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In Adelskreisen - Folge 48

In Adelskreisen

Tauchen Sie ein in die glanzvolle Welt des Hochadels.

Erleben Sie Leid und Glück in Märchenschlössern und Liebe, die nicht nach Rang und Namen fragt.

Das Schicksal derer von Amelung

Eine Fürstenfamilie wie aus dem Bilderbuch, doch der Schein trügt

Von Marion Alexi

Einfach perfekt! Das denkt jeder, der die Fürstenfamilie von Amelung kennenlernt. Familienidylle wie aus dem Bilderbuch: glücklich, schön, erfolgreich.

Doch der Schein trügt. Fürst Richard, nach außen hin der Charme in Person, ist alles andere als ein aufmerksamer Vater und liebevoller Ehemann. Als er seinem Sohn die Ehe mit der Frau, die der Prinz über alles liebt, verweigert und mit Enterbung droht, verlässt Prinz Justus Schloss Amelungshöhe für immer. Auch die Fürstin flieht voller Schmerz und Enttäuschung in ihre schwedische Heimat.

Fürst Richard vermisst seine Familie zunächst nicht. Dann allerdings geschieht ein schrecklicher Unfall …

»Und was halten Sie von unserem Blauen Salon?«

Astrid Fürstin von Amelung ließ die Journalistin einen Blick in den riesigen Raum werfen, der einheitlich und bemerkenswert geschmackvoll in Blautönen eingerichtet war, von Aquamarinblau über Türkis bis hin zu einem tiefen Violett.

»Super!« Susanne Bergengrün war sichtlich hingerissen. Sie bestaunte mit unbefangener und daher sympathischer Ergriffenheit das Kuppelgemälde mit seiner figurenreichen Komposition. »Toll, wie die früher die Wolken hingekriegt haben!«, flüsterte sie andächtig. »Ich glaube, so etwas können die heutigen Maler gar nicht mehr.«

»Oh, sicherlich«, erwiderte die Fürstin mit ihrer sanften Stimme und dem zauberhaften Akzent der geborenen Schwedin. »Nur will niemand mehr solche Deckengemälde haben. Sie wären auch viel zu teuer. Und die Herstellung dauert seine Zeit.«

»Meine Eltern haben eine Holzdecke in ihrem Wohnzimmer«, erzählte Susanne. »Das sieht gemütlich aus, aber auch ziemlich düster, wenn Sie wissen, was ich meine.«

»Holzvertäfelungen geben einem Raum viel Wärme.« Die letzte Bemerkung der Fürstin hatte ein wenig wehmütig geklungen.

Kein Wunder, Astrid von Amelung hatte an ihre schwedische Heimat gedacht, wo ihre Familie ein schönes Gutshaus besaß. Es lag sehr einsam, dieses romantische Haus auf dem Land, und besonders komfortabel war es auch nicht, verglichen mit dem eleganten Luxus, den Schloss Amelungshöhe bot. Aber die Fürstin war dort aufgewachsen und verband daher viele liebe Gefühle mit ihrem Elternhaus.

Zum Glück war die junge Journalistin vollauf damit beschäftigt, die Fülle der Kostbarkeiten im Blauen Salon zu registrieren, sodass sie den flüchtigen Augenblick der Melancholie nicht mitbekommen hatte. Es wäre fatal gewesen, wenn sie etwas bemerkt hätte.

Und Astrid mochte gar nicht daran denken, was ihr Gemahl dazu gesagt hätte. Denn schließlich waren sie von Journalisten bereits gewöhnt, dass ausgerechnet das, was nicht ausgesprochen wurde, als besonders interessant galt, und dann prompt veröffentlich wurde.

»Ein fabelhaftes Zimmer, wirklich«, meinte Susanne. »Aber es wirkt vielleicht ein wenig museal … im Sinne von imperial …«

Nun ja, dachte Fürstin Astrid, dies ist immerhin ein Schloss, das vor dreihundertfünfzig Jahren zu Repräsentationszwecken von den Vorfahren meines Mannes erbaut wurde. Damals besaß der Adel noch unendlich viele Rechte und Privilegien. Und es erschien durchaus nicht ungewöhnlich, wenn ein Landesfürst sich ein Schloss dieser Größenordnung baute – oder vielmehr bauen ließ.

»So viel Pracht könnte Neid erwecken«, überlegte Susanne.

Astrid lächelte heiter. »Nicht, wenn sie gleichzeitig einflechten, was wir jährlich an Unterhaltskosten berappen müssen.«

»Aber wir drehen keine Serie über Schlösser in deutschen Landen, sondern möchten lediglich Sie und Ihre Familie interviewen, Durchlaucht. Insofern halte ich einen … äh, normalen Hintergrund für angebrachter. Meinen Sie nicht auch?«

»Das könnte zutreffen.« Astrid hütete sich, der jungen Journalistin zu widersprechen. Auf dem Gebiet hatte sie Erfahrung.

Wie schnell hingen diese skrupellosen Leute einem ein Etikett mit unfreundlichen Eigenschaften an!

Womöglich hieß es später, sie sei eine »zickige« Person und total unkooperativ. Dies galt es, unbedingt zu vermeiden, denn Astrid kannte ihren Gemahl. Richard würde toben, wenn er erführe, dass sie eventuell einen taktischen Fehler gemacht hatte. Am Morgen noch hatte er sie beschworen, bloß keine Informationen über ihr Privatleben preiszugeben.

Als ob wir eines hätten!

Fürstin Astrid gestattete sich einen winzigen, natürlich stummen Seufzer. Diese leider unvermeidlichen Foto- und Fernsehtermine waren schrecklich anstrengend! Man musste auf jedes seiner Worte achten und unaufhörlich verbindlich lächeln. Sonst hieß es dann später womöglich, die Fürstin sei eine unglückliche Frau.

Sie sehnte sich nach dem stundenlangen Palaver inzwischen heftig nach der Stille ihrer Räume, die im lichtdurchfluteten Westflügel lagen und einen wunderbaren Blick auf den Park gewährten.

In diesen Räumen war sie ganz privat und durfte das tun, was sie wollte. Oder auch mal gar nichts. Das war überhaupt der größte Luxus für sie: einfach herumzusitzen und nichts tun …

»Die Bibliothek ist viel zu dunkel und zu ernst«, sagte Susanne, der die Entscheidung, wo gedreht werden sollte, nicht leichtfiel. »Der Gartensaal ist einerseits super, aber andererseits könnten die Vogelstimmen die Tonqualität beeinträchtigen.«

»Das Musikzimmer gefiel Ihnen doch so gut …«

»Aber es ist zu hell. Die weißen Wände und der weiße Flügel, nein, das gibt einfach keinen guten Hintergrund. Zu abgehoben, verstehen Sie? Das Gobelinzimmer ginge sehr gut, wenn die Wandteppiche nicht diese … sagen wir, aggressiven Themen hätten.«

»Es handelt sich um allegorische Darstellungen, Frau Bergengrün. Die antike Welt wäre ohne den Kriegsgott Mars undenkbar.«

»Aber diese grässlichen Schlachtengetümmel!« Susanne verzog das hübsche, vielleicht etwas nichtssagende Gesicht. »Lieber nicht, die Zuschauer könnten einen falschen Eindruck von Ihrer Familie bekommen. Wir sollten uns für eine neutrale Umgebung entscheiden. Bloß keine Reizthemen. Deshalb war ich ja auch spontan gegen das Jagdzimmer. Viele Leute halten Jäger für skrupellose Mörder.«

»Eine nicht nur unfaire, sondern vor allem falsche Meinung.«

Susanne nickte zustimmend. »Mag sein, aber so ist es nun mal. Und wir wollen auf jeden Fall vermeiden, dass uns nach der Sendung Wäschekörbe mit Protestbriefen in die Redaktion getragen werden.«

O Gott, ist das kompliziert, dachte die Fürstin. Sie war inzwischen mehr als nur leicht genervt, auch wenn man es ihr nicht ansah. Sie wahrte wunderbar die berühmte Kontenance, jene tadellose Haltung in schwierigen Situationen.

»Beim letzten Drehtermin fand das Interview im Arbeitszimmer meines Mannes statt. Das machte sich sehr gut.«

»Kann ich mir vorstellen, aber wir suchen uns lieber einen neuen Hintergrund aus. Womöglich halten die Zuschauer unser Interview sonst für eine Wiederholung.« Susanne lächelte.

»Wie wäre es mit dem Park? Jetzt mit dem bunten Herbstlaub ist er besonders attraktiv.«

»Aber die Hunde könnten bellen.«

»Kein Problem. Wir sperren sie für kurze Zeit ein.«

Susanne erwiderte flüchtig das liebenswürdige Lächeln der Fürstin, die noch immer beneidenswert jugendlich wirkte. Eine klassische Schönheit mit ebenmäßigen Zügen und einem ruhigen Ausdruck. Und manchmal lächelte sie wie diese sanftmütigen Madonnen auf den mittelalterlichen Gemälden …

»Ich glaube, der Park ist doch keine so gute Idee, Durchlaucht. Der Kollege Tim, das ist unser Toningenieur, könnte auch dort wieder Probleme mit dem Vogelgezwitscher bekommen. Und es rauscht doch ganz erheblich, wenn eine Windböe durch die Bäume fährt.«

Die junge, auffallend schmale, fast schon knabenhafte Journalistin mit den superkurzen Haaren warf plötzlich einen erstaunten Blick durchs Fenster.

»Was ist denn das?«, rief sie verblüfft. »Ist der echt?«

Bei uns ist alles echt.

»Ein Pfau«, erklärte Fürstin Astrid bereitwillig. »Wir haben fünf insgesamt. Mit etwas Glück werden Sie gleich sehen können, wie er sein Rad schlägt.«

»Großartig!« Susanne lachte. »Hier ist wirklich was los. Und da denkt man immer, auf dem platten Land passiert absolut nichts. Irrtum.«

»Ich zeige Ihnen mal mein Rosenzimmer«, schlug Fürstin Astrid vor, spontan entschlossen, doch ein Stückchen ihrer Privatsphäre preiszugeben. »Das heißt so, weil sich in diesem Raum eine wunderschöne handbemalte Seidentapete aus dem achtzehnten Jahrhundert befindet. Es ist mein Lieblingszimmer, und ich bin sicher, dass es auch Ihnen gefallen wird. Die Atmosphäre ist so liebenswert fröhlich.«

Als die beiden Damen die Halle durchquerten, wobei Susanne Bergengrün sich ständig bewundernd umsah und manchmal fast über die eigenen Füße stolperte, begegnete ihnen die Hausdame der Fürstin. Eine im Gegensatz zur Fürstin stattliche Frau in den Sechzigern, die sich, auch anders als die natürliche Astrid, gern fürstlich gab und unbändig stolz darauf war, dem Haushalt auf Amelungshöhe vorzustehen.

Frau Barbara Bischoff wirkte – was bei ihr so gut wie nie vorkam – aufgelöst, denn sie hatte soeben erfahren, dass »ihre« Küche auch »ins Fernsehen« kommen sollte.

»Sie müssen ein Machtwort sprechen, Durchlaucht!«, rief sie aufgeregt. »Darauf war ich gar nicht vorbereitet. Also, wenn ich das gewusst hätte, hätte ich doch aufräumen lassen.«

»Nur ein kurzer Blick in den Wirtschaftstrakt«, warf Susanne beschwichtigend ein. »Damit unsere Zuschauer sich eine Vorstellung von einer Schlossküche machen können.«

»Eine schöne Vorstellung«, jammerte Frau Bischoff. »Nein, nein, in diesem Zustand möchte ich keine fremden Leute in der Küche sehen. Und auf keinen Fall welche vom Fernsehen! Wir haben schließlich in diesen Tagen Hochbetrieb.«

Fürstin Astrid wandte sich erklärend an Susanne: »Wir sind praktisch Selbstversorger und schaffen uns im Herbst unsere Vorräte für die kommenden Wintermonate.«

»Super!« Susanne witterte ein neues Thema und zückte schnell ihren Notizblock. »War das schon immer so? Ich bin sicher, das interessiert unsere umweltbewussten Zuschauer ganz speziell …«

»Früher war die Vorratshaltung noch intensiver«, erklärte Fürstin Astrid schmunzelnd. »Heute sind mehr ökonomische als andere Gründe ausschlaggebend für unsere Aktion Eichhörnchen

Susanne zog fragend die Brauen in die Höhe.

»Versorgen Sie mal an die fünfzig Menschen aus dem Supermarkt«, setzte Fürstin Astrid hinzu, ohne etwa belehrend wirken zu wollen. »Das geht ganz schön ins Geld. Und man überlegt automatisch, wie man die Lebenshaltungskosten niedrig halten kann, ohne an der Qualität zu sparen. Hinzu kommt, dass zu Amelungshöhe ein mittelgroßer Gutsbetrieb gehört, der uns mit vorzüglichem Gemüse, Obst, Butter, Eiern und Geflügel beliefert. Alles aus biologischem Anbau.«

»Wir sind gerade dabei, die Pflaumen und Zwetschgen aus unserem eigenen Obstgarten zu verarbeiten«, berichtete Frau Bischoff nicht ohne einen gewissen Stolz. »Gestern waren die Pilze dran. Die haben freilich wenig Arbeit gemacht, weil wir sie nur getrocknet haben.«

»Nur!«, meinte Fürstin Astrid bedeutungsvoll. »Das hat auch Stunden gedauert. Aber dafür gibt es in den kommenden kalten Monaten dann auch herrliche Pilzgerichte oder Beilagen zum Wild.«

»Gerade das würde unsere Zuschauer brennend interessieren.«

»Die Küche sieht aus wie ein Schlachtfeld!«, klagte Frau Bischoff. »Alles ist übersät mit blauen Pflaumensaftspritzern.«

Die Fürstin vermittelte einmal mehr, wie man es nicht anders von ihr kannte.

»Ich glaube, wir sollten diesmal die Küche auslassen, Frau Bergengrün. Sie verstehen gewiss, dass ich Frau Bischoff nicht unter Druck setzen möchte.«

Barbara Bischoff atmete erleichtert auf und entfernte sich schleunigst, um in ihr Küchenreich zurückzukehren. Am nächsten Tag würde sie der Fürstin ein Glas Pflaumenmus überreichen, sozusagen als kleinen Dank für die verständnisvolle Hilfe. Pflaumenmus mit einem tüchtigen Schuss Karibik-Rum, das war eine Spezialität Frau Bischoffs.

»Schade«, murmelte Susanne enttäuscht. »Ein kurzer Blick in die Schlossküche wäre sicher super bei unseren Zuschauern angekommen.«

»Wie wäre es denn, wenn Sie stattdessen einen Blick in den Pferdestall werfen?«, schlug die Fürstin vor, der Harmonie besonders am Herzen lag. »Wir haben im Frühjahr zwei Fohlen bekommen, die sind wirklich entzückend.«

»Einverstanden.« Susanne nickte. »Und nun das Rosenzimmer, ja?«

»Wir sind schon da!« Fürstin Astrid öffnete die Tür und gewährte der jungen Journalistin einen Blick in »ihr« privates Reich.

»Klasse!«, kommentierte Susanne. »Hier würde ich mich auch wohlfühlen. Der Teppich ist ja ’ne Wucht!«

»Ein Aubusson-Teppich.«

»Woran erkennt man das?«

»An den Mustern. Diese Manufaktur ist bekannt für ihre Blumenarrangements aller Art, wobei Rosen den Schwerpunkt bildeten.«

»Was Sie alles wissen!«, erwiderte Susanne mit erheblichem Staunen. »Lernt man das automatisch, wenn man in einem Schloss wohnt?«

»Ich habe es schon vorher gewusst, denn ich habe Kunstgeschichte studiert. Noch in Schweden. Aber das ist sehr lange her.«

Susanne war ganz auf die schönen Einrichtungsgegenstände konzentriert, deshalb entging ihr zum zweiten Mal der wehmütige Unterton in Fürstin Astrids Stimme. Eine für eine Journalistin eigentlich unverzeihliche Unaufmerksamkeit, die jedoch für Susannes ästhetisches Feingefühl sprach. Angesichts der Fülle der Kostbarkeiten im Rosenzimmer war es schon verständlich, wenn sie mal den Job vergaß und sich lieber dem schönen Anblick hingab.

»Benutzen Sie eigentlich das Porzellan, das in der großen Vitrine steht? Himmel, ist das schön! Ich würde es vor lauter Angst, etwas zu zerbrechen, nicht mal anfassen.«

»Sehr selten, eigentlich nur an hohen Festtagen. Es ist ungewöhnlich kostbar, selbst für Amelungsche Verhältnisse. Die Urgroßmutter meines Mannes brachte es seinerzeit mit.«

»Ist ja toll, was es hier alles gibt«, staunte Susanne. »Fühlen Sie sich nicht manchmal ein bisschen verloren? Wie viele Zimmer gibt es eigentlich im Schloss?«

»An die zweihundert Räume werden es sein.

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