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Winter zauber

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

PROLOG

Der Regen trommelte auf das Dach des Hauses, in dem Antonia Hayes' Eltern lebten. Es war ein kalter Regen, und Antonia dachte, dass sie sehr froh über den Sommer war, weil im frühen Herbst dieser weiche Regen sich in Schneeregen oder Schnee verwandelte.

Während der kalten Jahreszeit war es so gut wie unmöglich Bighorn zu verlassen. Diese Kleinstadt im ländlichen Nordwesten von Wyoming war dann von Eis bedeckt. Und mit seinen nur dreitausend Einwohnern hatte der Ort keinen Flugplatz, sondern nur einen Busbahnhof. Eine Eisenbahnlinie führte zwar hindurch, aber der Zug hielt in so großen Zeitabständen, dass er Antonia wenig nützte.

In einer Woche fing das Semester an, und sie würde an die Universität von Arizona in Tucson zurückkehren, in einen Staat also, wo es nur hoch oben in den Bergen im Winter schneite. Der Wüstenwind wirbelte zwar manchmal den Sand auf, aber es war niemals so schlimm, dass die Bewohner es als allzu unangenehm empfanden. Antonia war außerdem viel zu beschäftigt gewesen, die ersten zwei Semester mit einem guten Abschluss hinter sich zu bringen und ein gebrochenes Herz zu heilen, um das Wetter zu beachten.

Antonia warf einen Blick auf die alte Standuhr. Es war an der Zeit, sich auf den Weg zum Busbahnhof zu machen. Sie tröstete sich damit, dass Barrie Bell, George Rutherfords Stieftochter, ihre Zimmergenossin im Studentenwohnheim sein würde. Sie beide verstanden sich gut.

“Es war schön, dich eine ganze Woche hier bei uns zu haben”, sagte ihre Mutter weich. “Ich wünschte nur, du hättest den ganzen Sommer über hierbleiben können …”

Das Letzte klang ein wenig zögernd, denn Jessica wusste, warum ihre Tochter nicht länger in Bighorn bleiben konnte.

Es war ein trauriger Grund, über den weder sie, noch ihr Mann Ben, noch Antonia jemals sprachen. Es war immer noch zu schmerzlich, und der Klatsch hatte sich immer noch nicht ganz gelegt, obwohl das Ganze mehr als ein Jahr zurücklag. George Rutherfords abrupte Abreise nach Frankreich wenige Monate nach Antonias Fortgehen hatte die Gerüchte nur noch angeheizt.

Trotz alledem was geschehen war, war George für Antonia und ihre Familie ein guter, treuer Freund geblieben. Antonias Studium war ein Geschenk von ihm. Antonia würde ihm jeden Penny zurückzahlen, im Augenblick jedoch war das Geld ein Segen. Ihre Eltern standen zwar recht gut da, aber für das teure Studiengeld fehlten ihnen die Mittel. George war entschlossen gewesen, Antonia zu helfen, und seine Freundlichkeit hatte sie beide so bitter viel gekostet.

Aber Georges Sohn Dawson und seine Stieftochter Barrie hatten sich schützend vor Antonia gestellt und sie gegen das Gerede verteidigt.

Es war für Antonia tröstlich zu wissen, dass zwei Menschen, die George so nahestanden, dem Gerücht, sie habe sich von George aushalten lassen, nicht glaubten. Und natürlich half es, dass Dawson und Powell Long sich wegen eines Stücks Land, das ihre jeweiligen Bighorn Ranches trennte, befehdeten.

George hatte auf seiner Bighorn Ranch bis zu dem Skandal gelebt. Dann hatte er sich in das Familienhaus in Sheridan, das er mit Dawson teilte, zurückgezogen, in der Hoffnung, damit den Klatsch einzudämmen. Es war vergeblich gewesen. So war er schließlich nach Frankreich ausgewichen und hatte zwischen Dawson und Powell nur noch größere Bitternis hinterlassen.

Sally Long hatte Antonia in einen so üblen Ruf gebracht, dass Antonia sich nicht vorstellen konnte, jemals wieder in ihrem Heimatort leben zu können, und das trotz Georges Weggang und trotz des Beistandes von Freunden und ihrer Familie.

Sie schüttelte die Gedanken ab und kam auf die Bemerkung ihrer Mutter zurück. “Ich habe Kurse für das Sommersemester belegt”, sagte sie. “Es tut mir wirklich leid, aber ich finde es so besser. Es war schön, wieder einmal zu Hause zu sein. Ich bin gerne hier bei euch beiden.”

Jessica umarmte ihre Tochter. “Wir werden dich vermissen.”

“Diese Idiotin Sally Long”, murmelte Ben, als auch er seine Tochter umarmte. “Sie verbreitete diese Lügen doch nur, um dir Powell wegzunehmen. Und dieser Idiot Powell Long … ihr das zu glauben, sie zu heiraten. Und genau sieben Monate später ist das Baby da.”

Antonia wurde blass, aber sie lächelte, wenn auch gezwungen. “Komm schon, Dad”, sagte sie leise. “Es ist vorbei. Sie sind verheiratet und haben eine Tochter. Ich hoffe, er ist glücklich.”

“Glücklich! So wie er dich behandelt hat?”

Antonia schloss die Augen. Die Erinnerung war immer noch schmerzhaft. Powell war der Mittelpunkt ihres Lebens gewesen. Niemals hätte sie sich vorstellen können, dass sie zu einer solch tiefen Liebe fähig sein könnte. Powell hatte ihr zwar nie seine Liebe eingestanden, aber sie hatte nicht daran gezweifelt, dass er sie liebte. Jetzt, in der Rückerinnerung, wusste sie, dass er sie niemals wirklich geliebt hatte. Er hatte sie begehrt, natürlich, doch er hatte sich immer zurückgehalten. Lass uns bis zur Hochzeit warten, hatte er gesagt.

Und das Warten war nur gut gewesen, so wie es sich entwickelt hatte.

Damals hatte Antonia sich so verzweifelt danach gesehnt, Powell ganz zu gehören, und doch hatte sie ihn hingehalten. Sogar jetzt, nach mehr als einem Jahr, konnte sie immer noch seine schwarzen Augen und sein dunkles Haar und sein markantes Gesicht vor sich sehen. Sein Bild lebte in ihrem Herzen trotz der Tatsache, dass er die Hochzeit einen Tag vor der Feierlichkeit abgesagt hatte. Eingeladene Gäste, die nicht rechtzeitig benachrichtigt worden waren, hatten wartend in der Kirche gesessen. Antonia schauderte bei dem Gedanken an die Demütigung, die sie hatte ertragen müssen.

Ben murmelte noch immer Unfreundlichkeiten gegen Sally.

“Hör auf, Ben.” Jessica legte die Hand auf den Arm ihres Mannes. “Das ist Schnee von gestern”, setzte sie entschieden hinzu.

“Ich würde nicht behaupten, dass Powell glücklich ist”, fuhr Ben unbeirrt fort. “Er ist niemals zu Hause, und wir sehen ihn nie mit Sally zusammen in der Öffentlichkeit. Eigentlich sehen wir Sally überhaupt nicht. Falls sie glücklich ist, zeigt sie es nicht.” Er musterte das blasse Gesicht seiner Tochter. “Am Tag vor Ostern rief sie hier an und fragte nach deiner Adresse. Hat sie dir geschrieben?”

“Das hat sie.”

“Und?”, drängte er neugierig.

“Ich schickte den Brief ungeöffnet zurück”, antwortete Antonia mit angespannter Stimme und niedergeschlagenen Augen. “Warum die Vergangenheit wachrufen?”

“Vielleicht wollte sie sich entschuldigen”, warf Jessica ein.

Antonia seufzte. “Es gibt Dinge, die man nicht verzeihen kann”, erwiderte sie ruhig. “Ich liebte ihn”, fügte sie mit einem schwachen Lächeln hinzu. “Aber er hat mich nie geliebt. Sollte er es doch getan haben, so hat er es mir niemals gesagt. Er glaubte alles, was Sally ihm erzählte. Dann ließ er mich wissen, was er von mir hielt, hat die Hochzeit abgeblasen und kurz darauf Sally geheiratet. Ich musste einfach von hier fortgehen. Wenn ich hiergeblieben wäre, wäre der Schmerz unerträglich geworden.”

“Als ob George diese Art von Mann wäre”, sagte Jessica niedergeschlagen. “Er ist der liebenswürdigste Mann auf der ganzen Welt, und er bewundert dich.”

“Er ist nicht der Mann, der mit jungen Mädchen herumspielt”, stimmte Ben zu. “Diese Idioten, die all das über ihn glauben konnten. Ich weiß, dass dies der Grund war, warum George das Land verlassen hat … Um uns noch mehr Klatsch zu ersparen.”

“Da er und ich von hier fort sind, gibt es keinen Anlass zu mehr Klatsch”, wies Antonia ihren Vater zurecht. Sie lächelte. “Und ich will mein Studium so erfolgreich abschließen, dass George stolz auf mich sein kann.”

“Das wird er sein. Und wir sind es bereits”, sagte Jessica warm.

“Nun, es geschieht Powell Long recht, dass er an diese kleine, hirnlose Egoistin geriet”, beharrte Ben. “Er glaubt wohl, er würde reich werden mit der Rinder-Ranch, aber er ist nur ein Träumer”, spottete Ben. “Sein Vater war ein Spieler, und seine Mutter war nicht mehr als ein Fußabtreter. Stell dir nur vor, er glaubt, genug Verstand zu haben, um mit Rindern das große Geld herauszuholen!”

“Er scheint voranzukommen”, hielt ihm seine Frau ruhig vor. “Er hat gerade einen neuen Truck gekauft, und man sagt, dass eine Reihe von Ranches in Montana mit ihm einen Vertrag abgeschlossen haben, die er mit Zuchtbullen beliefern wird. Ben, die Tageszeitungen waren voll von seinem großen reinrassigen Angus Bullen, für den Powell irgend so eine nationale Auszeichnung bekam.”

“Ein Bulle macht noch keinen Staat”, spottete Ben.

Antonia litt unter all diesen Worten. Powell hatte ihr von seinen Träumen erzählt, und sie hatten zusammen den Kauf einer Ranch geplant, hatten darüber gesprochen, den besten Angus Bullen im ganzen Gebiet zu besitzen …

“Könnten wir das Thema fallenlassen? Bitte …”, flehte Antonia. “Es tut immer noch ein wenig weh.”

“Natürlich tut es das. Verzeih uns”, sagte Jessica mit sanfter Stimme. “Wirst du Weihnachten hier sein?”

“Ich werde es versuchen.”

Sie trug ihren kleinen Koffer nach draußen zum Wagen und umarmte ihre Mutter ein letztes Mal, bevor sie neben ihren Vater auf den Sitz glitt. Der Weg zum Busbahnhof war nur kurz.

Es war frühmorgens, aber schon drückend heiß. Antonia stieg aus dem Wagen, nahm ihren Koffer heraus und wartete auf ihren Vater, der im Depot das Ticket für sie holte. Durch die Glastür konnte sie sehen, dass eine Schlange vor dem Schalter anstand. So lenkte sie ihre Aufmerksamkeit auf die Straße und erstarrte, als sie eine bekannte Gestalt in ihre Richtung kommen sah. Ein Gespenst aus der Vergangenheit.

Er war noch immer hochgewachsen und dunkel, genau so wie sie ihn in Erinnerung hatte. Sein Anzug war von besserer Qualität als der, den er getragen hatte, während sie mit ihm ging. Er hatte deutlich abgenommen. Aber er war noch immer derselbe Powell Long.

Antonia hatte alles an ihn verloren, außer ihren Stolz. Den Stolz hatte sie noch immer, und sie zwang sich, Powell voll anzusehen. Mit ausholendem, geschmeidigem Gang, der ihm so eigen war, kam er auf sie zu. Sie würde es nicht zulassen, dass er bemerkte, wie sehr sein Misstrauen ihr wehgetan hatte und es immer noch tat.

Sein Gesicht drückte nichts davon aus, was er fühlte oder dachte. Er blieb stehen, als er sie erreichte, und warf einen Blick auf den Koffer.

“Sieh an, sieh an”, sagte er gedehnt. “Ich habe schon gehört, dass du hier bist. Das Küken kam, um sich zu rächen, nicht wahr?”

“Ich kam nicht, um zu bleiben”, entgegnete Antonia kühl. “Ich habe meine Eltern besucht und bin jetzt auf dem Wege nach Arizona, zurück zur Uni.”

“Mit dem Bus?” Es klang spöttisch. “Konnte dein alter Knacker sich kein Flugticket für dich leisten? Oder hatte er dich im Stich gelassen, als er sich nach Frankreich absetzte?”

Antonia kickte ihn gegen das Schienbein. Es geschah nicht vorsätzlich, und Powell wirkte genauso schockiert wie sie. Er bückte sich instinktiv, um die schmerzende Stelle zu reiben.

“Ich wünschte, ich hätte Kampfstiefel an, die mit Stahlkappe”, sagte sie heftig. “Und wenn du auch nur noch einmal mit mir sprichst, Powell Long, breche ich dir das Bein!”

Sie fegte an ihm vorbei und marschierte zum Bussteig.

Ihr Vater hatte gerade das Ticket bezahlt und sich vom Schalter abgewandt, als die Szene sich draußen abspielte. Doch noch bevor er aus der Tür war, war Powell davongehumpelt.

“Ich hoffe sehr, du hast ihn zum Krüppel gemacht”, stieß Ben Hayes wütend hervor.

Antonia brachte ein schwaches Lächeln zustande. “So viel Glück hatte ich nicht. Jemanden, der so gemein ist, kann man nicht verwunden.”

“Hier, Mädchen, der Bus kommt”, sagte ihr Vater und war froh, dass offensichtlich keiner in ihrer Umgebung die Szene mitbekommen hatte. Das hätten sie gerade noch gebraucht … mehr Gerede.

Antonia umarmte ihren Vater und bestieg den Bus. Es drängte sie, die Straße noch einmal hinunterzublicken, um zu sehen, ob Powell noch immer humpelte. Aber sie zwang sich, es nicht zu tun. Sobald der Bus aus dem Bahnhof fuhr, schloss sie die Augen und verbrachte die ganze Fahrt damit, den Schmerz zu unterdrücken, der sie beim unerwarteten Wiedersehen mit Powell von neuem mit aller Macht überfallen hatte.

1. KAPITEL

“Das ist sehr gut, Martin, aber du hast etwas ausgelassen, siehst du?”, flüsterte Antonia dem Jungen zu. Martin war sehr scheu, sogar für einen Neunjährigen, und sie wollte ihn nicht vor der Klasse blamieren. “Die geheime Waffe, die die Griechen im Kampf gebrauchten … eine militärische Formation?”

“Geheime Waffe”, murmelte er und überlegte. Dann leuchteten seine dunklen Augen auf, und er grinste. “Die Phalanx!”, sagte er.

“Ja.” Sie nickte ihm zu. “Sehr gut!”

Er strahlte und beugte sich wieder über die Klassenarbeit.

Antonia warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Es war ihre letzte Klasse für den Tag und für die Woche. “Macht jetzt Schluss. Und, Jack, sammle die Arbeiten ein. Mary, schließ die Fenster, bitte.”

Die Schulglocke ertönte, und Antonia lächelte ihren Schülern zu, die an ihr vorbei aus der Klasse marschierten. Während sie die Arbeiten in ihre Mappe steckte, fragte sie sich, ob ihr Vater Weihnachten zu ihr kommen würde. Es war für sie beide einsam geworden, seit dem Tod ihrer Mutter im vergangenen Jahr.

Es war schwer für Antonia gewesen, den Verlust zu verkraften … Es war schwer gewesen, zum Begräbnis nach Hause zu kommen. Er war da gewesen. Er und seine Tochter.

Antonia schauderte bei der Erinnerung an den dunklen, harten Ausdruck in seinem Gesicht, als er sie ansah. Nach neun Jahren hasste Powell sie noch immer. Sie hatte kaum einen Blick auf das kleine dunkelhaarige, verdrossen wirkende Mädchen geworfen, das beim Begräbnis neben ihm gestanden hatte. Es machte zu sehr die Vergangenheit lebendig. Niemals würde sie Powell vergeben können, dass er mit Sally geschlafen hatte, während er und Antonia verlobt waren.

Es war Antonia unbegreiflich, dass Powell sie immer noch so hassen konnte. In all den Jahren musste er doch inzwischen die Wahrheit erfahren haben. Er war jetzt reich. Er hatte Geld und Macht und ein großes Haus. Seine Frau war vor drei Jahren gestorben, und er hatte nicht wieder geheiratet. Der Grund war wohl, dass er Sally so sehr vermisste.

Antonia vermisste Sally kein bisschen … auch wenn sie einmal ihre beste Freundin gewesen war. Sally hatte sie um alles gebracht, was ihr lieb und teuer gewesen war, sogar um ihr Zuhause. Und sie hatte es mit raffinierten Lügen getan. Natürlich, Powell hatte den Lügen geglaubt. Das war für Antonia am schmerzlichsten gewesen.

Das alles gehörte der Vergangenheit an. Neun Jahre lagen dazwischen.

Ihre Gedanken wurden unterbrochen, als die Tür zum Klassenzimmer aufging. Barrie wirbelte herein, ihre einzige Freundin und für die Kinder Miss Bell, die Miniröcke trug und Mathe lehrte. Barrie war eine Schönheit mit ihrer schlanken Figur, den langen Beinen und dem fast schulterlangen schwarzen Haar. Sie hatte grüne Augen, die übermütig blitzten, und ihr Lächeln war bezaubernd.

“Du könntest Weihnachten bei mir verbringen”, sagte Barrie fröhlich.

“In Sheridan?”, fragte Antonia ruhig. Es war das Haus, in dem Barries Stiefvater George Rutherford und ihr Stiefbruder Dawson Rutherford mit Barrie und ihrer mittlerweile verstorbenen Mutter zusammen gelebt hatten, ehe Barrie und Antonia nach Tucson gezogen waren, um hier an der Schule zu unterrichten.

“Nein”, antwortete Barrie mit angespannter Stimme. “Nie wieder dort. In meinem Apartment hier in Tucson.” Sie lächelte gezwungen. “Ich habe vier Freunde. Wir können sie uns teilen, zwei für jede von uns. Es wird lustig werden!”

Antonia schüttelte den Kopf. “Ich bin siebenundzwanzig, zu alt für so etwas. Und mein Vater wird wahrscheinlich Weihnachten kommen. Trotzdem, danke.”

“Ehrlich, Annie, du bist nicht alt, auch wenn du dich ein wenig altjüngferlich kleidest”, sagte Barrie spontan. “Schau dich doch einmal an!” Sie machte mit der Hand eine Bewegung zum grauen Kostüm und der weißen Bluse, die typisch für Antonias Kleidung waren. “Und dein Haar in diesem schrecklichen Knoten … du siehst aus wie ein viktorianisches Überbleibsel! Du solltest dein wunderbares blondes Haar offen tragen, einen Minirock anziehen und ein wenig Make-up auftragen und dich nach einem Mann umschauen, ehe du zu alt wirst! Und du solltest mehr essen! Du bist zu dünn.”

Antonia wusste das. Sie hatte innerhalb der letzten Monate zehn Pfund verloren und angefangen, sich darüber genügend zu sorgen, um sich einen Termin beim Arzt geben zu lassen. Aber sie erwähnte nichts davon Barrie gegenüber.

“Nun gut”, fuhr Barrie fort. “Es war ein hartes Jahr für dich. Deine Mutter zu verlieren war schon schlimm genug und dann auch noch der üble Schrecken mit dem Schüler, der die Pistole seines Vaters in die Schule brachte und eine Stunde lang einen jeden damit in Schach hielt.”

“Lehrer sein ist heute der gefährlichste Beruf”, stimmte Antonia ihr mit einem traurigen Lächeln zu.

“Suchst du Abenteuer? Werde Lehrer! Ich kann den Slogan bereits sehen …”

“Ich gehe nach Hause”, unterbrach Antonia sie.

“Ah, nun, ich denke, das tue ich auch. Ich habe ein Date für den Abend.”

“Wer ist es diesmal?”

“Bob. Er ist nett, und wir verstehen uns gut. Manchmal denke ich aber, dass ich für den konventionellen Typ nicht geschaffen bin. Ich brauche einen überspannten Künstler oder einen wilden Rennfahrer.”

Antonia lachte. “Ich hoffe, du findest einen.”

“Wenn ich einen finde, dann hält er irgendwo zwei Ehefrauen versteckt oder Ähnliches. Ich habe kein Glück mit Männern.”

“Der Eindruck von Ungebundenheit ist schuld daran”, sagte Antonia in verschwörerischem Tonfall. “Frei und zwanglos, das bist du, und großartig. Du verschreckst die selbstsichersten Junggesellen.”

“Unsinn. Wenn sie selbstsicher genug wären, würden sie nicht von meiner Tür weichen”, stellte Barrie richtig. “Ich bin sicher, dort draußen existiert irgendwo ein Mann, der nur auf mich wartet.”

“Da bin ich auch sicher”, stimmte Antonia ihr zu und ließ sich auch nicht eine Minute anmerken, wie sehr sie davon überzeugt war, dass es einen solchen Mann bereits in Sheridan gab.

Unter Barries ungebundenem und fröhlichem Äußeren verbarg sich eine traurige und eher einsame Frau. Barrie war überhaupt nicht so, wie sie erschien. Barrie fürchtete sich vor Männern … vor allem vor ihrem Stiefbruder Dawson. Er war Georges Sohn.

Guter alter George … ein anderes unglückliches Opfer von Sallys Lügen. Sallys Geschichten hatten Dawson nicht aus der Ruhe gebracht, denn immerhin hatte er es nicht nur besser gewusst, er war auch einer der kältesten und einschüchterndsten Männer, der Frauen gewöhnlich mit Skepsis begegnete. Jedenfalls schätzte Antonia ihn so ein.

Barrie erwähnte Dawson nie, redete nie von ihm. Und wenn einmal sein Name fiel, wechselte sie sofort das Thema. Es war allbekannt, dass sie beide nicht gut miteinander auskamen. Aber insgeheim glaubte Antonia, dass irgendetwas in der Vergangenheit geschehen war, etwas, worüber Barrie nicht sprach.

Und nun, da der arme George tot war und Dawson seinen Besitz geerbt hatte, war der Riss zwischen Barrie und ihm noch größer geworden. Ein großer Anteil von dem Rinderimperium, das Dawson erbte, war Barrie testamentarisch vermacht worden.

“Ich muss Dad anrufen und hören, was er geplant hat”, murmelte Antonia.

“Falls er nicht hierherkommt, wirst du Weihnachten nach Hause fahren?”

Antonia schüttelte den Kopf. “Ich fahre nicht nach Hause.”

“Warum nicht?” Barrie zog eine Grimasse. “Oh. Natürlich. Ich vergaß, weil du niemals von ihm redest. Tut mir leid. Aber es ist neun Jahre her. Du kannst nicht noch immer einen Groll auf ihn haben. Immerhin war es Sally, die den ganzen Skandal verursacht hat.”

“Ich weiß”, sagte Antonia.

“Sie muss ihn ganz schön geliebt haben, um ein solches Risiko auf sich zu nehmen. Aber mittlerweile wird er die Wahrheit herausgefunden haben”, fügte Barrie hinzu.

Antonia seufzte. “Wird er? Ich nehme an, jemand wird es ihm inzwischen erzählt haben. Doch er wird es nicht geglaubt haben. In mir sieht er noch immer die Schuldige.”

“Er liebte dich …”

“Er begehrte mich”, fiel Antonia ihr ins Wort. “Zumindest hat er das gesagt. Ich mache mir über den Grund, warum er mich heiraten wollte, keine Illusionen. Der Name meines Vaters hatte in der Stadt einiges Gewicht, auch wenn wir nicht reich waren. Powell brauchte die Beziehung. Die Liebe kam nur von mir. Das, was er sich zum Ziel gesetzt hatte, hat er erreicht. Er ist wohlhabend und hat ein Kind und hatte eine Frau, die von ihm betört war. Doch wie ich gehört habe, hat er sie auch nicht geliebt. Arme Sally”, fügte sie mit einem kurzen Auflachen hinzu. “All die Lügen und Intrigen, und als sie bekam, was sie haben wollte, war sie unglücklich.”

“Geschah ihr recht”, sagte Barrie kurz angebunden. “Sie hat deinen Ruf zerstört und den deiner Eltern.”

“Und den deines Stiefvaters”, ergänzte Antonia traurig. “Dein Stiefvater hatte meine Mutter einmal sehr gern.”

Barrie lächelte warm. “Er hatte sie bis zu ihrem Tod sehr gern. Es war ein Segen, dass er deinen Vater mochte und dass sie Freunde waren. Er war ein guter Verlierer, als sie deinen Vater heiratete. Aber sie war ihm nie gleichgültig geworden, und deshalb tat er so viel, um dir zu helfen.”

“Bis zum Bezahlen meines Studiums. Was dann auch zu all den Schwierigkeiten führte. Powell mochte George überhaupt nicht. Sein Vater verlor viel Land an George … der eigentliche Grund, warum Dawson heute noch mit Powell uneins ist. Das Land seiner Ranch stößt an Powells Land, und wie ich von Dad weiß, kommt es zwischen den beiden bei jeder Gelegenheit zum Streit.”

“Dawson hat niemals die Lügen vergessen, die Sally über George verbreitete”, erwiderte Barrie leise. “Wusstest du, dass er mit Sally gesprochen hat? Er hat sie in der Stadt gestellt und ihr die Hölle heiß gemacht, während Powell neben ihr stand.”

“Davon hast du mir nie etwas erzählt”, sagte Antonia.

“Ich habe mich nicht getraut”, erwiderte Barrie. “Sobald auch nur Powells Name fiel, hast du dich immer so aufgeregt.”

“Ich nehme an, Powell hat seine Frau verteidigt”, sagte Antonia und wartete atemlos auf die Antwort.

“Sogar Powell geht mit Dawson vorsichtig um”, erinnerte Barrie sie. “Außerdem, was hätte Powell sagen können? Sally hatte gelogen und wurde auf frischer Tat ertappt. Zu spät, um dir von Nutzen zu sein, da sie ja bereits verheiratet waren.”

“Willst du mir damit etwa sagen, dass Powell seit neun Jahren die Wahrheit kennt?”, fragte Antonia entgeistert.

“Ich habe nicht gesagt, dass er Dawson glaubte”, entgegnete Barrie sanft.

“Oh. Ja. Nun.” Antonia bemühte sich um Haltung. Wie lächerlich, anzunehmen, dass Powell den Worten seines Feindes glauben könnte. “Er und Dawson sind noch nie miteinander ausgekommen.” Noch während sie es dachte, sprach sie es aus.

“Du hattest vorher recht”, sagte Barrie nachdenklich. “Mein Stiefvater hatte den alten Long, als sie beide noch junge Männer waren, beim Pokerspiel um alles, was er besaß, gebracht. Die Streitigkeiten gehen bis dahin zurück. Dawsons Land stößt an das von Powell, und sie beide sind entschlossen, ihren Herrschaftsanspruch durchzusetzen. Wenn ein Landstrich zum Verkauf angeboten wird, kannst du darauf wetten, dass sie beide vor allen anderen beim Makler auf der Türschwelle stehen, um einander auszustechen. Das ist auch der eigentliche Grund, warum sie bei jeder Gelegenheit aufeinander losgehen … wegen dem Stück Land, das beide Ranches trennt und das der Witwe Holton gehört.”

“Dabei gehört jedem von ihnen bereits die halbe Welt”, sagte Antonia betont.

“Ein jeder von ihnen legt es darauf an, genau das haben zu wollen, was auch der andere haben will”, erwiderte Barrie lachend. “Nun ja, es sollte uns nichts angehen. Jedenfalls nicht jetzt. Je weniger ich von meinem Stiefbruder zu sehen bekomme, desto glücklicher bin ich.”

Antonia, die die beiden erst einmal zusammen gesehen hatte, musste Barrie recht geben. Sobald Dawson irgendwo in der Nähe war, war Barrie nicht mehr sie selbst. Sie war angespannt, in sich zurückgezogen und zeigte sich seltsam schwerfällig.

“Falls du dich wegen Weihnachten anders entschließen solltest, meine Tür steht dir offen”, erinnerte Barrie sie.

Antonia lächelte dankbar.

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