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Immanuel Kant Kritik der reinen Vernunft

Immanuel Kant
Kritik der reinen Vernunft

– Grundriss eines philosophischen Meisterwerks –

Werkerschließung im Rahmen der Sommerakademie

der Academia Philosophia, Italien, Castelfranco di Sopra, 2018

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© Academia Philosophia

Österreichische Privatakademie für Philosophie und philosophische Weltdeutung, 2018

Gründungsdirektoren: Mag.phil. Dr.phil. Bernd Waß, MSc; Mag. Dr. Heinz Palasser, MBA, MSc

www.academia-philosophia.com

Herausgeber: Academia Philosophia, Wien

Autor: Bernd Waß (www.berndwass.com)

Umschlaggestaltung, Illustration, Grafik: Mag. Petra Pfuner, Werbeagentur Vitamin©

Cover-Bild: Pexels, Creative Commons Zero (CC0) Lizenz

Verlag: Tredition GmbH, Hamburg

978-3-7469-5212-3 (Paperback)

978-3-7469-5213-0 (Hardcover)

978-3-7469-5214-7 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.

DER AUTOR

Bernd Waß studierte am Institut für Philosophie der Kultur- und Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Salzburg Analytische Philosophie. Zum Doktor der Philosophie promovierte er bei Prof. Dr. Reinhard Kleinknecht, Prof. Dr. Otto Neumaier und Prof. Dr. Volker Gadenne mit einer Arbeit zur Philosophie des Geistes. Er ist Philosoph und Privatgelehrter, ordentliches Mitglied der Österreichischen Gesellschaft für Philosophie und Gründungsdirektor der Academia Philosophia. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte finden sich in der Metaphysik, insbesondere der Philosophie des Geistes, und der Erkenntnistheorie.

„Die Philosophie hat alles, um im besten Fall nichts mit ihr zu tun zu haben:

Sie ist theoretisch, nicht praktisch; sie ist lebensfern, nicht lebensnah und die Beschäftigung mit ihr ist überaus schwierig. Mit der Leichtigkeit des Seins hat sie nichts zu tun. Um es im Stil des französischen Philosophen und Seismografen des Verfalls, Emil M. Cioran, zu sagen: Das Pendel des Lebens schlägt nur in zwei Richtungen aus, in die der heilsamen Illusion oder der unerträglichen Wahrheit. Letztere ist ihr Geschäft. Welt und Mensch am Seziertisch des Denkens. Unter dem Philosophenhammer bleibt nichts heil. Vielleicht aber ist sie gerade deshalb so anziehend, so schillernd, so faszinierend, so tief; lässt sie einen nicht mehr los.“

(Bernd Wass)

Danksagung

Dem Mitbegründer und Gründungsdirektor der Academia Philosophia, meinem langjährigen Freund und intellektuellen Lehrer, Herrn Mag. Dr. Heinz Palasser, MBA, MSc, ohne dessen großer Beharrlichkeit im Aufbau der Akademie und nahezu unerschöpflicher Bereitschaft zum philosophischen Streit, die hier vorliegende Abhandlung niemals entstanden wäre.

Den Freundinnen und Freunden der Academia Philosophia, insbesondere den Sommerakademikerinnen und Sommerakademikern, ohne deren Liebe zur Philosophie, zum Müßiggang und zum Lebensgenuss es sehr wahrscheinlich keine Veranlassung gegeben hätte, eine solche Arbeit auf sich zu nehmen.

Den Freundinnen und Freunden der Academia Philosophia, insbesondere den Sommerakademikerinnen und Sommerakademikern, ohne deren Liebe zur Philosophie, zum Müßiggang und zum Lebensgenuss es sehr wahrscheinlich keine Veranlassung gegeben hätte, eine solche Arbeit auf sich zu nehmen.

Den Freundinnen und Freunden der Academia Philosophia, insbesondere den Sommerakademikerinnen und Sommerakademikern, ohne deren Liebe zur Philosophie, zum Müßiggang und zum Lebensgenuss es sehr wahrscheinlich keine Veranlassung gegeben hätte, eine solche Arbeit auf sich zu nehmen.

Zum Gebrauch der vorliegenden Abhandlung

Um den Gebrauch der vorliegenden Abhandlung zu erleichtern, sei auf einige Besonderheiten hingewiesen:

Besondere Aufmerksamkeit

Ausdrücke die vom Leser besondere Aufmerksamkeit erfordern oder die sich aus Gründen der besseren Lesbarkeit vom Fließtext abheben sollten, werden durch schräg gestellte Schriftzeichen kennzeichnet. Zum Beispiel: Die Unterscheidung von analytischen und synthetischen Urteilen, ist in der Philosophie von besonderer Bedeutung.

Anführungsnamen

Um Ausdrücke, die erwähnt werden, von Ausdrücken zu unterscheiden die verwendet werden, werden Anführungsnamen gebildet. Ein Anführungsname wird gebildet, indem der betreffende Ausdruck in einfache Klammern gesetzt wird. Zum Beispiel: ›Immanuel Kant‹ ist der Name eines deutschen Philosophen. Anführungsnamen wurden, dem besseren Verständnis wegen, dort, wo entsprechende Kennzeichnungen fehlten, auch in Zitaten eingefügt.

Metaphorische Ausdrücke

Metaphorisch gebrauchte Ausdrücke werden in doppelte Klammern gesetzt. Zum Beispiel: Es ist fraglich, ob es noch »wahre« Freunde gibt.

Kurze wörtliche Zitate

Kurze wörtliche Zitate werden im Fließtext durch Anführungszeichen und Fußnote gekennzeichnet. Zum Beispiel: „Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal in einer Gattung ihrer Erkenntnisse: daß sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann; denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sie aber auch nicht beantworten kann, denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft.“1

Aufgrund der zum Teil äußerst langen Sätze Kants, habe ich mich, entgegen gängiger Praxis, dazu entschieden, Sätze mit einer Länge von bis zu sieben Zeilen als kurze wörtliche Zitate im Fließtext zu belassen, um das Lesen nicht durch übermäßiges fragmentieren des Textes zu erschweren.

Lange wörtliche Zitate

Wörtliche Zitate, mit einer Länge von mehr als sieben Zeilen (ausgenommen Zitate in Fußnoten), werden durch Einrückung, kleinere Schriftgröße und Fußnote gekennzeichnet. Zum Beispiel:

In diese Verlegenheit gerät sie ohne Schuld. Sie fängt von Grundsätzen an, deren Gebrauch im Laufe der Erfahrung unvermeidlich und zugleich durch diese hinreichend bewährt ist. Mit diesen steigt sie [...] immer höher, zu entferneteren Bedingungen. Da sie aber gewahr wird, daß auf diese Art ihr Geschäfte jederzeit unvollendet bleiben müsse, weil die Fragen niemals aufhören, so sieht sie sich genötigt, zu Grundsätzen ihre Zuflucht zu nehmen, die allen möglichen Erfahrungsgebrauch überschreiten und gleichwohl so unverdächtig scheinen, daß auch die gemeine Menschenvernunft damit im Einverständnisse stehet. Dadurch aber stürzt sie sich in Dunkelheit und Widersprüche, aus welchen sie zwar abnehmen kann, daß irgendwo verborgene Irrtümer zum Grunde liegen müssen, die sie aber nicht entdecken kann, weil die Grundsätze deren sie sich bedient, da sie über die Grenze aller Erfahrung hinausgehen, keinen Probierstein der Erfahrung mehr anerkennen. Der Kampfplatz dieser endlosen Streitigkeiten heißt nun Metaphysik.2

Fußnoten

Manche Leute mögen keine Fußnoten. Ich hingegen liebe sie. Nur mit einer Fußnote ist eine Seite gut gekleidet, wie mir deucht. Fußnoten stellen aber vor allem einen Mikrokosmos zusätzlicher, wenngleich nicht vordergründiger, Gedanken dar: In den Fußnoten finden sich dementsprechend erstens sämtliche Quellenangaben zu wörtlichen und sinngemäßen Zitaten; zweitens Anmerkungen, um bestimmte Begriffe oder Zusammenhänge in Zitaten zu erläutern; drittens Ausschnitte aus dem Originaltext, auf die nicht verzichtet werden wollte, obschon man sie hätte vernachlässigen können; viertens Erläuterungen und Hinweise zum besseren Verständnis des Textes (sowohl des Originaltextes als auch des hier vorliegenden Textes) insgesamt; fünftens Seitenverweise zum jeweiligen Abschnitt des Originaltexts, um die Orientierung zu behalten und es der Leserin/dem Leser während des Studiums jederzeit zu erlauben, zwischen dem Originaltext und der hier vorliegenden Abhandlung zu vergleichen.

1 Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft, Meiner, Hamburg, 1998, S. 5.

2 Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft, Meiner, Hamburg, 1998, S. 5.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 Hintergrundüberlegungen

2 Die Vorrede

Befund über den Zustand der MetaphysikZweck der Kritik der reinen VernunftKopernikanische Wende der DenkungsartKonsequenzen und Nutzen des Vorhabens

3 Die Einleitung

Synthetische Urteile a priori als Endabsicht der MetaphysikIdee einer Transzendental- Philosophie und die Kritik der reinen Vernunft als deren architektonischer Plan

4 Die Transzendentale Elementarlehre

Vermessung der menschlichen Erkenntnisvermögen, mithin Vermessung von Anschauungs-, Verstandes- und Vernunftvermögen

4.1 Die Transzendentale Ästhetik

Begriffsbestimmung u. VorhabenErörterung Raum u. ZeitAllgemeine Anmerkungen

§ 1 Vom Raum

§ 2 Von der Zeit

§ 3 Allgemeine Anmerkungen

4.2 Die Transzendentale Logik

Einleitung zur Transzendentalen Logik: HintergrundvoraussetzungenLogik an sichLogik im transzendentalen SinnEinteilung in Analytik und Dialektik

4.2.1 Die Transzendentale Analytik

Verstand als Inbegriff aller formalen Gesetze bzw. Regeln des DenkensEntdeckung der Verstandesbegriffe und der Grundsätze des Verstandes als Bedingungen der Möglichkeit von ErfahrungUnterscheidung von Phänomenwelt und Verstandeswelt

4.2.1.1 Erstes Buch: Die Analytik der Begriffe
Funktionen des VerstandesGrundlegung der VerstandesbegriffeObjektive Gültigkeit der Kategorien als Bedingungen a priori der Möglichkeit von Erfahrung
§ 1 Erstes Hauptstück: Von der Entdeckung aller reinen Verstandesbegriffe
§ 2 Zweites Hauptstück: Von der Deduktion der reinen Verstandesbegriffe .

4.2.1.2 Zweites Buch: Die Analytik der Grundsätze

Transzendentale UrteilskraftSchematismus der reinen VerstandesbegriffeSystem aller Grundsätze des reinen VerstandesDie Zweiteilung der Welt in Sinnes- u. Verstandeswelt

§ 1 Erstes Hauptstück: Vom Schematismus der reinen Verstandesbegriffe

§ 2 Zweites Hauptstück: System aller Grundsätze des reinen Verstandes .

§ 2.1 Axiomen der Anschauung

§ 2.2 Antizipation der Wahrnehmung

§ 2.3 Analogien der Erfahrung

§ 2.4 Postulate des empirischen Denkens überhaupt

§ 3 Drittes Hauptstück: Vom Grunde der Unterscheidung aller Gegenstände überhaupt in Phaenomena und Noumena

4.2.2 Die Transzendentale Dialektik

Einleitung zur Transzendentalen Dialektik: Vernunft als Vermögen der Prinzipien und des Schließensreine Vernunft als Sitz des transzendentalen Scheins

4.2.2.1 Erstes Buch: Von den Begriffen der reinen Vernunft

Ideen als solchetranszendentale IdeenSystem der transzendentalen Ideen

§ 1 Von den Ideen überhaupt

§ 2 Von den transzendentalen Ideen

§ 3 System der transzendentalen Ideen .

4.2.2.2 Zweites Buch: Von den dialektischen Schlüssen der reinen Vernunft

Aufdeckung des dialektischen Scheins der Paralogismen der reinen Vernunft (mithin der dialektischen Schlüsse der rationalen Psychologie), der Antinomie der reinen Vernunft (mithin der dialektischen Schlüsse der rationalen Kosmologie) und dem Ideal der reinen Vernunft (mithin den dialektischen Schlüssen der rationalen Theologie)

§ 1 Erstes Hauptstück: Von den Paralogismen der reinen Vernunft

§ 1.1 Paralogismus der Substanzialität (1)

§ 1.2 Paralogismus der Simplizität (2)

§ 1.3 Paralogismus der Personalität (3)

§ 1.4 Paralogismus der Idealität (des äußeren Verhältnisses) (4)

§ 1.5 Betrachtung über die Summe der reinen Seelenlehre, zu Folge diesen Paralogismen

§ 2 Zweites Hauptstück: Die Antinomie der reinen Vernunft .

§ 2.1 System der kosmologischen Ideen

§ 2.2 Antithetik der reinen Vernunft

§ 2.3 Von dem Interesse der Vernunft bei diesem ihrem Widerstreit

§ 2.4 Transzendentale Aufgaben der reinen Vernunft (Abschnitt 4); skeptische Vorstellung der kosmologischen Fragen (Abschnitt 5); transzendentaler Idealismus als Schlüssel zur kritischen Entscheidung der kosmologischen Dialektik (Abschnitt 6)

§ 2.5 Kritische Entscheidung des kosmologischen Streits der Vernunft mit sich selbst

§ 3 Drittes Hauptstück: Das Ideal der reinen Vernunft

§ 3.1 Von den Beweisgründen der spekulativen Vernunft

§ 3.2 Von der Unmöglichkeit eines ontologischen Beweises vom Dasein Gottes

§ 3.3 Von der Unmöglichkeit eines kosmologischen Beweises vom Dasein Gottes

§ 3.4 Von der Unmöglichkeit des physikotheologischen Beweises

§ 3.5 Kritik aller Theologie aus spekulativen Prinzipien der Vernunft .

4.2.2.3 Anhang zur Transzendentalen Dialektik

5 Die Transzendentale Methodenlehre

Bestimmung der formalen Bedingungen eines vollständigen Systems der reinen Vernunft in vier Abschnitten: Die Disziplin der reinen VernunftDer Kanon der reinen VernunftDie Architektonik der reinen VernunftDie Geschichte der reinen Vernunft

§ 1 Erstes Hauptstück: Die Disziplin der reinen Vernunft

§ 1.1 Die Disziplin der reinen Vernunft im dogmatischen Gebrauch

§ 1.2 Die Disziplin der reinen Vernunft in Ansehung ihres polemischen Gebrauchs

§ 1.3 Die Disziplin der reinen Vernunft in Ansehung der Hypothesen

§ 1.4 Die Disziplin der reinen Vernunft in Ansehung ihrer Beweise

§ 2 Zweites Hauptstück: Der Kanon der reinen Vernunft

§ 2.1 Vom letzten Zweck des reinen Gebrauchs unserer Vernunft

§ 2.2 Vom Bestimmungsgrund des letzten Zwecks der reinen Vernunft

§ 2.3 Vom Meinen, Wissen und Glauben

§ 3 Drittes Hauptstück: Die Architektonik der reinen Vernunft

§ 4 Viertes Hauptstück: Die Geschichte der reinen Vernunft .

6 Schlussbetrachtung

Anhang: Das verhängnisvolle Ding an sich

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Vorwort

Es ist viel leichter in dem Werke eines großen Geistes die Fehler und Irrthümer nachzuweisen, als von dem Werthe desselben eine deutliche und vollständige Entwicklung zu geben. Denn die Fehler sind ein Einzelnes und Endliches, das sich daher vollkommen überblicken läßt. Hingegen ist eben das der Stämpel, welchen der Genius seinen Werken aufdrückt, daß dieser ihre Trefflichkeit unergründlich und unerschöpflich ist: daher sie auch die nicht alternden Lehrmeister vieler Jahrhunderte nacheinander werden. Das vollendete Meisterstück eines wahrhaft großen Geistes wird allemal von tiefer und durchgreifender Wirkung auf das gesamte Menschengeschlecht seyn, so sehr, daß nicht zu berechnen ist, zu wie fernen Jahrhunderten und Ländern sein erhellender Einfluß reichen kann. Es wird dieses allemal: weil, so gebildet und reich auch immer die Zeit wäre, in welcher es selbst entstanden, doch immer der Genius, gleich einem Palmbaum, sich über den Boden erhebt, auf welchem er wurzelt.

Aber eine tiefeingreifende und weitverbreitete Wirkung dieser Art kann nicht plötzlich eintreten, wegen des weiten Abstandes zwischen dem Genius und der gewöhnlichen Menschheit. Die Erkenntniß, welcher jener Eine in EINEM Menschenalter unmittelbar aus dem Leben und der Welt schöpfte, gewann und Andern gewonnen und bereitet darlegte, kann dennoch nicht sofort das Eigenthum der Menschheit werden; weil diese nicht einmal so viel Kraft zum Empfangen hat, wie jener zum Geben. Sondern, selbst nach überstandenem Kampf mit unwürdigen Gegnern, die dem Unsterblichen schon bei der Geburt das Leben streitig machen und das Heil der Menschheit im Keime ersticken möchten (der Schlange an der Wiege des Herkules zu vergleichen), muß jene Erkenntniß sodann erst die Umwege unzähliger falscher Auslegungen und schiefer Anwendungen durchwandern, muß die Versuche die Vereinigung mit alten Irrthümern überstehen und so im Kampfe leben, bis ein neues, unbefangenes Geschlecht ihr entgegenwächst, welches allmälig, aus tausend abgeleiteten Kanälen, den Inhalt jener Quelle, schon in der Jugend, theilweise empfängt, nach und nach assimiliert und so der Wohlthat teilhaft wird, welche, von jenem großen Geiste aus, der Menschheit zufließen sollte. So langsam geht die Erziehung des Menschengeschlechts, des schwachen und zugleich widerspänstigen Zöglings des Genius. – So wird auch von Kants Lehre allererst durch die Zeit die ganze Kraft und Wichtigkeit offenbar werden, wann einst der Zeitgeist selbst, durch den Einfluß jener Lehre nach und nach umgestaltet, im Wichtigsten und Innersten verändert, von der Gewalt jenes Riesengeistes lebendiges Zeugniß ablegen wird. Ich hier will aber keineswegs, ihm vermessen vorgreifend, die undankbare Rolle des Kalchas und der Kassandra übernehmen. Nur sei es mir, in Folge des Gesagten, vergönnt, Kants Werke als noch sehr neu zu betrachten, während heut zu Tage Viele sie als schon veraltet ansehen, ja, als abgethan bei Seite gelegt, oder, wie sie sich ausdrücken, hinter sich haben, und Andere, dadurch dreist gemacht, sie gar ignorieren und, mit eiserner Stirn, unter den Voraussetzungen des alten Dogmatismus und seiner Scholastik, von Gott und der Seele weiterphilosophieren; – welches ist, wie wenn man in der neuen Chemie die Lehren der Alchemisten geltend machen wollte. – Uebrigens bedürfen Kants Werke nicht meiner schwachen Lobrede, sondern werden selbst ewig ihren Meister loben und, wenn vielleicht auch nicht in seinem Buchstaben, doch in seinem Geiste, stets auf Erden leben.1

1 Schopenhauer, Arthur: Die Welt als Wille und Vorstellung, dtv, München, 2002, S. 531 f.

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