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Im sinnlichen Bann des Sizilianers

1. KAPITEL

„Es war also der Wunsch Ihrer Großeltern, dass deren Asche hier auf dem Friedhof der Santa Maria Kirche begraben wird?“

Die tonlose Stimme des Mannes gab ebenso wenig Gefühl preis wie seine verschlossene Miene. Leonardo da Vincis Meisterhand hätte die markanten Gesichtszüge, die durch das Sonnenlicht noch betont wurden, nicht besser zur Geltung bringen können. Hohe Wangenknochen, ein ausgeprägter Kiefer, der tiefe Olivton seiner Haut und die aristokratische Nase – all dies zeugte von seiner Herkunft, erzählte von den Genen der frühen Einwanderer Siziliens. Seine Vorfahren hatten sich von nichts und niemandem auf ihrem Weg aufhalten lassen. Sie nahmen sich, was sie wollten.

Und er hatte es heute offenbar auf sie abgesehen.

Instinktiv wich Louise einen Schritt zurück, um etwas Distanz zwischen sie beide zu bringen.

„Passen Sie auf!“

Er bewegte sich blitzschnell, fing sie auf, bevor sie stürzte. Sein frischer Pfefferminzatem streifte ihr Gesicht.

Sie hatte die Kante des Grabsteins hinter ihr nicht gesehen und wäre fast darüber gestolpert. Wenn er nicht gewesen wäre und sie aufgefangen hätte. In seiner Nähe konnte sie sich nicht mehr rühren, nicht mehr sprechen und keinen klaren Gedanken fassen. Ihr war nur noch möglich zu fühlen … und zwar beklemmende Emotionen, die sie mit der Gewalt eines Lavastroms erfassten. Sie erreichten jeden einzelnen Nerv ihres Systems … die reinste Folter. War es wirklich Folter oder eher süße Qual? Nein! In der Berührung dieses Mannes verbarg sich keine süße Qual, keine geheime Versuchung. Nur vollkommene Gleichgültigkeit. Ja, das war es!

„Lassen Sie mich los!“ Ihr Flüstern klang wie das Flehen eines hilflosen Opfers, und nicht wie der Befehl einer modernen, starken Frau.

Sie duftete nach Rosen und Lavendel und sah aus wie die Engländerin schlechthin. Anfangs hatte sie auch so geklungen, bis er sie zum ersten Mal berührte.

Lassen Sie mich los!

Caesars Mund wurde zu einer harten Linie. Ihre leise Bitte löste eine Flut von Bildern in seinem Kopf aus. Schmerzvolle Erinnerungen, die ihn zurückschrecken ließen. Der innere Terror und die Schuldgefühle waren einfach zu viel für ihn.

Also warum tat er, was er jetzt tun musste? Würde das ihre Abneigung ihm gegenüber nicht noch verstärken? Genauso wie sein eigenes schlechtes Gewissen?

Ihm blieb keine andere Wahl, denn es ging um ein höheres Ziel. Wie üblich musste er in erster Linie an seine Leute denken … an die Pflicht und Schuldigkeit seiner Gemeinde und dem Namen seiner Familie gegenüber.

In dieser Welt gab es keine wirkliche Freiheit für ihn. Und daran war er selbst schuld. All das war einzig und allein seine eigene Schuld.

Sein Herz klopfte schnell und kräftig. Er hatte nicht mit der Möglichkeit gerechnet, dass sie ihm derart unter die Haut gehen würde – dass er buchstäblich ihrer Sinnlichkeit verfiel. Wie bei dem berühmtesten Vulkan Siziliens schien es in ihr zu brodeln, obwohl die Spitze der Oberfläche noch mit Eis bedeckt war. Und dieser aufregende Kontrast reizte ihn weit mehr, als ihm lieb war.

Dabei war es nicht so, als gäbe es ansonsten keinen schönen Frauen in seinem Leben, die liebend gern mit ihm das Bett teilten. Allerdings lösten diese lockeren Affären nur eine unbefriedigende Leere in ihm aus – und die schmerzhafte Sehnsucht nach echter Nähe. Leider hatte er einer Frau, mit der eine echte Beziehung vielleicht möglich wäre, absolut nichts zu bieten.

Aus ihm war mit der Zeit ein Mann geworden, der sich nicht auf die Liebe verstand. Der es als seine unbedingte Pflicht sah, in die Fußstapfen seiner Vorfahren zu treten. Ein Mann, von dem die Zukunft einer ganzen Gemeinde abhing.

Diese Lebensaufgabe hatte man ihm von Kindesbeinen an eingeimpft. Selbst als sechsjährigem Vollwaisen, der seinen verstorbenen Eltern nachweinte, hatte man ihn sofort daran erinnert, doch lieber an seinen Stand und seine Verpflichtungen zu denken. Die kleine Heimatgemeinde seiner Provinz schickte sogar eine Abordnung, die dem jungen Caesar klarmachen sollte, was es hieß, plötzlich in den Schuhen seines Vaters zu stecken. Obwohl die alten feudalistischen Strukturen längst abgeschafft waren, hatten vor allem ältere Gemeindemitglieder sich auf den Spross der ehemaligen adeligen Lehnsherren des Ortes verlassen.

Für Außenstehende mochten die altmodischen Einstellungen und Methoden dieser Menschen hart oder sogar grausam klingen. Caesar selbst bemühte sich nach Kräften, die Umstände der moralischen Gemeindeführung zu reformieren, aber Veränderungen brauchten eben viel Zeit. Ganz besonders dann, wenn der Gemeindevorstand sich vehement gegen innovative Ideen wehrte, weil er so sehr alten Traditionen verhaftet war.

Trotzdem, Caesar war kein kleiner Junge mehr und mittlerweile wild entschlossen, seine Reformen energisch durchzusetzen. Zum Wohle aller.

Veränderungen … Seine Gedanken schweiften für einen Moment ab. Konnte man derart veraltete Strukturen überhaupt nachhaltig ändern? Konnten alte Fehler aus der Welt geschafft werden? Ließen sich Wege dafür finden?

Resigniert schüttelte er den Kopf und widmete sich wieder der Gegenwart.

„Sie haben meine Frage bezüglich Ihrer Großeltern nicht beantwortet“, erinnerte er Louise.

Auch wenn sie seinen autoritären Tonfall verabscheute, war Louise erleichtert darüber, dass zwischen ihnen wieder so etwas wie Normalität eingekehrt war. Sie nickte kurz. „Ja, es war ihr Wunsch.“

Sie wollte das Gespräch mit Caesar endlich hinter sich bringen. Auf keinen Fall würde sie sich vor diesem eingebildeten sizilianischen Aristokraten in den Staub werfen! Er konnte sich bloß so wichtigmachen, weil seine Vorfahren vor Jahrhunderten Großgrundbesitzer dieses Landstrichs gewesen waren, auf dem die alte Dorfkirche stand. Aber so liefen die Dinge eben hier in dem abgelegenen Teil Siziliens.

Ihm gehörten die Kirche, das Dorf und wer-wusste-schon-wie-viele Hektar Land in der Gegend. Damit war er der padrone – dem lokalen sizilianischen Verständnis nach sozusagen der Vater dieser Leute hier, auch wenn sie hauptsächlich der Generation von Louises Großeltern angehörten. Wie seinen Titel und seinen Grundbesitz hatte er diese Rolle vererbt bekommen.

Louise wusste das, sie war mit den Heimatgeschichten ihrer Großeltern aufgewachsen. Die beiden hatten schon in jungen Jahren fleißig für ihre Lehnsherren gearbeitet, nämlich für die Familie des Mannes, der nun auf diesem kleinen, abgelegenen Friedhof vor ihr stand.

Seufzend blickte sie an ihm vorbei in den wolkenlosen blauen Himmel. Ganz weit in der Ferne ruhte der gigantische Ätna im Licht der heißen Sonne, drohend und voller Kraft. Genau wie Caesar, der Herzog von Falconari, der Louise in diesem Augenblick erwartungsvoll ansah.

Sie war ganz anders als in seiner Vorstellung, das musste Caesar zugeben. Weder das weizenblonde Haar noch die smaragdgrünen Augen wirkten südländisch, obwohl sie unübersehbar die stolze Haltung einer echten Italienerin besaß. Sie war mittelgroß und sehr schlank, fast ein wenig zu dünn.

Nachdenklich kniff er die Augen zusammen und begutachtete ihre schmale Taille.

Eine ausgesprochen hübsche Frau mit ovalem Gesicht und schönen, weiblichen Zügen. Bestimmt verdrehte sie den Männern die Köpfe, wo immer sie hinging. Allerdings hatte sie eine extrem kühle Ausstrahlung, die nicht ihrem natürlichen Wesen entsprach, wie er vermutete.

Und was war mit seinen eigenen Empfindungen, jetzt, da sie endlich vor ihm stand? Niemals hätte er damit gerechnet, sich von ihr angezogen zu fühlen. Abrupt drehte er sich auf dem Absatz um, damit sie seine Gedanken nicht lesen konnte. Immerhin besaß sie die Fähigkeit, tief in die Psyche eines Menschen vorzudringen und dort alles zu finden, was diese lieber verdrängt oder versteckt hätten.

Auf jeden Fall wollte Caesar verhindern, dass sie den Schutzmantel fortriss, mit dem er krampfhaft seine Trauer und sein Schuldgefühl verdeckte. Zu lange schon versteckte er sich hinter seinem falschen Stolz und dem erdrückendem Pflichtgefühl seinen Ahnen gegenüber. Schämte er sich dafür? Diese Frage erübrigte sich angesichts der Tatsache, dass er sich seit mehr als zehn Jahren mit Selbstzweifeln quälte.

Er hatte es wiedergutmachen wollen. Einen Brief geschrieben, der niemals beantwortet worden war. Eine Entschuldigung ausgesprochen, zu hoffen gewagt … Das alles hatte sich angefühlt, als hätte er es mit seinem eigenen Herzblut geschrieben. Vergeblich. Es gab kein Zurück und auch keine Vergebung. Andererseits, was hatte er denn erwartet? Was er getan hatte, konnte man nicht verzeihen.

Mit seiner Schuld musste er leben, so wie bisher, das war die gerechte Strafe. Seine ganz persönliche Strafe. Denn es gab nichts, womit man Vergangenes ungeschehen machen konnte. Und mit Louise hier zu stehen, brachte ihm diese ganze Misere wieder ins Bewusstsein.

Auf seinen Wunsch hin sprachen sie Englisch miteinander, und auf den ersten Blick wirkte sie auch wie die klassische, gebildete Engländerin auf einer Italienreise. Sie trug ein schlichtes blaues Kleid und hatte einen breiten Schal aus weißem Leinen um die Schultern geworfen.

Ihr Name war Louise Anderson, und sie war die Enkelin jenes sizilianischen Paares, dessen Asche sie auf diesem stillen Friedhof begraben wollte. Ihre Mutter war ebenfalls Sizilianerin und ihr Vater Australier mit sizilianischen Wurzeln.

Als Caesar sich wieder bewegte, spürte er plötzlich die scharfen Papierkanten des Briefumschlags, den er in der Innentasche seines Jacketts trug.

Louisa bekam den Eindruck, als würde dieser Mann absichtlich die Spannung zwischen ihnen ins Unerträgliche steigern. Die Falconari-Familie zeigte denen gegenüber, die sie für weniger privilegiert geboren erachteten, einen Ansatz von Grausamkeit. Das bewies ihre Geschichte, sowohl in schriftlichen Fakten als auch in mündlichen Überlieferungen. Allerdings hatte dieser Falconari keinen Grund, sich ihren Großeltern oder gar ihr selbst gegenüber grausam zu geben.

Die Antwort des Priesters, den sie wegen des letzten Willens ihrer Großeltern angeschrieben hatte, war für Louise ein Schock gewesen. Er meinte, sie würde die Erlaubnis des duca benötigen. Es wäre eine Formsache. Und dass er für sie bereits einen Gesprächstermin vereinbart hätte.

Lieber hätte sie den Herzog in einem belebten Hotel getroffen und nicht an einem so geschichtsträchtigen, bedeutungsvollen Ort wie diesem – voller stummer Erinnerungen derer, die hier begraben lagen. Und Caesars außergewöhnliche Anziehungskraft verunsicherte Louise zutiefst. Sie wich noch einen Schritt zurück, achtete dieses Mal aber darauf, nicht wieder zu stolpern.

„Ihre Großeltern haben Sizilien kurz nach ihrer Hochzeit verlassen, um in London zu leben. Und trotzdem verfügten sie, hier bestattet zu werden?“, wandte er sich jetzt an sie.

Typisch für diese Art von Mann – einflussreich, dominant und extrem von sich überzeugt – die persönlichen Wünsche einfacher Leute derart infrage zu stellen. Als wäre er immer noch ihr Lehnsherr! In Louise erwachte der Widerstand. Sie war heilfroh, endlich einen Grund gefunden zu haben, diesen Kerl nicht zu mögen.

Dabei brauchte sie sich für ihre Gefühle doch vor niemandem zu rechtfertigen. Sie konnte denken, was sie wollte. Genauso wie ihre Großeltern das Recht hatten, dass ihr letzter Wille erfüllt und ihre sterblichen Überreste bei denen ihrer direkten Vorfahren bestattet wurden.

„Sie sind ausgewandert, weil es hier keine Arbeit mehr für sie gab. Nicht einmal die Chance, sich für einen Hungerlohn auf dem Land Ihrer Familie abzurackern, wie so viele meiner Verwandten zuvor. Sie haben Sizilien aber immer als ihre Heimat, als ihr Land betrachtet.“

Er wunderte sich über die kaum verhohlene Kritik in ihren Worten. „Es scheint mir nur ungewöhnlich, dass sie diese Aufgabe der Enkelin und nicht der eigenen Tochter übertragen haben.“

Wieder dachte er an den Brief in seiner Tasche. Und seine Schuld wog immer schwerer. Aber er hatte sich entschuldigt, und irgendwann musste man die Vergangenheit ruhen lassen. Er durfte nicht länger in Selbstmitleid baden, hier ging es noch um ganz andere Dinge.

„Meine Mutter lebt mit ihrem zweiten Ehemann in Palms Springs, und das schon seit vielen Jahren. Ich dagegen bin in London geblieben.“

„Bei Ihren Großeltern?“

Auch wenn es eine Frage war, ließ er es wie eine Feststellung klingen.

Louise wurde misstrauisch. Wollte er sie provozieren, um dann einen Grund zu haben, ihr die Bitte abzuschlagen? Falls dem so war, würde sie ihm diese Genugtuung nicht gönnen. Dafür hatte sie schon zu viel durchgemacht.

So erging es einem Menschen, der Schande über die eigene Familie gebracht hatte. Ihre eigenen Eltern hatten ihr den Rücken gekehrt, und dieses Stigma würde Louise bis in alle Ewigkeit anhängen. Es nahm ihr jedes Recht auf Stolz oder Privatsphäre.

„Genau“, bestätigte sie. „Nach der Scheidung bin ich zu ihnen gezogen.“

„Aber nicht direkt danach?“

Seine Frage traf sie wie ein elektrischer Schlag, allerdings ließ sie sich das nicht anmerken.

„Nein.“ Sie konnte ihm nicht in die Augen sehen und ließ ihren Blick angestrengt über den Friedhof schweifen. Dabei empfand sie diesen Anblick als Symbol dafür, dass sie seit der Trennung ihrer Eltern alle eigenen Hoffnungen und Träume begraben musste.

„Zuerst haben Sie noch bei Ihrem Vater gelebt. Ist das nicht ziemlich ungewöhnlich für ein Mädchen in dem Alter? Nicht bei der Mutter zu wohnen?“

Es wunderte sie nicht, dass er so gut Bescheid wusste. Der Dorfpriester hatte sie schließlich um eine ausführliche Erklärung ihrer Familiengeschichte gebeten, nachdem sie wegen des Begräbnisses mit ihm in Kontakt getreten war. Da sie die Gepflogenheiten in kleineren sizilianischen Gemeinden kannte, ging sie davon aus, dass der Priester zusätzlich Informationen über sie eingeholt hatte.

Schlagartig wurde ihr übel. Es wäre eine Katastrophe, wenn dieser arrogante Aristokrat ihr den letzten Wunsch ihrer Großeltern abschlug, nur wegen … ihr. Automatisch sah sie zu Boden, und ihre hellblonden Haare fielen vor das Gesicht. Ihre Nerven lagen inzwischen blank. Eigentlich hatte sie damit gerechnet, der Priester selbst würde sich um die Angelegenheit kümmern, stattdessen musste sie sich mit diesem Herzog hier herumplagen.

Ihre Beine zitterten schon, so stark war der Impuls, einfach wegzulaufen. Ein feiger Rückzug brachte eh nicht viel mehr als eine Galgenfrist, bevor das Schicksal seinen Lauf nahm. Da konnte man ebenso gut seine Selbstachtung wahren und sich der Herausforderung stellen.

Also blieb sie zähneknirschend stehen und ärgerte sich über die unerträgliche Neugier dieses Mannes. Was ging ihn die Beziehung zwischen ihr und ihrer Mutter an? Sie hatten eben nie eine so enge Bindung gehabt. Louises Mutter war stets mehr mit ihrer nächsten Party oder Affäre beschäftigt gewesen als mit ihrem Kind. Als die Mutter dann verkündet hatte, sie würde nach Palms Springs umziehen, war Louise sogar ein bisschen erleichtert gewesen. Mit ihrem Vater war das allerdings eine ganz andere Geschichte. Seine ständige Anwesenheit war für sie ein ständiges Mahnmal ihres eigenen Versagens.

Nach einer Weile begann sie zu sprechen. „Ich war in meinem letzten Schuljahr in London, als meine Eltern sich scheiden ließen. Deshalb machte es Sinn, vorübergehend bei meinem Vater zu wohnen. Er hatte sich ein Apartment gemietet, weil unser Haus verkauft wurde. Meine Mutter ist dann direkt nach Palms Springs.“

Die Unterhaltung wurde viel zu intim für ihren Geschmack, andererseits durfte sie sich diesen Kerl nicht zum Feind machen. Ihr blieb nichts anderes übrig, als sein nervtötendes Interesse zu akzeptieren. Es ging einzig und allein darum, seine hochgeschätzte Zustimmung zu erhalten, um den letzten Willen ihrer Großeltern erfüllen zu können. Danach durfte sie ihren wahren Gefühlen freien Lauf lassen. Und auch erst dann wäre die Vergangenheit endlich abgeschlossen, und sie konnte ihr Leben in die eigenen Hände nehmen. Sie hätte sich des heiligen Vertrauens, das in sie gesetzt worden war, würdig erwiesen.

Entschlossen schluckte sie den bitteren Geschmack im Mund hinunter. Sie hatte sich stark verändert, seit damals …

Noch immer fiel es ihr schwer, an die Zeit zu denken, in der sie das Ende der Ehe ihrer Eltern hautnah hatte miterleben müssen. Und nach der Scheidung wurde sie wie ein unerwünschtes Paket zwischen den getrennten Haushalten hin und her geschickt – überall unwillkommen, vor allem wegen der neuen Freundin ihres Vaters. Aus dem Grund hatte Louise Schande über sie alle gebracht und damit die Situation ziemlich verschärft.

Rückblickend war es kein Wunder, dass ihre Eltern und deren neue Partner sie für ein extrem schwieriges Kind hielten. Es hatte Louise verletzt, wenn ihr Vater sich in seine Arbeit stürzte und ihr nicht die geringste Aufmerksamkeit schenkte. Instinktiv ahnte sie, wie sehr er es bereute, Louises Mutter erst geschwängert und dann geheiratet zu haben.

Ein brillanter junger Akademiker mit glänzenden Zukunftsaussichten war zu einer Vernunftehe gezwungen worden, weil die sizilianische Gemeinschaft in Cambridge ihren strengen gesellschaftlichen Regeln folgte. Und die hübsche Studentin betrachtete ihn als Fluchthelfer aus ihrem altmodisch geprägten Elternhaus. Hätte er nicht gespurt, wäre seine wissenschaftliche Karriere am Ende gewesen.

Sich selbst betrachtete Louise nicht als Sizilianerin, trotzdem spürte sie deutlich, dass italienisches Blut in ihren Adern floss. Und sie litt unter der fehlenden Liebe ihres Vaters und der damit einhergehenden öffentlichen Demütigung. Normalerweise waren sizilianische Väter stolz auf ihre Kinder und beschützten sie vor der Welt. Ihr Vater aber hatte sie nicht gewollt, weil sie seine beruflichen Pläne durchkreuzte. Zuerst als weinendes, klammerndes Kleinkind, später dann als rebellischer Teenager. Ihr Vater war ein Mann, der das Reisen und seine persönliche Freiheit liebte. Eine Hochzeit und die Geburt eines Kindes legten ihm Ketten an, und er schaffte es nicht, eine positive Beziehung zu seiner Tochter aufzubauen.

Als Reaktion darauf steigerte Louise sich in eine Traumwelt hinein, in der sie das geliebte Schätzchen ihres Vaters war. Im exklusiven Mädchenpensionat, auf das ihre Mutter sie schickte, gab sie vor den Mitschülerinnen mit ihrem gebildeten Vater an, der inzwischen eine Wissenschaftssendung im Fernsehen leitete. Nur seinetwegen wurde sie von den Töchtern der Reichen und Schönen akzeptiert.

Dieser oberflächliche Konkurrenzkampf um Anerkennung brachte ihre schlimmsten Charakterzüge zum Vorschein, das musste Louise leider zugeben. Schon als Kind lernte sie, mit schlechtem Verhalten einen größeren Effekt zu erzielen als mit gutem. In der Schule pflegte sie ihren Status und ihr Image als wildes Mädchen.

Wenigstens war ihr Vater damals einigermaßen für sie da gewesen, bis Melinda Lorrimar plötzlich auf der Bildfläche erschienen war. Seine australische Privatsekretärin nahm ihr einfach den Vater weg, von heute auf morgen. Dabei war Melinda damals erst siebenundzwanzig, also nur neun Jahre älter als Louise. Natürlich begann damit ein endloser Kampf um die alleinige Aufmerksamkeit des alten Herrn.

Wie eifersüchtig sie auf Melinda gewesen war! Die Australierin war geschieden und hatte bereits zwei kleine Töchter, die sich in dem Zimmer einnisteten, das im Apartment des Vaters eigentlich für Louise vorgesehen war. Louise färbte sich die Haare schwarz, weil Melinda und ihre Kleinen ebenfalls schwarze Haare hatten. Dann folgten zu viel Make-up, kurze und weit ausgeschnittene Klamotten, provokative Aktionen … Alles Hilferufe einer Tochter, die sich danach sehnte, beachtet und geliebt zu werden.

Aber ihr Vater liebte nur seine glamouröse, aufregende Sekretärin, die überall Aufsehen erregte. Daher beschloss Louise, Männer zu bezaubern, damit auch sie glamourös und aufregend wurde. Damit ihr Vater einmal so stolz auf sie war wie auf Melinda … und früher auf seine erste Ehefrau. Nachdem auch das nicht funktionierte, versuchte Louise, ihn zu schockieren. Alles war besser als seine beleidigende Gleichgültigkeit ihr gegenüber.

Sie hätte alles dafür getan, das leere, hungrige Gefühl in ihrem Inneren loszuwerden. Um nicht länger ein unliebsamer Fehltritt zu sein, der jedem nur im Weg war. Um endlich ein Mensch zu sein, der als einzigartig und wertvoll erachtet wurde.

In sexueller Hinsicht hatte sie keine Erfahrung. Ihre gesamte emotionale Kraft wandte sie dafür auf, um die Liebe ihres Vaters zu kämpfen. Selbstverständlich glaubte sie fest daran, eines Tages jemanden zu treffen, in den sie sich verlieben konnte. Aber bis dahin musste ihr Selbstwertgefühl als wertgeschätzte Tochter gesichert sein.

Mit dieser Fantasie im Kopf lebte sie jahrelang in Anstrengung, ohne zu merken, wie zerstörerisch so ein Weg sein konnte. Weder ihrem Vater noch ihrer Mutter war es wichtig genug, das eigene Kind vor dieser Gefahr zu warnen. Für beide war Louise schlicht die Erinnerung an einen vergangenen Fehler und an eine Ehe, die keiner von ihnen gewollt hatte.

„Aber während Sie Ihren Abschluss gemacht haben, wohnten Sie doch bei den Großeltern, nicht bei Ihrem Vater?“, hakte Caesar Falconari nach.

Seine tiefe Stimme holte sie in die Gegenwart zurück. Sofort schoss sengende Hitze durch ihren Körper – eine plötzlich Wahrnehmung seiner Gegenwart. Dieser Mann trug seine Sinnlichkeit zur Schau, wie andere Menschen es mit teurer Kleidung taten. Keine Frau auf diesem Erdball würde ihn jemals übersehen, sobald er auftauchte.

Ihre eigene empfindliche Reaktion auf ihn ärgerte Louise. Das passte gar nicht zu ihr. Warum traten ihr Schweißperlen auf die Stirn, warum kratzte der eigene Atem im Hals, warum wurde ihr so unerträglich heiß? Was geschah da mit ihr? Der Ärger verwandelte sich in Panik, als sie merkte, wie wenig sie dieses Phänomen kontrollieren konnte. Das war nicht richtig! Inakzeptabel. Und absolut unfair.

Es wurde still in ihr … Die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm. Das alles hier lief gerade gründlich falsch. Sie wusste zwar nicht wieso, aber ihr war klar, dass sie sich auf beängstigend dünnes Eis begab, wenn sie ihre Gefühle nicht sofort wieder in den Griff bekam. Vor allem durfte er nicht merken, was er da mühelos anrichtete. Ihm würde nur gefallen, wie einfach er sie erniedrigen konnte, da war Louise sicher.

Ich bin aber keine unreife Achtzehnjährige mehr, erinnerte sie sich. Mit mir kann man so etwas nicht machen!

„Da Sie hervorragend über meine familiäre Situation unterrichtet sind, wissen Sie bestimmt auch, dass mein Vater mich bat auszuziehen. Schuld waren mein unmögliches Benehmen und die Auswirkung, die es auf die Töchter seiner neuen Lebensgefährtin haben könnte.“

„Er hat Sie vor die Tür gesetzt.“ Wieder stellte er keine Frage, und seine trockene Bemerkung störte Louise gewaltig.

Doch für Caesar gesellte sich nur ein weiterer Aspekt zu seinem tonnenschweren schlechten Gewissen.

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