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Immortal Guardians 03 – Verfluchte Seelen

DIANNE DUVALL

Immortal
Guardians

Verfluchte Seelen

Roman

Ins Deutsche übertragen von

Frauke Lengermann

Zu diesem Buch

Dr. Melanie Lipton erforscht im Auftrag der Unsterblichen Wächter das Vampirvirus, in der Hoffnung, einen Weg zu finden, den unaufhaltsamen Absturz der Infizierten in den Wahnsinn zu verhindern. Durch ihre Arbeit trifft sie auf den attraktiven Einzelgänger Sebastien Newcombe, dem die anderen Wächter mit Verachtung begegnen, da er lange glaubte, ein Vampir zu sein, und deshalb gegen sie kämpfte. Nun jedoch ist ein neuer mächtiger Feind auf den Plan getreten, der es auf Vampire und Unsterbliche gleichermaßen abgesehen hat. Bastien sieht nur einen Weg, dieser neuen Bedrohung zu begegnen: Die Wächter müssen die Vampire auf ihre Seite ziehen – ein geradezu ketzerischer Vorschlag für die Unsterblichen, die seit Jahrtausenden gegen die Blutsauger vorgehen. Doch Melanie glaubt an Bastiens Plan, weiß sie doch, wie tragisch das Schicksal der zahllosen Vampire ist, die gegen ihren Willen langsam in den Wahnsinn abgleiten. Und Melanie muss sich eingestehen, dass Bastien ihr Herz bei jeder Begegnung höher schlagen lässt. Auch er fühlt sich zu der Ärztin hingezogen, doch sie zu lieben, hieße, sie in große Gefahr zu bringen.

Für meine Familie

1

Wut stieg in Bastien hoch, und der Drang zuzuschlagen wurde fast übermächtig. Fühlten sich die Vampire genauso, wenn das Virus ihre Gehirne zerfraß und ihre Impulskontrolle auslöschte? Denn in diesem Moment wünschte er sich nichts sehnlicher, als dem Unsterblichen, der sich neben ihm auf dem Dach lümmelte, die Faust ins Gesicht zu rammen.

»Ist dir eigentlich bewusst, wie dämlich du grinst?«, brummte Bastien, ohne die betrunkenen Studenten aus den Augen zu lassen, die mit unsicheren Schritten auf der gegenüberliegenden Straßenseite vor dem Verbindungshaus hin- und herstolperten.

»Du kannst mich mal«, erwiderte Richart, während er ungerührt weiter eine SMS in sein Handy hämmerte.

Bastien seufzte. Nicht mal für eine ordentliche Prügelei war dieser Trottel gut. Seit Stunden versuchte er vergeblich, den anderen Unsterblichen zu provozieren, um seinem Frust darüber Luft zu machen, dass Seth ihm einen Begleiter aufgezwungen hatte. Einen Babysitter. Einen Aufpasser.

»Verdammte Unsterbliche«, knurrte er. Sie wollten ihn tot sehen, nur weil er vor fast zwei Jahrhunderten einen der ihren getötet hatte. Hm – alle außer einem, wie es aussah.

»Du bist doch selbst ein Unsterblicher, du Blödmann«, bemerkte der Franzose.

Machmal vermisste Bastien die Gesellschaft der Vampire.

Plötzlich erhaschte er aus dem Augenwinkel ein paar Schatten, die sich nördlich vom Verbindungshaus regten.

Wenn man vom Teufel sprach …

Bastien beobachtete zwei augenscheinlich betrunkene junge Pärchen dabei, wie sie erst die Verandatreppe hinunterstolperten und dann den Bürgersteig entlangschwankten. Pulsierende Musik drang durch die geschlossenen Fenster und dröhnte ihm in den Ohren, während dunkle Silhouetten hinter den Vorhängen vorbeiwirbelten. Das Quartett stritt sich lallend darüber, welchen Weg es zurück zum Studentenwohnheim einschlagen sollte, einigte sich schließlich und ging los, ohne die dunklen Schatten zu bemerken, die jede ihrer Bewegungen verfolgten.

Bastien öffnete den Mund, um Richart zu warnen, schloss ihn jedoch wieder, als er feststellte, dass dieser sein Handy bereits in die Gesäßtasche schob. Sie erhoben sich.

Als Richart die Hand ausstreckte, um sie auf Bastiens Schulter zu legen, entzog der sich seiner Berührung und machte einen Schritt nach vorn ins Leere. Er fiel drei Stockwerke nach unten und landete fast lautlos auf dem Bürgersteig direkt vor dem Gebäude.

Eine Sekunde später tauchte Richart aus dem Nichts neben ihm auf. »Du riskierst es, gesehen zu werden, wenn du das tust«, kommentierte der Franzose vorsichtig, während sie sich den Menschen und ihren Vampirschatten an die Fersen hefteten.

»Ach, und beim Teleportieren ist das nicht der Fall?«

Richart zuckte mit den Achseln. »Wenn sie mich sehen, dann glauben sie, dass ihre Fantasie ihnen einen Streich spielt, dass ihre Augen sie täuschen oder es am Licht liegt. Wenn sie dich sehen, denken sie, du bist ein Springer, wie aus diesem Film Jumper. Oder irgendein Student, der sich den Verstand weggesoffen hat und vorbeigekommen ist, um zu sehen, was los ist.«

Richtig. Davon abgesehen war diese Diskussion ohnehin überflüssig – kein Mensch hätte sie in der Dunkelheit sehen können. Da sich der Himmel bei Sonnenuntergang zugezogen hatte, wurde der Mond von dichten Wolken verdeckt. Und die Straßenlaternen waren allesamt kaputt – entweder die Vampire hatten sie zerstört, um ungestört ihren Opfern nachzustellen, oder ein paar gelangweilte Studenten hatten sich daran zu schaffen gemacht.

Bastien spitzte die Ohren, wobei er die dümmlichen Gespräche des Quartetts, den dröhnenden Bass der Verbindungsparty und das Rumpeln vorbeifahrender Autos ausblendete und sich auf das konzentrierte, was die Vampire sagten, unhörbar für menschliche Ohren.

Ihr Plan schien darin zu bestehen, die beiden Männer vor den Augen der Frauen auszusaugen und zu zerstückeln und anschließend die beiden weiblichen Opfer zu quälen. Wahrscheinlich würden sie sie als Spielzeug behalten, von ihnen trinken und so lange mit ihnen Spielchen treiben, bis sie ihrer überdrüssig wurden und sich neue Opfer suchten.

Als sich die Männer mit ein paar feuchten Küssen und etwas Gefummel von den beiden Frauen verabschiedeten und den Bürgersteig hinunterstolperten, wurde der Plan umgeschmissen. Die Studentinnen gingen taumelnd in die entgegengesetzte Richtung, wobei ihre Absätze auf dem Gehsteig klackerten.

Nach kurzem Zögern folgten die Vampire den beiden Frauen.

Bastien sah Richart an. »Willst du Beavis oder Butthead?«

Richart deutete mit dem Kinn auf den blonden Vampir. »Ich nehme Beavis.«

Während sie über das Campusgelände gingen, passierten die Frauen immer wieder die Lichtkegel der Laternen, um schließlich in die Schatten uralter Eichen einzutauchen. Inzwischen steuerten sie auf den hell erleuchteten Eingang des Studentenwohnheims zu.

Die Vampire pirschten sich von hinten an sie heran.

Richart berührte Bastien an der Schulter. Die Welt um ihn herum versank in Dunkelheit. Er fühlte sich schwerelos, beinahe, als führe er in einem Fahrstuhl. Im nächsten Moment stand er direkt neben den Vampiren.

Bastien bedachte Richart mit einem verärgerten Blick. Auch wenn er keine so heftige Abneigung gegen das Teleportieren hatte wie so manch anderer Unsterblicher, hätte er eine Vorwarnung zu schätzen gewusst.

In diesem Moment sausten zwei Gestalten um die Gebäudeecke, schnappten sich die beiden Frauen und verschwanden wieder. Sie bewegten sich so schnell, dass sie zu Farbklecksen verschwammen.

»Was zum Henker?«, platzte der Dunkelhaarige heraus, den Bastien Butthead getauft hatte.

»Hey, die gehören uns!«, rief Beavis.

Bastien sah Richart an, dessen Augen vor Wut bernsteinfarben leuchteten. »Ich kümmere mich um die Neuankömmlinge.«

Beavis und Butthead wirbelten herum.

Richart nickte. »Und ich sehe zu, dass ich die beiden Idioten hier loswerde.«

Als die Vampire ihre Reißzähne ausfuhren, fingen ihre Augen an, durchdringend zu glühen.

Bastien jagte den beiden Neuankömmlingen und ihren Opfern nach, wobei er sich so schnell bewegte, dass ein Mensch seinen Bewegungen mit bloßem Auge nicht hätte folgen können.

Er verfolgte die Vampire von Chapel Hill in das benachbarte Durham, wobei die beiden Haken schlugen wie Hasen auf der Flucht. Die Jagd erforderte seine ganze Aufmerksamkeit.

Wussten die beiden vorwitzigen Blutsauger, dass sie von einem Unsterblichen gejagt wurden? Oder wollten sie einfach nur die Konfrontation mit ein paar aufgebrachten Vampiren vermeiden, denen sie zwei Studentinnen vor der Nase weggeschnappt hatten?

In der verlassenen Ladezone hinter einem der Gebäude, die zur Duke University gehörten, blieben sie endlich stehen. Jeder der Blutsauger hielt eine Frau fest. Die Studentinnen gaben keinen Laut von sich.

Als Bastien nur wenige Zentimeter entfernt abbremste, konnte er Bissspuren an den Hälsen der beiden Frauen erkennen. Ihre Herzen schlugen noch, sie waren also noch nicht vollständig ausgesaugt. Aber die Drüsen, die sich während der Transformation über den Reißzähnen der Vampire bildeten, hatten bereits die Flüssigkeit abgesondert, die eine ähnliche Wirkung hatte wie Gamma-Hydroxybutansäure – was dazu führte, dass die beiden Frauen willenlos in den Armen der Vampire hingen, bereit, alles zu tun, was diese von ihnen verlangten. Falls sie den nächsten Tag erlebten, würden sie sich an nichts mehr erinnern.

Der Vampir, der Bastien am nächsten stand, zuckte heftig zusammen, als er ihn bemerkte. Er ließ sein Opfer fallen. »Wir haben sie zuerst gesehen.«

Indem er die Frau an der Bluse packte, verhinderte Bastien, dass sie zu Boden ging, dann rammte er dem Vampir die Faust ins Gesicht.

Blut spritzte ihm entgegen, gleichzeitig erklang das Geräusch splitternder Knochen. Der Vampir flog nach hinten und krachte mit so viel Wucht gegen das Gebäude, dass der Backstein barst und Sand und Mörtel herunterrieselten.

Vorsichtig ließ Bastien die Studentin zu Boden gleiten und stürzte sich auf den Kumpan des Vampirs, der verblüfft zugesehen hatte. Offenbar hielt er sich für besonders schlau: Er schlang den Arm fester um sein Opfer, um es als Schutzschild zu benutzen … Zumindest bis zu der Sekunde, in der Bastien ihm besagten Arm brach und den schreienden Vampir durch die Luft schleuderte, sodass die Backsteinwand um ein paar Risse reicher wurde.

Bastien legte die Studentin neben ihrer Freundin ab und machte sich bereit zum Kampf, wobei er darauf achtete, möglichst viel Abstand zu den Frauen zu halten.

Die Blutsauger griffen nach ihren Waffen: Jagdmesser mit gezackten Klingen und Bowiemesser, die so lang waren wie Bastiens Unterarm.

Bastien zog seine Katanas und trat ihnen sorglos entgegen. Er war vor zwei Jahrhunderten geboren worden und hatte auf Wunsch seines Vaters, eines englischen Adligen, mit einem Meister des Schwertkampfs trainiert. Und selbst wenn das nicht ausgereicht hätte – die Tatsache, dass er beinahe zwei Jahre mit Seth und David trainiert hatte, den beiden ältesten und mächtigsten Unsterblichen auf der Erde, tat ihr Übriges.

Der blonde Blutsauger fluchte, ein ängstlicher Ausdruck trat in seine leuchtenden blauen Augen. »Das ist ein Unsterblicher Wächter!«

Einen Moment lang dachte Bastien, dass der andere die Beine in die Hand nehmen und abhauen würde. Aber dann stürzte sich sein Kumpan mit einem Wutschrei in den Kampf.

Klingen trafen aufeinander. Schnitte fuhren in Fleisch. Blut spritzte.

Jedenfalls das der Vampire.

Bastien trug nur oberflächliche Verletzungen davon. Er entwaffnete den Blondschopf, steckte sein Schwert zurück in die Scheide und packte den Vampir am Hals. Während er sich mit der freien Hand den Brünetten vom Leib hielt, spürte er, wie dank seiner Gabe die Gefühle des Blonden auf ihn einströmten. Bosheit. Chaos. Wahnsinn. Für ihn kam jede Hilfe zu spät. Das Virus, das sowohl Vampire als auch Unsterbliche infizierte, trieb schon zu lange sein Unwesen im Körper dieses Mannes.

Er schubste den Dunkelhaarigen nach hinten, schlitzte ihm die Brust auf und enthauptete dann mit einer schnellen Bewegung den Blondschopf.

Sein Kumpan hielt inne und starrte seinen toten Kameraden an.

Seine übermenschliche Schnelligkeit ausnutzend, entwaffnete Bastien den zweiten Vampir und packte ihn ebenfalls an der Kehle.

In der Ferne tauchte Richart auf. Er stand vielleicht vierzig Meter entfernt und drehte sich einmal um die eigene Achse. Sobald er Bastien sah, beamte er sich an seine Seite. »Was ist mit den Studentinnen?«, fragte er.

Mit dem Kinn deutete Bastien in ihre Richtung. »Sie leben noch, aber sie wurden gebissen und sind desorientiert.«

Richart warf einen Blick auf den Vampir, den Bastien immer noch festhielt. »Und was ist mit dem da?« Auf Richarts Klamotten, die der Standardkluft der Unsterblichen entsprachen (schwarze Hose, schwarzes Shirt und langer schwarzer Mantel), glänzten feuchte Flecken, die bei jeder anderen Farbe mühelos als Blutflecken zu identifizieren gewesen wären. »Hast du vor, ihn als Souvenir zu behalten, oder was?«

Bastien machte ein böses Gesicht. »Ich wollte nur wissen, ob er noch zu retten ist.«

Wenn der Vampir erst vor Kurzem verwandelt worden wäre, hätte man ihn vielleicht noch retten können – zumindest, wenn das Virus noch nicht angefangen hatte, sein Gehirn zu zerfressen, sodass er unweigerlich den Verstand verlor.

»Und?«

Voller Abscheu beäugte Bastien den Vampir. »Hoffnungslos.«

»Worauf …?« Richart beendete den Satz nicht.

Bastiens hochempfindliches Gehör fing gedämpfte Geräusche auf. Stiefelschritte im Gras und auf dem Gehweg. Der Anzahl der Schritte nach zu urteilen, war es eine ganze Gruppe von Männern. Das leise Rasseln von Kampfausrüstung erklang.

Die beiden Unsterblichen wechselten einen Blick.

Sie standen an der Gebäudeecke, die Geräusche drangen von der anderen Seite zu ihnen herüber. Aufmerksam spitzten sie die Nasen und holten tief Luft.

Kein Rasierwasser. Keine parfümierte Seife. Kein Deodorant. Kein Geruch nach Waschmittel oder Weichspüler mit Frischeduft. Nichts von dem, was ein Unsterblicher normalerweise sofort wahrnahm, wenn sich ihm eine Gruppe von Menschen näherte.

Der einzige verdächtige Geruch, den sie auffingen, war der nach … Waffenöl.

Stirnrunzelnd sah Bastien Richart an. Wer auch immer da näher kam, verhielt sich wie ein Jäger. Aber was zum Teufel jagten die Unbekannten auf dem Campusgelände? Es sei denn …

»Bring die Frauen in Sicherheit«, befahl Bastien so leise, dass ein menschliches Gehör seine Worte nicht hätte aufschnappen können.

Richart sprintete zu den Studentinnen und warf sich eine über jede Schulter. »Ich komme so schnell wie möglich zurück«, versprach er und verschwand.

Der Vampir, den Bastien an der Kehle gepackt hielt, versuchte, sich seinem Griff zu entwinden. Aber Bastien packte nur fester zu und wartete gespannt darauf, wer oder was um die Ecke kommen würde.

Hätte er nicht über ein außerordentlich scharfes Sehvermögen verfügt, wäre ihm der winzige Spiegel entgangen. Er war kaum größer als ein Daumennagel, tauchte als Erstes auf und erlaubte demjenigen, der ihn hielt, einen Blick auf Bastien und seinen Gefangenen zu werfen.

Der Unbekannte holte zischend Luft, dann wurde der Spiegel zurückgezogen.

Etwas Rundes aus Metall, das etwa die Größe eines Tennisballs hatte, hüpfte federnd über den Gehweg auf Bastien zu. Grelles Licht, so hell wie die Sonne, hüllte ihn mit einem kurzen Aufblitzen vollständig ein, blendete ihn und ließ den Vampir vor Schmerz aufheulen.

Bastien riss den Vampir schützend vor sich, gerade noch rechtzeitig, ehe von Schalldämpfern fast erstickte Pistolenschüsse die Luft zerrissen. Der Vampir in seinen Armen zuckte und ächzte. Blutgeruch erfüllte die Luft.

Fußschritte näherten sich und bogen um die Hausecke.

Dank seiner hochentwickelten DNA, die seine Überlegenheit gegenüber den Vampiren sicherte, klärte sich Bastiens Sicht rasch. Während der Vampir noch damit beschäftigt war, sich mit der einen Hand die Augen zu reiben und die andere gegen die Brust zu pressen, studierte Bastien die Männer genauer.

Sie waren gekleidet wie Soldaten einer Spezialeinheit und entsprechend bewaffnet, mit einer bemerkenswerten Ergänzung.

Als ihn plötzlich ein Betäubungspfeil an der Schulter traf, zuckte der Vampir heftig zusammen. Sein Körper wurde schlaff und schwer.

Den Bewusstlosen wie einen Schutzschild vor sich haltend, konzentrierte sich Bastien auf den Soldaten, der die Betäubungspistole hielt. Als er den nächsten Schuss abfeuerte, schnellte Bastien wie ein Blitz durch die Luft und fing den Pfeil auf. Er schleuderte ihn zurück auf den Soldaten und traf ihn an der Kehle. Der Mann ging zu Boden, ohne einen Laut von sich zu geben.

Ein weiterer Soldat schoss ebenfalls einen Betäubungspfeil auf ihn ab. Dem ersten Pfeil entging er, indem er sich duckte, den zweiten fing er auf und warf ihn zurück.

Alle außer einem der verbliebenen Soldaten eröffneten das Feuer aus ihren mit Schalldämpfern ausgestatteten Sturmgewehren. Kugeln durchsiebten den Vampir und bohrten sich in Bastiens Fleisch. Brennender Schmerz schoss durch seinen Magen und Oberkörper. Als einer seiner Lungenflügel kollabierte, schnappte er nach Luft.

Verdammt!

Bastien ließ den Vampir los, hechtete vorwärts und schnappte sich das Gewehr, das einer der zu Boden gegangenen Soldaten hatte fallen lassen. Durch seine Schüsse gingen mehrere Soldaten zu Boden, da die Kugeln ihre kugelsicheren Westen durchdrangen oder ungeschützte Körperstellen trafen.

Obwohl sich Bastien alle Mühe gab, den Betäubungspfeilen auszuweichen, spürte er, wie ihn etwas in den Hals stach. Die Knie gaben unter ihm nach.

Inzwischen eher besorgt als wütend, sprintete Bastien los und umrundete das Gebäude, bis er hinter den übrigen Soldaten stand. Er packte sich den Ersten und schlug ihm die Reißzähne in den Hals, um so viel Blut wie möglich aufzunehmen – so wollte er die Droge verdünnen und außerdem dem Virus dabei helfen, seine Wunden zu heilen.

Er riss dem Soldaten die Betäubungspistole aus der Hand und schoss damit auf die restlichen Männer, als diese ihn abermals angriffen.

Die letzten Soldaten fielen … endlich. Sie starben entweder an ihren Schussverletzungen oder durch die Droge, die zu stark war, als dass ein Mensch sie überleben konnte.

Bastien ließ den Soldaten fallen, den er ausgesaugt hatte.

Das Campusgelände um ihn herum schwankte und schlingerte. Stolpernd versuchte er, auf den Beinen zu bleiben.

Ein dumpfes Poltern zerriss die Stille.

Bastien warf einen Blick auf die Betäubungspistole, die ihm aus der Hand gefallen war.

Hatte er sie absichtlich fallen lassen?

Als er bemerkte, dass ein Pfeil aus seinem Oberschenkel ragte, riss er ihn heraus und entfernte danach einen zweiten, der in seinem Arm steckte.

Ein stetiges plopp, plopp, plopp lenkte seinen Blick auf das Blut, das ihm auf die Füße tropfte. Wie viele Kugeln hatte er sich eingefangen?

Sein Blick glitt zu den Leichen, die um ihn herum auf dem Boden lagen. Das Blut. Die Waffen.

Vielleicht war es besser, wenn hier jemand sauber machte …

Er runzelte die Stirn. Würde nicht etwas Schlimmes passieren, wenn niemand diese Schweinerei beseitigte?

Er brauchte eine ganze Minute, um das Handy aus der Hosentasche zu zerren. Seine Hand schien einfach nicht mitspielen zu wollen. Zwinkernd versuchte er, etwas auf dem Display zu erkennen, das merkwürdigerweise gleichzeitig zu hell und zu verschwommen war, und überlegte, wen er in dieser Situation anrufen sollte.

Er betrachtete die Leichen, dann das Handy. Die Leichen. Das Handy.

Oh. Richtig. Das Netzwerk.

Dr. Lipton breitete ein Kurvendiagramm auf ihrem Schreibtisch aus und griff nach ihrem Handy.

Gerade als sie es zu fassen bekam, klingelte es. »Melanie Lipton.« Mehrere Sekunden vergingen, ohne dass sich jemand meldete. »Hallo?«

»Dr. Lipton?«

Als sie die tiefe, sonore Stimme hörte, die ihr wie immer durch Mark und Bein ging, machte ihr Herz einen kleinen Sprung. Sebastien Newcombe. Seine Stimme hätte sie immer und überall erkannt … auch wenn sie gerade etwas eigenartig klang. »Ja, Bastien?«

»Was machen Sie hier?«, fragte er, er klang völlig verwirrt.

Melanie runzelte die Stirn. Er hörte sich an, als wäre er betrunken. Aber Unsterbliche konnten sich nicht betrinken, da Alkohol bei ihnen keine Wirkung zeigte. »Wie meinen Sie das? Ich bin in meinem Büro beim Netzwerk.«

»Sind Sie das?«

»Ja, allerdings.«

»Oh.«

Melanie erhob sich. Irgendetwas stimmte da nicht.

Am anderen Ende der Leitung war ein polterndes Geräusch zu hören.

»Sebastien? Sind Sie noch da?« Sie eilte in den Flur hinaus.

»Ja.«

»Was ist passiert?«

»Ich glaube, ich bin gestürzt.« Einen Moment lang herrschte Schweigen. »Ja, ich bin gestürzt.«

Besorgnis machte sich in ihr breit, während sie einen der Sicherheitsbeamten zu sich winkte. Sie hielten vor den Türen der Apartments Wache, in denen die Vampire untergebracht waren. »Holen Sie sofort Mr Reordon«, flüsterte sie. »Auf der Stelle!«

Der Mann griff nach dem Walkie-Talkie, das über seiner Schulter hing, und sprach leise hinein.

Melanie eilte weiter zum Fahrstuhl am Ende des Flurs. »Sind Sie verletzt? Bastien?«

»Fühlt sich so an.«

»Wie schwer?«

»Ich weiß nicht.«

»Wo sind Sie?«

»Auf dem Boden.« Der Unsterbliche sprach mit schwerer Zunge.

»Nein, ich meine … schauen Sie sich um. Was sehen Sie?«

Es gab eine Pause. »Leichen.«

Oh verdammt! »Was noch?«

Vor dem Fahrstuhl thronte ein großer Schreibtisch. Um ihn herum standen zwei Dutzend Männer in schwarzen Kampfanzügen und mit automatischen Waffen. Zwei weitere Männer, die hinter dem Schreibtisch saßen, erhoben sich, als Melanie näher kam.

»Stimmt was nicht, Doc?«, fragte Todd.

Sie nickte. »Falls Reordon noch nicht unterwegs ist, holen Sie ihn sofort her«, sagte sie leise. Dann sprach sie laut in das Telefon: »Was sehen Sie noch?«

»Bäume«, brummte Bastien.

Bäume? Na toll. Das engte die Suche natürlich total ein. Er konnte überall in diesem gottverdammten Staat sein.

Die Leuchtziffern des Fahrstuhls, die die Stockwerke anzeigten, glimmten nacheinander auf.

»Ist jemand bei Ihnen? Einer von den anderen Unsterblichen vielleicht?«

Sie hatte gehört, dass Bastien grundsätzlich nur in Begleitung eines weiteren Unsterblichen ausgehen durfte.

»Ähem … ich weiß nicht, ob das da drüben Vampire oder Unsterbliche sind. Sie sind gerade dabei, in sich zusammenzuschrumpeln. Ich glaube, es sind Vampire. Ich habe ein paar Vampire erledigt, stimmt’s?«

Plötzlich hörte sie, wie im Hintergrund jemand etwas auf Französisch sagte.

Der Fahrstuhl kam mit einem Ping zum Stehen, und Chris Reordon trat in den Flur. Reordon war der Chef der Ostenküstenabteilung des aus menschlichen Helfern bestehenden Netzwerks, das es sich zur Aufgabe gemacht hatte, den Unsterblichen Wächtern dabei zu helfen, die Menschen vor Vampiren zu schützen.

»Was ist los?«, fragte er stirnrunzelnd.

Melanies Erleichterung hielt sich in Grenzen. Chris hatte zwar die Möglichkeit, Bastien Hilfe zu schicken, aber würde er es auch tun? Die beiden kamen nicht gerade gut miteinander aus, und das war noch milde ausgedrückt. Als Bastien vor ein paar Wochen nicht davor zurückgeschreckt war, sich gewaltsam Zutritt zum Hauptquartier zu verschaffen, hatte sich ihre gegenseitige Abneigung in ausgewachsenen Hass verwandelt. Bastien war in das Stockwerk eingedrungen, in dem sie sich gerade befand, und dabei hatte er mehrere Dutzend von Chris’ Sicherheitsleuten verletzt …

Allerdings war das alles passiert, nachdem Melanie ihn angerufen hatte, um ihn darüber zu informieren, dass einer seiner früheren Vampirgefolgsleute einen psychotischen Anfall erlitten hatte. Niemals würde sie den Ausdruck in den Augen des Unsterblichen vergessen, als er das Leben des jungen Vampirs beendet hatte.

In der Hoffnung, dass für Chris persönliche Gefühle bei der Erfüllung seiner Pflichten keine Rolle spielten, holte Melanie tief Luft. »Sebastien Newcombe ist etwas zugestoßen.«

Chris’ Blick verfinsterte sich noch mehr. »Was soll das heißen?«

Sie zeigte auf ihr Handy. »Er ist verletzt und … spricht undeutlich, als sei er betrunken. Er scheint keinen klaren Gedanken fassen zu können. Er ist gestürzt und sagt, dass er von Leichen umgeben ist. Zwei von ihnen sind entweder Vampire oder Unsterbliche.«

Fluchend machte Chris ihr ein Zeichen, ihm das Handy zu geben. »Bastien? Wo bist du?« Ein frustriertes Knurren folgte. »Wo auf dem Boden?«

Melanie biss sich auf die Unterlippe.

Plötzlich änderte sich sein Tonfall. »Hier ist Chris. Ist da Étienne oder Richart?« Er zog einen Bleistift und einen kleinen Notizblock aus der Tasche und legte den Block vor sich auf den Schreibtisch. »Was? Wie viele?« Er notierte sich etwas. »Auf welcher Seite des Unigeländes? Welches Gebäude? Okay. Zerstöre die Laternen in eurer unmittelbaren Umgebung. Ich schicke das Aufräumkommando sofort los. Bring Bastien her. Ich will mit ihm reden.«

Melanie zog die Augenbrauen zu einem dunklen Strich zusammen. Mit ihm reden? Er war verletzt und brachte keinen einzigen sinnvollen Satz zustande.

»In die Arrestzelle.«

Das ließ nichts Gutes ahnen.

Chris beendete das Telefonat und gab ihr das Handy zurück.

Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und fragte: »Warum lassen Sie ihn in die Arrestzelle bringen?«

Chris zog sein eigenes Telefon heraus und begann Befehle hineinzubellen.

»Mr Reordon?«, hakte sie nach. »Warum kommt Bastien in die Arrestzelle?«

Verärgerung spiegelte sich in seinem Gesicht. »Weil der Boden um ihn herum mit mehr als einem Dutzend menschlicher Leichen übersät ist.«

Die Wachmänner begannen wütend durcheinanderzureden. Unter ihnen hatte Bastien sich ebenfalls keine Freunde gemacht, da er bei seinem gewaltsamen Eindringen ins Hauptquartier ein paar verletzt hatte.

»Unsterbliche sollten Menschen eigentlich beschützen und sie nicht umbringen«, brummte Chris, nachdem er aufgelegt hatte. »Die Hälfte von Ihnen folgt mir«, sagte er an die Sicherheitsleute gewandt. »Todd, kümmern Sie sich darum, dass zwei Dutzend Männer hier herunterkommen, und sie sollen sich gut bewaffnen. Ich will, dass sowohl der Fahrstuhl als auch die Treppe streng bewacht wird. Sagen Sie den Männern, dass sie auf alles vorbereitet sein sollen.«

»Ja, Sir.« Todd bedeutete mehreren Wachmännern, Chris zu folgen, dann griff er nach dem Walkie-Talkie, das über seiner Schulter hing.

Rasch ging Chris den langen Flur hinunter zur Arrestzelle. Melanie beeilte sich, mit ihm Schritt zu halten, während ihnen die Wachmänner mit einsatzbereiten Waffen und gespannten Muskeln folgten.

»Aber Sie wissen doch gar nicht genau, was passiert ist«, sprach sie weiter. Die Männer würden Bastien doch nicht wehtun? Oder ihm medizinische Hilfe verweigern? Es hatte sich angehört, als hätte Chris vor, den Unsterblichen in Ketten zu legen und zu verhören. Schon wieder. »Er ist verwundet. Was ist, wenn …«

»Unsterblichen ist es nicht gestattet, Menschen zu verletzen, es sei denn, diese stellen eine tödliche Bedrohung für sie dar.«

»Vielleicht war das ja der Fall.«

Er schnaubte. »Bastien ist unsterblich, Dr. Lipton. Menschen können ihm nichts anhaben. Jedenfalls können sie ihn nicht so schwer verletzen, dass sie dafür den Tod verdienen.«

Sie senkte die Stimme. »Das können sie sehr wohl, wenn sie im Besitz einer bestimmten Substanz sind.«

Er warf ihr einen scharfen Blick zu. »Wie wahrscheinlich ist es, dass …«

»Er klang, als hätte man ihn betäubt.«

»Ich bin nicht dieser Meinung.«

»Seine Antwort auf die Frage, wo er sich aufhält, lautete: ›Auf dem Boden‹!«

»Das ist Bastien, wie er leibt und lebt. Er ist ein Arschloch und verhält sich dementsprechend.«

Aus dem Zelleninneren drang lautes Klopfen. Die Wachen, die dort bereits ihre Positionen eingenommen hatten, zuckten zusammen und richteten ihre Pistolen auf die Zellentür.

Chris ging noch schneller, sodass Melanie joggen musste, wenn sie nicht abgehängt werden wollte.

Vor der Tür blieb Chris stehen und zückte seine Schlüsselkarte. »Neuzugang«, sagte er zu den Sicherheitsleuten, während er den Sicherheitscode eintippte. »Halten Sie sich bereit.«

Die Tür öffnete sich mit einem dumpfen Klicken, und eine weitere Tür, so dick wie die zum Tresorraum einer Bank, schwang auf.

In dem stahl- und titanverstärkten Raum erwartete sie ein Unsterblicher, den Melanie noch nie zuvor gesehen hatte. Bastien lag über seiner Schulter. Der Unbekannte war etwa ein Meter achtzig groß und besaß die typischen Merkmale eines Unsterblichen: rabenschwarzes Haar und braune Augen (die immer noch schwach gelbbraun glühten). Seine schwarzen Klamotten und der lange schwarze Mantel glänzten an einigen Stellen, und sie nahm an, dass es sich um Blutflecken handelte.

Das musste Richart sein. Soweit Melanie wusste, war Richart der einzige Unsterbliche, der sich zurzeit in den Vereinigten Staaten aufhielt und die Gabe der Teleportation besaß.

Abgesehen von Seth natürlich.

»Sie haben ihn betäubt«, erklärte Richart, sobald er sie sah, sein französischer Akzent ließ die Worte weich klingen.

Melanie warf Chris einen Ich-hab’s-Ihnen-ja-gesagt-Blick zu.

Mit zusammengepressten Lippen deutete Chris auf Bastien. »Leg ihn auf die Pritsche und kette ihn an.«

Die Zelle blieb normalerweise den Vampiren vorbehalten. Dicke Stahlwände, die mit meterdickem Beton verstärkt worden waren, sorgten dafür, dass niemand herauskam. Titanketten so dick wie ihre Oberarme waren an der Wand befestigt, und darunter befand sich eine einzelne Pritsche. Neben der Tür und außerhalb der Reichweite der Kette stand ein Schreibtisch.

Als der Unsterbliche zögerte, ergriff Melanie das Wort.

»Sollten wir ihn nicht besser auf die Krankenstation bringen?«

»Nicht, wenn er Menschen getötet hat«, widersprach Chris. »Laut Protokoll …«

»Scheiß auf das Protokoll«, fiel ihm Richart ins Wort. »Das waren keine Zivilisten. Die sahen aus, als gehörten sie zu einer militärischen Spezialeinheit. Sie waren schwer bewaffnet und hatten mehrere Betäubungspistolen dabei, mit der einzigen Substanz, die uns Unsterblichen gefährlich werden kann. Wir stecken in ernsthaften Schwierigkeiten.« Er warf Melanie einen Blick zu. »Wo ist die Krankenstation?«

»Hier entlang«, sagte sie. Ohne Chris anzusehen, drehte sie sich auf dem Absatz herum und führte Richart den Gang hinunter zu der beeindruckend großen Krankenstation.

Da sich Unsterbliche normalerweise geräuschlos bewegten, verriet ihr das laute Geräusch von Stiefelschritten in ihrem Rücken, dass Chris und die Wachmänner ihr ebenfalls folgten.

Der Unsterbliche legte Bastien in eins der leeren Betten. »Richart d’Alençon«, stellte er sich mit einem Nicken vor.

Sie lächelte. »Melanie Lipton.« Dann zog sie sich ein Paar Vinylhandschuhe über und begann Bastiens blutbeflecktes Shirt aufzuknöpfen. »Wissen Sie, wie viele Pfeile er abbekommen hat?«

Richart griff in seine Hosentasche. »Zwei habe ich auf dem Boden neben ihm gefunden.« Nachdem er sie ihr gezeigt hatte, legte er die Geschosse beiseite und half ihr, Bastien von seinen blutverschmierten Klamotten zu befreien.

»Zwei Pfeile dürften bei ihm keine Bewusstlosigkeit auslösen. Bei Ihnen waren doch auch mehr als zwei Pfeile nötig, wenn ich mich recht erinnere?«, erkundigte sie sich mit einem Stirnrunzeln.

Nickend ließ er Bastiens langen Mantel auf den Boden gleiten. »Ich glaube, ich bin von vier Pfeilen getroffen worden, bevor ich ohnmächtig wurde. Bei Bastien liegt es entweder am Blutverlust, oder er hat bereits Pfeile entfernt, ehe ich zur Stelle war.«

Am Fuß des Bettes stand Chris, die Augenbrauen zu einem dunklen Strich zusammengezogen und die Arme vor dem Oberkörper verschränkt. »Warum hat er keinen der Männer am Leben gelassen, damit wir sie befragen können?«

»Das weiß ich nicht. Ich war nicht dort.«

»Ich dachte, du hättest den Auftrag gehabt, ihn im Auge zu behalten.«

Richarts Augen leuchteten bernsteinfarben auf, seine Kiefermuskeln zuckten. »Da waren vier Vampire. Zwei blieben auf dem Campusgelände der University of North Carolina, und zwei machten sich davon in Richtung Duke. Bastien hat sich um Letztere gekümmert. Ich bin auf dem Unigelände geblieben. Hätte ich die beiden ungestört in Chapel Hill auf der Suche nach Opfern herumstromern lassen sollen, um Bastien dabei zuzuschauen, wie er die beiden Vampire zur Strecke bringt?«

Chris runzelte zwar immer noch die Stirn, sagte aber nichts.

»Als ich Bastien endlich eingeholt hatte, erschienen auch schon die Soldaten auf der Bildfläche. Ich musste zuerst die beiden Frauen in Sicherheit bringen, die die Vampire entführt hatten. Ich wollte nicht riskieren, dass sie im Verlauf des Kampfs getötet werden.«

»Das gefällt mir nicht. Das waren Sterbliche. Bastien hätte es schaffen müssen, sie zu entwaffnen – ohne sie gleich zu töten.«

Das Glühen in Richarts Augen wurde schwächer. »Zu Bastiens Verteidigung muss ich sagen, dass man im Kampf häufig nur die Wahl hat zwischen töten oder getötet werden. Wenn man bedenkt, dass diese Männer mit Betäubungspistolen bewaffnet waren und ihn gleichzeitig mit Kugeln durchsiebten, blieb ihm vielleicht gar nicht die Möglichkeit, einen von ihnen am Leben zu lassen.«

Im Stillen klatschte Melanie dem Unsterblichen Beifall.

Während der Franzose Bastien das Hemd auszog, holte Melanie mehrere Blutbeutel aus dem Nebenraum und stellte einen Infusionsständer neben dem Bett auf.

Die glatte, muskulöse Brust des Unsterblichen und sein Waschbrettbauch waren mit Einschusslöchern übersät, in manchen steckte sogar noch eine Kugel.

Melanie warf Richart einen Seitenblick zu, während sie mit einer Nadel Bastiens Vene suchte und dann eine Kanüle befestigte. »Ich weiß, dass ein Heiler nichts gegen das Betäubungsmittel ausrichten kann, das durch seinen Blutkreislauf zirkuliert – aber wäre es nicht besser, trotzdem einen Unsterblichen mit Heilkräften zu holen, der sich um seine Verletzungen kümmert? Es sind so viele.« Sie würde die Kugeln selbst entfernen müssen, falls nicht.

»David ist in Ägypten«, erwiderte er.

David war der zweitälteste der Unsterblichen und ein sehr mächtiger Heiler … unter anderem.

»Und Seth hält sich irgendwo in Asien auf, wollte aber morgen in Davids Haus vorbeischauen. Der einzige andere Heiler, der in der Nähe lebt, ist Roland Warbrook. Und der würde Bastien lieber dabei zuschauen, wie er langsam und qualvoll stirbt, als ihm zu helfen.«

Na ja, Melanie musste sich eingestehen, dass sie Rolands Abneigung durchaus nachvollziehen konnte. Immerhin hatte Bastien beinahe Rolands Frau umgebracht und mehrfach versucht, Roland selbst zu töten. Und das, nachdem er eine Vampirarmee aufgestellt hatte, die die Unsterblichen Wächter zur Strecke bringen sollte.

Bastien hatte wirklich eine schwierige Vergangenheit, und sie hegte den Verdacht, dass sie gerade mal die Hälfte von ihr kannte.

»Ist das nicht eigentlich Dr. Whetsmans Aufgabe?«, wollte Chris wissen.

Ja, allerdings … »Dr. Whetsman vermeidet den persönlichen Kontakt mit Vampiren.«

Richart runzelte die Stirn. »Bastien ist kein Vampir.«

»Das spielt keine Rolle. Dr. Whetsman macht da keinen Unterschied, weil Bastien so lange unter Vampiren gelebt und ihren Feldzug gegen die Unsterblichen Wächter angeführt hat.«

»Wie lange geht das schon so?«, fragte Chris. Auch wenn er Bastien nicht mochte, war er nicht damit einverstanden, dass einer seiner Angestellten seinen Pflichten nicht nachkam.

»Seit der Sache mit Vince.«

Vincent war einer von Bastiens Gefolgsleuten gewesen, als dieser vor ein paar Jahren eine Vampirarmee um sich geschart hatte. Obwohl er, Cliff und Joe (zwei weitere Vampire) in der Hoffnung kapituliert hatten, dass das Netzwerk ihnen helfen konnte, hatten Melanie und ihre Kollegen keine Möglichkeit gefunden zu verhindern, dass das Virus ihre Gehirne zerstörte. Mit der Zeit war es Vincent immer schlechter gegangen, und während eines seiner jähzornigen Ausbrüche hatte er Dr. Whetsman und ein paar andere verletzt, bevor Chris’ Männer ihn stoppen konnten.

»Er meidet jeden Kontakt zu ihnen?«, hakte Chris nach.

»Ja, nur Linda und ich haben persönlich mit ihnen zu tun.«

Als Chris den Mund öffnete, um etwas zu erwidern, hob Melanie die Hand. »Wir haben einen besseren Draht zu ihnen.«

»Weil sie Frauen sind«, warf Richart scharfsinnigerweise ein.

Sie nickte. »Bei uns sind sie vorsichtiger, fast beschützend. Auf Männer reagieren die Vampire gereizter.«

»Ich reagiere ebenfalls gereizt auf Dr. Whetsman, und ich bin ein Mensch«, brummte Chris. »Wenn er nicht so verdammt brillant wäre, hätte ich ihn längst rausgeschmissen. Warten Sie noch einen Augenblick«, fügte er hinzu, als Melanie ihren Rollwagen mit Instrumenten neben das Bett schob und Vorbereitungen traf, um die Kugeln zu entfernen. »Geben Sie mir eine Minute Zeit, Roland anzurufen. Ich möchte nicht, dass Seth mir hinterher die Hölle heiß macht, weil ich es nicht versucht habe.«

Melanie sah Richart an, der mit den Achseln zuckte. Seine Miene zeigte, dass er das für ein aussichtsloses Unterfangen hielt.

Während Chris Rolands Nummer wählte, ersetzte Melanie den leeren Blutbeutel durch einen neuen.

»Roland. Hier ist Chris Reordon. Wir haben hier einen Verletzten, der deine Heilerfähigkeiten gebrauchen könnte … ein Unsterblicher … ich weiß, dass das Blut seine Verletzungen heilen wird, aber er ist außerdem mit dieser Droge betäubt worden, und das wird den Heilungsprozess deutlich verlangsamen. Das Virus ist zu sehr mit der Wirkung der Droge beschäftigt, sodass er nicht …« Er warf Richart einen Blick zu. »Bastien.« Das Gesicht zu einer schmerzverzerrten Grimasse verziehend, hielt er das Handy von seinem Ohr weg.

Melanie schnappte nur hier und da eine von Rolands Antworten auf, und was sie hörte, klang nach unflätigen Beschimpfungen.

Richart schürzte die Lippen und zog die Augenbrauen hoch. Sein übernatürlich scharfes Gehör ließ ihn zweifellos jedes Wort hören, das der zurückgezogen lebende, asoziale Unsterbliche knurrte.

Chris beendete das Telefonat.

Melanie hob eine Augenbraue. »Ich vermute, das war ein Nein.«

»Da vermuten Sie richtig«, erwiderte Chris und deutete auf den bewusstlosen Unsterblichen. »Hauen Sie rein.«

Angesichts seiner Wortwahl schnitt Melanie eine Grimasse, griff dann aber nach einer Pinzette.

Plötzlich erfüllte eine schrille Version von Skillets »Monster« das Zimmer.

Richart griff in seine Hosentasche und zog sein Handy heraus. Nach einem kurzen Blick auf das Display nahm er den Anruf entgegen. »Oui?«

Melanie verstand nichts von dem, was danach gesprochen wurde. Ihre Französischkenntnisse beschränkten sich auf wenige Wörter: Ja, nein und Käse, und sie war nicht mal sicher, warum sie Letzteres überhaupt kannte.

Nachdem Richart das Telefonat beendet hatte, schob er das Handy zurück in seine Hosentasche. »Bevor ich Bastien hergebracht habe, habe ich Lisette zum Tatort teleportiert, um neugierige Sterbliche abzuschrecken. Sie sagt, dass das Aufräumkommando gerade angekommen ist.«

»Sehr gut.«

»Ich habe sie gebeten, dortzubleiben, bis sie fertig sind. Außerdem soll sie mir Bescheid sagen, falls Soldaten aufkreuzen, um zu sehen, was aus ihren Kameraden geworden ist.«

Während die Männer darüber diskutierten, wie wahrscheinlich es war, dass sich weitere Soldaten auf dem Campusgelände blicken ließen, suchte Melanie sorgfältig nach Kugeln und entfernte die erste aus Bastiens Brust.

2

»Hör endlich auf, dir Vorwürfe zu machen«, sagte eine männliche Stimme.

Sie kam Bastien bekannt vor, aber er konnte sie nicht wirklich einordnen, weil sie so leise sprach.

»Ich kann nicht anders«, antwortete eine Frau. »Ich enttäusche … wirklich jeden.«

Diese Stimme hätte er immer und überall erkannt. Dr. Melanie Liptons warme Stimme hüllte ihn ein wie eine tröstliche Decke und bewirkte gleichzeitig, dass sein hämmernder Kopfschmerz nachließ. Außerdem motivierte sie ihn dazu, die Augen zu öffnen.

Helles Licht blendete ihn so heftig, dass er sie schnell wieder schloss.

Was zur Hölle?

»Du hast niemanden enttäuscht«, beharrte die männliche Stimme. »Weißt du denn nicht, wie sehr du mir und Joe geholfen hast?«

Die Antwort war ein traurig klingendes Lachen. »Na klar, ich war euch beiden eine große Hilfe.«

Die Niedergeschlagenheit, die in ihrer Stimme mitschwang, gefiel Bastien gar nicht. Melanie war die stärkste und mutigste Frau des ganzen Netzwerks. Die einzige Sterbliche, die den Mumm hatte, täglich mit Vampiren zusammenzuarbeiten.

»Doch, das bist du«, beharrte die männliche Stimme. Cliff. Einer der jungen Vampire, die sich Bastien angeschlossen hatten, als er einen Feldzug gegen Roland und die anderen Unsterblichen Wächter geführt hatte. »Seit du mir diese Droge injizierst, hatte ich keinen einzigen Anfall mehr.«

»Aber du hast gesagt, dass dir davon schummrig wird.«

»Hey, schummrig ist besser als blutdürstig. Ich tue niemandem weh. Darauf hatte ich gehofft, als ich hierherkam.«

»Ich habe diesen Wirkstoff nicht einmal selbst entwickelt«, wandte Melanie verzweifelt ein. »Ich habe nur die Substanz verdünnt, die unsere Feinde hergestellt haben.«

»Trotzdem bist du die Einzige hier, die auf diese Idee gekommen ist.«

»Ich bin mir sicher, dass sonst jemand anders darauf gekommen wäre.«

Cliff schnaubte. »Ich nicht.«

»Joe gefällt es nicht, damit behandelt zu werden. Bevor wir Bastien hergebracht haben, habe ich ihm genug davon injiziert, damit er schläft.«

»Hab davon gehört.«

»Bei ihm wirkt sich das Virus schlimmer aus. Er ist acht Monate nach dir verwandelt worden und verhält sich trotzdem viel feindseliger als du.«

Cliff fluchte.

»Es tut mir leid«, sagte sie. »Ich hätte es gar nicht erwähnen sollen.«

»Nein, es ist nur … zu wissen, dass ich besser dran bin und den Verstand nicht ganz so schnell verliere wie er – oder wie Vince damals … Das ist eine Erleichterung, verstehst du? Und gleichzeitig fühle ich mich schrecklich schuldig, wenn ich das sage.«

»Das solltest du aber nicht. Es ist nachvollziehbar, dass du so empfindest, und Joe würde dir deswegen keine Vorwürfe machen. Ich bin mir sicher, dass es ihm genauso gehen würde.«

Bedrückte Stille breitete sich im Zimmer aus.

Melanie seufzte. »Wie geht es den …«

»Pst.«

»Was ist?«

»Psst.«

Bastien spitzte die Ohren, damit er hörte, was Cliffs Aufmerksamkeit erregte, aber sein Gehör funktionierte noch nicht wieder richtig.

»Reordon verlässt das Hauptquartier. Er fährt los, um eine Versammlung einzuberufen.«

»Wann soll sie stattfinden?«

»In einer Stunde. Das wird Bastien gar nicht gefallen.«

»Na ja, daran kann ich leider nichts ändern. Ich habe versucht, Reordon davon zu überzeugen, dass er sie verschiebt, aber …«

»Du könntest versuchen, ihm mit dem Gegenmittel zu helfen.«

»Nein, das kann ich nicht. Nicht ohne zu wissen, welche Nebenwirkungen es hat. Vielleicht handelt es sich nicht einmal um ein Gegenmittel.«

»Du wirst die Nebenwirkungen so lange nicht kennen, wie du dich weigerst, das Mittel an jemandem auszuprobieren. Teste es an mir.«

»Ganz sicher nicht. Es könnte dich töten, Cliff. Oder einen psychotischen Anfall auslösen. Ein einziger Betäubungspfeil ist für dich – und jeden anderen Vampir – tödlich. Allerdings braucht es mehrere, um bei einem Unsterblichen Bewusstlosigkeit hervorzurufen. Als ich endlich ein passendes Aufputschmittel gefunden habe, musste ich die Wirkung vervielfachen. Ein Mensch würde sofort sterben, wenn ich ihm das Mittel injiziere. Einen Unsterblichen könnte es ebenfalls töten. Ich weiß nicht, wie es sich auf einen Vampir und seinen fragilen Geisteszustand auswirkt.«

Bastien versuchte wieder, die Augen zu öffnen. Stechender Schmerz schoss durch seinen Schädel, und er stöhnte laut auf.

»Bastien?«, fragte Melanie besorgt.

Eine Kette rasselte.

»Zu hell«, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Er hörte kleine Füße in Turnschuhen durch das Zimmer gehen. Das Licht wurde gedimmt.

Seufzend öffnete er vorsichtig die Augen.

Melanie trat neben sein Bett oder die Pritsche oder was auch immer das war, auf dem er lag. Zumindest war es höllisch unbequem. Unter dem weißen Laborkittel trug sie ein hellblaues University-of-North-Carolina-Tar-Heels-T-Shirt, das sich an ihre üppigen Brüste schmiegte, und eine enge Jeans, die ihre weibliche Hüfte und ihre wohlgeformten Oberschenkel betonte. Ihr kastanienbraunes Haar war zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie sah aus wie eine Collegestudentin.

»Wie fühlen Sie sich?«, fragte sie.

»Als hätte jemand einen Amboss auf meinen Kopf fallen lassen.«

Die hübschen Augenbrauen zu einem Strich zusammengezogen, legte sie einen Finger auf sein Handgelenk, um seinen Pulsschlag zu prüfen, und warf einen Blick auf die Uhr an der Wand.

Ihre Gefühle strömten auf ihn ein, was er der besonderen Gabe zu verdanken hatte, mit der ihn die Natur beschenkt hatte. Er spürte ihre Besorgnis, die er nicht verdiente. Dennoch genoss er das Gefühl wie ein Stück Sachertorte nach langer Fastenzeit.

Ihre Besorgnis wurde von Erleichterung abgelöst. »Sie haben einen kräftigen Puls.«

Er war nicht nur kräftig, sondern auch schneller als normal, was er ihrer Nähe und der sanften Berührung zu verdanken hatte.

Ihre Blicke trafen sich. Irgendeine Empfindung durchzuckte sie. Er spürte etwas, war sich aber nicht sicher …

War es freudige Erregung oder Nervosität?

Es musste Letzteres sein. Nicht, dass man ihr einen Vorwurf machen konnte. Bei ihrer ersten Begegnung hatte er vor ihren Augen einen Mann enthauptet. Seither hatten sie sich einige Male gesehen und miteinander gesprochen, aber wie hätte sie diesen ersten Eindruck vergessen sollen?

Nachdem sie sein Handgelenk losgelassen hatte, drehte sie sich um und ging weg. »Ich hole Ihnen noch etwas Blut und ein kühlendes Gelkissen für den Kopf.«

Ehe er ihr sagen konnte, dass sie sich keine Umstände machen solle, war sie schon zur Tür hinaus.

»Mann«, sagte Cliff, sobald sich die schwere Tür hinter ihr geschlossen hatte. »Du hast uns einen ganz schönen Schreck eingejagt.«

Bastien löste den Blick von der Tür und sah sich suchend nach dem Vampir um.

Cliff stand nur wenige Meter entfernt, sein Fuß steckte in einem Metallring. Der Ring war an einer Titankette befestigt, die so dick war wie Bastiens Unterarm und den jungen Vampir davon abhielt, sich mehr als ein paar Meter von der Wand hinter ihm zu entfernen.

»Was zur Hölle?« Als Bastien sich aufsetzte, kam es ihm vor, als würden unsichtbare Vorschlaghämmer auf sein Gehirn eindreschen. Er presste den Handrücken gegen die Stirn und hielt den Atem an, als der Schmerz endlich nachließ.

Der schlanke junge Mann schüttelte den Kopf und streckte die Hand aus, um einen seiner kurzen Rastazöpfe zwischen den Fingern zu zwirbeln. »Ist das nicht das, was du …«

Die Tür öffnete sich, und Dr. Lipton trat wieder ein. Ehe sie die Tür hinter sich schloss, konnte Bastien draußen mehrere schwer bewaffnete Wachmänner ausmachen.

»Wer hatte denn diese großartige Idee?«, wollte er wissen und deutete auf seinen angeketteten Freund. »Warum hält man uns in der Arrestzelle fest?«

Melanie hielt inne. »Ehrlich gesagt war das meine Idee.«

Verwirrt runzelte Bastien die Stirn. »Oh.« Das verschlug ihm doch tatsächlich die Sprache.

Zum Glück kam Cliff ihm zu Hilfe. »Dieser Blödmann Reordon hat den Wachen befohlen, dich hier einzuschließen, aber Dr. Lipton hat ihm widersprochen und sie dazu gebracht, dich stattdessen auf die Krankenstation zu schaffen.«

Das musste ein schweres Stück Arbeit gewesen sein.

Melanie zuckte entschuldigend mit den Achseln. Mit einem Blutbeutel in der einen und einem eisigen Gelkissen in der anderen Hand näherte sie sich seiner Pritsche. (Kein Wunder, dass sie so verdammt unbequem war.)

»Als ich gehört habe, was passiert ist«, sprach Cliff weiter, »wollte ich wissen, wie es dir geht, aber Reordon hat sich geweigert und dann – na ja, das ist eine lange Geschichte. Jedenfalls hat dann Dr. Lipton so lange mit ihm diskutiert, bis sie einen Kompromiss gefunden haben, und so wurden wir beide hierher gebracht.«

»Mehr konnte ich nicht tun«, gestand sie.

Bastien nahm den Blutbeutel entgegen und winkte ab, als sie ihm auch die Kühlkompresse geben wollte. »Vielen Dank. Ich bin erstaunt, dass Reordon mich nicht ebenfalls angekettet hat.«

»Das wollte er. Aber ich musste die Kugeln entfernen und Ihre Wunden säubern. Sie heilten wegen der Droge nicht richtig. Außerdem wollte Richart nichts davon hören.«

Bastien hielt inne. »Richart hat sich für mich eingesetzt?« Er war davon ausgegangen, dass der Franzose ihn genauso so sehr verabscheute wie die übrigen Unsterblichen, und Richarts bisheriges Verhalten hatte nicht darauf schließen lassen, dass es anders sein könnte.

Sie nickte. »Tatsächlich hat er sich ziemlich für Sie ins Zeug gelegt. Mr Reordon wollte sich von dem Vorwurf, dass Sie möglicherweise mehrere Menschen getötet haben, nicht abbringen lassen. Er hat erst eingelenkt, als Richart ihn dazu ›überredet‹ hat.«

Bastien knurrte. »Ich habe sie nicht möglicherweise getötet. Ich habe sie getötet. Zumindest nehme ich das an. Ist die Droge nicht stark genug, um einen Menschen zu töten?«

»Doch, das ist sie«, bestätigte sie.

Eine blecherne Version von Nine Inch Nails »The Perfect Drug« erfüllte den Raum.

Erst als Bastien die Hand ausstreckte, um sein Handy aus der Tasche zu ziehen, wurde ihm klar, dass er nicht seine eigenen Klamotten trug.

Melanie tastete in der Tasche ihres Laborkittels herum und zog dann sein Handy heraus. »Ihre Kleider waren ruiniert. Die, die Sie anhaben, sind von Richart.«

Okay, das war ja regelrecht bizarr. Warum zeigte Richart auf einmal so viel Entgegenkommen?

Abgesehen von Ami und Melanie konnte sich Bastien an niemanden erinnern, der ihm je einen Gefallen getan hatte, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Was spielte Richart für ein Spiel? Was wollte er?

Bastiens und Melanies Hände berührten sich, als er das Handy entgegennahm. Sein Herzschlag setzte für einen Moment aus. »Ja?«, fragte er.

»Hier ist Tanner.«

Seit die Unsterblichen Wächter seinen Feldzug gegen sie beendet hatten, hatte Bastien Tanner nicht mehr zu Gesicht bekommen. Tanner war einer der Menschen, die ihm damals geholfen hatten – oder vielmehr der Mensch. Tanner war Bastiens Mann für knifflige Situationen gewesen und seine Mitarbeit von unschätzbarem Wert. Im Grunde war er das Gegenstück zum Sekundanten eines Unsterblichen.

Und außerdem war er sein Freund gewesen.

Es war lange her, dass Bastien einen echten Freund gehabt hatte, und genau deshalb hatte er Abstand zu ihm gehalten, seit die Unsterblichen Wächter sie beide in Gewahrsam genommen hatten. Tanner wurde dazu ausgebildet, Sekundant oder Assistent für einen der Unsterblichen Wächter zu werden. Wenn er sich auch nur ansatzweise anmerken ließ, dass er Bastien freundlich gesonnen war, würden die übrigen Sekundanten und Netzwerkmitarbeiter nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen. Das verdiente er nicht. Nicht nach allem, was er durchgemacht hatte.

»Bist du noch da?«, erklang Tanners Stimme am anderen Ende der Leitung.

»Ja. Es ist nur … ich bin überrascht, von dir zu hören.«

»Tja, das liegt wahrscheinlich daran, dass du deine Nummer gewechselt und mir die neue nicht gegeben hast, du Blödmann, aber darüber sprechen wir später.«

»Wie bist du an diese Nummer gekommen?«

»Ami. Aber jetzt halt mal die Klappe und hör mir zu. Der Flurfunk der Sekundanten besagt, dass Reordon ein Treffen anberaumt hat, das in weniger als einer Stunde in Davids Haus stattfindet. Und ich weiß verdammt gut, dass er es so hastig einberufen hat, weil er glaubt, dass du nicht daran teilnehmen kannst. Ich glaube, er will ein Urteil gegen dich erwirken, weil du die Menschen getötet hast. Da Seth es bisher abgelehnt hat, dich hinzurichten, will er bestimmt dafür sorgen, dass du dauerhaft aus den Reihen der Unsterblichen Wächter ausgeschlossen wirst.«

Hm. War Reordon so etwas wirklich zuzutrauen? Hatte Bastien nicht vor ein paar Wochen entschieden, dass sich etwas ändern musste? Dass diese ganze Sache mit den Unsterblichen Wächtern für ihn nicht funktionierte? Vielleicht war es an der Zeit, das alles hinter sich zu lassen und …

Na ja, er wusste einfach nicht, was er dann tun sollte. Die ersten Jahrhunderte seiner Existenz als Unsterblicher war er von dem Drang getrieben gewesen, den Tod seiner Schwester zu rächen. Sobald er herausgefunden zu haben glaubte, wer ihren Tod verschuldet hatte, hatte er etwa zwei Jahrhunderte damit verbracht, seine Rache zu planen und eine Vampirarmee aufzustellen.

»Du darfst nicht zulassen, dass er damit durchkommt«, sagte Cliff, dessen übermenschlich scharfes Gehör ihm erlaubt hatte, dem Telefonat zu folgen.

»Was darf ich nicht zulassen?«, fragte Bastien.

»Dass Reordon dich aus den Reihen der Unsterblichen Wächter ausschließt. Du bist der Einzige von denen, der sich etwas aus uns Vampiren macht. Wenn du dich nicht für uns einsetzt … welche Hoffnung bleibt uns dann noch?«

Verdammt!

Bastiens und Melanies Augen trafen sich, in ihrem Blick lag eine unausgesprochene Bitte.

»Lassen Sie nicht zu, dass Sie wegen Reordons Vorurteilen von Ihrem rechtmäßigem Platz unter den Unsterblichen Wächtern ausgeschlossen werden«, flehte sie. »Die Unsterblichen brauchen Sie dringender, als Ihnen bewusst ist. Cliff und Joe brauchen Sie.«

Noch einmal: Verdammt!

Bastien seufzte. »Also gut«, sagte er zu Tanner. »Danke, dass du mir Bescheid gesagt hast. Ich mache mich sofort auf den Weg.«

»Gut.«

»Ich werde etwas länger brauchen, weil ich zu Fuß unterwegs bin, aber …«

»Ich werde Sie hinfahren«, unterbrach ihn Melanie.

»Nein«, widersprach Bastien sofort. »Nein, danke«, milderte er seine Worte ab. Sie hatte sich bereits für ihn stark gemacht, indem sie Reordon daran gehindert hatte, ihn in Ketten zu legen. Er wollte auf keinen Fall, dass man glaubte, dass sie Sympathie für ihn hegte. Es würde nur dazu führen, dass sie seinetwegen leiden musste.

»Oh ja«, bekräftigte sie ihr Angebot und streckte stur das Kinn vor. »Ich bin Ihre Ärztin. Sie haben gerade erst das Bewusstsein wiedererlangt und müssen in den nächsten Stunden überwacht werden, während die Droge noch in Ihrem Blutkreislauf zirkuliert. Ohne mich gehen Sie nirgendwohin.«

»Es dürfte ohnehin schwierig für ihn werden, das Gebäude zu verlassen«, wandte Cliff ein. »Wie soll er hier herauskommen? Ich bezweifle, dass Reordon seinen Männern erlaubt hat, ihn gehen zu lassen.«

Melanie runzelte die Stirn.

»Macht euch deswegen keine Gedanken«, sagte Tanner. »Ich kümmere mich darum.«

Bevor Bastien ihn fragen konnte, wie er das meinte, hatte er bereits aufgelegt.

Als Bastien das Handy sinken ließ, biss sich Melanie auf die Unterlippe. »Falls Sie mit dem Gedanken spielen, sich den Weg nach draußen gewaltsam freizukämpfen, sollten Sie sich das besser noch mal durch den Kopf gehen lassen.«

Als er sich in der Nacht ihrer ersten Begegnung den Weg in das Netzwerkhauptquartier hineingekämpft hatte, hatte man ihn am Ende in so viele Ketten gewickelt, dass er ausgesehen hatte wie eine Mumie. Das wollte sie nicht noch einmal erleben.

Bastiens Augenbrauen zogen sich zu einem dunklen Strich zusammen. »Tanner meinte, dass das nicht nötig wäre, allerdings weiß ich nicht …«

Ein dumpfes Geräusch ertönte, da die Tür entriegelt und danach von Todd geöffnet wurde.

Der Soldat schaute unglücklich drein. »Ich habe gerade einen Anruf von David bekommen.«

Der ältere Unsterbliche war sehr warmherzig und freundlich und behandelte alle Unsterblichen und Netzwerkangehörigen wie Familienmitglieder. Dennoch genoss er sehr viel Respekt, da er beinahe ebenso mächtig war wie Seth.

Todd sah zu Bastien. »Es steht Ihnen jederzeit frei, das Hauptquartier zu verlassen, wenn Sie das möchten.«

Bastien warf Melanie einen Blick zu und beäugte dann misstrauisch Todd, als versuche er herauszufinden, ob es sich um einen Trick handelte. »Ach, tatsächlich?«

Der Soldat nickte und zog die Tür weit auf. »Mr Reordon wird darüber zwar nicht glücklich sein, aber …«

Niemand widerspricht David, schwang unausgesprochen in seinen Worten mit.

Achselzuckend sagte Bastien: »Dann muss es wohl so sein.«

Melanie ging zur Tür. »Ich hole nur schnell meinen Autoschlüssel, dann können wir los.«

Als sie in seine Richtung ging, musterte Todd sie böse. »Sie werden ihn doch nicht etwa begleiten, oder?«

»Das muss sie«, platzte Cliff heraus, ehe Melanie oder Bastien etwas sagen konnten. »Bastien ist immer noch geschwächt von der Droge.«

Wollte er Todd oder Bastien überzeugen, der immer noch aussah, als würde er ihr Angebot ablehnen wollen? Melanie wusste, dass sich Cliff um seinen früheren Anführer sorgte.

»Ich beauftrage einen meiner Männer damit, ihn überall hinzufahren, wohin er möchte«, sagte Todd. Als Melanie an ihm vorbeiging, fügte er mit leiser Stimme hinzu: »Sie sollten nicht mit ihm allein sein, Dr. Lipton. Es ist nicht sicher.«

Melanie drehte sich gerade rechtzeitig um, um zu sehen, wie Bastiens Augen vor Wut gelbbraun aufleuchteten. Als er den Mund aufmachte, um etwas zu entgegnen, beeilte sie sich, ihm zuvorzukommen. »Er muss überwacht werden. Wir wissen immer noch nicht viel über diesen Wirkstoff und darüber, wie er sich auf die Unsterblichen auswirkt. Ich muss weiter beobachten, wie viel Zeit er braucht, um sich davon zu erholen, und außerdem muss ich ihn wegen der Nebenwirkungen im Auge behalten.«

Ungeachtet der Tatsache, dass sowohl Bastien als auch Todd die Stirn runzelten, konnte keiner von beiden einen Fehler in ihrer Argumentation entdecken. Sie sah es mit Befriedigung.

Cliff bedachte sie mit einem breiten Grinsen.

Was tust du da eigentlich, Lanie?, fragte sie sich, während sie über den Flur zu ihrem Büro marschierte.

Was ich tun muss.

Nein, das ist nicht wahr. David hat Heilkräfte. Er kann dir alles über Bastiens Genesung erzählen, was du wissen musst, und Roland ebenfalls, auch wenn es ziemlich unmöglich sein dürfte, ihn zur Kooperation zu bewegen.

Hier ging es ohnehin nicht wirklich um Bastiens gesundheitliche Wiederherstellung, auch wenn sie ihn wirklich gern noch im Auge behalten wollte, um zu sehen, wie schnell er sich erholte. Jedes Detail, das sie über die Droge herausfand, ohne sie dafür einer Testperson verabreichen zu müssen – genau genommen einem Vampir –, würde ihr helfen, ein Gegenmittel zu finden. Aber tatsächlich lag die Stimme in ihrem Kopf richtig – David oder Roland hätten die Aufgabe, Bastien zu beobachten, problemlos übernehmen können.

Nachdem sie den Laborkittel ausgezogen hatte, schlüpfte sie in ein Shirt mit Rollkragen und ergänzte ihr Outfit noch um einen Pullover.

Nein, hier ging es nicht um Bastiens Genesung. Es war …

Verdammt noch mal, sie mochte ihn einfach. Sie hatte ihn schon gemocht, bevor sie ihn persönlich kennengelernt hatte, nur aufgrund dessen, was die Vampire ihr über ihn erzählt hatten. Und obwohl er sich in der Rolle des schwarzen Schafs gefiel und von seinen unsterblichen Brüdern wegen vergangener Missetaten gehasst wurde, wirkte er auf sie wie ein ehrenhafter Mensch. Ein Mensch, der fähig war zur Anteilnahme. Keinesfalls war er das Monster, für das ihn Chris Reordon und ein paar der anderen hielten. Er wollte einfach nur helfen. Den Vampiren helfen und das Leiden der Männer beenden, die er zwei Jahrhunderte lang als seine Brüder betrachtet hatte.

Was war daran falsch?

Als sie ihre Handtasche gefunden hatte, zog sie den Autoschlüssel aus einer der Außentaschen.

Jemand musste sich für ihn einsetzen. Ihn verteidigen. Und auch wenn es lächerlich klang, dass ein Mann mit seiner Stärke und seinen Fähigkeiten ihre Hilfe brauchen könnte – sie hatte vor, dieser Jemand zu sein. Sie verstand ihn besser als jeder andere.

Abgesehen von Ami vielleicht. Und auch Bastien schien etwas für Ami übrigzuhaben.

Stirnrunzelnd fragte sich Melanie, wie tief seine Gefühle für Ami wohl gehen mochten.

Sie durchquerte den Flur und ging zurück zur Verwahrungszelle.

Als er Melanie sah, verschränkte Todd die Arme vor der Brust. »Vielleicht wäre es besser, wenn Dr. Whetsman ihn begleitet.«

Sie zog die Augenbrauen hoch. »Dr. Whetsman? Ist das Ihr Ernst?«

Todd trat beiseite und schnitt eine Grimasse. »Ja, Sie haben recht.«

Als Melanie das Zimmer betrat, stand Bastien neben der Pritsche. Da er leicht schwankte, griff Cliff nach seiner Schulter, um ihn zu stützen.

»Sind Sie fertig?«, fragte sie.

Bastien nickte und griff nach Cliffs Arm, um das Gleichgewicht wiederzufinden.

Todd ging zum Schreibtisch, schnappte sich einen Stift und einen Block mit Post-its und kritzelte etwas darauf. Er nahm den obersten Zettel, drehte sich um und reichte ihn Melanie.

Darauf standen drei Telefonnummern.

»Die erste Nummer ist die von Seth. Die zweite ist die von Richart, und die dritte gehört mir. Falls irgendetwas passieren sollte«, – sein Blick glitt zu Bastien und wieder zurück zu ihr –, »dann rufen Sie die Nummern in dieser Reihenfolge an. Seth kann sich sofort zu Ihnen teleportieren. Falls Sie ihn nicht erreichen, kann sich Richart wahrscheinlich ungefähr dorthin beamen, wo Sie gerade sind. Sollten Sie ihn ebenfalls nicht erreichen, rufen Sie mich an, ich folge dann Ihrem GPS-Signal und bringe einen Einsatztrupp mit.«

Bastien hob eine Augenbraue. »Ein Einsatztrupp hat mich in der vergangenen Nacht auch nicht aufhalten können.«

Melanie seufzte. Warum ließ Bastien keine Gelegenheit aus, jedem zu widersprechen?

Todd lachte schnaubend. »Irre ich mich, oder mussten Sie letzte Nacht hierhergetragen werden?«

Melanie hoffte, dass diese Bemerkung der Diskussion ein Ende machen würde, doch weit gefehlt. Wie zu erwarten war, schlug Bastien einen höhnischen Tonfall an. »Nicht bevor ich jeden Mann erledigt hatte, der auf mich geschossen hat.«

Todds Kiefermuskeln zuckten.

»Es reicht!«, rief Melanie und warf die Hände in die Luft. »Wenn Sie beide das später unter sich ausmachen möchten, bitte sehr. Aber jetzt haben wir für so etwas keine Zeit. Bastien muss dringend zu einem Treffen.« Sie warf dem Unsterblichen einen strengen Blick zu. »Hab ich nicht recht?«

Er wirkte etwas weniger angespannt, und seine Mundwinkel zuckten. »Das haben Sie wohl.« Er sah zu Cliff und dann auf den Metallring um dessen Fußgelenk. »Was ist mit Cliff?«

»Todd, würden Sie Cliff bitte von der Fußschelle befreien und ihn in sein Apartment begleiten?«

Der Soldat nickte, auch er schien sich beruhigt zu haben. »Ja, Ma’am.«

»Vielen Dank.« Melanie sah zu Bastien. »Gehen wir?«

Ihr fiel auf, dass er dieses Mal nicht nickte, und sie fragte sich, wie schlimm seine Kopfschmerzen und seine Benommenheit wohl noch waren.

Bastien ging zu Cliff und umarmte ihn. »Danke, dass du auf mich aufgepasst hast.«

»Jederzeit wieder, Alter. Du hast jahrelang dasselbe für mich getan.«

Als Bastien zur Tür schlenderte, stieß er Todd im Vorbeigehen die Schulter in die Seite.

Kopfschüttelnd folgte Melanie ihm aus dem Zimmer. Allmählich hatte sie den Verdacht, dass Bastien auch dann Schwierigkeiten gehabt hätte, sich in die Reihen der Unsterblichen einzufügen, wenn er keinen seiner eigenen Leute getötet und Dutzende von sterblichen Netzwerkmitarbeitern verletzt hätte.

Dass sie von den Wachen im Gang aufmerksam und prüfend gemustert wurden, ging ihr auf die Nerven.

Bastien hingegen schien es völlig egal zu sein. Er ließ sich auch nichts von der körperlichen Schwäche anmerken, die in der Arrestzelle unübersehbar gewesen war. Zumindest nicht, bis sie im Fahrstuhl standen und nach oben fuhren.

Schwankend streckte er eine Hand aus und stützte sich an der Wand ab.

Melanie griff nach seinem anderen Arm, um ihn zu stützen.

Einen Moment lang schloss er die Augen, dann machte er sie wieder auf und sah auf sie hinunter. »Sie sind sauer auf mich.«

Achselzuckend blickte sie zu ihm auf. »Sie machen es den Leuten nicht gerade einfach, Sie zu mögen.«

»Mir ist es egal, ob sie mich mögen.«

»Ach wirklich?«

»Ja.«

»Warum?«

»Warum sollte es mir etwas ausmachen? Sie haben sich schon ein Urteil über mich gebildet und mich verdammt, ehe sie mich überhaupt kennengelernt hatten.«

»Na ja, Sie müssen zugeben, dass es in Ihrer Vergangenheit ein paar … dunkle Flecken gibt.«

Sein Lachen klang freudlos. »Und bei meiner Gegenwart ist das anders?«

Melanie wusste nicht, was sie darauf antworten sollte.

Als der Fahrstuhl mit einem Ping signalisierte, dass sie die fünf Untergeschosse hinter sich gelassen hatten, richtete sich Bastien auf. Als er ihre Hand von seinem Arm wegschob und sie kurz drückte, schlug Melanies Herz schneller.

Die Tür öffnete sich.

Melanie schluckte.

John Wendleck, der Sicherheitschef des Netzwerks, erwartete sie mit zwei Dutzend Männern in der Lobby. »Dr. Lipton«, begrüßte er sie mit einem Kopfnicken.

»Hi John.« Sie kannte ihn schon seit der Zeit, als sie frisch von der medizinischen Fakultät zum Netzwerk gekommen war, und hatte ihm mehrere Male angeboten, sie Melanie oder sogar Lanie zu nennen. Aber er bestand darauf, sie mit ihrem Titel anzusprechen, und hatte ihr fröhlich gesagt, dass sie das verdient hätte.

Na ja, in diesem Moment sah er nicht besonders fröhlich aus. Stattdessen gab er sich ganz geschäftsmäßig.

Melanie trat aus dem Fahrstuhl, Bastien ging an ihrer Seite.

Bevor er sich gewaltsam einen Weg durch die Männer vom Wachschutz bahnte oder sonst etwas anstellte, das sie provozierte, fragte sie: »Todd hat Ihnen nicht zufällig Bescheid gesagt?«

»Doch, das hat er. Diese Männer«, Todd deutete auf die Soldaten, die einsatzbereit hinter ihm warteten, die Finger am Abzug ihrer Automatikwaffen –, »werden Sie begleiten, egal, wo Sie mit Mr Newcombe hinwollen.«

Das war keine gute Idee. Bastien würde garantiert etwas sagen oder tun, das sie provozieren würde, und sie konnte darauf verzichten, noch mehr Kugeln aus seinem Körper zu fischen.

»Ich bin mir ziemlich sicher, dass mein Chevy Volt zu klein ist für so viele Beifahrer«, bemerkte sie.

Bastien neben ihr lachte. Sie hatte ihn noch nie zuvor lachen gehört, und das volltönende Rumpeln in seinem Brustkorb wärmte ihr Innerstes wie eine Tasse heißer Kakao.

Als John antwortete, zuckten seine Mundwinkel belustigt. »Da gebe ich Ihnen recht«, stimmte er zu. »Nur zwei Männer werden mit Ihnen fahren. Die anderen folgen in weiteren Fahrzeugen.«

»Das ist wirklich nicht nötig …«

»Da bin ich anderer Meinung. Sie sind ein wichtiges Mitglied unserer Familie.« Chris tat alles dafür, dass sich die Netzwerkmitarbeiter als Teil einer großen Familie fühlen konnten. »Wir wollen nur sichergehen, dass Ihnen nichts zustößt.« Er warf Bastien einen warnenden Blick zu.

Bastien spannte die Muskeln an. »Ich habe ihr doch auch nichts getan, als ich mir Zugang zum Hauptquartier verschafft habe. Warum sollte ich ihr dann jetzt etwas antun wollen?«

»Sie haben ihr Leben bedroht und sie dazu gezwungen, Sie zu Vincent zu lassen.«

Schuldgefühle stiegen in Melanie hoch und drehten ihr den Magen um. Bastien hatte nichts dergleichen getan, hatte Chris aber diese Lüge aufgetischt, als er ihn verhört hatte. Um sie zu beschützen. Melanie hatte Bastien damals freiwillig geholfen, Vincent zu sehen. Aber Bastien hatte befürchtet, dass sie sowohl ihren Job als auch ihre Glaubwürdigkeit verlieren würde, wenn sie das zugegeben hätte.

»Das sind doch olle Kamellen. Jetzt ist das anders«, presste Bastien zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

»Woher soll ich wissen, auf welcher Grundlage Sie sich mal so und mal so entscheiden?«, erwiderte John glatt. »Wenn Sie ihr ohnehin nichts tun wollen, dann dürfte es Ihnen eigentlich nichts ausmachen, wenn ich Sicherheitsvorkehrungen treffe.«

Melanie hätte schwören können, dass sie Bastien mit den Zähnen knirschen hörte.

»Dann muss es wohl so sein«, sagte er und ging zur Hintertür.

Wenn man die Spannung, die beim Verlassen des Netzwerks in Melanies Chevy herrschte, auf einer Skala von eins bis zehn hätte bewerten sollen, dann betrug sie einundzwanzig. Bastien saß neben Melanie auf dem Beifahrersitz, imposant und Ehrfurcht gebietend, selbst in völliger Ruhe. Die beiden Soldaten saßen auf dem Rücksitz, die Finger am Abzug.

»Ich muss Sie beide darum bitten, Ihre Finger von den Abzugshebeln Ihrer Waffen zu nehmen, meine Herren«, sagte Bastien nach mehreren langen Minuten, wobei sein Blick auf die dämmrige Landschaft gerichtet war, die am Fenster vorbeiglitt. »In North Carolinas Straßen gibt es jede Menge Schlaglöcher, die dazu führen könnten, dass sich versehentlich ein Schuss löst.«

Im Rückspiegel sah Lanie, dass die Männer amüsierte Blicke wechselten.

»Wenn es passiert, dann passiert es eben«, schnarrte einer von ihnen.

Bastien starrte weiter aus dem Fenster. »Wenn Sie aus Versehen auf mich schießen, dann werde ich Ihnen einfach nur die Arme und jeden einzelnen Finger brechen, damit sich ein solcher Vorfall nicht wiederholt«, stellte er sanft fest. »Aber falls Sie versehentlich Dr. Lipton erwischen, reiße ich Ihnen die Kehlen heraus, sodass Sie verbluten – und zwar so schnell, dass die Männer in den Fahrzeugen hinter uns nicht einmal bemerken, dass was nicht stimmt. Ich sage Ihnen das nur, damit Sie noch mal darüber nachdenken können.«

Wieder wechselten die beiden Männer einen Blick, doch dieses Mal war er weder amüsiert noch selbstsicher. Bewegung kam in die beiden Männer, und Melanie vermutete, dass sie tatsächlich die Finger vom Abzug nahmen.

»Eine weise Entscheidung«, kommentierte Bastien.

Da es an diesem Abend ungewöhnlich viel Verkehr auf den Straßen gab, erreichten sie Davids weitläufiges, einstöckiges Anwesen erst ziemlich spät.

Bastien riss die Autotür auf und war schon ausgestiegen, ehe Melanie auch nur den Zündschlüssel herausgezogen hatte. Nachdem sie sich ihre Handtasche geschnappt hatte, streckte sie die Hand nach der Tür aus, nur um festzustellen, dass Bastien sie ihr bereits aufhielt.

Außerdem streckte er ihr die Hand entgegen, um ihr aus dem Wagen zu helfen.

Überrascht nahm sie seine Hilfe an und stieg aus. »Vielen Dank.« Ihr Puls schlug schnell und unregelmäßig, als wäre sie ein junges Mädchen beim ersten Date.

Mit einem Nicken ließ er ihre Hand los und beäugte die beiden Soldaten, die aus dem hinteren Teil des Wagens stiegen. »Ihre Dienste sind nicht mehr vonnöten. Da drinnen ist ein ganzer Haufen Unsterblicher mit ihren Sekundanten. Ich bin mir sicher, dass sie meine gewalttätigen Impulse im Griff haben.«

»Wir haben den Befehl, bei Dr. Lipton zu bleiben, bis sie nicht mehr allein mit Ihnen ist«, entgegnete einer der Soldaten und sah dann Melanie an, die ihn gereizt musterte. »Wir sind hier draußen, falls Sie uns brauchen sollten.«

Da sie daran zweifelte, dass die beiden auf sie hören würden, wenn sie versuchte, sie zurück zum Netzwerk zu schicken, nickte sie nur und ging zur Eingangstür von Davids Haus.

David legte Wert darauf, dass seine Tür immer allen Besuchern offen stand, und das galt für alle seine Häuser. Jeder, der einen Zugangscode hatte – egal, ob es sich um einen Menschen, einen Begabten oder einen Unsterblichen handelte –, war willkommen und dazu aufgefordert, sich ganz wie zu Hause zu fühlen, und das zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Bastien begleitete Melanie zur Eingangstür, wobei seine Hand auf ihrem unteren Rücken lag. Wenn ihn jemand gefragt hätte, hätte er gesagt, dass er sich so verhielt, um die Soldaten zu provozieren, die ihm mit ihren Blicken Löcher in den Rücken bohrten. In Wahrheit sehnte er sich einfach danach, sie zu berühren.

Als er ihre Hand genommen und ihr aus dem Wagen geholfen hatte … da hatten ihre auf ihn einströmenden Gefühle ihm den Atem verschlagen. Freudige Erregung. Gegenseitige Anziehung. Eine Prise Schüchternheit. All die Dinge, die er selbst empfand, wenn er Melanie ansah.

Nur in seinen Gedanken erlaubte er sich, ihren Vornamen auszusprechen, da er hoffte, dass ihr formaler Umgang miteinander ihm helfen würde, Distanz zu wahren.

Bastien hämmerte den Code in die elektronische Tastatur neben der Tür.

Das Hochsicherheitssystem, mit dem Davids Haus versehen war, hatte er nicht aus Sorge um seine eigene Sicherheit installiert. Der zweitälteste der Unsterblichen Wächter war unglaublich mächtig. Selbst den allervorsichtigsten Vampir hörte er lange ehe dieser seine Haustür erreichte, sodass er ihn problemlos hätte ausschalten können. Bei den Sekundanten und menschlichen Angestellten des Netzwerks hingegen war das nicht der Fall. Dasselbe galt für die jüngeren Unsterblichen, zumindest nicht in dem Maß wie bei David. Und David war es ein wichtiges Anliegen, all jene, die er als Familie betrachtete, in Sicherheit zu wissen.

Bastien ließ Melanie den Vortritt, und ihr Duft bezauberte ihn, während sie vor ihm durch die Tür schritt. Sie trug kein Parfum. Zweifellos hatte sie die enge Zusammenarbeit mit den Vampiren gelehrt, dass jeder starke Geruch – egal, wie wohlriechend er sein mochte – sie eher abschreckte.

Die Stimmen, die aus dem Haus drangen, vereinten sich zu einem konstanten Hintergrundgeräusch. Das Treffen konnte noch nicht angefangen haben, denn die Gesprächsfetzen, die Bastien auffing, klangen, als würden die Anwesenden miteinander herumalbern. Das Wohnzimmer direkt vor ihnen war leer, aber im Esszimmer zu ihrer Linken summte es vor Geschäftigkeit.

Ein langer Tisch, an dem vierundzwanzig Personen Platz finden konnten, beherrschte das Zimmer. David saß am Kopf der Tafel, seine dünnen Rastazöpfe, die ihm bis zur Hüfte reichten, hatte er nach hinten gebunden. Neben ihm saß Darnell und sprach leise auf ihn ein. Bastien hörte, dass er David fragte, ob sie nicht noch einmal versuchen wollten, Ami davon zu überzeugen, das Land zu verlassen.

Auch wenn Bastien Darnell nicht mochte und den glatt geschorenen Kopf des Sekundanten gern ein- oder zweimal gegen die Wand geschlagen hätte, zollte er ihm Anerkennung dafür, dass er Ami im Auge behielt und ihre Sicherheit über alles andere stellte.

Ami und Marcus waren gerade dabei, auf Davids anderer Seite Platz zu nehmen. Ami schien nicht mitzubekommen, worüber Darnell sprach, aber Marcus hörte genau zu und zog seine Frau fester an sich, wobei er besitzergreifend den Arm um ihre schmalen Schultern legte.

Neben Darnell saßen Roland und Sarah. Bastien empfand immer noch Ablehnung für den fast eintausend Jahre alten Unsterblichen. Mit alten Gewohnheiten brach es sich nicht leicht, und der Hass, den Bastien für Roland in seinem Herzen genährt hatte, war beinahe zweihundert Jahre alt.

Sarah lächelte Ami an und verwickelte sie in ein Gespräch. Wenn Bastien die frisch verwandelte Unsterbliche nicht schon vorher gemocht hätte, dann hätte er jetzt damit angefangen, weil sie sich mit Ami anfreundete. Ami hatte so viele Schmerzen ertragen müssen, so viel Leid, seit sie auf die Erde gekommen war … Sie verdiente jede freundliche Seele, die sie finden konnte.

Die übrigen Unsterblichen aus der Umgebung hatten die noch freien Plätze eingenommen, zum Beispiel Lisette d’Alençon und ihre Brüder, die Zwillinge Richart und Étienne. Die Geschwister waren so alt wie Bastien, also ungefähr zwei Jahrhunderte. Dann waren da ihre Sekundanten: Tracy, Sheldon und Cameron. Außerdem Yuri und Stanislav. Bastien wusste nur wenig über die beiden Unsterblichen und auch nichts über ihre Sekundanten, die ebenfalls anwesend waren. Außerdem gab es da noch Ethan, einen amerikanischen Unsterblichen, kaum ein Jahrhundert alt, und Edward, der – wie er selbst – Engländer war. Die beiden saßen ebenfalls mit am Tisch.

Chris Reordon war gerade dabei, den Tisch zu umrunden, wobei er wieder einmal seine kostbaren Aktenordner austeilte und mit jedem ein paar freundliche Worte wechselte.

Melanie marschierte zielstrebig auf den Tisch zu. Bastien folgte ihr.

Mit Ausnahme von Ami – der alle Ärzte und Wissenschaftler eine Angst einjagten, die an blankes Entsetzen grenzte –, begrüßten die Anwesenden Melanie mit einem Lächeln. Allerdings verwandelte es sich in finstere Blicke und schmallippige Ablehnung, als ihre Blicke zu Bastien wanderten.

Ihr könnt mich auch mal.

Ihm entging nicht, dass sich die Furchen auf Lisettes und Étiennes Stirn vertieften. Vermutlich spionierten sie wieder in seinen Gedanken herum, und was sie sahen, schien ihnen nicht zu gefallen.

Aber was scherte ihn das? Er brauchte weder ihre Freundschaft noch ihre Akzeptanz. Sollten sie ihm doch alle den Buckel runterrutschen.

»Was zur Hölle hast du hier zu suchen?«, wollte Chris wissen.

»Ich begleite ihn gern nach draußen«, sagte Roland, wobei sich ein bösartiges Lächeln auf seinem Gesicht ausbreitete. Er stand auf.

Schnell legte Sarah ihm die Hand auf den Arm. »Nein, das wirst du nicht. Heute Abend wird es ausnahmsweise mal keinen Streit zwischen euch beiden geben.«

Roland zögerte. Normalerweise brachte Sarah den mürrischen Unsterblichen dazu, alles für sie zu tun, aber seinem Drang, Bastien zu töten, hatte möglicherweise selbst sie wenig entgegenzusetzen. Roland würde niemals vergessen, dass Bastien ihr einst eine Schädelverletzung beigebracht hatte.

Bastien bedachte Sarah mit einem Lächeln. »Hallo Süße. Wie geht’s dem Kopf?«

Melanie warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu.

Verdammt. Offenbar konnte er es einfach nicht lassen.

Gelbbraunes Feuer glomm in Rolands Augen auf. Seine Kiefermuskeln zuckten vor Wut.

Sarahs Fingerknöchel wurden weiß, da sie ihn mit aller Kraft festhalten musste. Mit einem charmanten Lächeln erwiderte sie: »Meinem Kopf geht es gut, danke der Nachfrage. Und was macht dein Hintern?«

Einen Moment lang herrschte verblüffte Stille, dann brachen Lisette und ihre Brüder in Gelächter aus. Die übrigen Unsterblichen stimmten ein, genau wie die Sekundanten.

Als seine Frau ihm kokett zuzwinkerte, entspannte sich Roland und sank zurück auf seinen Stuhl.

Nach Melanies verwirrtem Gesichtsausdruck zu schließen, kannte sie nicht die ganze Geschichte.

Verlegen zuckte er mit den Achseln und erklärte: »Sarah hat mir ein Messer in den Hintern gerammt.«

Sie blinzelte überrascht. »Wirklich?«

Er nickte, und als Sarah in seine Richtung blickte, zog er einen imaginären Hut vor ihr.

Sarah grinste und zuckte mit den Achseln, als wollte sie sagen: Irgendwas musste ich mir ja einfallen lassen.

Als das Gelächter erstarb, sagte Chris: »Ich möchte immer noch wissen, was er hier will.«

»Ich habe Sebastien eingeladen«, erklärte ihm David zu Bastiens Überraschung. »Wir brauchen ihn hier, wenn wir verstehen wollen, was letzte Nacht vorgefallen ist.«

Wie immer konnte Chris die Sache nicht einfach auf sich beruhen lassen. »Und woher wollen wir wissen, ob er uns die Wahrheit sagt?«

David seufzte schwer. »Ich kann seine Gedanken lesen, Chris. Genauso wie Lisette und Étienne. Und Seth, wenn er nachher kommt. Das haben wir doch alles schon mal gehabt.«

Als Chris den Mund aufmachte, um weiterzunörgeln, hob David die Hand. »In Zukunft denk noch einmal darüber nach, bevor du meine Entscheidungen infrage stellst. Allmählich bin ich es leid, mich dauernd rechtfertigen zu müssen. Sowohl dir als auch anderen gegenüber.«

Chris presste die Lippen aufeinander und tilgte jede sichtbare Emotion aus seinem Gesicht. Auch wenn David sanftmütig war, war es extrem unklug, ihn gegen sich aufzubringen.

In diesem Moment erhob sich Richart, rückte den leeren Stuhl neben sich zurecht und bedeutete Dr. Lipton, sich neben ihn zu setzen.

Lächelnd nahm Melanie Platz und formte ein unhörbares Dankeschön mit den Lippen.

Während Bastien auf ihrer anderen Seite Platz nahm, verfluchte er die Eifersucht, die ihn jäh durchzuckte. Schließlich wusste er, dass sich Richart nicht für Melanie interessierte. Er hatte diese mysteriöse sterbliche Geliebte.

Dennoch störten ihn die Blicke, die die anderen Unsterblichen Melanie zuwarfen.

Dazu hatte er kein Recht, rief sich Bastien in Erinnerung. Melanie gehörte ihm nicht und würde es auch nie.

Als sie sich umdrehte, um den Träger ihrer Handtasche über die Rückseite ihres Stuhls zu hängen, berührte ihre Schulter seinen Arm. »Entschuldigung«, murmelte sie.

Bastien nickte, sagt aber nichts. Sie war nervös. Dank seiner Gabe spürt er bei jeder kleinsten Berührung, wie sie sich fühlte. Mit so vielen unglaublich mächtigen Lebewesen an einem Tisch zu sitzen … Na ja, es Angst zu nennen, wäre übertrieben, aber sie fühlte sich auch nicht besonders wohl.

Bastien beugte sich zu ihr hinunter und flüsterte ihr ins Ohr: »Wir unterscheiden uns gar nicht so sehr von Cliff, Joe und Vincent, allerdings sind wir zum Glück nicht so verrückt.«

Sie schürzte die Lippen und warf Roland einen argwöhnischen Blick zu.

Es gelang Bastien nicht, ein Grinsen zu unterdrücken. »Okay, in diesem Fall fällt es mir schwer, Ihnen zu widersprechen.«

Mit einem Zwinkern erwiderte sie sein Lächeln, und er konnte sehen, dass etwas von der Anspannung aus ihren Schultern floss.

Vermutlich war es wirklich ein klein wenig einschüchternd, von Männern und Frauen mit so ungewöhnlichen Fähigkeiten umgeben zu sein. Am Tisch saßen Unsterbliche, die Gedanken lesen konnten, Teleportation oder Telekinese beherrschten. Andere konnten mit bloßen Händen heilen oder verfügten über weitere ausgefallene Talente. Für ihn war das so normal, dass er nicht auf die Idee gekommen war, dass andere sich erst einmal daran gewöhnen mussten.

Eine gedämpfte Version von »Mackie Messer« war im Zimmer zu hören. Am entgegengesetzten Ende des Tischs zog Sarah ihr Handy aus der Tasche. »Hallo?«

»Hier ist Seth«, meldete sich der Anführer der Unsterblichen Wächter. »Ich wollte nur kurz durchklingeln und Bescheid sagen, dass ich jetzt komme.«

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