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Im süßen Bann der Sinnlichkeit

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1. KAPITEL

„Bitte, Finn, tu mir das nicht an. Nicht heute.“

Mitten im Trubel der erlesenen Festgesellschaft presste Eva St. George ihr Handy an das eine Ohr und hielt sich das andere mit dem Finger zu. Sie konnte nur hoffen, dass das Knistern in der Leitung nicht bedeutete, dass ihr Bruder noch im Schweizer Tiefschnee feststeckte.

„Mist.“ Sie schlängelte sich zwischen den Gästen hindurch – juwelenbehangene Frauen in Haute Couture und stattliche Männer in maßgeschneiderten Abendanzügen. „Warte kurz, Finn“, bat sie, während sie Kurs auf die riesige Flügeltür nahm, die aus Londons vornehmstem Festsaal hinausführte.

Meterlange Banner in Zuckerwatterosa wehten von der Decke herab, verziert mit zwei ineinander verschlungenen Herzen, dem Symbol von Breast Cancer United. So hieß die Stiftung, in deren Namen Eva und Finn einmal im Jahr zu Ehren ihrer Mutter gemeinsam eine abendliche Spendengala ausrichteten. Gemeinsam, wohlgemerkt.

Die bittere Erkenntnis, dass von Gemeinsamkeit an diesem Abend keine Rede sein konnte, bohrte sich wie ein Stachel in Evas Herz.

Sie stieß die Tür auf und gelangte ins Foyer der Royal Assembly Hall, wo sie auf dem glatten Marmorboden mit ihren Zehn-Zentimeter-High-Heels fast ausgerutscht wäre.

„Okay, Finn. Wo bist du?“

„Hör zu, Schwesterchen. Es tut mir furchtbar leid, aber alle Flughäfen sind gesperrt. Ich habe einem jungen Typ eine halbe Million geboten, wenn er mich ausfliegt, aber er bekommt keine Startgenehmigung.“

Ein scharfer Schmerz explodierte hinter Evas Augen. „Oh, Gott.“

„Du schaffst das, Eva.“

Hektisch sah sie sich in der Empfangshalle um und flüchtete in eine ruhige Nische. „Finn, man erwartet uns beide! Wie könnte ich …“ Sie unterbrach sich, atmete tief ein und ließ die Luft langsam durch die gespitzten Lippen entweichen.

Natürlich schaffte sie es auch allein. Sie war zwar nicht gerade scharf darauf, eine Rede vor Hunderten von Leuten zu halten, die nur darauf warteten, dass die „Diva“ sich blamierte. Auf der anderen Seite hatte sie das beklemmende Gefühl, ihre Mutter ein weiteres Mal zu verraten, wie so oft nach deren Tod. Doch sie wollte ihren Bruder nicht beunruhigen.

„Keine Sorge, ich komme schon klar.“

„Aber sicher“, erwiderte Finn etwas zu munter. „Wir reden hier schließlich von der Frau, die bei Prudence West, der künftigen Duchess of Wiltshire, ganz hoch im Kurs steht! Herzlichen Glückwunsch übrigens.“

Eva, die in Gedanken schon dabei war, die vorbereitete Rede umzuformulieren, rieb sich die pochenden Schläfen. Mit dem Erfolg, dass sie am Ende mehr Make-up an den Fingern hatte als im Gesicht.

„Danke, Finny.“ Zerstreut kramte sie in ihrem Täschchen nach einem Papiertaschentuch. „Prudence West ist reizend. Sie war ganz begeistert von meinen Entwürfen.“

„Das will ich hoffen. Jeder mit einem Minimum an Geschmack muss doch sehen, dass du der aufsteigende Stern am Modehimmel bist. Westminster Abbey, wie?“ In Finns Stimme schwang ehrliche Bewunderung mit. „Mein Schwesterchen sonnt sich im Glanz des Königshauses. Ich bin mächtig stolz auf dich.“

Eva lächelte. Wieder einmal wurde ihr schmerzlich bewusst, wie sehr sie ihren Bruder vermisste. Finn war der einzig Normale in der Familie. So normal, wie ein berühmter Rennfahrer nur sein konnte.

Entnervt gab sie die Suche nach einem Taschentuch auf und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand. „Ich weiß, du willst mir Mut machen, und dafür liebe ich dich. Ich würde mit Begeisterung einer ganzen Schar von Herzoginnen meine Ideen präsentieren. Setz mich an meine Nähmaschine, und ich lasse all ihre Modeträume wahr werden. Aber das hier …“ Sie seufzte.

„Übrigens, Dad ist da“, fügte sie missmutig hinzu. „Spielt den Advocatus Diaboli, während sich seine Exfrauen gegenseitig angiften. Der Mann stellt selbst Heinrich den Achten in den Schatten. Er hat schon einiges intus und macht sich komplett lächerlich. Wie kann er nur so respektlos sein?“

„Ignorier ihn einfach.“

„Du hast gut reden.“ Fröstelnd legte Eva eine Hand an ihre nackte Schulter. „Ich habe so hart an mir gearbeitet, aber wenn heute Abend irgendetwas schiefgeht, finde ich mich morgen auf den Titelseiten sämtlicher Boulevardblätter wieder.“

„Nichts wird schiefgehen. Pass auf …“ Die Tatsache, dass ihr stresserprobter Bruder tief Luft holte, bevor er weitersprach, ließ nichts Gutes ahnen. „Ich weiß, wie wichtig dieser Abend für dich ist. Deshalb habe ich dir zur Verstärkung …“

„Sekunde.“ Eva, die ein paar vorbeikommenden Gästen den Rücken zudrehte, fand sich Auge in Auge mit einem steinernen Abbild des Erzengels Gabriel wieder. Ein gutes Omen, wie sie hoffte. „Also, du hast … was?“

„Dir jemanden zur Verstärkung geschickt. Er wird sich nicht aufdrängen, aber er ist da, wenn du ihn brauchst.“

„Wenn ich ihn brauche?“ Sie brauchte niemanden. Nur um am Ende wieder im Stich gelassen zu werden? Nein danke!

Moment mal … er? Ihr Herz schlug schneller. „Wer, bitte, ist er?“

„Ich habe Vitale gebeten, mich zu vertreten.“

Vor Evas Augen verwandelte sich der Erzengel Gabriel in den leibhaftigen Luzifer, komplett mit Hörnern und allem, was dazugehörte, während sie vor Zorn explodierte. „Dante? Vergiss es. Pfeif ihn zurück!“

„Aber Eva.“ Ihr Bruder lachte gutmütig. „Dante ist vielleicht für seinen ausgeprägten Jagdinstinkt bekannt, aber er ist doch keine Bestie.“

„Doch, das ist er“, flüsterte Eva, deren Hormone gerade außer Rand und Band gerieten. „Er ist ein zähnefletschendes, arrogantes Ungeheuer.“

„Hey, er ist ein anständiger Kerl. Ich würde ihm mein Leben anvertrauen. Er lässt mich nicht hängen.“ Das genau war Evas Problem. „Er hätte es nicht zu dem gebracht, was er heute ist, wenn er sich immer zurückhaltend verhielte. Du kennst ihn nicht, Eva.“

Sie kannte ihn gut genug, aber das brauchte Finn nicht zu erfahren.

Ihr Herz raste, ihre heftigen Atemzüge sprengten fast den rüschenbesetzten Ausschnitt ihres eng anliegenden Satinkleids.

„Ich dachte, er wäre in Singapur, um ein weiteres Luxuskaufhaus zu eröffnen. Als hätte er nicht schon genug von der Sorte.“ Dank Finn, der sie ungefragt mit Informationen versorgte, war Eva immer auf dem Laufenden, was Dantes Aktivitäten anging. Und konnte rechtzeitig in Deckung gehen, wenn er sich in London aufhielt.

Lächerlich. Wie alt war sie?

„Er ist hier, um …“ Es rauschte in der Leitung, und Finns Sätze kamen nur noch bruchstückhaft bei Eva an. „Ich … völlig perplex, als ich davon …“

„Finn, bist du noch dran?“ Oh, nein! „Ich erwürge dich mit bloßen Händen, hörst du? Das verzeih ich dir nie!“ Natürlich würde sie ihrem Bruder alles verzeihen. Aber Dante?

Tief durchatmen, Eva.

Okay, sie hatte die Wahl. Haltung bewahren. Oder aus ihren brandneuen Stilettos kippen. Das könnte den Reportern so passen!

Reiß dich zusammen, Eva. Vergiss nicht, warum du hier bist.

Selbstverständlich konnte sie allein vor die Festgesellschaft treten und die jährliche Ansprache halten. Finn war nicht an ihrer Seite – na und? Sie war eine erwachsene Frau auf dem Weg zum Erfolg. Sie hatte gerade den Vertrag des Jahrzehnts an Land gezogen und würde sich weder vor ihrem angesäuselten Vater und seinen keifenden Frauen noch vor dem großartigen Dante Vitale eine Blöße geben.

Sie hatte Jahre gebraucht, um sich aus der Hölle emporzuarbeiten, in die sie nach der Beerdigung ihrer Mutter geraten war. Zum Glück verblasste dieses unrühmliche Kapitel ihrer Vergangenheit allmählich im Bewusstsein der Leute. Endlich lauerten nicht mehr jeden Morgen Paparazzi vor ihrer Haustür, und die Klatschblättchen zogen auch nicht mehr täglich über sie her.

So viel Medienpräsenz würde sie nie wieder zulassen. Höchstens, um ihre neue Kollektion vorzustellen und aller Welt zu beweisen, dass sie mehr war als die Tochter einer bekannten Designerin und eines berühmt-berüchtigten Achtzigerjahre-Popstars.

Hoch erhobenen Hauptes schlenderte sie zurück in den Saal, der von angeregtem Geplauder und dem koketten Lachen flirtwilliger Frauen erfüllt war.

Ihren winkenden Vater ignorierend, ging sie geradewegs zu der mahagonigetäfelten Bar, stützte sich auf den Handlauf aus Messing und bestellte freundlich lächelnd ihr übliches Getränk: „Ein Mineralwasser, bitte.“

Sie hatte alles im Griff.

Natürlich hatte sie alles im Griff.

Dann der Schock: Ein sinnlich-herber Duft, der sie einhüllte und ihre Sinne in höchsten Aufruhr versetzte. Und eine tiefe, wohlklingende Stimme mit italienischem Akzent, die längst vergessene Sehnsüchte in ihr weckte.

„Spielst du heute Abend das brave Mädchen, Eva?“

Ihre Haut prickelte wie von tausend feinen Nadelstichen, ihr Bauch sandte die verrücktesten Signale aus. Es kostete Eva enorme Anstrengung, sich auf den Beinen zu halten.

„Alles für den guten Zweck, Dante“, erwiderte sie spitz, getreu der Devise, dass Angriff die beste Verteidigung war.

Also löste sie sich aus ihrer Erstarrung, setzte ihr süßestes Lächeln auf und drehte sich langsam, ganz langsam zu ihm um. Auch übermenschliche Kräfte hätten sie nicht davor bewahren können, bei seinem Anblick weiche Knie zu bekommen.

Er hatte faszinierende Augen, tiefbraun, voller Intelligenz und Entschlossenheit. Und die männlich-markanten Gesichtszüge eines heißblütigen Italieners. Seine Haut war sonnengebräunt, das dichte dunkle Haar fiel ihm verwegen in die Stirn.

Eva umklammerte ihre Clutch, um nicht intuitiv mit der Fingerspitze die Konturen seines schönen, zynischen Mundes nachzuziehen. Ihre halbe Jugend hatte sie damit verbracht, sich nach diesem Mund zu verzehren.

Er sieht zum Niederknien gut aus, dachte sie, während sie den Blick über seine breitschultrige, elegant gekleidete Gestalt gleiten ließ. Sein Smoking, zweifellos der exklusivste, der für Geld zu haben war, unterstrich nur die Aura von Macht und uneingeschränkter Autorität, die Dante Vitale umgab.

Nervös befeuchtete Eva ihre Lippen. „Was für eine nette Überraschung.“

„Wohl kaum.“ Er musterte sie durchdringend.

Sie hatte das Gefühl, als könnte er geradewegs in sie hineinsehen, was sie maßlos ärgerte. Ihr Herz raste, ihre Haut glühte, dabei war sie doch längst über ihn hinweg!

Wobei es vermutlich normal war, dass sie seinen unübersehbaren Sex-Appeal immer noch anziehend fand. Sie hätte schwören können, dass alle Frauen im Saal ihn gerade verzückt anstarrten, fasziniert vom Reiz des Verbotenen und schmachtend vor Verlangen.

Sollten sie doch. Sie würde nicht mehr auf ihn hereinfallen. Ihr Herz war tief genug verwundet worden. Inzwischen kannte sie den Unterschied zwischen Lust und Liebe. Und brauchte keins von beidem. Weder mit Dante noch mit irgendeinem anderen Mann.

Mit dem kühlen Wasserglas in der Hand prostete sie einem in der Nähe stehenden Bekannten zu. „Glaub mir, Dante. Was immer Finn dir erzählt hat, ich brauche keinen Aufpasser. Ich bin ein großes Mädchen, okay? Fahr nach Hause zu deiner neuesten Flamme, geh deinen Geschäften nach, was auch immer.“

Dante galt nicht nur als äußerst cleverer, risikofreudiger Geschäftsmann, sondern auch als Frauenheld und feuriger Liebhaber. Er war ein Mann für eine Nacht. Nur mit Natalia, seiner Frau, hatte er es länger ausgehalten. Ganze zwei Monate, wenn Eva sich recht erinnerte. Fast so lange wie ihr Vater mit einer seiner Ladys.

Dumm nur, dass Eva selbst einmal hoffnungslos in Dante vernarrt gewesen war und liebend gern eine Nacht mit ihm verbracht hätte. Leider stand er mehr auf temperamentvolle Brünette mit verführerischem Blick und anmutigem gebräuntem Körper. Kein Wunder, dass er Eva links liegen gelassen hatte. Bis sie sich ihm buchstäblich an den Hals geworfen hatte, und selbst da …

Ihre Wangen brannten vor Scham, als sie an die Demütigung zurückdachte. „Wenn du mich jetzt bitte entschuldigen würdest?“ Sie kam genau zwei Schritte weit, bevor Dante sie mit stahlhartem Griff um die Taille fasste.

Sofort flammten die alten Gefühle wieder auf. Dantes Finger durch den dünnen Stoff ihres Kleides zu spüren, brachte nicht nur Evas Wangen, sondern ihren ganzen Körper zum Glühen. Dante hielt sie mit einer Hand in Schach, während er sich ungerührt an der Bar einen Whisky bestellte.

„Findest du dein Outfit nicht ein bisschen gewagt, Eva?“ Er leerte sein Glas auf einen Zug. „Wir sind hier auf einer Benefizgala, nicht in einem Nachtclub.“

„Mein Kleid ist völlig in Ordnung, das weißt du.“ Es war geradezu brav im Vergleich zu dem, was Dantes Freundinnen zu tragen pflegten. „Was willst du hier, Dante? Finn meint es sicher gut, aber er hat keine Ahnung, was damals passiert ist. Du dagegen …“ Sie schüttelte ärgerlich den Kopf. „Du hättest ablehnen müssen. Du kannst dich ja kaum überwinden, mich anzusehen.“

Prompt lehnte er sich vor und maß sie mit einem langen kalten Blick. Genauso gut hätte er ihr die whiskygetränkten Eiswürfel ins Gesicht kippen können.

„Ich bin nur Finn zuliebe hier. Wie du ganz richtig bemerkt hast, kann ich mir Schöneres vorstellen, als Babysitter für ein ausgeflipptes Partygirl zu spielen. Aber ich halte mein Wort.“

Eva senkte die Lider. „Menschen ändern sich.“

„Nein, tun sie nicht.“ Er kam näher. „Schon gar nicht, wenn sie immer noch genug Sex-Appeal haben, um den Autoverkehr lahmzulegen.“

Nur Dante mit seinem zynischen Lächeln konnte ein Kompliment wie eine Beleidigung klingen lassen. Sein Blick glitt prüfend über sie hinweg, und Eva verfluchte im Stillen ihre Schwäche für Eiskrem.

„Du hast am Picadilly Circus einen gewaltigen Aufruhr verursacht. Macht es dir Spaß, aller Welt deinen Körper zu zeigen?“

Eva hatte einen bitteren Geschmack im Mund. „Das Plakat war Teil einer Werbekampagne für …“

Er winkte unwillig ab, und sie seufzte resigniert. Jede Diskussion war zwecklos. Sie wünschte, er würde einfach nur verschwinden. „Fahr nach Hause, Dante. Ich brauche keinen Aufseher.“

„Offenbar doch.“ Mit einem Blick auf ihr Mineralwasserglas fügte er hinzu: „Immerhin bist du heute nicht zugedröhnt.“

Eva keuchte vor Empörung. Und in diesen Mann war sie einmal verliebt gewesen!

„Du wühlst in der Vergangenheit, aber was weißt du schon von mir? Heutzutage ertrinke ich höchstens in Arbeit.“

„Ach, wirklich?“ Zwei Worte, triefend vor Sarkasmus. Wahrscheinlich wusste er gar nicht, womit sie ihr Geld verdiente. Er war ein Jahr lang in Singapur gewesen, davor in Italien. Vermutlich interessierte es ihn nicht, was sie erreicht hatte, aber Eva war es leid, sich von ihm beleidigen zu lassen.

Sie holte tief Luft, um ihm von ihren Erfolgen zu erzählen, von ihrer neueröffneten Boutique, dem Vertrag mit der künftigen Herzogin, doch er kam ihr mit einem trockenen Lachen zuvor.

„Welche Arbeit, Eva?“ Er streifte ihr tiefes Dekolleté mit einem zynischen Blick. „Du meinst, du sorgst mit deinem Verhalten für ein paar brandheiße Meldungen in der Tagespresse? Was werde ich wohl morgen über dich lesen?“

Eva musste sich mühsam beherrschen, ihn nicht mitten in sein unverschämt lächelndes Gesicht zu schlagen.

Aber warum regte sie sich eigentlich so auf? Es konnte ihr doch egal sein, was er von ihr dachte. Sie wollte ihn einfach nicht hier haben, das war alles.

Entschlossen reckte sie ihm das Kinn entgegen. Diesmal würde sie nichts tun, was sie anschließend bereuen musste.

„Ist das die Unterstützung, die du Finn zugesagt hast? Hier hereinzuspazieren und mich zu beleidigen, bevor ich auf die Bühne muss? Wow. Ich werde Finn erzählen, wie großartig du deinen Job erledigt hast. Und jetzt nimm deine Hand weg und verschwinde einfach. Das ist doch deine Spezialität.“

Dante verstärkte den Druck seiner Finger in ihrer Taille und spürte, wie Eva erbebte. Sein Puls beschleunigte sich, aber er machte sich sofort klar, dass der Glanz in ihren Augen nicht ihm galt.

Abrupt ließ er sie los.

Ein Hauch ihres verführerischen Dufts blieb zurück, als sie graziös wie eine Ballerina davonschwebte und sich unter die Gäste mischte – ein Feuerwerk in Pink zwischen all dem Zartrosa.

Widerstrebend löste er den Blick von ihrem sexy Rücken und bestellte sich noch einen Whisky.

Maledizione! Das hatte er ja glänzend hingekriegt. Eva hatte recht: Er hätte nicht herkommen dürfen. Die Spannung zwischen ihnen konnte sich jederzeit in einer verheerenden Explosion entladen.

Eva St. George galt als makellos schön, doch der Schein trog. Ihre Makel lagen unter ihren langen dunklen Wimpern verborgen, in der Tiefe ihrer faszinierend grünen Augen.

Es war ein Fehler gewesen, zu glauben, er hätte die Erinnerung an sie für immer verdrängt. Als wäre es gestern gewesen, spürte er die feuchte Wärme ihrer zarten Haut unter seinen Lippen, ließ sich von ihrer mädchenhaften Unschuld betören, die nur eine Illusion, aber Evas gefährlichste Waffe war. Ihre Kurven dagegen waren keine Illusion, sondern sehr real und unverschämt sexy.

Prickelnde Hitze stieg in ihm auf.

Eva St. George. Wildes Mädchen. Pin-up-Girl für jeden heißblütigen Mann.

Er hätte sie nicht anfassen dürfen, aber keine Frau ließ ihn einfach stehen. Er war es, der ging. Er hatte die Kontrolle. Immer.

Nur ein einziges Mal hatte er sie verloren, und das ausgerechnet bei Eva. Egal, wie oft er sich einzureden versuchte, dass er sie damals nach der Beisetzung ihrer Mutter nur hatte trösten wollen – Tatsache war, dass Eva ihn regelrecht um den Verstand gebracht hatte. Und dass er sie um ein Haar … Himmel, auf dem Boden des Badehauses!

Und heute Abend? Natürlich, sie trauerte um ihre Mutter. Das war es, was er in ihren Augen gesehen hatte. Trauer. Denn wie wild sie es auch immer getrieben hatte, Eva hatte ihre Mutter geliebt. Sie leiden zu sehen war auch für Dante kein Vergnügen. Schon aus Solidarität mit Finn, wie er sich eilig versicherte.

Also zum Teufel mit der Vergangenheit! Er würde jetzt seine Pflicht tun und dann von hier verschwinden. Auch er war in der Lage, mal zwanzig Minuten lang nett zu sein.

Er schob einen Geldschein über den Tresen, drehte sich um und entdeckte Eva auf Anhieb inmitten der illustren Gesellschaft. Mit ihrem pinkfarbenen Kleid, das sich wie eine zweite Haut um ihre verführerischen Rundungen schmiegte, war sie nicht zu übersehen.

Sie hielt eine Champagnerflöte in den langen schlanken Fingern, bereit, dem nächsten Mann mit ihrem Ich-bin-zu-allem-bereit-Lächeln den Kopf zu verdrehen. Menschen ändern sich. Dass ich nicht lache, dachte er.

Dante hatte die ersten fünfzehn Jahre seines Lebens damit verbracht, zu hoffen, zu beten und zu flehen, dass seine vergnügungssüchtige Mutter sich ändern würde. Deshalb hatte er sich angewöhnt, immer schnell das Thema zu wechseln, wenn Finn auf seine geliebte kleine Schwester zu sprechen kam. Er mochte seinen Freund zu gern, um ihm gewaltsam die rosarote Brille von der Nase zu reißen.

Kopfschüttelnd begab er sich von der hell angestrahlten Bar in den diskret beleuchteten hinteren Teil des Saals, wo Kellner im schwarzen Frack Kanapees und rosa Cocktails servierten und ein Pianist romantische Opernmelodien spielte.

Eva saß allein an einem der runden Tische, angestrahlt vom warmen Glanz eines ganzen Meers von Teelichtern. Dante setzte sich neben sie auf das Ledersofa, nahm ihr das halbvolle Glas aus der Hand und reichte es einem Kellner.

„So sieht man sich wieder.“

Ihr langes honigblondes Haar flog um ihre Schultern, als sie wütend zu Dante herumfuhr. „Kapierst du es nicht? Ich. Komme. Allein. Klar. Geh endlich!“

Er lehnte sich entspannt zurück. „Nein.“

Es fiel ihr sichtlich schwer, ihren Zorn zu zügeln, aber sie hatte sich bewundernswert gut unter Kontrolle. „Was machst du in London?“, fragte sie. „Ich dachte, deine Geschäfte in Singapur nehmen dich voll und ganz in Anspruch.“

„Nichts ist so spannend, als dass es mich voll und ganz in Anspruch nähme.“

Anmutig ließ sie sich zurücksinken und verschränkte provozierend die Arme unter der Brust, wodurch ihr aufreizendes Dekolleté noch besser zur Geltung kam. Dante gestatte sich einen langen, interessierten Blick. Das wollte sie doch, oder? Seine ungeteilte Aufmerksamkeit.

„Wie dumm von mir“, meinte sie ironisch. „Tja, ich verstehe eben nichts von Geschäften.“

„Singapur war ein großer Erfolg. Zwei Neueröffnungen in einem Jahr und eine der modernsten Einkaufspassagen der Welt.“

„Trotzdem wirkst du irgendwie unzufrieden. Hast du immer noch nicht genug?“

„Es ist nie genug.“ Er hatte das nächste Objekt schon im Auge: Hamptons, das Luxuskaufhaus in Knightsbridge. Es sollte das Kronjuwel im Bestand des Vitale-Konzerns werden. Er musste nur noch den Inhaber davon überzeugen, es ihm zu überlassen.

Leider schwebte Yakatani, dem gediegenen japanischen Geschäftsmann, ein verheirateter Mann mit Familiensinn als Nachfolger vor. Dieser Zug war für Dante abgefahren, seit seine Frau ihn vor vier Jahren hinterhältig betrogen hatte. Unwillkürlich ballte er die Hände zu Fäusten,

Eva sah ihn neugierig an. „Also, was führt dich nach London?“

„Nichts Besonderes.“ In der Hoffnung, sie werde nicht weiter nachhaken, ließ er den Blick unbeteiligt durch den Saal schweifen. Evas Reize ließen ihn ganz und gar nicht kalt, aber er betrachtete es als eine amüsante Übung in Sachen Selbstbeherrschung, sie gerade nicht anzustarren. Stattdessen konzentrierte er sich auf die kunstvolle Tischdekoration.

Cremeweiße und zartrosa Rosen in einer hohen Kristallvase, verziert mit Tüllschleifen und Perlenschnüren, die über die weiße Tischdecke herabrieselten. Mattschimmernde Perlen, die sich in Evas Schoß ergossen, zwischen ihre seidigen Schenkel …

Himmel, was war nur mit ihm los?

„Alles okay mit dir, Dante?“

Betont lässig veränderte er seine Position. „Si, selbstverständlich.“

„Du hast meine Frage nicht beantwortet.“

Niemand stellte einen Dante Vitale zur Rede. Niemand außer Eva, der Frau, die von Trauer und Verletzlichkeit blitzschnell zu einem erotischen Angriffskrieg überging.

Nachdenklich spielte Dante mit seinen brillantbesetzten Manschettenknöpfen, die im Kerzenlicht funkelten. Und kam zu dem Schluss, dass Eva für seinen Deal kein Risiko darstellte. Schließlich war sie eher auf den Titelseiten der Boulevardpresse zu Hause als in der Geschäftswelt. „Du willst wissen, warum ich in London bin? Ich sage nur ein Wort: Hamptons.“

„Nein!“, hauchte sie tief beeindruckt. „Das Edelkaufhaus?“

Er erlaubte sich ein siegessicheres kleines Lächeln. Kein Wunder, dass Eva so verzückt war. Sie ging bestimmt für ihr Leben gern shoppen, wie alle Frauen. Viele gerieten dabei geradezu in Ekstase. Ein gefährlicher Gedanke, denn schon sah er Eva nackt in seinen Armen liegen, wie sie seufzend vor Lust zum Höhepunkt kam …

Die laute Frauenstimme, die durch den Saal hallte, brachte ihn zur Besinnung.

„Ladys und Gentlemen, begrüßen wir ganz herzlich die Mitgründerin der Stiftung, Eva St. George.“

Das Publikum applaudierte, doch Dante sah, wie Eva erblasste.

„Eva, was hast du?“

„Nichts, alles bestens.“

„Na, dann!“ Er wies zum Podium, wo die künstlich verjüngte Moderatorin wartete, die ihm kurz zuvor ihre Visitenkarte zugesteckt hatte. Wohl in der Absicht, ihm später noch eine Privatvorstellung zu geben. „Leg los, Eva St. George, Prinzessin der Regenbogenpresse.“

Eva funkelte ihn zornig an, dabei hatte er doch ganz zivilisiert mit ihr geplaudert!

„Hör mal, Dante.“ Sie zupfte an ihrer Unterlippe. „Tust du mir einen Gefallen?“

Frauen und Gefälligkeiten, das war gefährliches Terrain.

„Was denn?“

„Bitte geh. Jetzt gleich.“

Mit zitternden Knien stieg Eva vom Podium herab. Sie hätte gleichzeitig weinen und jubeln mögen. Geschafft! Sie hatte vor Hunderten von Leuten allein auf der Bühne gestanden und sich die Seele aus dem Leib geredet.

Ganz benommen vom tosenden Applaus und der Freude über ihren Erfolg, lief sie spontan auf ihren Vater zu, drehte aber sofort ab, als sie Claire, Ehefrau Nummer sechs, an seinem Arm hängen sah. Sie würde sich ihr übersprudelndes Glücksgefühl nicht von dieser Frau verderben lassen!

Höflich schüttelte Eva ein paar Hände. Dann stahl sie sich durch die hinter schweren Brokatvorhängen verborgene Terrassentür hinaus ins Freie. Ein heißes Bad und acht Stunden Schlaf wären ihr lieber gewesen, aber als Gastgeberin konnte sie das Fest nicht vorzeitig verlassen. Also wollte sie sich wenigstens eine kleine Pause gönnen.

Draußen in der eiskalten Luft atmete sie befreit auf.

Sie hatte es tatsächlich geschafft, und das bei ihrer Scheu vor öffentlichen Auftritten! Sie wünschte, ihre Mutter könnte sie jetzt sehen.

Fröstelnd schlang sie die Arme um sich, legte den Kopf in den Nacken und sah zu den Sternen auf, die funkelnd wie Diamanten am nachtblauen Himmel standen.

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