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Immer werd ich dich begehren

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Beverly Barton

Immer werd ich dich begehren

Nie hat er sie vergessen können: Kate – noch immer schön und begehrenswert. Doch als Trent Winston erfährt, warum seine Exfrau zu ihm gekommen ist, gerät er in einen tiefen Gefühlskonflikt. Er sehnt sich so sehr nach Kates sinnlicher Leidenschaft, aber was sie verlangt, geht fast über seine Kräfte. Wieder will sie zusammen mit ihm nach ihrer Tochter suchen, die vor zehn Jahren entführt wurde. Darf er erneut Hoffnung schöpfen auf eine glückliche Zukunft mit seiner Tochter und seiner geliebten Frau?

1. KAPITEL

„Wie lange werden Sie bleiben, Ma’am?“, fragte der Hotelangestellte, auf dessen Namensschild „B. Walding“ stand, mit einem breiten Lächeln.

„Ich weiß es noch nicht“, antwortete Kate. „Ein paar Tage, vielleicht länger. Es tut mir leid, dass ich es nicht genauer sagen kann. Ist das ein Problem?“

„Wir sind alles andere als ausgebucht“, erklärte Mr. Walding. „In den Wintermonaten haben wir mehr freie Zimmer hier im Magnolia House, und jetzt im Januar steht das Haus praktisch leer. Natürlich wird es über die Feiertage schnell wieder voll sein, und im Mai, während der Pilgrimage Week, sind wir immer komplett ausgebucht.“

Oh, ja, sie erinnerte sich an die Pilgrimage Week, denn diese Woche gehörte zu Tante Mary Belles Lieblingsfeiertagen. Tante Mary Belle hatte Winston Hall für die Touristen geöffnet und sich in der Rolle der Herrin des prachtvollen alten Anwesens selbst übertroffen. Während ihrer zwei Jahre dauernden Ehe mit Trent Winston war es Kate ebenfalls erlaubt gewesen, ein Kostüm zu tragen und Trents Tante zu assistieren. Kate hatte sich in den altmodischen Reifröcken nie wohl gefühlt. Da sie aus einer Familie stammte, die seit Generationen arme Farmer gewesen waren, bezweifelte sie, dass irgendeiner ihrer Vorfahren jemals auch nur halb so vornehme Kleidung besessen hatte.

Kate schüttelte die Erinnerungen ab, öffnete ihre Handtasche und nahm ihr Portemonnaie heraus. „Ich nehme nicht an, dass es hier einen Zimmerservice gibt, oder?“

Der sommersprossige Angestellte grinste. „Nein, Ma’am. Aber wenn Sie Mittagessen oder ein Sandwich wollen, kann ich gern zu McGuire’s laufen und etwas besorgen.“

Bei McGuire’s gab es das beste Barbecue und die leckersten Rippchen im Südosten Alabamas. Sie und Trent hatten oft bei McGuire’s gegessen, als sie zusammen ausgegangen waren. „Gibt es den Imbiss noch?“

„Klar.“ Mr. Walding betrachtete sie genauer. „Sie waren schon mal in Prospect, oder?“

„Ja. Vor Jahren.“

„Nun, wir freuen uns, dass Sie wieder da sind, Miss …“

„Miss Malone.“ Kate reichte ihm ihre Kreditkarte. „Kate Malone.“

„Miss Malone, wir freuen uns, dass Sie für einen Besuch wieder in Prospect sind. Haben Sie in der Gegend Verwandte?“

„Nein, ich … Nein, ich habe keine Verwandten hier in Prospect.“ Es sei denn, man zählte einen Exmann und dessen Tante mit. Oder ein paar entfernte Cousinen ihres Stiefvaters.

„Ich kann für Sie zu McGuire’s laufen und Ihnen etwas besorgen, wenn Sie möchten.“

„Danke, Mr. Walding, aber ich werde mir später etwas holen.“

„Bitte nennen Sie mich Brian.“ Er zog ihre Kreditkarte durch das Gerät und gab sie ihr zurück, zusammen mit einem Schlüssel. Einem echten Schlüssel, keiner Magnetkarte. „Zimmer einhundertvier. Soll ich Ihre Tasche tragen?“

„Nein danke“, sagte Kate. „Ich reise mit leichtem Gepäck.“ Sie warf sich ihre Vinyl-Reisetasche über die Schulter und schaute sich in der Lobby um.

„Einhundertvier liegt auf der rechten Seite.“

Kate lächelte dem Angestellten zu. „Ach, übrigens, Brian, leben die Winstons noch in Winston Hall?“

„Kennen Sie die Familie?“

„Ich kannte Trent Winston.“

Brian grinste. „Ich nehme an, dass Trent Winston jedes hübsche Mädchen kennt, das jemals in Prospect gewohnt hat, und mindestens die Hälfte von denen, die nur durchgereist sind.“

„Ist das wahr?“

„Na ja, Miss Malone, wenn Sie ihn selbst mal gekannt haben … das kommt natürlich darauf an, wie lange Ihre Bekanntschaft zurückreicht. Aber in den letzten zehn Jahren war er so etwas wie der begehrteste Mann der Stadt, falls Sie verstehen, was ich meine. Seit seine Frau ihn verlassen hat …“ Brian beugte sich über den Empfangstresen und senkte die Stimme. „Kennen Sie die Geschichte von seiner Frau und seiner Tochter?“

Kates Magen zog sich zusammen. Sie schüttelte den Kopf und gab vor, nichts zu wissen.

„Ich habe damals noch nicht hier gewohnt. Ich bin erst vor sieben Jahren von Dothan hergezogen. Aber es heißt, Trents kleine Tochter sei gekidnappt worden und seine Frau hätte ihn verlassen. Die Leute sagen, seine Frau sei verrückt geworden, nachdem …“

„Das mit seinem Kind und seiner Frau ist ja schrecklich“, unterbrach Kate ihn, weil sie den Klatsch nicht hören wollte, dass sie nach Mary Kates Entführung den Verstand verloren hatte. Sie wusste selbst nur zu gut, dass sie einen schlimmen Nervenzusammenbruch gehabt hatte. „Wohnt Trent … wohnen Mr. Winston und seine Tante noch in Winston Hall?“

„Ja, Ma’am. Miss Mary Belle lebt dort noch, und trotz ihres Schlaganfalls letztes Jahr wacht sie nach wie vor über das, was an echter vornehmer Gesellschaft in Prospect noch übrig ist. Mr. Trent ist inzwischen Bezirksrichter. Er wurde mit überwältigender Mehrheit gewählt. Alle Frauen in der Gemeinde stimmten für ihn.“

Kate behielt ihr Lächeln bei und floh rasch vor dem gesprächigen Mr. Walding zu Zimmer hundertvier. Nachdem sie die Tür aufgeschlossen hatte, betrat sie das kleine, aber elegante Zimmer. Magnolia House war um die Jahrhundertwende des letzten Jahrhunderts erbaut worden und bis auf ein Dutzend Jahre Anfang der sechziger bis Mitte der siebziger Jahre als Hotel geöffnet gewesen. Vor über dreißig Jahren hatte die Stadt das Haus gekauft und es von Investoren restaurieren lassen. Die meisten Gebäude und Häuser in Prospect waren geschichtsträchtig, und die Geschichte lebendig zu erhalten war vielen Leuten wichtig. Doch der einzige Teil der Vergangenheit, der Kate interessierte, lag elf Jahre und neun Monate zurück. Es war an einem Ostersonntag gewesen, als Mary Kate Winston den Armen ihrer Mutter entrissen wurde.

Nachdem sie Handgepäck und Koffer auf das Bett gelegt hatte, zog Kate ihren schwarzen Wollmantel aus und hängte ihn in den antiken Schrank. Nach all den Jahren kam es ihr seltsam vor, wieder in der verschlafenen kleinen Südstaatenstadt zu sein, in der sie geboren und aufgewachsen war. Ihr Vater war in Vietnam ums Leben gekommen und hatte ihre Mutter als junge Witwe mit einem kleinen Kind zurückgelassen. Als Kate fünf war, hatte ihre Mutter einen netten Mann namens Dewayne Harrelson geheiratet, sodass Kates Kindheit zwar von Armut geprägt, aber relativ sorglos und glücklich verlief. Sie war gern auf der Farm ihres Stiefvaters aufgewachsen und hatte ihrer Mutter bei der nie endenden Arbeit im Haushalt geholfen. Mit siebzehn machte sie ihren Abschluss auf der Highschool von Prospect und erhielt ein Stipendium der University of Alabama. Zum Schulabschluss schenkten ihre Eltern ihr einen gebrauchten Chevy Impala, den sie sich, wie Kate wusste, gar nicht leisten konnten.

Während ihres ersten Jahres auf dem College starb ihre Mutter an einer Lungenentzündung, und sechs Monate später starb Kates Stiefvater an einem Herzinfarkt. Da die Farm völlig verschuldet war, hatte Kate sie der Bank überlassen müssen. Das letzte Jahr auf der University of Alabama war hart gewesen. Sie lebte praktisch von der Hand in den Mund, hatte zwei Halbtagsjobs und schaffte irgendwie noch einen Punktedurchschnitt, der ihr einen Abschluss summa cum laude einbrachte.

Zu Weihnachten während ihres letzten Studienjahrs lud Opal, die ältliche Tante ihres Stiefvaters, sie ein, die Feiertage bei ihr und ihrer Familie in Prospect zu verbringen. Auf halber Strecke gab ihr Auto den Geist auf. Sie befand sich auf einem einsamen Abschnitt des Highway 82 zwischen Montgomery und Prospect und war den Tränen nahe, als ein grauer Jaguar hinter ihr hielt. Als Trenton Bayard Winston IV. aus dem Sportwagen stieg, blieb Kate fast das Herz stehen. Natürlich wusste sie, wer Trent Winston war. Jeder in Prospect kannte ihn. Er war der Erbe des Winston-Vermögens, ein Nachfahre der Stadtgründer und Student an der University of Alabama’s School of Law. Und jeder wusste, dass er nach seinem Abschluss in jenem Frühjahr und seiner Zulassung als Anwalt in der Kanzlei Winston, Cotten und Dickerson arbeiten würde. Trents Vater, Großvater und Urgroßvater waren schon Anwälte gewesen.

Trent fuhr sie an diesem kalten Dezembertag nach Hause, und nicht einmal in ihren kühnsten Träumen hätte sie sich vorstellen können, noch vor dem nächsten Weihnachtsfest Mrs. Winston zu sein.

Die Glocken der Kirche, die zur vollen Stunde schlugen, holten Kate aus der Vergangenheit in die Gegenwart zurück. Sie durchquerte das Zimmer, zog die Vorhänge auf und schaute hinaus. Die Aussicht war begrenzt, bot aber einen Blick auf den Rathausplatz und das Gerichtsgebäude. Links, ein Stück die Main Street hinunter, entdeckte sie Corner Drugs, und zu ihrer Rechten lag das Gebäude, in dem die Redaktion der Wochenzeitung Prospect Reporter untergebracht war. Und daneben stand das über hundert Jahre alte Gebäude, in dem sich die Kanzlei Winston, Cotten and Dickerson befand.

Kate musste an die Worte des Hotelangestellten denken, Trent sei jetzt Bezirksrichter und alle Frauen in der Gemeinde hätten für ihn gestimmt.

Sie vermutete, dass Trent sich nach der Scheidung in den Frauenschwarm zurückverwandelt hatte, der er vor ihrer Heirat gewesen war. Wieso auch nicht? Jeder unverheirateten Frau in Prospect und der Hälfte aller Frauen an der Universität hatte er das Herz gebrochen, als er Kate heiratete. Rückblickend fragte sie sich, wieso er sie geheiratet hatte, wo er doch jede Frau hätte haben können. Sie war schrecklich verliebt in ihn gewesen. So sehr, dass sie ihn sogar heute noch ein wenig liebte, trotz allem, was zwischen ihnen gewesen war. Doch konnte sie sich keine Gefühle mehr für Trent erlauben. Sie war nicht hier, um ihre leidenschaftliche Romanze wieder aufflammen zu lassen. Schließlich hatte er sie nicht so sehr geliebt, wie er immer behauptet hatte, sonst hätte Mary Kates Entführung sie nicht auseinandergebracht.

Kate ließ die Vorhänge fallen und ging ins Badezimmer. Sie musste sich frisch machen, bevor sie nach Winston Hall fuhr. Vielleicht wäre es doch höflicher, vorher anzurufen. Doch sie zog einen Überraschungsbesuch vor. Während sie sich die Hände wusch, lachte sie leise. Selbst nach all den Jahren war eine Begegnung mit Mary Belle Winston für sie noch immer, als würde sie gegen einen Feind in die Schlacht ziehen. Die alte Frau ist nicht mehr dein Feind, sagte sie sich. Sie hat keine Macht über dich. Allerdings würde Tante Mary Belle nicht erfreut sein, Kate zu sehen, so viel war gewiss.

Nachdem sie sich die Hände abgetrocknet hatte, schaute sie in den Spiegel. Als sie vor elf Jahren Prospect verlassen hatte, war sie gerade vierundzwanzig gewesen. Jetzt war sie fünfunddreißig und nicht mehr die junge Schönheit, wie Trent sie genannt hatte. Doch sie war attraktiv. Und mutig. Sie hatte nicht nur den Mut, Mary Belle gegenüberzutreten, sondern auch Trent ins Gesicht zu sagen, dass sie recht gehabt und er sich geirrt hatte.

Mary Kate war nicht tot. Ihre Tochter lebte.

Du kannst ihm nicht sagen, dass sie lebt, ermahnte Kate sich. Sie hatte keine Beweise dafür, dass es sich bei einem der drei kleinen Mädchen, die um dieselbe Zeit wie Mary Kate aus dem Südosten Alabamas entführt worden waren, um ihre Tochter handelte. Doch alle drei kleinen Mädchen waren innerhalb eines Monats nach jenem schicksalhaften Ostersonntag an Adoptiveltern verkauft worden. Und alle drei waren bei ihrer Adoption zwischen drei und vier Monate alt gewesen.

Kate trank ein Glas Wasser. Ihre Hand zitterte leicht. Bleib ruhig, sagte sie sich. Sie nahm ihre Handtasche vom Bett und holte Lippenstift und Schminkspiegel hervor. Dann zog sie sich die Lippen nach und puderte sich das Gesicht.

Vielleicht sollte sie erst essen und sich mit McGuires Rippchen stärken. Seit dem Frühstück in Memphis heute Morgen hatte sie keinen Bissen mehr gegessen.

Hör auf, das Unausweichliche aufzuschieben, ermahnte ihre innere Stimme sie.

Sie zog ihren Mantel an und hängte sich die Handtasche um. Dann verließ sie ihr Zimmer und ging den Flur entlang zum Hintereingang des Hotels. Die Gästeparkplätze des Magnolia House lagen hinter dem Haus. Als sie in ihren Mietwagen stieg – einen weißen Mercury –, wünschte sie plötzlich, sie könnte in ihrem eigenen Wagen, einem sehr teuren Mercedes, vor Winston Hall vorfahren. Der Kauf dieses Wagens war Kates einziger Luxus gewesen. Sie wohnte in einer Doppelhaushälfte in Smyrna, außerhalb von Atlanta. Sie kaufte ihre Kleidung von der Stange, und der einzige Schmuck, den sie besaß, bestand aus einer Armbanduhr, einem Paar kleiner goldener Kreolen und einem goldenen Armband. In den letzten zehn Jahren hatte sie den Großteil des Geldes, das sie zuerst als Polizistin in Atlanta und später als Detektivin bei der angesehenen Firma „Dundee Private Security and Investigation“ verdiente, für die Suche nach Mary Kate ausgegeben. Trotz der Möglichkeiten der Detektei war sie dabei in einer Sackgasse nach der anderen gelandet. Es schien, als sei ihre Tochter von der Erde verschwunden. Doch Kate hatte nie die Hoffnung aufgegeben und nie den Gedanken zugelassen, ihr Kind könnte tot sein.

Obwohl es im tiefen Süden der USA oft sehr milde Winter gab, gehörte dieser nicht dazu. Die Temperaturen lagen nahe dem Gefrierpunkt, und die Wolken sahen nach Regen aus. Nach kaltem Winterregen oder möglicherweise sogar Schnee- oder Eisregen. Kate stellte die Heizung höher und bog in die Main Street ein. Bevor ihr klar wurde, was sie tat, bog sie in die Madison Street ein und fuhr langsam am alten Haus der Kirkendalls vorbei. Es war komplett renoviert worden und hatte auch einen neuen weißen Gartenzaun. Schwere weiße Holzschaukelstühle und eine große Hollywoodschaukel standen auf der Vorderveranda. An der Haustür hing noch ein dekorativer Weihnachtskranz, obwohl die Feiertage schon drei Wochen her waren. Irgendeine glückliche Familie hatte Kates Lieblingshaus gekauft. Offenbar liebten diejenigen, die hier wohnten, das alte Haus genauso wie sie und hatten es behutsam renoviert. Kate hoffte, dass die Leute, die hier wohnten, so glücklich waren, wie sie und Trent und Mary Kate es hätten sein sollen.

Sie kämpfte gegen die aufsteigenden Tränen an. Jetzt war nicht die Zeit zum Weinen. Wenn sie Trent wiedersah, musste sie ihre Gefühle vollkommen unter Kontrolle haben. Und wenn sie Mary Belle gegenübertrat, musste sie ihr zeigen, dass sie sich nicht im Geringsten von ihr einschüchtern ließ.

„Leb wohl, Traumhaus“, flüsterte sie und fuhr weiter.

Kurz darauf hielt sie vor Winston Hall, einem prachtvollen Herrenhaus im klassizistischen Baustil aus der Zeit der Unabhängigkeitserklärung. Das schwarze schmiedeeiserne Tor stand immer offen und hieß die Elite von Prospect willkommen. Und während der Tage der offenen Tür zu Weihnachten und während der Pilgrimage Week wurde sogar dem niedrigen Volk Zutritt gewährt. Kate hatte vergessen, wie sehr sie dieses Haus hasste und wie schwer ihr die Tante ihres Exmannes das Leben in den zwei Jahren ihrer Ehe gemacht hatte.

Sie bog mit dem Mietwagen in die kreisförmige Auffahrt und hielt direkt vor dem Gebäude. Nachdem sie mehrmals tief durchgeatmet hatte, stieg sie aus und ging die Verandastufen hinauf. Sie schaute auf ihre Uhr. Zehn nach vier. Noch zu früh für das Abendessen. Kate lächelte bei der Vorstellung, zum Essen mit der Familie eingeladen zu werden.

An der Tür zögerte sie, dann nahm sie ihren Mut zusammen und klingelte. Sie erkannte den älteren Mann kaum wieder, der die Tür öffnete. Sein früher graues Haar war nun schlohweiß, und er ließ die Schultern ein wenig hängen.

„Guthrie?“

„Ja, Ma’am.“ Mit seinen blassgrauen Augen musterte er sie eingehend. „Miss Kate! Gütiger Himmel, es ist schön, Sie wiederzusehen.“

„Hallo, Guthrie. Wie geht es Ihnen?“

„Ganz passabel“, erwiderte er. „Sie sehen gut aus, Miss Kate. Kaum einen Tag älter.“

Sie lachte. Sie hatte Guthrie, der seit seiner Jugend für die Winstons arbeitete, immer sehr gern gehabt. Er diente im Haus als Butler und Chauffeur und leitete das übrige Personal an, das während Kates Zeit aus einem Koch, einem im Haus wohnenden Dienstmädchen für Mary Belle und zwei täglich erscheinenden Dienstmädchen bestanden hatte.

„Ich bin inzwischen viel älter“, sagte Kate. „Zehn Jahre.“

„Ist es schon so lange her?“ Als würde ihm erst jetzt klar werden, dass er sie auf der Veranda stehen ließ, sagte er: „Kommen Sie aus der Kälte, Miss Kate.“

„Danke.“ Sie betrat die riesige Eingangshalle mit dem Marmorfußboden. Ihr fiel auf, dass sich nur wenig verändert hatte. Den Mittelpunkt der Eingangshalle, in der wertvolle Antiquitäten standen, bildete eine geschwungene Treppe.

„Ich hätte nie gedacht, dass Sie einmal zurückkommen würden“, gestand Guthrie. „Aber wie habe ich es mir gewünscht. Mr. Trent, er ist …“

„Ich bin hier, um ihn zu sehen. Ist er da?“

„Ja, Ma’am. In seinem Arbeitszimmer.“ Guthrie schaute die Treppe hinauf. „Mary Belle hält ihren Nachmittagschlaf.“

Kate lächelte. „Dann habe ich ja vielleicht Glück, und bin wieder weg, bevor sie aufwacht.“

Guthrie kicherte. „Soll ich Sie Mr. Trent melden oder …“

„Da ich mich nicht mehr vor der ‚Gesellschaft für gute Manieren‘ verantworten muss, werde ich einfach bei ihm hereinplatzen.“

Guthrie kicherte erneut. „Wir haben Sie sehr vermisst.“

„Danke. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.“ Wir? dachte sie. Bestimmt meinte er nicht Trent. Der war viel zu beschäftigt damit, mit sämtlichen weiblichen Singles aus der Stadt zu flirten. Aber was, wenn es eine bestimmte Frau gab? Er konnte wieder geheiratet haben. Allerdings hatte Mr. Walding im Magnolia House keine neue Mrs. Winston erwähnt.

„Guthrie, ist Trent wieder verheiratet?“

„Nein, Ma’am.“

„Ist er verlobt?“

„Nein, Ma’am. Und Sie, Miss Kate?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ich bin weder verheiratet noch verlobt oder liiert.“

Guthrie schaute den Flur entlang zur Bibliothek. „Sie kennen den Weg zu Trents Arbeitszimmer, nicht wahr?“

Sie nickte.

„Ich wünschte, Sie würden bleiben, Ma’am.“

Er wandte sich ab und ging Richtung Küche davon, sodass es Kate erspart blieb, antworten zu müssen. Das Arbeitszimmer, wie Guthrie die Bibliothek in Winston Hall nannte, befand sich im ersten Stock gegenüber dem Salon. Die Tür war geschlossen. Ob auch abgeschlossen war? Trent hatte die Tür der Bibliothek nur abgeschlossen, wenn sie miteinander geschlafen hatten. Auf dem Teppich vor dem Kamin. Auf dem massiven Schreibtisch aus der Zeit Jakobs I. Auf dem Ledersofa.

Tu dir das nicht an, ermahnte sie sich. Hör auf, dich daran zu erinnern, wie es war, als ihr euch geliebt habt. Doch die Erinnerung brach über sie herein und spülte ein Jahrzehnt der Einsamkeit hinweg. Ja, sie war sehr einsam gewesen. In den letzten fünf oder sechs Jahren war sie mit einigen netten Männern ausgegangen, aber sosehr sie es auch versuchte, sie hatte sich nicht einmal ansatzweise verlieben können. Wie sehr hatte sie es sich gewünscht und gebetet, ihr Herz wieder einem Mann schenken zu können.

Leise klopfte sie an die Tür. Ihr Herz schlug wie verrückt.

„Herein“, rief Trent.

Der Klang seiner tiefen, unverwechselbaren Stimme sandte einen Schauer der Erregung durch ihren Körper. Er sprach mit dem Akzent des Südens von Alabama, den sie immer so sexy gefunden hatte. Andererseits war alles an Trent Winston sexy gewesen. Und war es vermutlich noch immer.

Kate öffnete die Tür und trat zögernd ein. Trent saß in einem der großen ochsenblutfarbenen Ledersessel vor dem Kamin, sodass sie nur seinen linken Arm sehen konnte. Er trug einen cremefarbenen Pullover. Obwohl es in Winston Hall eine Zentralheizung und Klimaanlage gab, blieb es im Winter kühl. Alte Häuser waren oft zugig.

„Hallo, Trent.“

Er rührte sich nicht, sprach nicht.

„Tut mir leid, dass ich vorher nicht angerufen habe, aber ich … ich …“

Er sprang auf und drehte sich zu ihr um. „Kate? Gütiger Himmel, du bist es!“

„Ja, ich bin es.“

Sie sah ihn offen an. Er hatte sich verändert, war reifer geworden. Seine Schultern schienen breiter zu sein. Um die Augen und den Mund waren winzige Falten entstanden. Ein paar seiner dunkelbraunen Haare waren grau geworden, hauptsächlich in seinen Koteletten. Er war noch immer attraktiv, vielleicht noch mehr als früher. Kate hatte oft gedacht, dass er mit vierzig, fünfzig ein gut aussehender Mann sein würde, vermutlich sogar noch mit achtzig.

„Es … es ist lange her“, brachte er schließlich heraus.

„Zehn Jahre seit unserer Scheidung.“

„Was bringt dich nach Prospect?“ Er hatte sich keinen Zentimeter von seinem Platz neben dem Sessel wegbewegt.

„Familienangelegenheiten.“

„Ich wusste gar nicht, dass du noch Familienangehörige hier hast.“

„Habe ich auch nicht.“

Er musterte sie neugierig von Kopf bis Fuß. „Du siehst …“ Er räusperte sich. „Du siehst gut aus. Die Jahre waren gut zu dir.“

„Zu dir auch.“

Er machte einen zögernden Schritt auf sie zu, hielt dann jedoch wieder inne. „Bitte komm herein. Möchtest du einen Drink?“ Er deutete auf einen Servierwagen neben einem der riesigen, vom Boden bis zur Decke reichenden Fenster.

„Nein danke.“ Sie zwang sich, auf Trent zuzugehen.

Sie trafen sich in der Mitte des Raumes und blieben im Abstand von einem Meter voreinander stehen. Kate konnte den Drang, ihn zu berühren, kaum unterdrücken. So standen sie einen endlos langen Moment da, ohne sich zu bewegen.

„Du sagtest, du bist wegen Familienangelegenheiten in Prospect. Da du nach Winston Hall gekommen bist, muss ich annehmen, dass diese Angelegenheiten mich betreffen.“

„Ja. Ich arbeite für die Dundee Agency. Das ist eine Privatdetektei in Atlanta.“

„Du bist Privatdetektivin?“

„Ja. Und vorher war ich Polizistin.“

Trent schüttelte den Kopf. „Du musst dich sehr verändert haben. Ich kann mir meine süße Kate weder als Polizistin noch als Privatdetektivin vorstellen.“

Seine süße Kate? dachte sie. Das bin ich schon lange nicht mehr. „Kürzlich waren ein Kollege und ich in Maysville, Mississippi, ungefähr eine Stunde von Memphis entfernt“, erklärte sie. „Ein zwei Monate alter Junge war gekidnappt worden. Mein Kollege ist der Vater des Kindes.“

Trent wurde blass. „Du arbeitest an Fällen von Kindesentführung?“

„Ja. Ich fuhr mit dem Vater des entführten Kindes nach Maysville und half ihm und der Mutter des Kindes während der schweren Tage.“

„Was ist mit dem Kind passiert?“ Trents Miene war angespannt.

„Es wurde befreit und kehrte zu seinen Eltern zurück.“

„Das ist gut.“ Er wandte sich ab. „Das freut mich für sie.“

„Der FBI-Agent, der an diesem Fall arbeitete, leitete verdeckte Ermittlungen, die das FBI bereits vor einigen Jahren begonnen hat“, erklärte Kate. „Es gab einen Ring von Kindesentführern im Südosten der USA, und diese Leute haben in den letzten zwölf Jahren Babys entführt.“

Trent wirbelte nun herum und sah sie durchdringend an. „Erzähl mir nicht, dass du glaubst, Mary Kate sei von diesen Kinderhändlern entführt worden.“ Er kam wütend auf sie zu, packte sie an den Schultern und schüttelte sie. „Ich hatte gehofft, dass du nach all der Zeit endlich akzeptiert hättest, dass wir unser kleines Mädchen für immer verloren haben.“

Kate biss die Zähne zusammen, um die Tränen zurückzuhalten. „Dante Moran war der Leiter der verdeckten Ermittlung. Er ist ein unvoreingenommener Profi, ohne jede Verbindung zu Mary Kate. Er glaubt, es besteht durchaus die Möglichkeit, dass unsere Tochter eines der drei kleinen Mädchen ist, die im Südosten Alabamas im selben Jahr und Monat entführt wurden wie Mary Kate.“

Trent lockerte den Griff an ihren Schultern und kniff die Augen zusammen.

„Es gibt Hunderte von Kindern, die in den letzten zwölf Jahren an verzweifelte Adoptiveltern verkauft wurden“, fuhr Kate fort. „Die Entführer legten eine Akte über jedes Kind an. Darin wurden der Bundesstaat und manchmal sogar die Stadt, in der das Kind entführt wurde, vermerkt, ebenso der Monat, in dem das Kind angeblich zur Adoption freigegeben wurde. Das FBI ist dabei, die Adoptiveltern aller entführten Kinder zu benachrichtigen.

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