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In Liebe, für immer

Für meine Mutter Tania,
für meinen Mann Adam
und meine Tochter Aurelia:
drei Generationen,
die mich die wahre Bedeutung von Liebe gelehrt haben.

Wir sind aus solchem Stoff
wie Träume sind, und unser kleines Leben
ist von einem Schlaf umringt.

William Shakespeare: Der Sturm

PROLOG

Ich wollte nie so jung sterben. Das will wohl niemand. Wie viele Menschen würden sich schon bereit erklären, ihren siebenunddreißigsten Geburtstag oder ihren achten Hochzeitstag nicht zu erreichen oder das siebte Lebensjahr ihrer Tochter nicht mitzuerleben? Kaum jemand würde freiwillig auf all das verzichten, wenn er die Wahl hätte. Aber darauf jedoch läuft es schließlich hinaus, richtig? Dass wir keine Wahl haben.

Eines Tages verlässt man mit seinem Ehemann das Restaurant und denkt nicht weiter über die Zukunft nach. Man ist sicher, dass sie kommen und dass man Teil von ihr sein wird, ist beschäftigt mit der Beförderung, die man gerade gefeiert hat, der Planung des Sommerurlaubs und den Fortschritten, die das Kind macht und über die man gerade gesprochen hat. Ein Abend, an dem das Glück, das man empfindet, nur zum Teil aus der Flasche Champagner stammt, die man gemeinsam geleert hat, hauptsächlich aber Resultat eines jener seltenen Augenblicke ist, in denen sich die Puzzleteile zusammenfügen und man klar das Bild des Lebens vor sich sieht, an dem man seit Wochen und Monaten, seit Jahren gebastelt hat. Und im nächsten Moment liegt man auf dem Boden, ist sich nur undeutlich bewusst, wie man dahin gelangt ist, und spürt scharf den heißen, ziehenden Schmerz im linken Arm, der rasch in die Brust vorrückt.

Ich erinnere mich, dass ich dachte, niemand könne solche Schmerzen überleben. Nachdem mein Herz entschieden hatte, dass es nicht mehr von dieser Welt war – eine Entscheidung, die getroffen wurde, lange bevor der Notarzt kam, lange bevor dieser Abend überhaupt begann, wie sich erwies: ein Herz, dem vorzeitig aufzugeben bestimmt gewesen war, seit dem Moment, da es zu schlagen begonnen hatte –, nachdem mein Herz also versagt hatte, fand ich mich hier wieder.

Ich weiß gar nicht, wo »hier« ist. Wenn ich an den Himmel geglaubt hätte, wäre ich jetzt enttäuscht. Hier ist niemand außer mir; es gibt kein Wiedersehen mit geliebten Menschen, und keine geflügelten Wesen checken Leute ein oder aus. Ich bin vollkommen allein. Und einsam. Einsamer, als ich es je für möglich gehalten hätte. Hier sind keine Gärten, keine Regenbögen, keine verzauberten Welten wie im Land hinter den Spiegeln, nur ein Weiß, das sich in alle Richtungen ausbreitet, so weit das Auge reicht.

Die einzige Abwechslung in dieser grenzenlosen Leere tritt auf, wenn gelegentlich, sporadisch, das Weiß unter mir aufklart wie Nebel, der sich an einem kalten Wintermorgen widerwillig zurückzieht. Dann erhalte ich einen Blick aus dem ersten Rang auf die Welt der Lebenden und kann meine Familie dabei beobachten, wie sie ohne mich weiterlebt. Ich habe keine Ahnung, wer mir diese Einblicke schenkt, warum er es tut oder wie er es macht. Für mich ist es ein Segen und zugleich ein Fluch, die Menschen, die ich liebe, sehen und hören zu können, aber dabei still, unsichtbar, machtlos zu sein. Ich weiß, ich darf mich glücklich schätzen, dass ich wenigstens bruchstückhaft etwas von ihrem Leben mitbekomme, dass ich ihren Gesprächen zuhören und – oberflächlich – so tun kann, als gehörte ich noch immer dazu. Andererseits ist es schmerzhaft, sie nicht trösten zu können, wenn sie traurig sind, nicht mit ihnen zu lachen, wenn sie sich freuen, oder sie einfach zu halten und von ihnen gehalten zu werden, Zuflucht im Behagen körperlicher Nähe zu geben und zu empfangen. Vielleicht würde er mich nicht so aufwühlen, dieser unergründliche Zugang zu den Lebenden, wenn er berechenbarer wäre. Manchmal hält meine Zeit bei ihnen einen ganzen Tag an, manchmal auch nur ein paar Minuten. Manchmal muss ich zwischen zwei Besuchen nur einige Stunden warten, aber manchmal vergehen lange einsame Wochen, ohne dass ich auch nur einen einzigen Blick auf die Realität erhaschen darf. Ich verbringe endlose Zeit allein in diesem undurchdringlichen Weiß und frage mich, was ich in meiner erzwungenen Abwesenheit vermisse, doch in Wirklichkeit vermag ich das Verstreichen der Tage hier nur sehr schlecht zu messen. Und es ist so frustrierend unvorhersehbar: Manchmal darf ich etwas beobachten, an dem ich unbedingt teilnehmen möchte, während sich zu anderen Zeiten der Nebel öffnet und ich Zeuge von Dingen werden muss, die ich nur zu gern verpasst hätte. So grausam kann es sein. Wenn meine Ängste und Fantasievorstellungen überhandnehmen, frage ich mich gelegentlich, ob meine Anwesenheit hier Privileg oder Strafe ist. Ob es sich um eine vorübergehende Erscheinung handelt oder ob es bis in alle Ewigkeit so weitergehen wird. Ob es eine Zukunft gibt, in der ich etwas anderes bin als passive Zuschauerin eines Lebens, an dem ich nicht mehr teilhabe.

Hin und wieder frage ich mich, ob irgendetwas von dem, was ich sehe, überhaupt real ist. In unerträglichen Momenten zweifle ich daran, dass ich wirklich tot bin. Ich hoffe, dass ich in einem Koma liege, aus dem ich irgendwann erwache, und dass das Weiß und die Einsamkeit und die Leben der Lebenden, die ich beobachte, nichts weiter sind als Erzeugnisse meiner unbewussten Fantasien.

Ich habe viel Zeit, um über solche Dinge nachzudenken. Ich frage mich auch, ob es schlimmer ist zuzusehen, wie die eigene Familie um mich trauert oder wie meine Angehörigen eines Tages zu trauern aufhören und ohne mich zu leben beginnen, ohne dass es ihnen wehtut. Ich versuche mir vorzustellen, wie ich mich fühlen werde, wenn ich dahin verlegt werde, wovor es allen Toten grauen muss: in einen fernen und nur selten aufgesuchten Winkel im Bewusstsein der Lebenden, säuberlich verpackt in einer Schachtel mit der Aufschrift Erinnerungen.

Ich denke oft an diese Gespräche zurück, die Paare über den Tod führen, an die Gespräche, in denen jeder erklärt, dass im Falle seines Todes der Hinterbliebene sein Leben weiterführen soll, jemand anders kennenlernen, glücklich sein soll. Heute weiß ich, wie sehr man sich mit solchen Gesprächen Sand in die Augen streut. Wie unaufrichtig man ist. Ich weiß jetzt, dass es auf der Welt nur eines gibt, das schlimmer ist, als zu sterben, und zwar die Angst, eines Tages ersetzt zu werden, während das Leben mit einem nur ganz schwachen Nachhall der eigenen Existenz weitergeht. Denn wenigstens für die Menschen, die wir lieben, sind wir ja alle unersetzlich, nicht wahr?

SCHOCK

1

Heute ist mein Jahrestag. Allerdings jährt sich weder meine Hochzeit noch meine Verlobung oder der Tag, an dem Max und ich einander bei der Hochzeit eines Freundes begegneten und auf der Stelle wussten, dass zwischen uns etwas Besonderes geschehen könnte. Bis dahin hatte ich immer geglaubt, so etwas gebe es nur im Film.

Heute ist der Jahrestag meines Todes. Heute vor einem Jahr lebte ich noch und hatte noch fünfzehn Stunden, ehe die Herzrhythmusstörung, von der ich sechsunddreißig Jahre lang nichts geahnt hatte, den Blutzufluss in meine linke Herzkammer unterbrechen sollte, sodass nicht mehr genug Blut in mein Gehirn gelangte und ich innerhalb weniger Minuten starb.

»Jahrestag« ist wahrscheinlich nicht ganz das richtige Wort, oder? In den letzten Tagen habe ich viel darüber nachgedacht, nachdem ich gehört hatte, wie Max mit seinen Eltern besprach, was er, Ellie, meine Mum und die anderen Menschen, zu deren Leben ich einst gehört habe, zu meinem Todestag tun sollten. Ich habe mich gefragt, ob es sentimental und zügellos und sogar selbstsüchtig von mir wäre, wenn ich hoffte, dass sie den Tag irgendwie begehen würden. Ich weiß aber auch, dass ich am Boden zerstört wäre, wenn sie darauf verzichteten.

Mir bangt davor, dass das Weiß sich auflöst. Und wenn es geschieht, frage ich mich beklommen, was werde ich dann sehen? Besonders schlimm ist es nach längeren Abwesenheiten, beherrscht von Angst und Spekulationen darüber, was ich verpasst habe, während ich fort war. Nicht, dass Zeit für mich noch einen klaren, einheitlichen Ablauf hätte, nicht in dem Sinn, in dem ich ihn kannte, als ich noch lebte. Nur anhand von Informationsbruchstücken, die ich jedes Mal, wenn das Weiß sich lichtet, zusammensetze, kann ich festmachen, wie lange ich abwesend war. Ich komme mir dann vor wie eine Detektivin, die Hinweise sammelt, mit denen sie die Lücken im Zeitablauf der Welt der Lebenden füllt. Statt Zeit gibt es für mich Raum und Stille und oft, trotz der Einsamkeit, eine unerklärliche Beschaulichkeit. Nur verhindert das nicht, dass ich mich sorge, wie es ihnen geht, was sie vorhaben, wie sie ohne mich zurechtkommen. Sich zu sorgen ist wohl das Vorrecht einer Mutter, ob sie nun tot ist oder lebt, oder etwa nicht?

Der heutige Tag scheint zu beginnen wie jeder andere. Die Wolken haben sich geteilt und offenbaren die Leuchtzeiger eines Weckers auf einem Nachttisch – genau des Weckers, der mich in den letzten sieben Jahren meines Lebens an jedem einzelnen Morgen geweckt hat. Sie verraten mir, dass es kurz nach halb sieben ist.

Ellie kriecht eilig unter die Decke, wo Max sich gerade regt und erst langsam erwacht. Sie vergräbt sich unter seinem schweren, schlafenden Arm und wickelt geistesabwesend die spärlichen Haare auf seiner Brust um ihre Finger. Er nimmt ihre Hand, nur zum Teil, um das Kitzeln zu unterbinden, hauptsächlich aber, um ihr zu versichern, er wisse, dass sie bei ihm ist.

Ich glaube, zu dieser Tageszeit vermisse ich sie immer am meisten. Ich vermisse das Gefühl, wie Ellie jeden Morgen zu uns ins Bett gekrochen ist und mich mit dem Federgewicht ihres kleinen schlanken Körpers geweckt hat. Ich vermisse ihre Gleichgültigkeit gegenüber den erwachsenen Gliedmaßen, über die sie hinüberkletterte, um die winzige Lücke zwischen uns zu finden, wo sie mit den Füßen zuerst unter die Bettdecke schlüpfen konnte. Ich vermisse den Geruch ihres Haares, den Anblick ihrer schläfrig flatternden Lider und die Wärme ihrer Beine, die sich – erhitzt nach einer langen Nacht unter ihrer Hello-Kitty-Bettwäsche – um die meinen schlangen.

Max und ich legten dann immer die Arme um sie und hielten sie zwischen uns fest. »Ellie-Sandwich« nannten wir sie, und sie musste darüber kichern. Wir sagten ihr, dass sie das beste Frühstück sei, das man sich wünschen könne.

»Daddy?«

Max stößt ein tiefes Ächzen aus und zieht Ellie zur Antwort in eine sichere Umarmung.

»Daddy, bist du wach?« Ellie kämpft, um sich von Max zu befreien, und stupst sanft gegen seine geschlossenen Lider.

»Nein, ich schlafe noch.«

Ellie kichert.

Es ist ein Spiel, das sie beinahe jeden Morgen spielen, und dennoch scheint Ellie nie genug davon zu bekommen.

»Du bist wach, Daddy. Du hast doch was gesagt.«

»Ich rede im Schlaf, Schatz. Ich bin überhaupt noch nicht wach. Guck.«

Max stößt ein langgezogenes, übertriebenes Schnarchen aus.

Ellie lacht noch immer. »Daddy, werd wach! Wir haben schon Morgen.«

»Aber nur gerade so eben. Hör auf, mir in die Augen zu stechen, dann wache ich ganz bestimmt schneller auf. Wie hast du geschlafen, Schatz?«

»Ich hab die ganze Nacht durchgeschlafen. Ich musste nicht mal aufs Klo.«

»Das ist sehr gut, Engel. Und hast du was Schönes geträumt?«

Max fragt Ellie jeden Morgen nach ihren Träumen. Das ist seine Art, eine Tradition fortzuführen – unsere Tradition –, die begann, als unsere Romanze nur wenige Wochen alt war und ich ihm in allen Einzelheiten die Geschichten anvertraute, die ich mir während der Nacht erzählt hatte. Er sagte, er kenne niemanden, der sich so lebhaft an seine Träume erinnere, und er könne kaum glauben, dass jemand tagsüber derart von Ereignissen beeinflusst werde, die nur in den unbewussten Tiefen der Nacht geschehen seien. Manchmal träumte ich, dass er mir untreu gewesen wäre, und am Morgen war ich dann so aufgewühlt, als hätte er mich tatsächlich betrogen.

»Du kannst mir keine Seitensprünge vorwerfen, die ich in deinen Träumen begehe«, sagte er dann lachend, und er tröstete und beruhigte mich damit, dass selbst meine stärksten Ängste nicht die Kraft hätten, etwas wahr werden zu lassen.

Jetzt träume ich gar nicht mehr. Ich schlafe nicht, also kann ich nicht träumen. Träumen ist nur eine der vielen Erfahrungen lebender Menschen, die ich vermisse. Ich vermisse den Zauber des Schlafes, das Wissen, dass ich noch immer denke, fürchte, begehre und verzweifle, obwohl ich mir dessen nicht bewusst bin. Ich vermisse die Gelegenheit, allem zu entfliehen.

»Weiß ich nicht mehr. Wovon hast du geträumt, Daddy?«

»Nun, Schatz, ich habe von Mummy geträumt. Du warst in dem Traum. Wir haben in einem kleinen Boot auf dem Meer gesessen, so ein Boot wie das, das wir in Griechenland hatten, und es war richtig heiß und sonnig. Erinnerst du dich noch an das Boot, das wir für einen Tag gemietet hatten und mit dem wir die ganzen schönen Buchten abgefahren sind?«

»War das, wo ich ein Eis wollte und du gesagt hast, es gibt keins?«

Max lacht.

Sie hat recht. Den ganzen Tag auf dem Boot hat sie gequengelt, weil sie ein Eis haben wollte und nicht begreifen konnte, weshalb wir ihr keins herbeizauberten. Der Urlaub war wunderbar, zwei idyllische Wochen in Griechenland – erst in Athen, dann auf Naxos –, und Max war unser persönlicher Fremdenführer gewesen. Als wir die Reise buchten, machte ich mir Sorgen, Ellie könnte sich langweilen, wenn wir zwischen antiken Ruinen herumklettern und historische Wahrzeichen erkunden würden, doch sie schien Max’ Freude an der Geschichte geerbt zu haben und lauschte gebannt seinen Erzählungen von Göttern und Göttinnen, von Krieg und Vergeltung, von Liebe und Ehre.

In diesem Urlaub war Ellie zum ersten Mal, im zarten Alter von fünf Jahren, eine richtige Reisegefährtin gewesen, die lange mit uns aufblieb, dicke Oliven und in der Pfanne gebratenen Halloumi, Sardinen vom Grill und riesige Garnelen aß, über die Erlebnisse des Tages plauderte, über die möglichen Abenteuer des kommenden Tages sprach und ihre eigene, individuelle Hierarchie der ästhetischen Vergnügen entwickelte: Sie zog klares blaues Wasser den staubigen Olivenhainen vor, die Berge dem Flachland, den Sonnenuntergang dem blauen Mittagshimmel.

Und es war unser letzter gemeinsamer Urlaub gewesen. Ich wüsste gern, ob sie sich in den Jahren, die kommen, überhaupt noch daran erinnern wird.

»Klar, dass dir sofort das eine Mal einfällt, wo du kein Eis bekommen hast. Aber normalerweise bin ich doch ein ziemlich guter Eiscremejäger, oder nicht?«

Ellie kichert und schlingt die Arme um Max’ Brust.

Ich schließe die Augen und stelle mir vor, dass ich es bin, die sie umarmt. Die Erinnerung an die Wärme ihres Atems an meinem Hals ist noch so frisch, dass ich für einen ganz kurzen Moment glauben kann, ich spürte sie wirklich: ihre Wange platt an meiner Schulter, ihr Gewicht in meinem Arm, ihr weiches Haar an meinen Lippen, die Luft von tief in ihr, die sanft über meine Haut streicht.

Ich verzehre mich körperlich danach, sie zu halten.

Als ich die Augen öffne, löst sich Max sanft aus Ellies Umarmung.

Er nimmt ihr Gesicht zwischen die Hände und mustert sie mit einem Ernst, der gar nicht zu der Unterhaltung passt, die sie gerade geführt haben. »Schatz, weißt du, was für ein Tag heute ist?«

Ich spüre, wie die tektonischen Platten der Panik sich verschieben. In den letzten paar Tagen habe ich an nichts anderes gedacht als an die Hoffnung, dass er Ellie daran erinnern würde, doch jetzt, da er es tut, stelle ich fest, dass ich mir wünsche, er ließe es bleiben. Ich weiß, dass es ihr gegenüber nicht fair ist, die Erinnerungen immer wieder zu wecken, zugleich aber – selbstsüchtig – spüre ich eine vorauseilende Enttäuschung für den Fall, dass er es ihr gestattet zu vergessen.

»Äh, es ist Mittwoch, Daddy. Ich war gestern in der Schule und vorgestern auch, und davor war Wochenende.«

»Ja, Schatz, da hast du recht. Aber heute ist ein besonderer Tag. Soll ich dir sagen, wieso?«

In Ellies Gesicht vereinen sich Verwirrung, Misstrauen und Hoffnung. Sie erinnert sich nicht. Natürlich tut sie das nicht. Sie ist schließlich erst sieben. Wenn ich ehrlich sein soll, bin ich sogar erleichtert, dass sie nicht die Tage abzählt, bis sich der Abend jährt, an dem sie erfahren musste, dass ihre Mummy nie wieder nach Hause kommt.

»Was ist denn heute besonders? Machen wir eine Party?«

»Nein, Schatz, wir machen keine Party. Erinnerst du dich an letztes Jahr, als wir alle so traurig waren, weil Mummy krank wurde und nicht mehr bei uns sein konnte? Na ja, heute ist es genau ein Jahr her, dass Mummy gestorben ist. Deshalb dachte ich, es wäre schön, wenn du und ich sie nach der Schule besuchen gehen. Vielleicht nehmen wir ihr Blumen mit, damit sie weiß, dass wir an sie denken. Was meinst du, würdest du das gern tun?«

Ich wäre entzückt, wenn ihr das tätet.

Ellie scheint sich nicht so sicher zu sein. Sie vergräbt ihren Kopf an Max’ Brust, die Augen fest zugekniffen, als wollte sie die ganze Welt und ganz besonders dieses Gespräch von sich fernhalten.

Max streicht ihr über den Scheitel. »Was hast du, Schatz? Macht es dich traurig, von Mummy zu sprechen? Du weißt doch, dass das völlig in Ordnung ist, oder? Ich bin immer ganz traurig, wenn wir von Mummy sprechen. Wir vermissen sie, stimmt’s?«

Ellies einzige Reaktion besteht darin, dass sie sich noch mehr zusammenrollt und die Augen weiter fest geschlossen hält.

Vielleicht ist das die Antwort für mich. Vielleicht ist das alles zu viel für Ellie. Vielleicht vergessen Max und ich beide, wie klein sie noch ist, wie verwundbar, wie zerbrechlich.

»Engel, es tut mir leid. Ich weiß, dass es schwer ist. Ich weiß es wirklich. Ich werde dich zu nichts zwingen, was du nicht möchtest. Ich dachte nur, es wäre nett, wenn wir uns heute auf diese Art an Mummy erinnern. Was macht dir denn solche Angst? Dass wir über Mummy sprechen?«

Ellies langes, lockiges braunes Haar zittert fast unmerklich.

Es sind Momente wie dieser, in denen ich am meisten infrage stelle, was ich hier tue. Wieso lässt man mich beobachten, was auf der Welt vorgeht, ohne mir die Möglichkeit zu geben, mein kleines Mädchen hochzunehmen und dafür zu sorgen, dass alles gut wird?

»Meinst du, du kannst mir eine Antwort geben, Schatz? Ich glaube, wir sind heute beide sehr traurig, aber vielleicht wird es besser, wenn wir uns gegenseitig erzählen, wie es uns geht. Glaubst du, das schaffst du?«

Ellie reagiert gar nicht.

Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich weiß, dass ich nichts tun kann. Doch ich bin mir nicht sicher, ob ich an Max’ Stelle wüsste, was ich tun sollte. Ich bin mir nicht sicher, ob es überhaupt jemanden gibt, der einem zeigt, wie man die Welt für ein Kind richtet, für das bereits so viel schiefgegangen ist.

»Möchtest du nicht mit auf den Friedhof? Ist es das?«

Ellie stößt lang angehaltene Luft aus und nickt zögernd.

Es schmerzt mich, obwohl ich weiß, dass es das nicht sollte. Rational weiß ich, dass kein siebenjähriges Kind sich auf einen Besuch auf dem Friedhof freuen würde. Als Mutter weiß ich, dass Ellie zu zart ist, um wieder und wieder zu trauern. Und trotzdem fürchte ich mich vor der Möglichkeit, im Labyrinth von Ellies Gedächtnis verloren zu gehen, zu einem Wort zu werden, das ohne Erinnerung ausgesprochen wird – ohne dass dabei ein Gedanke oder ein Gefühl mit aufsteigt. Doch ich weiß nicht, was Max noch tun könnte, um in ihrer Erinnerung die Mutter lebendig zu halten, die sie so lieb hatte und die sie nie verlassen wollte.

»Süße, kannst du mich ansehen?« Max versucht, Ellies Kopf wegzuziehen, den sie ihm noch immer an die Brust drückt, doch es scheint, als klebte sie an ihm fest, so groß ist ihre Entschlossenheit, sich vor der Trauer zu schützen, der sie sich einfach noch nicht stellen kann. »Gut, du bleibst hier. Aber möchtest du mir erzählen, was du am Friedhof nicht magst? Denn ich glaube, wenn du es mir sagen kannst, dann ist es nachher gar nicht so schlimm.«

Lange herrscht Schweigen, während Ellie über Max’ Vorschlag nachdenkt.

»Da ist es gruselig.« Die Worte, gegen Max’ Brust gemurmelt, sind gerade eben hörbar, als könnten sie, wenn sie sie deutlich und laut ausspricht, etwas noch Schlimmeres auf die Sprecherin herabbeschwören als das, was sie bereits erduldet hat.

Ich habe angenommen, man könnte keine größeren Schuldgefühle über etwas empfinden, als über die Tatsache, dass man stirbt und die eigene Tochter ohne Mutter zurücklässt. Ich dachte, ich hätte akzeptiert, dass ich keine Gewalt über meinen Tod hatte und es außerhalb meiner Macht lag, Ellie nicht allein zu lassen. Dass manchmal einfach kein Zusammenhang besteht zwischen dem, weswegen wir uns schuldig fühlen, und unserer Beteiligung an den Ursachen. Ich habe angenommen, dass das Schuldgefühl mit der Zeit vielleicht nachlässt.

Doch Schuld ist, wie es scheint, der Titanstahl unter den Gefühlen.

»Engel, ich glaube, jeder findet Friedhöfe ein bisschen gruselig. Warum sagst du mir nicht, wovor du dich am meisten fürchtest? Vielleicht können wir deine Angst verjagen?« Max gelingt es, Ellies Kopf von seiner Brust zu lösen, und sie ist endlich bereit, die Augen zu öffnen und sich der Welt zu stellen, die sie verraten hat.

»Es sind diese ganzen Toten. Die sind schrecklich. Woher willst du wissen, dass sie nicht einfach aus der Erde rauskommen wie bei Scoobie Doo?« Ellie ist jetzt nachdrücklicher, sicher, dass die Cartoonwelt die ihre widerspiegeln muss.

»Bei Scoobie Doo ist es aber nie wirklich ein Monster oder ein Zombie, was da rumgeht und die Leute erschreckt, stimmt’s? Es ist immer nur ein Mensch, der sich verkleidet, so wie an Halloween. Du weißt doch, dass es so was gar nicht gibt – dass jemand von den Toten aufersteht, oder?«

Ich kann nicht anders, als mich zu fragen, ob Ellie es nicht vorziehen würde, wenn die Toten wiederkehrten und die Lebendigen heimsuchten. In diesem Fall wäre der Tod wenigstens nichts Endgültiges. Dann hätte sie mich nicht für immer verloren.

»Aber da ist es immer so still. Das finde ich richtig unheimlich.« Ellie sieht Max bittend an.

Vielleicht sollten sie einfach bis zum nächsten Jahr warten oder sogar bis zum Jahr danach – bis wann immer in der unabsehbaren Zukunft sie bereit ist, sich vor den leblosen Stein zu stellen, der an mich erinnern soll. Schließlich ist es nicht so, als würde sich mein Grab in Luft auflösen.

»Ich weiß, dass Friedhöfe ein bisschen unheimlich sein können, Schatz, aber ich wäre ja bei dir. Wie wäre es damit: Nach der Schule fahren wir einfach vorbei, und wenn du es da nach fünf Minuten nicht mehr aushältst, dann gehen wir wieder. Wie klingt das?«

Das klingt wie die perfekte Lösung, Max.

»Hmm … Okay, Daddy. Wenn du es auch gruselig findest, dann will ich nicht, dass du ganz allein da hingehst. Aber versprichst du mir, dass wir wirklich gehen, wenn mir unheimlich ist?«

»Ich verspreche es, Engel. Hand aufs Herz.«

Und hoffe, nicht zu sterben.

Als Max und Ellie sich den letzten Minuten ihrer Morgenumarmung ergeben, zieht er sie an sich und küsst sie beschützend auf den Kopf.

Ich wusste immer, dass Max ein guter Vater sein würde. Ich war nur nicht darauf vorbereitet gewesen, in welchem Ausmaß sich meine Liebe zu ihm vervielfachen würde, als ich Zeugin wurde, wie gut er war. Während der ersten paar Jahre, die wir nur zu zweit waren, hätte ich nicht gedacht, dass es möglich wäre, ihn noch mehr zu lieben als ohnehin schon. Ich glaubte, die unvergleichliche Tiefe seiner Geduld zu kennen, seine Großzügigkeit, sein Einfühlungsvermögen, seine unglaubliche Fähigkeit, jedes Problem, so schwierig es auch sein mochte, überwindbar erscheinen zu lassen. Doch dann kam Ellie und mit ihr der Beweis, dass sogar die Menschen, von denen man glaubt, sie am besten zu kennen, einen überraschen können, denn ich wurde Zeugin der Zartheit und Verehrung, mit denen er unser kleines Mädchen auf der Welt willkommen hieß. Und jetzt ist er dort und zieht unser Kind ohne mich auf. An diese Möglichkeit hatte ich nie gedacht, als ich noch lebte. Ich glaube nicht, dass irgendjemand so etwas in Betracht zieht. Vermutlich können sich nicht viele Menschen vorstellen, dass sie vielleicht nicht in der Lage sein werden, ihre Kinder ins Erwachsenenalter zu begleiten.

Als das Sieben-Uhr-Piepen des Weckers ertönt, zieht sich unter mir das Weiß zusammen, und mir wird schmerzlich bewusst, dass meine Zeit als Zuschauerin – wenigstens für heute Morgen – dem Ende entgegengeht. Ich sehe zu, wie Max und Ellie langsam außer Sicht geraten. Sie lassen mich mit dem Bild vor Augen zurück, wie sie sich unter der Decke zusammenkuscheln und das zärtlichste aller Morgenrituale teilen, ein Anblick, bei dem jeder Mutter das Herz – sogar mein nutzloses Herz – vor Liebe und Sehnsucht übergeht.

2

Die Wolken teilen sich und enthüllen Max.

Mit einem überteuerten Hühnchen-Pesto-Panini und meiner besten Freundin Harriet sitzt er in dem Café nur eine Ecke von seiner Schule entfernt. Dieses Ereignis ist beispiellos; ich wüsste nicht, dass Max in seinen sechzehn Jahren als Geschichtslehrer jemals zum Mittagessen das Schulgelände verlassen hätte, und Harriets Job als Firmenanwältin lässt ihr nur selten genug Zeit, um vor Mitternacht zu Hause zu sein, geschweige denn mitten am Tag von ihrem Büro in Holborn durch die halbe Stadt zu uns nach Acton zu kommen. Ich kann nur annehmen, dass ich bloß ein paar Stunden verpasst habe und dieser außergewöhnliche gemeinsame Lunch etwas mit dem heutigen Datum zu tun hat.

Harriet war seit der Uni meine beste Freundin. Viele Außenstehende begreifen vermutlich nicht, was uns verband, aber vom ersten Semester an, in dem wir einander Geheimnisse anvertrauten, die wir sogar vor uns selbst kaum einzugestehen wagten, habe ich immer gewusst, dass unsere Unterschiede nur oberflächlich waren. Trotz Harriets Selbstvertrauen, ihrer scheinbar forschen Art und ihrer Weigerung, jemals einen Irrtum einzugestehen – allesamt Eigenschaften, die aus ihr ohne Zweifel eine fantastische Anwältin machen –, sind wir gar nicht so verschieden. Vielleicht hat sie ihre Unsicherheiten besser verbergen können als ich, aber ich glaube, in diesen frühen Tagen unserer Freundschaft war uns klar – vielleicht unbewusst –, dass zwischen uns eine Wesensverwandtschaft bestand, die alle oberflächlichen persönlichen Differenzen überwand. Erst später entdeckten wir, dass wir beide abwesende Väter hatten, deren Verschwinden uns und das Leben, das wir anstrebten, geprägt hatte, wenngleich auf unterschiedliche Weise.

Als Ellie geboren wurde, bestand für mich keine Frage, dass Harriet mehr zukommen sollte als das allgegenwärtige Beiwort »Tante«, und so wurde die Frau, die zwanzig Jahre zuvor geschworen hatte, niemals ein eigenes Kind zu bekommen, Patin meiner Tochter. Und jetzt, da ich tot bin, könnte ich dafür nicht dankbarer sein. Denn Harriet ist nicht nur alles, was man sich von einer Patentante erhofft – sie ist vernarrt in Ellie, engagiert und auf trotzige Weise unkonventionell –, sie gehört zudem zu den nur drei Frauen, bei deren Präsenz im Leben meiner Tochter mich nicht Neid und das Gefühl von Ausgeschlossenheit überwältigen. Und von diesen dreien ist nur Harriet nicht mit Ellie verwandt.

»Und, wie geht es dir?«

Eigentlich sollte diese Frage an Max gerichtet sein, doch stattdessen stellt er sie. Selbst heute, ausgerechnet heute, spielt er wie in den vergangenen zwölf Monaten den Stoiker und setzt jedermanns Gefühle über seine eigenen Empfindungen.

»Ach, weißt du, es fühlt sich einfach merkwürdig an … Ich meine, sie war meine beste Freundin, und ich vermisse sie furchtbar, doch das heißt noch lange nicht, dass ich wüsste, wie ich mich heute benehmen soll. Reicht es, dass wir uns treffen, um über sie zu reden? Es kommt mir eigentlich nicht so vor, als wäre es genug, nur bin ich mir nicht sicher, was ich sonst noch tun könnte. Aber wie geht es dir? Das ist viel wichtiger.«

»Ehrlich? Ich glaube, ich fühle mich nicht anders als vor einem Jahr. Diese Phrase, dass die Zeit alle Wunden heilt … Das ist Quatsch. Ich denke die ganze Zeit an Rachel. Ich denke an sie, wenn ich wach bin, ich träume von ihr, wenn ich schlafe, und wenn ich aus dem Traum hochfahre, dann verbringe ich die halbe Nacht damit, sie zu vermissen. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal richtig durchgeschlafen habe. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass Trauer einen derart auslaugt.«

Das ist etwas, das du und ich jetzt gemeinsam haben, mein Liebling. Die Menschen reden immer davon, dass die Toten ruhen, aber ich entsinne mich nicht, in meinem ganzen Leben jemals so müde gewesen zu sein wie jetzt.

»Weißt du, mir ist vorher nie klar gewesen, wie fertig der Schlafentzug einen macht. Ich erinnere mich, wie Ellie gerade auf der Welt war und Rachel sie jede Nacht zwei oder drei Mal füttern musste, und ich weiß ehrlich nicht, wie sie das geschafft hat, ohne den Verstand zu verlieren. Im Moment kommt es mir so vor, als stünde ich andauernd an der Schwelle zum Wahnsinn. Und ich verhalte mich auch ziemlich oft so, als wäre ich bereits wahnsinnig. Neulich habe ich Ellie mit zu meinen Eltern genommen, und als ich nach Hause kam, stellte ich fest, dass ich den Schlüssel im Türschloss stecken gelassen hatte. Ein Wunder, dass uns niemand das Haus leer geräumt hat!«

Das ist nicht die erste kleine Katastrophe, der Max im vergangenen Jahr knapp entgangen ist. Einmal hat er einen Auflauf im Backofen vergessen, und erst das Schrillen des Rauchmelders im Flur warnte ihn vor der drohenden Brandgefahr. Manchmal steht er mitten in der Nacht auf und geht unter die Dusche, weil er davon überzeugt ist, dass es schon Morgen ist. Seinen Fehler bemerkt er dann erst, wenn er das Radio einschaltet und statt des Morgenmagazins irgendeine wahllose Zusammenstellung aus Weltmusik und Dokumentarsendungen hört, mit der der Sender die Nacht überbrückt. Und einmal, als Ellie bei meiner Mutter war, ging er frühmorgens laufen, und als er eine Stunde später wiederkam, entdeckte er, dass er in der Badewanne das Wasser nicht abgestellt hatte. Sie war übergelaufen und hatte sogar die Küche überflutet, ein einziges Desaster. Max war ein einziges Desaster. Am nächsten Wochenende kam sein Vater, um ihm bei der Renovierung beider Räume zu helfen. Das war allerdings ganz am Anfang. In letzter Zeit steht er eindeutig nicht mehr so neben sich. Wenigstens meine ich das. Aber vielleicht spricht da auch nur mein Wunschdenken aus mir.

»Jetzt mach dich bloß nicht selber fertig, Max! So etwas passiert jedem mal. Du bist ja noch kein Fall für die Anstalt, nur weil du hier und da mal was vergisst.«

»Wann ist dir denn zum letzten Mal so etwas passiert, Harriet? Ich sehe nicht, dass du so vergesslich wärst.«

»Natürlich würde ich niemals so etwas Dummes tun, wie meinen Schlüssel in der Haustür stecken zu lassen. Doch das liegt daran, dass ich ein Kontrollfreak mit milden Zwangsstörungen bin und ein Dutzend Mal nachsehen muss, ob alles abgeschlossen ist, ehe ich auch nur das Gartentor hinter mir zuziehe. Beurteile dich nicht, indem du dich an mir misst, Max, denn das führt nur auf einem anderen Weg in den Wahnsinn!«

Max grinst schief.

Ich ebenfalls. Harriet mag der pingeligste Mensch sein, den ich je kannte, aber mangelnde Selbstbeobachtung kann man ihr nicht vorwerfen.

»Wo wir schon von verrückten Entscheidungen sprechen: Ich nehme Ellie nachher mit zum Friedhof. Ich finde, dass es wichtig ist, den Tag irgendwie zu begehen. Sie möchte eigentlich nicht hin, und ich weiß nicht, ob es richtig von mir ist, wenn ich sie dazu überrede. Ich bin mir nicht sicher, ob ich nun möchte, dass sie mitkommt, weil ich meine, dass es ihr unterm Strich guttut, oder weil ich es für das Richtige für mich halte oder das Richtige für Rachel. Ich weiß, Letzteres klingt absurd, weil Rachel ja nie erfahren wird, ob wir hingehen oder nicht.« Max hält einen Moment inne, um zu überdenken, was er gerade gesagt hat, so als riefe das laute Aussprechen dieser Worte ihm wieder frisch ins Gedächtnis, dass ich wirklich tot bin. »Ich weiß es nicht, Harriet. Tue ich das Richtige? Was hältst du davon? Gott, willkommen in der Welt der Hinterbliebenenbetreuung, wo alles, was du sagst, fast mit Sicherheit das Falsche sein wird!«

Und willkommen in der Welt, in der ein einziger Satz die Macht hat, mir das Herz von Neuem zu brechen!

»Ich finde, du musst damit aufhören, so verdammt hart zu dir zu sein, Max. Jeder sagt dir doch, wie gut du dich die ganze Zeit schlägst. Mensch, sogar ich sage dir, wie toll du mit Ellie umgehst, und ich bin nicht gerade dafür bekannt, mit Komplimenten um mich zu werfen, nur damit Leute sich besser fühlen. Du bist das große Vorbild für jeden alleinerziehenden Vater.«

Das stimmt. Max ist einfach bewundernswert. Ich wünschte nur, ich wäre es, die ihm das sagte. Nein, das ist nicht ganz richtig. Ich wünschte, niemand würde es ihm sagen. Ich wünschte, es bestünde gar nicht die Notwendigkeit, es ihm zu versichern.

»Das ist nett von dir, Harriet. Wirklich, ich weiß das zu schätzen. Ich bin mir nur nicht sicher, ob meine Schuldgefühle davon verschwinden.«

»Mein Gott, weswegen fühlst du dich denn schuldig? Du tust, was du kannst, und lass dir eins gesagt sein, das ist nach jedermanns Maßstäben verdammt gut!«

Max blickt auf den letzten verbliebenen Bissen seines Paninis und sieht nicht wieder hoch, nicht einmal, als er langsam und leise zu einer Antwort ansetzt. »Wieso wusste ich es nicht? Das ist die Frage, die mir ständig im Kopf rumgeht, die ganze Zeit, Tag und Nacht. Sie treibt mich in den Wahnsinn. Wenn ich Rachel wirklich geliebt habe, wie um alles in der Welt kann es möglich sein, dass ich es nicht gewusst habe?«

»Dass du was nicht gewusst hast?«

»Dass sie krank war. Dass ihr Herz kaputt war, dass es im wahrsten Sinne des Wortes gebrochen war. Ich begreife es noch immer nicht. Es gab keinerlei Anzeichen, nicht einmal an diesem letzten Abend. Wie kann ich denn übersehen haben, dass da etwas so katastrophal falsch war? Was für einen Ehemann macht das aus mir? Wirklich, Harriet, was für ein Ehemann bin ich denn?«

So habe ich Max noch nie reden hören. Vielleicht hat er schon so geredet, und ich habe es bisher nur nicht gehört. Oder vielleicht hat er so noch nie gesprochen, und es ist das erste Mal, dass diese Gefühle eine Stimme finden.

»Max Myerson, es macht dich zu einem Ehemann, der zufällig kein Kardiologe ist. Im Ernst, du kannst dir doch nicht wirklich Rachels Tod vorwerfen? Niemand wusste, dass mit ihr etwas nicht stimmte. Kein Arzt, auch nicht ihre Mutter, nicht einmal Rach selbst, soweit wir es sagen können.«

Harriet hat recht. Niemand hat je diese Spannungslinie im lebenswichtigsten meiner Organe entdeckt. Viereinhalbtausend Schläge in der Stunde, über hunderttausend Schläge im Jahr, und dennoch hat nie jemand entdeckt, dass bei mir einige fehlten – wenige, aber genug, um eine Rolle zu spielen. Ich versuche, nicht wütend darüber zu sein, dass in sechsunddreißig Jahren kein einziger Arzt diesen kritischen Fehler entdeckt hat. Ich versuche es, doch es gelingt mir nicht immer. Harriet hat recht, auch ich habe nichts von den Anzeichen bemerkt. Ich habe meine Kurzatmigkeit, meine Müdigkeit und meine gelegentlichen Schwindelanfälle immer für die Folgen meiner mangelnden Fitness gehalten. An jenem Abend, an unserem letzten Abend, auf der Fahrt zum Restaurant hatte ich mir wieder einmal vorgenommen, mich bei einem Fitnessstudio anzumelden. Ich weiß nicht, ob das einen Unterschied ausgemacht hätte. Vermutlich nicht.

»Ich überlege immer, ob sie vielleicht noch am Leben wäre, wenn wir an dem Abend nur nicht ausgegangen wären. Wenn ich nur nicht die Flasche Champagner bestellt hätte … Mir war eben nach Feiern zumute, weißt du, und ich wollte, dass wir einen ganz besonderen Abend verbringen. Rachel hat in den Wochen, in denen ich mich auf das Gespräch für den Posten des stellvertretenden Schulleiters vorbereitet habe, so viel ertragen müssen … Ich war so beschäftigt mit dem Gedanken, was das hieße, wenn ich die Stelle nicht bekäme. Ich war mir nicht einmal sicher, ob ich an der Schule bleiben könnte, wenn ich den Posten nicht bekäme. Und dann bekam ich ihn doch und wollte nur einen schönen Abend mit Rachel verbringen, als Dank für ihre Unterstützung. Aber jetzt denke ich ständig, dass vielleicht nichts von alldem passiert wäre, wenn wir an dem Abend zu Hause geblieben wären.«

»Jetzt hör mal gut zu, Max: Du musst aufhören, dir solche Gedanken zu machen! Du weißt so gut wie ich, dass ein Abend im Restaurant nicht den Unterschied zwischen Leben und Tod ausgemacht haben kann. Du musst aufhören, dich fertigzumachen. Damit bringst du Rach nicht zurück. Nichts davon ist deine Schuld. Du wusstest nicht, dass Rach krank war, du konntest es gar nicht wissen, und deshalb hätte auch nichts, was du tun konntest, irgendeinen Unterschied bedeutet.«

»Ich hätte etwas tun müssen, um sie zu retten.« Max flüstert es fast, und als er es ausgesprochen hat, scheint er völlig erschöpft zu sein.

Das sind die Augenblicke, in denen ich mir am stärksten wünsche, ich könnte brüllen und die unsichtbare Barriere durchdringen, die uns trennt, damit Max meine Stimme hört und ich ihm versichern kann, dass ich ihm keine Schuld gebe. Ich will ihm sagen, wie leid es mir tut, dass ich ihm diese Last aufgebürdet habe. Ich möchte ihm versichern – ihn beschwören, mir zu glauben –, dass er überhaupt nichts getan hat, weswegen er sich schuldig fühlen müsste. Wenn jemand sich schuldig fühlen müsste, möchte ich ihm sagen, dann bin das ich, denn ich habe die Anzeichen nicht erkannt; ich war nicht in der Lage, mich zu retten, und ich habe meinen Mann ohne Frau und meine Tochter ohne Mutter zurückgelassen.

Man sagt, Rückschau sei etwas Wunderbares. Mir kommt es vor, als wäre man hinterher nur deshalb klüger, damit uns unsere Fehler und unser Versagen umso mehr wurmen können.

Max und Harriet haben eine Minute oder so schweigend dagesessen. Harriet hat die Hand auf den Ärmel von Max’ grauem Jackett gelegt. Er hält den Kopf noch immer gesenkt, sie starrt aus dem Fenster, weil sie sich sagt – vollkommen zu Recht –, dass es keine passenden Worte gibt, die sie hätte sagen können.

»Es tut mir leid, Harriet. Ich sollte das nicht alles auf dich abwälzen. Du hättest es dir bestimmt zweimal überlegt, ob du durch die halbe Stadt fährst, um dich mit mir zu treffen, wenn du gewusst hättest, dass es zum Mittagessen Selbstmitleid gibt. Himmel, ich hasse mich selbst, wenn ich so bin!«

»Wenn du wie bist? Wenn es dir schlechtgeht? Wenn du trauerst? Ehrlich, Max, ich würde dich für einen sehr merkwürdigen Menschen halten, wenn du heute gut drauf wärst.«

»Dafür, dass ich es nicht schaffe, aus diesem Sumpf des Selbstmitleids rauszukommen. Das fühlt sich so erbärmlich an. Ich fühle mich so erbärmlich.«

»Max, eines brauchst du ganz bestimmt nicht zu tun: dich zu entschuldigen. Wenn ich vollkommen offen sein soll, bin ich überrascht, dass wir im vergangenen Jahr nicht mehr dieser Gespräche geführt haben. Ich wollte dich nicht bedrängen und bin davon ausgegangen, dass du mit anderen über diese Dinge gesprochen hast. Hast du das?«

»Soll ich ehrlich sein? Eigentlich habe ich das nicht. Mir kam es unfair vor, meine Probleme auf andere abzuwälzen. Meine Mum hätte sich nur Sorgen gemacht, und Celia hätte es zu sehr aufgeregt – es reicht schon, dass sie ihre Tochter verloren hat, da kann sie die Gefühlsaufwallungen ihres trauernden Schwiegersohns wohl kaum auch noch gebrauchen.«

»Was ist mit Connor?«

Max bringt beinahe ein Lächeln zustande. »Das ist sehr großzügig von dir, Harriet, aber wir wissen beide, dass mein Bruder in den Charts der emotionalen Intelligenz nicht gerade sehr weit oben steht.«

»Nun, du musst mit jemandem reden, Max. Du kannst das nicht alles in dich hineinfressen.«

»Wieso nicht? Ich dachte, ich tue allen einen Gefallen, wenn ich still bin. Ich glaube, die meisten Menschen würden über jedes erdenkliche Thema lieber reden, als jemandem zuzuhören, wie er über seine Trauer jammert. Ich erinnere mich noch gut … Nach Rachels Tod war es, als wären diese Wörter – ›Tod‹, ›tot‹, ›gestorben‹ – über Nacht verschwunden. Die Leute versicherten mir, wie sehr sie meinen ›Verlust‹ bedauerten, als wäre Rachel ein kleiner Hund, der mir im Park davongelaufen ist und den ich vielleicht wiederbekommen hätte, wenn ich nur ein paar Suchplakate mit einer Belohnung aufgehängt hätte. Oder sie sagten, es tue ihnen leid, dass Rachel ›gegangen‹ sei, als wäre sie eben zum Supermarkt gefahren, um Milch zu kaufen, und hätte aus einer Laune heraus beschlossen, nicht wieder nach Hause zu kommen. Es war schockierend, wirklich, diese Unfähigkeit, der Realität ins Gesicht zu sehen. Ich musste mit ihrem Tod fertigwerden, und trotzdem brachte es niemand über sich, das Wort laut auszusprechen. Deshalb glaube ich, ich habe schon früh begriffen, dass ich dafür zu sorgen habe, dass andere sich nicht zu unbehaglich fühlen, weil meine Frau gestorben ist.«

Max’ Stimme ist rau vor Kummer und Enttäuschung, und ich möchte ihn so gern in die Arme nehmen, ihn trösten, ihm den Nacken streicheln, bis ich den Groll vertrieben habe, der so gar nicht zu ihm passt.

Ich weiß genau, was er meint. Ich erinnere mich, das Gleiche empfunden zu haben, als mein Vater gestorben ist. Die Hälfte meiner Schulfreundinnen konnte mir nicht einmal mehr in die Augen sehen, geschweige denn mit mir sprechen. Selbst ihre Eltern schienen vor mir auf der Hut zu sein, als wäre der Tod eine ansteckende Krankheit, und meine Nähe bedeutete die sehr reale Gefahr, dass ihre eigenen Angehörigen vorzeitig sterben könnten, ganz plötzlich, unter tragischen Umständen.

»Max, bitte denke niemals, du könntest mit mir nicht über Rach reden! Wirklich. Du weißt, wie sehr ich sie vermisse. Ich will keine Sekunde behaupten, dass es auch nur annähernd mit dem zu vergleichen wäre, was du durchmachst, aber ich komme damit zurecht, wenn du hin und wieder niedergeschlagen bist.«

»Ich weiß. Tut mir leid. Ich schätze, ich habe mich einfach noch nicht an die allgemeine Gleichgültigkeit gewöhnt. Ich erinnere mich vor allem an das Gefühl des Schocks in den ersten Tagen, dass die Welt einfach so weitermachen konnte, als wäre alles normal, als wäre nichts Schlimmes geschehen. Ich konnte nicht fassen, dass andere Menschen weiterlebten, ohne zu ahnen, was ich durchmachte. Ich sah die Kinder in meiner Klasse oder die Kollegen im Lehrerzimmer oder irgendwelche Fremden, die auf der Straße an mir vorbeigingen, und ich wollte sie anbrüllen, weil sie einfach weitermachten mit ihrer täglichen Routine, während ich mir überhaupt nicht vorstellen konnte, wie ich ohne Rachel leben sollte. Ich nehme an, ich habe gelernt, mich abzukapseln und diese Empfindungen für mich zu behalten – gleichgültig zu sein gegenüber ihrer Gleichgültigkeit.«

»Aber ich bin nicht gleichgültig, Max, und damit bin ich nicht allein. Es gibt viele, die sehr gern mit dir über Rach sprechen würden. Nur, dazu müsstest du sie an dich heranlassen.«

»Sicher hast du da recht. Trotzdem habe ich Angst, dass ich nicht mehr aufhören kann, wenn ich einmal anfange, von ihr zu sprechen. Jeden Tag passieren so viele Dinge, von denen ich Rachel erzählen möchte. Dinge, von denen ich weiß, dass sie darüber lachen könnte oder dass sie sie interessant fände. Und dann werde ich wütend, dass ich das nicht abstellen kann, dass ich immer wieder für ein paar Sekunden vergesse, dass sie tot ist, nur um dann wie mit einem Schlag ins Gesicht den Verlust wieder neu zu spüren. Das ist wie Und täglich grüßt das Murmeltier für Trauernde.«

»Himmel, es überrascht mich nicht, dass du erschöpft bist, Max. Das klingt furchtbar anstrengend. Dennoch, es wird besser. Das weißt du doch, oder? Ich kann nicht sagen, wann, aber ich weiß, dass es irgendwann so weit ist.«

»Wirklich? Ist das nicht nur so ein Spruch, der Menschen wie mir die Aussicht auf eine Atempause versprechen soll? Ich kann mir nicht vorstellen, Rachel irgendwann nicht mehr so sehr zu vermissen, dass ich kaum atmen kann. Es ist, als führte ich ein Leben in Zeitlupe. Nichts ist real, weil Rachel nicht da ist, um daran teilzuhaben. Mir kommt es vor, als hinge ich nur noch in der Luft.«

Das ist etwas, das Max und ich gemeinsam haben, das Gefühl, irgendwo gefangen zu sein, wo wir nie hinwollten und von wo wir nun nicht mehr entkommen können. Und dieses Bedürfnis, jedes Erlebnis mit dem anderen zu teilen, damit es überhaupt einen Anschein von Echtheit besitzt.

»Weißt du, was du brauchst? Du brauchst einen Tapetenwechsel. Oder du musst wenigstens mal etwas anderes sehen. Wann bist du zum letzten Mal abends ausgegangen?«

Das kann ich beantworten. Soweit ich weiß, war es auf den Tag genau vor einem Jahr.

»Mir war nicht sehr nach Gesellschaft, Harriet. Ich bin mir nicht sicher, ob ich eine tolle Gesellschaft wäre. Und außerdem muss ich mich um Ellie kümmern.«

»Du könntest gehen, wenn sie schläft, Max, und deine Eltern würden es bestimmt nicht ablehnen, einen Abend lang auf sie aufzupassen. Hat Connor dich nicht mal gefragt, ob du mit ihm einen trinken gehst? Muss ich mit deinem Bruder etwa ein ernstes Wort sprechen?«

»Bitte lass das, Harriet! Ich fühle mich für so etwas wirklich noch nicht bereit, und schon gar nicht für Connors Vorstellung von einem lustigen Abend. Mir geht es gut, wirklich. Du erwischst mich nur an einem besonders lausigen Tag.«

»Dir geht es eindeutig nicht besonders, Max. Stell dir vor, ich erzähle dir von jemandem, der seine Frau verloren hat, der ein Jahr lang nicht unter Menschen gegangen ist und der das Gefühl hat, sein Leben verginge in Zeitlupe, so hast du dich doch ausgedrückt, nicht? Was würdest du ihm raten? Du musst aus diesem Schwebezustand rauskommen, Max. Glaub mir! Du brauchst einfach mal ein bisschen Spaß.«

»Harriet, ich weiß, du meinst es gut, das weiß ich wirklich, aber glaub mir einfach, wenn ich dir sage, dass ich für Spaß noch nicht bereit bin. Noch nicht.«

»Das liegt nur daran, dass du es noch nicht versucht hast. Ich nehme an, du bekämst Schuldgefühle, wenn du an Spaß auch nur denken würdest. Ich glaube, du würdest es als Verrat an Rach empfinden. Doch das wäre es nicht. Ich kann mir vorstellen, dass es im Moment noch schwer vorstellbar ist, aber du wirst darüber nachdenken müssen, wie es weitergehen soll. Wenigstens über den ersten Schritt, und das in nicht allzu ferner Zukunft, Max.«

Er zieht sich allmählich aus dem Gespräch zurück, das merke ich. Das ist seine Art, Konflikten aus dem Weg zu gehen, und es ist auch der Grund, da habe ich keinen Zweifel, weshalb er und ich in unseren zehn gemeinsamen Jahren so gut wie nie miteinander gestritten haben. Ich habe ihn manchmal gefragt, wie er es schaffe, so selten nach den Ködern zu schnappen, die vor seiner Nase hingen. Er lächelte dann nur und sagte nüchtern, dass er keinen Sinn in Streitereien sehe, weil an ihrem Ende fast immer eine Einigung stehe; warum also nicht den Streit überspringen und gleich auf eine Einigung hinarbeiten? Ich liebte ihn für diese Logik, und noch mehr, weil er wirklich in der Lage war, sich immer wieder daran zu halten.

»Mit wem könntest du denn sonst noch ausgehen? Ich würde dich ja zu einem Abend mit meinen Freunden einladen, aber wir wissen beide, dass es dir nicht gefallen würde. Was ist denn mit den vielen Leuten, die zu Ellies letzter Geburtstagsparty gekommen sind?«

Ich weiß, was Max denkt, noch bevor er es ausspricht.

»Darunter ist niemand, den ich treffen möchte, Harriet. Bitte, können wir das Thema einfach fallen lassen?«

»Wieso möchtest du sie nicht sehen? Sie schienen mir alle sehr nett zu sein. Nicht unbedingt meine Kragenweite, das gebe ich zu, doch genau das, was du meiner Ansicht nach im Moment brauchst.«

Max lässt sich mit seiner Antwort ein paar Sekunden Zeit.

Ich glaube, er ist sich nicht schlüssig, wie offen er sein soll.

»Ich möchte sie nicht sehen, Harriet. Das sind Menschen, mit denen ich mich zusammen mit Rachel getroffen habe. Menschen, die mich an sehr schöne Momente mit ihr erinnern. Menschen, deren perfekte Beziehungen und perfekte Familien mich so neidisch machen, dass ich im Augenblick nicht mal in ihrer Nähe sein möchte. Kannst du dir in etwa vorstellen, wie viele Einladungen zu Kindergeburtstagen ich im vergangenen Jahr abgelehnt habe? Ich kann das Glück anderer Familien gerade nicht ertragen. Ich halte es einfach nicht aus.«

Harriet besitzt den Anstand, kurz über Max’ Ausbruch nachzudenken. Aber nur kurz. »Na, wenn das so ist, weißt du, was du brauchst? Du brauchst neue Freunde, Leute, die dich nicht an Rach erinnern, jemanden, mit dem du Spaß haben und auf andere Gedanken kommen kannst. Weißt du, was wir tun sollten? Wir sollten dich bei einer Website anmelden, damit du neue Freunde kennenlernst.«

Max sieht Harriet ungläubig an. »Meinst du etwa eine Partnersuche-Website?«

Harriet zieht eine Augenbraue hoch, und unbeabsichtigt sieht es herablassend aus. »Meine Güte, Max, wir sind doch nicht mehr in den Neunzigerjahren! Es geht nicht nur darum, Partner zu finden. Dating-Sites sind für Menschen, die alles Mögliche suchen – von Freundschaften bis hin zu langfristigen Beziehungen. Du kreuzt eben erst mal nur das Kästchen für Freundschaft an.«

Erst mal? Was hat Harriet vor? War sie nicht irgendwann einmal meine beste Freundin? Wieso ermutigt sie meinen Mann, an eine Zeit zu denken, in der er vielleicht mehr ankreuzt als nur das Kästchen für Freundschaft? Wenn sie sich so emotionale Unterstützung vorstellt, können sowohl Max als auch ich darauf verzichten.

»Harriet, ich bin sicher, für einige ist das genau das Richtige, doch ich kann mir im Moment nichts weniger vorstellen, als jemand völlig Fremdes in irgendeinem Pub zu treffen und einen Abend damit zu verbringen, mit ihm langweiligen, höflichen Small Talk zu halten. Ich finde es schon anstrengend genug, mit dir die Mittagspause zu verbringen, meine Güte!«

Harriet lacht.

Ich lache nicht.

»Na, ich weiß, das denkst du jetzt, aber nur, weil du es noch nicht probiert hast. Du hast dir so völlig abgewöhnt, mit Erwachsenen umzugehen, dass es kaum eine Überraschung ist, wenn dich die Aussicht, den ganzen Abend mit jemandem zu verbringen, der nicht mit dir verwandt und außerdem volljährig ist, in eine Heidenpanik versetzt.«

Max gönnt Harriet ein Lächeln.

Vermutlich ahnt er nicht, wie gefährlich das ist, wie sehr sie sich dadurch ermutigt fühlt.

»Ich überlege wirklich nur, was für dich am besten ist, Max. Was für dich und Ellie am besten ist. Und ich finde nun einmal, dass du anfangen musst, in die Zukunft zu blicken, dass du dein Leben wieder selbst gestalten solltest, dass du darüber nachdenken solltest, wie es weitergehen soll. Ich glaube nicht, dass einer von uns beiden annimmt, Rach würde es gern sehen, wenn dein Leben für immer in der Zeitlupe erstarrt, oder was meinst du?«

»Für immer« ist eine lange Zeit, Harriet. Ich bin erst ein Jahr tot, und ich bin noch nicht so weit, dass es mit Max weitergehen kann – was immer das heißen soll. Noch nicht.

»Harriet, ich weiß, du meinst es gut; das ist ganz klar. Aber wenn du mich ernsthaft fragst, was Rachel sich gewünscht hätte, dann hätte sie gewollt, dass ich in meinem eigenen Tempo über meine Trauer hinwegkomme. Ich bin noch nicht so weit, dass ich ein Leben ohne sie führen könnte, und Ellie ist es auch nicht.«

Danke, Max. Danke, dass du mich sogar im Tod besser kennst, als jemand anders mich je gekannt hat, solange ich lebte.

»Okay, okay. Ich gebe auf. Jedenfalls für den Moment. Aber ich kann nicht versprechen, nie wieder davon zu reden. Also denke darüber nach! Du solltest nicht zu lange damit warten, sonst muss ich deinen Kontakt zu anderen Menschen vielleicht zu meinem persönlichen Projekt machen, und ich bin Frau genug, um zu wissen, dass du das zuallerletzt wollen würdest.«

Max lacht.

Er ist nie nachtragend, nicht einmal, wenn seine Gegnerin ein wie Harriet aussehender Elefant im Porzellanladen der Trauer ist.

»Also, wann kommst du und besuchst Ellie? Es ist fast drei Wochen her, und sie vermisst dich.«

»Also, wenn ich dir diesen plumpen Themenwechsel verzeihe, muss ich sagen, dass es leider sicher noch zwei Wochen dauert. Ich habe im Moment einen teuflischen Fall am Hals, aber in zwei Wochen wird er ad acta gelegt sein. Also vielleicht am letzten Wochenende im Mai?«

»Sehr gut – da haben wir Ferien. Komm sonntags zum Mittagessen! Ellie wird begeistert sein.«

Das perfekte Sonntagsmittagessen. Was würde ich dafür geben, noch einmal dabei sein zu dürfen!

Plötzlich höre ich lautes Klappern und glaube augenblicklich, dass es aus meiner Welt kommt und nicht aus der ihren. Ich sehe hinter mich und nach oben, kneife die Augen leicht zusammen, um tiefer in die Leere blicken zu können, bin unsicher, ob ich hoffe, etwas zu entdecken, oder lieber nicht, und habe Angst, was ein Eindringling in meine einsame, abgeschiedene Ersatzwelt bringen könnte. Ich rufe in die Leere. In meiner Stimme schwingt die ambivalente Kombination von Hoffnung und Angst mit, und ich bin unsicher, was ich tun soll, wenn mein Flehen erwidert wird. Doch es ist nichts und niemand da. Als ich den Blick wieder auf das Café unter mir richte, um dort nach der Ursache der Unruhe zu suchen, entdecke ich, dass die Welt der Lebenden verschwunden und allumfassendem Nichts gewichen ist.

3

Ellie und Max stehen an meinem Grab.

Heute ist ein wunderschöner Nachmittag im Spätfrühling. Die Kirschblüten beginnen gerade erst, sich wie Konfetti über das Gras zu verstreuen, und die Sonne hängt noch über den Bäumen, als probte sie für die kommenden Monate.

Ellie umklammert einen Strauß rosafarbener Pfingstrosen; sie hält sich so sehr an ihnen fest, als wären sie eine neue Sicherheitsdecke. Ich frage mich, ob sie noch weiß, dass es meine Lieblingsblumen waren, oder ob sie sie nur durch Zufall beim Blumenhändler ausgesucht hat. Max und ich hatten Pfingstrosen als Blumenschmuck auf unserer Hochzeit – weiße, nicht rosafarbene, aber dennoch Pfingstrosen. Ich hätte mich auch für Pfingstrosen bei meiner Beerdigung entschieden, hätte ich die Voraussicht oder die Verrücktheit besessen, einen Plan für die letzte Party aufzuschreiben, die ich wider Willen veranstaltete. Stattdessen gab es Rosen, die meine Mutter ausgesucht oder zu denen sie sich vielmehr durchgerungen hatte, als könnte die Entscheidung für die falschen Blumen lebenslange Aufopferung für ihre Tochter zunichtemachen.

Ich glaube nicht, dass Max Ellie seit der Beerdigung schon einmal mit hierhergebracht hat. Ich denke, das war die richtige Entscheidung. Die Beerdigung hat sie völlig niedergeschmettert. Ich bin mir nicht sicher, ob sie so richtig verstanden hat, was damals vorging, weshalb sie in der Kirche war und dass in dem großen Kasten ganz vorn am Altar ihre Mummy lag. Verstört hat sie vor allem die Trauer der anderen Menschen. Der Anblick der vielen in Tränen aufgelösten Erwachsenen hat ihre Welt auf den Kopf gestellt. Sie hat sich die ganze Zeit still an die Hände ihres Vaters und meiner Mum geklammert, als wäre sie in ein Erdbeben geraten, und wollte nur, dass der Boden unter ihren Füßen zu zittern aufhörte.

Es ist eine der großen paradoxen Fantasien, bei der eigenen Beerdigung dabei zu sein, nicht wahr? Die Grabreden zu hören, die untröstliche Verwandte zusammengestellt haben und mit gebrochenen Stimmen und tränenüberströmten Gesichtern vortragen. Die Vielzahl der Tugenden zu entdecken, die einem zugeschrieben werden, und seinen Wert für die zu erkennen, die ihn nie benannt haben, solange man noch lebte. Sollte es nicht der Augenblick sein, in dem alle verschiedenen Elemente des Lebens, das man geführt hat, zusammenfinden und von einem das wahrste, vollständigste Bild zeichnen, das je existieren wird? Ein Bild des Lebens von der Wiege bis zum Grab.

Ich war nicht darauf vorbereitet gewesen, über dem Altar zu schweben und aus der Vogelperspektive auf eine Trauergemeinde zu blicken, die nicht unglücklicher hätte sein können, und die Menschen, die mir auf der Welt am meisten am Herzen lagen, in ihrem Leid zu sehen. Zumal meine sechsjährige Tochter unter den Trauernden war. Es war bei Weitem kein Augenblick, in dem ich mich in der kollektiven Anerkennung meiner allzu kurzen Existenz sonnen konnte, sondern vielmehr ein Tag, an dem ich verfluchte, dass mir je dieser Zugang gewährt worden war.

»Wie geht es dir, Schatz? Du hast doch keine zu große Angst, oder?«

Ellie schüttelt wenig überzeugend den Kopf. Die fremde Umgebung schüchtert sie ein.

»Möchtest du Mummy die Blumen geben, die du ihr mitgebracht hast? Sie wird sie mögen, weißt du – sie sind so schön. Sollen wir sie ihr aufs Grab legen?«

Ellie bewegt sich nur, um sich noch enger an Max’ Bein zu schmiegen. Er hebt sie hoch, in seine Arme. Nun liegt ihr Kopf an seiner Schulter, und die Pfingstrosen schmücken sein Gesicht.

»Ich glaube, Mummy würde sich freuen, wenn wir ihr die Blumen gäben. Soll ich sie für dich hinlegen?«

Ellie nickt zögernd, unsicher, ob das die richtige Antwort ist.

Max löst die Blumen aus ihren Fingern, hockt sich, Ellie noch in den Armen, nieder, und legt die Pfingstrosen an meinen Grabstein. »Sie sehen schön aus, oder? Ich glaube, Mummy findet, dass du sie richtig gut ausgesucht hast.«

Ellie hebt den Kopf und schaut Max an. »Sieht sich Mummy die Blumen denn später an, wenn wir weg sind?«

Max atmet schmerzerfüllt aus und scheint die Luft ringsum mit dem Kummer von jemandem zu füllen, der weiß, dass er dazu verdammt ist, andere zu enttäuschen. »Nein, Schatz. Mummy kann nicht mehr zu uns kommen. Weißt du nicht mehr? Deshalb hatten wir die Trauerfeier, als wir letztes Mal hier waren, mit Granny und Grandpa und Nanna und allen unseren Freunden – damit wir uns von ihr verabschieden konnten.«

Ellie sieht nachdenklich drein.

Ich frage mich, ob sie versucht, sich zu erinnern, oder ob sie sich zu vergessen bemüht.

»Aber wenn sie später nicht kommt, wie soll sie dann die Blumen sehen?«

Max mustert Ellie aufmerksam, als erkundete er die Wege zu antworten, die ihm offenstehen. »Weißt du, manche Leute glauben, dass nach dem Tod ein Teil von uns weiterlebt, und wenn wir die Menschen, die gestorben sind, auch nicht sehen können, können sie vielleicht uns sehen und hören.«

»So wie Gespenster?«

»Nein, nicht so richtig. Denn vor Gespenstern hast du doch Angst, oder? Aber vor Mummy hättest du niemals Angst, richtig?«

Ellie sieht verwirrt aus.

Ich frage mich, wie lange sie über solche Fragen schon nachdenkt, ob sie ihr erst jetzt in den Sinn kommen, da die Grabsteine sie umgeben, oder ob sie diese existenziellen Überlegungen die vergangenen zwölf Monate in sich verschlossen hatte.

»Glaubst du, Mummy kann uns hören?«

Max zögert, und ich warte ab, welchen Weg er wählt: den der Ehrlichkeit, von dem er weiß, dass er Ellie damit noch trauriger macht, als sie sowieso schon ist, oder den der wohlwollenden Beschwichtigung.

»Es wäre schön, das zu denken, nicht wahr? Die Sache ist die, Engel, wir können es nie wirklich wissen, und deshalb sollten wir weiter zu ihr reden, wenn wir uns damit besser fühlen. Meinst du nicht auch?«

Ellie fährt Max mit den Händen geistesabwesend durchs Haar. Den Kopf hat sie noch immer an seine Schulter geschmiegt, ihre Augen zucken, sie springt rasch von einer unmöglichen Frage zur nächsten. »Warum ist meine Mummy gestorben, aber die anderen Mummys sterben nicht?« Sie stellt die Frage mit einer Stimme, die schwermütiger nicht sein könnte, als wüsste Ellie schon vor Max’ erstem Wort, dass es keine verständliche Antwort geben kann.

»Darüber haben wir schon gesprochen, nicht wahr, Süße? Erinnerst du dich? Mummy hatte ein krankes Herz, und deswegen ist sie gestorben. Ich weiß aber nicht, warum ihr Herz krank war und die Herzen anderer Mummys gesund sind. Das war einfach ganz, ganz großes Pech.«

Ellie hält kurz inne, als müsste sie Max’ vage Antwort verdauen und sich ihre nächsten Worte genau überlegen. »Georgia in unserer Schule sagt, ihre Mummy sagt, dass Mummys nicht sterben, wenn man brav ist, weil Gott nur böse Menschen bestraft. Ist Mummy gestorben, weil ich etwas Böses getan habe?«

Ich könnte weinen, wenn mein Zorn nicht so groß wäre, und bin erstaunt, welchen Schock ich angesichts der Gedankenlosigkeit fremder Menschen empfinde, obwohl ich ein gesamtes Lebensalter Abstand habe.

»Wer ist Georgia? Kenne ich sie?«

Die Art, wie Max die Kiefer zusammenpresst, verrät, dass er genauso wütend ist wie ich.

Ich erinnere mich an Georgia, nicht weil Ellie besonders gut mit ihr befreundet ist, sondern weil ihre Mutter immer eine dominante Kraft auf dem Spielplatz war. So ein Elternteil, der alle anderen Kinder als Hindernisse für den Erfolg des eigenen Kindes ansieht. Ich konnte sie nie leiden.

»Sie ist in meiner Klasse. Sie sitzt nicht an meinem Tisch, aber sie ist beim Sport im roten Team, genau wie ich.«

»Und das hat sie zu dir gesagt? Wann?«

»Vor ein paar Tagen, in der Pause.«

»Nun, sie redet Unsinn, Engel. Ich verspreche es dir – ich schwöre es dir bei meinem Herzen: Mummy ist nicht wegen irgendetwas gestorben, was du getan hättest. Ich weiß, es ist wirklich schwer zu verstehen, und ich kann dir nicht versprechen, dass du es jemals ganz verstehen wirst, doch ich schwöre dir, dass du nicht die geringste Schuld daran hast. Kannst du mir das glauben, Ellie? Bitte?« Max hält sie fest in den Armen, als könnte er sie nur dadurch vor den emotionalen Erschütterungen bewahren, indem er sie an sich schweißt.

Ellie löst sich von ihm. »Aber Georgia sagt auch, dass Mummy vielleicht wiederkommt, wenn ich wirklich brav bin.«

Kummer und Machtlosigkeit vermengen sich zu einem emotionalen Gemisch, das eines Molotowcocktails würdig wäre. Ich weiß, dass ich tot bin, und trotzdem kann ich nicht fassen, dass ich absolut unfähig sein soll, Ellie vor dem Gift der Dummheit Fremder zu bewahren.

»Schatz, du musst mir vertrauen: Georgia weiß überhaupt nicht, wovon sie redet. Versprichst du mir, dass du beim nächsten Mal, wenn sie oder sonst jemand etwas über Mummy sagt, sofort zu mir kommst, damit wir darüber reden können?« Max kann seinen Zorn nicht verbergen.

Er ist nicht wütend auf Ellie, sondern auf Georgia und deren Mutter und alle anderen mit schädlichen Behauptungen, vor denen er unsere Kleine trotz bester Absichten nicht beschützen kann.

Ellie merkt Max die Erbitterung nicht an. Sie ist zu verloren in ihrer Welt der Verwirrung. »Aber heißt das jetzt, dass Mummy nie mehr nach Hause kommt? Wirklich nie mehr? Nicht einmal, wenn ich mir jeden Abend und jeden Morgen die Zähne putze und pünktlich ins Bett gehe und mein Zimmer immer ganz, ganz aufgeräumt ist?« Ellie sieht Max flehend an, beschwört ihn, die kostbarste aller Fantasien nicht zu zerstören.

Ich frage mich, wer am meisten wünscht, dass er das nicht tun muss: Ellie, Max oder ich? Ich frage mich auch, ob sie sich deswegen in den letzten Monaten so gut benommen hat, weil sie einen Pakt mit sich selbst geschlossen hat, bei dem sie eine unsichtbare Verbindung zwischen ihrem Wohlverhalten und der Wahrscheinlichkeit meiner Rückkehr hergestellt hat.

»Engel, du machst dir keine Vorstellung, wie gern ich dir sagen würde, dass Mummy eines Tages zu uns zurückkehrt. Ich wünschte mir genauso sehr wie du, dass es wahr wäre. Es tut mir leid, Schatz, wirklich leid. Aber du darfst nie vergessen, dass Mummy dich sehr, sehr lieb gehabt hat und es noch immer viele Leute gibt, die dich lieb haben, und wir werden immer für dich da sein.« Max umarmt Ellies schlaffen Körper noch fester.

Sie scheint nicht die Willenskraft zu haben, ihn ihrerseits zu drücken. »Aber wenn du nicht verhindern konntest, dass Mummy stirbt, woher weißt du dann, dass du nicht auch stirbst?«

Das ist die Frage aller Fragen, und es hat ein Jahr gedauert, bis Ellie sie stellt, doch jetzt, da sie heraus ist, werde ich die Sorge nicht los, dass sie ihr die ganze Zeit auf der Seele gelegen hat. Ich schaudere vor dem Gedanken, dass sie diese Dinge verknüpft, sich vor dem Schlimmsten fürchtet, sich vorstellt, beide Elternteile zu verlieren. Mir schaudert es, weil ich weiß, wie entsetzlich die Vorstellung ist. Ich bin mir nicht sicher, in welchem Alter man aufhört zu empfinden, dass der Verlust beider Eltern das qualvollste Verlassensein bedeuten würde, das man sich vorstellen kann. Ich glaube nicht, dass ich zum Zeitpunkt meines Todes schon an diesem Punkt angekommen war, selbst nicht als erwachsene Frau mit eigenem Kind.

»Ich gehe nirgendwohin, Engel, das verspreche ich dir.«

»Aber woher weißt du das?«

»Ich weiß es einfach, Kleines. Auf keinen Fall lasse ich dich allein, noch ganz lange nicht.«

Manchmal haben wir keine andere Möglichkeit, als unsere Kinder zu belügen. Denn es ist die gnädigste Alternative. Oder die selbstsüchtige, die es einem erlaubt, die Wölfe der Trauer noch ein wenig länger von der Tür des Hauses fernzuhalten.

»Wenn Mummy wirklich nie wieder nach Hause kommt, bekomme ich dann irgendwann eine neue Mummy? So wie Tom, nachdem seine Mummy nach Australien gegangen ist?«

Ellies Frage lässt einen einzigen, zermürbenden Augenblick lang jede Faser in meinem nunmehr funktionslosen Sein vibrieren.

Bitte, Max, bitte sag Nein!

»Schatz, jeder hat immer nur eine Mummy. Und deine Mummy hat dich sehr, sehr lieb gehabt. Niemand kann sie je ersetzen, und wir werden sie niemals vergessen, oder?«

Ellie schüttelt nachdenklich den Kopf. In ihren Augen stehen Tränen.

In meinen auch.

Vielleicht hat Max recht; vielleicht war es selbstsüchtig von ihm, sie mit hierherzubringen. Selbstsüchtig von uns beiden, sich heute hier ihre Gesellschaft zu wünschen. Ich hätte es besser wissen sollen, oder? Ich war drei Jahre älter als Ellie, als mein Vater starb, doch meine Erinnerungen sind noch klar, die Verwirrung und die Angst und der Zweifel. Vielleicht hätte ich wissen sollen, dass Ellies Besuch auf dem Friedhof heute die emotionalen Flammen neu entzünden würde, dass die unbeantwortbaren Fragen wieder auftauchen und die endlosen »Warums?« neue Nahrung erhalten würden.

Manchmal frage ich mich, ob es eine Hilfe oder eine Erschwernis ist, dass ich das Gleiche erlebt habe wie Ellie, ob mein Mitgefühl dadurch umso stärker oder einfach nur verständlicher wird. Ich glaube, ich habe in mancherlei Hinsicht größeres Glück gehabt als sie, denn wenigstens hatte ich jemanden, dem ich die Schuld geben konnte. Ich konnte meine ganze Wut gegen den Betrunkenen richten, der an jenem Samstagnachmittag nach einem flüssigen Mittagessen im Pub in den Wagen gestiegen war und kurz darauf nicht vor der roten Ampel an dem Fußgängerüberweg angehalten hatte, den mein Dad zufällig gerade in dem Moment benutzte. Ellie hat so etwas nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, wie sie mit dem Bedürfnis der Schuldzuweisung umgehen wird, wenn sie erst groß genug ist, dass Wut und Zorn sich melden. Vielleicht kann Max dem irgendwie entgegensteuern und verhindern, dass sie jemals solche Gefühle haben muss. Ich hoffe, so etwas ist möglich. Ich möchte nicht, dass sie diesen Zorn jemals kennenlernt.

Max stellt Ellie wieder auf die Füße und wischt ihr sanft die Tränen ab. Er legt eine Hand auf meinen Grabstein.

Fast glaube ich, seine tränenfeuchten Finger an meinem Gesicht zu spüren.

»Ich habe eine Idee.« Max spricht in fröhlichem Ton.

Er möchte ganz klar die Stimmung aufhellen.

Hoffentlich gelingt es ihm, sonst möchte Ellie vielleicht nie wieder herkommen!

»Warum erzählst du Mummy nicht, was du heute in der Schule gemacht hast?«

Sie sieht erleichtert aus, ein paar Anregungen zu bekommen, doch sie wirkt nicht sonderlich überzeugt von Max’ Vorschlag. »Aber woher wissen wir, ob Mummy uns hören kann?«

»Wissen können wir es nicht. Doch ich möchte trotzdem gern hören, was du heute gemacht hast.«

Ellie hält sich an Max’ Hand fest, als sie zu sprechen beginnt. Sie richtet ihre Worte abwechselnd an den Daddy neben sich und den Grabstein vor sich. »Also, heute hatten wir Sport, und Miss Collins hat uns vom Sporttag erzählt, und Megan und ich wollten bei dem Rennen mitmachen, wo man die Beine zusammenbindet, aber Miss Collins sagte, sie lost es aus.«

»Das ist der Dreibeinlauf, nicht wahr, Schatz?«

»Ja, der Dreibeinlauf. Und dann hatten wir Kunst, und Miss Collins sagte uns, wir sollen ein Bild von unserem Lieblingstier malen, und ich hab ein weißes Kaninchen gemalt, aber ich konnte es nicht bunt malen, also habe ich es rosa ausgemalt.«

Weißes Kaninchen. Max hat ihr letzte Woche vor dem Schlafengehen Alice im Wunderland vorgelesen. Sie war ganz gebannt davon, und ihre Faszination von Kaninchenlöchern und Zaubertränken und der Rückkehr aus einer anderen Welt hat vielleicht zu einigen ihrer Fragen heute geführt.

»Warum erzählst du Mummy nicht von dem Diktat heute Morgen? Du warst doch gut, nicht wahr, Engel?«

»Na ja, wir mussten zehn Wörter lernen, und Daddy hat mich die ganze Woche jeden Tag nach dem Abendessen abgefragt, und als wir sie in der Klasse schreiben mussten, hatte ich alles richtig. Miss Collins hat mir einen goldenen Stern und einen Smiley-Sticker für meinen Pullover gegeben. Siehst du?« Ellie beugt sich zum Grabstein vor und zieht ihren flaschengrünen, mit einem Aufkleber geschmückten Pullover vor, als zeigte sie ihre Trophäen einem lebendigen Wesen und nicht einem leblosen Quader aus Granit.

Ich bin hier, Schatz, und ich bin so stolz auf dich.

»Möchtest du Mummy noch etwas erzählen?«

»Äh … ich glaube nicht.«

»Na, wie wäre es dann mit einem kleinen Spiel?«

Ellies Augen leuchten auf.

Max setzt sich mit untergeschlagenen Beinen auf das Gras vor meinem Grabstein und zieht Ellie auf seinen Schoß. »Spielen wir doch ein Spiel, wo wir abwechselnd sagen müssen, was wir an Mummy am liebsten haben. Hör zu, ich fange an! Ich liebe Mummys Baisers, die mit der dicken Sahne in der Mitte und den Erdbeeren obendrauf und der Himbeersoße um die Kanten.«

Ellie denkt ein paar Sekunden lang nach, die Stirn vor Konzentration gerunzelt, als wäre es von entscheidender Bedeutung, dass sie sich die bestmögliche Erinnerung ins Gedächtnis ruft. »Ich liebe Mummys Bratkartoffeln.«

Das stimmt. Sie war immer ganz versessen auf meine Bratkartoffeln. Max versucht, sie nachzukochen, aber er vergisst jedes Mal den Spritzer Zitronensaft. An alles andere erinnert er sich – die Zwiebel, den Knoblauch, den frischen Rosmarin, das Salz und den Pfeffer –, doch nie an die frische Zitrone. Ellie macht ihn immer sanft auf den Fehler aufmerksam und sagt ihm, dass sie »fast perfekt« seien, »aber nicht ganz«, als wäre sie sich unbewusst im Klaren, dass sie Max in seiner unerwarteten, neu gefundenen Rolle in ihrem Leben ermutigen muss.

»Ich liebe es, wenn Mummy singt, und wie sie Wörter erfindet, wenn sie den Text nicht kennt. Sie singt dann ganz viel Kauderwelsch.«

»Kauderwelsch. Das ist lustig.« Ellie kichert hell und wird dann einen Augenblick lang still. Sie scheint sich in einer Welt der eigenen Erinnerungen zu verlieren. »Ich liebe es, wenn Mummy mir vor dem Schlafengehen Geschichten vorliest und allen Leuten in dem Buch komische Stimmen gibt.«

»Ja, Mummys Stimmen für die Figuren sind das Beste. Du machst auch gute Stimmen, Schatz. Mummy hat immer gesagt, dass du einmal eine gute Schauspielerin wirst, oder? Ah, mir ist noch etwas eingefallen! Ich liebe Mummys Haar, wenn sie es frisch gewaschen hat und es ganz lockig wird und hüpft.«

»Und ich liebe es, wenn Mummy mir die Nägel lackiert. Besonders wenn sie meine Finger und meine Zehen in der gleichen Farbe macht. Pink und Rot sind am besten. Sie riechen dann auch gut. Kannst du mir die Nägel lackieren, wenn wir wieder zu Hause sind, Daddy?«

»Ich kann es versuchen, aber ich glaube, es wäre besser, wenn du später deine Oma fragst. Weißt du, was ich an Mummy mit am meisten liebe? Ihr Lachen und die Art, wie ihre Augen ganz kräuselig werden, wenn sie lächelt. Auch wenn sie es nie mochte, wenn ich das gesagt habe. Sie glaubte dann, ich meinte, sie sähe alt aus und hätte Falten. Doch Mummy hat nie Falten gehabt, stimmt’s, Schatz?«

»Nein. Mummy war immer die allerschönste Mummy auf der ganzen Welt.«

Wenn es eine Million Möglichkeiten gibt, um ein Herz zu brechen, so muss eine der schmerzhaftesten darin bestehen, mit anzuhören, wie über einen in der Vergangenheitsform gesprochen wird. Und die Menschen, die ich am meisten liebe, dabei zu belauschen, wie sie die einfachsten und alltäglichsten kleinen Freuden unseres gemeinsamen Lebens rühmen, gehört mit Sicherheit zu den bittersüßesten.

Ich wische die Tränen weg, die mir die Sicht verschwimmen lassen, nur um zu entdecken, dass nicht sie allein die Szene unter mir undeutlich werden lassen. Als sich der weiße Nebel zusammenzieht, lasse ich Max und Ellie vor meinem Grabstein zurück, wie sie einander mit Erinnerungen umarmen, während das letzte Sonnenlicht des Tages schwächer wird und meine Grabinschrift in Schatten taucht.

4

Max’ Dad schaut Nachrichten, als seine Frau die Treppe herunterkommt, wo sie Ellie nach einem frühen Abendessen zu Bett gebracht hat.

Joan und Ralph haben gut daran getan, sich zur Übernachtung einzuladen. Als Joan es vergangene Woche vorschlug, war ich unsicher, weil ich mich fragte, ob es für Max und Ellie vielleicht wichtig wäre, an diesem Tag miteinander allein zu sein. Doch nach dem Besuch auf dem Friedhof brauchten sie wohl beide die Ablenkung, für die nur Gesellschaft sorgen kann. Wären sie nur zu zweit gewesen, wären sie Gefahr gelaufen, sich in einer hermetisch abgeschlossenen Welt der Trauer zu verbarrikadieren.

Joan hat selbst gemachte Lasagne mitgebracht, eine von Ellies Leibspeisen. Sie bringt den beiden gewöhnlich zwei oder drei Mal in der Woche etwas zum Abendessen vorbei, aber sie isst dann nicht mit Max und Ellie, sondern leistet nur kulinarische Unterstützung.

Als wir vor acht Jahren nach Acton zogen, ich schwanger und mit dem Wunsch nach Stabilität, hätten wir uns nie träumen lassen, wie wichtig die Nähe zu Joan und Ralph einmal sein würde. Ich war mit gemischten Gefühlen in die Gegend gezogen, in der Max seine Kindheit verbracht hatte. Ein wenig hatte mir davor gegraut, so nah bei meinen Schwiegereltern zu leben, und ich war nervös gewesen, dass es sich immer so anfühlen könnte, als kampierten wir nur im Garten hinter ihrem Haus, statt ein eigenes Leben als Erwachsene zu führen. Und ich hatte mir ganz ehrlich Sorgen gemacht über die Botschaft, die es an Joan senden würde, die Mutter, die nie so richtig glauben konnte, dass sie sich nicht mehr täglich um Max und seinen Bruder zu kümmern brauchte. Als Max und ich miteinander auszugehen begannen, war ich überrascht und gelegentlich auch verärgert, wie oft sein Handy klingelte und der Name seiner Mutter auf dem Display erschien. Ich konnte nicht verstehen, wieso Joan ihren Söhnen nicht gestatten wollte, Männer zu sein, flügge zu werden, auf eigenen Beinen zu stehen. Wieso sie nicht zugab, dass sie ihr eigenes Bedürfnis nach Nähe befriedigte, nicht das ihrer Söhne.

Doch da hatte ich Ellie noch nicht.

Und dann kam Ellie und stellte unser Leben auf den Kopf. Ich musste begreifen, dass ich überhaupt nichts darüber wusste, was es heißt, Mutter zu sein, dass ich nichts ahnte von diesem tiefen, instinktiven, unartikulierbaren Drang, das eigene Kind zu beschützen und für sein Glück zu sorgen. Ich werde nie erfahren, was für eine Mutter ich der zwanzig-, dreißig- oder vierzigjährigen Ellie gewesen wäre – ob ich sie ermutigt hätte, unabhängig zu werden, wie Max und ich es uns geschworen haben, oder ob ich ebenfalls dem Drang nachgegeben hätte, sie zu beschützen.

Unsere Rückkehr in Max’ Heimat erwies sich rasch als die beste Entscheidung, die wir hatten treffen können, denn Ellies Geburt brachte die Erkenntnis mit sich, dass man die Bedeutung eines Familiennetzwerks für frischgebackene Eltern überhaupt nicht hoch genug schätzen kann. Wir nahmen Joan und Ralph viel mehr in Anspruch, als ich mir je hätte vorstellen können. Und als ich dann starb, erhielt der Umstand, dass sie nur drei Straßen weiter wohnten, einen Wert, den keiner von uns hätte vorhersehen können.

Denn hier sind sie, wie so oft: in meinem Wohnzimmer, an dem Tag, an dem Max und Ellie sie am dringendsten brauchen.

Ralph verlässt das Sofa und setzt sich in den Sessel. Der Platzwechsel könnte dadurch veranlasst sein, dass der Sessel dem Fernseher am nächsten ist, vielleicht aber auch dadurch, dass er der Stelle, wo Joan Max gerade über sein gegenwärtiges emotionales Wohlergehen ausquetscht, am weitesten entfernt steht.

»Nun, Junge, wie war es heute? Hat Ellie alles gut verkraftet? Heute Abend machte sie jedenfalls einen guten Eindruck, alles in allem.«

»Ich weiß es nicht, Mum. Wir hatten am Ende ein ziemlich schwieriges Gespräch. Ellie fragte, ob Rachel je wieder nach Hause kommt, daher habe ich ihr alles noch einmal erklärt. Nur, wenn ich ehrlich sein soll, komme ich mir dabei vor wie ein Betrüger. Sogar ich stelle mir vor, dass Rachel eines Tages wieder da ist, und ich weiß nicht, wie ich Ellie vom Gegenteil überzeugen soll.«

»Du hast bestimmt genau das Richtige getan. Du darfst nicht so streng mit dir selbst sein.«

»Aber das ist es ja gerade. Mir kommt es vor, als würde ich nie wieder das Richtige tun.

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