Logo weiterlesen.de
Im wilden Meer der Leidenschaft

Amanda McCabe

Im wilden Meer der Leidenschaft

PROLOG

Venedig, im Jahre 1525

Er war es tatsächlich.

Bianca Simonetti spähte durch einen winzigen Spalt im Vorhang vor dem schmalen Fenster ihrer Kammer hinunter zu dem jungen Mann, der auf der engen Gasse stand. Obwohl sie lediglich sein perlenbesetztes Barett aus rotem Samt und seine glänzenden, schulterlangen dunklen Haare sah, wusste sie, dass er es war. Balthazar Grattiano.

In den vergangenen fünfzehn Jahren ihres jungen Lebens hatte sie noch nie jemanden wie ihn getroffen, der ihr Herz so in Aufruhr versetzte. Es pochte laut in ihrer Brust, und das Blut rauschte ihr in den Ohren. Ein heißes, aufregendes Gefühl durchströmte sie bis in die Fingerspitzen, wenn sie ihn nur anschaute.

Sie wusste, dass sie bei Weitem nicht das einzige weibliche Wesen in Venedig war, auf das er eine solche Wirkung ausübte. Über seine dunklen grün-goldenen Augen, seine muskulösen Schultern und die markante Wölbung in seinen engen Hosen tuschelten errötende Frauen in der ganzen Stadt, von den Salons der Patrizier bis hin zu den beiden Freudenhäusern. Auch Bianca hatte schon viel über ihn gehört, denn alle diese Frauen, ob Adlige oder Hure, kamen mit ihren geheimen Wünschen zu ihrer Mutter.

Maria Simonetti, die schon seit Langem verwitwet war und ihren eigenen Hausstand führte, war die beste Wahrsagerin und Tarotkarten-Deuterin in Venedig. Natürlich konnte sie ihr Gewerbe nicht offen ausüben; Venedig war zwar nicht ganz so streng von der Inquisition überwacht wie Madrid, doch wollte niemand das Risiko eingehen, der Hexerei beschuldigt zu werden. So war das Untergeschoss von Marias Haus an einen Schneider und einen Perückenmacher verpachtet, während sie selbst der Wahrsagerei in einem verborgenen und diskret verhängten Hinterraum nachging.

Doch jedermann in der Stadt wusste stillschweigend über Marias Talent Bescheid. Besonders die Frauen. Sie kamen, um einen Blick auf ihre Zukunft zu erhaschen, Genaueres über ihre Ehemänner, Geliebten und Geschäfte zu erfahren. Sie kamen in Tränen, voller Hoffnung, manchmal sogar beschwingt und glücklich. Und häufig kamen sie mit flehentlichen Fragen über Balthazar Grattiano. Bianca, die so diskret im Hintergrund saß, beachteten sie nie, und so kam es, dass sie in alle Geheimnisse eingeweiht war.

Balthazar war gut aussehend, einer der attraktivsten Männer Venedigs. Um das zu wissen, reichte ein Blick auf ihn aus. Er war vermögend, denn er war der einzige Sohn des unermesslich reichen und mächtigen Ermano Grattiano. Balthazar war neunzehn, also im heiratsfähigen Alter und erwachsen genug, um die Verantwortlichkeiten eines patrizischen Edelmannes zu übernehmen. Doch er schien nicht geneigt, die an ihn gestellten Erwartungen zu erfüllen und zog es vor, seine Zeit mit Kurtisanen, Glücksspielen oder Trinken zu verbringen. Seine schockierendste Beschäftigung von allen bestand indes darin, den Schiffbau im Arsenal, der Schiffswerft von Venedig, zu beobachten.

All dies kam Bianca zu Ohren, genauso wie das Getuschel hinter vorgehaltener Hand über seine „Leidenschaftlichkeit“ im Schlafgemach, seine Undurchschaubarkeit und Unerreichbarkeit. Sie hörte die verlegenen, flehenden Fragen – würde er sie eines Tages zur Frau nehmen? Aus ihr seine offizielle Mätresse machen?

Doch Bianca kannte mehr von Balthazar als sein gutes Aussehen, seine Reichtümer und seine Fähigkeiten als Liebhaber. Sie sah in seine leuchtenden grünen Augen und erblickte darin eine Sehnsucht ähnlich der ihren. Eine tiefe, unendliche Traurigkeit.

Sie hatte die Begabung ihrer Mutter nicht geerbt. Die Karten waren für sie lediglich bunt bemalter Karton, die Zukunft ein unbeschriebenes Blatt. Doch seit ihrer frühesten Kindheit war sie in Menschenkenntnis unterrichtet worden. Sie hatte gesehen, wie die Besucher ihrer Mutter im Haus ein- und ausgingen, hörte ihre geheimsten Ängste und Wünsche und gewann Einblick in die guten und die schlechten Seiten der menschlichen Natur. Auf ihre eigene Art konnte sie in ihnen lesen wie in einem aufgeschlagenen Buch. Und als sie Balthazar zum ersten Mal sah und in seine wunderschönen Augen blickte, entdeckte sie dort nicht die selbstgefällige Zufriedenheit, die man von solch einem privilegierten jungen Mann erwarten würde. Sie sah darin nur tiefe Traurigkeit – und kaum verhaltenen Zorn.

Normalerweise wäre die Wahrscheinlichkeit gering gewesen, dass sie jemandem wie Balthazar Grattiano begegnete. Sie hatten nicht den gleichen gesellschaftlichen Rang, und sie führten völlig verschiedene Leben. Ihre Mutter erlaubte Bianca hingegen, ihren Wahrsage–Sitzungen beizuwohnen. Maria weihte ihre Tochter in die Realitäten des Lebens ein, doch sie wachte auch über Bianca. So war es ihr nicht erlaubt, mit jungen Männern zu tanzen oder gar nach Einbruch der Dunkelheit das Haus zu verlassen. Dies galt ganz besonders für die gerade anstehende Karnevalszeit. Nur von den Besuchern ihrer Mutter hörte sie über die ausschweifenden Maskenbälle, auf denen reichlich Wein floss.

Auch Balthazars Vater, der mächtige und gefürchtete Ermano Grattiano kam seit einiger Zeit ins Haus ihrer Mutter, um sich von ihr die Karten legen zu lassen. Bianca wurde von ihrer Mutter hinausgeschickt, wenn er kam, doch hörte sie von der Magd, dass Ermano, der bereits drei Ehefrauen beerdigt hatte, wieder heiraten wolle. Er wünschte sich nichts sehnlicher als einen weiteren Nachkommen und glaubte fest, dass Maria ihm die zukünftige Mutter seines Erben enthüllen könne und dass sein Schicksal in den Karten stünde.

Von Zeit zu Zeit kam Balthazar mit seinem Vater zu diesen Sitzungen und wartete immer draußen in der Gasse auf ihn. Dort sah Bianca ihn zum ersten Mal, als sie eines Tages vom Markt nach Hause kam. Er lehnte, in einen pelzbesetzten Umhang gehüllt, an der abblätternden Stuckfassade und hielt ein geöffnetes Buch in den Händen.

Auch Bianca las leidenschaftlich gern, ein ungewöhnlicher Zeitvertreib für eine junge Frau. Sie studierte auch fremde Sprachen, Englisch und Spanisch, sowie Buchführung, sodass sie eines Tages ihr eigenes Geschäft würde führen können. Manchmal lieh ihr ein Buchhändler vom Rialto einige Schriften, nur reichte ihr dies nie aus, um ihre Wissbegier zu stillen. Sie war so erstaunt, einen solch gut aussehenden, reich gekleideten Mann lesend vor ihrem Haus zu sehen, dass sie ihre übliche Schüchternheit überwand und ihn neugierig fragte, was er denn lese.

Er blickte auf, und da sah sie sie – diese tiefe Traurigkeit, diese kaum gezähmte Wut, deren Grund sie nicht benennen konnte. Doch schien sie sich nicht gegen sie zu richten. Stattdessen lächelte er sie an und zeigte ihr sein Buch über die Schifffahrt, überrascht, dass sie Spanisch lesen konnte. Seit diesem ersten Treffen stieg Bianca jedes Mal, wenn Ermano kam, zu Balthazar hinunter, um mit ihm zu reden, zu erfahren, was er las, und um mit ihm über die Wunder der Welt außerhalb Venedigs zu sprechen – über den Glanz und die Pracht Englands, Spaniens, Frankreichs, des Osmanischen Reiches und sogar der neu entdeckten Inseln jenseits des Meeres.

Bianca hatte noch nie jemanden von solchen Dingen reden hören, und sie war fasziniert von diesem Ausblick auf eine neue Welt. Fasziniert auch von Balthazar selbst, von dem winzigen Einblick, den er ihr in seine Wünsche und Träume gewährte, die so tief unter seiner glanzvollen und sorglosen Fassade verborgen lagen. Von dem brennenden Verlangen, alles hinter sich zu lassen und in eine freie, ungewisse Zukunft aufzubrechen.

Doch diese neuen Möglichkeiten, die sich außerhalb ihrer vorgezeichneten Existenz auftaten, und der eigenartige junge Mann ängstigten sie auch.

„Warum“, fragte sie ihn einmal, „würdest du Venedig verlassen wollen? Du hast doch hier alles, was man sich erhoffen kann.“ Sie konnte sich nicht vorstellen, dass sich irgendjemand mehr vom Leben erhoffen könne als all das, wovon Balthazar reichlich besaß: Reichtum, Ruhm, einen alteingesessenen Familiennamen. Konnte sich nicht vorstellen, dass man von einem anderen Ort als Venedig träumen könne, der Stadt, die eine Welt für sich war, goldglänzend und auf Wasser erbaut. Sie selbst würde gewiss eines Tages heiraten und sich um ihre Familie kümmern, ihrem Mann helfen, sein Geschäft zu führen, und ihren häuslichen Pflichten nachgehen. Ihr einziger Trost war, dass sich dieses Leben in Venedig abspielen würde.

Auch Balthazar hatte keinen Grund, die Stadt zu verlassen und sein Glück in der neuen Welt zu suchen. Alles war ihm hier in die Wiege gelegt worden: Reichtum, Ruhm, Anerkennung. Wieso wollte er all das hinter sich lassen?

Doch er lächelte nur liebevoll und traurig und blickte sie aus seinen erfahrenen Augen an, die schon zu viel gesehen hatten. Viel zu viel. „Komm mit mir, Bianca“, sagte er und ergriff ihre Hand. Es war das erste Mal, dass er sie berührte und seine kühlen und starken Finger über die ihren legte. Eine plötzliche Welle wohligen Glücks durchflutete sie, die selbst bei dieser unschuldigen Berührung ihre Sinne übermannte. Sie behielt seine Hand fest in der ihren, bereit, ihm überallhin zu folgen, und sei es in die Tiefen der Hölle.

Doch er führte sie nicht ins Fegefeuer, sondern zum Ufer des nächsten Kanals, wo die Gondel seines Vaters wartete. Menschen hasteten an ihnen vorüber: Mägde mit ihren Marktkörben, ernste Patrizier in langen schwarzen Röcken, die den Staatsgeschäften nachgingen, in Satin gehüllte Kurtisanen, die Balthazar verführerisch anlächelten. Bianca sah und hörte sie alle nicht. Sie fühlte sich, als sei sie im Bann eines lautlosen, sonnendurchfluteten Zaubers. Sie war mit Balthazar zusammen, dessen Wärme und frischer, salziger Geruch nach Meer den Lärm und Trubel der Außenwelt von ihr fernhielten.

„Siehst du das Wasser?“, fragte er und zeigte auf den Kanal, der zu ihren Füßen floss.

Bianca nickte abwesend. Natürlich sah sie es! Jeden Tag ging sie während ihrer Besorgungen an ihm entlang. Ein ganz gewöhnlicher Kanal wie jeder andere hier in Venedig. Vielleicht etwas übel riechend, aber ansonsten nicht erwähnenswert. Ein ganz gewöhnlicher Verkehrsweg.

„Nein, sieh’ genau hin“, sagte Balthazar. Er zog an ihrer Hand, und sie blickte hinunter ins Wasser. Es lag völlig ruhig da, mit glatter Oberfläche, die nicht von vorbeifahrenden Gondeln aufgewühlt war, und ähnelte einem schimmernden Strudel aus blauer, violetter, grüner und ölig-schwarzer Farbe. Etwas Treibgut schwamm darauf, auch einige Flaschen, Gemüsereste und tote Ratten. Der Winter hatte sich angekündigt, und die kalte Luft überdeckte den üblichen süßlich-faulen Geruch.

„Auf was soll ich schauen?“, flüsterte Bianca, und er musste lachen.

„Was wir hier sehen, ist nur die Fassade der Stadt“, sagte er. „Die beeindruckenden Kirchen und Palazzi, die Juwelen und seidenen Gewänder, die Reichtümer, um die uns die Welt beneidet. Aber hinter dieser Fassade …“

Bianca beobachtete die langsame Strömung des Wassers, die ineinander vermischten dunklen Regenbogenfarben, die den Abfall und die Verwesung tief unten verbargen. „Kadaver? Unrat?“

Balthazar sah sie eindringlich an. Das Sonnenlicht spiegelte sich in seinem edlen Smaragd-Ohrring, der grüngelb in seiner kunstvollen Fassung funkelte. Auch dieser Edelstein war Teil der Maskerade. Balthazar war wie die tiefen Wasser Venedigs, wie die Stadt selbst. Versteckt unter seinem blendenden Aussehen lag seine verwundete Seele.

„Genauso ist es, Bianca“, sagte er leise. „Tod und Verwesung. Lüge und Unredlichkeit wohin man auch blickt.“

„Aber kann man davor wirklich weglaufen?“, fragte Bianca und dachte dabei an seine Bücher über weite Reisen, Abenteuer und die neue Welt. „Können wir das hinter uns lassen? Wohin wir auch gehen, wir bleiben doch wir selbst.“

„Natürlich“, sagte er. „Wir können lediglich versuchen, uns zu läutern und der Wahrheit nahe zu kommen. Wir müssen unsere Seelen reinigen. Nur dann können wir uns von unseren Schattenseiten befreien, von dem, was wir vor der Welt verbergen. Wir müssen um jeden Preis nach der Wahrheit suchen.“

Um jeden Preis nach der Wahrheit suchen. In diesem Augenblick faszinierte Balthazar sie wie nie zuvor, doch gleichzeitig verspürte sie Angst. Für einen kurzen Moment tauchte sie in seine Seele ein, die so undurchschaubar und verborgen wie die Tiefen des Wassers war. Doch im Bruchteil einer Sekunde war alles wieder hinter seinem Lächeln verschwunden. Er hielt ihre Hand noch fester als zuvor und begleitete sie zurück nach Hause, wo er ihr galant einen Kuss auf die Fingerspitzen hauchte, bevor sie sich in die Sicherheit ihrer Kammer flüchtete.

Mehrere Tage waren seit dieser letzten Begegnung vergangen, und Bianca hatte seitdem nur flüchtige Blicke auf ihn erhascht. Die Karnevalssaison war nun in vollem Gang, und er musste seinen gesellschaftlichen Verpflichtungen nachkommen. Er war Gast auf sämtlichen Feierlichkeiten der Stadt, auf Banketten, Bällen und Festen in samtgepolsterten Gondeln mit bildschönen blonden Kurtisanen. So hatte Bianca ihn mit der stadtbekannten Rosina Micelli gesehen, den Kopf gegen die goldbestickten Kissen gelehnt, mit geschlossenen Augen und einem amüsierten Lächeln, während Rosina ihm etwas ins Ohr flüsterte und ihm dabei mit ihrer juwelenbesetzten Hand über die Haare strich.

Sein Vater und er waren bis heute nicht mehr zu ihrem Haus gekommen. Gerüchten zufolge machte Ermano der Parfümeurin Julietta Bassano den Hof, und Balthazar wurde in Freudenhäusern und beim Glücksspiel gesichtet. Als Bianca ihn nun von oben aus ihrem Fenster sah, wusste sie nicht, was sie denken oder tun sollte.

Obwohl sie seit Tagen nicht mit ihm gesprochen hatte, dachte sie ohne Unterlass an seine mysteriösen Äußerungen über Verfall und Wahrheit, bis sie keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Sie sehnte sich so sehr danach, ihn zu fragen, was er damit gemeint hatte, und wünschte sich nichts sehnlicher, als einen weiteren Einblick in die Geheimnisse seines Herzens erlangen zu können und ihm ihre eigenen zu offenbaren.

Doch gleichzeitig verspürte sie den Drang, vor ihm zu fliehen! Vor ihm und den gefährlichen Wahrheiten, die er ihr wie Smaragde offerierte.

Bianca ließ den Vorhang wieder zufallen und drehte sich zu dem kleinen, zerbrechlichen Spiegel an der Wand um. Sie war zu dünn, und ihr lockiges braunes Haar wurde auch durch die ständige Behandlung mit Zitronensaft nicht heller. Ihre Wangen waren schmal, ihre Augen zu groß für ihr Gesicht, ihre Schultern zu knochig, und von einem Busen war bei ihr nicht viel zu sehen. Aber als sie nun daran dachte, dass Balthazar Grattiano sich in ihrer Nähe befand, färbte ihre blasse Haut sich mit einem rosigen Schimmer, und ihre braunen Augen leuchteten.

Dabei war er wirklich ein seltsamer und erschreckender Mensch, unvorhersehbar und undurchschaubar. Er glich niemand anderem, den sie kannte. Wenn sie klug war, würde sie sich von ihm fernhalten, von ihm und der gefährlichen Grattiano–Familie. Aber Balthazar vermittelte ihr das Gefühl, lebendig und voller Enthusiasmus zu sein; er kam ihr vor wie Sonnenschein an einem grauen, kalten Tag. Und sie konnte sich nicht von diesem wärmenden Licht abwenden.

Es würde sowieso nicht lange dauern, bis er aus ihrem Leben verschwand. Egal, was er über Freiheit und Wahrheit und über die ferne neue Welt sagte, er würde doch eine elegante Patrizierdame heiraten und die ihm auferlegten Verantwortlichkeiten übernehmen müssen. Letztendlich müsste er die mächtige und einflussreiche Stellung seines gefürchteten Vaters einnehmen. Niemand konnte seinem ihm vorgesehenen Rang im Leben entfliehen, weder Balthazar noch sie selbst.

Daher musste sie noch von den wenigen Augenblicken profitieren, in denen sie ihn sehen, mit ihm reden und vielleicht sogar noch einmal seine Hand halten konnte. Von diesen wunderschönen, flüchtigen Momenten würde sie noch lange zehren müssen, nachdem sie erst einmal einen respektablen Kaufmann ohne Seelentiefe und ohne moosgrüne Augen, deren Blick sich in ihr Herz brannte, geheiratet hätte.

Bianca versuchte, ihre widerspenstigen braunen Locken zu zähmen und steckte sie, so gut sie konnte, mit Kämmen und Haarnadeln zurück. Sie zog ihre Schürze aus und wünschte, sie könnte auch ihr blaugestreiftes Arbeitskleid ablegen. Aber sie hatte keine Zeit zu verlieren, wenn sie mit Balthazar sprechen wollte, bevor die Sitzung seines Vaters beendet war.

So schnell sie konnte, verließ sie ihr Zimmer und rannte die Hintertreppe hinunter. Im Haus war es heute ruhig, da ihre Pächter zu einer Theatervorführung auf der Piazza San Marco gegangen und die Dienstboten noch nicht von den Einkäufen auf dem Markt zurück waren. Aus der kleinen Stube ihrer Mutter am Ende des Korridors hörte sie gedämpfte Stimmen. Ihre Mutter sprach leise und besänftigend, wie es ihre Art war. Ermano Grattiano dagegen hörte sich gereizt, streitlustig und zornig an. Wie dumm er war. Wusste er denn noch immer nicht, dass man den Karten nicht widersprechen konnte?

Bianca riss einen blauen Wollumhang vom Haken an der Tür und schlüpfte hinaus, ohne sich die Mühe zu machen, ihre dünnen Hausschuhe zu wechseln. Balthazar war noch da und lehnte an der Wand. Heute las er nicht, sondern sah vor sich auf die ruhige Gasse, sein attraktives Gesicht undurchschaubar, die Arme über der Brust verschränkt, als sei er tief in Gedanken.

Doch vielleicht war dieser Anschein geheimnisvoller Unnahbarkeit nur das Ergebnis eines zu ausgiebig gefeierten Karnevalfestes, dachte Bianca sarkastisch. Von zu viel Tanz, Wein und Ausschweifung. Der in ihrem Haus ansässige Schneider hatte ihr viel über einen vornehmen Maskenball auf der Piazza San Marco erzählt, der bis zum Morgengrauen gedauert hatte. Sicherlich war auch Balthazar dort gewesen, mit Rosina Micelli.

Sie sehnte sich danach, ihn zu fragen, ob diese Bälle wirklich so prächtig waren, wie sie es sich vorstellte, wenn von weither die Musik zu ihr herüberwehte. Sie würde gern von ihm wissen, ob er Rosina oder eine der anderen blonden Kurtisanen liebte. Doch sie blieb stumm. Sie lehnte sich lediglich neben ihn an die Wand, und nach einem kurzen Augenblick streckte er ihr schweigend seine Hand entgegen. Ihre Finger berührten die kühle, nackte Haut seiner Finger, und sie spürte das Gewicht seiner juwelenbesetzten Ringe. Spürte die tiefe und doch zerbrechliche Verbindung zwischen ihnen.

„Willst du dir nicht wie dein Vater die Karten legen lassen?“, fragte sie.

Balthazar lachte verächtlich. „Mein Vater ist ein Dummkopf und glaubt, die Zukunft würde sich seinen Wünschen unterordnen.“

„Du glaubst nicht, dass wir die Zukunft beeinflussen können?“

„Nichts können wir wirklich beeinflussen, oder, Bianca? Tagein, tagaus folgen wir dem uns vorgezeichneten Lebensweg und sind weit davon entfernt, Herr über unser Schicksal zu sein. Ich muss mir nicht die Karten legen lassen, um zu wissen, wie mein Leben verlaufen wird.“

Bianca sah schweigend zu ihm auf, zur glatten, perfekten Schönheit seines Gesichts, hinter der sich so viel Leid verbarg. Vielleicht hatte er recht, nicht wissen zu wollen, was ihm die Karten verraten würden, genauso wie auch Biancas Mutter sich weigerte, ihr die Zukunft vorherzusagen, so oft sie auch darum bettelte. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft war oft alles, womit sich die meisten Menschen trösten konnten.

„Und was ist mit der Welt, über die du in deinen Büchern liest?“

„Was soll mit ihr sein?“

„Dort ist die Zukunft eben nicht vorgezeichnet. Besonders in den neuen spanischen Gebieten jenseits des Meeres. Es ist doch eine ganz neue Welt, wo man tun und lassen kann, was man will. Man könnte dort ein ungewöhnliches, exotisches Leben führen und völlig neue Wege beschreiten. Wir … du könntest dort sein, was immer du auch wolltest. Noch nicht einmal die Karten könnten dein Leben vorhersehen.“

Er lächelte sie an. „Ich müsste nicht mehr Balthazar Grattiano sein?“

„Und nicht mehr in Venedig leben.“

„Das hört sich in der Tat wie eine Traumwelt an.“

„Natürlich. Aber steht sie nicht in deinen Büchern beschrieben? Andere haben sie schon entdeckt und darüber berichtet. Warum könnten wir das nicht auch?“ Bianca fühlte, wie sie sich immer mehr für diese Idee begeisterte, die sich wie eine seidene Fahne im Wind entfaltete. Sie dachte an die neue, unbekannte Welt und spürte plötzlich keine Angst mehr bei dem Gedanken, der venezianischen Gesellschaft und ihren strengen Regeln zu entkommen, obwohl sie wusste, dass dies eigentlich unmöglich war.

Balthazar legte ihr behutsam eine Hand auf die Wange und sah sie mit einem wehmütigen Lächeln an. „Du bist also doch eine Träumerin, kleine praktische Bianca.“

„Du nicht auch?“, sagte sie und lehnte sich näher an seinen warmen Körper. Wie sie es liebte, wenn er ihren Namen aussprach – meine Bianca. „Wenn du nicht träumen und etwas riskieren willst, wieso liest du dann alle diese Bücher? Warum lernst du alles über Schiffe und Meere? Wenn du wirklich glaubst, aus deinem Leben hier gibt es kein Entkommen und keine Möglichkeit auf Veränderung, wieso interessierst du dich dann überhaupt dafür? Warum trittst du nicht einfach in die Fußstapfen deines Vaters?“

Sein Gesicht verdunkelte sich, und er löste sich von ihr. „Ich bin nicht wie mein Vater.“

Das wusste Bianca bereits. Balthazar besaß nicht die hochmütige Art seines Vaters gegenüber Untergebenen und auch nicht sein naturgegebenes, arrogantes Selbstvertrauen. Sie sah, wie Balthazar gegen all das ankämpfte, wofür der Name der Grattianos stand, auch wenn er seinen inneren Zwiespalt nie offen zugeben würde. Doch bevor sie den Mund öffnen konnte, um ihm dies zu sagen, um ihm zu versichern, dass sie ihn verstehe, wurde heftig die Haustür aufgerissen.

Balthazar und sie sprangen auseinander, als Ermano herausgestürmt kam. Bianca zog sich schnell und unauffällig zurück, da sie Angst hatte, er könne sie entdecken und seine eiskalten, blassgrünen Augen auf sie richten. So sehr Balthazar auf sie wie das wärmende Sonnenlicht wirkte, so umwehte seinen Vater die Eiseskälte des tiefsten Winters. Eine todbringende Kälte.

Sie zog sich ihre Haube übers Haar und sah Ermano wachsam an. Sein bärtiges Gesicht war weiß vor Wut wie nach jeder Sitzung bei ihrer Mutter. Die Glücksgötter waren ihm auch diesmal nicht hold gewesen. Er blickte die Gasse auf und ab und forderte Balthazar mit einem Handzeichen auf, ihm zu folgen, ohne ihn dabei eines Blickes zu würdigen.

„Komm, Balthazar“, sagte er ausdruckslos, „lass uns den Gestank dieses schmutzigen Ortes hinter uns lassen. Ich kann diese Verdorbenheit nicht mehr ertragen.“

Als er sich umdrehte, um zum Kanal und zur wartenden Gondel zu marschieren, schwang sein hermelingefütterter Umhang zurück und enthüllte sein weißes Brokat-Wams. Bianca entfuhr ein Schrei, den sie mit vorgehaltener Hand zu unterdrücken versuchte.

Einer der eleganten Ärmel war mit purpurrotem Blut befleckt.

Auch Balthazar wurde leichenblass. Weiß und erstarrt wie eine leblose Marmorstatue stand er da.

„Balthazar“, rief sein Vater herrisch, „komm, ich habe keine Zeit, dir den ganzen Tag beim Tändeln mit der Magd zuzusehen. Ich muss noch eine Besorgung bei Signora Bassano erledigen.“

Balthazar erwachte aus seiner Erstarrung. Er zog sich einen seiner Ringe vom Finger, einen riesigen, von Perlen umgebenen Rubin. Ihn drückte er zusammen mit einem kleinen Beutel voller Münzen in Biancas eiskalte Hand.

„Nur für den Fall, dass du es brauchst“, flüsterte er ihr ins Ohr. „Vergiss die neue Welt nicht, Bianca.“

Dann ging auch er, und sie stand allein im Schatten des Hauses. Sie starrte auf den Ring, dessen tiefroter Stein sie an das verräterische Blut an Ermanos Ärmel erinnerte. Es herrschte eine schwere, betäubende Stille, die fast greifbar schien. Sie fühlte sich wie das einzige Lebewesen weit und breit.

Sicherlich hatte das Blut nichts Schlimmes zu bedeuten, und ihre Fantasie ging mit ihr durch. Sicherlich ließ es sich durch eins der bizarren Rituale erklären, in dem es um Hühnerherzen oder Ziegeninnereien ging und über die sie schon heimlich in den verbotenen Büchern ihrer Mutter gelesen hatte.

Doch die hinter vorgehaltener Hand erzählten Geschichten über Ermano Grattiano und seine kalte Unbarmherzigkeit kamen ihr in den Sinn. Geschichten über die Gefahr, in der jeder schwebte, der sich mit ihm einließ.

Bianca fühlte sich, als habe ein traumähnlicher, unwirklicher Nebel sich wie ein betäubender Schleier um sie gelegt. Sie schob Balthazars Ring auf ihren Finger und betrat vorsichtig das Haus, obwohl sie tief im Innern wusste, dass sie ihr Zuhause besser sofort verlassen sollte. Doch was es auch war, was sie im Haus erwartete, sie konnte nicht ewig davor weglaufen.

Die weichen Sohlen ihrer Hausschuhe glitten fast lautlos über die Kacheln des Fußbodens, und sie schlich auf Zehenspitzen den engen, dunklen Korridor entlang. Der Salon ihrer Mutter, in dem sie ihre ratsuchenden Gäste empfing, lag ganz am Ende des Gangs, und die Tür war hinter einem schweren Samtvorhang verborgen.

Noch bevor sie den Durchgang erreichte, konnte Bianca es riechen. Den metallenen Geruch von Blut. Den Gifthauch des Todes.

Sie schlug den Vorhang zurück und spähte in die kleine Kammer. Silbriger Weihrauch hing noch in der Luft, und der süßliche Geruch vermischte sich mit dem von Blut, von Ermanos schwerem Bergamotten-Parfüm und von verschüttetem Wein. Auf dem Tisch befand sich ein wildes Durcheinander von Karten und umgestürzten Kelchen. Die Stühle lagen kreuz und quer auf dem Boden.

Und Bianca konnte den Fuß ihrer Mutter und den zerrissenen Saum ihres weißen Kleides hinter der violetten Tischdecke sehen.

Noch immer in einem unwirklichen, betäubenden Nebel und einer dumpfen Eiseskälte gefangen, stolperte Bianca über die zerbrochenen Stühle, um hinter den Tisch zu gelangen. Ihre Mutter lag zusammengerollt auf dem Boden, und ihre weit geöffneten Augen starrten glasig ins Leere. Ihr langes dunkelbraunes Haar hatte sich gelöst und war verklebt vom Blut, das aus der klaffenden Wunde in ihrer Brust lief.

Der Dolch, der ihr den Todesstoß versetzt hatte, steckte noch in ihrer Brust, und sein mit Smaragden besetzter Griff glitzerte im rauchigen Dunkel der Kammer. Wie oft hatte Bianca diesen Dolch in seiner Scheide an Ermanos Hüfte gesehen.

Langsam kniete sie sich neben ihre Mutter und berührte leicht deren kalte Hand. Als habe sie der Szene selbst beigewohnt, wurde ihr mit erschreckender Deutlichkeit bewusst, was hier geschehen sein musste, während sie draußen Balthazar Grattiano angehimmelt und sich seine leeren Worte über Wahrheit und ein neues Leben angehört hatte. Ermano musste vor Wut außer sich geraten sein, als die Karten ihm nicht das Erwünschte prophezeiten, und hatte den vermeintlich Schuldigen für seine bittere Enttäuschung beseitigt – ihre Mutter. Und dann hatte er einfach den Schauplatz des Verbrechens verlassen.

Bianca erinnerte sich an die Gerüchte. Ermano Grattiano zerstörte, wen und was er wollte, jeden, der sich ihm in den Weg stellte oder der seinen Zorn erregte. Man erzählte sich sogar, dass er vor vielen Jahren seine eigene Geliebte, die schöne Veronica Rinaldi, umgebracht habe. Nie wurde er für seine Verbrechen bestraft, und jeder, der ihn zur Rechenschaft ziehen wollte oder gar Zeuge der Gewalttat war, wurde bald darauf ebenfalls beseitigt.

Bianca starrte voller Schrecken auf den Dolch. Sicherlich würde Ermano zurückkommen, um ihn wieder an sich zu bringen. Der Dolch war zu wertvoll und zu auffällig. Er würde zurückkommen, um die Spuren seines Verbrechens zu beseitigen. Oder er würde Balthazar damit beauftragen.

Hatte Balthazar sie nur benutzt? Ihr seine Freundschaft vorgegaukelt, um seinem Vater bei der Durchführung seines grausamen Plans zu helfen? Hatte er ihre Gefühle für ihn verraten?

Ein überwältigender Schmerz erschütterte sie bis ins Mark, und tiefe Angst erfüllte sie. Sie erwachte aus ihrem unwirklichen, betäubenden Traum, und ihre letzten Hoffnungen zerstoben. Ihre Hand klammerte sich fest um die ihrer Mutter, und ein raues Schluchzen entrang sich ihrer Kehle. Ihre Mutter war tot, ermordet von einem grausamen und mächtigen Schurken. Und auch sie, Bianca, schwebte nun in Gefahr. Wenn sie hierblieb und versuchte, es mit den Grattianos aufzunehmen, um ihr tiefes Bedürfnis nach Rache zu befriedigen, dann würde auch sie selbst ohne jeden Zweifel nicht lange überleben. Auch ihr würde man einen Dolch ins Herz stoßen und sie in den Kanal werfen, wo sie in der Tiefe des Wassers vermodern würde.

Wer sollte dann ihre Mutter rächen? Wer sollte für die gerechte Bestrafung der Grattianos kämpfen, wenn auch sie tot war?

Als Bianca neben der Leiche ihrer Mutter kniete, war es ihr, als löse sie sich aus dem Kokon der behüteten Tochter, die sie gewesen war und der sie von der Grausamkeit der Welt abgeschirmt hatte. Eine Mauer aus Eis bildete sich um ihr Herz und bestärkte sie in ihrem Entschluss. Ermano hatte ihre Mutter getötet, während sie durch den ach-so-attraktiven Balthazar abgelenkt war. Aber sie würde ihnen nicht zum Opfer fallen. Stattdessen würde sie alles daran setzen, um die Grattianos zu vernichten.

Zumindest für dieses Verbrechen sollte sie die gerechte Strafe ereilen. Bianca war noch ein junges Mädchen, aber ihre Zeit würde kommen. Sie wusste, was sie zu tun hatte.

Sie zog die violette Decke vom Tisch, wobei Karten und Kelche zu Boden fielen, und bedeckte damit Marias Körper. Dann lief sie hinüber zu der kleinen, mit Schnitzereien verzierten Truhe in der Ecke und wühlte in der Wäsche und den Weihrauchbehältern, bis sie den Beutel voller Münzen fand, den Maria dort immer versteckt hielt. Diese Münzen und das Geld, das sie von diesem verräterischen Balthazar bekommen hatte, würden ausreichen, um sie weit weg von Venedig reisen zu lassen, zu einer sicheren Unterkunft, in der sie nachdenken und Pläne schmieden konnte. Zweifellos hatte Balthazar ihr den Ring und das Geld in die Hand gedrückt, um dadurch seine eigene Schuld zu mildern oder sogar als eine Art Schweigegeld.

Aber sie würde es dazu benutzen, um sich vor den Grattianos in Sicherheit zu bringen – und eines Tages Rache zu üben.

Denn irgendwann würde sie zurückkommen, und dann endlich würde das Blut der Grattianos fließen.

1. KAPITEL

Santo Domingo auf der Insel Hispaniola – 1532

Es war ein ruhiger Abend in Santo Domingo. Doch Bianca spürte, dass dies nicht auf Dauer der Fall sein würde.

Sie stand hinter dem hohen Tresen, der sich an einer Wand ihrer Taverne entlangzog, spülte die tönernen Trinkbecher aus und behielt ihre Kundschaft im Blick. Die meisten waren Matrosen und Händler, die hier die Zeit totschlugen, während sie Vorräte kauften, ihre Frachträume füllten und auf die nächste Flotte warteten, unter deren Geleitschutz sie zurück nach Spanien segeln konnten. Einige der Männer waren in die entgegengesetzte Richtung unterwegs und reisten von Maracaibo oder Cartagena zu den Minen in Peru.

Sie alle hatten die Reichtümer im Sinn, die sie sich so sehr erhofften, Gold, Perlen und Smaragde, und sie blieben selbst dann angespannt und wachsam, wenn sie vor ihrem Bier oder Rum saßen.

Bianca hatte beunruhigende Gerüchte gehört, und sie war sich sicher, sie hatten etwas mit dem Schiff zu tun, das heute ramponiert in den Hafen eingelaufen war. Seine halb zerrissenen Segel und der gebrochene Großmast waren wie ein böses Omen in einer ohnehin schon zu abergläubischen Stadt.

Doch je besorgter die Männer waren, umso mehr tranken sie und umso mehr füllte sich ihre Kasse. Das war Bianca nur recht, solange der Frieden gewahrt blieb. Nach der letzten Schlägerei hatte sie eine ganze Woche gebraucht, um wieder Ordnung herzustellen, und sie konnte es sich nicht leisten, so lange auf Einnahmen zu verzichten. Sie hatte ihre Bedienungen und Lieferanten zu bezahlen – und sie hatte nicht die geringste Absicht, ihre mühsam aufgebaute Existenz zu verlieren. Nicht noch einmal.

Aufmerksam ließ sie ihren Blick durch den Raum schweifen. Er war nicht groß, und er war auch nicht vornehm. Er hatte nichts, aber auch gar nichts mit den goldverzierten venezianischen Palästen gemein, an die sie sich noch so lebhaft erinnerte. Nein, ihre Taverne bestand lediglich aus einem langen, niedrigen Raum, dessen Wände bei der letzten Instandsetzung frisch geweißt worden waren. Von den hölzernen, rauchgeschwärzten Deckenbalken hingen kleine Sträuße getrockneter Kräuter – ein aussichtsloser Versuch, den Gestank von Rum und Schweiß zu vertreiben. Die unebenen Planken des Holzbodens waren verzogen und voller hartnäckiger Flecken. Dicht gestellte Tische und Bänke füllten den Raum.

Aber wenn alles auch noch so bescheiden war, so gehörte es doch ihr. Sie konnte sich sicherlich nicht mit den Schatzjägern messen, von deren großen Errungenschaften und fabelhaftem Reichtum sie hier in Santo Domingo jeden Tag hörte. Doch die Taverne war ihr Eigentum, das ihr niemand wegnehmen konnte.

Bianca räumte den letzten Krug hinter den Tresen und vergewisserte sich, dass ihre Pistole dort noch immer an ihrem Platz lag. Obwohl alles ruhig war, vertraute sie der seltsamen, angespannten Stimmung nicht. Sie war wie die Ruhe vor einem Sturm, still und ohne jede Regung. Irgendetwas lag in der Luft. In letzter Zeit war es ruhig gewesen in Santo Domingo, während man auf die nächste Flotte nach Sevilla wartete, doch vielleicht stand ein Überfall bevor.

Sie runzelte die Stirn, als sie an die letzte Schlacht dachte. Damals, als sie mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann Juan hier in Santo Domingo ankam, hatten französische Piraten unter Jean Florin die Mündung des Hafens belagert. Doch dies war schon etliche Jahre her. Die Franzosen hatten eingesehen, dass es verlorene Mühe war, die mächtigen spanischen Flotten und ihre befestigten Häfen anzugreifen. Das konnte es also nicht sein. Aber was war es dann?

Bianca blickte zu Delores hinüber, die im Eintopf über dem Feuer rührte und vor sich hin summte. Die Magd würde es auch nicht wissen – sie war fleißig, doch hauptsächlich an Liebeleien mit Seemännern interessiert. Aber Bianca wusste, wer ihr die nötigen Auskünfte geben könnte, wer über alles unterrichtet war, was zwischen Puerto Rico und Peru geschah. Und diese Person saß gleich drüben an der Wand.

Bianca schenkte eine großzügige Portion ihres teuersten Getränks aus, eines Punschs aus Rum, Zucker und Muskat, und trug es hinüber zu Señor de Alameda, der rechten Hand des Gouverneurs de Feuonmayor.

Alameda war ein ruhiger, wachsamer Mann von ungefähr dreißig Jahren, der sich nur selten zu den anderen Gästen gesellte, aber dennoch ein regelmäßiger Besucher ihrer Taverne war. Sie vermutete, dass er eine Art Spion war und mehr in den Hafendocks als in der Festung des Gouverneurs erfuhr. Außerdem hatte er ein Techtelmechtel mit Delores.

Doch das kümmerte Bianca nicht. Sie verdiente reichlich an ihm, er verursachte keinen Ärger und gab von Zeit zu Zeit kleine Brocken wertvollen Wissens an sie weiter.

Sie stellte den Kelch vor ihn, setzte sich ihm gegenüber an den kleinen Tisch und wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab. „Ich hoffe, der Gouverneur ist wohlauf, Señor de Alameda“, sagte sie.

Er blickte sie mit seinen unergründlichen schwarzen Augen an und setzte ein höfliches Lächeln auf. „Ah, Señora Montero. Eure Gesellschaft ist ein seltenes Vergnügen. Ja, dem Gouverneur geht es bestens. Er ist sehr beschäftigt mit der Vergrößerung der Kathedrale.“

„Hmm. Das kann es also nicht sein.“

Alameda nippte an seinem Punsch. Wie typisch spanisch er doch war! Nie ließ er sich etwas anmerken. So höflich, so vorsichtig, so gefährlich. „Was meint Ihr damit?“

„Ich habe lange genug in dieser Stadt gelebt, um zu wissen, wenn Unruhe in der Luft liegt“, sagte sie. „Und ich habe ein Interesse daran zu erfahren, was auf uns zukommt. Ich nehme deutlich mehr ein, wenn alles friedlich ist und die Geschäfte florieren.“

Alameda lächelte wehmütig. „Da sind wir uns einig, Señora. Eine friedliche Insel, auf der wir alle unseren Geschäften nachgehen können, ist das Beste für jedermann. Ohne dass unsere Kirchen und Lagerhäuser geplündert werden, ohne dass unsere Flotte es mit Piraten aufnehmen muss …“

Bianca erschauerte plötzlich trotz der warmen Brise, die durch die Fenster wehte und das Aroma der üppigen grünen Insel von den Bergen hinaus zur See trug. Sie hatte die verfaulenden Körper, die sich im Wind drehten, die noch rauchenden Ruinen der Häuser und die entweihten Ikonen nicht vergessen. Auch nicht die Berichte von Folter, Vergewaltigung und Mord. „Piraten? Ist es das?“

Alameda wandte den Blick ab. „Señora Montero, Piraten sind immer eine Gefahr in diesem Teil der Welt, da stimmt Ihr mir gewiss zu. Skrupellose Banditen, die König und Kirche bestehlen wollen. Das wisst Ihr sicher so gut wie ich, denn war nicht Euer verstorbener Mann ein Matrose? Doch Piraten sind keine unmittelbare Bedrohung für Santo Domingo. Ganz im Gegenteil.“

Die Tür des Wirtshauses flog auf, und eine laute Gruppe betrat die Taverne unter Geschrei und Gelächter. Erst einmal würde Delores sich um sie kümmern können, doch Bianca wusste, dass auch sie sich gleich wieder an die Arbeit begeben müsste. Es blieb ihr nicht mehr viel Zeit für diese Unterhaltung; sie musste herausfinden, was im Anzug war. In Santo Domingo war Wissen Macht. „Was meint Ihr damit, Señor Alameda?“, fragte sie ungeduldig.

Er nickte. Wie jeder Glücksspieler wusste er, wenn es an der Zeit war, seine Karten aufzudecken. „Wie mir berichtet wurde, ist die Calypso in unseren Hafen eingelaufen.“

Was auch immer Bianca erwartet hatte, das war es nicht. Sie brach in Lachen aus. „Die Calypso? Sehen Eure Spione jetzt schon Geisterschiffe?“

Geschichten über die Calypso, die angeblich von einem Mann mit fast übernatürlichem Seefahrtsgeschick gesteuert wurde, machten in der Taverne regelmäßig die Runde, wenn der Rum reichlich floss. Unbesiegbar in Schlachten, so schnell und wendig, dass sie jedem Sturm trotzen konnte, war sie den Gerüchten zufolge bis zum Rand der Erde gesegelt und mit unermesslichen Reichtümern zurückgekehrt. Selbst ihr Mann Juan, ein mit allen Wassern gewaschener Matrose, zeigte sich von diesem Seemannsgarn beeindruckt, das dem angeblichen Zauberschiff eine solch mythische Aura verlieh.

Doch Bianca glaubte schon lange nicht mehr an Mythen und Helden.

„Ein Geisterschiff ist die Calypso nicht“, sagte Alameda.

„Und was ist mit ihrem Kapitän? Dem Mann, der sein Schiff angeblich sogar aus der Hölle wieder herausnavigieren kann und gleichzeitig die Schätze des Teufels stiehlt?“

Alameda lachte. „Auch ihn gibt es tatsächlich, wenn ich auch nicht glaube, dass er mit der Unterwelt vertraut ist.“

„Die Hölle kann man auch auf Erden erleben, besonders wer seinen Lebensunterhalt mit der Schifffahrt verdient.“

„Das ist wohl wahr, Señora Montero. Aber lasst dies nicht Pater Yanez zu Ohren kommen. Niemand von uns hat es so weit weg von der Heimat einfach, auch nicht jemand mit einem solch großen Vermögen wie der Kapitän der Calypso.“

Bianca warf einen Blick zum Tresen hinüber, wo Delores Rum ausschenkte und Eintopf servierte. „Wenn die Calypso ein solches Wunderschiff ist, wie kommt es dann, dass ich sie noch nie gesehen habe? Ich bin nun schon seit einigen Jahren in Santo Domingo. Ich dachte, ich kenne jedes Schiff zwischen Peru und Sevilla.“

Alameda zuckte mit den Schultern. „Wie mir zugetragen wurde, ist Havanna ihr üblicher Heimathafen. Auch soll der Kapitän seine eigene geheime Insel irgendwo zwischen hier und Jamaica besitzen. Er ist sein eigener Herr und muss sich nicht vor Gouverneur de Fuenmayor verantworten. Wahrscheinlich nicht einmal vor dem König.“

Ein Mann, der niemandes Untertan war. Jetzt wusste Bianca, dass dieser Mann ein Mythos war. Und obendrein ein äußerst faszinierender. „Vor wem hat er sich dann zu verantworten?“

„Das, Señora Montero, würde ich auch liebend gern wissen. Jeden, der mir Auskünfte über den Kapitän der Calypso geben könnte, würde ich reichlich belohnen.“

„Sie wissen schon so viel.“

„Ich? Ich bin lediglich ein Beamter des Königs. Mir ist nur daran gelegen, mich um meine eigenen Angelegenheiten zu kümmern und zu Reichtum zu kommen, damit ich mich in Andalusien zur Ruhe setzen kann. Weit weg von dieser verfluchten Insel.“

Amen, fügte Bianca in Gedanken hinzu und verscheuchte einen Moskito. Aber so sehr auch sie sich danach sehnte, diesen Ort zu verlassen und von Venedig und ihrem seit langem verlorenen Zuhause träumte, wusste sie doch, dass sie nun hierher gehörte. Auf diese Insel, die voller Gefahren steckte. „Ihr seid zu bescheiden, Señor. Was würde der Gouverneur ohne Euch tun?“

„Ihr schmeichelt mir.“

„Ich glaube sogar, dass Ihr genau über alles Bescheid wisst, was sich auf Hispaniola abspielt. Bis hin zur abgelegensten Hazienda im Landesinneren.“ Es wurde lauter und lauter in der Taverne, als immer mehr Gäste hereinströmten. „Oder über den genauen Grund, aus dem die Calypso plötzlich hier in Santo Domingo angelegt hat.“

„Oh, das weiß ich tatsächlich. Meinen Quellen zufolge war sie in eine große Seeschlacht vor der Küste von Puerto Rico verwickelt.“

„Eine Seeschlacht?“

„Zwischen der Calypso und einem Piratenschiff. Die Calypso konnte die Piraten besiegen, aber dabei wurde ihr Großmast beschädigt. Ihre Lage verschlimmerte sich, als sie vor einigen Tagen in den schweren Sturm in der Mona–Passage geriet.“ Er ließ seinen Blick durch die Taverne schweifen. „Der Sturm, wegen dem Santo Domingo zurzeit so überfüllt ist. Der so viele Neuankömmlinge in unsere schöne Stadt gebracht hat, von denen viele in der Festung des Gouverneurs Unterkunft suchen.“

„Also ist die Calypso hier eingelaufen, weil sie Reparaturen benötigt?“ Bianca lachte. „Die sagenumwobene Calypso? Ich hätte gedacht, dass jemand, der die Schätze des Teufels stehlen kann, auch in der Lage ist, durch Zauberhand seinen eigenen Großmast während eines Sturms zu reparieren.“

„Oh, Señora, ich würde ihn nicht unterschätzen.“ Alameda legte einige Münzen auf den Tisch und stand auf. „Ich muss leider gehen. Mich erwartet in der Festung noch eine andere wichtige Angelegenheit, auf die ich mich jedoch eher freue. Ich danke Euch für den Punsch, und es war wie immer höchst interessant, mit Euch zu reden.“

Bianca steckte die Münzen ein, während sie ihm nachsah. Seine elegant gekleidete Gestalt verschwand rasch in der Masse der ungehobelten, lauten Gäste. Er mochte ja neue Informationen gewonnen haben, doch sie stand noch immer vor einem Rätsel. Wie war es möglich, dass dieses Schiff und sein geheimnisumwitterter Kapitän ganz Santo Domingo in Atem halten konnten?

Sie ging zurück zum Tresen, wobei sie jeden Gast musterte, um vielleicht den unbekannten Kapitän ausfindig machen zu können. Doch die meisten Gesichter waren ihr vertraut, Seeleute, die die Taverne jedes Mal aufsuchten, wenn sie im Hafen anlegten. Zu Bianca kamen sie, um zu feiern, um ihren neugewonnenen Reichtum zur Schau zu stellen, um über auf See umgekommene Kameraden zu trauern und ihre Sorgen im Rum zu ertränken. Heute Abend waren die Gäste spendabel, doch sah Bianca auch die wachsame Besorgnis in ihren angespannten, von der Sonne gegerbten Gesichtern.

Sie warf einen schnellen Blick hinter den Tresen, um sich zu vergewissern, dass die Pistole noch dort lag. Normalerweise verließ sie sich nicht auf Schusswaffen, da sie ihr zu unberechenbar waren und oft im falschen Augenblick losgingen. Genau wie die Einwohner dieser Stadt. Doch wenn Ärger drohte, gab es kein besseres Mittel als eine Menge Rauch und Lärm, um wieder Ruhe herzustellen.

Bianca übernahm das Ausschenken der Getränke und ließ Delores an den Tischen bedienen. Die Wirtschaft war nun bis zum Bersten gefüllt, jeder Stuhl war besetzt, und Männer standen überall entlang der Wände. Alle Fenster waren weit geöffnet, um die warme tropische Brise hereinzulassen, doch das reichte nicht aus, um die Hitze zu lindern und den Geruch von Rum, verschwitzter Wolle und Delores’ Eintopf zu vertreiben.

Bianca steckte die wilden Locken, die sich immer aus den Haarnadeln lösten und an ihrer feuchten Haut klebten, wieder hoch. Aus irgendeinem Grund gingen ihr Erinnerungen an Venedig nicht aus dem Sinn. Kühle, weiße Räume, hohe Türen, die sich auf Terrassen oberhalb der Kanäle öffneten. Musik, die zahlreiche Maskenbälle untermalte. Doch Venedig war auch ein gefährlicher Ort. Niemand wusste das besser als Bianca. Aber es hatte dort auch so viel Schönheit gegeben.

Für einen Augenblick schloss sie die Augen und stand in Gedanken wieder vor dem Haus ihrer Mutter. Damals, als sie noch ein junges Mädchen gewesen war und mit törichten Hoffnungen und Träumen aufgeblickt hatte in das Gesicht von …

Nein! Sie knallte einen Becher auf den Tresen, öffnete die Augen und zwang sich, ihren Blick wieder auf die laute, heiße Taverne zu lenken. Sie würde nicht schon wieder an Venedig und an Balthazar Grattiano denken. Sie musste die Vergangenheit hinter sich lassen. Jetzt zählte nur die Gegenwart. Sein Verrat hatte ihr so viel Leid und Ärger eingebracht und dazu geführt, dass sie auf sich selbst gestellt war.

Sie musste sich wieder ihrer Arbeit zuwenden.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Im wilden Meer der Leidenschaft" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen