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Im toten Winkel

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Irak
  7. Im toten Winkel
  8. Fachbegriffe

Über den Autor

Walter Dean Myers wurde in West Virginia geboren und diente nach Beendigung seiner Schulzeit vier Jahre in der Amerikanischen Armee. Seinen Durchbruch als Kinder- und Jugendbuchautor erlebte Myers mit der Auszeichnung seines ersten Kinderbuches, »Where does the day go?«. Sein Roman »Fallen Angels« gilt als eine der bedeutendsten Auseinandersetzungen mit dem Trauma des Vietnamkriegs für junge Leser. Seine Werke wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Walter Dean Myers

IM TOTEN WINKEL

Tagebuch eines jungen Soldaten

Aus dem amerikanischen Englisch
von Tanja Ohlsen

Für die Männer und Frauen,

die im Dienst der Streitkräfte

der Vereinigten Staaten stehen oder standen,

und für alle Familien,

die je um die sichere Heimkehr

ihrer Angehörigen bangen mussten.

Irak

27. Februar 2003

Lieber Onkel Richie,

als ich im letzten Urlaub von der Armee zu Hause war, habe ich die Briefe noch einmal gelesen, die Du meinem Vater aus Vietnam geschrieben hast. In einem davon hast Du geschrieben, dass ihr immer ziemlich nervös gewesen seid, wenn ihr dort ankamt. Wir sind noch nicht mal im Irak angekommen, aber dennoch fühle ich mich ganz genauso: irgendwie aufgeregt. Bei einer Vorbereitungsschulung (von denen wir mindestens zwei pro Woche haben) hat einer der Offiziere behauptet: Die Jungs, die damals in Vietnam gekämpft haben, würden die Armee heutzutage gar nicht wiedererkennen. Wir sind ja angeblich so cool und gut ausgebildet und so weiter. Ich hoffe, das stimmt. Deine Augen würden vielleicht die heutige Armee nicht wiedererkennen, aber dein Bauchgefühl schon.

Ich weiß nicht genau, wo wir jetzt sind, aber es ist irgendwo kaum hundert Kilometer vor der irakischen Grenze. Am besten sollten wir von der ganzen militärischen Ausrüstung, die wir dabeihaben, Fotos machen und sie dann den Irakern schicken. Das würde die Sache hier und jetzt beenden. Ich glaube wirklich, dass die Iraker in letzter Sekunde klein beigeben und ihre Waffen übergeben würden, sodass wir nur eine Handvoll Militärpolizisten einsetzen müssten, die alles schon regeln würden, während die Politiker ihr Ding durchziehen. Ich glaube nicht, dass irgendjemand auf uns schießen wird.

Aber Du hattest recht, als Du gesagt hast, ich würde Zweifel bekommen, ob die Entscheidung, zur Armee zu gehen, richtig war. Du bist in einen Krieg gezogen, der bereits begonnen hatte; ich hatte gedacht, das hier sei anders. Dad war immer noch sauer auf mich, als ich abgefahren bin. Es hatte keinen Zweck, ihm zu erzählen, wie ich mich fühle. Wie Du weißt, hatte er große Pläne für mich, mit College und so. Ich habe versucht, ihm zu erklären, dass ich gar nicht glaube, dass er mit der Uni so falsch liegt, nicht einmal damit, dass ich Wirtschaft studiere. Du kennst Deinen Bruder, also kannst Du Dir denken, was er gesagt hat: »Wenn du glaubst, dass ich recht habe, warum gehst du dann zur Armee?« Onkel Richie, nach dem 11. September habe ich mich so mies gefühlt; ich wollte etwas tun, für mein Land einstehen. Ich glaube, in meinem Alter hätte Dad das Gleiche getan. Er hat an mich und meine Zukunft gedacht – was ja sehr schön ist –, aber ich muss meinen eigenen Weg gehen, so wie Du in meinem Alter.

Bitte grüße alle von mir. Und wenn Du zufällig mit Dad sprichst, dann leg ein gutes Wort für mich ein. Ich habe ihm bisher noch nie ernsthaft widersprochen, und es tut mir wirklich leid, dass er sich über meinen Eintritt in die Armee ärgert. Onkel Richie, ich erinnere mich daran, zugehört zu haben, als Du und einer deiner Kameraden bei Dir im Wohnzimmer über Vietnam gesprochen habt. Ihr wart beide irgendwie recht still, als ob Ihr über irgendetwas Geheimes sprechen würdet. Das fand ich interessant. Ich hoffe, dass ich eines Tages genauso über das, was Jonesy (ein Kumpel aus meiner Einheit aus Georgia) als unser Abenteuer bezeichnet, reden und lachen werde.

Das ist alles für heute.

Dein Lieblingsneffe Robin

»Meine Damen und Herren, willkommen in Doha am Meer. Ich bin Major Spring Sessions und ich freue mich sehr, Sie im sonnigen Kuwait begrüßen zu dürfen. Sollten wir tatsächlich in den Irak einmarschieren müssen, so wird Ihnen eine wesentliche Rolle bei der Erreichung unserer Ziele zufallen: die Zusammenarbeit mit der Zivilbevölkerung. Sie alle haben sehr unterschiedliche Fachgebiete, aber zusammen bilden Sie ein starkes Team – und das ist ein Konzept, auf das stets großer Wert gelegt wird. Sie haben alle Ihr Interesse an der Civil-Affairs-Einheit bekundet. Ich bin sicher, wir werden gut miteinander auskommen und die Armee stolz auf uns machen.« Major Sessions war hübsch, schwarz und hatte ein Lächeln, das das ganze Hauptquartierszelt erstrahlen ließ. In ihrer Wüstentarnuniform sah sie heiß aus. Jonesy stieß mich mit dem Ellbogen an und ich konnte mir denken, was er dachte.

»Unsere gesamte Einheit besteht aus 42 Leuten, die im Laufe der Zeit eventuell wechseln werden. Einige Teams werden verstärkt, andere verkleinert werden. Das ist wichtig, denn wir, als eine Vorhut von Civil Affairs, ermitteln den zukünftigen Bedarf. Im Moment verfügen wir über ein Ärzteteam, ein Bauteam, ein Nachrichtenteam, ein Sicherungsteam und ein flexibles Team, das direkt mit der einheimischen Bevölkerung zusammenarbeiten wird. Auch die Mitglieder der Sicherungsteams werden direkt mit den Einheimischen zusammenarbeiten. Sie sehen also, wie anpassungsfähig die Einheit für Civil Affairs ist. Dies ist eine bedeutende Mission und Sie sind dafür wichtig. Vergessen Sie das nie. Captain Coles wird Sie in Ihre Aufgaben, Ihre Einsätze und Ihre Beziehung zur Infanterie einweisen, während Sie hier sind. Vielen Dank.«

Major Sessions lächelte erneut, machte auf dem rechten Absatz kehrt und trat von der kleinen Bühne ab.

Als ich in Camp Doha angekommen war, hatte man mich Captain Coles schon vorgestellt. Er schien in Ordnung zu sein. Nicht zu übereifrig, aber auch nicht nachlässig. Groß, schlank und mit blaugrauen Augen wirkte Coles stets ernst, als ob er sich wirklich für einen interessierte und für das, was man sagte. Als Major Sessions gegangen war, nahm er seine Liste.

»Ich habe hier eine Liste mit allen Namen außer denen der drei neuen Sicherungsteams. Wenn ich Sie aufrufe, geben Sie mir bitte ein Zeichen, dass Sie hier sind, dass Sie leben, und nennen Sie mir Ihren Heimatort«, sagte er. »Sie posieren hier nicht fürs American Idol, also fassen Sie sich kurz. Sie sollen nur alle anfangen, Gesichter und Namen miteinander in Verbindung zu bringen und sich kennenzulernen. Evans!«

»Corporal Eddie Evans, Stormville, New York, Sir!«

»Jones!«

»Corporal Charlie Jones, Stone Mountain, Georgia, Sir!«

»Harris!«

»Sergeant Robert Harris, Tampa, Florida, Sir!«

»Kennedy!«

»Corporal Marla Kennedy, Dix Hills, New York, Sir!«

»Perry!«

»Private Robin Perry, Harlem, New York, Sir!«

Captain Coles sah mich an. »Was für ein Name ist denn Robin? Wusste Ihre Mutter nicht, ob Sie ein Junge oder ein Mädchen sind?«

»Ich glaube schon, Sir.«

»Und, was ist es? Junge oder Mädchen?«

»Mann, Sir!«

»Na gut, damit komme ich klar«, sagte Coles. »Darcy!«

»Specialist Jean Darcy, Oak Park, Illinois, Sir.«

»Rios!«

»Corporal Victor Rios, Albuquerque, New Mexico.«

»Hübsche Stadt«, bemerkte Captain Coles. »Danforth!«

»Private First Class Shelly Danforth, Richmond, Virginia.«

»Pendleton!«

»Corporal Phil Pendleton, Leetown, West Virginia.«

Während Captain Coles die Namen ablas, sah ich mich um, um zu sehen, wie viele der Männer und der vier Frauen ich schon auf dem Flug hierher gesehen hatte. Wir waren alle etwa zur selben Zeit aus den Staaten hergekommen, was ganz gut war. Keine »Oldtimer«, die schon zwei Monate hier Erfahrung gesammelt hatten. Ich war froh, als ich sah, dass alle Namensschilder trugen.

»Gut, hören Sie zu!« Captain Coles legte die Liste weg und sah uns an. »Im Moment gehören wir zur 3. Infanteriedivision. Sollte es tatsächlich zum Kampf kommen, werden die Dritte und die 4. Division der Marines den Angriff führen. Die Dritte ist nicht gerade glücklich darüber, sich um uns kümmern zu müssen. Aber sie werden uns nicht belästigen, wenn wir nicht Mist bauen und ihnen in die Quere kommen – was wir nicht tun werden. Meist werden wir mindestens ein paar Tage nach der Hauptkampfeinheit der Dritten kommen. Wir werden eine Menge Freiheiten haben, zumindest anfangs, bis sich die Planer und Macher im Pentagon – oder wo auch immer sie planen und machen – überlegt haben, was sie eigentlich genau von uns wollen. Im unwahrscheinlichen Fall, dass Mr. Saddam Hussein nicht zurücktritt und es tatsächlich Krieg gibt, werden wir nicht in der vordersten Frontlinie stehen. Im Grunde genommen glaube ich, dass es einen Krieg gibt, weil meiner Meinung nach Mr. Hussein nicht ganz dicht ist. Wir, das Team von Civil Affairs, werden dabei sein, um zu sehen, was die nicht am Kampf beteiligten Iraker brauchen, damit der Wiederaufbau so schnell wie möglich beginnen kann. Falls Sie zu dämlich sind, um zu kapieren, was ich gesagt habe, werde ich es ganz langsam und deutlich wiederholen. Falls Sie es dann immer noch nicht verstanden haben, werde ich Sie höchstwahrscheinlich erschießen.

Die Operation Freiheit für Irak hat vier Phasen. Die erste bestand aus der Erkundung und Einschätzung des Gebietes. Dieser Teil wurde bereits im vorherigen Golfkrieg durchgeführt, der im Februar 1991 zu Ende gegangen ist. Seitdem haben die Nachrichtenspezialisten das Land erforscht, um zu erfahren, wie die Menschen hier leben und welche Probleme sie beschäftigen. Diese Phase ist abgeschlossen. Wir wissen, was uns erwartet, was wir tun und warum wir hier sind. Zumindest in der Theorie. Die zweite Phase ist die Vorbereitung des Schlachtfeldes. Das bedeutet im Kern: den Feind ausbomben, seine Kommunikationseinrichtungen zerstören und seine Versorgungslinien abschneiden. Dies wird geschehen, sobald der Befehl dazu gegeben wird, aber das ist nicht unsere Aufgabe. Wenn nötig, wird die dritte Phase darin bestehen, das derzeitige Regime im Irak notfalls mit Gewalt zu entfernen und die Waffen der Iraker zu neutralisieren, besonders ihre Massenvernichtungswaffen. Dazu zählen verschiedene Arten von Giftgas und biologische Waffen, vielleicht sogar Atomsprengköpfe. Die vierte und letzte Phase ist der Aufbau einer erfolgreichen Demokratie im Irak. Und da kommen die Civil-Affairs-Einheiten ins Spiel. Es ist unsere Aufgabe, die Voraussetzungen für den Wiederaufbau zu schaffen.

Ich bin der zuständige Mann für diese Operation und unterstehe Major Sessions. Major Sessions hat eine nette Stimme und schöne Augen, aber sie kann fuchsteufelswild werden. Sie hätte kein Problem damit, mir die Eingeweide herauszureißen, wenn ich euch Clowns nicht auf Zack halte.

Major Sessions untersteht Colonel Armand Rose. Auch Colonel Rose würde nicht zögern, einen von uns oder auch uns allesamt auseinanderzunehmen. Er hat 1983 in Grenada und im letzten Golfkrieg gedient und er ist ein wenig misstrauisch dem gegenüber, was wir hier tun sollen, also wird er uns scharf beobachten. Er wird wissen wollen, was wir hier tatsächlich tun. Mit anderen Worten, es wird darum gehen, ob wir den Erfolgen auf dem Schlachtfeld weitere Erfolge hinzufügen können. So einfach ist das.

Was mich betrifft, so ist es mein persönliches Lebensziel, alt und grummelig zu werden und zuzusehen, wie meine Kinder von der Schule fliegen. Dafür muss ich zurück nach Hause und ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mir dabei helfen würden.«

Wir traten aus dem Zelt in den hellen Sonnenschein Kuwaits. Das intensive direkte Licht traf uns immer wie ein kleiner Schock, und ich sah, wie einige Kameraden nach ihren Wasserflaschen griffen. Ich war mir nicht sicher, ob ich so viel Wasser trinken sollte wie möglich oder ob ich trainieren sollte, weniger zu trinken.

Da Kuwait direkt an den Irak grenzt, hatte ich angenommen, dass die Lage hier angespannt sein würde, aber das war sie nicht. Wir wohnten in der Nähe der Einkaufsläden, die Kantine war richtig gut und es gab ein Café. Außerdem gab es Fast-Food-Restaurants, ein Kino und sogar eine Bibliothek, die nach dem vorherigen Golfkrieg errichtet worden ist. Nach zwei Wochen in diesem Land versuchte ich mich immer noch an die Hitze zu gewöhnen, und beschwerte mich sogar wie alle anderen auch, aber tief im Innersten fand ich es doch auch ein wenig aufregend. Ich fragte mich, ob es wirklich zum Krieg kommen würde. Eine riesige Menge Soldaten und schwere Ausrüstung waren schon da, und täglich wurde noch mehr herbeigeschafft.

»Hey, Birdy!«

Ich drehte mich um und eine große Blonde schloss zu mir auf. Als sie vor mir stand, waren wir fast auf Augenhöhe; und ich bin eins neunzig. Ich warf einen Blick auf ihr Namensschild. Kennedy.

»Sag mal, Birdy, warst du nicht auch in Fort Dix?«, fragte sie.

»Ja, und ich heiße Robin, nicht Birdy«, antwortete ich.

»Egal«, meinte sie. »Mir gefällt Birdy besser.«

»Kennedy, die letzte Person, die sich einen Spaß mit meinem Namen erlaubt hat, habe ich k. o. geschlagen.«

»Echt? Beeindruckend«, erwiderte sie, während sich ein Grinsen auf ihrem Gesicht breitmachte. »Was trug sie denn für eine Waffe?«

Kennedy schwang sich den Riemen ihres M-16-Sturmgewehrs über die Schulter und schlenderte zum Frauenquartier hinüber.

In Fort Dix, New Jersey, hatte ich zwei Wochen vor dem Ende meiner Infanterieausbildung die Masern bekommen. Nach einer Woche Quarantäne im Hospital musste ich drei Wochen im Aufenthaltsraum mit Fernsehen und Poolbillard-Spielen verbringen, bis darüber entschieden wurde, ob ich das gesamte Training wiederholen musste oder nicht. Schließlich kam ich zu einer anderen Ausbildungseinheit und erhielt dann den Befehl, mich bei der Einheit für Civil Affairs in Camp Doha in Kuwait zu melden.

Zum Abendessen ging ich in die große Kantine. Auf den Tischen gab es tatsächlich Blumen und Servietten. Wir aßen von richtigen Tellern und nicht von Tabletts wie in Fort Dix. Ich holte mir etwas Hackfleisch, Kartoffelbrei und grüne Bohnen und setzte mich an einen Tisch. Einer der Jungs, die bei dem Treffen mit Major Sessions dabei gewesen waren, kam herüber und fragte, ob er sich dazusetzen dürfe.

»Klar«, sagte ich. Er war etwa eins siebzig groß, hatte glatte braune Haut und ein rundes Gesicht. Er war kräftig gebaut und sah aus, als könne er auf sich aufpassen. Doch als ich das Stirnband in Tarnfarben und die dunkle Sonnenbrille sah, war mir klar, dass er ein wenig anders war.

»Und was machst du so hier, Mann?«, fragte er.

»Das Gleiche wie alle anderen«, antwortete ich, »ich bereite mich auf den Krieg vor. Und was ist mit dir?«

»Bei mir geht’s um Blues«, erklärte er. »Weißt du, der Blues ist das Wahre. Alles andere heißt nur … abwarten und irgendwas machen, bis man wieder zum Blues kommt.«

»Was machst du dann in Kuwait?«, fragte ich mit einem Blick auf sein Namensschild. Darauf stand JONES.

»Ja, ich bin Jones«, sagte er. »Aber zu Hause nennen mich alle Jonesy. Ich bin hier, weil ich ein paar Erfahrungen sammeln will. Ich will was sehen und mein Geld sparen, damit ich einen Blues-Club aufmachen kann. Wenn ich den Club hab, dann spiele ich sechs Abende die Woche Blues-Gitarre. Und sonntags eine Jamsession mit Gott, weil – er und ich – wir sind so drauf.«

Jones hielt zwei Finger hoch.

»Ja, okay.«

»Yeah, hey, du und ich, wir müssen zusammenhalten«, bemerkte er. »Dann kann ich auf dich aufpassen und du auf mich.«

»Okay.«

»Spielst du Gitarre?«

»Nein.«

»Kannst du singen?«

»Nein.«

Jones sah weg und ich hatte das Gefühl, als habe er bereits das Interesse daran verloren, auf mich aufzupassen. Er redete noch eine Weile über den Club, den er aufmachen wollte. Es klang nicht, als hätte er eine gute Bildung, aber mit seiner Gitarre – das schien er ernst zu meinen. Er sagte, er übe täglich mindestens zwei Stunden.

»Yeah, Jones, das klingt gut«, meinte ich.

»Jonesy, du musst mich Jonesy nennen«, sagte er. »Dann weiß ich, dass du es bist.«

Ich mochte Jonesy, auch wenn ich manchmal nicht so genau wusste, wovon er sprach. Zum Beispiel als er mich fragte, ob ich ein Held sei.

»Nein«, antwortete ich.

»Du bist groß – wie groß genau?«

»Eins neunzig«.

»Viele große Kerle sind Heldentypen«, behauptete Jonesy. »Man wird verrückt, wenn man versucht, auf sie aufzupassen. Du verstehst, was ich sagen will?«

»Ja, aber ich bin kein Heldentyp«, erklärte ich.

Es gab verschiedene Spezialeinheiten: Sanitäter, den Bautrupp und Nachrichtenleute. Die Sanitäter waren ein wenig älter und unterstanden Captain Miller, einer nüchternen Offizierin, die aussah, als wüsste sie, was sie tat. Die Leute vom Bautrupp sahen aus, als hätten sie viel Spaß; ich schätzte, dass die meisten von ihnen im Zivilleben im Baugewerbe oder in Ingenieurberufen gearbeitet hatten. Die Nachrichtenleute waren okay, aber sie verbrachten die meiste Zeit damit, Berichte von CENTCOM, unserer Kommandozentrale, zu lesen oder Funkgespräche abzuhören. Einige von ihnen hatten Arabisch-Unterricht bekommen. Captain Coles sagte, dass der Rest von uns, etwa ein Dutzend Soldaten, als Teil der flexiblen Einsatzgruppe in den Dörfern arbeiten würde.

»Das bedeutet, wir machen alles, was nützlich ist«, erklärte er. »Und dass man uns an allem die Schuld gibt, was schiefgeht.«

Sergeant Harris, ein farbiger Soldat, der bei einer Nachschubeinheit gedient hatte, bevor er zu Civil Affairs gewechselt war, sortierte zusammen mit Captain Coles unser Dutzend in drei Humvee-Besatzungen, wobei er uns selbst wählen ließ, mit wem wir fahren wollten. Jonesy sagte, er wollte mit mir fahren, und Coles wollte das auch. Damit hatten wir noch einen Platz frei in unserem Fahrzeug, den Kennedy zugewiesen bekam. Ich wusste nicht recht, ob ich sie mochte oder nicht, aber im Grunde war es mir auch egal.

»Die Gruppen und Fahrzeugbesatzungen werden je nach Lage wechseln«, verkündete Captain Coles. »Aber jeder ist einem bestimmten Fahrzeug zugeteilt, damit wir Sie dafür verantwortlich machen können, es in Ordnung zu halten.«

In der ersten Gruppe fuhren Jones als Fahrer, Kennedy am Bord-Maschinengewehr, ich und Captain Coles.

Die zweite Gruppe bestand aus Sergeant Harris am Steuer, Darcy, einer weiteren Soldatin am Bord-Maschinengewehr, und Evans.

Die dritte Gruppe hatte Love als Fahrer, Shelly Danforth am MG, Pendleton und einen sehr ruhigen Jungen namens Corbin, der im Zivilleben in einem Rehabilitationszentrum gearbeitet hatte.

Unser Dolmetscher hieß Ahmed Sabbat. Er war Amerikaner, aber seine Eltern stammten aus dem Nahen Osten.

Wir waren alle auf alles vorbereitet, doch jeder hatte so seine eigene Meinung darüber, was das wohl sein würde.

»Wisst ihr, die Iraker reden davon, dass sie die UN-Inspektoren ins Land gelassen haben und wie sehr ihr Volk unter den Sanktionen leidet«, meinte Evans. »Wenn sie bereit wären zu kämpfen, würden sie nicht so viel reden. Es ist März. Ich wette, am 4. Juli bin ich wieder zu Hause beim Angeln.«

»Es ist überflüssig, sich die Nachrichten anzusehen, um zu wissen, was los ist.« Sergeant Harris hatte die Füße auf seinen Schuhspind gelegt. »Saddam macht sich für uns bereit und wir bereiten uns auf ihn vor. Das ist alles, Mann.«

»Saddam ist clever.« Captain Coles sprach leise und ruhig. »Er muss die Erfahrungen aus dem letzten Golfkrieg berücksichtigen, und er ist klug genug, um zu wissen, dass er gegen die Vereinigten Staaten nichts ausrichten kann. Kein irakischer General würde ihm da widersprechen. Wenn er es so weit kommen lässt, dass wir tatsächlich eingreifen müssen, dann muss man ihn unschädlich machen.«

»Okay, das kann ich verstehen«, meinte Harris. »Aber sagen Sie mir eins, Sir. Der Präsident sagt ihm, er soll zurücktreten. Wohin soll Saddam denn gehen? Hier hassen ihn doch alle. Er hat gegen den Iran Krieg geführt, da kann er also nicht hin. Die Ägypter mögen ihn auch nicht. Seit der Invasion hassen ihn die Kuwaitis. Wohin soll er gehen? Wenn er nirgendwohin kann, dann wird er bleiben und kämpfen.«

»Er wird bleiben und ausgeräuchert werden!«, warf ein Soldat namens Lopez ein. Er war dunkelhäutig mit dunklen, kurz geschorenen Haaren. Irgendwie wirkte der Kerl gefährlich. Ich hatte ihn gefragt, was die auf seiner Hand eintätowierten Buchstaben ALKN zu bedeuten haben – er hatte mich nur angesehen und gelacht.

»Wisst ihr, wo Saddam sicher wäre?« Sergeant Harris kam richtig in Fahrt. »In den Vereinigten Staaten. Wir könnten ihn ins Zeugenschutzprogramm aufnehmen. Wir könnten ihm eine Million geben, damit er anständig leben kann – vielleicht ein kleines Geschäft aufzieht –, das wäre doch lustig. Ja, er könnte doch Elvis-Porträts auf schwarzem Samt verkaufen.«

»Du willst echt ganz dringend in diesen Krieg ziehen, ja?«, erkundigte sich Marla, die an einem Klapptisch Patiencen legte.

»Schau doch mal, Miss Molly. Die Leute hier müssen lernen, was los ist. Versteht ihr, was ich meine? Was sie hier verstehen, ist Gewalt.« Sergeant Harris warf einen Blick auf Captain Coles, um zu sehen, wie seine Bemerkungen aufgenommen wurden. »Sie müssen deine Macht sehen. Sie müssen sehen, wie man ihre Städte einnimmt und ein paar ihrer Leute killt. Irgendwie sind wir Lehrer, die ihnen beibringen, was die Macht Amerikas bedeutet. Deshalb bin ich hier.«

»Ich glaube«, Jonesy schüttete Talkumpuder in seine Stiefel und schüttelte sie, »dass Saddam eine Melodie im Kopf hat, die er unbedingt spielen will. Und wenn das nicht klappt, dann spielt er einfach lauter. Das machen viele so. Sie nennen es Musik, aber es kann auch einfach Krieg sein.«

»Jones, von was reden Sie?«, fragte Coles.

»Hey, Captain, warum sind Sie hier drüben?« Marla Kennedy sah von ihren Karten auf.

»Ich bin mit zweiundzwanzig zur Armee gegangen, als ich versucht habe, herauszufinden, was ich mit meinem Leben anfangen soll«, antwortete Captain Coles. »Ich hatte gehofft, dass ich eine Laufbahn einschlagen und dann irgendwann wieder austreten würde. Aber ich bin nie so weit gekommen, richtig über meine Karriere oder gar das Ausscheiden nachzudenken. Es ist ein gutes Gefühl, sein Land zu verteidigen, vor allem bei den Civil Affairs. Wisst ihr, wir geben dem Krieg ein menschliches Gesicht. Das finde ich gut.«

Ich war mir nicht sicher, ob er das wirklich gut fand oder nicht, denn er war uns gegenüber nicht sehr aufgeschlossen.

»Glauben Sie, dass wir einmarschieren?«, fragte Evans.

»Wie Sie sagen: Saddam hat sich in eine Ecke manövriert.« Captain Coles nickte. »Er versteht die Sprache der Gewalt. Wenn er jetzt einen Rückzieher macht, hat er alle Revolverhelden des Nahen Ostens im Nacken. Also kann er genauso gut bleiben und es ausfechten.«

»Bleiben und vernichtet werden, meinen Sie.« Harris wirkte besorgt.

Captain Coles stand auf. Er sah aus, als ob er sich unwohl fühlte. »Ich muss mit Major Sessions reden«, sagte er. »Sie sprach davon, dass wir Wachdienste schieben sollen, aber das kann ich ihr hoffentlich ausreden.«

»Sagen Sie ihr, dass Sergeant Harris die Schicht allein übernimmt«, meinte Kennedy. »Den Rest von uns braucht sie nicht.«

»Hey, Kleine, für eine Frau hast du eine ziemlich große Klappe«, fand Harris.

»Schön, dass dir das auffällt, Sergeant.«

Captain Coles ging, und Sergeant Harris begann, durch die Fernsehkanäle zu zappen, um zu sehen, ob man einen davon klar empfangen konnte. Ich wusste, dass das beim Militärsender der Fall sein würde, hatte aber keine Lust auf eine erneute Wiederholung der letzten Rede aus dem Weißen Haus. Also stand ich auf und trat in die frische Frühlingsluft hinaus.

Bevor ich in Doha angekommen war, hatte ich mir vorgestellt, ich wäre da in einer Wüste mit vorbeiziehenden Kamelen und Palmen, die im Wind schwankten. Wir waren sieben Stunden von Newark, New Jersey, zum Luftwaffenstützpunkt Ramstein in Deutschland geflogen und dann noch einmal sieben Stunden nach Kuwait. Der Ort haute mich total um. Ganz Doha war pieksauber und wunderschön. Fast alles war neu oder doch ziemlich neu. Ich kam an einem Samstagmorgen an und ging mit ein paar Jungs in die Stadt. Es gab alle Läden, die man sich nur vorstellen konnte, und in den Straßen brummte es nur so vor dicken Geländewagen. Der Anblick der großen Moschee mit ihrer goldenen Kuppel verschlug mir glatt den Atem. Einer der Jungs vom Bautrupp, die mit mir unterwegs waren, meinte, dass man sich an die Architektur in den arabischen Ländern nie gewöhnen würde.

»Es verändert die ganze Sichtweise auf die Leute hier«, meinte er.

Um neun Uhr an diesem Morgen marschierten wir zum CENTCOM-Kino und sahen uns einen Film über Saddam Hussein an. Es waren mindestens tausend Leute da, die meisten von der Dritten sowie eine Menge Marines und Specialists. Saddam sah drein wie ein Unschuldslamm, immer beherrscht und distinguiert. Auf den meisten Bildern hatte er denselben Gesichtsausdruck. Im Film wurde er gezeigt, wie er entweder Hände schüttelte oder eine Pistole in die Luft abfeuerte. Dann wechselte das Bild zu Kurden, die mit Gas getötet worden waren. Eine Frau hatte noch den Arm nach ihrem Kind ausgestreckt. Die ganze Szene sah unwirklich aus, als ob sie gestellt sei. Am liebsten hätte ich mich von den am Boden liegenden Leichen abgewandt. Einige von ihnen sahen aus, als ob sie sich jeden Moment bewegen würden. Einfach aufstehen und weggehen. Ich wollte diese toten Menschen nicht da liegen sehen. Ich versuchte, darüber wütend zu werden, aber ich bekam nur Angst.

Es war merkwürdig, dass niemand sonst Angst zu haben schien. Eine Menge Jungs taten so, als ob sie zornig wären und den Krieg am liebsten sofort anfangen würden. Ein Typ von der Dritten, ziemlich klein und mit einem Babyface, redete ständig davon, wie es wäre, den Irakern gegenüberzustehen.

»Wir müssen darüber nachdenken, wie wir diese Sache hier gewinnen können – und uns darüber klar werden, ob wir das wirklich wollen. Wisst ihr, was ich meine? Denn wenn wir es wirklich wollen, dann schaffen wir das auch«, sagte er. »Diese Leute, die Kurden, die da auf der Erde lagen, die hatten keine Chance. Wir haben sie. Wir müssen unseren Mumm prüfen – und unseren Willen zum Sieg.«

Ich war mir nicht sicher, ob ich den gleichen Willen zum Sieg hatte wie der Kamerad von der Dritten. Ich wusste nur, dass ich meine Rolle dabei spielen wollte. Die Offiziere ließen uns sitzen und über den Krieg reden. Ich glaube, das taten sie mit Absicht. Es war wie im Umkleideraum vor einem großen Spiel.

»Ich hab gesehen, wie ein M-240-MG einem Typ das Bein aus einer Entfernung von hundert Metern abgerissen hat«, sagte ein Corporal mit einem großen Kopf. »Das Bein war total ab und der Kerl lag einfach auf dem Boden und sah sein Bein an, während er starb.«

Mir wurde leicht übel.

Nach dem Film gingen wir in unsere Quartiere zurück. Wir hatten uns gerade zum Kartenspielen und dem üblichen Mist hingesetzt, als wir herausgerufen wurden, in Formation anzutreten. Captain Coles salutierte vor zwei Offizieren, einem Colonel und einem Lieutenant, die uns kurz inspizierten. Der Colonel schleppte genügend Ausrüstung mit sich rum, um in der Hitze in Flammen aufzugehen. Er wollte unbedingt taff wirken. Ich musste grinsen, als ich mir vorstellte, dass er wahrscheinlich Hitzepickel bekam, ließ es aber schnell wieder sein, bevor er bei mir vorbeikam.

»Sie repräsentieren die Armee der Vereinigten Staaten. Sie repräsentieren auch unser Land und unsere Lebensweise«, sagte der Colonel. Er hörte sich an, als hielte er eine formelle Ansprache. »Wenn wir in den Irak einmarschieren, werden die Menschen dort die Kampftruppen beobachten und sehen, wie sie ihre militärischen Pflichten erledigen, aber auch wie sie sich den Einheimischen gegenüber verhalten. Aber den größten Eindruck werden Sie, die Soldaten von Civil Affairs hinterlassen. Sie können hier gute Arbeit leisten – oder alles, was wir erreicht haben, zunichtemachen: wenn Sie unüberlegt vorgehen, wenn Sie sich von Furcht anstatt von Logik leiten lassen oder wenn Sie auf eine Weise handeln, die den amerikanischen Prinzipien widerspricht. Wenn sich die Menschen in den Städten und Dörfern hier in ein paar Jahren an diese Operation erinnern, dann werden sie sich an eure Gesichter und Taten erinnern.«

Colonel Rose beendete die Ansprache mit einer Aufzeichnung des Star Spangled Banner, der Nationalhymne. Es war irgendwie verkrampft, als ich so mit den anderen Soldaten strammstand, aber ich empfand auch ein wenig Stolz.

»Ich glaube, dass die Civil-Affairs-Einheiten in diesem Krieg die interessantesten Aufgaben haben«, sagte Captain Coles, als wir in unser Zelt zurückkehrten. »Und vielleicht die sichersten, wenn ich Major Sessions davon abhalten kann, Sie auf Patrouillen zu schicken. Ich gebe jetzt die offiziellen Fahrzeugzuweisungen aus. Sie müssen für das Ihnen zugewiesene Fahrzeug unterschreiben und sind verantwortlich für die Routinewartung und Sauberkeit. Sehen Sie sich die Anweisungen an und lernen Sie sie auswendig. Wenn wir einmarschieren, dürfen Sie keinerlei Dokumente mitnehmen außer Landkarten und persönlichen Ausweispapieren. Ich teile die ersten drei Gruppen ein.«

Er teilte die Papiere aus und wir sahen sie an. Es waren dieselben Zuweisungen wie diejenigen, die er auf die Tafel geschrieben hatte.

* * *

»Je nachdem was für eine Aufgabe wir haben, werden wir verschiedene Führer haben«, erklärte Captain Coles. »Unabhängig von der Aufgabe und wer sie leitet, müssen wir uns als Team betrachten. Wenn wir es schaffen, dass wir uns nicht nur als Einzelperson sehen, sondern tatsächlich ein Gespür für die Gefühle der einzelnen Teammitglieder bekommen, dann haben wir gute Chancen, alle heil aus diesem Krieg herauszukommen. Irgendwelche Fragen?«

»Wollen Sie es uns noch einmal erklären?«, fragte Danforth. »Wir sollen also da rausgehen und die Iraker töten und ihren Kram in die Luft jagen. Dann helfen wir ihnen, ihre Arme und Beine zu finden oder was auch immer wir abgeschossen haben, und flicken sie wieder zusammen. Und dann setzen wir uns alle gemeinsam in einen Kreis und singen Lieder am Lagerfeuer, ja?«

»Sie nehmen das vielleicht nicht ernst, Danforth, aber die Verantwortlichen schon – und sie werden dafür sorgen, dass es funktioniert. Worum es in diesem Krieg geht – und wir sind uns noch nicht einmal sicher, ob er überhaupt stattfinden wird –, ist ein Regimewechsel sowie die Zerstörung der chemischen und atomaren Waffen im Irak, die wir finden. Es geht nicht darum, Menschen leiden zu lassen. Und es liegt an uns, die Iraker das wissen zu lassen. Wenn Saddam zurücktritt und sie ihre Waffen abgeben, können wir viel Blutvergießen vermeiden.«

»Ja, okay«, meinte Danforth achselzuckend. »Auf dem Papier klingt das sicher gut.«

Wie Captain Coles es darlegte, bekam jede Gruppe einen Humvee mit einem Fahrer, einem Bordschützen und zwei weiteren Insassen. Marla hatte zwar einen höheren Rang als ich, wollte aber lieber an das schwere, vollautomatische MG. Ich mochte sie und ich mochte auch Captain Coles. Und auch Jonesy war in Ordnung. Coles sagte, dass er meistens bei uns mitfahren würde, daher bestand unsere Gruppe nur aus drei Leuten.

Die nächsten drei Tage saßen wir nur herum, warteten und redeten darüber, ob jemand anfangen würde zu schießen oder nicht. Das meiste erfuhren wir aus den Nachrichten im Fernsehen. Im Aufenthaltsraum stand ein Videorekorder und wir sahen uns eine Menge Filme an. Sie hatten jeden Kriegsfilm, der je gedreht worden ist, einschließlich drei Kopien von Tom Cruise in »Top Gun«, ein Film, den ich mochte. Außerdem sahen wir viele Lehrfilme und verbrachten Stunden damit zu üben, wie wir unsere Gasmasken aufsetzen sollten. Ich bemerkte auch, dass die Teams enger zusammenrückten.

»Hey, Birdy, weißt du, warum die Kantine heute Morgen so leer ist?« Marla brachte ihr Tablett zu meinem Tisch und ließ sich mir gegenüber auf einen Stuhl fallen.

»Wie lange willst du mich noch Birdy nennen?«, fragte ich.

»Sie ist leer, weil die Hälfte der Rowdys sich heute mitten in der Nacht davongeschlichen hat«, erklärte sie. Rowdys nannten wir die Spezialeinheiten, die geheime Missionen im Feindgebiet durchführten. Wir hatten einige von ihnen gefragt, was sie machten, aber sie redeten nicht darüber. Ehrlich gesagt grunzten die meisten nur.

Marla fuhr fort: »Das haben mir ein paar Soldatinnen aus dem Pionier-Bataillon in der Nähe der Poststation gesagt. Sie haben sie um zwei Uhr morgens abgeholt. Sie hatten alle geschwärzte Gesichter und trugen alles Mögliche an Ausrüstung mit sich.«

»Was haben die Frauen denn da gemacht?«

»Gepinkelt«, erwiderte Marla. »Du weißt schon, dass Frauen so was machen, oder?«

Captain Coles kam mit einer Tasse Kaffee in jeder Hand an. »Darf ich mich setzen?«

»Ja bitte, Sir.«

»Alle Zeichen deuten darauf hin, dass wir losschlagen«, sagte er. »Wenn ihr also noch Briefe nach Hause schreiben wollt …«

Marla sah Danforth und winkte ihn herüber. Er kam an unseren Tisch, drehte einen Stuhl herum und setzte sich rittlings darauf.

»Marla hat gehört, dass die Rowdys letzte Nacht abgerückt sind«, sagte ich.

»Die können noch nicht im Irak sein«, meinte Danforth gestikulierend. »Es gibt noch keine offizielle Kriegserklärung.«

»Die sind in den ganzen letzten sechs Monaten schon im Irak ein und aus gegangen«, erklärte Coles. »Sie machen Erkundungseinsätze, knüpfen Kontakte und so.«

»Warum können eigentlich nicht besser die Rowdys die Sicherungstrupps für die Civil Affairs stellen statt wir selbst?«, fragte Danforth. »Ich meine, ein paar von den Spezialisten-Typen tun so, als sei es eine Ehre, von ihnen umgebracht zu werden.«

Coles lachte ein breites Lachen, das sein ganzes Gesicht strahlen ließ. »Genau deshalb möchten die normalen Iraker auf der Straße wahrscheinlich auch nicht mit ihnen reden«, vermutete er. Er löffelte noch mehr Zucker in seinen Kaffee, probierte und schob ihn von sich. »Ihr Jungs seht aus wie vernünftige Leute. Daher glaubt die Armee wahrscheinlich, dass ihr möglicherweise sogar mit einem Dorfbewohner redet, bevor ihr ihn erschießt.«

»Da ist Ahmed.« Marla nickte zur Schlange an der Essensausgabe hinüber. »Woher kommt er? Ist er in der Armee? Er trägt keine Tarnuniform.«

»Cleveland«, antwortete Captain Coles. »Er ist ein ziviler Dolmetscher. Versucht nach Möglichkeit, ihn nicht umzubringen. Das haben sie in Cleveland nicht so gerne. Die Armee möchte, dass er sich überall so gut wie möglich einfügt und als eine Art Vermittler fungiert.«

»Das wird ein sehr merkwürdiger Krieg«, bemerkte Marla.

»Woher kommen Sie, Captain Coles?«, fragte Danforth.

»Allentown, Pennsylvania. Meine Familie lebt seit drei Generationen da. Davor waren sie in England, hat man mir erzählt. Allentown ist ein netter kleiner Ort, ein paar Stunden von allen aufregenden Orten weg. Das beste Essen der Welt von den Farmen in der Nähe und ein paar Amish-Leute. Woher sind Sie noch mal?«

»Aus Richmond«, sagte Danforth. »Aber von außerhalb der Stadt.«

»Was ist Ihre Heimatstadt?«, fragte Coles Marla.

»Wird das hier der Anfang von einem Kriegsfilm?«, wollte Marla wissen. »Alle erzählen von sich, damit es auch schön traurig ist, wenn jemand getötet wird?«

Sie wartete nicht erst auf eine Antwort, sondern stand einfach auf und ging. Ziemlich cool.

Am nächsten Morgen sahen wir im Fernsehen, wie Präsident Bush dem amerikanischen Volk eine Botschaft übermittelte, die sich anhörte wie direkt aus einem Western.

Die Humvees kamen und wir erhielten unsere Fahrzeuge mit dem üblichen militärischen Vortrag zugeteilt.

Das ist das beste Militärfahrzeug der ganzen US-Armee, also passt gefälligst darauf auf!

Die zweite Gruppe von Harris, Darcy und Evans malte einen Namen auf ihr Humvee und nannte es Def Con II. Ich war immer noch ein wenig sauer auf Marla, weil sie mich Birdy nannte, deshalb schlug ich vor, unseren Humvee Miss Molly zu nennen, so wie Sergeant Harris Marla nannte.

»Ja, das bringt’s«, meinte Marla.

Von: Perry, Robin

Datum: 17. März 2003

An: Perry, Richard

Betreff: Verschiedenes

Hallo, Onkel Richie!

Ich bin zum ersten Mal hier online. Es gibt eine Liste mit etwa 100 Regeln für E-Mails. Wir dürfen dies nicht sagen, wir dürfen das nicht sagen – alles eine Frage der Sicherheit. ABER … es gibt 590 Reporter (plus/minus 100 oder so), die uns ständig Fragen stellen und alles berichten, was wir nicht sagen dürfen. Das ist kein großes Problem, weil wir nichts wissen. Ich habe Dad einen schönen Brief geschrieben. Ich hielt ihn jedenfalls für gut. Weißt Du, dass er das Internet nicht mag? Er meint, es wäre erst in 20 Jahren »ausgereift«.

Infanterie und Marines sind hier die Stars. Die Kamerateams folgen den Jungs mit der meisten Ausrüstung. Oh, das ist eigentlich nicht wichtig, aber ich dachte, es interessiert dich vielleicht. In den Zelten liegen Fußböden, die aussehen wie die Böden auf Basketballcourts, die man so zusammensteckt. Wir können ihn nicht mit Wasser behandeln, denn wenn dann die Jungs mit Sand an den Stiefeln reinkommen, wird es richtig dreckig. Also müssen wir keine Böden schrubben. Ein kleiner Segen. Noch eines: Die Jungs vom arabischen Fernsehsender Al-Dschasira sehen alle so aus, als könnten sie aus Harlem stammen … dunkelhäutig und so.

Wenn Du mit deinem Bruder, also Dad, redest, dann sag ihm bitte, dass ich auf einen Brief von ihm warte.

Robin

Vielen Jungs wurde langsam mulmig, wenn sie daran dachten, in den Kampf zu ziehen, aber die meisten waren einfach nur aufgeregt. Es war schon komisch: Obwohl wir viel davon redeten, lieber nicht in eine Gefahrenzone zu geraten – in Wirklichkeit wollten wir es alle doch irgendwie. Wir wollten sicher nach Hause kommen, aber wir wollten auch die Gefahr. Immer wieder hatte man uns Filme aus dem ersten Golfkrieg gezeigt, in denen Flugzeuge kleine Objekte mit Lenkraketen trafen, wozu aus dem Off Beifall geklatscht wurde.

Ich wusste, dass wir darauf hinarbeiteten. Es war, als ob man sich für ein Basketballspiel bereit machte und sich selbst einredete, man sei cool und werde gewinnen. Es wurde noch schlimmer, als die 3. Infanteriedivision zu einem riesigen Appell antrat. Es sah aus, als ob Milliarden von Jungs in Reih und Glied standen. Die Flagge der Dritten wehte neben der amerikanischen Flagge. Einige Offiziere sprachen über die Mission im Irak und darüber, wie stolz Amerika auf uns war. Der wichtigste Redner, ein groß gewachsener General mit einem Pistolengurt am Bein, trat vor und gab den Befehl »Rührt Euch!«.

»Wir sind die am besten ausgebildete und ausgerüstete, die mutigste und kühnste Armee auf der Welt«, begann der General. »Wir werden bald in den Irak einmarschieren. Wenn Saddam Hussein klug ist, tritt er zurück und gibt den Befehl, dass wir friedlich einmarschieren können. Und das werden wir dann auch tun. Wenn Saddam dumm ist und sich weigert zurückzutreten, dann werden wir eben mit Gewalt einmarschieren müssen. Auch das werden wir tun. Wie dieser Krieg verläuft, liegt in der Hand der irakischen Armee. Aber sie werden uns nicht an der erfolgreichen Durchführung unserer Mission hindern.«

Die Offiziere bewegten sich schneidig, wirkten taff und erinnerten alle immer wieder daran, wie gut wir ausgebildet waren. Irgendwie ähnelten sich die Reden alle.

Als wir wieder im Zelt waren, waren Jonesy und ich uns über unsere Ausbildung gar nicht so sicher.

»Glaubst du, dass die Dritte besser ausgebildet ist als wir?«, fragte Jonesy.

»Wahrscheinlich«, vermutete ich. »Ich habe auf einem Schießstand geübt, auf Ziele zu schießen, die plötzlich auftauchen, aber die haben nicht zurückgeschossen.«

»Meine Ausbildung bestand meist darin, mich zu ducken, wenn ich Gewehrfeuer gehört habe«, behauptete Jonesy. »Hinwerfen, einmal abrollen und weiterrennen.«

»Wo war denn das Training?«

»Im Getto, Mann!«, sagte Jonesy. »Es gab Drive-in-Restaurants, Drive-in-Waschanlagen und Drive-in-Schießereien. An manchen Tagen brauchten wir nicht mal auszusteigen.«

»Oh ja«, meinte ich. »Ich hoffe nur, dass Marla gut genug ausgebildet worden ist, um das schwere MG an Bord zu bedienen. Sie hätte auch fahren können.«

»Ich glaube, sie schafft das«, behauptete Jonesy. »Sie hat was von einem kleinen Gangsta an sich.«

Jonesy hatte recht. Marla Kennedy durfte man nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Als wir zum Zelt zurückkamen, hatte Sergeant Harris bereits den Fernseher angestellt und zappte auf der Suche nach Nachrichten durch die Kanäle. Bis jetzt hatte er noch nichts Offizielles gefunden, aber er erzählte wirres Zeug, wie dass er an der Körpersprache des irakischen Ministers erkennen könne, dass sie kämpfen würden.

»Mann, diese Leute müssen endlich was lernen!«, regte er sich auf.

Klar, und er würde es ihnen beibringen.

Als Jonesy mich aufweckte, indem er mich an der Schulter rüttelte, war es noch dunkel. Ich schlug die Augen auf. »Was ist los?«

»Glaubst du an Gott?«, fragte er.

Als ich mich aufsetzte, sah ich, dass er in einer Hand eine Taschenlampe und in der anderen eine kleine Bibel hielt.

»Ja, tue ich«, antwortete ich.

Jonesy neigte einen Moment den Kopf, dann machte er die Taschenlampe an und begann aus seiner Bibel zu lesen. »Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name. Dein Reich komme, Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit, in Ewigkeit, Amen.«

Ich fühlte mich unwohl. Ich hatte seit Jahren nicht mehr gebetet und noch nie mit einem Freund. Jonesy hielt die Faust hoch, die ich mit meiner berührte.

»Was ist los, Mann?«, fragte ich.

»Keine Ahnung«, meinte er. »Nur so ein Gefühl.«

»Was für ein Gefühl?«

»Scheideweg.«

»Was soll denn das heißen?«

»Es gab einen Blues-Musiker: Robert Johnson. Er kam an einen Scheideweg und traf den Teufel. Sie machten einen Deal. Er verkaufte seine Seele für ein paar Gitarrenklänge.«

»Und?«

Jonesy stand auf und klemmte sich die Bibel unter den Arm. »Ich frage mich nur, ob ich auch einen Deal machen muss«, sagte er. Dann ging er zurück zu seinem Bett, legte sich hin und drehte mir den Rücken zu.

In der Ferne hörte ich Flugzeugmotoren. Ich sah auf die Uhr. Halb sechs. Bald würde die Sonne aufgehen.

* * *

»Das ist nicht meine Großmutter!« Jean Darcy war stinksauer. »Das ist meine Urgroßmutter und sie ist vierundachtzig Jahre und vier Monate alt. Sie hat am selben Tag Geburtstag wie ich, und ich habe ihr versprochen, ihr zu schreiben und zu erzählen, was los ist. Sie versteht keinen Quatsch und Colonel King hat gerade Quatsch geredet!«

W

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