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In Venedig

Die Venezianer

Beginnen wir mit dem, was man nicht sieht, das Einzige vielleicht, was sich nicht bewundern lässt, ja dessen Existenz an sich schon unwahrscheinlich, wenn nicht unmöglich ist. Leute, die in Venedig leben! Männer und Frauen, die nicht mit dem Räderwerk des Tourismus zu tun haben und dort ständig wohnen! Menschen, die das ganze Jahr in diesem gewaltigen Museum verbringen, all die vier Jahreszeiten lang in dieser Stadt! Wesen, die sich nicht mit den drei, fünf oder sieben Tagen begnügen, die jeder Sterbliche in seinem Lebenskalender für den einzigen Ort auf der Welt reservieren muss, der ihm, wenn er ihn nicht gesehen hat, das würdige Gesamtbild seiner Biographie verhageln kann, so sehr er auch sonst im Laufe eines zügellosen oder gesitteten Lebens allen ästhetischen Verpflichtungen nachgekommen sein mag.

Nur die Angst vor dieser Lücke im Erfahrungsschatz erklärt, dass sich geballte Gruppen greiser, manchmal gebrechlicher Touristen unter die jüngsten Besucher mischen – die verhassten Rucksacktouristen, die im Sommer das Wasser trüben – und einen Blick auf den Markusplatz werfen, beschirmt von einer Kamera mit Dioptrienausgleich oder die Augen zu Boden geschlagen, als fürchteten sie, aufzusehen, hinzuschauen und endlich dem zu genügen, was jeder Mensch auf diesem Planeten zwangsläufig mit eigenen Augen betrachtet haben muss, bevor er ihn verlässt, denn womöglich hätte dies ihren sofortigen Abgang ins andere Paradies zur Folge, aus dem man nicht mehr zurückkehrt. Nur das ist der Grund, aus dem die Flugzeuge, die auf dem eher zentralamerikanisch anmutenden Flughafen Marco Polo landen, den Ausstieg der gesunden Passagiere um eine halbe Stunde verzögern, weil sie voller »Rollstühle« sind (wie die Stewardessen in ihrer pragmatischen Art immer wieder deren Insassen nennen), die sie zuerst absetzen müssen, nicht ohne Risiko und mittels vorsintflutlicher Kräne und Plastikrutschen. Eine Stunde später werden die »Rollstühle« mit dem unlösbaren Problem zu kämpfen haben, unzählige Stufen und Brücken zu überwinden, aber sie können ihrem schrecklichen Unglück nicht noch die Schande hinzufügen, Venedig nicht gesehen zu haben. Man muss dorthin, wie, spielt keine Rolle.

Die Venezianer wissen das, und die Tatsache, das Hauptziel der geographischen Träume der Menschheit zu sein, hat ihren Charakter und ihr Bild von sich selbst im Verhältnis zur Welt geprägt. So überrascht es nicht, dass sich die Venezianer auch heute noch als Mittelpunkt der Welt ansehen, die sich zu ihnen begibt oder auch schleppt, wenn nötig. Immer noch ist für die Hochmütigsten unter ihnen alles bloß Landleben, was sich jenseits des Ponte della Libertà befindet, der einzigen Verbindung (außer der Eisenbahnbrücke, 1841–1846 erbaut) zwischen dem Festland und der Inselgruppe, die die Stadt ausmacht. Dieses Bauwerk von Mussolini, Vittorio Cini und dem Grafen Volpi di Misurata, das sie mit seinen dreieinhalb Kilometern Länge seit über fünfzig Jahren an die Halbinsel bindet und die Autos vor die Tore verbannt, als würden sie dort von modernen Drachen belagert, sehen sie als lästige Nabelschnur, die man wohl oder übel hinnehmen musste. Für die Venezianer ist Venedig die Stadt par excellence. Die restliche Welt ist Land. Eine besonders martialische und radikale Spielart dieser Auffassung kann man in einem Ausspruch rassistischen Zuschnitts hören: »Jenseits des Ponte della Libertà sind alle schwarz.«

Aber diese Bewohner – dem eigenen Urteil nach die einzigen Weißen, die einzigen Zivilisierten der Menschheit, die im Vergleich zu ihnen stets barbarisch ist – bekommt man nicht leicht zu Gesicht. Heimgesucht, bedrängt, ausgeplündert, ausgestoßen, nach und nach ihrer weißen Bräuche und städtischen Traditionen beraubt, werden diejenigen immer weniger, die sich weigern, noch mehr Terrain abzutreten. Im Laufe des 20. Jahrhunderts gab es eine allmähliche, doch stetig wachsende Emigration nach Mestre, früher das Arbeiterviertel wenige Kilometer von der Stadt entfernt, das die schwächlichsten, weichlichsten, verräterischsten Venezianer heute heimlich beneiden: Dort gibt es Diskotheken, Kinos, junge Leute, Kaufhäuser, Supermärkte, Geschäftigkeit und Leben. Zu Zeiten der Republik hatte Venedig fast an die dreihunderttausend Einwohner. Heute sind nur noch siebzigtausend Widerständige übrig, und die Fahnenflucht nimmt kein Ende.

Die Venezianer bekommt man nicht so leicht zu Gesicht, weil sie kaum aus dem Haus gehen. Hinter ihren melonengrünen Fensterläden verschanzt, besehen sie sich den Rest der Welt – die Peripherie – im Schlafanzug und über ihre zwanzig Fernsehkanäle. Diese Gleichgültigkeit, dieser Mangel an Neugier für etwas, was nicht sie selbst und ihre Vorfahren betrifft, findet sich nicht einmal bei den am meisten in sich versponnenen Völkern der nördlichen Halbkugel. Venedigs drei Kinos sind immer trist und fast leer, ebenso das Teatro Goldoni, die Bars und die Straßen, sobald der Abend anbricht, desgleichen die Vortragssäle und sogar – auch wenn sie die Ausnahme bilden – einige Konzertsäle. Fast nichts kann sie ihren vier Wänden entreißen, fast nichts treibt sie fort von ihrer Stadt. Sie meiden jeden Ort, der eine touristische Absicht verrät oder von ihr vereinnahmt wurde, weshalb sie fast jeden Fleck der Stadt meiden. Ihr Raum wird stetig geringer, aber selbstverständlich sieht man sie nie in den Straßencafés mit ihren anachronistischen Kapellen (Klarinette oder Geige, Bass, Flügel, Akkordeon!) auf dem Markusplatz, nicht in den Trattorien und Restaurants rundherum, noch flanieren sie durch den grellen Tumult der Riva degli Schiavoni längs der Lagune, schon gar nicht nehmen sie die Gondel. Im unverzichtbaren Café Florian sieht man sie nur zu später Stunde, wenn die Besucher den tiefen Schlaf der erschöpften Touristen schlafen. Dagegen findet man sie an Orten, die dem Reisenden wenig verlockend erscheinen mögen, die jedoch das Bollwerk ihrer alltäglichen Gewohnheiten sind und mit denen die Reisebüros ihre überforderten Kunden ...

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