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In New York wartet das Glück

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1. KAPITEL

Lizzie Hamill packte die Armlehnen noch fester, zählte von zehn rückwärts und befahl sich, bei Null den Kopf zur Seite zu drehen. Laut Statistik war Fliegen die sicherste Form des Reisens. Die Gesetze der Aerodynamik galten auch für sie. Es war feige, nicht wenigstens ein einziges Mal aus dem Fenster zu schauen.

„Zwei“, flüsterte sie. „Eins.“ Sie atmete tief und hielt die Luft an. „Null.“ Nichts geschah. „Null“, wiederholte sie, während sie die Hände an die Wangen legte und sich zwang, den Kopf zu bewegen.

Langsam stieß sie die angehaltene Luft wieder aus. Der Himmel war so gewaltig. Blauer als ein Morgen im Januar. Weiter als der Horizont von Hanson’s Bluff aus. Heller als das Glitzern des Creek bei Sonnenaufgang. Wie konnte etwas so faszinierend und so erschreckend zugleich sein?

Mit wild klopfendem Herzen sah Lizzie starr hinaus. Sie war dreißig und hatte noch nie zuvor in einem Flugzeug gesessen. Sie hatte erwartet, dass sie nervös sein würde. Sie war nervös. Und doch …

Und doch war dies derselbe Himmel, den sie sonst immer sah. Kein anderer Himmel als der, der sich über ihrem Haus in der Myrtle Street erstreckte. Warum sollte sie Angst davor haben, nur weil sie ihn aus ungewohnter Perspektive sah?

Langsam wurde sie ruhiger. In ihre Angst mischte sich etwas Unbekanntes. Eine Aufregung, eine Ungeduld, die sie noch nie erlebt hatte. Es war, als würde sie sich auf etwas freuen … Auf eine Herausforderung? Ein Abenteuer?

Wohl kaum. Sie war alles andere als abenteuerlustig. Sie war Tante Liz, die gute alte Lizzie, immer bereit, als Babysitter einzuspringen oder zehn Kuchen für den Kirchenbasar zu backen. Das Abenteuerlichste, das sie in ihrem Leben bisher gewagt hatte, war, sich im Supermarkt an der Kasse für acht oder weniger Artikel anzustellen, obwohl in ihrem Korb neun lagen.

Und jetzt saß sie in einem Flugzeug. Noch dazu in einem, das sie nach New York brachte.

Sie lockerte den Griff um die Armlehnen und beugte sich vor, bis ihre Nasenspitze das Fenster berührte. Unter ihr breitete sich das Land aus wie ein zu oft gewaschener Quilt. Ein mulmiges Gefühl stieg in Lizzie auf. Sie hatte nicht gefrühstückt. Das war unvernünftig. Auf das, was sie nach der Landung erwartete, hätte sie sich besser mit einem fünfgängigen Mahl vorbereiten sollen. Sie hätte es sich leisten können.

Sie war jetzt eine Erbin. Eine Erbin, wie Packenham Junction sie noch nie gehabt hatte. Sie konnte es noch immer nicht glauben, obwohl die Anwälte ihr mehrfach versichert hatten, dass es kein Missverständnis war. Ihr Onkel, Roland Hamill, das schwarze Schaf der Familie, der Mann, dessen Namen immer nur geflüstert worden war, hatte sein ganzes Vermögen der Nichte hinterlassen, der er nie begegnet war.

Armer Onkel Roland. Sie wusste fast nichts über ihn. Im Familienalbum gab es keine Fotos von ihm, nur ein paar Schnappschüsse ihres Vaters, von denen offenbar eine Hälfte abgerissen worden war. Was hatte Roland schon als Jungen aus seiner Heimatstadt vertrieben? Warum hatte ihr Vater seinen Bruder so sehr gehasst?

Und was um alles in der Welt sollte sie mit so viel Geld anfangen?

Na ja, so viel war es nun auch wieder nicht. Die Anwälte hatten Onkel Rolands Wohnung samt Inventar verkauft, um seine Schulden zu begleichen.

Das war schade, denn Lizzies Stiefschwester Jolene war wieder schwanger. Ihr Mann Tim hatte keinen festen Job, und die beiden konnten etwas Geld gebrauchen. Zack, ihr jüngster Stiefbruder, würde im nächsten Herbst aufs College gehen. Und Benjamin, der Älteste, hatte ihr gestanden, dass seine Käsefabrik nicht mehr so gut lief wie früher. Aber ihre Adoptivgeschwister waren so stur wie alle im Pedley-Clan und wollten keinen Cent von der Erbschaft.

„Das Geld gehört dir“, hatte Jolene auf der Fahrt zum Flughafen gesagt. „Endlich hast du einmal etwas für dich allein.“

„Aber ich kann unmöglich …“

„Doch, du kannst. Dein Onkel wollte, dass du es bekommst.“

„Ich habe ein ungutes Gefühl. Ich meine, wir kannten uns doch gar nicht.“

„Wem hätte er es sonst vererben sollen? Er hat nie geheiratet und hatte keine Kinder, richtig?“

„Richtig.“

„Es ist wie im Märchen, Tante Lizzie“, mischte Marylou sich aufgeregt ein. Lizzies Nichte blies ihr pinkfarbenes Kaugummi auf und ließ es laut platzen. „Die arme Prinzessin reist in ein verzaubertes Königreich.“

„Ich fliege nach New York.“ Kopfschüttelnd drehte Lizzie sich zu der Siebenjährigen um. „Ich muss allerdings keine Kamine ausfegen, sondern führe einen Kindergarten.“

„Aber Mom ist deine Stiefschwester“, entgegnete Marylou.

„Stimmt. Aber findest du, dass sie böse ist?“

„Wir müssen immer Brokkoli essen.“

„Stimmt auch.“ Lizzie warf Jolene einen Blick zu. „Du böses Ding, du.“

„Du hättest meinen Kindern nicht immer diese Gutenachtgeschichten vorlesen dürfen“, murmelte Jolene. „Aber jetzt zurück zu dir, Lizzie. Du hast dich all die Jahre lang immer nur um andere gekümmert. Es ist höchste Zeit, dass du mal an dich denkst.“

„Du könntest dir schöne Sachen kaufen“, schlug Marylou vor. „Bei McBride’s im Schaufenster gibt es ein richtig tolles grünes Kleid, das so schön glitzert.“

Lizzie lächelte trocken. „Ich weiß. Aber ich bezweifle, dass ein mit Strass besetztes Abendkleid das richtige Outfit ist, wenn man Dreijährigen zeigt, wie sie mit Fingerfarben malen können.“

„In New York wirst du wohl kaum mit Dreijährigen und Fingerfarben zu tun haben“, wandte Jolene ein. „Warum machst du nicht einen Einkaufsbummel, wenn du schon mal da bist?“

„Dies ist eine Geschäftsreise.“

„Sicher, aber du besuchst dein Geschäft.“

„Was soll ich bloß mit fünfzig Prozent von Whitmore und Hamill?“

„Die Firma leiten, was sonst?“

Lizzie lachte. „Die Vorstellung ist so absurd wie die, im Abendkleid im Kindergarten zu arbeiten. Ich und eine Geschäftsfrau?“

Jolene blieb ernst. „Warum denn nicht? Wenn du dir etwas vornimmst, schaffst du es auch. Du hast dir doch schon einmal etwas Eigenes aufgebaut.“

„Ein Kindergarten ist nicht mit einer Werbeagentur zu vergleichen.“

„Es sind beides Geschäfte“, beharrte Jolene. „Und hilfst du Ben nicht seit sechs Jahren mit den Büchern?“

„Ich habe ihm schon bei seinen Mathehausaufgaben geholfen. Das ist nur ein Hobby.“

„Du warst neunzehn, als du Dads Farm übernommen hast. Wenn du damals nicht das Stipendium ausgeschlagen hättest, um uns zu …“

„Das ist lange her, Jolene. Die Familie brauchte mich, und ich bereue nicht, dass ich hier geblieben bin. Ich bin ganz und gar zufrieden mit dem, was ich habe.“

Jolene machte eine vielsagende Pause. „So?“

„Natürlich“, versicherte Lizzie rasch.

„Hast du jetzt wirklich eine Werbeagentur, Tante Liz?“

„Nur einen Teil davon.“

„Heh, cool.“

„Ich bringe dir etwas Briefpapier als Souvenir mit, okay?“

Während tief unter ihr das Land dahinglitt, dachte Lizzie an das Versprechen, das sie ihrer Nichte gegeben hatte. Sie hatte keine Ahnung von der Werbebranche, aber sie war sicher, dass von ihr als Miteigentümerin einer Agentur mehr verlangt wurde als nur ihr Name im Briefkopf. Warum hätte Mr. Whitmore sie sonst nach New York eingeladen?

Von Jeremy Ebbet, dem Anwalt, wusste sie, dass Mr. Whitmore darauf bestanden hatte, sie persönlich der ganzen Agentur vorzustellen. Deshalb bezahlte er nicht nur den Flug, sondern auch das Hotelzimmer.

Und am Tag vor ihrer Abreise hatte er ihr auch noch einen üppigen Blumenstrauß in die Myrtle Street geschickt.

Lizzie lehnte sich zurück und dachte über ihren zukünftigen Kompagnon bei Whitmore und Hamill nach. Onkel Roland wäre im Herbst fünfzig geworden, also war sein Partner vermutlich im gleichen Alter. Nicht zum ersten Mal versuchte sie sich vorzustellen, wie dieser Mr. Whitmore wohl aussah. Vermutlich war ein grauhaariger, seriöser Geschäftsmann.

Er hatte ihr Blumen geschickt. Blumen. Sie war nicht die Art von Frau, die von Männern Sträuße bekam. Eine Topfblume vielleicht. Bobby hat ihr einmal ein Bäumchen mitgebracht. Es war ein äußerst vernünftiges Geschenk gewesen, und sie hatte sich darüber gefreut. Das Bäumchen hatte hervorragend in die letzte Lücke am seitlichen Gartenzaun gepasst. Trotzdem, ein Strauß war so herrlich unpraktisch. Genau wie Strass.

Sie zupfte an ihrem kurzen blauen Rock. Wer brauchte schon Strass? Das Kostüm war ihr bestes Stück. Sie hatte es geschont und nur bei besonderen Gelegenheiten getragen. Zum Beispiel zur Hochzeit ihrer Freunde und zur Taufe der Kinder, halt zu den Meilensteinen im Leben. Im Leben anderer.

Nicht, dass es mich stört, dachte sie hastig. Sie liebte ihren Beruf, ihre Freunde, ihre Familie. Sie fand es schön, wenn alle glücklich waren und die Kinder sie „Tante Lizzie“ nannten. Endlich hatte sie sich damit abgefunden, dass niemand sie je „Mom“ nennen würde.

Was immer Jolene sagen mochte, Lizzie war rundum zufrieden.

Aber warum hatte sie dann sofort zugestimmt, als die Einladung nach New York kam? Warum hatte sie nicht nur eine, sondern gleich zwei Frauen für ihren Kindergarten angelernt? Warum bekam sie jedes Mal Herzklopfen und feuchte Hände, wenn sie an Onkel Rolands … nein, an ihre Firma dachte.

Das Flugzeug flog eine lang gestreckte Kurve. Lizzie stützte sich an der Bordwand ab und starrte hinaus. Diesmal war das Gefühl in ihrem Bauch nicht so mulmig beim Start.

Eigentlich war Fliegen gar nicht so schlecht.

Mit vierzig Minuten Verspätung landete die Maschine in New York. Der Flughafen erschien ihr grau und trostlos. Im Terminal herrschte großes Gedränge, aber jeder schien genau zu wissen, wohin er wollte, und hatte es dabei sehr eilig. Also hielt Lizzie ihre Umhängetasche fest und ließ sich im Strom der Passagiere bis zur Gepäckausgabe treiben.

„Oh, das darf nicht wahr sein“, murmelte sie, als sie den uniformierten Mann neben der Glastür entdeckte. In Packenham Junction gab es so etwas natürlich nicht, aber aus dem Fernsehen wusste sie, dass es sich um den Chauffeur einer luxuriösen Limousine handelte. Und er hielt ein Schild mit ihrem Namen hoch.

Der nette Mr. Whitmore hatte zwar versprochen, sie vom Flughafen abholen zu lassen, aber mit so etwas hatte sie nicht gerechnet. Sie zog ihren Koffer hinter sich her und eilte zum Ausgang, bevor die Limousine sich womöglich in Luft auflöste.

Das reservierte Hotelzimmer erwies sich als Suite, deren Teppich so dick war, dass sie sich beim Gehen darauf wie auf Wolken fühlte. Der Schreibtisch im Wohnzimmer und die breite Kommode im Schlafzimmer waren mit prächtigen Blumensträußen geschmückt. Und als wäre das noch nicht genug, stand auf dem runden Couchtisch ein riesiger Korb mit Obst und einer Flasche Weine … und einer Grußkarte von Alexander Whitmore.

Nach einer atemberaubenden Taxifahrt durch Manhattan traf Lizzie endlich im sechsunddreißigsten Stockwerk des Wolkenkratzers ein, in dem sich die Werbeagentur von Whitmore und Hamill befand. Sie holte tief Luft. Dann ging sie durch den Empfangsbereich auf den gewaltigen hufeisenförmigen Schreibtisch zu.

Eine schlanke Blondine, die auf die Titelseite von „Cosmopolitan“ gepasst hätte, lächelte sie höflich an. „Guten Tag.“

Lizzie packte den Griff ihrer besten Handtasche fester und erwiderte das Lächeln. „Hi.“

„Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Ich möchte zu Mr. Whitmore.“

Die Frau fuhr mit einem gefährlich aussehenden roten Fingernagel an einer Liste entlang. „Ihr Name bitte?“

Wie lange war es her, dass sie einen Raum betreten hatte, in dem man sie nicht kannte? Im Krankenhaus von Packenham hätte sie Mabel am Empfang ihren Namen nicht nennen müssen, und die Frau ihres Zahnarztes begrüßte sie jedes Mal besonders herzlich, weil sie wusste, wie nervös Lizzie war. Hier war das anders, hier war sie in einer anderen Welt.

„Miss?“

„Ich bin Lizzie Hamill.“

Die Sekretärin gab einen erstickten Laut von sich. „Miss Elizabeth Hamill?“

Sie nickte.

Die Frau drückte auf einen Knopf und sprach hastig in eine Telefon, bevor sie aufsprang und zu Lizzie eilte. „Bitte folgen Sie mir in den Konferenzraum. Mr. Whitmore erwartet Sie bereits.“

Die Empfangsdame, die sich als Pamela vorstellte und sie jetzt geradezu ehrerbietig behandelte, führte sie zu einer Doppeltür, ließ sie eintreten und zog sich dann sofort wieder zurück.

Neugierig schaute Lizzie sich um. Ein Konferenzraum? Das Zimmer war groß genug für eine Bowlingbahn, wenn man den langen Tisch in der Mitte entfernte. Es gab genügend Stühle für ein Familientreffen der Pedleys. Sie beugte sich über den Tisch, betrachtete ihr Spiegelbild auf der polierten Platte und gab einem der Drehstühle Schwung.

An den Wänden hingen gerahmte Poster, viele davon mit Szenen aus bekannten Werbespots. Am auffälligsten war jedoch das bronzene Firmenlogo, unter dem in großen Lettern etwas eingraviert war …

„Mein Name“, flüsterte sie.

Nun ja, eher der ihres Onkels.

Sie stieß einen stummen Pfiff aus und strich mit den Fingerspitzen über die Inschrift. Hamill … Plötzlich bekam sie wieder dasselbe Herzklopfen, das sie im Flugzeug verspürt hatte. Ein Teil von ihr, ein Teil, den sie immer unterdrückt hatte, schien auf die Herausforderung zu reagieren und sich auf das Abenteuer zu freuen, das dieser mondäne Konferenzraum mitten in New York darstellte.

Die Firma leiten, was sonst?

Lizzie verzog den Mund, als ihr Jolenes absurder Vorschlag in den Sinn kam. Was für ein Quatsch. Sie trug zwar denselben Nachnamen wie ihr Onkel, aber deswegen war sie noch lange nicht dazu geboren, Chefin einer Werbeagentur zu sein.

Hinter ihr öffnete sich leise eine Tür. Rasch wischte sie mit dem Ärmel ihre Fingerabdrücke von der glänzenden Inschrift. Doch als sie sich zu dem hochgewachsenen Mann umdrehte, musste sich sie sich an den bronzenen Buchstaben festhalten, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

Mit geschmeidigen, aber entschlossenen Schritten kam der Mann auf sie zu. Seine Schuhe glänzten, der graue Anzug und das weiße Hemd saßen tadellos an seiner eindrucksvollen Gestalt. Lizzie starrte ihm entgegen. Sein dichtes Haar war pechschwarz, die Augen braun und verführerisch, Kinn und Wangenknochen markant. Er lächelte, und zwischen den perfekt geformten Lippen blitzten makellose Zähne auf. Und wie um diese geradezu märchenhaft attraktive Erscheinung zu betonen, hatte er ein winziges Grübchen auf dem Kinn.

Er blieb vor ihr stehen und streckte die Hand aus. „Willkommen in New York, Miss Hamill.“

Seine Stimme war so beeindruckend wie sein Äußeres: tief, wohlklingend und ausdrucksvoll. Es war eine Stimme, die befehlen, aber auch zärtliche Worte bei Kerzenschein flüstern konnte.

Lizzie räusperte sich. „Hallo“, brachte sie mühsam heraus und gab ihm zaghaft die Hand.

„Ich bin Alexander Whitmore“, sagte er und umschloss ihre Rechte mit seinen kräftigen Fingern.

Alexander Whitmore? Nein, das war unmöglich. Dieser Mann war höchstens fünfunddreißig, kaum älter als sie selbst. „Mr. Whitmore?“

„Bitte, nennen Sie mich Alex“, forderte er sie auf, und seine Stimme war wie ein Streicheln.

„Alex“, wiederholte sie nervös.

Das war ihr Partner? Dieser Mann mit den braunsten Augen, in die sie je geblickt hatte, und einem Lächeln, das jeder Zahnpasta Ehre gemacht hätte. Dieser Mann, der ihr Blumen geschickt hatte. Und Wein.

Es funktioniert, dachte Alex erleichtert und ließ ihre Hand los. Sie reagierte so, wie Jeremy und er es erhofft hatten. Sie war beeindruckt, fasziniert, ein wenig eingeschüchtert. Sie würde ihnen bestimmt keine Probleme machen.

Als sein Gewissen sich meldete, fragte er sich, warum er Mitleid mit dieser Frau haben sollte. Sie war ein Hamill, daran gab es keinerlei Zweifel. Sie besaß das gleiche unbändige rote Haar wie ihr Onkel, hatte es allerdings zu einem Knoten am Hinterkopf aufgesteckt. Ihre Augenbrauen hatten den gleichen verwegenen Schwung, auch wenn sie natürlich viel schmaler und weiblicher waren. Auch die breite Stirn und das spitze Kinn erinnerten an seinen verstorbenen Kompagnon, aber der Rest ihres Gesichts war einzigartig.

Verlegen schob sie eine störrische Strähne in den Knoten zurück. „Mr. Whitmore?“

„Alex“, verbesserte er sanft. „Darf ich Sie Elizabeth nennen?“

„Natürlich … wenn Sie wollen.“ Sie presste die Lippen zusammen und schien Schwierigkeiten mit ihrer Zunge zu haben. „Aber die meisten Leute nennen mich Lizzie“, platzte sie heraus.

Er sah, wie sie errötete. Vor ihm stand ein Mädchen vom Lande, nicht die Miteigentümerin einer großen New Yorker Werbeagentur. In der freien Wildbahn der Geschäftswelt würde sie keinen Tag überlegen. Keine Frage, er tat ihr einen Gefallen, indem er dafür sorgte, dass sie so schnell wie möglich auf ihre Farm zurückkehrte. „Lizzie?“

„Ja?“

„Sie wollten mich etwas fragen?“

„Oh.“ Sie knabberte kurz an ihrer Unterlippe. Ihr Mund sah aus, als wäre er zum Lächeln geschaffen. „Fragen? Nein, eigentlich nicht?“

Er wartete und beobachtete fasziniert, wie ihre Röte sich bis zum Haaransatz ausbreitete. Wann hatte er zuletzt gesehen, dass eine Frau errötete? Kannte er überhaupt eine Frau, die das noch konnte?

„Ich wollte mich für dich Blumen bedanken“, brachte sie schließlich heraus. „Und für das Obst und den Wein. Ich habe ihn noch nicht probiert, aber er ist bestimmt sehr gut.“

„Sie haben eine so weite Reise hinter sich, und ich möchte, dass Sie sich hier wohl fühlen.“

„Oh, das tue ich. Sie sind sehr freundlich.“

Freundlich? Wenn sie sich von so kleinen Gesten beeindrucken ließ, würde es ein Kinderspiel sein, sie zum Verkauf ihrer Anteile an der Agentur zu überreden. „Ihr Onkel war ein bemerkenswerter Mensch.“

„Hat er sich diese Werbekampagnen ausgedacht?“

Alex brauchte nicht auf die Poster zu schauen, um zu antworten. „Nein, leider hat Ihr Onkel in den letzten Jahren keine aktive Rolle in der Agentur mehr gespielt. Jeremy wird es Ihnen nachher erklären.“

„Jeremy Ebbet, Ihr Anwalt?“

Er nickte. „Aber uns bleibt noch Zeit, bis wir uns mit all diesem juristischen Zeug befassen müssen, Lizzie. Möchten Sie sich die Agentur ansehen?“

Sie zögerte nur kurz, bevor das Lächeln, das in ihren Mundwinkel gewartet hatte, sich ausbreitete. „Danke, sehr gern.“

Ihr Lächeln erwischte ihn vollkommen unvorbereitet. Es zauberte Grübchen in ihre Wangen und ließ ihre Augen blitzen. Und es war so warm und unschuldig und echt, dass es, vorbei an seiner Vernunft, dorthin vordrang, wo es eine unmissverständlich männliche und äußerst unwillkommene Reaktion auslöste.

Das ärgerte ihn. Er wollte nichts für Lizzie Hamill empfinden. Er durfte es nicht. Gefühle störten bei geschäftlichen Dingen, und das hier war eine reine geschäftliche Beziehung. Eine, die er so bald wie möglich beenden wollte.

Sie wandte sich ab, und unwillkürlich ließ er seinen Blick über ihren Körper gleiten. Das locker sitzende Kostüm verbarg mehr als es betonte. Als sie jedoch zur Tür ging, stellte er fest, dass die neue Geschäftspartnerin absolut hinreißende Beine hatte.

Er wusste, dass es ihn nicht interessieren sollte, aber ihre schlanken Waden und der Ansatz der erregend geformten Schenkel hielten seinen Blick gefangen.

Eine verrückte Sekunde lang malte er sich aus, wie es wäre, mit den Fingerspitzen über ihre Kniekehlen zu streichen. Wie würde sie reagieren? Würde sie ihm einen vernichtenden Blick zuwerfen, wie Tiffany es immer getan hatte? Würde sie ihn wegen sexueller Belästigung verklagen?

Oder würde sie erneut erröten? Würden ihre grünen Augen funkeln? Würden ihre reizvollen Lippen sich zu einem Lächeln verziehen?

Was war nur los mit ihm? Es musste am Stress liegen. Die Zukunft der Firma, die Sicherheit, die er seinen Kinder verschaffen wollte, all das hing davon ab, ob es ihm gelang, Lizzie ihre Anteile abzukaufen. Ob sie es nun ahnte oder nicht, sie beide waren Gegner.

Also musste er ihr Lächeln, ihre Beine, ihre ganze attraktive Erscheinung ignorieren. Jetzt waren Disziplin und Selbstbeherrschung nötig, damit die Agentur reibungslos weiterlief. Die Agentur und sein Leben.

Das Einzige, was er an Miss Lizzie Hamill attraktiv finden durfte, war ihr Fünfzigprozentanteil an Whitmore und Hamill.

Und der einzige Teil ihres Körper, der ihn zu interessieren hatte, war die Hand, mit der sie den Vertrag unterschrieb.

2. KAPITEL

„Und das ist mein Büro“, sagte Alex und hielt ihr eine Tür auf.

Lizzie trat ein. Sie wusste, das dies der Höhepunkt der Besichtigungstour durch die Geschäftsräume von Whitmore und Hamill war. Vielleicht würden sie sich jetzt endlich hinsetzen und darüber reden, welche Verantwortung sie in der Agentur übernehmen sollte. Abgesehen davon, dass ihr Name im Briefkopf stand.

Fast eine Stunde lang hatte Alex sie durch das sechsunddreißigste Stockwerk geführt. Durch Konferenzräume, Videolabors und Tonstudios, durch Büros, die von kleinen fensterlosen Kammern bis zu großzügigen Chefzimmern mit Blick auf die Häuserschluchten von Manhattan reichten.

Als Alex sie den Mitarbeitern vorstellte, staunte sie, was für unterschiedliche Menschen hier arbeiteten. Es gab einige Titelbildschönheiten, die Pamela vom Empfang ähnelten und sie unauffällig musterten, aber auch viele, die ihr erzählten, wie sehr sie ihren Onkel geschätzt hatten.

Die letzte Station des Rundgangs war das Büro ihres Onkels gewesen. Von Alex hatte sie erfahren, dass Roland in den vergangenen Jahren nur noch selten in der Agentur gewesen war. Lizzie hatte sich neugierig umgesehen, aber die kahlen Regale und der leere Schreibtisch verrieten nichts über den Mann, den sie nie kennengelernt hatte.

Als sie jetzt Alex’ Büro betrat, gestand sie sich ein, dass auch der zweite Partner bei Whitmore und Hamill ihre Neugier geweckt hatte.

„Warum ruhen Sie sich nicht eine Weile aus?“, schlug er vor. „Ich werde Rita bitten, uns einen Kaffee zu bringen, während wir auf Jeremy warten.“

Lizzie dankte ihm lächelnd und war froh, dass ihre Zunge ihr wieder gehorchte.

Er ging hinaus und sprach mit der mürrisch dreinblickenden Frau mittleren Alters, die er ihr als seine Sekretärin vorgestellt hatte. Lizzie ertappte sich dabei, wie sie den Kopf zur Seite neigte, um dem angenehmen Klang seiner Stimme zu lauschen.

Vorsicht, Mädchen, tadelte sie sich Sekunden später. Dieser Mann mochte faszinierend sein, aber er war ein Geschäftspartner, mehr nicht. Wüsste er, welch anregende Wirkung er auf ihre Fantasie ausübte, würde er sie vermutlich auslachen.

Langsam ging sie durch das Büro und betrachtete die vielen gerahmten Auszeichnungen, die die Agentur für ihre Werbekampagnen bekommen hatte. Ihre Firma. Auch wenn es nicht ihr Verdienst war, so machte es sie doch stolz, ihren Namen auf den Urkunden zu lesen.

Endlich hast du etwas, das nur dir gehört.

Nun ja, nicht ganz. Fünfzig Prozent davon gehörten Alex. Sie verschränkte die Hände hinter dem Rücken und ging an den L-förmigen Schreibtisch, der in der Mitte des Raumes stand und das Büro beherrschte. Auf der einen Seite stand ein Computer, auf der anderen war ein freier Bereich, in dem allerdings perfekte Ordnung herrschte. Alles war sorgfältig ausgerichtet, vom goldenen Schreibset über die in Leder gefasste Schreibunterlage bis zum Telefon. Selbst der Bilderrahmen stand exakt parallel zum Schreibset.

Bilderrahmen? Lizzie schaute kurz zur Tür hinüber, bevor sie nach dem Rahmen griff, um das Foto zu betrachten. Zu ihrer Überraschung handelte es sich um die Aufnahme von zwei Jungen. Brüder, vielleicht sogar Zwillinge. Beide lächelten, hatten schwarzes Jahr und Grübchen und eine Ausstrahlung wie …

Wer? Ihr Onkel? Ihr Vater? In welcher Beziehung standen diese Kinder zu Alex? Die Ähnlichkeit war so groß, dass sie mit ihm verwandt sein mussten. Die beiden waren höchstens fünf, aber schon jetzt war ihnen anzusehen, wie sie später einmal auf das andere Geschlecht wirken würden.

Lizzie musste unwillkürlich lächeln.

„Rita hat mich daran erinnert, wie spät es schon ist“, bemerkte Alex, als er mit zwei Tassen hereinkam.

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