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Imperium der Drachen (02) – Kampf um Aidranon

Weitere Titel des Autors

Die Carya-Trilogie:

1. Flammen über Arcadion

2. Im Schatten des Mondkaisers

3. Das geraubte Paradies

Imperium der Drachen:

1. Das Blut des schwarzen Löwen

2. Kampf um Aidranon

Frontiersmen (als Wes Andrews):

1. Höllenflug nach Heaven’s Gate

2. Blutfehde auf Alvarado

Frontiersmen – Civil War:

1. Revolte auf Higgins’ Moon

2. Vierzig Frachter randwärts

3. Die Verdammten von Fort Hope

4. Die Tochter des Admirals

5. Die Rache der Peko

6. Showdown bei Alamo

Über dieses Buch

Das Schicksal der Geschwister Iolan, Markos und Mirene hat sich noch lange nicht erfüllt! In Aidranon, der Hauptstadt des Cordurischen Reichs, sieht sich Iolan im Strudel eines Ringens um die Vorherrschaft gefangen. Der Tyrann Iurias Agathon ist tot, und Iolan, vor wenigen Monden noch der Sohn eines einfachen Fischers, wird auf den Thron gesetzt. Doch als König verstrickt er sich nur noch mehr in die Ränkespiele der Senatoren und der magisch begabten Quano unter Erztheurg Urghaskar.

Mirene lernt unterdessen einen jungen Quano kennen, der ihre Sicht auf die Welt vollständig verändert. Und auf der anderen Seite des Ozeans steckt Markos mitten im Krieg gegen die Xol. Die Aussicht, seine Geschwister wiederzusehen, rückt dabei in weite Ferne. Für alle drei – Iolan, Markos und Mirene – heißt es kämpfen, wenn sie in diesen unruhigen Tagen bestehen wollen …

Über den Autor

Bernd Perplies, geboren 1977 in Wiesbaden, studierte Filmwissenschaft und Germanistik in Mainz. Parallel zu einer Anstellung beim Deutschen Filminstitut in Frankfurt a. M. wandte er sich nach dem Studium dem Schreiben zu. Heute ist er als Schriftsteller, Übersetzer und Journalist tätig. 2015 erhielt Bernd Perplies den Deutschen Phantastik Preis in der Kategorie »bester deutschsprachiger Roman« für sein Werk Imperium der Drachen – Das Blut des Schwarzen Löwen.

beBEYOND

1

SCHATTEN ÜBER AIDRANON

13. Tag des 8. Mondes

im 301. Jahr der cordurischen Könige

Auf den nächtlichen Straßen von Aidranon herrschte Chaos. In aufgeregten Gruppen standen die Menschen vor ihren Mietshäusern, und Soldaten rannten in kleinen Trupps zu den Mauern. Manch einer schleppte bereits sein Hab und Gut vor die Tür seiner Bleibe, um es auf einen Eselskarren oder Handwagen zu laden. Weit hallend dröhnte die Glocke des Verdamon-Tempels und warnte die Bewohner der Stadt. Ein Drache war gesichtet worden – und dies keine Kutschenstunde entfernt! Nie zuvor in der aufgezeichneten Geschichte Aidranons war eine große Echse so nah vor den Toren aufgetaucht.

Gesehen hatte ihn kaum jemand. Trotzdem schien jeder etwas über das Untier zu wissen. »Eine gewaltige Bestie, mit nachtschwarzen Schuppen und Augen, die wie Feuer glühen«, berichtete ein Mann lautstark den Umstehenden. »Und Flammen schlugen aus seinem Maul, heißer als die Feuer des Unterreichs. Er soll ganze Felder im Westen der Stadt verbrannt haben! Nur die Sechsgötter wissen, was dieses Untier in unsere Gefilde verschlagen hat.«

Orontoghast lauschte diesen Schilderungen mit wachsender Sorge, während er ruhelos vor dem Haupttor des Königspalasts auf und ab schritt und auf die Rückkehr von König Iurias Agathon wartete. Auch er hatte das Ungeheuer keineswegs mit eigenen Augen gesehen, doch anders als alle anderen hegte er die schreckliche Befürchtung, genau zu wissen, woher der Drache gekommen war.

Oh, Gahat, wie konnte das nur geschehen?, fragte sich der ehemalige Erztheurg von Aidranon wieder und wieder. Hätte er geahnt, was den König und seine Männer erwarten würde, als diese sich aufmachten, um eine Gruppe von Verschwörern im Landhaus des Senators Therius festzunehmen, hätte er Iurias Agathon niemals mit nur einer Handvoll Getreuer losziehen lassen. Aber mit einer solchen Entwicklung der Dinge hatte er wahrhaftig nicht gerechnet.

Iolan ist ein Berührter Dyrracher, dachte Orontoghast, und die grauen Hände des greisen Quano suchten Halt an einer der hoch aufragenden Marmorsäulen nahe dem Palasttor, weil sein Stab allein ihn nicht davor bewahren konnte, vor Entsetzen zu Boden zu sinken. Es muss so sein. Aber wie ist das möglich? Ist der Zauber der Dyrracher-Hexe so mächtig, dass er aus einem Menschensohn einen Sendboten der Gottdrachen gemacht hat?

Trotz all der Jahre, die inzwischen vergangen waren, erinnerte Orontoghast sich noch lebhaft an die Nacht vor siebzehn Sommern, in der Cassendrea, Iurias’ erste Ehefrau, das missgestaltete Neugeborene zur Welt gebracht hatte. Der König hatte ihn, seinen Freund und Vertrauten, zu sich gerufen und ihn angefleht, etwas für das Kind zu tun, dessen Haut graubraun verhornt war und dessen Augen an flüssige Lava erinnerten.

Doch sosehr es ihm das Herz brach, Orontoghast hatte nicht helfen können. Der Fluch der Hexe aus Dyrrach, mit dem sie den König zur Strafe für den Eroberungsfeldzug Cordurs zwei Jahre früher belegt hatte, war vom Vater auf den Sohn übergegangen – und keine Wunder Gahats hatten das Kind retten können. So blieb Orontoghast nur, das Neugeborene, in dem böse Kraft lauerte, zu töten – die einzig barmherzige Entscheidung.

Und wäre er gestorben, wäre alles gut gewesen … Die Finger des greisen Quano glitten von der Säule ab, und er stützte sich wieder auf seinen Stab.

»Reiter!«, brüllte ein Mann, der auf der Mauer über dem Tor stand. »Es nähern sich Reiter! Legar Galban kehrt zurück.«

Die Menschen auf der Straße zum Palast reckten die Hälse, und auch Orontoghast blickte auf. Galban, der als Anführer der Königsgarde zugleich für die Sicherheit Aidranons verantwortlich war, hatte sich umgehend mit einem Trupp Soldaten auf den Weg gemacht, als der erste Wachposten auf den Mauern Drachenalarm ausgerufen hatte. Orontoghast nahm an, dass er seinem König hatte zu Hilfe eilen wollen. Der greise Quano betete, dass es Galban gelungen war, den Fehler wiedergutzumachen, den er, Orontoghast, begangen hatte. Den Fehler, das Dunkel in dem jungen Mann, der heute Iolan hieß, zu unterschätzen.

Die Kapuze seiner Robe tief ins Gesicht gezogen und umgeben von einer schwachen Aura der Unscheinbarkeit schritt Orontoghast auf die Näherkommenden zu. Als er die gesenkten Köpfe der Reiter sah, den grimmigen Ausdruck auf Galbans kantigem Gesicht und die schweigende Menge, die den Reitern nachfolgte, spürte der Quano, wie sich eine schwere Last auf seine alten Schultern legte.

Nein … Iurias …

Einen Moment lang wankte er, und der Boden drohte unter seinen Füßen wegzukippen. Im nächsten Moment ergriff ihn ein starker Arm und hielt ihn fest. »Vorsicht, Großvater«, sagte eine Stimme neben Orontoghast.

Der frühere Erztheurg blickte zur Seite und erkannte den Mann, der zuvor so lautstark von dem Drachen erzählt hatte. Eigentlich hätte dieser ihm keine Beachtung schenken dürfen, doch mit dem Schwinden seiner Sinne hatte auch die Aura der Unscheinbarkeit nachgelassen. Dieses Zeichen von Schwäche hätte Orontoghast normalerweise geärgert, in diesem Fall war er dankbar dafür.

Der Mann zuckte kurz zusammen, als er erkannte, dass er einen Quano vor sich hatte. Doch er fing sich rasch. »Geht es wieder?«, fragte er leise und ohne eine Spur von Erkennen auf den Zügen.

»Ja, ich danke Euch«, antwortete Orontoghast, woraufhin sein Gegenüber ihn losließ.

»Der König …«, murmelte der Mann und deutete auf einen offenen Wagen, der langsam in der Mitte der Reiterschar über das Kopfsteinpflaster der Straße rumpelte.

Der Rand der hölzernen Ladefläche war so hoch, dass man kaum etwas ausmachen konnte. Dennoch glaubte Orontoghast, eine menschliche Gestalt in einer Kriegsrüstung zu erkennen, die dort aufgebahrt lag. »Ja«, erwiderte er kummervoll. »Der König …«

Als die Kutsche vorbeifuhr, schlugen die Umstehenden in Trauer den Blick nieder und sanken auf die Knie. Orontoghast tat es ihnen gleich, doch nicht, weil Iurias’ Rang und Stand es von ihm verlangt hätten, sondern weil ihn, entgegen seiner tapferen Worte, seine Beine einfach nicht mehr trugen.

»Legar!«, rief ein Mann auf der anderen Seite der Prozession. »Legar, war es der Drache?«

»Und wo ist das Untier jetzt?«, fügte eine Frau angstvoll hinzu. »Wurde es getötet?«

Einen Moment lang schien es, als wolle Galban die beiden Sprecher nicht beachten und mit seinen Männern und dem Wagen einfach durchs Palasttor verschwinden. Dann aber zügelte er sein Pferd und drehte sich zu den Untertanen Agathons um.

»Der König ist tot«, verkündete er mit lauter, rauer Stimme. »Er starb als Held, im Kampf gegen ein Ungeheuer, wie es Cordur noch nicht gesehen hat. Es gelang ihm, die Bestie in die Flucht zu schlagen. Wir konnten keine Spur mehr von ihr entdecken. Doch der König musste die Rettung seiner Heimat mit dem Leben bezahlen. Trauere um Iurias Agathon, Volk von Aidranon. Einer der größten Herrscher von Cordur ist von uns gegangen.«

Mit diesen Worten wandte er sein Pferd um und ritt durch das Tor. Der Wagen und die Soldaten folgten ihm.

Schweigend blickte Orontoghast ihnen nach. Es tut mir so leid, mein Freund. Ich wünschte, ich hätte es erkannt. Ich wünschte, ich hätte die wahre Gefahr erfasst, die von Iolan ausgeht. Aber ich habe versagt und dich in den Tod geschickt. Bitte vergib mir. Und möge Gahat deine Seele in sich aufnehmen.

Beiläufig fiel ihm auf, dass dem Fuhrwerk mit dem Toten ein zweirädriger Botenwagen folgte. Zwei Männer standen darauf. Orontoghast konnte sie trotz der Fackeln am Tor nicht erkennen. Ihre Gesichter schienen auf eigentümliche Weise im Dunkeln zu liegen. Im nächsten Moment waren auch sie im Palast verschwunden.

Die Menge, die den Wagen begleitet hatte, kam vor den Mauern zum Stehen. Einige der Menschen fielen auf die Knie und fingen stumm zu beten an. Ein paar Frauen hoben klagend die Hände zum Nachthimmel.

Mühsam kam Orontoghast auf die Beine. Er würde über vieles nachdenken müssen. Wer würde Iurias auf den Thron nachfolgen? Aspheon, sein verzärtelter Sohn? Oder seine Tochter Listris, der Iurias sein Vertrauen geschenkt hatte, die allerdings eine Frau war und damit den Gesetzen Cordurs zufolge nicht regieren durfte? Und was sollte er selbst tun? Sollte er sich dem neuen Herrscher zu erkennen geben? Oder sollte er weiterhin »tot« bleiben und das kommende Geschehen aus dem Schatten beobachten.

Fragen über Fragen, dachte der greise Quano bedrückt. Nur eines war ihm vollkommen klar. Aidranon und das Cordurische Reich blickten gefährlichen Zeiten entgegen. Denn im Gegensatz zu Legar Galban glaubte Orontoghast keinen Moment lang, dass Iurias Agathon den Drachen tatsächlich vertrieben hatte.

Die Fahrt bis in den Königspalast von Aidranon nahm Iolan wie durch einen Schleier wahr. Ein Grund dafür war, dass Urghaskar, der Erztheurg der Quano-Gemeinde von Aidranon, ihn in eine Aura der Unscheinbarkeit gehüllt hatte, damit sich niemand wunderte, wer der junge Mann war, der mit ihm auf dem schnellen Botenwagen stand. Vor allem aber rang Iolans Verstand darum, all das zu begreifen und sich damit abzufinden, was an diesem Abend geschehen war.

Vatermörder, Königssohn, Drache in Menschengestalt … Diese Worte wirbelten durch seinen Geist, und Iolan wusste nicht, ob er in hemmungsloses Gelächter oder verzweifeltes Wimmern ausbrechen sollte.

Auf der Hälfte der Strecke zurück in die Hauptstadt des Cordurischen Reichs war ihnen ein Trupp berittener Soldaten entgegengeeilt. Obwohl im Galopp durch die Nacht jagend, kamen die Männer zu spät. Eigentlich hätte Iolan vor ihnen Angst haben müssen, denn Legar Galban, der Anführer der Königsgarde, ritt ihnen voraus. Doch Urghaskars Zauber ließ alles bedeutungslos werden, auch die Gefahr durch die Soldaten.

Wie in einem Traum gefangen hatte Iolan wahrgenommen, dass die Krieger die Kutsche mit ihrem toten Herrscher in die Mitte nahmen – und den Wagen seines jungen Mörders auch. Dann waren sie zur Stadt zurückgekehrt, die trotz der späten Stunde von tausenden Kerzen und Öllampen hell erleuchtet war. Aufgescheuchte Bürger hatten sie entzündet.

Ich habe Iurias Agathon umgebracht#0#… und jetzt bin ich auf dem Weg, ihn zu ersetzen. Iolan, Herrscher von Cordur … Ihr Sechsgötter, habt ihr diese Zukunft vorausgesehen?

In Aidranon hatte Urghaskar die Aura der Unscheinbarkeit noch verstärkt. Das Geschehen um Iolan hatte weiter an Klang und Farbe verloren, bis die Welt blass und dumpf war und die trauernden Bewohner von Aidranon nur noch ein Heer aus Geistern, das dem Verstorbenen hinter ihrem Wagen das letzte Geleit gab.

So bewegte sich ihr Zug die Straße hinauf zum Königspalast und passierte das imposante Tor. Die Trauernden blieben zurück, doch auf dem Hof sammelte sich sogleich die nächste Menschenmenge – Diener, Soldaten und Höflinge. »Ruft die Königin!«, befahl jemand mit lauter und dennoch gedämpfter Stimme. Es musste Galban sein, der soeben von seinem Pferd sprang.

Während der Wagen mit dem Toten bis zum Haupteingang weiterfuhr, brachte Urghaskar ihr Gefährt unauffällig im Schatten eines Säulengangs zum Stehen. »Folge mir«, flüsterte der Erztheurg Iolan direkt ins Ohr. »Wir müssen zu Cassendrea. Rasch.«

Der Schleier um Iolans Sinne lüftete sich ein wenig, und sofort beschleunigte sich sein Herzschlag. »Sie werden mich umbringen, wenn sie erfahren, was geschehen ist«, sagte er leise, als sie zielstrebig, aber nicht so schnell, dass sie unerwünschte Aufmerksamkeit erregt hätten, den Säulengang entlangliefen.

»Niemand weiß, was geschehen ist«, antwortete Urghaskar. »Außer uns wussten nur Agathon, Orontoghast, Arastoth und die Dyrracher-Hexe, die den König verzauberte, um die Natur deines Fluchs, und sie alle sind tot. Zu erfassen, dass in deinem schmächtigen Leib ein Drache schlummert, überfordert die Erkenntnisfähigkeiten der Menschen von Cordur, und selbst die meisten Quano könnten es nicht verstehen.«

»Aber ich war unter den Verschwörern des Weißen Zirkels, als der König … als mein Vater mit seinen Männern das Landhaus angegriffen hat«, wandte Iolan ein. »Ich wurde gesehen. Und nicht alle Soldaten sind gestorben. Einige müssen es hierher zurückgeschafft haben.«

Urghaskar zischte bloß abfällig. »Kein einfacher Soldat wird es wagen, die Stimme gegen dich zu erheben. Und falls neben Botschafter Yariim noch weitere der Würdenträger entkommen sind, stehen sie auf deiner Seite. Vertrau mir: Wir müssen nur schnell und geschickt handeln, und du wirst schon in wenigen Tagen unangreifbar sein.«

Unangreifbar … Damit meinte er, dass Iolan König sein würde. »Wartet bitte.« Iolan streckte die Hand aus und berührte Urghaskar an der Schulter. Er bedeutete dem Erztheurgen, sich mit ihm in den Schutz einer Wandnische zurückzuziehen.

»Was ist los?«, wollte Urghaskar wissen. Ein leichter Unwille lag in seiner Stimme. Iolan spürte, dass er es eilig hatte.

Ihm selbst ging das alles jedoch viel zu schnell. Die Ereignisse überschlugen sich regelrecht. »Angenommen … angenommen, Cassendrea bestätigt Eure Worte, und ich bin tatsächlich der Sohn des Königs. Und mal weiter angenommen, sie unterstützt meine Nachfolge …«

»Was sie tun wird«, unterbrach Urghaskar ihn, »denn sie hasste Iurias Agathon dafür, dass er damals ein Ungeheuer in ihrem Leib zeugte, ihren Erstgeborenen scheinbar töten ließ und sich anschließend einer jungen Atlesierin zuwandte. Außerdem bietest du ihr die perfekte Gelegenheit, zurück an die Macht zu gelangen.«

»Na schön, sie ist also auf meiner Seite. Vielleicht gelingt es uns sogar, den Großen Rat von Aidranon zu überzeugen. Aber …« Iolan stockte. Er konnte noch immer nicht ganz klar denken. Furcht, Aufregung und Urghaskars nach wie vor spürbarer magischer Einfluss verhinderten das.

Unvermittelt änderte sich etwas auf den grauen Zügen des Quano. Sein Gesicht war im schwachen Schein der Lampen, die auf dem Hof brannten, kaum zu erkennen. Trotzdem glaubte Iolan, einen Anflug von Milde darin zu sehen. Dieser Eindruck wurde bestärkt, als Urghaskar ihm väterlich die Hände auf die Schultern legte. »Du zweifelst, ob du bereit bist, den Thron von Aidranon zu besteigen«, stellte der Erztheurg fest.

Iolan nickte stumm.

»Das verstehe ich. Mir würde es an deiner Stelle nicht anders gehen. Ich war zweiundachtzig Jahre alt – und damit schon im besten Alter –, als ich Orontoghast nachfolgte und der Erztheurg von Aidranon wurde. Viele Jahre hatte ich mich durch gründliche Studien auf diese Ehre vorbereitet. Dennoch verbrachte ich die ganze Nacht vor meiner Ernennung in meinem Sanktuarium und suchte Halt bei Gahat, denn ich …« Er brach ab, als fiele ihm dieses Geständnis schwer. Einige Herzschläge später aber sprach er weiter. »Ich hatte Angst, Iolan. Genauso wie du.«

»Es geht nicht bloß darum, dass ich Angst verspüre«, erwiderte Iolan. »Anders als Ihr weiß ich erst seit vielleicht zwei Stunden, was die Zukunft für mich bereithält. Vor nicht einmal zwei Monden war ich ein einfacher Fischer von der Ostküste Cordurs. Ich bemühe mich zu lernen, seit wir Aidranon erreicht haben. Allerdings glaube ich nicht, dass ich bereit dazu bin, der Herrscher dieser Stadt und aller Länder des Cordurischen Reichs zu werden.«

Urghaskar blickte ihn aus großen, schwarzen Augen eindringlich an. »Selten hat ein König den Luxus, bereit für diese Bürde zu sein. Heroas Agathon, dein Großvater, musste mit vierzehn den Thron besteigen, nachdem bordische Barbarenhorden seinen Vater getötet hatten. Auch er war kaum bereit dafür. Aber das musst du auch gar nicht sein. Ein König hat viele Berater – Offiziere, Senatoren und Priester –, die ihm helfen, Entscheidungen zu fällen und das Reich zu verwalten. Solltest du tatsächlich zum Herrscher über das Cordurische Reich aufsteigen, wird deine Mutter stets an deiner Seite sein. Ich werde an deiner Seite sein. Alles ist besser, das wird auch Cassendrea dir bestätigen, als dem Knaben Aspheon den Thron zu überlassen. Der hat vom Leben keine Ahnung, und seine Mutter war und ist im Geiste eine Dienerin.« Der Erztheurg nickte ihm zu. »Vertrau mir, Iolan.«

Iolan unterdrückte ein Schaudern. In diesem Augenblick klang Urghaskar genau wie Arastoth immer geklungen hatte: weise, selbstlos und nur auf Iolans Wohl bedacht. In Wahrheit aber hatte Arastoth ihn immer nur für seine eigenen Zwecke benutzt. Und auch Urghaskar verfolgte mit Sicherheit geheime Ziele. Jeder in Aidranon tat das. Aber hier standen sie nun, in der Nische eines Säulengangs am Rand des Innenhofs des Königspalasts. Durch die Säulen konnte Iolan die Soldaten sehen, die den Leichnam von König Agathon vom Wagen luden und auf eine Bahre betteten, während die fassungslose Menge der Palastbewohner, die das Schauspiel verfolgte – von der einfachen Wäscherin bis zum Priester des Verdamon-Schreins –, immer größer wurde.

Es gibt kein Zurück mehr, erkannte er. Er musste den Weg weitergehen, den er eingeschlagen hatte, seit er Arastoth nach Aidranon gefolgt war, um sich dem Weißen Zirkel, dem Widerstand gegen den König, anzuschließen. Auch die Verschwörer hatten ihn auf einen Sockel heben und ihn als vermeintlichen Sohn des großen Senators Lahrian Kamenor zum Vorstreiter im Kampf gegen die Tyrannei Agathons machen wollen. Nun war der Sockel eben etwas höher als noch zu Beginn des Abends.

Nicht zuletzt um Mirenes Willen musste Iolan den Weg bis zu Ende gehen. Wenn er jetzt aus dem Palast und aus Aidranon floh, würde er seine Schwester, die hoffentlich im Haus des Senators Grekeas auf ihn wartete, womöglich nie wiedersehen. Vor allem dann nicht, wenn die Soldaten des Königs nicht nur den Landsitz von Therius angegriffen hatten, sondern auch die Heime der Verschwörer in der Stadt. In diesem Fall mochte Mirene, die ihm so widerstrebend nach Aidranon gefolgt war und so treu ihr Ohr geliehen hatte, wann immer ihn Sorgen plagten, in diesem Moment in Ketten in irgendeinem Kerker liegen. Ich habe ihr versprochen, auf sie aufzupassen, dachte Iolan. Sie zu beschützen und immer für sie da zu sein. Doch das kann ich nur, wenn mein Wort Gesetz ist.

Er straffte sich. Der Wille der Sechsgötter möge geschehen. »Gehen wir«, sagte er. »Ich möchte meine Mutter kennenlernen.«

Urghaskar neigte stumm den Kopf.

Sie liefen den Säulengang hinunter, und der Erztheurg führte Iolan in einen Garten, der neben dem Hauptgebäude lag. Über mit Steinplatten belegte Wege huschten sie an blühenden Sträuchern und schweren Tonkrügen mit duftenden Blumen vorbei. Zur Rechten plätscherte ein Wasserspiel. Etwas weiter hinten war eine von Weinreben umrankte Sitzecke zu erkennen. Der beinahe volle Mond beschien die Stille mit silbernem Licht, und hätte man aus dem Hof hinter ihnen nicht die Rufe und das Klagen der Palastbewohner gehört, wäre Iolan der Anblick wie eine Oase des Friedens in einer verrückt gewordenen Welt erschienen.

Durch einen Seiteneingang gelangten sie ins Innere des Palasts. »Ich werde uns erneut in eine Aura der Bedeutungslosigkeit hüllen«, verkündete Urghaskar. »Obwohl ich meine eigene Anwesenheit stets erklären könnte, ist es besser, wenn uns niemand Beachtung schenkt, bis wir die Gemächer der Edlen Cassendrea erreicht haben.«

Er vollführte eine eigenartige Geste mit den Händen, und einmal mehr merkte Iolan, dass alles um ihn herum nicht mehr so wichtig war. Wer sie waren und was sie im Palast zu dieser nächtlichen Stunde trieben – es spielte keine Rolle. Obwohl er wusste, dass diese Wirkung dem Zauber Urghaskars geschuldet war, fiel es ihm schwer, sich ihr zu entziehen. Könnte ich auf die Kraft des Drachen zugreifen, wäre ich dagegen gefeit, dachte er und erinnerte sich daran, wie Arastoth im Landhaus von Therius erfolglos versucht hatte, ihn zu beeinflussen. Allerdings unterdrückten sie im Augenblick Iolans zweites Wesen mit dem Amulett, das Urghaskar ihm gegeben hatte und das unter der Tunika auf Iolans Brust ruhte.

Angestrengt an ihre Aufgabe denkend folgte Iolan dem Quano, der vor ihm durch die breiten, prächtigen Korridore des Palasts huschte. Wäre er vollends bei Sinnen gewesen, hätte er vor Staunen wahrscheinlich die Augen weit aufgerissen. Alle Böden waren mit Marmor ausgelegt, und polierte Säulen erhoben sich vor Wänden, die von kunstfertiger Hand bemalt worden waren. Verzierte Öllaternen spendeten Licht, und hölzerne Läden, in die Fische und anderes Meeresgetier eingeschnitzt worden waren, hingen vor den Fenstern.

Wie erwartet kümmerten sich die wenigen Menschen, denen sie auf ihrem Weg begegneten, überhaupt nicht um sie, sondern warfen ihnen bestenfalls einen flüchtigen Blick zu, bevor sie einfach an ihnen vorbeigingen.

Unbehelligt erreichten sie einen Korridor, der von steinernen Büsten zweifellos wichtiger Männer gesäumt war, die auf halbhohen Säulen standen und ernst ins Leere starrten. Iolan kannte keinen von ihnen. Am Ende des Gangs befand sich eine Doppelflügeltür, die verschlossen, aber unbewacht war. »Wir sind da«, sagte Urghaskar, als er vor der Tür stehen blieb. »Dahinter liegen die Gemächer der Edlen Cassendrea.«

Er bewegte beiläufig die Hand, und Iolans Geist und Sinne schärften sich wieder. Ich wünschte wirklich, es gäbe eine Möglichkeit, diese Aura zu wirken, ohne dass ich auch jedes Mal davon betroffen bin.

»Bist du bereit, deiner Mutter zu begegnen?«, fragte der Erztheurg.

»Nein«, gestand Iolan. »Aber was ändert das? Ich bin hier, also durchschreite ich auch diese Tür noch.«

Urghaskar wandte sich ab und klopfte.

2

DER VERLORENE SOHN

13. Tag des 8. Mondes

im 301. Jahr der cordurischen Könige

Es dauerte keine fünf Herzschläge, bis sich einer der Türflügel einen Spalt breit öffnete. Ein dunkelhaariges junges Mädchen, vielleicht im Alter von Mirene und mit einem hübschen runden Gesicht, schaute ihnen entgegen. »Was kann ich für Euch tun?«

»Ist die Edle Cassendrea anwesend?«

»Ja, Herr. Sie beobachtet von ihrem Schlafgemach aus das Geschehen im Hof.«

»Dann geh zu ihr und sage ihr, dass Urghaskar sie sprechen möchte.«

Die Augen der Dienerin weiteten sich, als sie begriff, wer da vor ihr stand. Rasch beugte sie den Kopf. »Sofort, Erztheurg. Bitte tretet ein.« Sie zog die Tür weiter auf und ließ den Quano ein.

Als Iolan an ihr vorbeiging, bemerkte er, dass sie ihm einen neugierigen Blick unter den dunklen Wimpern zuwarf. Wenn sie ihn nach der einfachen Tunika und den Sandalen beurteilte, die er aus der Truhe eines Bediensteten des Senators Therius genommen hatte, musste sie ihn für einen Sklaven des Erztheurgen halten. Allerdings hatte er weder Schwert noch Schreibzeug bei sich, also konnte er kein Leibwächter oder Schreiber sein. Unwillkürlich musste er schmunzeln. Wenn du wüsstest …

Jenseits der Tür lag ein geräumiger Aufenthaltsbereich, in dem neben schweren Tontöpfen mit exotischen Farngewächsen mehrere Liegesofas und zierliche Tische angeordnet waren. Auf einem der Tischchen standen ein Kelch und eine Karaffe, die wahrscheinlich Wein enthielt. Die hintere Wand zierte ein prachtvolles Mosaik, das ein Landschaftspanorama zeigte.

Die Dienerin schloss hinter ihnen die Tür. »Bitte wartet kurz.« Sie eilte auf einen offenen Durchgang zur Linken zu, hinter dem das Schlafgemach liegen musste. Eine zweite Öffnung zur Rechten führte in einen dritten Raum. »Herrin«, rief das Mädchen, »Ihr habt Besuch.«

Die Dienerin verschwand im Schlafgemach. Ein paar leise Worte wurden gewechselt, die Iolan nicht verstand. Dann tauchte eine Frau in der Türöffnung auf. Iolans Augen weiteten sich.

Cassendrea strahlte mit jeder Faser ihres Körpers Eleganz und Würde aus. Ihr ebenmäßiges Gesicht mit den dunklen Augen und dem sinnlichen Mund wurde von langem Haar eingerahmt, das ihr in einem locker geflochtenen Zopf über die rechte Schulter fiel. Obwohl sie mehr als vierzig Sommer alt sein musste, wirkte sie jünger, auch wenn sich einige kleine Fältchen um Augen und Mundwinkel zeigten. Sie trug ein langes weißes Gewand mit tiefem Ausschnitt, das ihr Nachthemd sein mochte, und darüber eine vorne offene Robe aus hellgrüner Seide. Wenn sie im Begriff gewesen war, sich erschöpft zur Nachruhe zu betten, als der Tumult in der Stadt losbrach, sah man es ihrem Gesicht nicht an.

Als Cassendrea Urghaskar erblickte, verzogen sich ihre Lippen zu einem spöttischen Lächeln. »Was führt einen frommen Mann wie Euch so spät am Abend ins Gemach einer Frau, Erztheurg?«

»Die Zukunft, Edle Cassendrea, die in diesen Stunden stärker in Bewegung ist als seit Jahren.«

Sie hob eine fein geschwungene Augenbraue, als sie näher kam. Iolan schenkte sie kaum mehr als einen flüchtigen Blick. »Ihr sprecht vom Tod des Königs«, wandte sie sich weiter an Urghaskar.

»Auch davon.«

»Mir kam zu Ohren, dass er im Kampf gegen einen Drachen gefallen sein soll. Das muss natürlich Unsinn sein, denn in Cordur gibt es keine Drachen.«

»Und doch ist es die Wahrheit, nach allem, was ich sah, als ich verspätet den Ort erreichte, an dem König Agathon seinen letzten Kampf ausgefochten hat«, erwiderte der Erztheurg. »Es heißt, das Ungeheuer sei aus dem Athlast-Gebirge nach Süden gekommen.«

Ein Anflug von Unbehagen huschte über die Züge der früheren Königin. »Es treibt sich tatsächlich ein Drache in der Nachbarschaft von Aidranon herum?«

Beinahe hätte Iolan laut aufgelacht. In der Nachbarschaft von Aidranon? Er steht direkt vor dir, Mutter. Doch es gelang ihm, sich zu beherrschen.

»Der Drache stellt keine Gefahr mehr dar«, beruhigte Urghaskar sie. »Er ist wieder verschwunden und soll uns gegenwärtig nicht weiter kümmern.«

Cassendrea blieb vor ihnen stehen und musterte den Quano. Sie war beinahe so groß wie Urghaskar, und obwohl er über Kräfte gebot, die vermutlich kein Mensch ermessen konnte, sah sie ihm vollkommen furchtlos in die Augen. »Also schön«, sagte sie nach einem Moment des Schweigens. »Dann teilt mir Euer Anliegen mit, und das schnell. Wegen Euch verpasse ich ein wundervolles Schauspiel von höchster Tragik unten im Hof.«

Urghaskars Blick huschte zu der jungen Dienerin, die sich unauffällig im Hintergrund hielt. »Wir sollten diese Dinge unter sechs Augen besprechen, Edle.«

»Elomea ist mir uneingeschränkt treu. Ich vertraue ihr.«

»Sie ins Vertrauen zu ziehen steht Euch frei. Aber Ihr solltet diese Entscheidung erst treffen, wenn Ihr wisst, worum es geht.«

Cassendreas Augen verengten sich ein wenig, und sie warf Iolan einen zweiten Blick zu. Dass er nicht aus dem Zimmer geschickt werden sollte, schien sie neugierig zu machen. Sie drehte sich halb zu ihrer Dienerin um. »Elomea, warte vor der Tür. Ich rufe dich, wenn ich dich wieder brauche.«

Die junge Dienerin verbeugte sich respektvoll und huschte aus dem Raum. Nachdem sie das doppelflügelige Portal hinter sich zugezogen hatte, ging Cassendrea zu dem Tischchen mit der Weinkaraffe und dem Kelch. Sie goss sich ein wenig Wein ein, ohne ihren Gästen davon anzubieten. Dann ließ sie sich, den Kelch in der Linken, anmutig auf eines der Liegesofas sinken. Auffordernd blickte sie Urghaskar und Iolan, die nun wie Bittsteller vor ihr standen, an. »Ich höre.«

Der Erztheurg schob die Hände in die Ärmel seiner weiten Robe. »Wie Ihr schon gesehen habt, ist in dieser Nacht der Herrscher des Cordurischen Reichs verstorben. Der Thron ist verwaist und ein neuer König wird gebraucht.«

Cassendrea verzog abfällig den Mund. »Iurias war nicht ohne Erben. Es gibt einen neuen König, wenngleich er ein zwölfjähriger Knabe ist. Sein Name lautet Aspheon, und er wird in diesem Moment mit seiner Mutter jammernd am Leichnam seines Vaters knien.«

»Wohl wahr«, pflichtete Urghaskar ihr bei und neigte den Kopf. »Aspheon hat in der Tat ein Anrecht auf die Königswürde. Aber er ist nicht der Erste in der Thronfolge.«

»Wer sonst?« Cassendrea runzelte die Stirn und nippte an ihrem Weinkelch. »Wollt Ihr mir erzählen, Iurias hätte in den wenigen Monden, nachdem er mein Bett verlassen hat, um sich dieser atlesischen Sklavin zuzuwenden, noch einen Bastard gezeugt und Ihr habt ihn gefunden?« Ihr Blick glitt zu Iolan.

Der Erztheurg schüttelte den Kopf. »Nein, keinen Bastard. Ich habe jemand viel Wichtigeres gefunden. Jahrelang lebte er versteckt unter der Obhut von Botschafter Arastoth, der ihn in der Nacht nach seiner Geburt vor dem Tod bewahrte und in Sicherheit brachte.« Er deutete auf Iolan. »Edle Cassendrea, ich bringe Euch Euren verloren geglaubten Sohn.«

Die einstige Königin erstarrte. Sie hatte zweifellos mit vielem gerechnet, mit dieser Eröffnung jedoch nicht. Langsam stellte sie den Becher ab und kam wieder auf die Beine. »Was redet Ihr da, Erztheurg?«, fragte sie, als sie auf ihre Gäste zutrat. »Mein Sohn wurde als Ungeheuer geboren. Weder der Leibmediker des Königs noch Euer Vorgänger sahen eine Aussicht auf Heilung. Sie haben ihn heimlich getötet und verbrannt und dem Volk etwas von einem bedauerlichen Kindstod erzählt. Die Asche des Kindes befindet sich begraben im Garten hinter dem Palast.«

»Ich weiß nicht, wessen Asche in dieser Urne ist, aber es ist nicht die Eures Sohnes, Edle Cassendrea. Das schwöre ich Euch. Euer Sohn steht vor Euch, wie er leibt und lebt.«

Ungläubig richtete sie ihre Augen auf Iolan. Forschend suchte ihr Blick den seinen. Iolans Herz pochte so heftig, als wollte es seinen Brustkorb sprengen. Er wusste nicht, was er sagen oder tun sollte. Vor wenigen Stunden erst hatte er seinen echten Vater, den König, kennengelernt. Nun stand er vor seiner leiblichen Mutter – wenn alles, was Urghaskar ihm erzählt hatte, stimmte und nicht bloß eine weitere Lüge der Quano war.

»Wie heißt du?«, fragte Cassendrea ihn nach einer scheinbaren Ewigkeit.

»Der Mann, der mich aufzog, nannte mich Iolan«, erwiderte Iolan.

»Iolan …« Sie ließ sich den Namen auf den Lippen zergehen. »Ich erkenne dich nicht. Bist du tatsächlich mein Sohn?«

»Ich weiß es nicht«, gestand Iolan wahrheitsgemäß. »Erztheurg Urghaskar glaubt es.«

Zögernd trat sie noch einen Schritt näher. Dann hob sie die Hand und strich ihm mit kühlen Fingern über die Wange, so, als helfe ihr die Berührung, ihn zu erkennen. Iolan lief ein Schauer über den Rücken, ähnlich wie damals als er in jener Unwetternacht im Vorgarten des Hauses von Senator Grekeas begriffen hatte, dass Erindrea, die junge Frau, für die sein Herz entflammt war, die Prinzessin des Cordurischen Reichs war.

»Er sieht aus wie ein normaler Mensch«, sagte Cassendrea an Urghaskar gewandt. »Er kann nicht mein Sohn sein.«

Der Erztheurg sah Iolan ernst an. »Nimm das Amulett ab.«

Iolan zögerte. »Waren wir nicht übereingekommen, mein Geheimnis niemals zu enthüllen?«, fragte er.

»In diesem Fall ist eine Ausnahme angebracht und notwendig«, entgegnete Urghaskar. »Die Herausforderungen, die vor uns liegen, können wir nur gemeinsam bewältigen. Vertrauen ist die Grundlage dieses Bundes.«

Mit diesem Schritt wagten sie viel. Wenn Urghaskar Cassendrea falsch einschätzte, mochte sie von Entsetzen erfüllt die Wachen rufen und Iolan in den Kerker werfen lassen. Andererseits kann mich kein normaler Mann aufhalten, dachte er. Und Urghaskar wird sicherlich das Seine tun, um mich zu schützen. Schließlich scheint ihm etwas daran zu liegen, dass ich meinem Vater auf den Thron nachfolge.

»Also gut«, sagte Iolan. Mit einer entschlossenen Bewegung zog er das machterfüllte Kleinod über den Kopf, das Urghaskar ihm im Anschluss an die Ereignisse im Landhaus des Senators Therius gegeben hatte. Wie erwartet geschah zunächst gar nichts. Dann jedoch spürte Iolan, wie sich Wärme in seinem Körper auszubreiten begann. Es war die Glut seines Drachenerbes, wenngleich sie nicht annähernd so heiß brannte wie in der kurzen Zeitspanne, da er sich tatsächlich in einen Drachen verwandelt hatte.

Gleich darauf merkte er, dass die Verwandlung einsetzte. Die Magie, die ihm das Aussehen eines gewöhnlichen Menschen verlieh, verebbte und seine wahre Gestalt kam zum Vorschein. Die Augen seiner Mutter weiteten sich, und sie wich unwillkürlich einen Schritt zurück, als Iolans Haut eine graubraune Färbung annahm und fest wurde wie zähes Leder, während sich überall an seinem Körper harte Auswüchse bildeten und den Stoff seiner Tunika dehnten. Er hatte das alles schon früher am Abend erlebt, doch die Veränderung rief bei ihm erneut tiefes Unbehagen hervor. Dieses Geschöpf, zu dem er wurde, wenn der schützende Quano-Zauber fehlte, war ihm nicht minder fremd als Cassendrea.

Die frühere Königin hob die Hand zum Mund. »Bei den Göttern«, murmelte sie. In ihren Augen flackerte es, als sie ihren Blick über Iolans Körper gleiten ließ. Schließlich sah sie ihn unverwandt an, und Iolan glaubte die Widerspiegelung des gelblich roten Glühens seiner eigenen brennenden Augen in den ihren zu erkennen. Er rührte sich nicht, ließ ihr Zeit, den Schrecken zu verarbeiten.

Cassendrea drehte den Kopf zur Seite, als könne sie seinen Anblick nicht länger ertragen. »Zieh das Amulett wieder an, Iolan«, bat sie. Stumm kam er der Aufforderung nach.

Während er wieder zu dem schlanken, athletischen jungen Mann wurde, der er in den letzten Jahren gewesen war, wandte Cassendrea sich ab und schritt zu dem Tischchen mit dem Weinkelch zurück. Sie nahm den Becher und leerte ihn in einem Zug.

Bedächtig stellte sie das Trinkgefäß wieder auf die polierte Tischoberfläche. »Du bist es«, sagte sie leise und ohne Iolan anzusehen. »Du bist tatsächlich mein Sohn. Diese Augen … diese Haut … Ich habe dich nur einen kurzen Moment lang gesehen, als du geboren wurdest, aber ich habe nie vergessen, was mir die Ammen damals mit vor Entsetzen verzerrten Gesichtern zeigten.«

Sie drehte sich um, und zu Iolans Überraschung schimmerten Tränen in ihren Augen. »Ich habe geheult und geschrien und mich geweigert, dich auch nur in den Arm zu nehmen. Du warst ein Dämon, der aus meinem Schoß gekrochen war, ein Balg, das der verfluchte Samen deines Vaters in mir gezeugt hatte.«

Langsam kam sie näher. Eine erste Träne rollte über die makellose Haut ihrer linken Wange. Iolan wagte es nicht, sich zu rühren. »Ich … ich wollte nur noch, dass du fortgehen würdest. Wollte dich nie mehr sehen und diese Nacht einfach vergessen. Oh, hätte ich Orontoghast damals nur gebeten, mich vergessen zu lassen. Aber ich wusste wenig über die Gaben der Quano, und so kam ich nicht auf den Gedanken. Schon am nächsten Morgen warst du scheinbar tot. Ich nahm nicht an deiner Beerdigung teil. Ich hätte es nicht ertragen. Es hat Wochen gedauert, bis ich das Grab besucht habe. Doch an jenem Tag …«

Sie stockte. Ein leises Wimmern kam über ihre Lippen, die sie rasch mit ihrer Hand verschloss. Weitere Tränen flossen ihr übers Gesicht. Iolan hätte nur den Arm ausstrecken müssen, um sie fortzuwischen, so nah stand Cassendrea ihm jetzt. Aber sein Körper fühlte sich wie gelähmt an.

»An dem Tag habe ich begonnen, dich zu vermissen. Gegen meinen Willen habe ich um das Ungeheuer, um dich, getrauert, wie nur eine Mutter zu trauern vermag. Ich habe mich gefragt, was für ein Mann du wohl geworden wärst und ob das Böse wirklich dein Leben bestimmt hätte, wie Iurias es stets geglaubt hat. Und nun … nun stehst du vor mir. Mein Sohn.« Sie streckte die Hand aus, zögerte, ließ sie einen Herzschlag lang in der Luft schweben und berührte dann doch seine Wange. »Mein Sohn Iolan.«

Er hob die Linke und nahm ihre Hand in die seine. Eine Anspannung erfüllte seinen Körper, die er am liebsten laut herausgeschrien hätte. »Mutter«, erwiderte er mit bebender Stimme. Das Wort hörte sich unfassbar fremd an.

Cassendrea trat vor und umarmte ihn. Ihre Haut duftete nach kostbaren Jesma-Blüten. »Ich bin froh, dass mir die Sechsgötter eine zweite Gelegenheit geschenkt haben, das zu tun«, flüsterte sie ihm ins Ohr. »Ich bin froh, dass du hier bist.«

Ungelenk erwiderte er die Umarmung. Diese Frau mochte seine leibliche Mutter sein, aber zuallererst und nach wie vor war sie für ihn die einstige Königin des Cordurischen Reichs – und mit dem Gedanken, dass er selbst der zukünftige König sein mochte, hatte er sich immer noch nicht angefreundet.

Die vertrauliche Geste währte nur wenige Herzschläge. Dann löste sich Cassendrea wieder von ihm, trat einen Schritt zurück und tupfte sich mit dem Finger die verbliebenen Tränen aus den Augenwinkeln. »Ihr hattet recht, Erztheurg«, sagte sie, und ihre Stimme klang nun wieder fest, ja, geradezu entschlossen. »Diese Nacht kann die Zukunft verändern, meine und die des Cordurischen Reichs. Wir müssen schnell handeln, aber auch mit Bedacht. Kommt, setzen wir uns. Es gilt einiges zu besprechen.«

Sie begaben sich zu der Sitzgruppe hinüber. Cassendrea klatschte laut in die Hände. »Elomea! Komm herein!«

Sofort öffnete sich die Doppelflügeltür und die junge Dienerin erschien. Sie musste direkt vor der Tür gewartet haben. Womöglich hatte sie sogar gelauscht. Aber Iolan bezweifelte, dass sie bei der Stärke der Türflügel etwas verstanden hatte. »Herrin?«

»Bring uns neuen Wein und Becher für meine Gäste. Und etwas Leichtes zum Essen. Danach kannst du zu Bett gehen.«

»Ja, Herrin.«

Sie warteten, bis die Dienerin den Befehlen Cassendreas Folge geleistet hatte. Kurz darauf hielten sie alle einen Becher Wein in den Händen, auf dem Tisch zwischen den Liegesofas stand eine Schale mit Obststücken und etwas Brot, und Elomea war erneut verschwunden. Iolans Mutter prostete ihren beiden Gästen zu und trank einen Schluck. »Wenn ich all das bisher Gesagte recht begreife, seid Ihr in dieser Nacht zu mir gekommen, Erztheurg, weil Ihr mit meiner Hilfe Iolan auf den Thron setzen wollt.«

»Das ist wahr. Wie ich bereits sagte, wurde Iolan lange Jahre von Botschafter Arastoth versteckt. Ich wusste nicht, dass er am Leben ist. Wäre ich darüber unterrichtet gewesen, hätte ich Euch längst aufgesucht. Erst heute Abend erfuhr ich, wer dieser junge Mann wirklich ist, der seit ein paar Wochen von Senator Grekeas als vermeintlicher Sohn von Lahrian Kamenor der Gesellschaft von Aidranon vorgestellt wurde. Iolan war Gast bei einem Bankett in Senator Therius’ Landhaus, zu dem – wenn ich das recht verstanden habe – ein Zirkel von Feinden des Königs geladen hatte. Iurias erfuhr von dem Treffen und zog los, die Verschwörer festzunehmen. So geriet Iolan in die Wirren des Kampfes mit den Soldaten des Königs, die schließlich durch das Auftauchen des Drachens noch verstärkt wurden.«

Cassendrea sah Iolan überrascht an. »Du hast mit Gegnern des Königs verkehrt?«

»Das ist eine lange Geschichte«, erwiderte Iolan.

Sie bedachte ihn mit einem hintergründigen Lächeln. »Ganz gewiss.« Dann blickte sie zu Urghaskar. »Das alles ist schön und gut. Was ich mich jedoch frage, ist, wie Ihr auf Iolan gestoßen seid? Ihr gehört nicht zu Therius’ Freundeskreis, oder täusche ich mich?«

»Nein, Ihr täuscht Euch nicht. Es war Arastoth, der ebenfalls unter den Gästen weilte und mich um Hilfe rief, als die Dinge außer Kontrolle gerieten. So begab ich mich in höchster Eile nach Norden – genau wie Legar Galban auch, doch etwas schneller als er. Arastoth war tot, als ich eintraf, möge Gahat seine Seele in sich aufnehmen. Viele andere waren ebenfalls den Schwertern der Königsgarde oder dem Feuer des Drachens erlegen. Aber Iolan lebte noch. Die Götter müssen etwas mit ihm vorhaben, denn sie hielten ihre schützende Hand über ihn, sodass er beinahe unverletzt war. Als ich ihn versorgte, wie es meine Pflicht als Heiler und Priester ist, erkannte ich unvermittelt sein wahres Wesen und seine Herkunft. Nachdem ich meine Überraschung überwunden hatte, wurde mir klar, dass ich ihn umgehend zu Euch bringen musste.«

»Und Ihr habt richtig gehandelt.« Cassendrea beugte sich vor. »Ich warte schon lange auf eine Gelegenheit, meine alte Macht wieder einzufordern und diesem goldenen Käfig zu entrinnen, in den Iurias mich gesteckt hat, nachdem er meiner überdrüssig war.«

»Wie gehen wir also vor?«, fragte Iolan. Er konnte es kaum fassen, dass er hier mit dem Erztheurgen von Aidranon und der ehemaligen Königin des Cordurischen Reichs saß und Pläne schmiedete, als wären sie Gleichgestellte. Vor zwei Monden musste ich mich noch vor jedem erwachsenen Fischer von Efthaka verantworten, dachte er.

»Es wird eine Sitzung des Großen Rats geben, so viel ist sicher«, sagte Urghaskar. »Wahrscheinlich schon im Laufe des kommenden Tages. Dort wird Königin Anielle mit Aspheon vorstellig werden, um ihn als neuen Herrscher des Reichs bestätigen zu lassen.«

Iolan hatte mittlerweile gelernt, dass sich in Cordur Könige nicht einfach selbst ausrufen konnten. Sie brauchten die Unterstützung des Großen Rats – wenn sie nicht mit Unterstützung des Militärs als Gewaltherrscher regieren wollten. Für gewöhnlich verweigerte der Rat sich zwar nicht, aber gerade in Nachfolgestreitigkeiten konnte er das Zünglein an der Waage sein.

Das wusste auch Cassendrea. »Dann müssen wir dort auftreten, und das mit so viel Unterstützung wie nur möglich. Ich habe noch immer ein paar treue Freunde im Rat. Leider ist mein wichtigster Verbündeter beim Militär, Legar Castano, vor Kurzem verstorben.«

Iolan verzog das Gesicht. »Auch von denen, die mich bislang gefördert haben, dürften seit den Vorfällen vorhin im Landhaus nicht mehr viele am Leben sein.« Er sah zu Urghaskar hinüber. »Ihr sagtet, Botschafter Yariim wäre dem Morden entkommen?«

»Das stimmt, er kam uns entgegen, als wir eintrafen.«

»In dem Fall sollten wir ihn suchen«, meinte Iolan. »Jede Stimme zählt, oder nicht?«

Seine Mutter nickte. »Ja, ich denke auch, dass wir jeden Verbündeten brauchen werden, den wir bekommen können. Es ist nicht so, dass Anielle unglaublich beliebt unter den Senatoren wäre. Aber sie ist – zumindest in deren Augen – die Königin, und ihr Sohn ist der rechtmäßige Erbe des Throns. Wenn wir mit dir dort in Erscheinung treten und erzählen, du wärst mein tot geglaubter Sohn, der nach Jahren zurückkehrt, wird das auf Argwohn stoßen, nicht zuletzt deshalb, weil der Zeitpunkt für mich allzu günstig ist, mit einem eigenen Erben aufzutreten, der Aspheon sein Recht streitig machen könnte.«

»Wenn der Erztheurg von Aidranon und der Botschafter Phoekias für Iolan bürgen, wird das durchaus Eindruck bei den Senatoren machen«, warf Urghaskar ein. »Es mag nicht genügen, aber es ist ein guter Anfang.«

Nachdenklich führte Cassendrea ihren Becher an die Lippen, um zu trinken. »Wir müssen Legar Galban auf unsere Seite ziehen«, verkündete sie danach. »Die Königsgarde könnte der Schlüssel zum Erfolg sein.«

»Wie groß ist Euer Einfluss auf den Legar?«, wollte Urghaskar wissen.

»Nicht sehr groß«, gestand Iolans Mutter. »Er ist kein Mann, der viel mit Frauen anfangen kann. Aber ich weiß sicher besser mit ihm umzugehen als Anielle. Und mit dem richtigen Anreiz sollte es mir gelingen, ihn um den Finger zu wickeln.«

»Seine Unterstützung dürfte uns den nötigen Rückhalt geben, um unser Anliegen beim Rat durchzubringen.«

Cassendrea bedachte den Erztheurgen mit einem dünnen Lächeln. »Überlasst das nur mir.«

So sprachen sie, während die Nachtstunden verstrichen. Die Weinkaraffe lehrte sich, vom Obst und Brot aßen sie jedoch fast nichts. Im Palasthof war längst Ruhe eingekehrt, und der volle Mond sank bereits dem westlichen Horizont entgegen, als Cassendrea sich schließlich erhob. »Ich denke, es genügt für heute. Mehr können wir im Augenblick nicht tun. Begeben wir uns zu einer kurzen Ruhe. Der neue Tag wird mühevoll genug werden.«

»Dann ziehe ich mich zurück«, sagte Urghaskar, der zusammen mit Iolan ebenfalls aufstand. »Ich überlasse Iolan Eurer Obhut, denn es wäre unnötig riskant, ihn im Gahat-Heiligtum auf der anderen Seite der Stadt zu verstecken.«

Iolans Mutter nickte. »Es wird sicher das Beste sein, wenn du in meinen Gemächern bleibst, bis der Rat einberufen wird. Du kannst auf einem der Sofas schlafen.«

»Danke«, erwiderte Iolan.

Sie verabschiedeten den Erztheurgen, und Cassendrea begann, die Öllampen zu löschen. Das Licht im Raum wurde dämmriger. »Vertraust du ihm?«, fragte sie unvermittelt, ohne Iolan dabei anzusehen.

»Urghaskar?« Iolan zögerte, unsicher, ob das eine Fangfrage war. »Ich weiß es nicht. Er scheint nur mein Wohl im Sinn zu haben, aber er würde mir nicht helfen, wenn er sich nichts davon verspräche.«

»Ich teile diese Einschätzung«, sagte seine Mutter, bevor sie die nächste Lampe löschte. Ihr Gesicht versank im Schatten. »Das ist die erste Lektion für einen König: Hinterfrage alles. Du hast keine Freunde.«

Sie ging weiter, trat in den Lichtkreis der vorletzten Lampe und nahm sie aus der verzierten Halterung. »Und vertraust du mir?« Noch immer wandte sie ihm den Rücken zu.

Iolan schluckte. Er wollte es. Er wollte es von ganzem Herzen. Schließlich war Cassendrea doch seine Mutter. Aber genau genommen kannte er sie erst seit wenigen Stunden und er hatte keine Ahnung, was für ein Mensch sie war. Er kam zu dem Schluss, dass die beste Antwort auf diese Frage eine Gegenfrage war. »Kann ich dir vertrauen?«

Als sie sich zu ihm umdrehte, lag ein Lächeln auf ihren Lippen. »Sehr gut. Du lernst schnell.« Mit der Lampe in der Hand kam sie auf ihn zu. »Doch in meinem Fall ist deine Sorge unbegründet. Du bist die Antwort auf meine Gebete an die Sechsgötter. Mit dir wird alles besser werden. Ich werde also alles in meiner Macht Stehende tun, um dir bei dem zu helfen, was vor uns liegt.« Sie ergriff Iolans Hand, beugte sich vor und gab ihm einen leichten Kuss auf die Wange. »Und nun schlaf gut, mein Sohn. Träume von den großen Dingen, die wir gemeinsam erreichen werden.«

3

IM KERKER

13. Tag des 8. Mondes

im 301. Jahr der cordurischen Könige

Mirene zitterte am ganzen Leib. Sie hatte nur ihr ärmelloses weißbraunes Kleid an, und in dem Kellerloch, in das man sie gesteckt hatte, war es empfindlich kalt. Den Rücken an die Steinwand gelehnt hockte sie auf dem harten Boden, auf dem nicht einmal Stroh lag, und fror bis auf die Knochen.

Ein Teil dieser Kälte kam von innen. Noch immer träumte sie in manchen Nächten von dem schrecklichen Angriff auf ihr Heimatdorf Efthaka. Sie sah die schattenhaften Gestalten der königlichen Soldaten, die zwischen den brennenden Hütten umherliefen und die hilflosen Bewohner des kleinen Fischerdorfs mit ihren Schwertern erschlugen. Sie glaubte die Schreie zu hören und die Hitze der Flammen zu spüren, die aus den Hüttendächern in den dunklen Himmel emporloderten. Überall lagen Tote auf den Straßen und sie trugen das von Überraschung und Entsetzen gezeichnete Gesicht ihrer Freundin Elea, die bereits während der ersten Augenblicke des Angriffs durch einen Pfeil getötet worden war.

Es würden sicher noch Monde vergehen, bevor diese Albträume sie nicht länger plagten. Dennoch hatte Mirene das Gefühl gehabt, dass ganz langsam ein Heilprozess einsetzte, der ihr Ruhe schenkte und die Angst vor der Finsternis und dem Schlaf nahm.

Aber dann waren am gestrigen Abend erneut Soldaten gekommen! Mirene war gerade damit beschäftigt gewesen, den Text zu lesen, den Idune ihr gegeben hatte, die Ehefrau von Senator Grekeas, in dessen Haus Iolan und sie seit einer Weile wohnten. Idune brachte ihr Lesen und Schreiben bei, wofür Mirene ihr sehr dankbar war, hatte sie doch niemals von den Ältesten in Efthaka lernen dürfen.

Auf einmal hatte Mirene Poltern und Rufe im Eingangsbereich des Hauses vernommen. Als sie sich auf den Gang hinausgewagt hatte, waren schon die ersten Männer in den Rüstungen der Königsgarde aufgetaucht. Der Schrecken hatte sie regelrecht gelähmt, und bevor sie sich zur Flucht wenden konnte, war es zu spät. Sie wurde ergriffen und mit Idune und den Dienern des Hauses in den kastenartigen Aufbau einer Kutsche gesperrt.

»Warum tun die das? Was wollen die von uns?«, hatte Mirene ängstlich gefragt. Keiner der Anwesenden hatte eine Antwort gehabt.

Bis jetzt wusste sie nicht, warum sie und die Übrigen eingesperrt worden waren. Man hatte sie in ein großes Gebäude gebracht und dort in einen Kellergang geführt, von dem mehrere kleine, massiv anmutende Holztüren abzweigten. Als Idune sich lautstark beschwerte und dabei preisgab, dass sie die Frau des Senators war, hatte man sie von den anderen getrennt. Mirene war mit den Dienern derweil in einen der Räume gedrängt worden, in dem schon andere Gefangene auf sie gewartet hatten. Dann war hinter ihnen die Tür zugefallen. Wie lange genau das her war, wusste Mirene nicht.

Der Raum war vergleichsweise groß, kahl und wurde nur durch zwei Lichtschächte in der Decke erhellt. Bei Tag mochte das genügen, bei Nacht jedoch, wenn nur der schwache Schein von Laternen, die offenbar in der Nähe der Schächte hingen, hinunterfiel, konnte man kaum etwas erkennen. Alle hier unten Eingepferchten wurden zu schattenhaften Gestalten, die zum Teil in leise, nervöse Unterhaltungen vertieft beisammenstanden, zum Teil wimmernd an den Wänden kauerten. Manche litten auch still wie Mirene.

Die übrigen Gefangenen, das hatte Mirene mitbekommen, gehörten dem Haushalt von Senator Therius an, den sie, wenn sie nicht irrte, einmal bei einem Abendessen kennengelernt hatte. Der Senator war ein rundlicher Mann von freundlichem Gemüt gewesen, jemand, der den Sinnenfreunden in jeder Form huldigte. Sind Iolan und Grekeas nicht heute Abend zu Gast in Therius’ Landhaus?, dachte sie, und als sie begriff, was es wohl bedeutete, wenn man die Familien der Senatoren hier zusammenpferchte, wurde ihr noch kälter.

Sie sind aufgeflogen! Diese Verschwörer, mit denen Iolan sich eingelassen hat, müssen verraten worden sein. Oh, ihr Sechsgötter, bitte lasst Iolan nichts zustoßen. Sollte man ihn tatsächlich als Hochverräter unter Hochverrätern gefangen genommen haben, war ihm, genau wie seinen Mitstreitern, der Tod gewiss.

Bevor sie Gelegenheit hatte, sich weitere Gedanken darüber zu machen, hörte sie, wie sich jemand außen an der Zellentür zu schaffen machte. Der Riegel wurde zurückgeschoben und die Tür ging auf. »Rein da«, befahl eine Männerstimme grob, und im nächsten Moment stolperten weitere Gefangene in den Raum, Männer und Frauen, genauso verwirrt und verängstigt wie die Anwesenden auch.

Allerdings bemerkte Mirene, als sie neugierig den Kopf hob, gleich einen Unterschied. Die Gefangenen, die dort im Schein der Fackeln auf dem Gang in den Kellerraum getrieben wurden, waren fast alle keine Menschen. Vielmehr handelte es sich bei den grauhäutigen Gestalten um Quano. Einen Augenblick lang fragte Mirene sich verwirrt, ob es die Soldaten des Königs wirklich gewagt hatten, das Gahat-Heiligtum zu stürmen – ganz abgesehen davon, dass die Quano doch überhaupt nicht in die Verschwörung gegen den König verwickelt gewesen waren.

Bis auf Arastoth, kam ihr in den Sinn, und auf einmal verstand sie. Es musste sich bei den Neuankömmlingen um die Diener des Botschafters handeln. Aber hatte Arastoth ihnen nicht bei ihrer Ankunft versichert, niemand wüsste von dem Versteck, in das er sie bringen würde? Wie es aussah, war auch er fehlbar.

Was Mirene beinahe ebenso wunderte, war der Umstand, dass sich keiner der Quano-Gefangenen wehrte. Warum ließen sie sich diese Behandlung gefallen? Kein einfacher Soldat konnte einen Quano-Zauberer bezwingen. Sie erinnerte sich daran, wie mühelos Arastoth in der Nacht ihrer Flucht aus Efthaka einem ganzen Trupp Soldaten entkommen war. Und wie leicht es ihm gefallen war, bei ihrer Ankunft in Aidranon die Wachen am Seetor auszutricksen. Sie verstand es nicht.

Mirene senkte den Kopf, zog die Knie an die Brust und schlang fröstelnd die Arme darum. Im Grunde spielte es auch kaum eine Rolle, ob die Soldaten nun eigene Gegenzauber oder Erpressung eingesetzt hatten oder ob schlicht nicht jeder Quano über so starke Gaben wie Arastoth verfügte. Nun waren diese Leute hier und sahen ebenso einem ungewissen Schicksal entgegen wie Mirene und die restlichen Bewohner des Haushalts von Senator Grekeas.

»Mirene?«

Eine sanfte Männerstimme ließ sie aufblicken. Im Dunkeln war kaum etwas zu erkennen, aber es hatte den Anschein, als stünde einer der Neuankömmlinge vor ihr. Seiner Gestalt mangelte es eigenartig an Konturen, bis sie begriff, dass er einen Mantel übergeworfen hatte. Sie versuchte, sein Gesicht auszumachen, aber es gelang ihr nicht.

Sie wollte fragen, wer er sei, aber er kam ihr zuvor. »Mirene, ich bin es, Yokashano.« Er ging neben ihr auf die Knie, und nun erkannte sie das graue Gesicht mit den großen Augen unter der hervorstehenden Stirnwulst.

»Yokashano!«, flüsterte Mirene überrascht. »Dann seid ihr es wirklich. Die Dienerschaft aus Arastoths Haus, meine ich.«

»Ja, wir sind es«, bestätigte der Quano, den sie für einen jungen Mann hielt, obschon sie ihn nie nach seinem Alter gefragt hatte. »Die Soldaten tauchten mitten in der Nacht auf und nahmen uns ohne jede Erklärung fest. Ein paar von uns haben überlegt, ob wir uns wehren sollten, aber wir halten das Ganze für ein Missverständnis. Um für keine Verwicklungen zwischen unseren Ländern zu sorgen, werden wir eben hier ausharren, bis der Botschafter mit dem König gesprochen hat.«

Ist das wirklich möglich?, fragte sich Mirene. Wissen Arastoths eigene Diener und Landsleute nicht, dass ihr Herr in ein Komplott verstrickt ist? »Ich glaube nicht, dass Arastoth euch aus dieser Lage heraushelfen kann«, sagte sie leise.

»Was meinst du damit?« Verwirrt neigte Yokashano den Kopf zur Seite.

Mirene überlegte, wie viel sie preisgeben durfte. Es mochte sein, dass außer ihr in diesem Raum niemand wusste, was tatsächlich vor sich ging. Iolan hatte sie in die Machenschaften von Arastoth, Senator Grekeas und Senator Therius eingeweiht. Aber verdienten diese Menschen und Quano nicht, ebenfalls zu erfahren, in welcher Gefahr sie schwebten? Zumindest Yokashano verdient es, dachte sie. Er war immer freundlich zu mir.

Sie winkte ihn näher. »Setz dich zu mir«, bat sie. »Nicht jeder sollte hören, was ich dir zu sagen habe.« Gleich darauf schauderte es sie erneut in der Kälte des Kellerraums.

Statt ihrer Aufforderung Folge zu leisten und heranzurücken, stand Yokashano zu ihrer Überraschung auf, nur um die Spange seines Mantels zu lösen und ihn von den Schultern zu streifen. Darunter schien er eine gewöhnliche ärmellose Tunika zu tragen, wie er sie so oft angehabt hatte, während sie sich in Arastoths Haus begegnet waren. »Hier«, sagte er, beugte sich vor und reichte ihr den Mantel. »Du frierst.«

»Aber dir muss doch auch kalt sein«, widersprach Mirene halbherzig.

»Quano frieren nicht so leicht wie Menschen«, erklärte er ihr. »Unsere Haut schützt uns.«

Dankbar griff sie zu und schlang sich den Stoff um den Oberkörper. Der Mantel war nicht sonderlich dick, aber viel besser als gar nichts. »Das ist sehr nett.«

Er nickte bloß und ließ sich neben ihr nieder, die Beine überkreuzt und den Rücken so gerade, als habe er einen Stock verschluckt. »Du sagtest, der Botschafter würde unsere missliche Lage nicht verbessern können. Warum?«

»Weil ich glaube«, Mirene senkte die Stimme, »dass Botschafter Arastoth dafür verantwortlich ist.«

Yokashano hob ein wenig die Stirnwulst, offenbar ein Ausdruck seines Erstaunens. Ansonsten blieb seine Miene ungerührt. »Was sollte er getan haben, das der Königsgarde einen Grund liefert, uns mitten in der Nacht aus unseren Gemächern zu holen und in dieser Festung einzukerkern?«

»Er …« Sie zögerte. »Das, was ich dir jetzt sagen werde, wird wahrscheinlich kaum glaubhaft klingen, aber ich habe dieses Wissen von meinem Bruder Iolan, der es direkt aus Arastoths Mund erfahren hat. Und nicht nur aus seinem. Es ist also die Wahrheit.«

Der Quano bedeutete ihr mit einem Nicken fortzufahren.

Mirene zog den Mantel enger um den Leib. Dabei warf sie einen Blick in die Dunkelheit, die sie umgab. Kein anderer der Gefangenen hielt sich in ihrer unmittelbaren Nähe auf. Überhaupt waren die anderen, soweit Mirene das zu sagen vermochte, zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um auf sie oder Yokashano zu achten.

Sie beugte sich vor. »Arastoth gehört, genau wie Senator Grekeas, dessen Dienerschaft ebenfalls hier eingekerkert ist, einer Gruppe von Verschwörern an, die sich der Weiße Zirkel nennt. Deren Ziel ist es, den König herauszufordern. Ich weiß nicht, was sie genau vorhaben. Vielleicht wollen sie nur mehr Macht für den Großen Rat. Vielleicht wollen sie aber auch das Königshaus insgesamt stürzen. Jedenfalls sollte Iolan ihnen dabei helfen. Sie wollen ihn dem Großen Rat als den tot geglaubten Sohn eines berühmten Senators präsentieren. Er hieß Lahrian Kamenor und war anscheinend vor Jahren sehr wichtig in Aidranon, bis ihn der König angeblich ermorden ließ.«

»Der Name sagt mir nichts«, stellte Yokashano fest.

Mirene zuckte mit den Schultern. »Ganz genau kenne ich die Geschichte auch nicht. Ich weiß nur, was Iolan mir erzählt hat. Er selbst zweifelte zuletzt daran, Kamenors Sohn zu sein. Vor ein paar Stunden jedenfalls hat Senator Grekeas ihn zu einer Feier im Landhaus von Senator Therius mitgenommen. Ich nehme an, dass sich dort die Verschwörer getroffen haben. Was geschehen ist, vermag ich nur zu raten. Doch weil sowohl in Grekeas’ Haus als auch in Arastoths Heim Soldaten eingedrungen sind, fürchte ich, dass der Weiße Zirkel aufgeflogen ist. Vermutlich bringt man die Verschwörer in diesem Augenblick in Ketten nach Aidranon. Wenn sie nicht bereits …« Sie brach ab. Sie wollte den Gedanken nicht laut aussprechen. Am liebsten würde sie ihn nicht einmal denken. Aber sie konnte es nicht verhindern. Wenn sie nicht bereits tot sind.

Oh, Iolan …

Mirene spürte, wie sich ein Kloß in ihrem Hals bildete. Tränen der Angst und Verzweiflung traten ihr in die Augen. Sie schob eine Hand unter dem Mantelstoff hervor und wischte sie eilig weg. Gleichzeitig räusperte sie sich, um die Kehle freizubekommen.

Yokashano legte den Kopf schief. Mirene glaubte, dass der Blick seiner großen, schwarzen Augen auf ihr lag. Sie hatte gehört, dass Quano in der Finsternis deutlich besser sehen konnten als Menschen. Ob er ihre Tränen bemerkt hatte?

Er hob die Hand, und auf einmal glomm ein schwaches Licht zwischen seinen Fingern auf, wie die Flamme einer beinahe heruntergebrannten Kerze. Nun sah sie sein graues Gesicht deutlicher. Er wirkte so fremd und doch, anders als Arastoth, gar nicht unheimlich. Ein Ausdruck von Güte schien auf seinen Zügen zu liegen, der ihn älter machte, als sie ihn zunächst eingeschätzt hatte. Vielleicht war es auch bloß das goldgelbe Glühen zwischen seinen Fingern, das ihr diesen Eindruck verschaffte.

»Wenn du wirklich recht hast«, sagte Yokashano mit leiser, ernster Stimme, »dann tut es mir leid.«

»Es tut dir leid?«, wiederholte Mirene verwirrt.

»Der Botschafter hat dich und deinen Bruder nach Aidranon gebracht. Er war es, der euch in seinen Kampf hineingezogen hat. Also ist alles, was deinem Bruder und dir widerfahren sein mag und noch widerfährt, letzten Endes seine Schuld, die Schuld eines Quano.« Er schwieg kurz, bevor er fortfuhr. »Ich habe stets zum Botschafter aufgeschaut. Er ist ein Mann von einiger Wichtigkeit für die Quano-Gemeinde in Aidranon. Doch sollte er den Weg der Lüge und Intrige eingeschlagen haben, hat er einen schweren Fehler begangen. Wir Quano sind die Verbündeten der Menschen. Wir schätzen sie. Falschheit liegt nicht in unserer Natur. Es widerspricht unserem Streben nach der Einheit mit Gahat, der Weltseele. Und da wir in Gahat alle eins sind, fällt Arastoths Fehler auf uns andere zurück. Sollte er sich gegen den König verschworen haben, den rechtmäßigen Anführer Cordurs, so hätten wir alle versagt, weil wir nicht erkannten, dass sich einer von uns von Gahat abgewandt hat. Und das … das täte mir leid.«

Mirene staunte, wie Yokashano, der doch bloß ein Diener war, über seinen Herren sprach. In der Gesellschaft der Quano schienen Hierarchien anders bewertet als unter den Menschen. Sie wollte etwas erwidern, aber Yokashano gab ihr keine Gelegenheit dazu.

»Abgesehen davon«, fuhr er fort, »wissen wir alle, dass viele Menschen … Unbehagen im Umgang mit uns Quano empfinden. Wir verfügen über Gaben, die nur die Weisesten unter euch verstehen, und diese Macht sorgt dafür, dass viele uns fürchten, denn sie messen uns nach ihren eigenen Maßstäben – und bei den Menschen führt Macht oft zum Bösen.«

Mirene musste an König Agathon denken und dass er, bloß um Iolan in die Finger zu bekommen, ihr ganzes Heimatdorf ausgelöscht hatte.

»Umso wichtiger ist es, diesen Menschen vorzuleben, dass wir anders sind, dass man uns nicht zu fürchten braucht. Ja, Gahat verleiht uns Fähigkeiten, die es uns ermöglichen würden, viel Unheil über euch zu bringen. Nur streben wir danach nicht. Wir wollen nichts weiter als Frieden. Dass du mit Arastoth ausgerechnet einen unter uns kennenlernen musstest, der anders denkt und damit vielleicht dein Unbehagen gegenüber uns bestärkt hat … auch das tut mir leid.«

In diesem Augenblick geschah etwas sehr Seltsames. Mirene hörte auf zu frieren. Stattdessen fühlte sie eine eigentümliche Wärme in ihr aufsteigen, die so gar nicht zu diesem Ort passte. Sie streckte die Hand aus und legte sie Yokashano auf den nackten Unterarm. Es war das erste Mal überhaupt, dass sie einen Quano mehr als bloß flüchtig berührte. Seine Haut fühlte sich an wie altes Leder, aber sie war warm wie der Bauch einer Katze, die am Küchenfeuer gesessen hatte.

»Ich habe keine Angst vor euch«, sagte sie leise. »Nicht mehr. Und ich käme nie auf den Gedanken, dich oder einen anderen der Quano hier nach Arastoths Taten zu beurteilen.«

Yokashano neigte den Kopf und in seinen Augen glitzerte etwas, das für Mirene wie Bewunderung aussah. »Dann bist du etwas Besonderes«, erwiderte er.

Sie schenkte ihm ein klägliches Lächeln und zog die Hand wieder zurück. »Leider hilft uns das nicht, aus dieser Klemme zu entrinnen. Schon morgen können die Soldaten zurückkehren und uns gemeinsam mit Arastoth und Senator Grekeas und den anderen Verschwörern den Prozess machen. Wahrscheinlich werfen sie uns in der Arena wilden Tieren zum Fraß vor.« Der Gedanke ließ sie schaudern.

»Keine Sorge«, erwiderte Yokashano. »Dazu wird es nicht kommen. Keiner von uns hat sich etwas zuschulden kommen lassen. Keiner wird verurteilt werden. Das wird Gahat nicht zulassen.«

Er sagte das mit einer so ruhigen Selbstsicherheit, dass Mirene seinen Worten einfach Glauben schenken musste. Im Grunde mochte sich ihre Lage seit seinem Eintreffen in diesem Kerker nicht verbessert haben. Trotzdem gab ihr die Gesellschaft des Quano und das winzige Licht in der Dunkelheit, das er in seiner Hand erzeugte, irgendwie neuen Mut.

4

CASSENDREAS NETZ

13. Tag des 8. Mondes

im 301. Jahr der cordurischen Könige

Auf die Nacht des Schreckens folgte ein Tag, an dem in der Hauptstadt des Cordurischen Reichs eine Betriebsamkeit herrschte wie in einem Bienenstock. Mehrere Soldatentrupps verließen Aidranon, um nach Überlebenden des Drachenangriffs zu suchen und sicherzugehen, dass sich das Ungeheuer wirklich aus der Nachbarschaft der Stadt zurückgezogen hatte. Schnelle Boten wurden in die Dörfer und Städte Cordurs geschickt, um einerseits das Volk zu warnen und andererseits Kunde einzuholen, ob der geflügelte Schrecken irgendwo gesehen worden war. Auf den Mauern und Türmen waren die Wachposten verstärkt worden, und auch zahlreiche Quano-Theurgen hielten sich dort auf, um einen möglichen Angriff des Drachen abzuwehren.

In den Straßen Aidranons selbst verbreitete sich unterdessen die Nachricht vom Tod des Königs wie ein Lauffeuer. Überall in den Tavernen, in den Bädern und auf den Plätzen sprach man vom letzten Kampf des Schwarzen Löwen – meist mit Bestürzung, mitunter jedoch auch mit Erleichterung oder Genugtuung. Zugleich eilten Sänften mit Senatoren geschäftig hin und her, während die wichtigen Männer der Stadt zu vertraulichen Treffen zusammenkamen, um über Cordurs Zukunft zu sprechen, bevor sie öffentlich die Stimme erhoben.

Das alles bekam Orontoghast mit, während er sich, in eine unscheinbare braune Robe mit Kapuze gehüllt, durch die Straßen der Stadt bewegte. Sein Ziel war das Gebäude des mächtigen Großen Rats von Aidranon, das am Westrand des Großen Forums aufragte. In diesem riesigen, von einem Säulengang umgebenen Rundbau würde heute der kommende Herrscher des Cordurischen Reichs benannt werden.

Orontoghast war neugierig. Er fragte sich, ob die Senatoren Aspheon die Königswürde zusprechen würden, dem Knaben, den Iurias Agathon im vertrauten Gespräch mit seinem alten Freund stets als verzärtelt bezeichnet hatte. Oder würde Listris, die älteste Tochter des verstorbenen Königs, das Wort ergreifen und versuchen, eine drei Jahrhunderte alte Tradition männlicher Dominanz zu brechen? Dass Anielle, Iurias’ atlesische Frau, viel zu dieser Frage beitragen würde, glaubte Orontoghast nicht. Sie war zu sanftmütig und politisch kraftlos, um den Senatoren die Stirn zu bieten.

In einen bloß milden Schleier der Unscheinbarkeit gehüllt, der ihn zu einem beliebigen Bürger Aidranons machte, betrat Orontoghast die Schatten des imposanten Säulengangs. Ähnlich den Speichen eines Rades durchbrachen acht Einbuchtungen die runde Außenmauer des Ratsgebäudes. In derjenigen im Osten und im Westen fanden sich Eingänge ins Innere, das sogenannte Morgen- und Abendtor. In den übrigen sechs gleichmäßig verteilten Nischen erhoben sich kunstvoll gemeißelte, fast dreifach mannshohe Statuen der Sechsgötter: Dheberan, Trahjana und Actuani blickten gen Norden und Vegare, Verdamon und Procyros gen Süden. Die Anordnung hatte eine komplizierte religiöse Bedeutung, die Orontoghast einst auch bekannt gewesen war, ihm aber mittlerweile entfallen war.

Gemeinsam mit einigen staatsmännisch in Purpur und Gold gewandeten Senatoren und zahlreichen einfach gekleideten Schaulustigen trat der greise Quano über die Schwelle des Abendtores. Nach der Hitze, die am späten Nachmittag auf dem gepflasterten Forumsplatz geherrscht hatte, empfand Orontoghast die Kühle, die ihn im Ratsgebäude empfing, als ausgesprochen angenehm. Hohe Fenster ließen zwar genügend Licht ins Innere fallen, aber die dicken Mauern hielten die Glut der Sommersonne fern.

Er durchquerte die mit Marmor ausgelegte Eingangshalle und begab sich zu einer der beiden breiten Treppen, die hinauf zu den Galerien führten. Sie standen jedem Besucher offen, der einer Ratssitzung als Zuschauer beiwohnen wollte. An den meisten Tagen war dort auf den Rängen nicht viel los. Das Interesse der Stadtbewohner an der Tagespolitik oder Kriegszügen in so fernen Länden wie Phoekia oder Xol hielt sich in Grenzen.

Am heutigen Tag allerdings drängte sich das Volk von Aidranon ungeachtet aller Drachenfurcht auf den Plätzen hoch über dem Ratsrund in der Mitte des Gebäudes. Jeder wollte dabei sein, wenn darüber entschieden wurde, wer der neue König von Cordur sein würde.

»Bitte«, sagte Orontoghast mit scheinbar zittriger Stimme. »Lasst einen alten Mann durch. Ich muss mich setzen.«

Er hatte Glück. Zwar mit leisem Murren, aber dennoch vom Respekt vor dem Alter erfüllt, machten ihm die Anwesenden auf der Galerie Platz und gestatteten ihm, sich nach vorne zu begeben, wo es zwei Sitzreihen gab, die sich annähernd vollständig ringförmig um den Saal zogen. Die Kapuze nach wie vor tief ins Gesicht gezogen, nahm Orontoghast Platz, um dem Schauspiel zu folgen, das sich dort unten in Kürze ereignen würde.

Noch war die Sitzung nicht eröffnet. Aber das Senatorenrund zu seinen Füßen war bereits gut besetzt. Orontoghast sah Prion Luciastas, den Vorsitzenden des Rats, außerdem die Senatoren Arilon und Ekureus, die er aus dem Kleinen Rat des Königs kannte, und noch viele weitere Gesichter, die ihm zumindest flüchtig aus seiner langen Zeit als Erztheurg von Aidranon vertraut waren.

Einige Plätze blieben jedoch leer. Senator Grekeas fehlte ebenso wie der ehrenwerte Senator Dorimedon. In der Ecke, die den Botschaftern der unterworfenen oder verbündeten Reiche vorbehalten war, glänzten gleich drei der fünf Repräsentanten durch Abwesenheit: Botschafter Arastoth aus Quanish, Botschafter Yariim aus Phoekia und der Vertreter der Freistadt Iarike. Orontoghast wusste natürlich, warum sie fehlten. Sie hatten zum Kreis der Verschwörer gehört, die gestern in Senator Therius’ Landhaus zusammengekommen waren. Er nahm an, dass sie nicht mehr am Leben waren. Entweder hatten die Soldaten der Königsgarde sie erschlagen oder – noch wahrscheinlicher – sie waren von Iolan getötet worden, als der sich, zweifellos unkontrolliert und ohne dies zu wollen, in einen Drachen verwandelt hatte.

Orontoghast fragte sich, wo Iolan in diesem Augenblick war. Normalerweise vermochte ein Berührter Dyrracher, der die rechte Ausbildung in einem der Tempel der Gottdrachen genossen hatte, bewusst in seine Drachenform und wieder zurück zu wechseln. Iolan war dazu sicher nicht imstande. Er musste sich versehentlich verwandelt haben . War er nach dem Massaker geflohen und noch in seiner Drachenform davongeflogen, von Entsetzen und unbändigem Zorn zugleich erfüllt? Oder hatte er sich zurückverwandelt und irrte nun irgendwo nördlich der Stadt nackt und dem Wahnsinn nahe durch die Wildnis?

Wenn ich ihn bloß finden könnte, dachte Orontoghast. Dann könnte ich anfangen, Buße zu tun für die Fehler, die ich gemacht habe. Denn obschon er die Dinge, die geschehen waren, beginnend mit Arastoths Verrat vor vielen Jahren bis hin zu Iolans Verwandlung in einen leibhaftigen Drachen in der letzten Nacht, kaum hätte voraussehen können, fühlte er sich irgendwie schuldig.

In einer von Tüchern verhüllten Kutsche, die unweit des gegenwärtig wenig genutzten Morgentores des Ratsgebäudes stand, saß Iolan gemeinsam mit Cassendrea und wartete. In gewöhnliche Tuniken gekleidete Soldaten der Königsgarde standen um die Kutsche herum und bewachten sie – ähnlich der Männer, die Erindrea zu ihren Ausflügen begleitet hatten, während derer sie mit Iolan zusammengekommen war.

»Wo bleibt er nur?«, fragte dieser sich nun leise. Er war mittlerweile in neue, edle Kleider gewandet, die in Schwarz und Gold gehalten waren. Die Farben waren nicht zufällig ausgewählt. Sie sollten an den Schwarzen Löwen Iurias Agathon erinnern.

»Er wird kommen«, versicherte seine Mutter ihm. Auch sie trug heute mit Bedacht ausgesuchte Gewänder, die sie gleichzeitig majestätisch erscheinen ließen, andererseits aber Iolans Tunika und Mantel nicht in den Schatten stellten.

Mit einer Hand schob Iolan den Vorhang einen Spalt breit auf und spähte auf die Straße. »Wie kannst du dir da so sicher sein? Vielleicht befindet er sich bereits im Ratsgebäude und hat uns sitzen lassen.«

Seine Mutter lächelte milde. »Galban würde das nicht tun. Er ehrt mich noch immer als frühere Königin. Außerdem habe ich einen Spion im Rat sitzen. Sollte er in der Ratskammer aufgetaucht sein, wüssten wir davon.«

Aus einer Seitenstraße kam ein zweispänniger Botenwagen gefahren. Ein Mann in der schwarzsilbernen Uniform der Königsgarde stand aufrecht hinter der hochgezogenen Verkleidung und hielt die Zügel der beiden Rappen in den Händen.

»Siehst du«, sagte Cassendrea. »Dort kommt er.«

Galban brachte den Wagen neben der Kutsche zum Stehen. Er stieg ab, reichte einem der unscheinbar wirkenden Männer die Zügel und trat auf die Kutsche zu. »Edle Cassendrea, hier bin ich«, sagte er mit seiner dunklen, vollen Stimme, ohne Anstalten zu machen, in die Kutsche zu steigen.

»Legar Galban«, erwiderte sie, »habt Dank, dass Ihr es einrichten konntet, mich zu treffen, bevor Ihr Euch zum Rat begebt. Kommt herein. Wir müssen reden.«

Er zögerte kaum merklich, dann schlug er das Tuch zur Seite, um in die Kutsche zu steigen. Als er Iolan erblickte, stockte er. »Das ist einer dieser Verschwörer! Der Sohn von Lahrian Kamenor. Was macht er an Eurer Seite? Was geht hier vor?«

Cassendrea beugte sich vor und funkelte Galban warnend an. »Dämpft Eure Stimme, Legar. Was wir zu besprechen haben, betrifft zunächst nur uns. Und nun kommt herein. Ich werde Euch alles erklären.«

Widerstrebend, aber vom instinktiven Gehorsam eines Mannes erfüllt, der sein Leben lang als Soldat gedient hatte, leistete Galban der Aufforderung Folge. Als er sich, etwas umständlich in seiner Lederrüstung, ihnen gegenüber niedergelassen hatte, sah er sie erwartungsvoll an.

»Legar Galban«, begann Cassendrea, »es geht in diesen Stunden um nichts weniger als die Zukunft des Cordurischen Reichs. Der König ist tot, und der Rat kommt zusammen, um seinen Nachfolger zu krönen. Doch welche Kandidaten stehen zur Auswahl?« Sie machte eine wohlbedachte Pause, bevor sie fortfuhr. »Zum einen wäre da Aspheon, der jüngste Sohn des Königs, den Iurias selbst für kaum fähig hielt, das Reich zu führen. Verbessert mich, wenn ich mich irre.«

Der Anführer der Königsgarde musterte sie mit argwöhnischem Blick. »Er sprach mit gewisser Sorge von den Tagen nach seinem Abdanken«, gestand er.

»Uns kamen die gleichen Worte zu Ohren«, sagte Cassendrea nickend. »Aspheon ist jung, unerfahren, und er hat die Seele eines Künstlers. Er wird niemals imstande sein, die harten Entscheidungen zu treffen, die nötig sind, um das Reich in seiner Stärke zu bewahren. Listris, seine ältere Schwester wäre dazu vielleicht in der Lage, doch könnt Ihr Euch eine Frau auf dem Thron vorstellen, Legar? Wollt Ihr Euch einer Frau unterwerfen müssen?«

Der gealterte Soldat bedachte sie mit einem düsteren Lächeln. »Ihr wisst so gut wie ich, edle Cassendrea, dass die Frauen des Cordurischen Reichs nicht so machtlos sind, wie es manche Männer gerne hätten. Seid Ihr nicht der lebende Beweis?«

Sie neigte den Kopf. »Zugegeben. Doch vielen der Senatoren geht es letzten Endes vor allem um den Schein. Es geht um ihren Stolz und darum, das Gesicht zu wahren. Alles, was das Gleichgewicht der Kräfte ins Wanken bringt, versetzt sie in Furcht. Reformen versetzen sie in Furcht. Würde eine Frau auf den Thron kommen, wie lange würde es dauern, bis Frauen nach dem Amt einer Senatorin streben würden? Es könnte unsere ganze Gesellschaft verändern. Aber ist sie schon bereit dazu?«

Langsam schüttelte Galban den Kopf. »Ich weiß es nicht.«

»Nun, ich weiß es: Sie ist es nicht. Deshalb wird Listris niemals den nötigen Rückhalt im Großen Rat bekommen, um den Thron für sich beanspruchen zu können. Die Senatoren werden lieber einen kraftlosen Knaben an die Spitze bringen. Anschließend werden sie ihn nach ihrem Gutdünken manipulieren. Und niemand vermag sie aufzuhalten, denn Anielle, seine Mutter, ist genauso schwach wie ihr Sohn, eine Dienerin im Geiste, keine Herrscherin.«

»Worauf wollt Ihr hinaus? Beabsichtigt Ihr etwa, den Sohn von Lahrian Kamenor zum König krönen zu lassen? Sucht Ihr dafür nach Unterstützern?« Galban warf Iolan einen feindseligen Blick zu.

»Ihr wisst nicht alles«, antwortete Iolans Mutter. »Dieser junge Mann ist nicht der Sohn von Lahrian Kamenor. Botschafter Arastoth verbreitete diese Lüge, um ihn für seine Zwecke einzuspannen. Er wollte, dass Iolan aus Hass gegen den König zu Felde zieht, ein Plan, der aus reiner Bosheit geboren worden sein muss angesichts der Tatsache, wer Iolan wirklich ist.«

»Und wer ist er?«, wollte Galban wissen.

Cassendrea lehnte sich zurück und sah den Anführer der Königsgarde mit ruhiger Gewissheit an. »Mein Sohn.«

Sie ließ die Enthüllung einen Augenblick lang in der Luft hängen, um Galban Gelegenheit zu geben, ihre Worte zu begreifen.

Dessen Augen weiteten sich vor Unglauben. »Soll das ein Scherz sein?«

»Nein, Legar, Iolan ist mein Sohn. Und er ist Iurias’ Sohn. Er ist unser Erstgeborener, von dem wir dachten, er wäre kurz nach der Geburt gestorben. Doch dies war ebenfalls eine Täuschung, und auch für sie ist der Quano Arastoth verantwortlich. Es mag erschrecken, uns das vor Augen zu führen, aber seine Ränkespiele reichen beinahe zwei Jahrzehnte zurück. Wie sehr muss er den König gehasst haben, um so lange auf dessen Sturz hinzuarbeiten?«

Galban blinzelte und schüttelte den Kopf. »Das kann ich kaum glauben, edle Cassendrea.«

»Wollt Ihr mich der Lüge bezichtigen, Legar?« Die Miene von Iolans Mutter wurde hart.

»Nein, das nicht«, beeilte Galban sich zu versichern. »Es ist bloß eine so unfassbare Geschichte. All die Jahre soll der Sohn des Königs, um den er nach seinem Tod so getrauert hat, am Leben gewesen sein? Und nun kehrt er zurück, am Tag nach dem Dahinscheiden des Schwarzen Löwen?«

»Ihr irrt Euch«, mischte sich nun Iolan erstmals ein. »Ich bin schon seit Wochen in Aidranon. Nur kannte ich meine wahre Herkunft nicht. Arastoth hat mich betrogen, wollte mich als Werkzeug in seinem Kampf gegen meinen Vater einsetzen. Ich war gestern Nacht unter den Verschwörern, noch glaubend, auf der richtigen Seite zu stehen. Dann kamen der König und seine Soldaten – und kurz darauf erschien der Drache.«

»Ihr habt den Drachen mit eigenen Augen gesehen?« Galbans Stimme war auf einmal kaum mehr als ein raues Flüstern.

Iolan nickte. »Es war ein gewaltiges rotes Ungetüm, und sein Atem brannte wie die Feuer des Unterreichs. Seine Wildheit zerstörte das Landhaus und tötete alle, die ihm über den Weg liefen, gleich ob Senator oder Soldat.« Sein Herz klopfte auf einmal schneller in seiner Brust. Seine Worte waren keine unmittelbare Lüge, aber doch auch nicht die ganze Wahrheit. Wenn Galban wüsste, dass ich der Drache war, wäre ich sofort tot, dachte er. Glücklicherweise bestand kaum Aussicht, dass er es herausbekam. Und Iolans Aufregung würde er ohne Zweifel fehldeuten und ihrer Lage zuschreiben.

»Die Götter waren mit Iolan«, nahm Cassendrea den Faden auf. »Sie verbargen ihn vor dem Toben des Drachens, sodass er nur leicht verletzt wurde. Sie wollten, dass Iolan überlebt, damit die Linie der Herrscher von Cordur nicht in einem schwächlichen Knaben fortbesteht, in dessen Adern atlesisches Blut fließt.« Auf ihrer Miene zeigte sich Abscheu. Ihr Zorn auf die zweite Frau des Königs saß tief, wie Iolan erkannte.

Iolans Mutter beugte sich vor und ihre Stimme nahm einen beschwörenden Tonfall an. »Damit das nicht geschieht, damit die Senatoren nicht aus bloßer Verzweiflung Aspheon die Krone auf den Kinderkopf setzen, müssen wir eingreifen, in dieser Stunde. Iolan ist bereit, sein Erbe anzutreten. Meine Unterstützung hat er, ebenso die des Erztheurgen von Aidranon und des Botschafters von Phoekia.«

»Yariim gehörte zu den Verschwörern«, gab Galban zu bedenken.

»Yariim hatte sich gegen Iurias verschworen. Iolan wird er folgen. Wie Urghaskar auch. Wie ich auch. Und wie jeder Senator, der mir noch gewogen ist.« Cassendrea sah ihr Gegenüber eindringlich an. »Aber wir brauchen zusätzlich Eure Hilfe, denn ohne den Rückhalt der Königsgarde ist ein König nichts.«

»Ich soll also mit Euch in dieses Ratsgebäude gehen und Iolans Anspruch unterstützen«, sagte Galban langsam nickend.

»Ja, das wäre unser Wunsch. Natürlich würde sich der König daran erinnern, wer treu zu ihm stand, als es darauf ankam. Es würde sich nicht nur in harter Münze für Euch lohnen. Er stünde zudem in Eurer Schuld, und solltet Ihr in Zukunft ein Anliegen haben, wird er Euch seine Gunst nicht verwehren.«

»Ist das so?« Galban richtete den Blick auf Iolan. »Schwört Ihr, so viel Mann zu sein wie Euer Vater und zu Eurem heute gegebenen Wort zu stehen?«

Iolan hatte das Gefühl, sehr dicht an einem tiefen Abgrund zu stehen. Für gewöhnlich fürchtete er keine Höhen, aber diesmal verkrampften sich seine Eingeweide. Dennoch presste er die Lippen zusammen und nickte mit aller Entschlossenheit, die er aufzubringen vermochte. »Ich stehe zu meinem Wort«, sagte er.

Schweigend starrte der kräftige Mann Iolan und seine Mutter eine Weile lang an. Trotz allem schien er unschlüssig zu sein, was er tun sollte. Anielle und ihre Kinder, darunter auch der gegenwärtig als rechtmäßig angesehene Thronfolger, mussten es als Verrat betrachten, wenn er sich von ihnen abwandte.

Aber es ist kein Verrat, dachte Iolan. Ich bin der rechtmäßige Thronerbe. Ich wurde als erster Sohn meiner Eltern geboren, obwohl lange Zeit alle glaubten, ich wäre tot.

»Wenn Ihr es nicht für mich oder Iolan tun wollt«, drängte Cassendrea weiter, »dann tut es für Euren langjährigen Kampfgefährten Iurias. Ich weiß, wie nahe Ihr ihm standet. Daher müsst Ihr wissen, wie sehr er es gewollt hätte, dass sein Erstgeborener den Thron besteigt. Ihr konntet nicht verhindern, dass Iurias in diesem grauenvollen Kampf gegen den Drachen zu Tode kam. Aber Ihr könnt verhindern, dass auch sein Lebenswerk, sein Reich, zugrunde geht. Iolan ist ein Kämpfer, wie Iurias auch. Er wird Cordur beschützen. Die Sechsgötter haben ihn erwählt, das Cordurische Reich zu führen.« Sie schloss die Augen und breitete die Hände in einer Geste der Ergebenheit aus. »Ich lege unser Schicksal in Eure Hände, Legar Galban.«

Ein Moment des Schweigens schloss sich an. Galban schien noch immer mit sich zu ringen. Iolan glaubte beinahe die Waage der Schicksalsgöttin Actuani zu sehen, deren Waagschalen sich in diesem Augenblick ebenso in die eine wie in die andere Richtung senken konnten, während die Zukunft des Cordurischen Reichs im Ganzen und seine eigene im Besonderen auf der Kippe standen.

Der Veteran holte tief Luft. »Also gut«, knurrte er und sah Iolan an. »Ich werde an Eure Seite treten, wenn Ihr Euren Thron einfordert. Und mit mir die Königsgarde von Aidranon.«

Gemächlich öffnete Cassendrea die Augen wieder und lächelte. »Danke«, sagte Iolan ernst. »Ihr werdet es nicht bereuen.«

»Wir sehen uns im Ratsgebäude«, erwiderte Galban. Er erhob sich und schlüpfte durch den Vorhang aus der Kutsche, nur um zu seinem Wagen zu gehen, die Zügel an sich zu nehmen und aufzusteigen. Mit einem knappen Befehl und einem Schlagen der Lederriemen setzten sich die Pferde in Bewegung und der Wagen ratterte über das Straßenpflaster davon in Richtung Abendtor.

»Wir gehen hinten hinein«, erklärte Cassendrea, die nun ebenfalls aufstand.

»Das war knapp«, meinte Iolan. »Eine Weile dachte ich, wir würden ihn nicht überzeugen können.«

Seine Mutter lächelte erneut. »Er ist ein altes Schlachtross, dickköpfig und misstrauisch. Aber wenn man weiß, wie man ihn nehmen muss, begleitet er einen treu bis in den Tod. Dich in eine Reihe mit Iurias zu stellen würde Erfolg haben, das wusste ich. Denn für Iurias hätte Galban sein Leben gegeben, und dass er nicht dabei war, als der König gegen den Drachen kämpfte, dass er ihm nicht beistehen und seinen Tod vielleicht verhindern konnte, nagt an ihm – und das wird es auch noch eine Weile tun. Gut für uns.«

Als sie in den Schatten der mächtigen Säulen traten, die das Ratsgebäude umgaben und sein kuppelförmiges Dach trugen, tauchte unvermittelt Urghaskar auf. Er musste sich dort verborgen und auf den Moment gewartet haben, da sie die Kutsche verlassen würden. »Wart Ihr erfolgreich?«, fragte er.

Cassendrea nickte. »Galban gehört uns.«

»Gut«, sagte der Erztheurg. »Meine Augen und Ohren haben unterdessen den Botschafter von Phoekia ausfindig gemacht. Ich habe ihn für unsere Sache gewinnen können. Er hält sich im Ratsgebäude bereit.«

»Somit haben wir getan, was wir tun konnten, um das Schicksal zu unseren Gunsten zu beeinflussen.« Cassendrea legte Iolan die Hand auf die Schulter. »Bist du willig, den nächsten Schritt zu tun?«

Iolan glaubte das Geräusch einer Tür zu hören, die sich hinter ihm schloss, der Tür zu seiner Vergangenheit, seinem früheren unbeschwerten Leben in Efthaka, zu dem er wohl niemals mehr zurückkehren würde. »Gehen wir.«

5

DUELL DER KÖNIGINNEN

13. Tag des 8. Mondes

im 301. Jahr der cordurischen Könige

»Das Cordurische Reich sieht schweren Tagen entgegen, das wird niemand in diesem Rund leugnen können. Aus diesem Grund ist es umso wichtiger, dass wir geeint zusammenstehen und mit einer Stimme sprechen, wenn es nun gilt, die Lücke zu schließen, die durch den Tod des großen Iurias Agathon gerissen wurde. Senatoren des Großen Rats, ich präsentiere euch Königin Anielle und Kronprinz Aspheon Agathon.«

Mit diesen Worten und unter dem beifälligen Applaus der anwesenden Ratsmitglieder trat Prion Luciastas aus der Mitte des Ratsrundes. Bis soeben hatte er dort gestanden und von flammender Inbrunst erfüllt die Gefahr des Krieges mit Xol und die Tragödie des Ablebens des Königs für die Anwesenden in Worte gefasst. Nun zog er sich zurück und überließ der Witwe des Königs den Platz des Redners.

Orontoghast reckte ein wenig den Hals, um besser sehen zu können. Die blondhaarige Tochter eines atlesischen Stammesfürsten, die mit Iurias Agathon den Bund der Ehe eingegangen war und ihm drei Kinder geschenkt hatte, saß mit ihrem Sohn und den zwei Töchtern auf einem Podest, das sich zwischen den Sitzreihen der Senatoren erhob. Sie trug ein dunkelblaues Gewand, zum Zeichen ihrer Trauer, und hatte auch nur ein paar ausgewählte silberne Schmuckstücke angelegt. Das blonde Haar hielt sie unter einem durchscheinenden Tuch verborgen. Auch ihre Kinder waren dem Anlass gemäß in schlichte, aber elegante Stoffe gekleidet.

Auf ein Zeichen des Prions hin stand Anielle auf und schritt die kurze Treppe hinunter in die Mitte des Ratsrundes. »Ihr Senatoren von Aidranon und Vertreter verbündeter Lande«, begann sie, wobei sie sich langsam im Kreis drehte, um möglichst viele der Versammelten anzublicken. Sie war eine schöne Frau, wirkte aber mit ihrer stillen Art inmitten all dieser lauten Politiker beinahe verloren. »Mein Mann, der König, ist tot, und das Cordurische Reich ist in Trauer. Viele von Euch haben uns bereits ihr Mitgefühl bekundet und dafür danke ich Euch. Und so wie auf Euer Mitgefühl, hoffe ich auf Eure Unterstützung, wenn mein Sohn, als Erstgeborener des Königs, den Bräuchen und Gesetzen Cordurs gemäß den Platz seines Vaters einnimmt. Aspheon ist jung an Jahren, aber er wurde zeit seines Lebens auf diesen Tag vorbereitet, und mit Eurer Hilfe wird auch er zu Größe heranwachsen. Die Götter und sein Vater lächeln schon jetzt auf ihn herab.«

Anielle blickte zu Prion Luciastas hinüber, ein Zeichen, dass dieser mit dem Zeremoniell fortfahren sollte. Dieser erhob sich von seinem Platz auf den Marmorsitzreihen. »Uns wurde Aspheon, der Erbe von Iurias Agathon, vorgestellt. Wer bezeugt sein Anrecht auf den Thron des Cordurischen Reichs?«

Neugierig ließ Orontoghast den Blick über die Anwesenden schweifen. Wer würde als Erster versuchen, sich hervorzutun und dem neuen König anzudienen? Es war Senator Ekureus, der ohne zu zögern von seinem Platz aufstand und sein Gewand glattstrich. Er besaß familiäre Bande nach Atlesia, und man munkelte zudem, dass seine Gedanken in stillen Nachtstunden bei der Königin waren. Dass er sich zu Wort meldete, wunderte den alten Quano nicht.

»Ich hatte die Ehre, in den letzten Monden König Iurias Agathon im Kleinen Rat mit guten Worten und Taten zur Seite stehen zu dürfen. In dieser Zeit war es mir auch vergönnt, Prinz Aspheon zu begegnen. Ich habe ihn als jungen Mann kennengelernt, der von einem weit über sein Alter hinausgehenden Ernst erfüllt ist und ein Verständnis für die Dinge des Lebens hat, das dem vieler Männer gleichkommt oder dieses sogar übertrifft. Ich bin fest davon überzeugt, dass dieser junge Mann das Cordurische Reich zu neuem Glanz führen kann, und stelle mich mit Freuden hinter ihn, wenn er Anspruch auf den Thron erhebt.«

Ein zweiter Senator erhob sich, dessen Namen Orontoghast nicht kannte. Er schien noch nicht lange dem Großen Rat anzugehören, denn er war einerseits jung an Jahren und andererseits von der Unruhe eines Mannes erfüllt, der sich unter seinesgleichen noch beweisen musste. »Auch ich bezeuge das Anrecht von Aspheon Agathon. Die Könige des Hauses Agathon haben Cordur in den letzten Jahrzehnten größer gemacht, als wir es uns hätten erträumen mögen. Die Götter sind mit ihnen – und sie werden auch mit dem neuen König sein.«

Ein dritter Mann, Senator Arilon, wollte aufstehen, doch in diesem Moment sprang Listris, die älteste Tochter des verstorbenen Königs, auf. Sie war eine junge Frau von sechzehn Sommern, aber hochgewachsen und in Gesicht und Haar mehr nach ihrem Vater kommend. »Ich erhebe Einspruch gegen die Krönung meines Bruders zum König«, rief sie mit lauter Stimme.

Erschrocken fuhr Anielle herum. »Listris!«

»Verzeih mir, Mutter, aber ich kann nicht länger schweigen.« Überraschtes Gemurmel begleitete sie, als sie mit erhobenem Haupt und festen Schritten die Treppe hinunterstieg und sich zu ihrer Mutter in die Mitte des Ratsrundes gesellte.

»Prinzessin Listris, was habt Ihr vor?«, verlangte Prion Luciastas zu wissen.

»Ich verhindere, dass das Cordurische Reich in den Abgrund stürzt, an dessen Rand es steht«, erwiderte die junge Frau. »Versteht mich nicht falsch, edle Senatoren des Großen Rats: Ich liebe meinen Bruder, wie eine Schwester ihren Bruder nur lieben kann. Aber ich kenne ihn auch besser als jeder von Euch, und ich sage Euch, dass er nicht der Mann ist, der auf dem Thron sitzen sollte. Er ist es nicht und wird es nie sein. Aspheon liebt die Kunst und die Philosophen. Krieg vermag er nicht zu führen. Doch dieses Reich wird von seinen Nachbarn bedrängt, heute mehr als seit Jahren.«

»Und wen seht Ihr stattdessen auf dem Thron, Prinzessin Listris?«, wollte Ekureus wissen. »Euch?«

Ein leises Lachen ging durch die Ränge der Senatoren, in das auch einige Zuschauer einfielen. Orontoghast gehörte nicht zu ihnen. Zum einen zog er es – anders als die Menschen – vor, seine Gefühle für sich zu behalten. Zum anderen teilte er die Sorge der ältesten Tochter von Iurias Agathon. Der König und er hatten kurz vor Orontoghasts scheinbarem Ableben noch darüber gesprochen, dass Aspheon kein guter Thronfolger sei und Listris das Reich wahrscheinlich besser zu führen wüsste. Bedauerlicherweise war sie eine Frau, und ohne ein von Iurias selbst gesprochenes Machtwort würde der Große Rat niemals eine Frau auf dem Thron des Cordurischen Reichs zulassen.

Listris hingegen schien nicht bereit, kampflos das Feld zu räumen, denn sie reckte angriffslustig das Kinn nach vorne. Es war ein Charakterzug, der sie in Orontoghasts Augen auszeichnete, denn es gehörte viel Mut dazu, sich dem ganzen Großen Rat entgegenzustellen. »Ihr tätet wohl daran, meinen Anspruch zu unterstützen«, sagte Listris. »Ich bin die Erstgeborene des Königs, und mein Vater blickte stets voller Wohlwollen auf mich. Ich weiß, dass er zu Vertrauten darüber sprach, mich zu seiner Nachfolgerin zu bestimmen. Er sorgte sich nur, weil ich eine Frau bin.«

»Und Frauen können nicht König von Cordur sein«, entgegnete Ekureus mit einer Entschiedenheit, die keinen Widerspruch duldete.

»Ungewöhnliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen«, meldete sich unvermittelt einer der jüngeren Senatoren zu Wort. Ob er damit die junge Prinzessin zu beeindrucken oder den Streit mit dem älteren Ekureus suchte, vermochte Orontoghast nicht mit Sicherheit zu sagen.

Ekureus stemmte die Hände in die Hüften. »Senator Thonias, Ihr mögt gerne vor Röcken auf die Knie gehen …«

»Für diese Vorliebe ist er doch bekannt«, warf ein Mann unterhalb von Orontoghast ein und erntete vereinzeltes Gelächter dafür.

»Lieber vor einem Rock als vor einem Knaben, so wie Ihr, Senator Querius«, gab Thonias giftig zurück. Ein paar andere Männer lachten.

»Mäßigt Euch!«, donnerte Prion Luciastas und stand von seinem Platz auf. »Die Königin ist anwesend.«

Thonias versteifte sich, bevor er sich Anielle zuwandte und verbeugte. »Verzeiht, Eure Majestät. Ich bin Euer ergebener Diener. Und der Eurer Tochter.«

Anielle nickte leicht. Ihrer Miene nach zu urteilen, wusste sie nicht so genau, was sie jetzt tun sollte. Dass ihre eigene Tochter das Zeremoniell störte, das nur Formsache hätte sein sollen, ließ sie ratlos zurück.

»Prinzessin Listris«, wandte sich Luciastas an die Erbin Iurias Agathons, »Eure Sorge um das Reich in allen Ehren, aber dies ist nicht der Tag, um drei Jahrhunderte der Tradition beiseitezustoßen. Die Linie der Könige von Cordur hat uns gut gedient und sie wird es weiterhin tun. Unterschätzt Euren Bruder nicht, und erst recht nicht die Berater aus unserem Rund, die ihm treu zur Seite stehen werden.«

»Ein Mensch kann nicht sein ganzes Wesen verleugnen und jemand werden, der er nicht ist«, beharrte Listris. »Seht Euch meinen Bruder an. Er ist kein Kämpfer!«

»Er ist nur ein Knabe und noch kein Mann. Viel kann in den kommenden Jahren geschehen.«

»In der Tat kann viel geschehen. Carthaos und Xol können über das Cordurische Reich herfallen und niemand wird zur Stelle sein, um rasche und harte Entscheidungen zu treffen, so wie mein Vater sie zu treffen wusste. Ich bin dazu imstande! Das müsst Ihr mir glauben.«

»Listris.« In der Stimme Anielles lag die Warnung einer unzufriedenen Mutter. »Es genügt. Deine Sorgen sind vernommen worden. Nun stell dich nicht länger deinem Bruder in den Weg.«

Listris schüttelte den Kopf. »Du hast mir in dieser Sache nichts zu befehlen, Mutter.« Sie hob beschwörend den Blick und die Arme. »Senatoren des Großen Rats, ich ersuche Euch: Habt Mut! Setzt nicht einen kindlichen König auf den Thron, der nichts weiter vermag, als den Einflüsterungen jener, die ihm nahestehen, zu folgen. Wollt Ihr einigen wenigen unter Euch so viel Macht verleihen? Bezeugt mein Anrecht auf den Thron, und mein Ohr wird für jeden von Euch offen sein.«

Unruhiges Gemurmel setzte in der Halle des Großen Rats ein, als Senatoren und Zuschauer gleichermaßen über diese unerwartete Wendung der Dinge in Aufregung gerieten. Auch Orontoghast verspürte, wie sich sein Herzschlag ein wenig beschleunigte. Dieser Schlagabtausch versprach noch interessant zu werden.

»Hört, was die Prinzessin sagt!«, rief Thonias.

»Verbannt diese Frau aus dem Ratsrund«, forderte Ekureus.

»Listris, du machst alles kaputt!«, beschwerte Aspheon selbst sich mit heller Kinderstimme.

Plötzlich schnitt eine scharfe, herrische Stimme durch den Lärm. »Haltet ein, Ihr alle!« Sie gehörte einer Frau, die zu befehlen gewohnt war, doch es waren nicht allein ihre Worte, sondern vielmehr ihr Auftritt, der alle Gespräche verstummen ließ und aller Aufmerksamkeit auf sich zog.

Orontoghast spürte, wie sich seine Hände unwillkürlich verkrampften. »Cassendrea«, flüsterte er. Dann sah er, wer direkt hinter der einstigen Königin durch den Gang vom Morgentor kommend in die Halle kam, und ihm war, als wehe auf einmal ein Hauch von Gluthitze durch den Großen Rat. »Iolan …«

Aus den Augenwinkeln gewahrte er, dass Prinzessin Erindrea, die neben ihrem Bruder Aspheon saß, eine Hand vor den Mund schlug. Auch sie schien Iolan zu erkennen. Woher sie ihn allerdings kannte, vermochte Orontoghast nicht zu sagen.

»Edle Cassendrea, was führt Euch an diesem Tag in den Großen Rat?« Prion Luciastas war zwei Schritte auf Cassendrea zugetreten und blickte sie nun höflich fragend an.

Langsam ging die hochgewachsene Frau auf den Prion zu. Ihrer Aura haftete etwas an, das Anielle niemals haben würde. Obwohl nicht sie, sondern die blonde Atlesierin Königin von Cordur war, schlug sie die Senatoren sofort in ihren Bann. »Prion Luciastas und geehrte Senatoren des Großen Rats«, sprach Cassendrea. »Ich trete an diesem Tag vor Euch, um Euch den wahren Erben und Anwärter auf den Thron des Cordurischen Reichs zu präsentieren. Dies hier«, sie drehte sich um und deutete auf Iolan, der sich an ihre Seite begab, »ist Iolan, mein Sohn, der Erstgeborene von Iurias Agathon. Ohne mein Wissen jahrelang fern von Aidranon aufgezogen, ist er gemeinsam mit Botschafter Arastoth von Quanish vor Kurzem hierher zurückgekehrt, um seinen rechtmäßigen Platz einzunehmen.«

Zwei Herzschläge lang herrschte beinahe schockiertes Schweigen im Ratsrund. Dann jedoch brach ein Aufruhr los, als wäre der Drache persönlich, der Iurias Agathon getötet hatte, unter ihnen aufgetaucht. Er ist unter ihnen aufgetaucht, verbesserte Orontoghast sich in Gedanken, nur weiß es keiner von ihnen.

Kaum überraschend taten mehr als nur ein paar der Senatoren ihr Erstaunen und ihren Unglauben Iolans Familienstammbaum betreffend kund. Iolan war zunächst als Verwandter von Senator Grekeas und seiner Frau Idune in die Gesellschaft von Aidranon eingeführt worden. Unter der Hand hatte sich derweil das Gerücht verbreitet, er sei der verloren geglaubte Erbe des berühmten Senators Lahrian Kamenor. Dass er nun der kurz nach der Geburt verstorbene Sohn von Iurias Agathon und Cassendrea sein sollte, schienen viele nicht glauben zu können, wiewohl Cassendrea ...

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