsste. In seinen dunklen Augen blitzte es vor Zorn auf, und es kostete ihn seine ganze Selbstbeherrschung, sich nicht einen Weg durch die Tänzer zu bahnen und Sara aus den Armen ihres jungen Galans zu reißen.

Diese Reaktion erschreckte ihn. Jahrelang hatte er nicht mehr an seine Exfrau gedacht und sich ganz bestimmt nicht über Langeweile in seinem Liebesleben beklagen müssen. Sara war ein geldgieriges, kaltherziges kleines Biest.

Nachdenklich sah Alessandro zu, wie sie sich mit dem großen Blonden lachend neckte, und atmete tief ein, als er ihr einen Arm um die Schultern legte und sie zur Bar führte. Sara, seine Exfrau, die Frau, die einmal mit seinem Kind schwanger gewesen war, bemerkte seine Gegenwart nicht einmal.

Eine völlig neue Erfahrung für Alessandro. Er war es gewöhnt, dass ihm die Blicke der Frauen folgten, wo er auch ging und stand. Aber Sara hatte ihn überhaupt nicht zur Kenntnis genommen. Oder doch?

Im Laufe der letzten zehn Jahre hatte Alessandro so ziemlich jeden weiblichen Trick kennengelernt, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Vielleicht spielte sie ja mit ihm? Dio! Darin war sie bestens geübt. Doch diesmal würde sie nicht damit durchkommen. Alessandro bahnte sich elegant einen Weg durch die Gäste zur Bar und blieb dicht hinter Sara stehen.

„Sara“, sagte er aufreizend sanft und legte ihr eine Hand auf die zierliche Schulter. „Du bist es doch, oder?“, fügte er spöttisch hinzu.

„Ich kenne Sie!“, rief ihr junger Begleiter, ehe Sara reagieren konnte. „Sie sind Alessandro Barberi, legendärer Tycoon im internationalen Transportgeschäft und Finanzgenie.“ Peter streckte ihm die Rechte entgegen. „Ich bin Peter Wells. Es freut mich, Sie kennenzulernen.“

Alessandro nahm die dargebotene Hand, obwohl er den anderen am liebsten ausgeknockt hätte. Wie es aussah, war er ein guter Freund von Sara. Er besaß sogar die Frechheit, seine Exfrau in aller Öffentlichkeit zu küssen … und wer weiß was sonst noch. Und dennoch begegnete er ihm anscheinend mit aufrichtigem Respekt. Alle Achtung!

„Das Vergnügen ist ganz meinerseits“, antwortete Alessandro, bevor er sich der Frau zuwandte, die ihn so entgeistert ansah, als stünde ein Gespenst vor ihr. „Aber ich würde mich gern mit Sara unterhalten. Wir sind alte Freunde, nicht wahr, Sara?“

2. KAPITEL

Sara hörte nur, wie diese tiefe, markante Stimme ihren Namen sagte, und wusste sofort, dass er es war. Alessandro Barberi. Sie fuhr so heftig herum, dass sie seine Hand von ihrer Schulter schüttelte. Mit aller Macht kämpfte sie die längst vergessen geglaubten Gefühle nieder, die allein der Klang seiner Stimme in ihr auslöste.

Einen Moment starrte sie ihn nur ungläubig an. Er stand tatsächlich leibhaftig vor ihr, stattliche einen Meter achtundachtzig groß und imposant wie eh und je. Alessandro, ihr Exmann.

Seine Kleidung war zwanglos, aber edel: ein kurzärmeliges Seidenhemd mit offenem Kragen, kombiniert mit einer hellen Leinenhose, die tief auf den schmalen Hüften saß und die ein Ledergürtel hielt, dessen dezente Schnalle den Blick auf seinen flachen Bauch lenkte. Nein, Sara verbot es sich, tiefer zu blicken. Stattdessen schaute sie in sein Gesicht. Das schwarze Haar trug er jetzt kürzer mit einem Seitenscheitel, wobei ihm einige widerspenstige Locken in die hohe Stirn fielen. Und er sah immer noch wahnsinnig attraktiv aus, auch wenn seine Züge die jugendliche Weichheit verloren hatten. Die hohen Wangenknochen zeichneten sich deutlicher ab, um die dunklen Augen bildeten sich die ersten verräterischen Fältchen, und der eigentlich sehr sinnliche Mund wirkte unnachgiebig zusammengepresst. Es war das markante Gesicht eines harten, erfolgreichen Mannes, der Macht und Selbstbewusstsein in einem Maße ausstrahlte, dass die meisten Männer sich nur wünschen konnten. Sara hatte am eigenen Leib erfahren, wie rücksichtslos er seine beträchtlichen Talente einsetzte, um zu bekommen, was er wollte.

Von wilden Gefühlen bestürmt, brachte sie kein Wort über die Lippen.

„Sara“, sprach er sie erneut an. „Du hast mich doch nicht etwa vergessen?“

Das spöttische Funkeln in seinen Augen verriet ihr, dass er sie bewusst aufzog, und sie errötete zornig. Alessandro Barberi hatte sie einmal zum Narren gehalten und ihr das Leben zur Hölle gemacht. Doch sie hatte sich geschworen, dass das nie wieder passieren würde. Inzwischen war sie achtundzwanzig und keine naive Achtzehnjährige mehr.

Vor drei Jahren hatte sie die Chance erhalten, sich als Partnerin in eine alteingesessene Wirtschaftsprüfer- und Steuerberaterkanzlei in Greenwich einzukaufen, „Thompson & Son“. Da der „Sohn“ Sam Thompson allmählich in die Jahre kam, wünschte er sich vor allem einen Partner für die Kanzlei, damit er weniger arbeiten und mehr Golf spielen konnte. Die Geschäfte gingen inzwischen ausgezeichnet. Sara hatte sich ihre eigene erfolgreiche Karriere aufgebaut und brauchte diesen herzlosen, arroganten Schuft nicht mehr, der gerade so herablassend auf sie niederblickte.

„Natürlich habe ich dich nicht vergessen, Alessandro“, beantwortete sie seine Frage mit fester Stimme, obwohl sie innerlich zitterte. „Aber wo kommst du jetzt so plötzlich her? Und da wir uns zehn Jahre nicht gesehen haben, finde ich ‚alte Freunde‘ doch etwas übertrieben.“

„Eine hübsche Blondine hat mich eingeladen. Meine Jacht liegt gegenüber.“

Was für ein schrecklicher Zufall! Dieser schwimmende Palast gehörte ihm, und Alessandro hatte die Einladung der ahnungslosen Pat angenommen. Was Sara eigentlich nicht überraschte. Wann hatte er je das Angebot einer schönen Frau ausgeschlagen? Schon damals auf der Party, als sie sich zum ersten Mal begegnet waren, hatte er eigentlich eine ältere Studentin begleitet, die im selben Haus wie Sara wohnte. Trotzdem hatte er hemmungslos mit Sara geflirtet und die Party schließlich auch mit ihr verlassen – und Sara war schon nach wenigen Stunden zu verliebt gewesen, um Nein zu sagen.

Fairerweise hatte das andere Mädchen sie am nächsten Tag gewarnt, dass Alessandro Barberi sie auch einem anderen Mann ausgespannt hätte und ein berüchtigter Frauenheld wäre, der allenfalls für eine flüchtige Affäre tauge. Rückblickend wünschte Sara, sie hätte diese Warnung ernst genommen und nicht als bloße Eifersucht abgetan.

Ein schmerzlicher Ausdruck huschte über ihr Gesicht, bevor sie registrierte, dass Alessandro anscheinend eine Entgegnung von ihr erwartete. „Ich verstehe“, antwortete sie deshalb verspätet – und tatsächlich mit dem Gefühl, das Vergangene endlich zu begreifen.

Alessandro war ihr erster und einziger Liebhaber gewesen.

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