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Im sanften Schein des Mondes

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1. KAPITEL

Draußen vor dem Erkerfenster tanzte der Frühnebel in zarten Schleiern und ließ die liebliche Landschaft von Südwest-Virginia wie ein verträumtes Aquarell erscheinen.

Kinley Carmichael stand an den Fensterrahmen gelehnt und trank ihren Kaffee mit Zimtaroma, während ihr Blick über den grau-rosa gefärbten Morgenhimmel schweifte. Ihre romantische jüngere Schwester Bonnie würde bei diesem zauberhaften Anblick einen Seufzer des Entzückens ausstoßen. Die pragmatische Kinley sah darin sofort das wunderbare Motiv für die Website des Bride Mountain Inn.

Morgen früh würde sie ganz früh mit ihrer Kamera losziehen und hoffen, genau diese Stimmung auf ein Foto zu bannen. Damit könnte sie garantiert jede Menge Gäste anlocken. Beinahe musste sie lachen, als sie hinter sich einen entzückten Seufzer hörte, gefolgt von einem gehauchten „Ist das nicht wunderschön?“

Bonnie trat neben sie. „Selbst nachdem wir hier schon zwei Jahre wohnen, kann ich von diesen Sonnenaufgängen nicht genug bekommen.“

„Ein super Motiv für unsere Werbung. Morgen gehe ich ganz früh raus und mache Fotos.“

Bonnie warf ihr einen missbilligenden Blick zu. „Magische Momente kann man nicht mit der Kamera festhalten, Kinley.“

„Man kann’s zumindest versuchen“, erwiderte Kinley gut gelaunt.

Bonnies zweiter Seufzer klang eher resigniert. Es hatte keinen Zweck, ihre Schwester und sie waren einfach zu verschieden.

Mit ihrem blonden Haar, den blauen Augen und der makellosen Haut ähnelte Bonnie einer Porzellanpuppe. Dazu passte auch ihre Kleidung. Heute trug sie ein spitzenbesetztes Top und einen weiten, gerüschten Rock. Ihre romantische Art, sich zu kleiden, und ihre offen zur Schau getragene Neigung zur Schwärmerei verleitete manche Menschen dazu, sie für unbedarft zu halten. Doch hinter ihrem niedlichen Gesicht verbargen sich scharfer Verstand und eine grimmige Entschlossenheit, von der ihre beiden Geschwister ein Lied singen konnten. Zwar war sie die Jüngste, doch ihrer Beharrlichkeit war es zu verdanken, dass die drei Geschwister nun gemeinsam eine Frühstückspension führten.

Im Gegensatz zu Bonnies verspieltem Stil liebte Kinley es eher lässig-elegant. An diesem Morgen trug sie eine schmal geschnittene graue Hose, ein grau-weiß-gestreiftes T-Shirt und darüber eine perlgraue Strickjacke mit dreiviertellangen Ärmeln. Sie fühlte sich wohl in dieser Art von Kleidung, auch wenn Bonnie manchmal frotzelte, sie sähe immer aus, als sei sie auf dem Weg zu einer Konferenz.

„Sieh mal, wie der Nebel da drüben wabert.“ Bonnie deutete auf eine Ecke im Garten. „Wenn du ein Stativ benutzt und eine hohe Lichtempfindlichkeit einstellst, kriegst du vielleicht ein Foto, das aussieht, als ob sich eine Braut im Nebel versteckt.“

Unwillkürlich blickte Kinley zur offenen Küchentür, um sich zu vergewissern, dass keiner ihrer Gäste die abstruse Bemerkung ihrer Schwester mitbekommen hatte. „So was darfst du nicht mal im Spaß sagen. Du weißt, was ich von solchen Ammenmärchen halte.“

Die Legende um die weiße Braut hielt sich hartnäckig, und es wurde vermutet, dass daher der Name Bride Mountain stammte. Angeblich erschien sie Paaren, die füreinander bestimmt waren, und verhieß ihnen lebenslanges Glück.

Als sie das Inn vor zwei Jahren übernommen hatten, schlug Bonnie vor, die Legende für ihre Werbung zu nutzen. Doch Kinley und ihr älterer Bruder Logan hatten sich vehement gegen diese Idee ausgesprochen. Sie wollten keine Gäste, die sich von Gespenstergeschichten anlocken ließen.

Bonnie zuckte die Achseln. „Glaub, was du willst. Mir gefällt die Vorstellung, dass Onkel Leo und Tante Helen in der Nacht ihrer Verlobung die Nebelbraut gesehen haben.“

Kinley schüttelte nachsichtig den Kopf. „Onkel Leo wollte doch nur deine Reaktion sehen, wenn er dir die Geschichte erzählt.“

Bereits als Kind hatte Bonnie sich in das Inn verliebt. Damals hatten die Kinder mit ihrer Mutter regelmäßig die Ferien hier verbracht. Großonkel Leo Finley hatte das Hotel bis zum Tod seiner geliebten Frau Helen betrieben. Danach blieb er zwar noch weitere achtzehn Jahre, bis zu seinem Tod, dort wohnen, doch mit zunehmendem Alter vernachlässigte er das Gebäude immer mehr. Da er keine direkten Nachkommen hatte, vermachte er das Anwesen in seinem Testament den Kindern seiner verstorbenen Nichte.

Schon früh hatte Bonnie davon geträumt, irgendwann die Frühstückspension zu übernehmen, und vorsorglich eine Ausbildung an einer Hotelfachschule absolviert. Als Onkel Leo starb, bekniete sie ihre beiden Geschwister so lange, bis diese einwilligten, bei dem Vorhaben mitzumachen. Da sowohl Kinley als auch Logan sich gerade an einem Wendepunkt in ihrem Leben befanden, hatten sie sich überreden lassen.

Als notorisch leistungsorientierter Mensch war Kinley entschlossen, das Unternehmen zum Erfolg zu führen. Schließlich hatte sie Betriebs- und Immobilienwirtschaft studiert. Außerdem war es für sie die Chance, nach ihrer Scheidung ein neues Leben anzufangen und ihr angekratztes Selbstwertgefühl wieder aufzupolieren.

Für Logan war es die Möglichkeit, sein eigener Herr zu sein.

Bonnie öffnete die Backofentür an einem der beiden großen Herde in der topmodernen Küche und zog ein köstlich duftendes Blech mit Muffins heraus. Andere Gerichte hatte sie bereits gestern Abend zubereitet und brauchte sie jetzt nur noch aufzuwärmen. Bonnie liebte es, ihre Gäste zu verwöhnen.

Kinley sah auf die Uhr. In ein paar Minuten würden die ersten Frühstücksgäste erscheinen. „Kann ich dir noch was helfen?“, bot sie an, obwohl es normalerweise nicht zu ihren Aufgaben gehörte, beim Frühstück zu helfen.

„Ja, gern“, rief Bonnie über die Schulter, während sie die Muffins in den Speiseraum trug. „Rhoda ist wieder mal zu spät dran.“

Beide mochten sie ihre Haushälterin Rhoda Foley sehr gern. Rhoda konnte zupacken und war für alles zu gebrauchen, vom Kochen und Servieren bis zum Putzen und Dekorieren. Doch leider war sie etwas schusselig und kam öfters zu spät, weil sie verschlafen hatte.

„Du musst wieder mal mit ihr reden, Bonnie. An diesem Wochenende steht die Sossaman-Thompson-Hochzeit an, und da muss alles wie am Schnürchen laufen. Und morgen kommt dieser Reisejournalist Dan Phelan. Da muss alles perfekt aussehen. Sein Artikel könnte uns eine Flut von Reservierungen einbringen. Sofern wir dafür sorgen, dass er den Aufenthalt hier genießt.“

Bonnie kicherte. „Klar doch. Nichts leichter als das.“

Kinley stellte die warmen Gerichte auf silberne Wärmeplatten. Zufrieden betrachtete sie das reich gedeckte Frühstücksbüfett auf der antiken Anrichte und ließ den Blick durch den hellen, luftigen Speiseraum schweifen, der mit schönen alten Möbeln eingerichtet war. Sechs Stühle waren um jeden der vier runden Tische platziert, die mit silbernen Kerzenleuchtern und frischen Blumen dekoriert waren. Der Kronleuchter an der Decke stammte noch aus der Zeit ihres Urgroßvaters, der das Haus gebaut hatte.

Bevor sie das Inn eröffneten, hatten die Geschwister das gesamte Anwesen mit viel Liebe und Sorgfalt restauriert und ein wahres Schmuckstück daraus gemacht. „Sein Artikel kann nur positiv ausfallen.“ Kinley lächelte ihre Schwester liebevoll an. „Alles ist perfekt, die Einrichtung, der Service, die schöne Umgebung. Ich werde den alten Knaben mit meinen Geschäftszahlen beeindrucken, und du wirst ihn mit deinem Charme bezirzen. Logan soll sich lieber im Hintergrund halten“, fügte sie mit spöttischem Lachen hinzu.

„Wie kommst du darauf, dass der Reporter alt ist und sich leicht bezirzen lässt?“

„Nur so. Keine Ahnung, wie er aussieht.“ Kinley trat beiseite, um den ersten vier Gästen Platz zu machen. Ein junges Paar mit zwei Familienangehörigen, die sich das Bride Mountain Inn im Hinblick auf die bevorstehende Hochzeit ansehen wollten. Sie hatte bereits einen Besprechungstermin mit den Leuten vereinbart. Kurz darauf erschienen Lon und Jan Mayberry, ein Paar im fortgeschrittenen Alter auf Hochzeitsreise, und Travis Cross und Gordon Monroe, die sich ein paar Tage Auszeit von ihren stressigen Jobs in Richmond gönnten. Eine nette Gruppe, dachte Kinley. Es gefiel ihr, wenn sie mit den Gästen plaudern konnte, obwohl Bonnie normalerweise mehr Kontakt zu ihnen hatte.

Nachdem alle Gäste ihr Frühstück beendet hatten, half Kinley ihrer Schwester beim Abräumen und Saubermachen. Rhoda war noch immer nicht aufgetaucht und ging auch nicht ans Telefon. Bonnie hatte sich vorgenommen, zu ihr nach Hause zu fahren, falls sie um zehn noch nicht aufgekreuzt war.

Ein paar der Gäste saßen noch mit ihren Kaffeetassen an den Tischen und unterhielten sich über ihre Tagespläne oder genossen den Blick durch die raumhohen Fenster in den Garten hinaus. Für das Wochenende war das Inn voll ausgebucht, vor allem durch die Hochzeit am Samstagnachmittag. Die Brautleute hatten zugestimmt, dass der Reporter Fotos von der Feier machte.

Es war klares, sonniges Wetter vorhergesagt, und im Garten standen Flieder, Iris, Phlox und Rosen bereits jetzt, Mitte Mai, in voller Blüte. Das frische Grün der Bäume um den Hochzeitspavillon bildete einen wunderbaren Kontrast zu der Blütenpracht. Alles war perfekt. Der Reisejournalist würde begeistert sein und einen enthusiastischen Bericht schreiben.

Sie goss sich noch einen Kaffee ein und atmete beruhigt durch. Im selben Moment hörte sie einen lauten Knall von der Einfahrt her. Einige Gäste schrien erschrocken auf, und Kinley verschüttete vor Schreck ihren Kaffee.

Leise fluchend stellte sie ihre Tasse ab und rieb sich die verbrannte Hand. Dann lief sie nach draußen, um zu sehen, was los war. Hinter ihr stöhnte Bonnie verzweifelt auf.

Rhoda hatte mit ihrem Pick-up den Eingang gerammt. Einer der Holzpfosten war in der Mitte durchgebrochen und brachte den Rest des Vorbaus bedenklich ins Wanken.

Mit zerknirschtem Gesicht kletterte Rhoda aus ihrem Wagen. Zum Glück war sie unverletzt, wie Kinley erleichtert feststellte.

„Tut mir schrecklich leid“, rief die Haushälterin. „Ich hab total verschlafen, und mein Handy war nicht aufgeladen, deshalb konnte ich nicht anrufen. Blöderweise hab ich in dem Moment auf die Uhr geguckt, als ich vors Haus gefahren bin.“ Sie fuhr sich verzweifelt durch das graugesprenkelte dunkle Haar. „Tut mir so leid. Natürlich komme ich für den Schaden auf. Ich hab eine Haftpflichtversicherung.“

Mit besorgtem Blick lief Kinley zu der älteren Frau hin. „Bist du sicher, dass du nicht verletzt bist? Sollen wir dich nicht lieber zum Arzt fahren?“ Sie nahm Rhodas nervös flatternde Hände in ihre.

Vehement schüttelte Rhoda den Kopf. „Nein, mir ist wirklich nichts passiert. Ich bin doch nicht schnell gefahren, und außerdem war ich angeschnallt.“

„Du hast Glück, dass nicht der ganze Vorbau auf dein Auto gestürzt ist.“

„Hey, geht mal alle da weg.“ Logan kam wild gestikulierend um die Ecke gelaufen. „Niemand darf sich unter dem Vorbau aufhalten, bis ich ihn abgestützt habe. Bonnie, schließ die Haustür ab und lass die Gäste den Seiteneingang benutzen.“

„Es tut mir so leid, Logan.“ Rhoda rang verzweifelt die Hände. „Ich fahr gleich mein Auto weg.“

Logan fuhr sich mit der Hand durch das leicht zerzauste braune Haar, während er sich den Schaden ansah, und Kinley blickte seufzend auf den beschädigten Eingangsbereich. Doch dann beruhigte sie sich damit, dass es noch schlimmer hätte kommen können.

„Am Samstag haben wir die Hochzeit“, erinnerte sie ihren Bruder. „Und morgen soll schon die Probe dafür stattfinden.“

Er nickte. „Ich rufe sofort Hank an. Bestimmt hat er einen Ersatzpfosten gemacht für den Fall, dass mal einer kaputtgeht. Dann können wir es gleich reparieren.“

Plötzlich griff Kinley sich an die Stirn. „Der Reisereporter hat sich schon für morgen früh angesagt, damit er noch vor der Hochzeit Fotos machen kann. Das werden wir wohl nicht schaffen.“

Rhoda stöhnte. „Ach, Kleine, es tut mir so leid.“

Logan rieb sich über das stoppelige Kinn, dann nickte er. „Ich tue, was ich kann.“

In diesem Moment kam ein schwarzer Wagen die Einfahrt hochgefahren und hielt auf dem Gästeparkplatz. Kinley fragte sich, was jemand wohl so früh an einem Donnerstag hier wollte. Sie kannte den dunkelhaarigen jungen Mann nicht, der gerade aus dem Wagen stieg. Gute Figur, stellte sie unwillkürlich fest. Mit seinen leicht zerknitterten Kakihosen und dem olivgrünen Baumwollhemd mit aufgerollten Ärmeln wirkte er sehr lässig. Wie ein Vertreter sah er jedenfalls nicht aus, und auch nicht wie jemand, der hier übernachten wollte.

Als der Mann lächelnd auf sie zukam, bemerkte Kinley erschrocken, wie ihr Puls sich beschleunigte, obwohl sie doch noch in Gedanken bei Rhodas Unfall war. Ihr zweiter Gedanke war Erleichterung darüber, dass ihre vermeintlich begrabenen weiblichen Instinkte noch einwandfrei funktionierten.

Schnell schob sie ihre unangebrachten Überlegungen beiseite und setzte ihr professionelles Lächeln auf. „Guten Tag, was kann ich für Sie tun?“

Als der Mann ihr in die Augen sah, war sie frappiert von dem intensiven Blau, das einen lebhaften Kontrast zu seinem dunklen Haar und seiner gebräunten Haut bildete. Wow!

„Sind Sie Kinley Carmichael?“, fragte der Mann mit angenehm sonorer Stimme, die seine Attraktivität noch erhöhte. Selbst die Art, wie er ihren Namen aussprach, versetzte ihr einen kleinen Stromschlag.

„Ja, die bin ich.“

Es entging ihr nicht, dass sein Blick unauffällig ihren Körper taxierte. Aber das war ihr keineswegs unangenehm. Im Gegenteil, sie fühlte ihr Ego durch das bewundernde Aufblitzen seiner blauen Augen angenehm geschmeichelt.

Sein Lächeln wurde breiter und offenbarte charmante Grübchen in seinen gebräunten Wangen. „Ich bin Dan Phelan. Ich weiß, Sie haben mich erst morgen erwartet, aber da ein anderer Termin ausgefallen ist … Hoffentlich komme ich nicht ungelegen.“

Doch, in der Tat, so könnte man es nennen. Kinleys Stimmung wechselte abrupt. Der Reporter hatte ihr gerade noch gefehlt. Es sollte doch alles perfekt sein, wenn er kommt. Was für ein Tag! Dabei war es erst neun Uhr morgens.

Obwohl Kinley Carmichael sofort wieder ihr verbindliches Lächeln aufsetzte, war es Dan klar, dass sie von seiner verfrühten Ankunft nicht gerade begeistert war. Da er aber offensichtlich mitten in eine turbulente Situation hineingeraten war, konnte er es ihr nicht verdenken. Allerdings war sein Stolz schon ein bisschen verletzt. Es passierte ihm selten, dass eine attraktive Frau so wenig begeistert war, ihn zu sehen.

Sie war keine klassische Schönheit, aber sie gefiel ihm. Ihr ovales Gesicht wurde von einem dunkelblonden Bob mit hellen Strähnchen eingerahmt, und ihr Mund mit der vollen Unterlippe war wie zum Küssen gemacht. Ihre graublauen Augen begegneten seinen mit einer erfrischenden Direktheit. Sie war groß und schlank und man würde ihre Figur eher sportlich als üppig nennen. Genau sein Typ.

Eine Frau um die fünfzig mit einer wilden graumelierten Lockenmähne kam mit erschrockener Miene auf ihn zu. „Sie sind doch nicht etwa der Reisereporter? Der wollte doch erst morgen kommen.“

„Ich habe meine Pläne kurzfristig geändert. Falls Sie kein Zimmer mehr freihaben, gehe ich in ein anderes Hotel und komme morgen früh wieder.“

„Natürlich haben wir ein Zimmer für Sie, Mr Phelan“, mischte Kinley sich ein. „Wir heißen Sie herzlich willkommen.“

„Bitte nennen Sie mich Dan.“ Er blickte auf den demolierten Eingangsbereich. „Was ist denn hier passiert?“

„Daran bin ich schuld“, erklärte die ältere Frau. „Ich bin gegen den Pfosten gefahren. Schreiben Sie bloß keinen vernichtenden Artikel! Das Hotel der Carmichaels ist einsame Spitze.“

Wie sie mit drohend erhobenem Zeigefinger dastand, erinnerte sie ihn an sein früheres Kindermädchen Adele. Von allen Kindermädchen, die seine ständig beschäftigten Eltern engagierten, war sie ihm als Einzige in Erinnerung geblieben. Unwillkürlich musste er lächeln. „Das würde mir nicht im Traum einfallen.“

Kinley legte der Frau die Hand auf die Schulter. „So was kann doch jedem passieren, Rhoda. Niemand macht dir einen Vorwurf. Wir sind alle froh, dass du nicht verletzt bist. Dan, das ist Rhoda Foley, unser Mädchen für alles.“

„Freut mich, Sie kennenzulernen, Mrs Foley.“

Kinley räusperte sich. „Geh doch schon mal rein, Rhoda, und mach dir eine schöne Tasse Tee. Logan kümmert sich um dein Auto.“

Logan, der gerade den Schaden am Eingang begutachtete, nickte.

„Darf ich Ihnen meinen Bruder vorstellen? Logan Carmichael.“

Obwohl die Familienähnlichkeit nicht zu verleugnen war, wirkte Logan viel verschlossener als seine Schwester. Seine braunen Augen blickten sorgenvoll, und seine markanten Gesichtszüge unter dem Dreitagebart sahen irgendwie verhärtet aus. Während Dan sich fragte, ob dieser Mann wohl auch lachen konnte, kam aus dem Seiteneingang eine kleine blonde Frau mit süßem Gesicht und engelsgleichem Lächeln. „Logan, soll ich die Handwerker für dich anrufen?“

Logan zuckte die Achseln. „Nein, die wissen schon Bescheid. Aber du kannst die Sache mit der Versicherung klären.“

„Dan, das ist unsere Schwester Bonnie“, sagte Kinley. „Bonnie, darf ich dir Dan Phelan vorstellen, den Reporter von der Zeitschrift Modern South? Er ist einen Tag früher gekommen.“

„Rhoda hat mir schon erzählt, dass Sie hier sind. Freut mich, Sie kennenzulernen, Mr Phelan. Willkommen in unserem Inn.“

„Danke, und bitte nennen Sie mich Dan.“

Anerkennend ließ er den Blick über das im altenglischen Stil erbaute Haus schweifen. Neben dem Eingangsbereich befand sich eine große Veranda, deren weiß lasierte Holzverkleidung den hellgrauen Anstrich des Hauses perfekt ergänzte. Die Eingangstür mit den Bleiglaseinlassungen war weinrot gestrichen. Sein Blick ging nach oben zu dem spitz zulaufenden, mit grauen Schindeln bedeckten Dach, das sich gegen den strahlend blauen Himmel abhob. Den spektakulären Hintergrund bildete die ferne Gebirgskette der Blue Ridge Mountains.

Mit zerknirschtem Blick deutete Bonnie auf den beschädigten Pfosten. „Wie Sie sehen, hatten wir heute Morgen ein kleines Malheur, aber das wird hoffentlich heute noch repariert. Bitte kommen Sie mit durch den Seiteneingang. Das Frühstück ist zwar schon abgeräumt, aber wir finden sicher noch was für Sie.“

„Danke, ich habe schon gefrühstückt.“

„Darf ich Ihnen wenigstens einen Kaffee anbieten?“

„Sehr gern. Ich hole nur eben mein Gepäck.“

„Soll ich Ihnen helfen?“, fragte Logan etwas widerwillig.

Dan musste sich ein Grinsen verkneifen, als er den strafenden Blick sah, den Kinley ihrem Bruder zuwarf. „Nein, danke, Sie haben mit der Reparatur genug zu tun.“

„Ich helfe Ihnen, die Sachen reinzubringen“, sagte Kinley schnell. „Zuerst zeige ich Ihnen Ihr Zimmer, und später machen wir dann die große Runde.“

„Ich freue mich schon darauf“, erwiderte Dan und sah ihr lächelnd in die Augen.

Einen Moment lang wirkte sie verlegen, doch dann nahm sie wieder ihre gewohnte Haltung an. „Kommen Sie, wir holen Ihr Gepäck.“

Während er Kinley durch den Seiteneingang ins Haus folgte, wurde Dans Blick sofort von den raumhohen Fenstern im Speisezimmer angezogen, die zum Garten hinausgingen. Er konnte sich gut vorstellen, an einem der runden Tische gemütlich einen Kaffee zu trinken und dabei in die Blumenpracht zu schauen.

Kinley führte ihn durch die Eingangshalle, die man normalerweise zuerst betrat, wenn der Haupteingang frei war. Durch die Bleiverglasung der Eingangstür strömte das Sonnenlicht und warf bunte Ornamente auf den Holzfußboden. Ein weiterer Blickfang war das zauberhafte Blumenarrangement auf dem antiken Empfangstresen. Daneben führte eine hölzerne Wendeltreppe nach oben.

„Sehr hübsch“, bemerkte er.

Er sah, dass Kinley ihn leicht amüsiert von der Seite anlächelte. In diesem Moment wirkte sie ganz natürlich, und er fand sie umso bezaubernder. Rasch rief er sich in Erinnerung, dass er nicht zum Vergnügen hier war, sondern eine Fotoreportage abzuliefern hatte. Vielleicht sollte er eine Runde joggen, um nicht auf dumme Gedanken zu kommen.

Kinley griff nach einem der Schlüssel am Brett hinter der Rezeption und steuerte die Treppe an. „Die Zimmer sind oben“, sagte sie und hängte sich seine Laptoptasche über die Schulter.

Er folgte ihr mit seinem kleinen Koffer und der Tasche mit der Fotoausrüstung. Sein Blick blieb unwillkürlich an ihren sanft schwingenden Hüften hängen, obwohl er sich die größte Mühe gab, nicht hinzusehen. Aber er hatte nun mal eine Schwäche für schmale Hüften und lange Beine …

Vielleicht sollte er nicht nur eine, sondern gleich mehrere Runden joggen. Er konnte förmlich die Stimme seiner Redakteurin hören, die zufällig seine Cousine war: Der Gastgeberin schöne Augen machen … kein guter Anfang für einen Auftrag.

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