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Im zarten Glanz der Morgenröte

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. 1. Kapitel
  7. 2. Kapitel
  8. 3. Kapitel
  9. 4. Kapitel
  10. 5. Kapitel
  11. 6. Kapitel
  12. 7. Kapitel
  13. 8. Kapitel
  14. 9. Kapitel
  15. 10. Kapitel
  16. 11. Kapitel
  17. 12. Kapitel
  18. 13. Kapitel
  19. 14. Kapitel
  20. 15. Kapitel
  21. 16. Kapitel
  22. 17. Kapitel
  23. 18. Kapitel
  24. 19. Kapitel
  25. 20. Kapitel
  26. 21. Kapitel
  27. 22. Kapitel
  28. 23. Kapitel
  29. 24. Kapitel
  30. 25. Kapitel
  31. 26. Kapitel
  32. 27. Kapitel

Über die Autorin

Lesley Pearse wurde in Rochester, Kent, geboren und lebt seit 25 Jahren mit ihrer Familie in Bristol. Ihre Romane sind in England stets auf den ersten Plätzen der Bestsellerlisten zu finden.

1. Kapitel

Rye, Sussex, August 1965

He, Mister.« Ein kleiner Junge zupfte den Polizisten am Ärmel. »Da liegt eine Frau im Fluss!«

Sergeant Simmonds stellte seine Teetasse auf die Theke der Imbissstube am Kai, blickte auf den Jungen mit den karottenfarbenen Haaren hinab und lächelte gutmütig. »Was tut sie denn, schwimmt sie, fährt sie Boot, oder besorgt sie ihre Wäsche?«

»Sie ist tot, Mister. Liegt im Schlamm!« Der Junge war höchstens sieben und trug zerrissene Shorts und ein schmuddeliges T-Shirt; seine schwarzen Turnschuhe waren schlammverkrustet, und in einem roten Spielzeugeimer zappelten eine Hand voll Würmer.

Sein Gesichtsausdruck war zu ernst für einen Streich. Er war außer Atem, und auf seiner kleinen sommersprossigen Nase standen Schweißperlen.

»Wo war denn das, Sohnemann?«

»Dahinten.« Der Junge zeigte über den Fluss, an die Stelle, wo Tillingham und Breed sich zum Flüsschen Rother vereinten und gemeinsam zum Hafen von Rye flossen. »Ich habe ein paar Würmer ausgegraben, um angeln zu gehen, und da habe ich ihre Arme gesehen.«

Es war ein herrlicher Augustmorgen. Der Nebel hatte sich bereits schnell und weit gehend zurückgezogen, und es sah ganz nach einem weiteren heißen, sonnigen Tag aus. Es war noch nicht einmal sieben, zu früh, als dass Urlauber die Ruhe am Kai gestört hätten; es würde noch Stunden dauern, bevor die Tagesausflügler in Scharen herbeiströmten, um die malerische alte Stadt zu bewundern.

Sergeant Simmonds tätschelte dem Jungen den Kopf. »Geh zum Frühstück nach Hause, Sohnemann. Überlass die Angelegenheit mir. Ich kümmere mich darum.«

»Vielleicht ist sie ja eine gestrandete Meerjungfrau?« Alf, der Besitzer der Imbissstube, beugte sich über die Theke, und auf seinem dunkelhäutigen, mageren Gesicht zeichnete sich ein boshaftes Grinsen ab. »Das wäre gut fürs Geschäft!«

»Was für eine Fantasie manche Kinder haben!« Simmonds sah dem Jungen, der zur Wish Ward hinunterlief, lachend nach. »Wahrscheinlich hat er nur ein Häufchen Treibholz gesehen. Aber ich sollte wohl mal nachsehen gehen.«

Bert Simmonds, sechsunddreißig Jahre alt, war in Rye der beliebteste Polizist. Die Männer bewunderten seine Umgänglichkeit und sein Geschick als Bowler in der örtlichen Kricket-Mannschaft, die Kinder wussten das freundschaftliche Interesse zu schätzen, mit dem er ihnen gegenübertrat, und auch die Tatsache, dass er ihre Eltern nicht immer über jede Ungezogenheit informierte – jedenfalls nicht, wenn er glaubte, dass ein scharfer Tadel stattdessen genügte. Die Frauen mochten einfach ihn; es ließ sich unbefangen mit ihm reden, und mit seinem blonden Haar und den meerblauen Augen war er attraktiv genug, um ihren Puls zu beschleunigen. Gleichzeitig war er bemerkenswert ahnungslos geblieben, was seine Wirkung auf das andere Geschlecht betraf.

Seine Liebenswürdigkeit verleitete die Menschen häufig zu der irrigen Annahme, Simmonds sei ein Weichling. In Wirklichkeit gab es in den ländlichen Gebieten von Kent und Sussex nur wenige Polizisten, die so viele Verhaftungen für sich verbuchen konnten, und noch weniger, die seine Kühnheit besaßen oder seinen scharfen Verstand.

Simmonds schlenderte ohne Hast den Kai entlang und über die Brücke. Jetzt war die Luft noch angenehm kühl. In ein oder zwei Stunden würde es heiß werden, und auf der Highstreet würde ein schreckliches Gedränge herrschen. Er liebte Rye, aber die Stadt war zu klein, um mit den Besuchermassen fertig zu werden, die sie im Sommer anzog.

Auf der anderen Seite des Flusses gab es keinen richtigen Fußweg, nur einen Pfad hinter der Wäscherei, und dieser Pfad war überwuchert mit wildem Schmetterlingsflieder und Brennnesseln. Bert musste mehrmals einen Bogen um alte Schuppen schlagen und durch Zäune kriechen, aber wenn er den bequemeren Weg über die New Winchelsea Road genommen hätte, wäre ihm möglicherweise entgangen, was der Junge gesehen hatte.

Bert blickte einen Moment lang über den Fluss. Man konnte mühelos erkennen, warum Rye so viele Touristen und Künstler anlockte. Die Boote, die am Kai vertäut lagen, die hohen, schwarzen Lagerhäuser, und dahinter dann die Stadt selbst, die sich seit dem Mittelalter mit ihren winzigen Häusern und den terrakottafarbenen Dachziegeln kaum verändert hatte.

Mit einem Lächeln ging Bert weiter und dachte dabei an die anderen »Leichen«, die ihm in der Vergangenheit gemeldet worden waren. Bei einer hatte es sich um eine wild entsorgte Schneiderpuppe gehandelt, eine andere war lediglich ein Stück Holz gewesen, dem irgendein Scherzbold alte Stiefel übergestreift hatte. Einmal hatten ihm zwei sehr ernste kleine Jungen berichtet, sie hätten einen Mann gesehen, der auf den Marschwiesen ein Baby begraben habe. Als sie Bert an die richtige Stelle geführt hatten, hatte er eine tote Katze vorgefunden. Trotzdem musste er natürlich allen Meldungen nachgehen. Jeden Sommer gab es einige Bootsunfälle, und manchmal unterschätzten Schwimmer die starke Strömung.

Zurzeit herrschte Niedrigwasser, dicker, klebriger Schlamm glänzte in der frühen Morgensonne, und der Fluss war nur ein dünnes Rinnsal in der Mitte, das sich seinen Weg zum Meer bahnte. Vor Simmonds lag die Weite der Marschwiesen, deren Eintönigkeit nur von den Ruinen von Chamber Castle und einigen Häusern der Küstenwache am Horizont unterbrochen wurde. Schafe mit schwarzen Gesichtern hatten diese Welt ganz für sich allein. Die einzigen Geräusche weit und breit waren die klagenden Rufe von Brachvögeln und Möwen.

Die zahlreichen Möwen waren es, die Simmonds veranlassten, in Laufschritt zu verfallen, als er sich den Schleusentoren des Breed näherte. Ihr Kreischen und die engen Kreise, die sie zogen, deuteten darauf hin, dass dort tatsächlich irgendetwas im Schlamm lag, und sei es auch nur ein ertrunkenes Schaf.

Dann sah er von weitem etwas Türkisfarbenes aufblitzen. Es lag auf einem hohen, dreieckigen Schlammwall zwischen den beiden Zuflüssen und zeichnete sich leuchtend gegen den braunen Schlick ab. Vier oder fünf Möwen hatten sich darauf niedergelassen und hieben mit den Schnäbeln wild darauf ein; weitere Möwen schossen bereits wie Kampfflugzeuge herab.

»Weg mit euch, ihr Brut«, rief er und warf einen Stein nach den Vögeln. Kreischend vor Enttäuschung darüber, von ihrem Frühstück ablassen zu müssen, flogen die Tiere auf. Und Simmonds blieb wie angewurzelt stehen. Vor Entsetzen.

Der Junge hatte Recht. Es war eine Frau. Und Bert wusste instinktiv, um wen es sich handelte, obwohl ihr Gesicht halb im Schlamm steckte, sodass der Kopf nur von hinten zu sehen war. Die Wölbung ihrer Hüften, das wohl gerundete Gesäß und die langen, schlanken Beine verrieten sie sofort.

»Oh nein, nicht du, Bonny«, flüsterte er und kämpfte gegen die Übelkeit an. »Nicht so!«

Er kannte das Procedere, dem er nun gehorchen musste: Hilfe holen, bevor er sie auch nur anrührte. Aber etwas drängte ihn, zu ihr zu gehen und zu verhindern, dass die Möwen sich noch einmal an ihr vergreifen konnten. Er legte seine Jacke ab, ließ sich über die Kante des Steilufers hinab und schob sich unten im Flussbett zentimeterweise vorwärts.

Während seiner fünfzehn Jahre bei der Polizei von Rye hatte diese Frau es fertig gebracht, ihn das gesamte Spektrum der Gefühle durchleben zu lassen. Er hatte sie bewundert, begehrt und, in jüngerer Zeit, verachtet und bemitleidet. Als junger Constable war er von ihrer sinnlichen Schönheit bis in seine Träume verfolgt worden.

Jetzt zeigten ihre Oberschenkel und Arme die Spuren grausamer Schnabelhiebe, und als wieder eine Möwe herabstieß, um sich an der Leiche gütlich zu tun, stürzte er auf den Vogel zu.

»Weg mit euch, ihr verfluchten Aasgeier! Lasst sie in Ruhe«, schrie er, während seine Füße immer tiefer in den Schlick einsanken.

Die Ankunft eines Wagens auf der Brücke am Schleusentor brachte Simmonds wieder zur Besinnung. Als er sich umdrehte und die Constables Higgins und Rowe über den Zaun klettern sah, wurde ihm bewusst, dass er ohne Sicherung durch ein Seil ohne weiteres bis zur Taille in den Schlamm einsinken konnte.

»Wir gehen einem Anruf nach«, rief Higgins. »Ein alter Mann war mit seinem Hund unterwegs und hat etwas gesehen. Wir haben Watstiefel mitgebracht, für alle Fälle. Haben Sie schon eine Ahnung, wer es ist?«

»Bonny Norton«, rief Simmonds zurück, während er sich gleichzeitig bemühte, festen Boden unter die Füße zu bekommen und seine Fassung wiederzugewinnen. »Wir müssen sie hier rausholen, bevor sich die Schaulustigen einfinden. Zieht die Watstiefel an und bringt Seil und Bretter mit.«

Es war leicht obszön, eine so schöne Frau an den Füßen aus dem Schlamm zu ziehen. Da ihr Kleid sich im Schlick festgesogen hatte, wurde ihr Körper, nach dem es so viele Männer gelüstet hatte, auf intimste Weise entblößt. Der Fluss hatte ihren Spitzenschlüpfer schmutzig braun gefärbt, und ihre goldene Haut war dreckverkrustet. Aber als sie schließlich festeren Grund erreichten und sie umdrehten, löste sich eine Brust aus ihrem Mieder, makellos weiß, mit einer rosigen Spitze, klein und perfekt. Alle drei Männer wandten verlegen den Blick ab.

Higgins rührte sich als Erster und breitete eine Decke über sie. »Was zum Teufel hat sie bloß am Fluss zu suchen gehabt?«, fragte er mit belegter Stimme.

Rowe zuckte die Schultern. Er war einige Jahre jünger als seine Kollegen, ein mürrischer Mann ohne jedes Einfühlungsvermögen, der noch nicht lange genug in Rye war, um Bonny in ihren besseren Zeiten gekannt zu haben. »Sie war vermutlich wie immer betrunken.«

Um zwölf Uhr mittags am selben Tag trat Bert Simmonds aus der Polizeiwache und zündete sich eine Zigarette an. Er brauchte ein wenig Zeit allein, um sich zu sammeln.

Die Wache lag auf dem Church Square, direkt gegenüber der Pfarrkirche: ein kleines viktorianisches Gebäude aus roten Ziegelsteinen, das ein wenig abseits der anderen Häuser in der Reihe lag, beinahe als müsste es sich dafür entschuldigen, dass es die Dreistigkeit besessen hatte, sich inmitten seiner Nachbarn aus dem vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert breit zu machen. In der Cinque Port Street in der Nähe des Bahnhofs wurde zurzeit eine neue Polizeiwache gebaut. Obwohl Bert diese Neuerung aus praktischen Gründen willkommen war, wusste er doch, dass er den friedlichen Kirchhof vermissen würde, den herrlichen Ausblick auf die Marschwiesen von den hinteren Räumen der Wache aus und die zentrale Lage. Aber heute war er in Gedanken nicht bei der Schönheit seiner Umgebung, wie es sonst geschah, wenn er hier seine Pause verbrachte. In seinem Kopf war nur Platz für Bonny.

Die Entdeckung ihrer Leiche war eins der dramatischsten Ereignisse in seiner ganzen Laufbahn. Jetzt stand er vor der Notwendigkeit, ihrer Tochter die Nachricht zu überbringen.

Es war so furchtbar heiß. Sein Hemd war feucht vom Schweiß, und seine Sergehose, die noch immer nach dem Schlick des Flusses stank, klebte ihm an den Beinen.

»Wie bringt man einer Fünfzehnjährigen so etwas schonend bei?«, seufzte er.

Bonny hatte vom ersten Tag im Sommer des Jahres 1950 an, als sie mit Ehemann und Baby in das hübsche Haus in der Mermaid Street gezogen war, Eindruck auf die Stadt gemacht. Das hatte nicht nur daran gelegen, dass sie erst einundzwanzig und atemberaubend schön gewesen war oder dass ihr ernst dreinblickender, viel älterer Ehemann über genügend Vermögen verfügt hatte, um für die Renovierung des Hauses Handwerker einzustellen. Nein, Bonny war einfach in jeder Hinsicht etwas Besonderes gewesen.

Sie hatte den Sprung nach vorn verkörpert, den Entwicklungsschub, der das Land von den spartanischen, vom Krieg gezeichneten Vierziger- bis zum Beginn der Fünfzigerjahre gebracht hatte. Ihr blondes Haar war reiner Hollywood-Glamour gewesen, sie hatte leuchtend bunte, eng anliegende Pullover getragen, wadenlange, nicht minder enge Röcke und hohe Absätze. Der Anblick ihres strammen, runden Hinterns, den sie provozierend wiegte, wenn sie ihr Baby im Kinderwagen über die Straße schob, genügte, um den Verkehr zum Erliegen zu bringen, und die Unbekümmertheit, mit der sie von ihrer Zeit in den Westend-Theatern erzählte, verschlug ihren bürgerlicheren Nachbarn vor Erstaunen schier den Atem. Manche glaubten nicht wirklich, dass sie Tänzerin gewesen war, aber diesem Gerücht schob sie schon bald einen Riegel vor, indem sie sich einer Gruppe von Amateurschauspielern anschloss und die Mädchen aus dem Ort neben ihr wie Ackerpferde aussehen ließ. Der Dienst habende Sergeant fasste das Phänomen Bonny Norton mit den wohl gewählten Worten zusammen: »Ich habe Bilder von Mädchen gesehen, die man ›Sexbomben‹ nennt, aber bevor ich Bonny Norton begegnet bin, dachte ich immer, das sei lediglich ein fotografischer Trick.«

Bonny war ein Rätsel: ein Pin-up-Girl auf der einen Seite, aber eine liebende Ehefrau und Mutter auf der anderen – zumindest in jenen Tagen. Während die Männer John Norton beneideten und insgeheim seine Frau begehrten, waren ihre Gattinnen darauf aus, sich mit Bonny anzufreunden und zu versuchen, ihren Stil nachzuahmen.

Bert musste sich mehr als jeder andere den Vorwurf gefallen lassen, sie sich zu genau angesehen zu haben, als sie damals in der Stadt erschien. Auch er war zu jener Zeit erst einundzwanzig gewesen, der jüngste Constable auf der Wache, ein schüchterner, ziemlich unbeholfener junger Bursche. Es vergingen gut zwei Jahre, ohne dass er den Mut aufgebracht hätte, sie auch nur anzusprechen. Dann patrouillierte er eines Sommertages durch die Mermaid Street und schloss auf der Türschwelle der Nortons mit Bonnys inzwischen drei Jahre alter Tochter Camellia Bekanntschaft.

Sie spielte dort mit ihren Puppen, ein seltsames kleines Mädchen, sehr reizlos, wenn man die Schönheit seiner Mutter bedachte, mit glattem, dunklem Haar und mandelförmigen, dunkelbraunen Augen, die älter wirkten, als es ihren Jahren nach sein sollte. Bert vermutete damals, dass sie sich ein wenig einsam fühlte; er hatte sie nie mit anderen Kindern spielen sehen. An jenem Tag blieb er stehen, um mit ihr zu plaudern, und es dauerte nicht lange, bis ihre Gespräche ein fester Bestandteil seiner Runde wurden. Sie erzählte ihm, wo sich ihr Daddy auf seinen Geschäftsreisen aufhielt, und zeigte ihm ihre Puppen und Bücher. Bert brachte ihr häufig einige rationierte Süßigkeiten mit.

Berts erste Einladung in das Haus der Nortons war ihm unauslöschlich ins Gedächtnis gebrannt, vielleicht weil dies die erste Gelegenheit gewesen war, bei der er die drei als Familie wirklich aus der Nähe gesehen hatte. Es war an einem heißen Sommerabend gewesen, und wie immer hatte er sich länger als nötig in der Mermaid Street herumgetrieben.

Camellia saß in einem langen, rosafarbenen Nachthemd auf der Türschwelle, mit einer kleinen Puppe in den Händen. Als sie Bert kommen sah, verzog sie das ernste Gesicht zu einem breiten, frohen Lächeln. »Mein Daddy ist nach Hause gekommen«, verkündete sie.

»Ach ja?« Bert ging neben ihr in die Hocke. John Norton war als einer der wichtigsten Wissenschaftler von Shell Petroleum häufig im Nahen Osten unterwegs.

»Daddy hat mir ein paar neue Sachen für mein Puppenhaus mitgebracht. Willst du sie mal sehen?«

Plötzliches Gelächter aus dem Haus verriet Bert, dass die Nortons Besuch hatten. Er wollte sich gerade mit einer Entschuldigung wieder auf den Weg machen, als Mr. Norton in der Tür erschien. »Schlafenszeit, Melly«, sagte er und nahm das kleine Mädchen auf die Arme.

John Norton galt in Rye als ein »echter Gentleman«. Er war stets untadelig gekleidet mit seinen maßgeschneiderten Anzügen, sein dunkles Haar glatt gekämmt, sein Schurrbart säuberlich gestutzt, seine Stimme tief und doch sanft. Viele Frauen verglichen ihn mit dem Schauspieler Ronald Coleman. Sein Gesicht war zu mager, und er gab sich zu ernst, um als wirklich attraktiv gelten zu können, aber er besaß einen recht einnehmenden Charme. Er zog den Hut vor den Damen, vergaß die Namen derjenigen nicht, die er einmal kennen gelernt hatte, und erkundigte sich nach deren Familien, wenn er sie wiedertraf. Die Händler aus dem Ort brauchten ihm niemals Mahnungen zu schicken, damit er seine Rechnungen bezahlte. Er war höflich zu jedermann, wie bescheiden dessen Status im Leben auch sein mochte, und er war auf eine Art und Weise in der Gemeinschaft aufgenommen worden, wie es ein neu Zugezogener nur selten erlebte.

»Das ist Mr. Simmonds, mein Freund«, erklärte Camellia, die mit dem Schnurrbart ihres Vaters spielte. »Darf er reinkommen und sich mein Puppenhaus ansehen?«

»Ich habe schon eine Menge von Ihnen gehört, Mr. Simmonds«, sagte Mr. Norton, und er lächelte dabei, als gefiele ihm, was er gehört hatte. »Es freut mich, Sie endlich einmal kennen zu lernen. Im Haus herrscht wie immer ein Heidengedränge, aber kommen Sie doch bitte herein. Meine Frau würde Sie sicher auch sehr gern kennen lernen. Vielleicht lässt sich Camellia ja überreden, schlafen zu gehen, wenn sie Ihnen erst einmal ihre neuen Schätze gezeigt hat.«

Bert hatte das Innere des Hauses noch nie zuvor gesehen. Es war genauso vollkommen, wie er es sich vorgestellt hatte.

Das ganze Erdgeschoss war ein einziger großer Raum mit poliertem Eichenparkett, dicken Fransenteppichen und antiken Möbeln. Alles strahlte jene dezente, vornehme Perfektion aus, mit der reiche Menschen ihr Zuhause einzurichten pflegten. Für Bert waren die Freunde der Nortons allesamt Fremde mit sonoren Stimmen, sechs Paare insgesamt, die, elegant gekleidet, mit Drinks in den Händen zusammenstanden. Als John ihn in der Runde vorstellte, lächelten sie, aber Bert fühlte sich trotzdem unbehaglich.

Bonny stand am anderen Ende des Raumes und entzündete lange grüne Kerzen auf dem Esstisch, der mit silbernem Besteck, gestärkten Servietten und Blumen fürs Abendessen gedeckt war. Hinter dem Tisch gaben geöffnete Fenster den Blick auf einen kleinen ummauerten Garten frei. Für Bert, der nur an Kantinen und Fernfahrercafés gewöhnt war, wirkte das Ganze wie aus einer Filmkulisse.

Bonny drehte sich um, um ihn zu begrüßen; sie war ein wenig unsicher auf den Füßen, als hätte sie bereits einige Drinks gehabt. »Dann lernen wir also endlich den Polizistenfreund unserer Kleinen kennen! Wir haben nicht erwartet, dass Sie so jung und so attraktiv sein würden«, fügte sie hinzu, und Bert errötete vor Verlegenheit. »Ich hoffe, sie hat Sie nicht belästigt, Mr. Simmonds. Sie ist mir sehr ähnlich und geht davon aus, dass jeder ihr zu Füßen liegt. Also, darf ich Ihnen einen Drink anbieten?«

Es wäre für jeden Mann schwer gewesen, Bonny Norton nicht zu Füßen zu liegen, insbesondere an diesem Abend. Sie trug ein locker fallendes blaues Kleid mit ausgestelltem Rock, und ihre nackten Arme waren goldbraun von der Sonne. Aus dem zu einer Hochfrisur gekämmten Haar lösten sich einzelne Strähnen und lockten sich um ihren Hals und ihre Ohren. Ihre Wangen waren von der Hitze gerötet.

»Ich bin im Dienst«, brachte er mit Mühe heraus, denn plötzlich war ihm sein schwerfälliger, ländlicher Akzent schmerzlich bewusst. Er hatte gerüchteweise gehört, dass die Nortons bisweilen auch adelige Gäste bewirteten. »Ich sehe mir schnell Camellias Puppenhaus an, dann bin ich Ihnen nicht länger im Weg.«

Camellias Kinderzimmer war das hübscheste, das Bert je gesehen hatte: ein weißes Himmelbett, Puppen, Teddybären und Regale voller Bücher, ein dicker Teppich und ein Polstersessel am Fenster mit Blick über die Dächer und die Marsch hinweg bis nach Winchelsea.

Camellia hüpfte durch den Raum und blieb vor dem großen, im Stil des achtzehnten Jahrhunderts gehaltenen Puppenhaus stehen. John lächelte Bert an. »Ich freue mich, dass ich endlich Gelegenheit habe, mich bei Ihnen dafür zu bedanken, dass Sie so nett zu Camellia sind«, bemerkte er mit echter Herzlichkeit. »Ich bin so viel auf Reisen, da ist es schön zu wissen, dass sie hier einen Freund hat.«

»Sie ist ein entzückendes Kind.« Der andere Mann war Bert sofort sympathisch. »Und sie zählt die Tage, bis Sie nach Hause kommen!«

»Komm, Mr. Simmonds«, mahnte Camellia seine Aufmerksamkeit an. »Das hier sind die neuen Sachen, die ich heute bekommen habe – das Klavier, die Dame, die daran sitzt, und das Zimmermädchen mit dem Teewagen.«

Für einen Mann von einfachem Geschmack wie Bert war das Puppenhaus mit seinem Inhalt kein Spielzeug, sondern ein Kunstwerk. Alle Möbel entsprachen dem Maßstab eines echten Hauses. Die Sessel waren chintzbezogen, und es gab Tischlampen und sogar Teller auf dem Esstisch.

Camellia griff nach dem Klavier und drückte es Bert in die Hand. Diese winzige Kopie eines echten Flügels musste ein kleines Vermögen gekostet haben.

»Man kann sogar darauf spielen«, erzählte sie andächtig, während sie mit einem Finger darauf herumklimperte. »Daddy schenkt mir die schönsten Sachen auf der ganzen Welt.«

Kurz nach jenem Abend im Haus der Nortons fand Bert heraus, dass Bonny sich einen Spaß daraus machte, ihn zu reizen. Sie spürte, dass er sich in sie verliebt hatte, und nutzte es zu ihrem Vorteil.

Häufig lud sie ihn zu einer Tasse Tee ein, und jedes Mal stellte sich heraus, dass sie irgendeine kleine Arbeit hatte, die er verrichten sollte, ein Möbelstück verrücken zum Beispiel. Das störte Bert zwar nicht im Mindesten, aber sie stellte ihm oft sehr persönliche Fragen, und manchmal hatte er das Gefühl, dass sie förmlich darauf wartete, dass er einen Annäherungsversuch unternahm. Eines sonnigen Nachmittags, als sie mit dem Tee in den Garten hinausgegangen waren, streifte Bonny plötzlich ihr Strandkleid ab. Darunter trug sie einen winzigen Bikini, etwas, das Bert zuvor nur auf gewissen Bildern in den Zeitschriften gesehen hatte.

»Na?«, fragte sie mit einem provokanten Schmollmund, während sie ihr Haar anhob und wie ein Model posierte. »Steht er mir?«

Sofort stieg ein Gefühl der Erregung in Bert auf. Schon im bekleideten Zustand war sie sensationell; fast nackt war sie umwerfend: eine schmale Taille, lange, schlanke Beine und ein kecker, wohl gerundeter Hintern. Hastig trank er seinen Tee aus, brach mit der denkbar dürftigsten Entschuldigung eilends auf – und verwünschte sich die nächsten paar Tage dafür, dass er nicht einmal den Mut aufgebracht hatte, ihr ein Kompliment zu machen. Natürlich wagte er es nicht, seinen Freunden im Revier von seiner wachsenden Leidenschaft für sie zu erzählen. Superintendent Willis war ein guter Freund von John Norton, und Bert wusste, dass er seinen Job sofort los gewesen wäre, hätte Willis davon Wind bekommen.

Als John in die Kricket-Mannschaft eintrat, wuchs Berts Verlegenheit noch. Mit einem Mal war Bonnys Mann keine schemenhafte Gestalt im Hintergrund mehr, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut, der offensichtlich engen Kontakt zu der kleinen Gemeinde wünschte. Bert schätzte den stillen Humor des anderen, seine Intelligenz und den absoluten Mangel an Snobismus, und wären da seine Gefühle für Bonny nicht gewesen, hätte sich gewiss eine enge Freundschaft zwischen ihnen entwickelt. Bei ein paar Gläsern Bier nach einem Spiel sprach John gelegentlich von seiner Frau und seiner Tochter, und es war unverkennbar, dass die beiden für ihn das Wichtigste auf der Welt waren. Einmal vertraute er Bert an, von Somerset nach Rye gezogen zu sein, weil er es nicht gewagt hatte, seine junge Frau an einem so einsamen Ort allein zu lassen. Ein so lebhafter Mensch wie Bonny, fand er, brauche Leute um sich, Geschäfte, Kinos, Abwechslung. Es bereite ihm große Sorgen, dass er so häufig geschäftlich unterwegs sei. Bert hatte den Eindruck, dass John ihn unausgesprochen bat, ein Auge auf seine Frau und seine Tochter zu haben.

Bert gab sich große Mühe, in Bonny lediglich die Frau eines Freundes zu sehen, aber es gelang ihm nicht. Immer wieder erwachte er aus lebhaften, erotischen Träumen von ihr, die ihn jedes Mal mit tiefer Scham erfüllten. Sein Herz schlug sogar schneller, wenn er sie in der Ferne sah, und er wusste, dass er sich immer wieder Ausreden ausdachte, um dem Haus in der Mermaid Street einen Besuch abzustatten.

Es war eine verwirrende und gefährliche Sucht und umso schlimmer, als er wusste, dass sie sich über seine Gefühle absolut im Klaren war. Sie musterte ihn mit ihren koketten türkisfarbenen Augen, die Lippen, die so sehr zum Küssen einluden, provozierend gespitzt, und hielt seine Hand gerade eine Spur zu lange fest.

Bisweilen ging sie noch ein wenig weiter, um ihn in Versuchung zu führen; sie befestigte in seiner Gegenwart ihre Strumpfhalter, beugte sich vor, sodass er tiefen Einblick in ihr Dekolletee nehmen konnte, und einmal öffnete sie ihm, nur mit einem Handtuch bekleidet, die Tür. Was Bert jedoch wirklich verwirrte, war die Frage, warum sie so mit ihm spielte. Denn sie hatte doch alles, was eine Frau sich nur wünschen konnte.

Jetzt, etwa zehn Jahre später, kannte Bert die Antwort auf diese Frage. Bonny Norton war eine jener Frauen gewesen, die zur Befriedigung ihres Egos stets einige Bewunderer brauchten, die in ihren Netzen zappelten. Wenn John nicht so früh gestorben wäre, wäre sie dieser Gewohnheit vielleicht entwachsen und hätte begriffen, wie ungeheuer glücklich sie sich schätzen konnte. Aber als John unerwartet starb, war Bonny mit ihren siebenundzwanzig Jahren zu jung für die Witwenschaft gewesen und zu flatterhaft, um allein ein Kind großziehen zu können.

»Arme Camellia«, murmelte Bert. »Als hättest du nicht schon genug durchgemacht!«

2. Kapitel

Einen Penny für Ihre Gedanken, Sarge. Sie haben wohl gerade überlegt, ob Sie Ihren Lottoschein abgegeben haben, hm?«

Sergeant Simmonds zuckte zusammen, als Constable Carter ihn von hinten ansprach.

Wendy Carter war schon seit einigen Jahren bei der Truppe, arbeitete aber erst ein knappes Jahr in Rye. Sie war eine hervorragende Polizistin, mitfühlend, scharfsinnig und mit einem trockenen Sinn für Humor. Bert vermutete, dass sie es weit bringen würde. Aber sie hatte keine Ahnung von der Familiengeschichte der Nortons oder von seiner eigenen Verstrickung in diese Geschichte.

»Nichts so Triviales«, erwiderte er. »Ich habe an Bonny gedacht, wie sie früher einmal war. Und ich wünschte, nicht ausgerechnet ich müsste Melly die Nachricht überbringen.«

Wendy Carter sah ihn verwirrt an.

»Melly! Ich dachte, sie hieße Camellia?«

»Ihr Vater nannte sie Melly«, seufzte er. »Wahrscheinlich dreht er sich gerade im Grab um. Er hat mich vor Jahren gebeten, auf seine Frau und seine kleine Tochter aufzupassen. Ich habe meine Sache nicht besonders gut gemacht.«

Als sie zusammen entlang der East Street in Richtung High Street gingen, beobachtete Wendy den Sergeant aus den Augenwinkeln. Bert Simmonds war der Typ Mann, den sie gern geheiratet hätte. Stark, verlässlich, gutmütig und einfühlsam. Mit sechsunddreißig stand er in der Blüte seiner Jahre, hatte einen kräftigen, muskulösen Körper und von der Sonne gesträhntes blondes Haar, das er gerade eine Spur länger trug, als die Vorschriften es erlaubten. Man konnte ihn nicht direkt attraktiv nennen, aber er hatte ein nettes Gesicht, das von Zeit und Erfahrung gezeichnet war, und seine Augen waren graublau wie das Meer an einem trüben Tag. Sandra Simmonds hatte großes Glück gehabt, fand Constable Carter. Sie selbst hätte jedenfalls nichts dagegen gehabt, mit Bert das Bett zu teilen.

Wendy war nicht der Typ, dem die Männer nachpfiffen. Sie war eine reizlose, untersetzte Frau von neunundzwanzig Jahren mit mausbraunem Haar und Stupsnase, die sich auf ihren Verstand und ihr fröhliches Wesen verlassen musste, um Freunde zu finden, und diese Eigenschaften schienen sie bei Männern nicht allzu weit zu bringen.

Bonny Norton dagegen hatte nur mit den Fingern schnippen müssen, und die Männer waren ihr nachgelaufen. Wendy hatte die Frau viele Male gesehen, und wie fast alle anderen Menschen war sie von ihr fasziniert gewesen. Wenn man den Gerüchten Glauben schenken konnte, war Bonny stets in allem die Erste gewesen, die Erste, die damals in den Fünfzigern einen Bikini getragen hatte, die erste Erwachsene, die den Hula-Hopp-Reifen zu beherrschen lernte, und erst vor kurzem die erste Frau über dreißig, die es wagte, die neuen kurzen Röcke zu tragen. Eine solche Kühnheit konnte Wendy nur bewundern.

Vielleicht würde sie noch heute Abend herausfinden, ob all die Geschichten über Bonny Norton der Wahrheit entsprachen. Gewiss konnte keine Frau von sechsunddreißig Jahren all die Dinge getan haben, die man sich über sie erzählte: dass sie einen Hollywood-Vertrag abgelehnt hatte, um John Norton zu heiraten, dass sie sechs Jahre später Witwe geworden war und anschließend eine halbe Million Pfund vergeudet hatte. Es hieß, sie hätte die halbe männliche Bevölkerung der Stadt verführt, die Pubs leer getrunken und das Ganze schließlich mit dem Selbstmord im Fluss beendet! Warum sollte eine Frau in einem verschlafenen kleinen Provinznest wie Rye bleiben, wenn sie wirklich all das war, was man von ihr behauptete?

Als sie die Bäckerei der Rowlands erreichten, krampfte Berts Magen sich zusammen. Er konnte Camellia hinter der Theke sehen, wie sie fröhlich klappernd einem Kunden Kuchen servierte. Irgendwie wirkte der Kontrast zwischen diesem reizlosen, dicken Mädchen und seiner schönen, schlanken, blonden Mutter jetzt, da Bonny im Leichenschauhaus lag, noch krasser.

Camellia war groß, gut einen Meter siebzig, und sie wog mindestens fünfundsiebzig Kilo. Sie hatte ein blasses, teigiges Gesicht mit dunklen, mandelförmigen Augen, die fast im Fleisch untergingen. Das glatte dunkelbraune Haar hatte sie sich wenig schmeichelhaft mit einer Spange am Hinterkopf zusammengebunden, sodass die breite Stirn noch betont wurde. Auch der rosa-weiß karierte Overall, den sie trug, war ein Missgriff. Er war zu eng, und wo immer er sich an ihren Körper schmiegte, kamen Fleischwülste zum Vorschein.

Als er in der Tür erschien, zeichnete sich auf Camellias Gesicht ein breites, herzliches Lächeln ab. Sie freute sich immer, Bert zu sehen, und hatte ihn während ihrer ganzen Kindheit als einen besonderen Freund betrachtet, auch wenn sie ihn inzwischen nicht mehr duzte. Heute traf ihre Begrüßung ihn bis ins Mark.

»Hallo, Mr. Simmonds. Was darf es denn sein? Wir haben ein paar wunderbare Hühnerpasteten da. Sind gerade frisch aus dem Ofen gekommen.«

Man musste es dem Mädchen hoch anrechnen, dass es versuchte, sich dem schlechten Ruf seiner Mutter zum Trotz zu behaupten. Camellia arbeitete hart, sie war immer fröhlich, und Mrs. Rowlands zufolge war sie auch sehr ehrlich. Letzteres schien die Bäckersfrau mehr zu überraschen als alles andere.

»Nichts, vielen Dank.« Bert errötete. Bis zu diesem Augenblick hatte er nicht darüber nachgedacht, wie er es anstellen sollte, mit Camellia unter vier Augen zu sprechen. »Ist Mrs. Rowlands in der Nähe?«

Noch bevor er seinen Satz beendet hatte, kam Enid Rowlands aus der Bäckerei herein und wischte sich die mehlbestäubten Hände an ihrer weißen Schürze ab. Sie war der Inbegriff einer Bäckerin, so dick und rund wie einer ihrer eigenen Doughnuts und mit einem allzeit geröteten Gesicht, das von grauem, gelocktem Haar umrahmt wurde.

»Hallo, Bert«, grüßte sie, und ihre hellen Knopfaugen leuchteten bei der Aussicht auf ein wenig Klatsch und Tratsch auf. »Was ist denn heute Morgen am Fluss los gewesen? Ich habe alle möglichen Gerüchte gehört.«

Enid lebte für Klatsch und Tratsch. In Rye geschah nichts, ohne dass sie alle Einzelheiten in Erfahrung brachte. Bert kam der leise Verdacht, dass sie Camellia vielleicht nur deshalb für die Sommerferien eingestellt hatte, weil sie hoffte, auf diese Weise etwas Vertrauliches über Bonny in Erfahrung zu bringen.

»Eigentlich bin ich hier, um mit Camellia zu sprechen«, antwortete er mit gesenkter Stimme und betete, dass Enid den Wink verstand. »Am besten draußen. Constable Carter wird alles erklären.«

In Enids Augen flackerte sofort Verdacht auf. Sie warf einen Blick auf ihre Angestellte, die gerade eine Kuchenschachtel für einen Kunden füllte, dann sah sie wieder zu Bert hinüber. »Was hat sie angestellt?«, flüsterte sie kaum hörbar.

Bert legte einen Finger an die Lippen und flehte Mrs. Rowlands mit den Augen an, ein wenig Takt zu zeigen.

Enid schien verwirrt zu sein, trat aber auf das junge Mädchen zu und nahm ihm die Kuchenschachtel ab. »Ich mache hier weiter. Mr. Simmonds möchte ein paar Worte mit dir reden. Ihr könnt in den Garten gehen.«

Camellia war offensichtlich vollkommen ahnungslos und schenkte Bert ein dankbares Lächeln, weil er sie aus dem drückend heißen Laden befreit hatte. »Es tut so gut, für ein Weilchen rauszukommen«, stöhnte sie, als sie kurz darauf im Freien waren. Sie ließ sich im Schatten auf eine kleine Holzbank fallen und fächelte sich mit der Hand Luft zu. »Da drin sind es schon fast dreißig Grad, und ich stehe seit sieben Uhr heute Morgen im Laden.«

Bert schaute sie voller Mitgefühl an; er sah mehr als nur den übergewichtigen Körper. Melly hatte eine gewisse Haltung, die nicht einmal die Demütigungen, die sie ihrer Mutter verdankte, hatten beeinträchtigen können. Wenn nur irgendjemand sie unter seine Fittiche nähme, ihr gut zuredete, den Babyspeck abzustreifen, und ihr ein paar anständige Kleider kaufte, könnte sie durchaus passabel aussehen. Sie war intelligent, hatte ein hübsches Lächeln und wusste sich sogar gewählt auszudrücken. Alles, was sie brauchte, war jemand, der sich ihrer annahm.

»Kein Wunder, dass Mrs. Rowlands sonst niemanden finden konnte, der diesen Sommer in ihrem Laden arbeiten wollte«, bemerkte sie mit einem Lachen, das kleine, sehr weiße Zähne freigab. »Ich war so dankbar für den Job, dass ich überhaupt nicht darüber nachgedacht habe, warum ihn sonst niemand wollte.«

Normalerweise waren die Leute nervös, wenn Bert mit ihnen sprechen wollte, und bei jeder anderen Gelegenheit hätte er Camellias Freimütigkeit erfrischend gefunden. »Du machst deine Sache sehr gut«, sagte er, um ihr ein wenig Selbstbewusstsein einzuflößen. »Ich bin davon überzeugt, Mrs. Rowlands hat dich ausgesucht, weil sie wusste, dass du hart arbeiten würdest.«

Es folgte eine kurze Pause, während derer Camellia sich weiter Luft zufächelte. Bert starrte einen Stapel mit Backblechen an und wünschte, Wendy Carter käme heraus, um ihm zu helfen.

»Weswegen wollten Sie mich sprechen, Mr. Simmonds?«, fragte Camellia plötzlich.

Bert holte tief Luft. Noch nie hatte er einem so jungen Menschen die Nachricht vom Tod eines Angehörigen überbringen müssen, und ihm fehlten die Worte. »Es geht um deine Mum«, brachte er schließlich hervor.

Ihr Gesicht bewölkte sich. Sie sah auf einmal aus wie die Mutter eines schwierigen Kindes, die mit dem Schlimmsten rechnet, sobald dessen Name erwähnt wird. »Was hat sie jetzt wieder angestellt?«

Bert hätte am liebsten Wendy laut zu Hilfe gerufen. Sie hätte hier sein sollen, an seiner Seite, um die Art von Trost zu spenden, die nur eine Frau geben konnte. Aber er wusste, dass sie sich absichtlich fern hielt, weil sie glaubte, er allein könne dem jungen Mädchen die Nachricht schonender beibringen als sie beide zusammen.

Bert stand auf, hockte sich vor Camellia hin und umfasste ihre Hände. »Es tut mir Leid, Melly«, begann er. »Es gibt keine sanfte Art, dir zu sagen, was ich zu sagen habe, deshalb werde ich ohne Umschweife zur Sache kommen.« Er hielt inne, sein Mund war trocken und sein Magen immer noch verkrampft. »Deine Mum ist tot, Liebes. Es tut mir furchtbar Leid.«

Zuerst reagierte sie überhaupt nicht. Ihr dickes, blasses Gesicht blieb vollkommen ausdruckslos, so nichts sagend wie die Brötchen im Schaufenster der Bäckerei.

»Das ist unmöglich. Sie ist in London.« Camellia legte den Kopf zur Seite, sah ihm in die Augen und ließ den Blick dann auf seine Hände sinken, die ihre umfasst hielten.

»Sie ist hier gestorben, in Rye«, erwiderte Bert, der am liebsten alles in einem einzigen Atemzug hervorgestoßen hätte. »Sie ist im Fluss ertrunken, ganz früh heute Morgen.«

Zu Berts Erstaunen lachte Camellia, und ihr Doppelkinn bebte. »Reden Sie keinen Unsinn, Mr. Simmonds!«, rief sie. »Sie haben die Falsche erwischt. Meine Mum würde niemals auch nur in die Nähe eines Flusses gehen. Sie ist in London.«

Manche Menschen nahmen etwas, das sie nicht wahrhaben wollen, einfach nicht zur Kenntnis, das wusste Bert, aber von Camellia hatte er dieses Verhalten nicht erwartet. »Melly, ich habe sie selbst aus dem Wasser gezogen. Meinst du nicht, dass ich sie gut genug kenne, um sie zu identifizieren?«

Schweigen. Kein Wort von ihr, nicht einmal eine Regung. Ihr Blick war auf irgendetwas oberhalb seines Kopfes gerichtet und vollkommen starr. Er hoffte, dass sie sich an ihre enge Freundschaft erinnerte, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war, an die Kricketspiele, die sie sich mit Bonny zusammen angesehen hatte und bei denen sie ihm und John gleichermaßen applaudiert hatte. Wahrscheinlich aber würde sie sich eher an die Zeiten erinnern, da sie ihre Mutter in betrunkenem Zustand mit ihm hatte flirten sehen, oder an die Nächte, in denen er in seiner offiziellen Eigenschaft als Polizist erschienen war, weil sie die Nachbarschaft mit überlauter Musik belästigt hatte. Jetzt wünschte er, sie würde etwas sagen, irgendetwas. Er wusste nicht, ob sie seine Worte wirklich aufgenommen hatte.

Langsam löste sich die Starre ihres Gesichts. Zuerst öffnete sich der breite Mund, die Augen schlossen sich, dann quollen Tränen unter ihren Lidern hervor. Sie formten sich zu winzigen diamanthellen Tropfen auf ihren teigigen Wangen und rollten ihr eine nach der anderen übers Kinn.

»Wer war es?«, stieß sie heiser hervor. »Wer hat ihr das angetan?«

Bert konnte sie nur in die Arme schließen, sie an sich ziehen und hoffen, er würde die richtigen Worte finden. »Wir glauben nicht, dass eine zweite Person beteiligt war«, flüsterte er in ihr Haar. »Wir nehmen an, deine Mum ist in den Fluss gesprungen, Liebes, weil sie so unglücklich war. Es hat ihr niemand Gewalt angetan …«

»Sie irren sich.« Camellia schüttelte heftig den Kopf und befreite sich aus seiner Umarmung. »Mummy war immer glücklich, wenn sie nach London gefahren ist, und sie hatte Angst vor dem Wasser. Sie wäre niemals in einen Fluss gesprungen.«

Bonny hatte stets gern von dem Tag erzählt, an dem sie als Kind beinahe ertrunken wäre. Bert hatte die Geschichte aus ihrem eigenen Mund gehört und konnte sich ohne weiteres den breiten, eiskalten Fluss in Sussex und Bonnys heldenhafte Rettung durch ihre Jugendliebe vorstellen. Er hatte dem Polizeiarzt gegenüber sogar ihre Angst vor dem Wasser als Grund dafür genannt, warum sie seiner Meinung nach ihrem Leben nicht auf solche Weise ein Ende gesetzt hatte. Der Arzt hatte ihm jedoch widersprochen und erklärt, dieser Umstand sei ein weiterer Hinweis auf die Depression, unter der sie gelitten habe.

»Es kommt manchmal vor, dass Menschen plötzlich nicht mehr weiterwissen.« Bert versuchte, dem Mädchen zu erklären, was er zuvor von dem Arzt erfahren hatte. Er spürte, dass Wendy Carter in den Garten getreten war, drehte sich aber nicht nach ihr um. »Manchmal kommen viele kleine Sorgen zusammen und ergeben ein einziges riesiges Problem, das man glaubt nicht lösen zu können.«

Camellia lehnte sich an ihn und schluchzte in sein Hemd. Währenddessen hielt er sie einfach in den Armen und gab Wendy ein Zeichen, Camellia über die Einzelheiten ins Bild zu setzen, die er ihr nicht mitteilen konnte.

Er zuckte selbst zusammen, als die junge Polizistin mit ihrem Bericht begann. Man hatte den Zeitpunkt von Bonnys Tod ungefähr bestimmen können; es musste etwa zwei Uhr morgens gewesen sein, bei Hochwasser. Ihr Koffer und ihre Schuhe waren unter einem Strauch gefunden worden. Camellia reagierte nicht auf die Nachricht, dass sie ins Leichenschauhaus würde gehen müssen, um ihre Mutter offiziell zu identifizieren, aber als Wendy die Autopsie erwähnte, richtete das Mädchen sich mit von Entsetzen geweiteten Augen auf.

»Soll das heißen, sie wollen sie aufschneiden? Das dürfen sie nicht!«

»Es lässt sich nicht vermeiden.« Wendy trat auf Camellia zu und legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter. »Es ist so, wir müssen nach Drogen suchen, nach Alkohol, nach irgendetwas, das uns hilft, uns ein Bild davon zu machen, was genau passiert ist.«

Während Bert Camellia in diesem stillen kleinen Garten in den Armen hielt, trauerte er mit ihr. Bonny war für ihn ebenso sehr ein Teil des Lebens von Rye gewesen wie die altmodischen Teestuben, das Gefängnis aus der Zeit Napoleons und die Uferpromenade. Morgen würde er ihr vielleicht böse sein, dass sie nicht daran gedacht hatte, was ihr Tod für ihr Kind bedeuten musste, doch heute wollte er nichts anderes, als um eine alte, von Sorgen gequälte Freundin trauern.

Kurze Zeit später brachte Wendy ihnen Tee in den Garten. Mrs. Rowlands spähte ängstlich durch die Tür; sie wäre gern in den Garten hinausgegangen, um dem Mädchen Trost zuzusprechen, konnte aber, genau wie Bert, nicht die richtigen Worte finden.

»Hast du eine Freundin, die dir jetzt Gesellschaft leisten könnte?«, erkundigte sich Wendy Carter. Sie war erhitzt, Schweißflecken prangten auf ihrem weißen Hemd, und das kurze blonde Haar klebte ihr am Kopf. »Ich könnte jemanden für dich anrufen.«

Camellia richtete sich auf, wischte sich mit dem Handrücken über die feuchten Augen und sah die wohl meinende Polizistin offen an. »Ich habe keine Freunde«, erwiderte sie, und in ihren dunklen Augen stand ein neuer, harter Ausdruck. »Wussten Sie das nicht? Ich bin wie eine Leprakranke. Dafür hat Mum gesorgt.«

In diesem Moment verblassten all die guten Erinnerungen, die Bert an Bonny hatte.

»Ich würde gern für ein paar Minuten allein sein, wenn Sie nichts dagegen haben«, fügte Camellia nach einem kurzen Schweigen hinzu. »Ich meine, bevor ich Mum identifizieren muss.«

Bert nickte. Eigentlich hätte das bis zum nächsten Morgen Zeit, aber Bert hatte inzwischen den Eindruck gewonnen, dass sich Camellia lieber all den Schrecken, die das Schicksal für sie bereithielt, an einem einzigen Tag stellen wollte. »Ich hole dich in einer halben Stunde ab«, meinte er und stand auf. Dann drehte er sich auf dem Absatz um und zog Wendy mit sich fort.

Sobald sie allein im Garten war, lehnte Camellia sich an die Mauer, schloss die Augen und dachte an den Tag zurück, an dem sie vom Tod ihres Vaters erfahren hatte. An den vierzehnten März 1956. Sie war damals sechs Jahre alt gewesen. An diesem Tag hatte ihre behagliche, berechenbare Welt zu zerfallen begonnen.

Abgesehen davon, dass es ein besonders kalter, windiger Morgen gewesen war, hatte der Tag begonnen wie jeder andere Schultag auch. Sie frühstückte in der Küche, und während sie aß, flocht ihre Mutter ihr Haar zu Zöpfen und band jeden mit einer hübschen Schleife zusammen.

Wie stolz sie damals auf ihre Mutter war! Viele Leute verglichen Bonny mit Marilyn Monroe, weil sie das gleiche gewellte blonde Haar hatte, die gleichen hinreißenden engen Röcke und die gleichen eng anliegenden Pullover trug. Camellia fand ihre Mutter noch hübscher als die berühmte Schauspielerin. Selbst jetzt, um acht Uhr morgens, trug sie einen Zweiteiler aus rosafarbener Wolle und hochhackige Schuhe, und ihr Haar war perfekt frisiert.

»Ich hoffe, dass der Wind sich bis morgen legt«, bemerkte Bonny, während sie die zweite Schleife zurechtzupfte. »Daddy ist kein allzu guter Segler.«

John Norton war in Brüssel, wo er an einer Konferenz über die Unruhen in Ägypten teilnahm. Man befürchtete, die Ägypter könnten den Suezkanal sperren, sodass die Öltanker vom Golf den langen Weg um das Kap der Guten Hoffnung würden nehmen müssen. Er hatte am Montagmorgen von Dover aus die Autofähre genommen und sollte am Freitag zurückkommen.

»Ich wünschte, Daddy müsste nicht so oft fort«, seufzte Camellia wehmütig. »Es wäre schön, wenn er jeden Abend nach Hause käme.«

Bonny lächelte und strich ihrer Tochter liebevoll übers Haar. Sie war davon überzeugt, dass diese Probleme im Nahen Osten nur ein Sturm im Wasserglas waren. Aber John befürchtete, sie könnten zu einem Krieg führen, und er war in den letzten Wochen sehr angespannt gewesen. Bonny vermutete, dass ihre Tochter seine Unruhe gespürt hatte und sich nun ihrerseits um den Vater sorgte.

»Am Wochenende ist er wieder da. Und wenn das Wetter sich bessert, wird er sicher mit dir auf die Marschwiesen gehen, um nach neugeborenen Lämmern Ausschau zu halten. Daddy wäre heute Abend bestimmt auch lieber bei uns, aber so verdient er nun mal sein Geld, Schätzchen. Er ist ein sehr wichtiger Mann.«

Als Camellia das Ende der Mermaid Street erreichte, drehte sie sich um. Bonny stand noch immer in der Tür, bereit, ein letztes Mal zu winken. Camellia winkte zurück und trottete weiter. Die Geschäfte öffneten gerade; Mr. Bankworth vom Lebensmittelladen rief ihr zu, sie solle ihren Hut festhalten, und Mr. Simmonds, ihr besonderer Freund von der Polizei, fuhr auf seinem Fahrrad vorbei und grüßte sie mit einem lustigen Klingeln.

Der Wind wurde im Laufe des Tages noch kräftiger und klapperte an den Fenstern ihres Klassenzimmers. Sie lernten das Einmalacht und schrieben ein Diktat. Miss Grady gab ihnen für den nächsten Tag weitere zehn Worte zu lernen auf und sagte: »Wehe, einer von euch kann sie morgen nicht richtig schreiben.«

Es überraschte Camellia, dass ihre Mutter sie um halb vier nicht am Schultor erwartete. Meistens holte sie sie nach dem Unterricht ab, und manchmal gingen sie zu »Noras Teestube« am Landgate, um Hörnchen zu essen und Tee zu trinken. Camellia war jedoch nicht allzu betrübt über die Abwesenheit ihrer Mutter. Auf diese Weise hatte sie nämlich Gelegenheit, sich die Auslagen bei Woolworth anzuschauen. Bonny hatte nicht viel übrig für Woolworth, sie fand, dort rieche es komisch wegen des Holzfußbodens. Aber Camellia störte das nicht weiter, da sie sich so gern die Süßigkeiten und das Limonadenpulver in den Glaskästen ansah und die Verkäuferinnen beobachtete, wie sie all diese Köstlichkeiten in Zellophantüten abwogen. Es war ihr größter Ehrgeiz, dort zu arbeiten, wenn sie erwachsen war, obwohl Dad immer lachte, wenn sie ihm das erzählte, und meinte, sie könne ihre Ziele wohl ein klein wenig höher stecken.

Als sie kurz nach vier die Mermaid Street hinunterging, sang sie Alma Cogans Never do a Tango with an Eskimo. Sie hatte das Lied bei Woolworth aufgeschnappt und war fest entschlossen, sich die Worte genau einzuprägen, damit sie es Daddy vorsingen konnte, wenn er von Belgien nach Hause kam.

Die zweite Überraschung des Tages erwartete sie, als Kommissar Willis die Haustür öffnete. Er war ein Freund ihrer Eltern und kam manchmal mit seiner Frau zum Abendessen, aber bis zu diesem Tag hatte sie ihn noch nie in seiner Polizeiuniform gesehen. Er war ein großer Mann mit rauem, rotem Gesicht, als wäre er wochenlang draußen im Wind gewesen. Doch heute erschien er ihr noch größer als sonst – die kleine Diele schien viel zu eng für ihn zu sein.

»Hallo, Mr. Willis«, grüßte sie und ließ ihren Tornister auf den Fußboden fallen. »Wo ist Mummy?« Ohne ihm Zeit für eine Antwort zu geben, schlüpfte sie an ihm vorbei ins Wohnzimmer.

Sie wusste, dass etwas Schlimmes passiert war, kaum dass sie einen Blick auf ihre Mutter geworfen hatte. Bonny saß in sich zusammengesunken in einem Sessel, starrte ins Feuer und drehte nicht einmal den Kopf, als ihre Tochter in den Raum trat. Außerdem saß noch eine junge Polizistin mit blondem, wuscheligem Haar auf dem Sofa, die jedoch sofort aufsprang; ihr Gesicht war gerötet, als wäre ihr die Situation peinlich.

»Mummy! Was ist denn los?«, fragte Camellia und lief auf ihre Mutter zu, erschreckt von ihrem tränenüberströmten Gesicht und den geschwollenen Augen. »Ist etwas passiert? Warum ist die Polizei hier?«

Einen Augenblick lang herrschte betroffenes Schweigen. Camellia konnte die Standuhr ticken und das Feuer im Kamin prasseln hören. Alle drei Erwachsenen im Raum waren offensichtlich so sehr in das Problem vertieft gewesen, dass sie sie ganz vergessen hatten. »Mummy?« Ihr war plötzlich kalt bis auf die Knochen. »Sag es mir!«

»Oh, Schätzchen! Es ist Daddy«, antwortete ihre Mutter mit einer seltsam erstickten Stimme, und mit einem Mal schluchzte sie auf, zog Camellia auf ihren Schoß und drückte sie so fest an sich, dass das Mädchen kaum noch Luft bekam.

Es war Mr. Willis, der Camellia schließlich erklärte, was geschehen war. Er hockte sich vor sie hin und sagte: »Dein Daddy hat in Brüssel einen Herzinfarkt erlitten, Liebes.«

»Aber wann kommt er nach Hause?«, wollte sie verwirrt wissen und blickte zuerst in Mr. Willis’ rotes Gesicht, dann in das weiße Gesicht der Polizistin und schließlich wieder zu ihrer schluchzenden Mutter. »Er kommt doch nach Hause, oder?«

Die große Hand des Mannes lag jetzt auf ihrer Schulter und fühlte sich so merkwürdig schwer an. Sein sonst so fröhliches Gesicht schien in sich zusammenzufallen. »Ich fürchte, er wird nie wieder nach Hause kommen, mein Kind«, erwiderte er schroff. »Verstehst du, er ist an dem Herzinfarkt gestorben. Daddy wohnt jetzt bei Jesus.«

Als Camellia in jener Nacht neben ihrer schlafenden Mutter im Bett ihrer Eltern lag, versuchte sie, all die Dinge zu verstehen, die sie in den letzten sechs oder sieben Stunden gehört und beobachtet hatte. Es kam ihr wie ein böser Traum vor, obwohl sie wusste, dass es kein Traum war. Dr. Negus war ins Haus gekommen und hatte ihrer Mutter eine Medizin gegeben, sodass sie endlich aufhörte zu weinen und einschlief. Mrs. Tully, die Putzfrau, schlief jetzt in Camellias Bett, und morgen würde Granny kommen, um sich um sie zu kümmern. Obwohl es warm und gemütlich in dem großen Bett war und die Nähe ihrer Mutter etwas Tröstliches hatte, konnte Camellia nicht einschlafen.

Die Straßenlaternen draußen auf der Mermaid Street warfen ihr Licht in das Zimmer ihrer Eltern, sodass sie die Dinge deutlich erkennen konnte. Bonnys Parfümfläschchen auf dem Ankleidetisch glitzerten, und ein duftiges weißes Negligee, das hinter der Schlafzimmertür hing, glänzte schaurig. Dieser Raum war für Camellia stets ein kleines Heiligtum gewesen, das die Persönlichkeit ihres Dads und ihrer Mum widerspiegelte: die Bücher ihres Daddys und die Schachtel mit Manschettenknöpfen an seiner Seite des Bettes, Mummys Handcreme und der Nagellack auf ihrer Seite. Selbst das Bett roch nach ihnen beiden, Daddys Kissen nach seinem Haaröl, Mummys nach Parfüm. An den Wochenenden war Camellia morgens stets zu ihnen ins Bett gekrochen, und bei einer Tasse Tee hatten sie zu dritt darüber gesprochen, was in den nächsten Tagen zu erledigen war und welche Ausflüge sie unternehmen wollten. Aber als sie nun dort lag, den Duft ihres Vaters in der Nase, und über Bruchstücke aus den Gesprächen der Erwachsenen während der vergangenen Stunden nachdachte, wusste sie nur eins: Alles, was ihr noch am Morgen so sicher und verlässlich erschienen war, lag nun in Trümmern.

Vier Wochen nach der Beerdigung ihres Vaters hörte Camellia dann ihre Mutter und Granny im großen Schlafzimmer streiten, während sie unten saß und malte. Sie wollte nicht zuhören, konnte es aber auch nicht verhindern, da die Stimmen der beiden Frauen durch das kleine Haus hallten.

»Ich erlaube dir nicht, so mit mir zu sprechen«, schimpfte Granny, und ihre Stimme zitterte, als weinte sie. »Ich bin hergekommen, um zu helfen, doch das kann ich nur, wenn du mich unterstützt.«

»Verschwinde doch, geh zurück nach London«, fuhr Bonny sie an. »Du hast mich ohnehin bisher nur kritisiert und herumgeschubst. Ich versuche, zur Normalität zurückzufinden, aber du lässt es nicht zu.«

»Du kannst nicht so kurz nach dem Tod deines Mannes in einem rosafarbenen Kleid herumlaufen«, gab Granny zurück. »Was sollen die Leute denn denken?«

»Es ist mir egal, was sie denken.« Bonnys Stimme war noch lauter geworden. »Ich habe es satt, wie ein altes Weib auszusehen; ich habe es satt, hier bei dir im Haus zu hocken, während du putzt und wäschst wie eine frustrierte Glucke. Ich habe das alles so satt!«

Camellia begann zu weinen. Sie akzeptierte langsam die Tatsache, dass ohne Daddy nichts jemals wieder ganz so sein würde wie früher, aber sie verstand nicht, warum ihre Mutter so gemein zu Granny war. Sie allein hatte das alltägliche Leben in den letzten Wochen ein wenig erträglicher gemacht, sie kochte und putzte, sie ging mit Camellia auf den Spielplatz, brachte sie in die Schule und zeigte ihr abends, wie man strickte und nähte. Sie mochte sich manchmal zu sehr aufplustern, doch sie war nett und liebevoll.

Bis zum Tod ihres Vaters war »Granny« nicht mehr als der Name einer gesichtslosen Person gewesen, die ihr zum Geburtstag und zu Weihnachten selbst gestrickte Pullover und wunderschön angezogene Puppen schickte. Aus irgendeinem unerklärlichen Grund hatte Granny sie bis zum Tod ihres Schwiegersohns nie zuvor besucht, zumindest nicht, soweit Camellia sich erinnern konnte. Aber nachdem sie die alte Dame jetzt kennen gelernt hatte, wollte sie nicht, dass sie wieder fortging.

»Ich werde nach Hause fahren, wenn es das ist, was du willst«, erklärte Granny, aber jetzt wurde auch ihre Stimme lauter, als verlöre sie endgültig die Geduld. »Ich habe dich nie verstanden, Bonny. Ich habe dir alles gegeben, ich habe niemals an mich gedacht. Du bist ein egoistisches, hartherziges kleines Luder. Diese Tränen weinst du nicht um John, sondern nur um dich selbst. Du solltest Gott lieber auf Knien für die guten Jahre danken, die er dir geschenkt hat, für Camellia und ein schönes Haus. Was hatte ich denn, als Arnold starb? Eine Sozialwohnung, eine Tochter, der ich herzlich egal war, und eine Witwenpension. Aber das kümmerte mich nicht, ich habe nur Arnold vermisst, und ich vermisse ihn immer noch.«

Der Streit war endlich verebbt, doch es dauerte noch gut zehn Minuten, bis Granny die Treppe herunterkam. Und obwohl sie sich das Gesicht gepudert hatte, waren ihre Augen noch geschwollen. Sie lächelte Camellia zu, aber die intelligente Sechsjährige durchschaute ihren jämmerlichen Versuch, Normalität vorzutäuschen, sofort.

»Geh nicht weg, Granny«, flehte Camellia sie an. »Ich finde es so schön, wenn du hier bist.«

»Ich muss gehen, mein Liebes.« Granny setzte sich neben sie aufs Sofa und nahm sie auf den Schoß. »Vielleicht wird Mummy besser zurechtkommen, wenn ich erst fort bin. Sie hört nicht auf mich, egal, was ich sage, und mehr kann ich einfach nicht tun.«

Camellia wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Also schmiegte sie sich nur in die Arme der älteren Frau und wünschte, ihr würde irgendetwas einfallen, um die beiden Frauen wieder miteinander zu versöhnen.

»Wie sollen wir denn ohne dich zurechtkommen?«, begehrte Camellia auf. Es war noch gar nicht lange her, dass ihre Mutter den ganzen Tag im Bett verbracht hatte, und selbst jetzt überließ sie Granny noch alle Arbeit. »Wird Mummy wieder Essen kochen und einkaufen gehen?«

»Das wird sie bestimmt.« Die ältere Frau unterdrückte ein Schluchzen. »Es wird ihr gar nichts anderes übrig bleiben, nicht wahr?«

»Ich vermisse Daddy schrecklich«, platzte Camellia heraus. Ihre Mutter wurde böse, wenn sie so etwas sagte, das wusste sie. »Wird es jetzt immer so sein?«

Eigentlich meinte sie: Würde das große Loch, das ihr Vater in ihrem Leben hinterlassen hatte, je wieder gefüllt werden? Würde es jemals wieder einen Abend geben, an dem sie nicht mehr an seine abendlichen Gutenachtgeschichten dachte? Oder ein Wochenende, an dem sie nicht ihre gemeinsamen Spaziergänge über die Marschwiesen vor ihrem inneren Auge sah? Mummy hatte sich nie so sehr wie Daddy dafür interessiert, was sie in der Schule durchnahm, oder für ihre Freundinnen oder für ihre Gedanken. Sie hatte versucht, nicht länger über diese Dinge nachzudenken, aber es gelang ihr einfach nicht.

»Es wird besser werden«, versicherte Granny entschieden. »Ich kann dir nicht versprechen, dass es über Nacht passieren wird, und all diese Erinnerungen an deinen Daddy werden in deinem Kopf bleiben, weil sie etwas ganz Besonderes sind und weil du sie gewiss nicht verlieren willst. Doch schon bald wirst du feststellen, dass es nicht mehr so wehtut.«

»Warst du auch so wie Mummy, als Großpapa starb?«, fragte Camellia.

»Nein, ich habe damals nicht so einen Wirbel veranstaltet«, antwortete Granny bedächtig. »Aber andererseits war Großpapa siebzig, und ich wusste, dass er nicht ewig leben würde. Für Mummy ist es anders. Sie ist erst siebenundzwanzig und hat damit gerechnet, dass dein Daddy noch viele Jahre bei ihr sein würde.«

Camellia hätte gern noch eine Menge andere Fragen gestellt, zum Beispiel, warum ihre Mutter sich nicht länger für sie zu interessieren schien. Warum sie ein rosafarbenes Kleid anziehen wollte, kein schwarzes, und warum Granny Bonny nicht besonders zu mögen schien, obwohl sie ihre Mutter war. Aber irgendwie wusste sie, dass diese und andere Fragen, die an ihr nagten, am besten unausgesprochen blieben.

»Wirst du mich wieder besuchen kommen?«, wollte sie stattdessen wissen.

Abermals zögerte die alte Frau. Sie wusste, dass sie den nächsten Zug nehmen würde, falls Bonny sie jemals brauchen sollte – trotz all der bösen Worte, die zwischen ihnen gefallen waren. Aber ihre Tochter hatte die Absicht, alle Brücken zur Vergangenheit hinter sich abzubrechen, weil sie das Trauern so satt war, das sagte ihr ein sechster Sinn. »Ich werde kommen, wenn du mich brauchst«, versprach sie leise. »Vielleicht wird Mummy dir erlauben, mich in den Ferien zu besuchen. Du musst mir schreiben, mein Liebes. Denk immer daran, dass ich deine Granny bin und dich lieb habe.«

Camellias Erinnerung an den Tod ihres Vaters hatte neuerliche Tränen ausgelöst. Sie wischte sie mit dem Saum ihres Hosenbeins weg und starrte zum Himmel empor. Aber eine weitere lebendige und diesmal beschämende Erinnerung stahl sich in ihre Gedanken.

Es war fünf Jahre nach dem Tod ihres Vaters gewesen, im Februar 1961, als Camellia spät an einem Freitagabend von Johnny Kidds Shakin’ All Over geweckt wurde. Die Musik war nicht nur laut, sie war ohrenbetäubend gewesen. Nachdem sie das Licht eingeschaltet hatte, sah Camellia, dass es zehn nach eins war, und fragte sich, wie lange es dauern würde, bis einer der Nachbarn die Polizei rief.

Wenn das Foto neben ihrem Bett nicht gewesen wäre, hätte sie vielleicht geglaubt, diese behaglichen, stillen Tage ihrer frühen Kindheit seien nur eine Fantasie, die sie sich zu ihrem Trost erträumt hatte.

Es war ein Schwarz-Weiß-Bild der kleinen Familie. Camellia war fünf gewesen, als es aufgenommen worden war. Sie trug ein samtenes Partykleid mit Spitzenkragen, ihre Mutter ein inzwischen ziemlich aus der Mode gekommenes tailliertes Kostüm und viel kürzeres Haar als heute, und ihr Vater stand in einem dunklen Anzug hinter dem Sofa.

Camellia war schon damals pummelig, aber sie sah irgendwie süß aus, wenn auch zu ernst. Jetzt war sie fett, wirklich fett, und ihre dunklen Augen schienen sich wie zwei schwarze Schlitze in das aufgedunsene Fleisch zurückgezogen zu haben. John Norton war tot. Die süße kleine Camellia war nun ein dickes Kalb. Und Bonny war keine richtige Mutter mehr.

Selbst die glücklichen Tage auf der erstklassigen Collegiate School waren vorüber – sie waren im Dezember, zwei Tage vor ihrem elften Geburtstag, abrupt beendet worden.

Bonny behauptete, die Direktorin habe ihr dazu geraten; da Camellia die Prüfung für die weiterführenden Schulen nicht bestehen würde, könne sie im neuen Jahr geradeso gut die staatliche Schule besuchen und von dort dann im nächsten September zur Mittelschule wechseln. Aber das war eine gemeine Lüge, sie hatte immer zu den Besten der Klasse gehört, und Miss Grady hatte oft gesagt, sie sei klug genug, um ein Stipendium für eine der besten Mädchenschulen zu bekommen.

Camellia schaltete das Licht aus und zog sich das Kissen über den Kopf, um den Lärm nicht mehr hören zu müssen. Sie brauchte nicht nach unten zu gehen, um zu wissen, was dort vorging. Allzu gut konnte sie sich die Szene im Wohnzimmer vorstellen, denn sie hatte das Gleiche in der Vergangenheit ungezählte Male mit angesehen. Bonny würde wie immer im Mittelpunkt des Geschehens stehen. Wahrscheinlich hatte sie sich ihr langes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und trug eins ihrer Petticoat-Kleider mit einem breiten Gürtel, der ihre Wespentaille gut zur Geltung brachte. Sie tanzte sicher mit irgendjemandem, wahrscheinlich mit diesem grässlichen Mann, den Camellia in letzter Zeit häufig gesehen hatte. Alle anderen Männer starrten vermutlich wie gebannt auf Bonnys Beine, um einen Blick auf ihre Strumpfbänder zu erhaschen, während sie wie wild herumwirbelte.

Wer all die Männer waren, die so spät am Abend einfach kamen, war Camellia ein Rätsel, aber sie wusste, dass zu diesen improvisierten Partys immer weitaus mehr Männer als Frauen erschienen. Bonny hatte keine Freundinnen mehr. Tante Pat, Babs, Freda und Janice waren einfach auf dieselbe Weise verschwunden wie warmes Essen, gebügelte Schulblusen, Hilfe bei den Hausaufgaben und gemeinsame Abende vor dem Fernseher.

Nach Johns Tod waren einige der alten Freunde noch ein oder zwei Jahre lang gelegentlich auf eine Tasse Tee hereingekommen, vor allem Kommissar Willis, der Zahnarzt Mr. Dexter und Malcolm Frazer, dem das »Mermaid Inn« gehörte. Aber sie waren nie von ihren Frauen begleitet worden. Allmählich blieben auch sie aus, und Camellia glaubte manchmal, sie habe es nur geträumt, dass früher einmal der Esstisch mit gestärkten Servietten, Blumen und Kerzen geschmückt gewesen war und dass ihre Mutter manchmal den ganzen Tag in der Küche verbracht hatte, um für einige Freunde etwas Besonderes zum Abendessen zu kochen.

Sie musste wohl wieder eingeschlafen sein, denn als sie das nächste Mal erwachte, spielte die Musik nicht mehr, und das Haus war wieder still, bis auf ein seltsames dumpfes Geräusch.

Sie lauschte ein Weilchen, um herauszufinden, woher das Geräusch kam. Es klang, als klatschte ein Zweig gegen eine Fensterscheibe. Es war nicht ihr Fenster, und da das Zimmer ihrer Mutter zur Straße hinausging, wo keine Bäume standen, konnte das Geräusch auch nicht von dort kommen. Aber während sie lauschte, wurde das Geräusch immer beharrlicher. Erstaunt stieg Camellia aus dem Bett und trat auf den Flur hinaus.

Das Haus Nummer zwölf war dreihundert Jahre alt, und die Zimmer des Obergeschosses lagen nicht genau auf einer Ebene. Am oberen Ende der Treppe, die vom Erdgeschoss hinaufführte, lag das Bad und daneben Camellias Zimmer. Wenn man zwei weitere Stufen hinaufstieg, folgte ein kurzer Korridor, von dem aus eine weitere Stufe in das Zimmer ihrer Mutter führte, das die gesamte Vorderseite des Hauses einnahm. Neben der verschlossenen Tür führte eine noch engere Treppe zu zwei winzigen Räumen unterm Dach, die als Gästezimmer dienten. Camellia vermutete, dass das Geräusch von dort kam. Es gab häufig seltsame Geräusche in diesem Haus, die Rohre gurgelten, und die Bretter knarrten. Vielleicht stand ja eins der Fenster auf dem Dachboden offen, und der Wind schlug dagegen.

Aber als sie sich in der Dunkelheit vorsichtig der Treppe näherte, vernahm sie ein anderes Geräusch und hielt jäh inne. Es klang genau wie das Grunzen eines Schweins, und es folgte demselben Rhythmus wie das Klatschen!

Ihr erster Instinkt war zu ihrer Mutter hineinzulaufen, doch als ihre Hand sich um den Türknauf schloss, begriff sie plötzlich, dass das Geräusch nicht nur aus Bonnys Zimmer kam, sondern verstand auch, was es bedeutete. Sie erstarrte, zu entsetzt, um sich zu bewegen.

Ihre Kenntnisse in Sachen Sex waren spärlich. Es gab eine besondere Art von Schmusen, durch die Babys entstanden, das wusste Camellia, und wenn man es tat, obwohl man nicht verheiratet war, dann war das sehr schlimm. Von den Jungen auf dem Spielplatz hatte sie manchmal auch gemeine Schimpfworte gehört, die diese Sache beschrieben, die sich wohl gerade hinter der Tür zum Zimmer ihrer Mum abspielte.

Während sie noch dastand und überlegte, ob sie hineinplatzen und den Mann daran hindern sollte, ihrer Mutter wehzutun, vernahm sie Bonnys Stimme.

»Fester, noch fester. So ist es gut!«

Camellia wurde plötzlich so heiß, als hätte jemand gerade direkt vor ihr eine Ofentür geöffnet. Die Hände auf den Mund gepresst, trat sie einen Schritt zurück, weil sie fürchtete, sich übergeben zu müssen.

Zurück in ihrem Zimmer, kauerte sie sich aufs Bett, und plötzlich schienen ihr all die Dinge, die sie seit Jahren verwirrten, kristallklar zu werden. Warum all die alten Freunde ihre Besuche eingestellt hatten. Warum die Nachbarn hinter vorgehaltener Hand tuschelten, wenn sie die Straße hinunterging, die seltsamen Blicke, die ihr die Männer zuwarfen, und warum ihre alten Schulfreundinnen von der Collegiate School sie nicht mehr zum Spielen einluden. Aber vor allem begriff sie jetzt die Bedeutung des Wortes »Hure«, mit dem ein schrecklicher Junge in der Schule ihre Mutter belegt hatte.

Nach dieser Nacht schien alles nur immer schlimmer und schlimmer zu werden. Bonny kaufte sich jede Woche ein teures neues Kleid, aber Camellia trug immer noch die Sachen, aus denen sie lange herausgewachsen war. Die Partys wurden noch lauter und fanden öfter statt, mit grobschlächtigen Männern, die in betrunkenem Zustand die Treppen hinaufstampften und oft in ihr Zimmer platzten, weil sie es irrtümlich für das Bad hielten. Schon bald unternahm Bonny keine Versuche mehr, vor ihrer Tochter zu verbergen, dass die Männer über Nacht blieben; der Geruch ihres Schweißes hing im Schlafzimmer, und auf den Laken, die nur selten gewechselt wurden, blieben Flecken zurück; auch die schönen Teppiche im Wohnzimmer bekamen Brand- und Bierflecken. Bonny war jetzt häufig schon tagsüber betrunken und lag manchmal bewusstlos auf dem Sofa, wenn Camellia aus der Schule kam. Sie stellte ihre Arbeit im Haus endgültig ein, und die einzigen Nahrungsmittel in der Speisekammer waren Brot und Marmelade. Camellia bekam in der Schule ein schwer verdauliches Mittagessen und kaufte sich auf dem Heimweg beim Bäcker einige altbackene Brötchen, und am Abend schickte Bonny sie los, um Pommes frites zu holen.

Oft war sie das ganze Wochenende allein und fand nur einen Zehnschillingschein auf dem Tisch vor, um sich etwas zu essen zu kaufen. Aber Bonny brauchte am Sonntagabend nur mit einem dummen weichen Spielzeug für Camellia durch die Tür gerauscht zu kommen, sich zu entschuldigen und zu versichern, es käme nie wieder vor, und Camellia verzieh ihr.

Die Nachbarn waren weniger nachsichtig; es gab keine höflichen Bitten mehr, die Musik leiser zu stellen, sondern hysterische Schreie vor der Tür und lautes Gehämmer an die Fensterscheiben. Boshafte, anonyme Beschimpfungen wurden unter der Tür durchgeschoben, es kamen endlose Warnungen, man würde rechtliche Schritte ergreifen, und manchmal sogar Drohungen gegen ihre Person, aber Bonny lachte nur und warf die Briefe hochmütig ins Feuer. »Die Nachbarn sind kleingeistig und neidisch«, sagte sie. »Du und ich, wir ziehen schon bald weg.«

Zwei Wochen vor Weihnachten im Jahr 1962, als sie fast zwölf war, kam Camellia eines Tages aus der Schule nach Hause und musste feststellen, dass ihr Puppenhaus nicht mehr in ihrem Zimmer stand.

Eine böse Ahnung erfüllte sie, als sie auf die Stelle auf dem Teppich sah, an dem das Puppenhaus noch am Morgen gestanden hatte. Sie hatte seit einiger Zeit das Gefühl gehabt, etwas sehr Schlimmes würde passieren. Bonny war seit Wochen mürrisch und in sich gekehrt gewesen – von Weihnachten hatte sie überhaupt nicht gesprochen, und es hatte seit drei Wochen keine Partys mehr im Haus gegeben.

Camellia trottete die Treppe wieder hinunter. Sie war während des Sommers noch dicker geworden, und ein schnelleres Tempo überstieg jetzt ihre Kräfte. Es gab nicht viele Dinge, die sie an sich mochte, aber ihre Körperfülle hasste sie am meisten. Mit noch nicht einmal zwölf Jahren hatte sie einen Hüftumfang von hundertzehn Zentimetern und wog siebzig Kilo.

»Wo ist mein Puppenhaus?«, fragte sie.

Bonny saß in einem Sessel, rauchte eine Zigarette und las einen maschinegeschriebenen Brief. Ausnahmsweise war sie einmal nicht geschminkt, tatsächlich sah ihr Haar sogar ungekämmt aus, und vorn auf ihrem rosafarbenen Twinset prangte ein dicker Fleck.

»Ich habs verkauft«, antwortete sie, ohne auch nur aufzusehen.

»Du hast es verkauft!« Camellia konnte es nicht glauben. »Das ist unmöglich! Du machst Witze, nicht wahr?«

»Ich habe wichtigere Dinge im Kopf als Witze«, fuhr Bonny sie an. Dann ließ sie den Brief sinken und blickte zu ihrer Tochter auf. »Na komm schon, Schätzchen. Du bist zu alt für ein Puppenhaus, und ich brauchte das Geld.«

»Aber Daddy hat es mir geschenkt.« Camellias Augen füllten sich mit Tränen. »Es war alles, was ich von ihm hatte. Wie konntest du das tun?«

»Wenn du begreifen würdest, wie schlimm die Dinge stehen, würdest du das nicht fragen«, verteidigte Bonny sich.

Erst jetzt und vielleicht, weil Camellia wütend auf ihre Mutter war, fiel ihr auf, dass sie nicht so hübsch aussah wie sonst. Unter ihren Augen lagen dunkle Ringe, ihre Haut wirkte grau, und sie hatte winzige Falten um Mund und Augen.

»Warum hast du nicht einfach Geld von der Bank abgehoben, wenn du etwas brauchst?«

Bonny sah in die vorwurfsvollen, tränenfeuchten braunen Augen des Kindes und seufzte. Sie wusste, dass sie das Puppenhaus nicht hätte verkaufen dürfen, ohne ihre Tochter zu fragen, doch sie war verzweifelt und hatte keine Alternative mehr. Manchmal vergaß sie, dass Camellia noch ein Kind war. In den meisten Situationen bewies sie eine rasche Auffassungsgabe, aber ihre finanzielle Lage hatte sie offensichtlich nicht erkannt.

»Wir haben kein Geld mehr auf der Bank, Liebes«, meinte Bonny ein wenig sanfter. »Ich glaube, es wird Zeit, dir ein paar Dinge zu erklären.«

Camellia ließ sich auf das Sofa fallen und hörte mit wachsendem Entsetzen zu, während ihre Mutter ihr offenbarte, dass sie nicht nur pleite war, sondern große Schulden hatte. Man würde ihnen das Haus wegnehmen.

»Deshalb musstest du von der Collegiate School abgehen«, beendete sie ihre Erklärung. »Verstehst du, Daddy hat mir einfach nicht genug Geld hinterlassen. Ich habe versucht, die Ausgaben einzuschränken, doch nun ist alles weg.«

»Was sollen wir denn jetzt tun?«, schluchzte Camellia. Am liebsten hätte sie ihre Mutter daran erinnert, dass sie sich erst in der letzten Woche ein weiteres neues Kleid und einige neue Schallplatten gekauft hatte, aber selbst in ihrem eigenen Elend konnte sie spüren, dass Bonny den Tränen nahe war, und sie hasste es, ihre Mutter weinen zu sehen.

»Ich habe ein kleines Haus in der Fishmarket Street gefunden.« Bonny zog angewidert die Nase kraus. »Ich fürchte, es ist nicht sehr hübsch, doch etwas Besseres konnte ich nicht finden. Ich werde mir einen Job suchen, und wir werden es uns zusammen dort sehr gemütlich machen.«

Camellia begann wieder zu schluchzen. Sie war fett und reizlos, sie hatte nicht eine einzige Freundin, und in der Schule lachten alle anderen Kinder sie aus und sagten gemeine Sachen über ihre Mutter. Ihr Puppenhaus mit all den wunderschönen Dingen, die ihr Vater ihr dafür gekauft hatte, war jetzt ebenfalls verloren und gehörte einem anderen kleinen Mädchen, das nie begreifen würde, wie kostbar es für seine vorherige Besitzerin gewesen war. Und jetzt wurde sie auch noch gezwungen, das Zuhause zu verlassen, das sie liebte.

»Es tut mir Leid, Schätzchen.« Bonny zog sie in die Arme und hüllte sie mit dem Geruch ihres teuren Parfüms ein. »Ich war keine sehr gute Mummy für dich, hm? Ich bin selbstsüchtig und faul und eine Verschwenderin. Aber ich habe dich lieb, wirklich!«

Einmal mehr trocknete sich Camellia die Augen und erhob sich von der Bank. Trotz allem, was sie Bonnys wegen durchgemacht hatte, trotz der Männer, des Alkohols, der Armut und der Vernachlässigung, liebte sie ihre Mutter immer noch. Die Nachbarn und die Klatschbasen der Stadt mochten nur die schlechten Dinge im Gedächtnis behalten, doch sie selbst besaß einen kleinen Vorrat an kostbaren Erinnerungen, die jetzt eine umso größere Bedeutung zu erhalten schienen. Picknicks im Sommer, Ausflüge nach London in den Zoo. Hilfloses Gelächter in der Spiegelhalle am Hastings Pier, Wettrennen durch die Dünen in Camber Sands. Im Herzen war Bonny selbst ein Kind gewesen, stets aufgelegt zu Späßen und Schelmereien. Sie mochten Mutter und Tochter gewesen sein, aber sie waren auch immer die besten Freundinnen gewesen.

3. Kapitel

Bert wartet draußen im Wagen auf dich, Kind«, meinte Enid Rowlands, als Camellia, bekleidet mit marineblauem Rock und weißer Bluse, aus der Toilette kam. Sie griff nach einem feuchten Tuch und wischte dem Mädchen noch einmal das Gesicht ab. »Und ich habe ihm erklärt, dass er dich nachher wieder zu uns zurückbringen soll. Wir haben oben ein hübsches kleines Gästezimmer. Du darfst jetzt nicht allein bleiben.«

Camellia bedankte sich. Bis zu diesem Augenblick hatte sie nicht einmal darüber nachgedacht, wo sie heute Nacht oder in Zukunft schlafen würde. Irgendwie machte Mrs. Rowlands’ Bemerkung Bonnys Tod noch realer; es bedeutete, dass sie, Camellia, auch kein Zuhause mehr hatte.

Während der Fahrt nach Hastings sprach Mr. Simmonds nur wenig. Ab und zu drückte er ihr mitfühlend die Hand, und sie war froh darüber, dass er nicht das Gefühl zu haben schien, mit ihr reden zu müssen.

Das Leichenschauhaus, ein altes, aus roten Ziegeln errichtetes Gebäude mit übermalten Fenstern, lag in einer Nebenstraße. Als Mr. Simmonds sie unterhakte und hineinführte, krampfte ihr Magen sich zusammen, und der Geruch von Antiseptika trieb sie an den Rand einer Ohnmacht.

»Es ist schon gut, sogar manchem von uns wird es hier ein wenig komisch«, flüsterte Mr. Simmonds beruhigend. »Aber es ist nur der Krankenhausgeruch, mehr nicht. Du wirst nichts Schlimmes zu sehen bekommen. Bonny wird einfach zugedeckt auf einer Bahre in einem eigenen Raum liegen. Wir werfen nur schnell zusammen einen Blick auf sie, und du bestätigst, dass sie es wirklich ist. Mehr wird nicht von dir erwartet.«

Ein Mann in weißem Kittel führte sie in einen kleinen Raum, der genauso aussah, wie Mr. Simmonds es ihr beschrieben hatte. Der Mann wartete, bis Camellia vor die Bahre getreten war, und schlug dann das Laken über dem Leichnam zurück.

Es war natürlich Bonny, trotz der verzweifelten Gebete, die Camellia gesprochen hatte. Sie sah genauso aus wie am Morgen nach einer durchzechten Nacht. Ihre Haut war von bläulicher Farbe, und sie wirkte älter und irgendwie hart. Wäre nicht das schlammbefleckte Haar gewesen, hätte Camellia vielleicht gedacht, ihre Mutter schlafe nur.

Sie bestätigte, dass es sich bei der Toten um ihre Mutter handelte, konnte sie aber nicht küssen. Ihr Herz trieb sie dazu. Ihr ganzes Wesen wollte über dieses goldene Haar streichen, wollte Bonny noch ein Mal fest in den Arm nehmen. Aber sie unterließ es. Stattdessen sah sie ihre Mutter einfach nur an, dann wandte sie sich ab, als kümmere sie die ganze Sache nicht weiter.

Camellia ließ sich wieder in den Autositz sinken und hielt die Augen während der ganzen Rückfahrt nach Rye geschlossen. Doch sie schlief nicht, wie Bert wusste; es war einfach ihre Art, mit dem gerade Erlebten umzugehen. Aber als er ihr bleiches, ausdrucksloses Gesicht so dicht an seiner Schulter betrachtete, kam ihm die Erinnerung an einen anderen Tag, an dem er mit ihr diese Straße hinuntergefahren war, etwa achtzehn Monate zuvor. Es war ungefähr um dieselbe Tageszeit gewesen, gegen halb fünf oder fünf am Nachmittag, allerdings war es kein heißer, sonniger Tag wie heute gewesen, sondern ein bitterkalter Nachmittag im Februar und bereits dunkel.

Er war in seinem Morris Minor von Hastings zurück nach Rye gefahren, ein Dreirad für den vierten Geburtstag seines Sohnes auf der Rückbank. Es war Samstag gewesen, und Schnee hatte in der Luft gelegen. Er sehnte sich danach, aus der Kälte herauszukommen und sich am Feuer aufzuwärmen. Die Heizung im Wagen war nicht allzu effizient.

Während der Fahrt verlor er sich in Gedanken an die Vergangenheit. Es war unglaublich, dass er seit vierzehn Jahren in Rye lebte; es schien noch gar nicht lange her zu sein, dass er als junger Constable seine Runden gedreht hatte. Jetzt war er fünfunddreißig, bekleidete den Rang eines Sergeants, war verheiratet und hatte zwei kleine Söhne. Was für eine Vorstellung, dass er bis zu seinem achtundzwanzigsten Lebensjahr geglaubt hatte, er könne niemals eine andere Frau als Bonny Norton lieben!

Bert zuckte zusammen. Wie sehr er sich Bonnys wegen zum Narren gemacht hatte! Stets hatte er nach ihr Ausschau gehalten, hatte gehofft und sich nach ihr verzehrt, es aber nie recht gewagt, einen Annäherungsversuch zu starten. Ein Glück, dass ihm damals Sandra begegnet war! Heute konnte jeder Bonny haben – für einen oder zwei Drinks. Wenn er sich nach Johns Tod mit ihr eingelassen hätte, wäre seine Karriere ruiniert gewesen, und er hätte niemals sein Glück gefunden.

Sandra war das genaue Gegenteil von Bonny. Klein und dunkelhaarig, scheu und liebevoll, hatte sie nicht einen einzigen bösen Gedanken im Kopf. Kennen gelernt hatte er sie in dem Jahr nach John Nortons Tod in Peasmarsh, wo sie als Kindermädchen für Clive und Daphne Huntley gearbeitet hatte. Die Huntleys waren reiche Leute von dem Schlag, der sich nicht mit seinen Kindern abgeben mochte. Eines Nachts war bei den Huntleys eingebrochen worden, und Bert war hinausgefahren, um ihre Aussagen zu Protokoll zu nehmen, während die Spurensicherung nach Fingerabdrücken suchte. Sandra kochte ihnen allen Tee, und bevor Bert das große Haus verließ, überredete er sie, an ihrem freien Abend mit ihm auszugehen. Anderthalb Jahre später heirateten sie und zogen bald in ein Polizeihaus.

Als er bei Guestling über die Kuppe des Hügels fuhr, erfassten seine Scheinwerfer eine Gestalt etwa fünf- oder sechshundert Meter vor ihm. Sie sah aus wie eine alte Frau, und Bert fragte sich, ob sie vielleicht den Bus verpasst hatte, da er sich nicht vorstellen konnte, dass jemand ohne guten Grund freiwillig auf dieser dunklen, menschenleeren Straße unterwegs war. Er bremste ab. Die Frau humpelte, und offenbar ging es ihr nicht gut, zumindest ließen dies die hochgezogenen Schultern vermuten.

Bert fuhr an ihr vorbei und hielt dann in einer Parkbucht am Straßenrand. Einen Moment lang konnte er wegen der Autos, die sich von Hastings her näherten, nichts sehen. Er ließ den Motor laufen, stieg aus, zog seinen Schafsfellmantel fester um sich und rief die Frau an. »Kann ich Sie irgendwohin mitnehmen? Es ist ein bisschen zu kalt und zu dunkel, um zu Fuß zu gehen!«

Sie würde sein Angebot bestimmt nicht annehmen, dachte er. Die alten Frauen vom Land waren eine zähe Rasse, und sie konnte ja nicht wissen, dass er Polizist war.

Bert sah jetzt zwar immer noch nicht ihr Gesicht, das von einer Kapuze oder einem Schal zum Teil verhüllt war, doch er konnte genug erkennen, um festzustellen, dass sie dick und schäbig gekleidet war. »Ich bin Polizist«, fügte er mit lauter Stimme hinzu. »Sergeant Simmonds aus Rye.«

Er glaubte, ein Schluchzen zu hören, obwohl es möglicherweise nur der Wind war. Genau in diesem Augenblick kam ein Auto von hinten an ihm vorbei, und für eine Sekunde beleuchteten die Scheinwerfer ihr Gesicht. Es war keine alte Frau, sondern Camellia Norton.

»Camellia!«, stieß er hervor. »Was um alles in der Welt machst du hier draußen?«

»Sind Sie das wirklich, Mr. Simmonds?«, fragte sie.

Die Rücklichter seines Wagens waren nicht hell genug, um ihr Gesicht deutlich erkennen zu können, aber er spürte, dass sie weinte. Außerdem strich sie sich mit einer Hand über die Augen.

»Komm her, Kind, steig ein«, bot er an. »Du musst ja halb erfroren sein.«

Bert hatte das Mädchen eine Weile nicht mehr gesehen, obwohl er Bonny gelegentlich auf der George Street und der Mermaid Street begegnet war. Er wusste alles über den Verlust ihres Hauses in der Mermaid Street und den Umzug in die Fishmarket Street, doch Bonny hatte die ganze Angelegenheit mit einem Lachen abgetan und angedeutet, dass sich ihre Lage in Bälde bessern würde. Da Bonny trotz ihrer Alkoholexzesse und Affären stets bezaubernd schön war, hatte Bert den Gerüchten um das Aussehen ihrer Tochter keinen Glauben geschenkt.

Doch es waren keine Gerüchte, sondern die Wahrheit – das stellte er zu seinem Entsetzen fest, als er jetzt die Innenbeleuchtung des Wagens einschaltete, um Camellia besser sehen zu können. Sie musste inzwischen vierzehn sein, aber sie war so dick, dass sie viel älter aussah. Während sie als kleines Kind einen klaren, leuchtenden Teint gehabt hatte, war ihre Haut jetzt fahl, und auf ihrem Kinn und der Stirn sprossen etliche dicke Pickel. Als sie die Kapuze abstreifte, sah er nun auch ihr Haar, das nicht nur fettig war, sondern auch mit einer Gartenschere geschnitten worden zu sein schien. Ihr dünner Schulregenmantel war um mehrere Größen zu klein für sie und jämmerlich unzureichend als Schutz gegen Wind und Kälte.

Bert griff nach ihren eiskalten Händen und rieb sie. Sie waren rot und rissig, und die Nägel waren bis aufs Nagelbett abgekaut.

»Was ist passiert?«, fragte er sanft. Sie gab sich offensichtlich alle Mühe, nicht zu weinen, und sie fror zu sehr, um auch nur zu zittern. »Warum bist du ganz allein hier draußen?«

»Ich habe mein Busgeld verloren«, antwortete sie schwach und wandte das Gesicht ab, als könnte sie seinen forschenden Blick nicht ertragen.

»Nun, jetzt ist ja alles gut«, entgegnete er tröstend, entsetzt darüber, dass sie bereits vier oder fünf Meilen von Hastings aus zu Fuß gegangen war. Gleichzeitig erschreckte ihn der Gedanke daran, in welchem Zustand sie zu Hause angekommen wäre, hätte sie auch den Rest des Weges bis nach Rye zu Fuß zurücklegen müssen. »Ein heißes Bad und eine Tasse Tee werden dir gut tun. Ich bringe dich besser gleich nach Hause. Deine Mum macht sich sicher Sorgen um dich.«

»Sie ist nicht da«, erwiderte Camellia mit gepresster Stimme, als Bert sich wieder in den Verkehr einfädelte. »Sie ist übers Wochenende weggefahren.«

»Was? Und hat dich ganz allein gelassen?« Bert riss erstaunt den Kopf herum. »Das ist doch unmöglich, oder?«

»Sie fährt in letzter Zeit oft weg«, meinte Camellia schulterzuckend. »Normalerweise komme ich gut zurecht, aber diesmal hat sie vergessen, mir Geld für den Stromautomaten dazulassen.«

Stück um Stück kam schließlich die ganze Geschichte heraus. Es war offensichtlich, dass Camellia nichts preisgeben wollte, nicht einmal einem Menschen gegenüber, der sie und ihre Mutter so gut kannte wie Bert. Aber nachdem sie erst einmal einen Anfang gefunden hatte, ergossen sich die Worte wie in einer Sturzflut.

Als sie am Freitagabend von der Schule nach Hause gekommen war, war ihre Mutter fort gewesen. Sie hatte sich eine Portion fish an chips geholt und sich vor dem Fernseher niedergelassen. Doch noch bevor sie ihre Mahlzeit beendet hatte, war der Gebührenzähler des Stromautomaten abgelaufen, und sie hatte sich mit einer Kerze in der Hand im ganzen Haus auf die Suche nach einem Schilling gemacht.

Weil sie kein Geld hatte finden können, war sie ins Bett gegangen, aber selbst eine gründlichere Suche an diesem Morgen hatte nicht mehr als ein Six-Pence-Stück und ein paar Pennys zu Tage gefördert.

»Von den Nachbarn konnte ich keinen um Geld bitten«, flüsterte sie beschämt. »Sie reden auch so schon genug über Mummy. Ich hatte gerade noch genug Geld übrig, um mit dem Bus fast bis nach Hastings zu fahren und einen von Mummys Ringen zum Pfandhaus zu bringen.«

Bert fand das sehr einfallsreich von ihr; ihm selbst wäre eine solche Lösung niemals in den Sinn gekommen. Aber andererseits hatte Bonny sie wahrscheinlich mit dergleichen Orten bekannt gemacht.

»Der Mann hat mir zwei Pfund für den Ring gegeben«, erzählte sie erschöpft. »Es war so kalt in Hastings, dass ich dachte, ich sollte am besten gleich wieder heimfahren. Aber als ich zur Bushaltestelle kam, waren die Geldscheine nicht mehr in meiner Tasche. Ich muss sie wohl mit meinem Taschentuch herausgezogen haben. Also bin ich zum Pfandhaus zurückgegangen und habe überall gesucht, aber ich konnte das Geld nicht finden.«

Als sie schließlich vor dem Haus in der Fishmarket Street hielten, war Camellia ein wenig wärmer, und sie hatte die Augen getrocknet.

»Ich komme mit rein«, erklärte er, bevor sie Zeit hatte, ihn wegzuschicken. »Wir werden etwas Geld in den Gebührenzähler stecken und dafür sorgen, dass du alles hast, was du brauchst.«

Er war furchtbar wütend auf Bonny und fest entschlossen, sie zur Rede zu stellen, weil sie ihre Tochter vernachlässigte und sie für ein ganzes Wochenende allein ließ. Gleichzeitig wollte er Camellia gegenüber nicht allzu viel Aufhebens um die ganze Angelegenheit machen.

Sie protestierte zwar nicht, aber er spürte ihre Verlegenheit, als sie die Haustür öffnete und ihnen der Geruch von altem Bratfett und Feuchtigkeit entgegenschlug. Bert entzündete ein Streichholz und steckte ein paar Münzen in den Stromzähler. Als die Lichter aufflammten, hatte er große Mühe, die Fassung zu bewahren, so sehr entsetzten ihn der schwarze Schimmel an den Wänden im Flur und die Tapeten, die in Fetzen herabhingen.

Während seiner Dienstjahre bei der Polizei hatte er viele heruntergekommene Behausungen gesehen, aber diese hier gehörte zu den schlimmsten. Es war so kalt, dass er trotz seines dicken Schafsfellmantels zitterte, und als er ins Wohnzimmer trat, stockte ihm der Atem. Der fadenscheinige Teppich war verklebt von verschütteten Drinks, und eine Schmutzschicht machte seine Muster unkenntlich. Camellia stellte ein künstliches Holzfeuer mit einigen Heizstäben an; die Holzscheite darin waren zerbrochen und staubig, und man konnte die rote Glühbirne darunter hindurchschimmern sehen. Vor dem Kamin standen einige Sessel mit fettig glänzenden Sitzflächen, ein Beistelltisch aus schwarzem Plastik mit zwei Schwänen darauf und ein Vorkriegssofa, aus dessen Armlehnen die Polsterung quoll.

Vielleicht wäre das alles nicht so schockierend gewesen, hätte Bert nicht ihr altes Haus gekannt. Wie konnte jemand sich mit einer solchen Umgebung zufrieden geben, wenn er früher einmal inmitten von Antiquitäten, Perserteppichen und luxuriösen Möbeln gelebt hatte?

»Es ist grässlich, nicht wahr?« Camellia ließ den Kopf sinken und trat nervös von einem Fuß auf den anderen. »Ich wollte nicht, dass Sie das sehen, Mr. Simmonds. Mummy wollte das Haus renovieren lassen, aber jetzt hat sie nicht mehr genug Geld dazu.«

Bert verkniff sich eine sarkastische Antwort. Allein von dem Geld für eins von Bonnys eleganten Kleidern hätte man diesen Raum renovieren können, und Bonny kannte genug Männer, die das bereitwillig für sie erledigt hätten. Plötzlich war er wieder ganz Polizist und registrierte all die Hinweise auf Bonnys grausame Vernachlässigung ihres Kindes, während sie gleichzeitig dafür sorgte, dass es ihr selbst niemals an etwas mangelte.

Ein teurer Pelz lag achtlos hingeworfen über einem Stuhl, auf einem hölzernen Kleiderständer trocknete duftige Unterwäsche. Den Platz auf dem Tisch teilten sich eine Flasche mit Chanel-Parfüm, ein blauer Seidenschal und ein Paar Handschuhe aus weichem Leder mit einer fast leeren Ginflasche und einem mit Lippenstift beschmierten Glas.

Bert ging in die Küche und öffnete den Vorratsschrank. Er war sauber – vermutlich Camellias Werk –, aber auch fast leer. Eine halbe Flasche Milch, ein Ei in einer Schüssel und eine Tüte mit nur wenigen Scheiben Brot. Außerdem fanden sich dort Gewürze, Flaschen mit Soße und ein Glas Marmelade, aber nichts ließ darauf schließen, dass Bonny sich jemals ihre manikürten Nägel mit etwas so Weltlichem wie Kochen ruinierte.

»Du kannst nicht allein hier bleiben.« Bert drehte sich zu dem Mädchen um, das hinter ihm hergeschlurft war. Es tat ihm in der Seele weh, Camellias jetzige Erscheinung mit dem Bild zu vergleichen, das er von ihr als kleines Mädchen in Erinnerung hatte. Ihre Kleider waren so adrett gewesen, das leuchtende Haar gut geschnitten, und obwohl sie damals schon pummelig gewesen war, war sie jetzt schlicht und einfach fett. Welcher Teufel war in Bonny gefahren, dass sie ihr erlaubte, diesen schrecklichen Faltenrock und den eingelaufenen grauen Pullover zu tragen? Ihre Schuhe waren abgetreten und die Absätze schief, und ihre grauen Socken ringelten sich um ihre Knöchel. »Es gefällt mir überhaupt nicht, Schätzchen. Du hast hier nichts zu essen, außerdem sollte ein Mädchen in deinem Alter nachts nicht allein sein.«

»Ich komme schon zurecht.« Camellia blickte zu Boden. Ihre braunen – jetzt traurigen – Augen und ihr Haar waren früher einmal das Reizvollste an ihr gewesen. Der Himmel allein mochte wissen, wer ihr die Haare so stümperhaft geschnitten hatte; ihre Frisur sah schrecklich aus, und ihre Augen versanken fast in den teigigen Wangen. »Mummy wird böse sein, wenn sie nach Hause kommt und ich nicht hier bin.«

»Ich werde mehr als böse auf sie sein, wenn sie nach Hause kommt«, versetzte Bert streng. »Irgendjemand muss ihr einmal die Leviten lesen. Ich bringe dich jetzt zu meiner Mutter und werde für Bonny einen kurzen Brief dalassen.«

Camellia sah ihn an, das Gesicht vor Verzweiflung verzogen. »Sie kann nichts dafür, Mr. Simmonds. Sie ist nun einmal so.« Unwillkürlich hatte sie nach seinem Arm gegriffen. »Innerlich ist sie die ganze Zeit traurig, deshalb geht sie oft aus. Bitte, Sie werden ihr doch keine Schwierigkeiten bereiten?«

An diese flehentliche Bitte Camellias musste Bert später am Abend noch einmal denken, als er sich an Sandra schmiegte. Er war vor einer Stunde noch einmal schnell zu seiner Mutter gefahren und hatte dort eine Menge weiterer Dinge gehört, die ihn zutiefst beunruhigten. Camellia hatte oben geschlafen, und seine Mutter hatte ihm die abgetragene Unterwäsche des Mädchens beschrieben, das unbehandelte Furunkel an seinem Hals und die Frostbeulen an den Innenseiten der Oberschenkel.

Camellia hatte sich seiner Mutter vollkommen geöffnet. Aber obwohl sie ihr gestanden hatte, dass ihre Ernährung aus Fisch und Pommes frites und Sandwiches bestand, hatte sie energisch beteuert, dass Bonny sie liebte. Sie erzählte von Picknicks draußen bei Camber Castle im Sommer, von Ausflügen nach Hastings und Wochenendfahrten nach London. Wie Berts Mutter bemerkte, lag hinter der äußerlich sichtbaren Fassade Bonnys, den Alkoholexzessen, dem Strom männlicher Freunde und den wilden Kauforgien eine Frau, der ihr Kind wichtig genug war, um ihm einige denkwürdige Tage zu bescheren.

»Ich weiß, man könnte den Eindruck gewinnen, dass es für Camellia besser wäre, man würde sie ihrer Mutter wegnehmen«, räumte seine Mutter ein, als er sich verabschiedete, und in ihren Augen stand tiefes Mitgefühl. »Aber tu es nicht, mein Sohn. Es gibt etwas zwischen den beiden, das schön ist und gut, auch wenn du es vielleicht nicht erkennen kannst. Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll, doch ich bin davon überzeugt, dass ich Recht habe. Lass uns versuchen, Camellia das Leben ein wenig zu erleichtern. Ich werde sie gelegentlich zu einem gesunden Abendessen einladen und ihr das eine oder andere im Haushalt beibringen. Vielleicht kann ich sie ja auch zu einer Diät überreden. Bonny ist alles, was sie noch hat, und die beiden brauchen einander.«

Als sie die High Street hinauffuhren, richtete Camellia sich wieder auf. Es war jetzt sehr ruhig draußen; die Läden würden bald schließen, und nur wenige Passanten waren zu sehen.

»Wirst du bei Mrs. Rowlands zurechtkommen?«, fragte Bert. Er hätte sie lieber wieder zu seiner Mutter gebracht, aber die Bäckersfrau hatte ausdrücklich darauf bestanden, dass Camellia bei ihr wohnen sollte.

»Ich komme schon klar«, gab Camellia zurück, und ihr Tonfall verriet, dass es ihr einerlei war, wohin man sie schickte. »Sorgen Sie sich nicht um mich, Mr. Simmonds, Sie müssen an Ihre eigenen Kinder denken.«

Diese Antwort erschien Bert bemerkenswert reif. Er spürte, was sie eigentlich sagen wollte: Seine Frau wäre vielleicht nicht gerade erbaut, wenn er sich allzu sehr um Bonny Nortons Kind kümmerte.

»Hm, ich werde immer mal wieder reinschauen, um nach dir zu sehen. Wenn du nicht zurechtkommst, kannst du es mir dann erzählen«, erwiderte er.

Etwa eine halbe Stunde später trank Camellia im Wohnzimmer der Rowlands über der Bäckerei schweigend Tee. Mrs. Rowlands redete wie ein Wasserfall; in einem Augenblick ging es um die Menge an Kuchen und Pasteten, die sie am Tag verkauft hatten, im nächsten darum, was die Leute sich über Bonnys Tod erzählten. Der Raum war voll gestopft mit Zierstücken, überall standen Katzen, Hunde und andere Tiere aus Porzellan oder Glas herum, aber es roch wunderbar, und die ganze Atmosphäre war heimelig und freundlich, ganz anders als in der Fishmarket Street.

Camellia konnte nicht reden, sie konnte nicht einmal weinen. Ein einziger Gedanke beherrschte sie: dass ihr endlich eine gewaltige, unerträglich schwere Last abgenommen worden war.

Keine lärmenden Partys mehr, kein »Onkel X« und »Onkel Y«, die in Unterwäsche durchs Haus liefen oder sie des Nachts mit animalischem Grunzen aus dem Schlaf rissen. Nie wieder würde sie Erbrochenes aufwischen müssen, nie wieder Bier auf dem Fußboden im Wohnzimmer vorfinden und Zigarettenkippen in der Spüle. Nie wieder würde sie die Demütigung ertragen müssen, im Laden an der Ecke um Kredit zu bitten.

Sie konnte sich auf keinen einzigen Grund besinnen, warum sie ihre Mutter vermissen sollte. Sie war ans Alleinsein gewöhnt, sie war seit ihrem elften Lebensjahr für lange Wochenenden sich selbst überlassen gewesen. Der einzige Unterschied war der, dass Bonny jetzt nicht mehr mit einer Tasche voller Cremetörtchen oder einem Plüschspielzeug und leeren Versprechungen zur Tür hereingetanzt kommen würde. Diesmal war sie für immer fortgegangen.

Und doch – wenn sie wirklich froh war, dass das alles hinter ihr lag, warum fühlte sie sich dann, als hätte man sie entzweigerissen?

4. Kapitel

Camellia schreckte schweißüberströmt aus dem Schlaf auf. Einen Augenblick lang verwirrte die fremde Umgebung sie, dann fiel ihr alles wieder ein. Enid Rowlands hatte sie aufgenommen, ein Arzt war gerufen worden und hatte ihr eine Tablette gegeben. Es war Wirklichkeit, kein Albtraum.

Die Kirchenuhr schlug sieben. Rosafarbene Vorhänge flatterten vor dem winzigen Fenster, an der Wand hing ein Foto von einem kleinen Jungen und einem Hund, auf dem Kaminsims standen eine aus einer Weinflasche gefertigte Nachttischlampe und zwei Porzellanhunde mit angeschlagenen Ohren. Hier oben staute sich der Geruch von gebackenem Brot, und unter anderen Umständen hätte Camellia es genossen, in einem so sauberen, frischen Zimmer zu erwachen. Aber auch wenn Mr. und Mrs. Rowlands sehr freundlich zu ihr waren, wusste sie, sie war hier nur geduldet, bis jemand anderes über ihr weiteres Schicksal entschied.

Langsam stieg sie aus dem Bett. Sie fühlte sich benommen und hatte einen schlechten Geschmack im Mund. Als sie an sich hinabblickte, sah sie, dass sie ein rosafarbenes Nylonnachthemd trug, das nicht ihr gehörte. Auf dem Stuhl lagen ihr marineblauer Rock, die weiße Bluse und ihre Unterwäsche. Mrs. Rowlands hatte sie gewaschen und gebügelt, aber selbst das war Camellia peinlich. Hatte sie sich den großen, billigen Baumwoll-BH und die Unterhosen angesehen, die grau geworden waren von Alter und Achtlosigkeit beim Waschen, und Abscheu empfunden?

Bonny hatte niemals so hässliche Dinge getragen. Was in der Wäsche verdorben worden oder aus der Mode gekommen war, hatte sie sofort weggeworfen.

Das Fenster ging auf die High Street hinaus, aber man sah daraus nur die Geschäfte gegenüber und dahinter den Kirchturm. Es war so heiß in diesem Zimmer. Morgen Früh, wenn Mr. Rowlands mit dem Backen begann, würde es noch heißer werden. Sie musste ins Freie, um ein wenig frische Luft zu schnappen.

Ohne einen besonderen Plan zu haben, stieg sie auf Hilder’s Cliff. Es war immer ihr Lieblingsplatz gewesen, und heute war das Wetter so klar, dass sie über die Wiesen bis nach Lydd schauen konnte. Rye war frühmorgens immer am schönsten, bevor die Menschen die Ruhe zerstörten. Unter ihr lag die Fishmarket Street, und wenn sie über das Geländer spähte, konnte sie gerade noch auf der rechten Seite ihr Haus sehen. Nicht dass sie den Wunsch gehabt hätte, es anzuschauen. Es war viel tröstlicher, nach The Salts rüberzublicken und daran zu denken, wie ihr Vater ihr auf der Schaukel Schwung gegeben hatte.

»Was jetzt wohl aus dem Haus werden wird?«, überlegte sie. Im vergangenen Sommer hatte sie das Wohnzimmer selbst gestrichen. Die alte Mrs. Simmonds hatte ihr sogar hübschere Gardinen gegeben und ihr gezeigt, wie sie Bezüge für die beiden Kaminsessel nähen konnte, und eine Zeit lang hatte der Raum wirklich hübsch ausgesehen. Aber bei Einbruch des Winters kroch schwarzer Schimmel an den Wänden hinauf und verdarb alles. Bonny tröstete sie mit der Bemerkung, es werde der letzte Winter sein, den sie in diesem Hause verbringen musste. Und ausnahmsweise einmal hatte sie die Wahrheit gesagt.

Camellia wusste nicht, warum sie plötzlich den Drang verspürte, die steile Treppe zu dem Haus hinunterzugehen. Obwohl man es ihr nicht ausdrücklich erklärt hatte, war ihr klar, dass sie das Haus nicht betreten durfte, bevor die Polizei mit ihren Nachforschungen fertig war. Aber sie wollte es betreten. Um wenigstens einen letzten Blick darauf zu werfen.

In allen anderen Häusern der Reihe waren die Vorhänge noch geschlossen, und auf jeder Türschwelle standen Milchflaschen. Abgesehen von einem schmuddeligen Hund, der draußen sein Morgengeschäft verrichtete, war niemand da, der sie hätte sehen können. Sie schob die Hand durch den Briefkasten und ertastete den Schlüssel, der auf der Innenseite an einer Schnur baumelte.

Das Haus roch so muffig wie eh und je. In der engen Diele hing ein Theaterposter, um wenigstens den schlimmsten Teil der welken Tapete zu verdecken. Bonny hatte es selbst dort aufgehängt. Sie hatte ihr erzählt, dass sie die Schauspielerin Frances Delarhey, die in dem Stück die Hauptrolle spielte, von früher kannte. Camellia hatte keine Ahnung, wie Bonny zu dem Poster gekommen war, aber andererseits hatte ihre Mutter ihr kaum je einmal etwas erklärt.

Das Haus war noch genauso, wie sie es am vergangenen Morgen hinterlassen hatte: die ausgespülte Müslischale auf dem hölzernen Abtropfbrett, ein einziger Kaffeebecher, ein Löffel und die Milch, die in der Flasche sauer geworden war. Sie wanderte ziellos umher, griff nach irgendwelchen Dingen und legte sie wieder weg, während sie sich fragte, warum sie eigentlich hergekommen war. Die unbezahlten Rechnungen auf dem hässlichen, gekachelten Kaminsims, ein Berg Bügelwäsche in einem Korb und eine fast leere Ginflasche auf dem Tisch hätten einen Außenstehenden vielleicht vermuten lassen, ihre Mutter habe unter Depressionen gelitten. Aber dieses Szenario war gar nichts im Vergleich zu dem, was Camellia bisweilen erlebt hatte.

Auf dem Wohnzimmertisch standen Bonnys Schminkspiegel und ihr leuchtend pinkfarbener Nagellack, und daneben lagen eine Nagelfeile und ein Manikürestäbchen für die Nagelhaut. Es war fast so, als wäre sie nur schnell aus dem Haus gegangen, um Zigaretten zu holen. Wenn Camellia für einen kurzen Moment die Augen schloss und sie dann wieder öffnete, würde Bonny vielleicht wieder am Tisch sitzen, den goldblonden Kopf vornübergeneigt, während sie ihren Nägeln mit der Feile eine perfekte Form verlieh.

In der Ecke des Raumes stand immer noch das Bügelbrett mit den Brandflecken darauf. Camellia wollte jetzt nicht daran denken, dass Bonny erst vierzehn Tage zuvor den Rock verbrannt hatte, für den sie wochenlang gespart hatte.

Sie ging die Treppe hinauf und blieb dann zögernd vor Bonnys Zimmer stehen. Dieser eine Raum war für sie in Abwesenheit ihrer Mutter stets verboten gewesen, und sie würde sich wie eine Schnüfflerin fühlen, wenn sie sich nun dort umsah.

»Jetzt kann sie nicht mehr mit mir schimpfen!«, sagte Camellia laut. Ihre Worte hallten in dem Flur wider, in dem keine Teppiche lagen, und mit dem Echo überfluteten sie bittere Erinnerungen.

Bonnys Zimmer war das einzige, das renoviert worden war. Sie hatte den grässlichen Stan, der ihnen beim Umzug geholfen hatte, dazu überredet und musste ihn wohl mit dem Versprechen bestochen haben, manchmal über Nacht bleiben zu dürfen, denn er schuftete wie ein Sklave dafür. Er strich nicht nur an und tapezierte, sondern baute Schränke für Bonnys Kleider ein, die sich über eine ganze Wand erstreckten. Bonny beteuerte, er würde sich Camellias Zimmer vornehmen, sobald er mit ihrem fertig war. Aber vielleicht schreckte selbst Bonny davor zurück, mit dem Mann zu schlafen, nur um ihr Haus renoviert zu bekommen, denn Stan war plötzlich verschwunden, ohne auch nur die Klinken an den Türen angebracht zu haben. Das musste Bonny selbst erledigen, und Stan kehrte nie wieder zurück, um Camellias Zimmer auf Vordermann zu bringen.

Schließlich drückte sie die Tür auf, trat ein und besah sich trotzig Stans Werk.

Die Spiegel an den Schränken warfen Bilder des kunstvoll geschnitzten Bettes aus Walnussholz und des Ankleidetisches zurück, den Bonny aus dem alten Haus mitgebracht hatte. Vorhänge und Teppich waren in einem dunklen Rosaton gehalten, und eine Tagesdecke aus weißer Spitze und zwei gleiche Lampen auf den kleinen, mit Spitzendeckchen geschmückten Tischen verliehen dem Raum die Atmosphäre luxuriöser Weiblichkeit.

Camellia wusste noch, wie Bonny an dem Tag, an dem das Bett fertig geworden war, dort gelegen hatte.

»Es wird nicht lange dauern, Darling, bis das ganze Haus genauso hübsch aussieht«, hatte sie gemeint, während sie sie auf das Bett gezogen und an sich gedrückt hatte. »Ich bin fertig mit all den Torheiten und Partys. Jetzt gibt es nur noch dich und mich. Ich werde mir einen Job suchen, und wir werden hier glücklich sein. Vielleicht musste ich die Mermaid Street verlassen, um neu anzufangen. Es gab zu viele Geister in diesem Haus.«

Es waren alles Lügen gewesen. Die Partys, die Alkoholexzesse und die Männer, nichts von all dem verschwand aus ihrem Leben. Bonny fand keinen Job und unternahm auch keinen Versuch, den Rest des Hauses hübsch herzurichten. Während sie diesen behaglichen, entzückenden Raum für sich hatte, hatte ihre Tochter auf der anderen Seite des Flurs nur kahle Dielen unter den Füßen, ein Stück Pappkarton war über ein Loch im Fenster geklebt, und die Federn in ihrem Bett stachen durch die Matratze.

Wut stieg in Camellia auf, als sie das sorgfältig gemachte Bett betrachtete, den abgestaubten Ankleidetisch mit all den blitzenden, adrett arrangierten Parfümflaschen. Bis jetzt hatte sie nie wirklich darüber nachgedacht, wie seltsam es war, dass eine Frau, die bis weit in den Vormittag schlief, die die ganze Nacht hindurch trank und die nicht einmal eine Schulbluse für ihre Tochter bügelte, es irgendwie fertig brachte, diesen Raum makellos sauber und ordentlich zu halten.

Ihre Wut steigerte sich noch, als sie die Schränke aufriss und Reihe um Reihe Kleider, Kostüme und Blusen dort sah. Wie viele Male hatte Camellia um einen neuen Schulmantel oder eine Bluse gebettelt und immer dieselbe Antwort bekommen? »Ich bin im Moment ein bisschen klamm, Darling. Vielleicht nächste Woche!«

So viele Ausreden! Sie musste zu einem Vorsprechen. Dieses Vorstellungsgespräch war wichtig. Aber meistens hieß es: »Er betet mich an, Darling. Ich muss einfach gut aussehen! Stell dir nur vor, wie schön es sein wird, einen neuen Vater zu haben.«

Wer war der Mann, mit dem sie sich in London treffen wollte?

Camellia hatte es lange aufgegeben, Bonny nach ihren Männerbekanntschaften zu befragen, denn all ihre Beziehungen endeten auf dieselbe Art und Weise. Im einen Augenblick sprach sie von einer Wohnung in London, einem Urlaub in der Sonne und ihrer Überzeugung, dass ihr Glück sich wenden würde, und im nächsten Augenblick war alles vorbei. Bonny war wie ein Fischer, der sein Leben müßig an einem sonnigen Flussufer verträumte, einen Fisch fing, ein Weilchen mit ihm herumspielte und ihn dann wieder ins Wasser warf, stets auf der Suche nach dem imaginären großen Fang.

Trotzdem war sie, was diesen letzten Mann betraf, ungewöhnlich heimlichtuerisch gewesen. Sie hatte spätnachts lange Telefongespräche geführt, und ihre Augen hatten geleuchtet, als wäre er wirklich wichtig, und immer wieder hatte sie ihrer Tochter gegenüber angedeutet, dass etwas Wundervolles auf sie beide wartete. Erst wenige Tage zuvor hatte sie davon gesprochen, Pässe für sie beide zu besorgen. Warum hatte sie ihr niemals seinen Namen genannt oder ihn mit nach Hause gebracht?

Ich nehme an, er war verheiratet, seufzte Camellia im Stillen. Während sie die Kleider durchsah, traten ihr Tränen in die Augen und strömten über ihre Wangen. Plötzlich musste sie an einen Abend vor etwa vier Wochen denken, eine schöne Erinnerung, die ihre Wut ein wenig milderte.

»Zu elegant für ein paar Drinks.« Bonny hatte das smaragdgrüne Kleid mit dem Perlenbesatz an der Schulter wieder weggehängt. »Und nach Schwarz ist mir heute Abend auch nicht zumute. Hol mir das rosafarbene Kreppkleid aus dem Schrank!«

»Ich wünschte, ich hätte auch so ein Kleid.« Camellia hatte das rosafarbene Gewand vor sich gehalten und sich im Spiegel betrachtet. Bei ihrem Anblick hätte sie am liebsten geweint. Sie war ein fettes Kalb mit dunklen Schweinsäugelchen, strähnigem Haar und fahler, fettiger Haut, und sie war fest davon überzeugt gewesen, niemals in irgendetwas gut auszusehen.

Plötzlich stand ihre Mutter neben ihr und legte ihre weiche, parfümierte Wange an ihre. »Du wirst nicht immer pummelig sein, Darling«, versicherte sie unendlich sanft. »Eines Tages wirst du aufwachen und feststellen, dass all die Pfunde verschwunden sind und du wunderschön bist.«

»Woher weißt du das?« Camellia blinzelte gegen die Tränen an. »Du bist in deinem ganzen Leben nie dick gewesen.«

Bonny lachte, doch diesmal ohne jeden Zynismus. »Ich weiß es, weil ich mal eine gute Freundin hatte, die genauso pummelig war wie du. Am Ende war sie eine der zauberhaftesten Frauen, die ich je gekannt habe. Außerdem hast du ein reizendes Wesen, Darling, und wenn das Fett verschwindet, was ganz sicher passieren wird, wirst du doppelt so anziehend sein wie ich.«

Jetzt nahm Camellia dieses rosafarbene Kleid aus dem Schrank, hielt es sich vors Gesicht und schluchzte. Sie konnte das Parfüm ihrer Mutter riechen, konnte diese glatte Wange spüren, die sich an ihre drückte.

An jenem Abend war sie voller Optimismus zu Bett gegangen. Wenn sie in letzter Zeit nicht so sehr mit sich beschäftigt gewesen wäre, hätte sie vielleicht bemerkt, dass mit ihrer Mutter etwas nicht stimmte.

Mit einem Mal ging Camellia die ganze Wucht dessen auf, was Bonnys Tod wirklich bedeutete. Die schlimmen Erinnerungen scherten sie nicht, genauso wenig wie die Beleidigungen und Demütigungen. Sie wollte einfach ihre Mutter wiederhaben, trotz allem.

»Warum, Mummy? Warum?«, flüsterte sie. »Wenn es so schlimm stand, warum konntest du dann nicht einfach nach Hause kommen und es mir erzählen? Du hast mir immer gesagt, ich solle den Kopf hochhalten und das gehässige Gerede der Leute ignorieren. Ich bin kein Kind mehr, ich hätte dir helfen können.«

Es war eine Mischung aus Wut und Trauer, die sie dazu trieb, alles zu durchsuchen. Irgendwo würde sie vielleicht eine Erklärung finden oder wenigstens einen Fingerzeig. Sie drehte das Unterste zuoberst: Schuhkartons, alte Handtaschen, sogar Manteltaschen. Am Ende hatte sie fast ein Pfund an Kleingeld gefunden, aber nichts anderes.

Als Nächstes nahm sie sich den Ankleidetisch vor und schob die seidene, nach Chanel duftende Unterwäsche beiseite, fand aber immer noch nichts.

Einige Fotos in einem Umschlag, die ihren Vater zeigten, trieben ihr abermals die Tränen in die Augen. Auf den Bildern war er einfach nur ein hoch gewachsener, schlanker, ernst dreinblickender Mann mit dunklem Haar und Schnurrbart. Sie konnte sich kaum mehr an sein Gesicht erinnern, wusste aber noch genau, wie es gewesen war, als er noch gelebt hatte; sie konnte sich an das Gefühl absoluter Sicherheit erinnern, an das Gefühl, geliebt zu werden und erwünscht zu sein. Daran, wie seine tiefe Stimme abends die Treppe hinaufgeweht war, und an seine Arme, wenn er sie nach seiner Heimkehr hoch über seinen Kopf gehoben hatte.

Vielleicht hatte ihre Mutter John mehr geliebt, als Camellia bewusst gewesen war? Vielleicht war sie immer auf der Suche nach einem Ersatz für ihn gewesen?

Nicht einmal die Schmuckschatulle barg irgendwelche Überraschungen. Die Perlenkette, die Diamantohrringe und das goldene Armband, Geschenke ihres Vaters, waren alle noch dort. Hätte ihre Mutter diese Schmuckstücke nicht wieder versetzt, wenn es finanzielle Probleme gewesen wären, die ihr zu schaffen gemacht hatten?

Als Camellia überall im Raum gesucht hatte, ließ sie sich schließlich auf Hände und Knie nieder, um unter dem Bett nachzusehen, aber auch dort fand sich nichts als ein einzelner Strumpf mit Laufmaschen. Als sie sich jedoch wieder hochzog und sich dabei am Bettpfosten festhielt, sah sie, dass die Tagesdecke an einer Stelle unter der Matratze eingeklemmt war, als hätte ihre Mutter sie hochgehoben, um etwas darunterzuschieben.

Während sie mit einer Hand die Matratze hochhielt, schob sie die andere darunter und tastete den Rahmen ab, bis ihre Finger auf etwas Hartes, Flaches stießen. Sie hatte einen großen, braunen Umschlag gefunden.

Der Umschlag enthielt Schulzeugnisse, die Heiratsurkunde ihrer Eltern und den Totenschein ihres Vaters, außerdem Fotos ihrer Eltern, viele davon auf ihrer Hochzeit aufgenommen, einschließlich eines Bildes in einem Messingrahmen, das in der Mermaid Street auf dem Kaminsims gestanden hatte. Auch ihre eigene Geburtsurkunde fand sie und zehn oder zwölf Atelieraufnahmen von sich bis zu ihrem siebten Geburtstag.

Vorsichtig schob sie alles wieder zurück in den Umschlag. Die Polizei würde ihr diese Dinge später zurückgeben, sie brauchte sie jetzt nicht mitzunehmen. Aber als sie den Umschlag wieder unter die Matratze schob, berührten ihre Finger abermals einen Gegenstand. Auch dieser war glatt, flach und hart. Hastig zog sie ihren Fund hervor und setzte sich auf das Bett, um ihn zu begutachten.

Diesmal war es kein Umschlag, sondern eine Heftmappe aus steifem, grünem Karton.

Ein plötzliches Geräusch von der Straße schreckte sie auf, und sie trat ans Fenster. Die Colleys von nebenan packten einen Picknickkorb in ihren Wagen, und plötzlich wurde Camellia bewusst, dass sie sich schon eine ganze Weile in dem Haus aufhielt. Jeden Augenblick konnte die Polizei auftauchen, oder Mrs. Rowlands ihr Verschwinden entdecken und sich Sorgen machen. Sie musste in die Bäckerei zurückkehren.

Hastig sah sie die Mappe durch. Es schien sich um Briefe von verschiedenen Männern zu handeln, einige davon so alt, dass sie ihre Farbe verloren hatten. Bonny hatte diese Unterlagen zusammen mit dem Umschlag unter ihrem Bett versteckt; vielleicht handelte es sich tatsächlich nur um alte Liebesbriefe, die für niemanden außer für Bonny von Bedeutung waren. Aber die bloße Tatsache, dass sie sie versteckt hatte, sprach eine deutliche Sprache: Kein Außenstehender hatte sie sehen sollen.

»Ich werde sie vernichten, wenn tatsächlich nicht mehr dahintersteckt«, flüsterte sie und spürte Bonnys Gegenwart so deutlich, als hätte sie neben ihr gestanden. »Ich werde niemandem etwas verraten. Ich habe dich lieb, Mummy.«

Sie brauchte nur eine Minute, um die Tagesdecke zurechtzuziehen und alle Türen und Schubladen zu schließen, und eine weitere Minute, um ein paar von ihren eigenen Sachen in eine Tasche zu packen, in die sie zuvor die Heftmappe geschoben hatte. Dann war sie fort, zog die Haustür fest hinter sich ins Schloss und ließ den Schlüssel an seiner Schnur baumeln.

»Camellia! Wo bist du gewesen?«, jammerte Mrs. Rowlands und wandte sich von dem Schinken ab, den sie in der Pfanne briet. »Du kannst dir nicht vorstellen, was ich durchgemacht habe!«

Es war das erste Mal, dass Camellia Mrs. Rowlands jemals ohne Schürze begegnet war. In ihrem blau gestreiften Baumwollkleid wirkte sie wie ein zu dick gepolstertes Kissen. Auch die Küche sah merkwürdig aus – keine übereinander gestapelten Backbleche, die darauf warteten, gespült zu werden, kein Pastetenteig, der in die riesigen Öfen geschoben werden musste. Es war kühl und sehr sauber.

»Ich bin spazieren gegangen.« Camellia verbarg die Tasche hinter ihrem Rücken. »Ich wollte Sie nicht wecken. Es tut mir Leid, wenn Sie sich um mich gesorgt haben.«

»Nun, jetzt bist du ja wieder da. Bring das hier rüber zu Mr. Rowlands.« Sie reichte Camellia einen Teller mit Schinken und Eiern. »Ich komme mit unserem Frühstück nach.«

Mr. Rowlands saß bereits im Wohnzimmer am gedeckten Tisch und las die Sunday People. Er war so dünn, wie seine Frau dick war, und beinahe kahlköpfig. Die verbliebenen dünnen Haarsträhnen hatte er sich von einem Ohr zum anderen über den Kopf gekämmt. Aber seine Augen waren freundlich. Als sie seinen Teller vor ihm abstellte, lächelte er sie an.

Am vergangenen Abend war sie so dankbar für die Gastfreundschaft der Rowlands gewesen. Die kleinen, hellen Räume spendeten all den Trost und die Sicherheit, an denen es in ihrem eigenen Zuhause gemangelt hatte. Es hatte ihr gut getan, dass jemand da war, der ihr ein Bad einlaufen ließ, der sie ins Bett steckte und Mitgefühl zeigte, aber jetzt, im Licht des Tages, kam ihr das Haus wie ein Gefängnis vor.

Mrs. Rowlands war eine Klatschbase, und bis zum gestrigen Tag hatte sie sich Camellia gegenüber stets recht kühl gezeigt. Hatte die Frau ihr nicht eher aus Sensationslust ein Heim geboten als aus wirklicher Barmherzigkeit?

»Was ist das?« Mrs. Rowlands war mit dem Frühstück für sie und Camellia eingetreten, und ihre scharfen Augen hatten die Tasche sofort erspäht.

»Nur ein paar Sachen von zu Hause«, antwortete Camellia und errötete schuldbewusst. »Ich bin sowieso dort vorbeigekommen, daher dachte ich, ich springe schnell rein und hole mir, was ich brauche.«

»Du hättest nicht allein da reingehen dürfen.« Mrs. Rowlands umflatterte sie wie eine Glucke und schob sie zum Esstisch hinüber. »Die Polizei wollte sich vorher dort umsehen. Ich hätte dich später hinfahren können.«

Tränen brannten in Camellias Augen. »Ich wollte mir nur mein Nachthemd und ein paar Sachen holen. Sonst habe ich nichts angerührt.« Sie hielt den Atem an, so groß war ihre Angst, Mrs. Rowlands könnte die Tasche öffnen, doch jetzt meldete sich ihr Mann zu Wort.

»Natürlich brauchtest du deine Sachen, mein Kind.« Er tätschelte ihre Hand, und sein schmales, zerfurchtes Gesicht war voller Mitgefühl. »Enid muss sich immer Sorgen machen, so ist sie eben. Jetzt iss dein Frühstück, bevor es kalt wird.«

Um sieben Uhr an diesem Abend durchzog der Duft von Gerste das Haus, da Mr. und Mrs. Rowlands in der Bäckerei den Teig für den nächsten Tag anrührten.

Camellia stahl sich auf den Flur hinaus, um sich ein letztes Mal umzusehen. Sie konnte die Stimmen der beiden Rowlands hören, gedämpft von zwei schmalen Treppen. Dies war ihre Chance.

Der Tag war endlos gewesen. Obwohl Camellia die Rowlands fast ihr Leben lang kannte, war es ihr unmöglich gewesen, mit den beiden zu reden.

Es wirkte unhöflich, ein Buch zu lesen, und noch unhöflicher zu fragen, ob sie in ihr Zimmer gehen und allein sein dürfe. Mr. Rowlands hatte die Nase in die Zeitung gesteckt und seine Frau unaufhörlich vor sich hin geschwatzt. Wenn sie nur über Bonny gesprochen hätte, wäre es Camellia vielleicht möglich gewesen zu weinen, aber stattdessen hatte sie sich offenkundig Mühe gegeben, den Namen ihrer Mutter nicht zu erwähnen.

Am Nachmittag hatte Camellia Mrs. Rowlands mit einer ihrer Freundinnen telefonieren hören; sie hatte der anderen Frau erzählt, wie viel Rinderbraten und Yorkshire-Pudding Camellia gegessen hatte. Außerdem hatte sie festgestellt, dass der Tod ihrer Mutter Camellia offensichtlich nicht allzu nahe ging.

Es kam ihr so vor, als wollte Mrs. Rowlands sie mit Absicht in Verlegenheit bringen. Sie hatte eine Bemerkung über die Löcher in ihren Schuhen gemacht und ihr eins ihrer eigenen riesigen Baumwollkleider angeboten, weil Camellias Bluse am Busen spannte, und sie hatte ihre Flecken mit einer Paste betupft. Vielleicht versuchte sie nur, mütterlich zu sein, doch Camellia fühlte sich deutlich an die grausamen Spötteleien erinnert, die sie täglich in der Schule über sich ergehen lassen musste.

Die Zeiger der Uhr bewegten sich so langsam, dass Camellia am liebsten laut geschrien hätte. Alles in ihr drängte sie, das Haus zu verlassen und allein im Sonnenschein draußen einen Spaziergang zu unternehmen. Sie brannte darauf, diese Briefe zu lesen, fühlte sich aber gleichzeitig schuldig, weil sie sie mitgenommen hatte. Bevor Mr. und Mrs. Rowlands wieder in die Bäckerei hinuntergingen, schlug er endlich vor, sie solle früh zu Bett gehen, und Camellia hätte ihn dafür küssen können.

»Nach der Beerdigung wird es dir besser gehen«, meinte er mit echtem Mitgefühl, als hätte er erraten, wie dieser Tag für sie gewesen sein musste. »Du bist noch viel zu jung für so eine Geschichte, aber wir sind ja da, um dir zu helfen.«

Camellia ging ins Bett und arrangierte die Decke so, dass sie sie im Falle einer Unterbrechung sofort hochziehen konnte. Endlich hatte sie Zeit, um den Heftordner zu öffnen. Darin befanden sich insgesamt zwei oder drei Dutzend Briefe und einige alte Fotografien von Leuten, die sie nicht kannte. Aber wenn sie gehofft hatte, in den Briefen einen gewissen Trost zu finden, wurde sie bitter enttäuscht. Alles, was sie dort fand, war Verrat.

Nachdem sie alle Briefe gelesen hatte, verging noch eine ganze Stunde, bis sie weinen konnte. Sie lag im Bett und lauschte auf die Knetmaschine unten in der Bäckerei, und der Zorn in ihr schwoll immer mehr an, bis er sie fast zu ersticken drohte.

Endlich wurden die Maschinen unten abgestellt, Camellia vernahm das Klirren von Teetassen und das Pfeifen des Kessels; die Rowlands gossen sich eine letzte Kanne Tee auf. Die Kirchenuhr schlug zehn, dann hörte Camellia die Stufen knarren, als die Rowlands heraufkamen, um zu Bett zu gehen.

Binnen Minuten kehrte Stille im Haus ein. Draußen auf der Straße kamen die Leute aus dem »George«; hohe Absätze klapperten den Gehsteig hinunter, und gelegentlich erklang Gelächter. Erst als es auf der Straße so still war wie im Haus, drückte Camellia das Gesicht in das Kissen und schluchzte.

Sie konnte Bonny die eigene Vernachlässigung verzeihen, ebenso die Alkoholexzesse und die unzähligen Affären mit irgendwelchen Männern. Das verschwendete Vermögen der Familie kümmerte Camellia nicht im Mindesten. Sie hatte sich auf weitere Demütigungen gefasst gemacht, auf grausame Scherze, auf all den Klatsch und Tratsch, mit dem man ihr in den nächsten Wochen begegnen würde. Doch sie hatte nicht damit gerechnet, dass ihre Mutter ihr das einzig Schöne rauben würde, das ihr geblieben war.

John Norton, dieser freundliche, liebevolle Herr, war einfach einer von vielen »großen Fischen« gewesen, die Bonny durch Lug und Betrug geködert hatte. Sie hatte ihn nicht nur dazu gebracht, sie zu heiraten, indem sie behauptet hatte, von ihm schwanger zu sein; sie hatte dasselbe auch drei anderen Männern gegenüber vorgegeben und jeden von ihnen erpresst – und das noch zu Johns Lebzeiten.

»Ich hasse dich«, flüsterte Camellia grimmig in ihr Kissen. »Erwarte ja nicht von mir, dass ich um dich trauere, du verlogene Hure. Ich bin froh, dass du tot bist.«

Sie hatte so viele schöne, wunderbare Erinnerungen an ihren Vater – wie sie auf seinem Schoß gesessen und ihm vorgelesen hatte, wie sie zusammen mit ihm unten in Camber Sands schwimmen gegangen und in Hastings Karussell gefahren war, während er sie im Arm gehalten hatte. Es war ihr Vater, der ihr die neugeborenen Lämmer gezeigt und der im Frühling die ersten Pfingstrosen für sie gepflückt hatte.

Zwar hatte sie schon vor langer Zeit die Hoffnung aufgegeben, eines Tages so hübsch zu werden wie ihre Mutter, aber dann hatte sie sich seine Kinderfotos angesehen, die ihn als einen pummeligen Jungen zeigten, und gehofft, ihre Pfunde würden genau wie seine mit sechzehn oder siebzehn Jahren verschwinden, und sie würde schlank und elegant werden.

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