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Im roten Eis

Sonja Friedmann-Wolf

IM ROTEN EIS

Schicksalswege meiner Familie

1933–1958

Herausgegeben
von Reinhard Müller
und Ingo Way

Aufbau Digital

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

I

Kapitel 1. Meine Eltern

Kapitel 2. »Juden raus!«

Kapitel 3. Schweizer Intermezzo. Begegnung mit Lion Feuchtwanger

Kapitel 4. Ankunft in Moskau. Das MOPR-Kinderheim

Kapitel 5. Immer noch in Iwanowo. Die Stassowa

Kapitel 6. Vater geht unter die Filmschauspieler. Die Tretjakowka. Wir ziehen in den »Weltoktober«

Kapitel 7. Ein Subbotnik in unserem Hof. Betty und Mathilde

Kapitel 8. Das Ehepaar Schmückle

Kapitel 9. Ein blinder alter Bolschewik. »Die Geschwister Oppermann«

Kapitel 10. Mein dreizehnter Geburtstag. Ernst Busch singt. Lion Feuchtwanger hält eine kleine Ansprache

Kapitel 11. Silvester 1936/37

Kapitel 12. Schädlinge sind plötzlich überall

Kapitel 13. Die Verhaftung des Genossen Schmückle

Kapitel 14. Auch blinde alte Bolschewiken können Volksverräter sein

Kapitel 15. Ich mache die Bekanntschaft eines Helden. Vater meldet sich als Zeuge

Kapitel 16. »Bürger Wolf, Sie sind verhaftet von den Organen des NKWD!«

Kapitel 17. Mutter sucht Hilfe bei Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht

Kapitel 18. Ein Gefängnis von außen

Kapitel 19. Ich wohne einer Komsomolversammlung bei 126

Kapitel 20. Übergriffe. Doktor Petrow

Kapitel 21. Wie sag ich’s Mutter?

Kapitel 22. Unser Eigentum wird beschlagnahmt

Kapitel 23. Mathilde geht

Kapitel 24. Ich dringe bis zu Dimitroff vor. Unsere letzte Hoffnung – Lion Feuchtwanger

Kapitel 25. Bei Staatsanwalt Wyschinski. Auch Mutter geht 185

Kapitel 26. Von den Deutschen aus- und von den Russen eingebürgert

Kapitel 27. Georgi Romanowitsch

Kapitel 28. Besuch des alten Mannes

Kapitel 29. Sonja oder Anna? Anna

Kapitel 30. Ich kooperiere

Kapitel 31. »Aber wat denn fürn Kleener?«

Kapitel 32. Und nun muss gleichfalls gegangen werden

Kapitel 33. Ich blieb

II

Kapitel 1. Der Krieg. Betty meldet sich freiwillig

Kapitel 2. Der Krieg. Ich werde zwangsweise nach Nord-Kasachstan verschickt

Kapitel 3. Der Krieg. Im Kolchos. Die »Arbeitsarmee«

Kapitel 4. Der Krieg. Hunger tut weh

Kapitel 5. Der Krieg. Sonja oder Anna? Sonja

Kapitel 6. Der Krieg ist aus. Statt in die Freiheit, wandre ich ins Gefängnis

Kapitel 7. Im Karlag

Kapitel 8. Bei Mann und Kind in Sowjetlitauen

Kapitel 9. Sonja oder Anna? Wodka

Kapitel 10. Und wiederum heißt es: »Juden raus!«

Kapitel 11. Auch Götter sind sterblich. Die Epoche der späten Rehabilitierung. Der Eiserne Vorhang lüftet sich. Sonja oder Anna? Endgültig Sonja

Kapitel 12. »Willkommen in der Heimat, Genossin Wolf!« Neue Begegnungen mit alten Bekannten. Ohne Internationale durch das Brandenburger Tor

Anhang

Ester Noter: Das Leben meint es gut mit uns

Ingo Way: Sonja Wolf und ihre deutsch-jüdische Jahrhundertgeschichte

Reinhard Müller: »Menschenopfer unerhört«. Martha Ruben-Wolf und Lothar Wolf

Editorische Notiz

Abkürzungen

Anmerkungen

Bildnachweis

Dank

Kommentiertes Personenregister

Informationen zum Buch

Informationen zur Autorin/den Herausgebern

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne ...

I

Kapitel 1
Meine Eltern

Als meine Mutter mich, ihr erstes Kind, erwartete, wünschte sie sich einen Sohn. Vater dagegen war mehr für ein Mädchen. Nach einem Spaziergang durch den Berliner Zoo, wo er sich scheinbar von dem ehelichen Glück einer Elefantenfamilie beeindruckt fühlte, kam Vater, der den Dingen gerne entschiedene handliche Bezeichnungen gab, auf den spaßigen Einfall, mich noch vor meinem Erscheinen einfach Jumbo zu nennen. Außerdem konnte so mit demselben Erfolg ein Knabe wie ein Mädchen heißen.

»Na, wie gehts denn Jumbelchen heute? Gut geschlafen?«, pflegte er sich gleich beim Aufstehen nach meinem Wohlbefinden zu erkundigen. Oder, den Erschrockenen spielend: »Was?! Jumbo hat schon wieder Hunger??«, sobald Mutter sich zu Tisch setzte.

Ich wurde auch ein richtiges Elefantenbaby: Ich wog volle neun Pfund und brachte einen außerordentlich gesunden Appetit mit in die Welt. Das geschah an einem mäßig kalten Wintertage, dem 3. Dezember 1923.

Aus Sympathie für Räterussland nannten mich meine Eltern Sonja. Vater indessen bediente sich des vollen Namens, aber nur dann, wenn er böse auf mich war, und das kam selten vor. Für ihn war und blieb ich Jumbo.

Fast zwei Jahre später, als wieder Familienzuwachs erwartet wurde, wünschten sich beide Eltern einmütig eine zweite Tochter. Doch schenkte ihnen diesmal das Schicksal einen Sohn, mein bildhübsches Brüderchen Walter.

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Lothar Wolf und Martha Ruben-Wolf mit Walter und Sonja in Berlin, 1925

Meine Eltern, Dr. Martha Ruben-Wolf und Dr. Lothar Wolf, Mitglieder der Kommunistischen Partei Deutschlands seit 1921, waren ein der Berliner Öffentlichkeit seinerzeit nicht unbekanntes Ärztepaar. In Niederschöneweide führten sie zusammen eine sehr gut gehende, fast ausschließlich von Proletariern in Anspruch genommene Kassenpraxis.

Als meine Eltern in die Ehe traten, lag bereits eine langjährige berufliche Laufbahn hinter den beiden; sie standen auch beide bereits in relativ reifem Alter. Ich besaß demnach keine jungen Eltern. Und so leben sie auch in meiner Erinnerung als ein solides und gesundheitlich schon leicht angegriffenes Menschenpaar.

Mutters Aussehen war eigenartig. Wetteifernd mit ihren stets schneeweißen Ärztekitteln, wellte sich das so vorteilhaft von den starken, dunklen Brauen abstechende kurz geschnittene Silberhaar. Das hagere, strenge Gesicht, die mächtige Hakennase wirkten männlich, doch wurde dieser Eindruck durch einen zarten, wehen Zug um den Mund abgeschwächt.

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Lothar Wolf, Passfoto, vor 1933

Stets hielt sich meine Mutter kerzengerade; sie ging weit ausschreitend und sprach meist im Befehlston. Wenn nörgelnde Patienten oder zeitraubende Besucher abzufertigen waren, verzog sich ihr Gesicht zu einer leidenden Grimasse, als ob sie Zahnschmerzen plagten. Ungeduldig rieb sie dann wohl die Handflächen aneinander, verkrampfte die Finger, knackte nervös mit den Knöcheln. Von Natur unbeherrscht, brauste Mutter leicht auf. Sie konnte auch grob werden, ließ sich jedoch mühelos von Vater beschwichtigen.

Der war die Ruhe und Gelassenheit in Person. Nie erhob Vater unnütz die Stimme; er fuchtelte auch nicht mit beiden Händen, wie Mutter und ich es gerne taten, beim Sprechen erregt in der Luft herum.

»Ungefähr so wird sich eine Unterhaltung unserer Vorfahren am Berge Sinai ausgenommen haben«, meinte er einmal nachdenklich, wodurch ein mehr lautes als böses Wortgeplänkel zwischen Mutter und mir jäh ins Stocken geriet.

Mein Vater, der Jude, ein Hüne von Gestalt, blond, blauäugig, mit großer Stirn, seiner stumpfen Nase und energischem Kinn, war, was das Äußere betraf, der ideale Typus eines reinrassigen Germanen. So könnte getrost, hätte ihn der Hagen nicht meuchlings ermordet, ein durch die Jahre behäbig und gemütlich gewordener Nibelungen-Siegfried aussehen.

Vater hätte sich nicht der Medizin verschreiben sollen. Er liebte seinen schönen Beruf leider auch gar nicht. Und er widmete sich ihm nur so wenig wie möglich. Und um gerecht zu bleiben, muss ich betonen, dass der große Erfolg der gemeinsam betriebenen ärztlichen Praxis meiner Eltern Mutters Energie und Tüchtigkeit zuzuschreiben war.

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Brief von Lothar und Gertrud Wolf an Martha Seligsohn

Vater zeichnete leidenschaftlich gerne. Er träumte als Kind davon, Künstler zu werden. Dagegen sträubte sich aber Großmutter, die aus ihrem Einzigen unbedingt etwas »Seriöses« machen wollte.

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Einige Aquarelle meines Vaters schmückten auch die Wände unserer Berliner Wohnung. Nur aus der Erinnerung heraus will es mir jetzt schwerfallen, zu beurteilen, ob diese Bilder, fast alles hell besonnte Landschaften, auch tatsächlich Kunstwerke waren. Indessen bin ich auch heute noch fest davon überzeugt, dass an meinem Vater ein zweiter Heinrich Zille verloren gegangen ist.

Mit einigen flüchtigen Bleistiftstrichen gelang es ihm, die witzigsten Karikaturen aufs Blatt zu werfen. Diese Zeichnungen, denen er selber recht wenig Wert beilegte, waren ungemein lebendig. Und sie sprühten nur so vor Humor. Sie entstanden zu Hause, in der Elektrischen, auf der Straße, in Versammlungen und in Cafés, kurz, überall dort, wo nach der Ansicht meines Vaters gerade »etwas los war«. Ob es nun ein torkelnder, mit beiden Armen liebevoll einen Laternenpfahl umklammernder Saufbold war oder eine im Konzert wie wahnsinnig tremolierende Sängerin, ein Röcke schwenkendes kesses Straßenmädchen oder redebrüllend der nach Luft japsende Hitler – sie alle lebten, von ihm gesehen, belacht oder bemitleidet, noch jahrelang in seinen voll gepfropften Alben fort.

Außer diesem Talent, mit dem er seiner Familie, unzähligen Freunden und Bekannten viel Spaß und Freude machte, war Vater noch sehr musikalisch, sehr belesen und außerordentlich sprachbegabt. Ganz frei beherrschte er die englische, französische und italienische Sprache; und er erlernte noch vor unserer Emigration das Russische.

Kommunisten wurden meine Eltern aus verschiedenen Gründen, doch brachten sie dazu dieselben Schlussfolgerungen.

Als Frau und als Ärztin empörte sich Mutter über das in Deutschland wirkende Abtreibungsverbot. Dieser zur Zeit seines Inkrafttretens nicht wenig Staub aufwirbelnde Paragraf 218 wurde für unzählige kinderreiche Arbeiterfrauen die Ursache eines frühzeitigen und qualvollen Todes. Denn er zwang sie zu häufig tragisch auslaufenden Selbsteingriffen.

Das kostenlose Verteilen an Patientinnen ihrer von der Zensur verbotenen Aufklärungsbroschüren (»Abort oder Verhütung?« und andere) sowie selbstloses Einschreiten in vielen Fällen konnte natürlich diesen armen Kreaturen keine genügend wirksame Hilfe sein. Mutter hatte erst darüber gelesen und späterhin sich selbst davon überzeugt, dass es in Sowjetrussland in jeder Stadt und in allen größeren Dörfern gut organisierte Beratungsstellen nebst staatlichen Abortarien für werktätige Frauen gab. Diese Feststellung führte sie in die Partei.

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Sonja und Walter, Berlin, 1927/28

Vaters Abschlussexamen fiel in die ersten Tage des Weltkrieges. Er wurde sofort eingezogen und kam als Assistenzarzt in ein Hospital. Der erschütternde Anblick verstümmelter Leiber junger, lebenshungriger Soldaten und vieler Tausender von ihren Angehörigen in der Heimat beweinter Toter, dieser ganze durch Religionen und Regierungen gesegnete Massenmord versetzte seiner anfangs brav schwarz-weiß-roten Weltanschauung einen entscheidenden pazifistischen Stoß. Mit innerlichen Widersprüchen hadernd, nach vielem Lesen, Grübeln und Erkennen trat Vater bald nach Kriegsende in die Kommunistische Partei ein.

In den Berliner Jahren ihrer Ehe unternahmen meine Eltern eine ganze Reihe weiter Reisen. Ein Ergebnis dieser Fahrten wurden ihre in Deutschland herausgegebenen Russlandreportagen: »Kaukasus« (Skizzen zweier Ärzte), »Im freien Asien« und die unvollendet gebliebene »Rote Wolga«.

Durch jedes Kapitel dieser Bücher zogen sie als Leitmotiv die Hymne auf das neue Regime in Räterussland. Ihre letzte Reise galt dem Süden. Dort, im mussolinischen Italien, entstand auch das letzte Buch meiner Eltern: »Faschistenland«.

Zusammen mit den Werken anderer jüdischer, antifaschistischer und kommunistischer Verfasser wanderten die oben erwähnter Reportagen meiner Eltern im Frühling des Jahres 1933 auf den berüchtigten, von den Nazis Unter den Linden errichteten Bücherscheiterhaufen.

Kapitel 2
»Juden raus!«

Der 1. April 1933, ein trüber, regnerischer Tag, mein letzter in der alten Heimat, fing morgens genauso an wie alle anderen.

Walter und ich tunkten beim Frühstück, trotz strengsten Verbots, die Hörnchen in den Kakao, wofür wir von Ella, unserem Kindermädchen, einem flachbrüstigen, rot bepickelten Geschöpf, wütend angeschnauzt wurden. Das eben noch blütenweiße Tischtuch sah aus, als hätte es die Masern bekommen.

Schon seit einigen Wochen waren unsere Eltern abwesend. Köchin Anna, die dürre Pickelella und wir beiden Geschwister fühlten uns von Tag zu Tag einsamer und verlassener in der großen und jetzt so leer anmutenden Fünfzimmerwohnung.

Rolf, Vaters Liebling, unserem rostbraunen Bernhardiner, schien die viel zu lang andauernde Abwesenheit seines Herrchens sehr auf die Nerven zu fallen. Unruhig schnupperte er an allen Wänden und Möbeln; ruhelos trottete er durch alle Räume. Gestoßen und ungeduldig angefahren, verkroch er sich, leise jaulend, in seine Korridornische; starrte von dort trübselig in die Luft, begann nach kurzer Rast seinen Dauerlauf von Neuem.

Hin und wieder schellte die Türglocke. Meist waren es Patienten, die sich über die unvorhergesehene Abwesenheit ihrer Ärzte wunderten, manchmal auch beschwerten. Und sehr oft läutete das Telefon. Das war dann gewöhnlich Großmutter, unsere Oma. Sie hatte eben erst eine böse Grippe überstanden und wagte sich noch nicht auf die Straße.

Bei alledem war es durchaus verständlich, dass der nie sehr stark gewesene Geduldsfaden unserer Bonne Anna nun noch häufiger riss als sonst. Walter und mir bereiteten die beschriebenen Umstände nicht das geringste Unbehagen. Unsere Eltern verschwanden nicht zum ersten Mal. »Untertauchen« nannten sie das. Wir waren es gewöhnt, dass sie nach jedem Untertauchen heil und gesund wieder auftauchten.

Die Uhr zeigte bereits ein Viertel nach acht. Es war demnach höchste Zeit für die Schule.

Ella steckte Walter und mir zwei umfangreiche Stullenpakete zu, und lustig mit den Ranzen klappernd, liefen wir die Treppe hinab. Unten zappelten und stöhnten wir, wie immer, ein bisschen beim Öffnen der schweren Haustür.

Ein schon die ganze Nacht andauernder gleichmäßiger Regen nieselte in schrägen Fäden aufs Pflaster, trommelte zart gegen weinende Fensterscheiben, wurde hie und da von den knospenden Ästen nass glänzender Kastanienbäume zerrissen; er setzte sich in winzigen Silberperlchen an unseren Wollcapes fest.

»Tach, kleene Wölfe! Na, jut jeschlafen?«, begrüßte uns auch heute ein dicker Schupo, der schon jahrelang vor unserem Haus, in dem sich eine Bank befand, seinen Dienst hatte.

»Guten Morgen, Herr Wachtmeister!«, wünschten wir im Duett zurück.

»Und wie geht es ihr denn heute?«, erkundigte ich mich, da es regnete. Mit »ihr« war eine französische Bleikugel gemeint, die dem Ärmsten seit anno 1916 in den Rippen saß und bei schlechter Witterung Schmerzen verursachte.

»Rumort, det Biest«, konstatierte der Gefragte. »Und wie!«

Diesen Schupo nannte Vater einen Sympathisierenden. Er unterhielt sich für sein Leben gerne mit beiden Eltern über Politik, besuchte auch, von Vater dazu aufgefordert, regelmäßig unsere Sprechstunden, wo er sich seine Rippen abtasten und wegen des rumorenden Kugelbiestes kostenlos beraten ließ.

Stets, wenn Vater am Schupo vorbeimusste, stellte sich ihm dieser mit gleichzeitig begierigem und unschuldigem Lächeln in den Weg.

»Tach, Herr Dokta. Jibts wat Neues?«

Was eigentlich heißen müsste:

»Quatschen wir doch ’n bisschen. Ick langweil mia so. Und Se sind son netta Kerl und een jebildeta Mensch.«

Vater verstand auch, wie seine Begrüßung zu deuten war, und ließ ihn nur selten unbefriedigten Gemütes stehen. Ebenso Mutter.

Ich habe es beobachtet, dass unser Schupo, ohne auch nur für eine Sekunde den Atem zu verlieren und immer feste berlinernd, mindestens eine halbe Stunde lang auf die Herren Kapitalisten, über den von ihnen angezettelten Krieg mit nachfolgender Inflationszeit schimpfen konnte, in der seine »saua vadientn Spargroschen hopp jejangen sinn«.

Der brave Mann war für Gleichberechtigung der Frau, er las Nietzsche und das »Kommunistische Manifest«, er hielt viel von einer planmäßigen Wirtschaftsführung, liebte Charlie Chaplin, wählte SPD, und er hatte eine unüberwindliche Abneigung gegen die Nazis, die er nie anders denn als »Mistviecher« titulierte.

Es sollte jedoch meinem Vater nicht gelingen, ihm eine fast gleich unüberwindliche Abneigung gegen die im »Kommunistischen Manifest« proklamierte Diktatur des Proletariats auszureden.

»Nee, Herr Dokta. Da könn Se sagen, wat Se wolln: det is mia zu krass«, meinte er kopfschüttelnd. »Ordnung muss sinn.« Diese Entgegnung wiederholte er in den verschiedensten Variationen. Blieb zäh.

Amüsiert ließ Vater von ihm ab. Meine Mutter, eine hartnäckigere Verfechterin der guten Sache, steckte sich noch längere Zeit das Ziel, aus diesem gutmütigen, in den Fragen der Politik mehr instinktmäßig herumtappenden Menschen einen konsequent denkenden Kommunisten zu formen. Bis er eines Tages, nach einer besonders hitzigen Auseinandersetzung mit ihr, gequält aufstöhnte:

»Aba piesacken Se mia doch nich so heftich, Frau Dokta. Ick kapier det eben nich. Und doof bleibt doof, da helfen och von Ihnen keene Pilln. Stimmts?«

Nun gab auch Mutter ihn auf. Doch politisierten alle drei auch weiterhin noch gerne miteinander. Nur durfte eben in diesen Diskussionen die nach der Meinung meiner Eltern unumgängliche Notwendigkeit einer Diktatur des Proletariats in Deutschland nicht besprochen werden.

Dass im Drama dieses schicksalsschweren Tages dem Herrn Wachtmeister eine ganz bedeutende Rolle zufallen sollte, ahnten weder er, der sich vorläufig gemütsvoll über »dat vaflixte Wetter« ärgerte, noch Walter und ich, die wir friedlich unseren Schulweg fortsetzten.

Doch nachdem wir das Gebäude unserer Schule betreten hatten, fing alles an, drunter und drüber zu gehen. Gleich in der Klasse, als ich mich auf meinen Platz begab, fielen mir zwei mit Riesenlettern auf die Tafel geschmierte Worte in die Augen.

JUDEN RAUS! stand da. Und dasselbe war mit Kreide auf meine Bank gekritzelt.

Erstaunt sah ich mich um. Meine Schulkameraden benahmen sich so eigentümlich. Einige grinsten, teils schadenfroh, teils unbeholfen. Die meisten taten, als ob sie mein Kommen nicht bemerkt hätten. Meine beste Freundin, ein liebes, schüchternes Irmchen, wich hilflos meinen Blicken aus. Betroffen wischte ich mit Löschpapier an der Bank herum.

Schon nach dem ersten Klingelzeichen erschien Herr Grune auf der Bildfläche. Das war unser selten lächelnder und noch seltener lachender, sehr strenger, aber sehr gerechter Klassenlehrer. Stirnrunzelnd und ohne hinzuschauen, befahl er, die Tafel abzuwischen. Gereizt klang dabei seine Stimme. Und mit hartem Knall flog das Klassenjournal aufs Pult.

Erschreckt zogen wir die Köpfe zwischen die Schultern. Das konnte ja heute gemütlich werden!

Zerstreut wanderten Herrn Grunes bebrillte Augen von einer Bank zur anderen. Sie konzentrierten sich. Sie blieben schließlich mit einem mir vollkommen unverständlichen Ausdruck an meinem Gesicht haften.

Oje! Jetzt fiel mir auch ein, dass gestern, zur Zeit der großen Pause im Hof herumtollend, ich unserem Schuldirektor gegen den Bauch gerannt war. Ganz blau ist der nach dem Anprall geworden. Und trotz meiner hervorgestammelten Bitte um Entschuldigung sah er schön wütend aus. Nicht anders, das Ekel hat sich beklagt.

Da kam Herr Grune auch schon auf mich zu. Beunruhigt schaute ich ihm entgegen. Doch lag jetzt nichts als Müdigkeit in seiner Stimme.

»Du brauchst heute dem Unterricht nicht beizuwohnen«, erklärte er mir, »geh nach Hause, mein Kind. Dein Bruder wartet auch schon im Korridor auf dich.«

Vor Verwunderung sperrte ich den Mund auf. Vor grenzenloser Verwunderung klapperte ich mit den Augendeckeln. Ich muss wohl komisch ausgesehen haben, denn Herr Grune lächelte auf mich herab sein eigentümlich karges Lächeln. Dann, schon beim Weitergehen, strich er mir mit einer flüchtigen Handbewegung über das Haar.

Eilig packte ich meine Bücher zusammen. So etwas ließ man sich doch nicht zweimal sagen! Den Zurückbleibenden wünschte ich ein leises »Auf Wiedersehen«, und beim Türaufmachen stieß ich auch tatsächlich mit meinem Bruder zusammen.

Außer uns beiden erhielten in der Garderobe auch noch andere Kinder aus anderen Klassen ihre Mäntel. Das Nach-Hause-gehen-Dürfen fand aber anscheinend in ihren Augen wenig Gefallen. Im Gegensatz zu uns unterhielten die sich nämlich im Flüsterton. Und im Gegensatz zu unserer ausgelassenen Fröhlichkeit konnte man denen keine Spur von Freude anmerken.

Als Walter und ich, vergnügt über den unerwartet freien Tag, durch den immer stärker strömenden Regen heimtrotteten und schon die gute Hälfte des Weges zurückgelegt hatten, bremste plötzlich mit hysterischem Quietschen dicht neben uns ein Autotaxi. Ein Strom schwarzen Rinnsteinwassers ergoss sich über meine Füße. Ruckartig wurde von innen die Wagentür geöffnet, … und mein »Donnerwetter!« blieb mir im Halse stecken.

»Jott sei Dank! Da wärn se«, frohlockte unser Herr Wachtmeister. Und, sich zu uns herausbeugend, wischte er mit dem Handrücken über die verregneten oder verschwitzten Stirn und Backen.

Wortlos starrten wir in das hochrote, pitschnasse Gesicht, wussten nicht, was wir von seinem plötzlichen Erscheinen halten sollten.

»Nu aba rinn in de jute Stube!«, befahl uns der Schupo in solch resolutem Tonfall, dass Walter widerspruchslos Folge leistete. Und: »Ham se vielleicht irgend ne anstänje Vawandte in Berlin?«, fragte er mich, als wir schon hinter ihm saßen.

»Gewiss, Herr Wachtmeister«, versicherte ich ihm. »Unsere Oma. Kurfürstenstraße 71 wohnt sie. Und die ist sehr anständig. Aber könnten Sie mir nicht …«

»Jar keen aba!«, wurde mir da kurz das Wort abgeschnitten.

»Hast de jehört, Fritze?«, wendete er sich an unseren Chauffeur. »Kurfürstenstraße 71. Nu quetsch man aba jefällichst ’n bissken mehr Tempo, Tempo aus die olle Motorkutsche.«

»Nur keene Bange«, knurrte der zurück. »Det Ding wird jedreht.« Und los ging es.

Ich gelangte auch fast sofort zu der festen Überzeugung, dass aus unserem Vehikel noch ein ganz ansehnliches Tempo herauszuquetschen war. Denn Walter und ich begannen wie zwei wild gewordene Tennisbälle auf unseren Sitzen auf und ab zu hopsen, und bei einer mit besonderem Elan genommenen Kurve stießen wir schmerzhaft mit den Köpfen aneinander. Verdattert und durchgerüttelt hielten wir uns schließlich an den am Wagenpolster angebrachten Riemen fest, betrachteten abwechselnd das feiste Streifchen Nacken unter dem schwarz lackierten Tschako und Fritzens ziemlich abgeschabten Lederrücken.

Als wir an unserem Haus in der Berliner Straße (jetzt Schnellerstraße) vorbeirasten, sah ich dort für den Bruchteil von Sekunden eine Möbelpyramide auf dem Pflaster liegen. Braun gekleidete und ebenso gestiefelte Männer umstanden den Haufen.

Neugierig presste ich die Nase gegen das Hinterfenster und konnte gerade noch sehen, wie sich von unserem Balkon ein wohlbekannter Ledersessel löste und runterstürzte.

Entgeistert fuhr ich herum. Walter schaute, nichts ahnend, auf die andere Seite; der Chauffeur, so wie es sich gehörte, durch das Vorderglas. Und unser Wachtmeister putzte sich schnaubend und trompetend die Nase. Er hatte scheinbar auch nichts bemerkt. Nur kam er gerade in diesem Moment mit der Frage heraus, ob ich denn nicht wisse, wo unsere Eltern denn eigentlich stecken.

Das wusste ich. Die waren getürmt. Sie befanden sich im Ausland, in der Schweiz. Doch unsicher geworden, zog ich es vor, zu lügen.

»Keine Ahnung, Herr Wachtmeister. Wirklich nicht.«

Mich ungläubig anlächelnd, sah Walter sich um. Er wollte schon den Mund aufmachen, da traf ihn meine tatkräftige Warnung gegen das Schienbein. Nun schwieg auch er.

Bums! Großmutters Buch fiel auf den Boden, als der Schupo mit uns beiden an der Hand bei ihr erschien.

»Um Gottes willen!«

Die kleine alte Frau sah zu Tode erschrocken aus.

»Aba wat denn, wat denn … Imma mit de Ruhe, Frau Wolf«, beschwichtigte sie der Hüter der Ordnung. Und: »Is ja alles in Butta«, war das Letzte, was ich von unserem Herrn Wachtmeister zu hören bekam. Denn Großmutter stieß Walter und mich in ihr Schlafzimmer und zog eiligst die Tür hinter sich zu.

Nein, diese Erwachsenen! Mit ihrer ewigen Heimlichtuerei! Verärgert warf ich das durchnässte Cape von mir, und angestrengt lauschend beugte ich mich über das Schlüsselloch.

»Pssst! Du Idiot!«

Das galt meinem Bruder, der sich mit Krach und freudigem Hallo hinter Großmutters Angorakatze hermachte. Walter und die Mieze scherten sich aber einen Deibel um mein Geschimpfe, und so konnte ich aus dem polternden Brummen und wispernden Flüstern, das kaum vernehmbar durch die schwere Eichentür zu mir drang, auch nicht klug werden. Dann hörte ich Schritte, die sich zu entfernen schienen, und gleich darauf, mir fast den Schädel einschlagend, kam Großmutter herein.

Der erste Schreck war anscheinend überwunden. Sie sah aus wie immer: klein, altmodisch, streng und damenhaft. Nur zitterte kaum merklich ihre leise, brüchige Stimme, als sie uns mitteilte, dass wir noch heute, nein, jetzt gleich zu den Eltern nach Lugano fahren müssten.

Sofort war alles vergessen. Begeistert klatschte ich in die Hände, strahlte. Walter johlte vor Freude auf, wie es der letzte der Mohikaner nicht besser vermocht hätte. Dazu umtanzte er mich in wilden Sprüngen.

Die entsetzt fauchende Katze floh erhobenen Schwanzes. Großmutter beugte sich besorgten Gesichts über die Tiefen eines Koffers. Und ich fing schon wieder an, mich zu ärgern. Zu blöd und albern sind doch manchmal kleine Brüder! Auch überfielen mich von Neuem quälende Zweifel.

Was sollte das hässliche, auf Bank und Tafel geschmierte JUDEN RAUS! bedeuten? Wer schmiss unsere Möbel auf die Straße und warum? Wie konnten Walter und ich mitten im Schuljahr wegfahren?

Mit all diesen Fragen bestürmte ich Großmutter. Erst bekam ich überhaupt keine Antwort, und zu guter Letzt wurde ich nur ungeduldig angefahren. Und auf einen Klaps wollte ich es lieber nicht ankommen lassen.

Ein unkindlicher Kummer nahm allmählich von mir Besitz. Erbost verweigerte ich Großmutter meine Hilfe beim Packen, setzte mich abseits, dachte angestrengt nach. Zu einem Resultat kam ich nicht.

Wenige Stunden später befanden wir uns in der Halle des Schlesischen Bahnhofs. Unser Zug stand schon abfahrbereit. Schnell stiegen wir ein.

In dem uns angewiesenen Schlafwagencoupé drückte ich mich, von der ungewohnt anstrengenden Grübelei ganz erschöpft, in eine Ecke. Unbeachtet weinte ich dort leise vor mich hin. Und eingeschlummert, merkte ich gar nicht, dass unser Zug die Grenzen meiner Heimatstadt bereits verlassen hatte.

Kapitel 3
Schweizer Intermezzo. Begegnung mit Lion Feuchtwanger

Der Kurort Lugano wurde die erste und beste Etappe unseres gemeinsamen Exils. Einen ganzen Sommer hindurch wohnten wir dort im fashionablen Viertel der Stadt, im magnolienduftenden Paradiso.

Meine Befürchtungen betreffs der Unterbrechung des Schuljahrs hatten sich als unbegründet erwiesen. Walter und ich besuchten in Lugano eine deutsche Volksschule, in der ein schwarzlockiger Maestro Martinelli uns Italienisch beibrachte.

Unser Schulweg war ein weiter, doch gingen wir ihn gern. Er führte durch den herrlichen Stadtpark, an einem den sterbenden Sokrates darstellenden Marmordenkmal vorbei. Majestätisch schaukelten in der lauen Luft wedelnde Palmenfächer. Vom Hotel an gaben sie uns ein kerzengerades Geleit. Zwischen den behaarten Stämmen hindurch flimmerte in leuchtender Bläue der See. Kopfstehend spiegelten sich in seinen Fluten die schneebedeckten Kuppen der Monte-Rosa-Kette.

»Ohoo, Helvetia«, sangen Walter und ich, berauscht von der nie vorher gesehenen subtropischen Pracht und stolz auf unsere eben erst erworbenen italienischen Sprachkenntnisse: »bello Ticino/anche per noi/terra amata«.

Eines Sonntags, vom Strand heimkehrend, sah ich Vater mit einem neben ihm, dem Riesen, ganz besonders klein aussehenden Mann vor unserem Hotel auf und ab gehen. Beide waren in ein mir unendlich vorkommendes Gespräch vertieft, und ich hörte sie mehrmals belustigt auflachen. Der Fremde schien äußerst amüsiert. Er krähte hell, in den höchsten Tenortönen; Vater dröhnte tief, laut, salvenartig.

Dieses Duett klang so komisch, dass, ohne zu wissen, um was es sich handelte, ich gleichfalls loslachte. Hierbei bemerkten sie mich. Ich wurde herangerufen, musste die Hand reichen, machte einen Knicks. Ich schaute für einen Augenblick in hinter dicken Brillengläsern liegende, freundlich zusammengekniffene Augen, in ein mir unbekanntes, vom Lächeln zerfurchtes Gesicht.

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Familie Ruben-Wolf vor der Reise nach Moskau

Der Gong rief zum Dinner, deshalb gingen wir auseinander.

Im Speisesaal sah ich den Unbekannten wieder. Er saß an einem der guten Fensterplätze. Er widmete sich fast ausschließlich dem Inhalt seiner Teller, schenkte der lieblich vor ihm ausgebreiteten Natur sowie den vielen Menschen um ihn herum, die schwatzend, lachend und flirtend mit ihren Bestecken klapperten, nur mäßige Beachtung. Er kaute, schluckte, arbeitete konzentriert und emsig mit Gabel und Messer. Mir schien, dass er sich beeilte.

»Wer ist denn das?«, erkundigte ich mich nach ihm.

Meinem Blick folgend, nahm Vaters Gesicht einen innig achtungsvollen Ausdruck an.

»Das ist Lion Feuchtwanger, Jumbelchen. Ein ganz großer und sehr berühmter Schriftsteller. Und er ist genauso wie wir vor den Nazis geflohen.«

»So.« Nach dieser Auskunft fühlte auch ich eine gewisse Hochachtung zu dem Schnellesser in mir aufsteigen. Außerdem, ich saß zum ersten Male in meinem Leben in unmittelbarer Nähe einer Berühmtheit. Das wollte etwas bedeuten, und dementsprechend senkte sich auch meine Stimme bis zum Flüsterton.

»Was schreibt er denn?«, zischte ich gedämpft.

»Historische Romane.«

Damit wusste ich, bei Gott, wenig anzufangen.

»Und Märchen?«

»Nein, Märchen schreibt er nicht.«

»Auch sonst nichts für Kinder?«

»Soviel ich weiß, nein.«

»Och …«

Vater verstand meine Enttäuschung und versuchte mich zu trösten.

»In drei oder in vier Jahren wirst du schon Feuchtwangers Bücherlesen können. Sie werden dir bestimmt gefallen. Denn er ist wirklich, glaube mir, ein ganz großer, ein ganz bedeutender Künstler!«

»Möglich …«

Das Flüstern hielt ich in diesem Fall aber schon für überflüssig.

»Weißt du, Papa, er könnte sich ruhig etwas für uns Kinder ausdenken, dein Großer«, beharrte ich eigensinnig, den tief über seinen Teller gebeugten kleinen Mann mit missbilligenden Blicken streifend. »Ist Erich Kästner etwa von Pappe? Und Mark Twain, der ist ein Klassiker und der hat den ›Tom Sawyer‹ verfasst und sogar seinen Söhnen gewidmet. Also.« Gereizt fuchtelte ich schon mit Messer und Gabel in der Luft herum.

»Feuchtwanger ist aber kinderlos«, nahm Vater mir da den Wind aus den Segeln.

Ich flaute auch sofort ab. »Ach so … Na, vielleicht deswegen.« Schon etwas versöhnlicher gestimmt, schielte ich abermals zu dem Fensterplatz hinüber. Doch der war schon leer.

Da ich an besagtem Sonntagvormittag länger, als bekömmlich war, in den kalten Wassern des Luganersees geplätschert hatte, musste ich für kurze Zeit einer Erkältung wegen das Zimmer hüten. Als ich wieder das Mittagessen in der Speisehalle einnehmen durfte, sah ich Lion Feuchtwanger nicht mehr. Er befand sich bereits in Frankreich.

Bald nach ihm nahmen auch wir Abschied von dem uns lieb gewordenen Tessin. Meine Eltern begaben sich nach Paris, wo sie sich um die Einreiseerlaubnis nach Russland bemühten. Walter und mir war dadurch noch ein weiteres Dreivierteljahr in der sonnigen Schweiz beschieden, das wir in einer Kinderpension im Städtchen Montana des Kantons Wallis verbrachten.

Die Inhaber dieses »Mon Loisir«, ein sentimentales, sehr religiöses Ehepaar, gaben sich die erdenklichste Mühe, um uns unselige Judenkinder dem Christentum zuzuführen. Bei Walter war in dieser Hinsicht Hopfen und Malz verloren. Bei mir jedoch sollten Herr und Frau Kleinert mehr Erfolg haben. Und solange ich mich unter ihrer Obhut befand, blieb ich auch eine gläubige Protestantin.

Ich las, ohne dazu mit Strenge angehalten zu werden, leidenschaftlich gerne in der Bibel, wobei ich dem Alten wie dem Neuen Testament ein gleiches Interesse entgegenbrachte. Ich leierte genauso andächtig wie alle anderen Heimzöglinge vor dem Schlafengehen mein »Vater unser« herunter; ich zog mit Vorliebe an Sonntagen zusammen mit Jürgen, ihrem Sohn, in der Kirche am Glockenstrang. Und zu den Klängen unseres verstimmten Hausharmoniums sang ich im Chor und solo: »Wer beten kann, ist selig dran« – bar jeder Vorstellung, wie selig, im Vergleich zu späteren Zeiten, hier, in Montana, ich noch dran war.

Was an meinem damaligen frömmelnden Getue echt und was an ihm nur Schauspielerei war, fällt mir auch heute noch schwer auseinanderzuhalten.

Im Januar 1934 erhielten meine Eltern durch die deutsche Sektion der Komintern die Einreiseerlaubnis nach Russland. Und schon im Februar desselben Jahres trafen wir als Politemigranten in Moskau ein.

Kapitel 4
Ankunft in Moskau. Das MOPR-Kinderheim

Uns empfing Winterkälte, – 30 Grad, die durch atemraubend eisige Windstöße verstärkt wurde. Nach Berlin, Lugano, Paris machte die Hauptstadt Räterusslands einen unsäglich armseligen, ungepflegten Eindruck. Vom Belorussischen Bahnhof bis nach Ochotnyj rjad zog sich eng und schlecht bepflastert die Twerskaja. Jetzt trägt sie den Namen Maxim Gorkis und ist eine der schönsten Straßen Moskaus.

Bimmelnde Elektrische, an denen zappelnde Menschentrauben hingen, erfüllten die Stadt mit ohrenbetäubendem Getöse. Vor den Lebensmittelgeschäften drängten sich von früh bis spät riesige Schlangen schlecht gekleideter und schlecht aussehender Frauen.

Obdachlose Kinder, vom Hunger aus der Ukraine und aus Wolgadeutschland vertrieben und von ihm, dem Würger, zu Waisengemacht, hielten Moskau in Horden belagert. Überall stieß man auf diese Besprisorniki. Hungrig, halb nackt, blau gefroren, trieben sie sich, eine Plage der Einwohner, in den Straßen herum.

Die Obdachlosen schliefen in den ewig überfüllten Wartesälen der Bahnhöfe, in Güterzügen, in Kellergewölben; sie verkrochen sich nachts wie lebensmüde Tiere in dunkle Treppenaufgänge. Tagsüber bettelten und stahlen sie. Malerisch in ihre Lumpen gehüllt, konnte man sie direkt auf den schnee- und eisverkrusteten Pflastersteinen sitzen sehen: Sie spielten Karten und rauchten dazu stinkende Machorka; sie fluchten und sangen zwischendurch herrliche Lieder. Gezwungen, auf Raub auszugehen, stießen sie hin und wieder einem zufälligen Opfer, im Streit auch manchmal einem von ihnen das in der russischen Verbrecherwelt berüchtigte doppelkantige Messer, Finka genannt, in die Seite.

Vater hatte für alles ungewohnt Düstere und Hässliche, das uns in der neuen Heimat umgab, tiefstes Verständnis. Er wurde nicht ungeduldig und wenn auch zum hundertsten Mal einer der in Russland von Ausländern so oft verlangten Anträge (sajawlenije) umgeschrieben werden musste oder wenn ihm schon wieder ein neuer ellenlanger Fragebogen vorgelegt wurde. Er konnte stundenlang, ohne zu murren, in der MOPR auf Empfang warten. Er amüsierte sich nur darüber, dass es ihm nicht gelingen wollte, in die stets überfüllten Elektrischen hineinzukommen. Ging eben zu Fuß.

Mitleidig, nicht ohne künstlerisches Interesse beobachtete Vater das Treiben der Obdachlosen. Er schenkte ihnen Valuta, zeichnete sie. Er geriet nicht außer sich, als nach angeregtem Geplauder mit einem von ihnen, dessen wolgadeutsches Kauderwelsch und einnehmende Art es ihm angetan hatten, er zu Hause das Verschwinden seiner goldenen Taschenuhr feststellte.

Vater betrachtete Land, Menschen und Ereignisse mit den überzeugten Augen eines Gläubigen. Begeistert und hoffnungsfroh klärte er uns über den großen Plan der Rekonstruierung Moskaus auf. Dort, wo vorläufig noch unansehnliche Häusermassen klebten, wo knietief Schmutz und Geröll herumlagen, sah er schon helle Neubauten, grüne Parkanlagen und marmorgleißende Untergrundbahnstationen entstehen.

Vater, der immer Geduldige und Tolerante, konnte Zweifler hart anfahren. Er ärgerte sich, wenn wir angeekelt einen besonders aufdringlichen Obdachlosen abwimmelten.

»Schämt euch!«, brummte er dann wohl. »Der arme Kerl wird es bald besser haben. Er wird schon in nächster Zukunft in der Lage sein, tüchtig beim Aufbau mitzuhelfen.«

Mutters schweigender Skeptizismus tat ihm weh.

»Staunen wirst du noch, Marthel, staunen!«, unterbrach er des Öfteren seine ihm bereits zur Gewohnheit gewordenen Lobtiraden, bekümmert und irritiert durch ihr stereotypes Achselzucken.

Gleich nach unserer Ankunft erhielten wir durch die MOPR ein kleines Zimmer in dem im Zentrum Moskaus gelegenen Hotel »Passage« angewiesen. Beide Eltern erhielten auch sofort Arbeit. Da Walter und ich nicht den ganzen Tag uns selbst überlassen werden konnten, brachten sie uns in einem MOPR-Kinderheim unter, das sich in der Textilstadt Iwanowo befand.

Auch heute noch überfällt mich ein Frösteln bei der Erinnerung daran, wie kalt trotz der im Hof hoch aufgestapelten Holzvorräte wir es dort im Winter hatten. Den spärlichen Heizkörpern entströmte eine milde, lauwarme Temperatur, die nicht imstande war, das zweistöckige Gebäude richtig durchzuheizen.

Herrgott, wie jämmerlich froren wir in unseren dünnen Flanellkleidchen und fadenscheinigen Baumwolljacken! Die Mehrzahl der Kinder lief auch ewig mit nassen Nasen herum und schnäuzte sich aus Mangel an Taschentüchern einfach in die Hand, die dann hübsch säuberlich an den Kleidern abgewischt wurde. Auch war das Essen zum Verzweifeln eintönig und vitaminarm und die Portionen, die uns zugeteilt wurden, zum Verzweifeln klein.

Dessen ungeachtet gefiel mir das Leben in Iwanowo. Herrlich fand ich zum Beispiel die allsonnabendlichen Filmvorführungen. Ich verstand damals schon genug Russisch, um voll Enthusiasmus die Kämpfe, Siege und Niederlagen der Tschapajew-Reiter oder der meuternden Matrosen des Panzerkreuzers »Potemkin« zu verfolgen.

Und ganz besonders imponierte mir, dass man in unserem Heim zur Zeit des Schulunterrichts tun und lassen konnte, was einem gerade beliebte. Das Wort Disziplin schien hier unbekannt zu sein. Von Hausarbeiten war überhaupt keine Rede.

Unsere Jungens liefen darum auch gewöhnlich in den Stunden mit »Hurra!« und »Hände hoch!« in der Klasse zwischen den Bänken herum. Dagegen benahmen sich die Mädels schon viel solider. Die saßen gruppenweise über Handarbeiten gebeugt, wobei nur halblaut geschwatzt und gelacht wurde.

Ich persönlich verhielt mich individualistisch, stopfte mir die Finger in die Ohren und begeisterte mich an den Abenteuern des Jules Verne oder Mayne Reid. Manchmal aber, des Lesens müde, stand ich auf, ging vollkommen unbekümmert am Lehrer oder an der Lehrerin vorbei zur Tafel (dort war mehr Platz) und trieb Gymnastik. Meine exakten Brücken und Spagate zwangen auch nicht nur den Mädels, nein, auch unseren Jungens neidvolle Anerkennung ab. Besonderen Beifall erntete ich jedoch an dem Tage, als ich vorsorglich in Trainingshosen zum Unterricht erschien und meinen schon in der Berliner Schule berühmt gewesenen Handstand demonstrierte.

Hier, in Iwanowo, sollte es geschehen, dass ich meinen ersten harten Kampf gegen bange Unentschlossenheit, gegen den eigenen Kleinmut zu bestehen hatte. Das geschah folgendermaßen.

In der Klasse mit meinem Bruder lernte ein schon zwei Jahre hintereinander sitzen gebliebener Junge namens Franz L. Seinen Vater hatten die Nazis in Deutschland hingerichtet, von einer Mutter war nichts zu hören. Franz erhielt nie Besuch und, wie ich glaube, auch keine Briefe. Höchstwahrscheinlich lag darin der Grund, warum seine runden, wasserblauen Augen so wild und so trotzig dreinschauten.

Größer und älter als seine Mitschüler, spielte Franz den Diktator. Er terrorisierte die ganze Klasse, er brachte Lehrer und Heimerzieher buchstäblich zur Verzweiflung. Eine seiner Lieblingsbeschäftigungen bestand darin, Katzen einzufangen, die fürchterlich Miauenden erst mit Petroleum zu begießen, dann anzustecken und als lebendige Fackeln laufen zu lassen.

Ich hatte eine Höllenangst vor dem Bengel und ging ihm, so gut ich konnte, aus dem Wege. Doch wollte es der Zufall, dass Franz und Walter Banknachbarn waren.

Einmal wie gewöhnlich wild um sich schlagend, traf Franz meinen Bruder mit dem Ellenbogen ins Gesicht. Der bekam sofort Nasenbluten. Betäubt, erschreckt kam Walter zu mir gelaufen. Es war gar nicht einfach, ihn zu beruhigen. Auch brauchte es Mühe und Geduld, bis ich mit kaltem Wasser seine Sachen gereinigt hatte. Und dann musste er sich noch mindestens zwei, drei Stunden lang an einen der lauwarmen Heizkörper anlehnen, um sie zu trocknen.

Dem Franz gefiel es aber anscheinend, dass ein einziger kurzer Schlag von ihm uns beiden so viel Plage und Scherereien machte. So gönnte er sich diesen Spaß nun regelrecht.

Walters Baumwolljäckchen war überhaupt nicht mehr trocken zu kriegen. Feucht und übel riechend, klebte es an seinem Körper. Das Herz zog sich mir im Leibe zusammen, als ich ihn so von Tag zu Tag blasser und bedrückter umherschleichen sah. Es wollte mir aber durchaus nicht imponieren, dass mein kleiner hübscher Bruder es gar nicht versuchte, sich zu wehren.

»Hau dem Kerl doch eins in die Magengrube«, riet ich ihm eines Tages, als ich ihm beim Wieder-trocken-Werden Gesellschaft leistete. Und vor Erregung boxte ich Löcher in die Luft.

Walters schöne, wie mit dichtem Trauerflor bewimperten Augen sahen meiner Pantomime traurig zu. Er schüttelte nur den Kopf.

»Ich kann das nicht.«

»Ach was! Einfach feige bist du. Du Waschlappen!«, platzte mir da die Geduld.

Die Beleidigung ließ ihn zusammenzucken. Er wollte etwas erwidern, schwieg aber. Große, klare Tropfen sammelten sich an den Spitzen des Trauerflors. Verflucht! Das konnte ich nicht sehen. Mit einem Gefühl, als sei ich selbst in den Magen geboxt worden, wendete ich mich ab.

Dabei war mein Bruder durchaus kein Feigling. Das erkannte ich aber erst einige Jahre später. Er bewies dies, indem er sich zwischen mich und einen tollwütigen Schäferhund warf, der ihm ganz entsetzlich das Gesicht zerbiss. Seine fast abgerissene Unterlippe musste genäht werden, und er bekam im Laufe eines ganzen Monats dreißig schmerzhafte Injektionen gespritzt. Niemand sollte damals auch nur ein einziges Wort der Klage hören.

»Gott sei Dank, dass er dir nichts getan hat«, war alles, was er zu diesem Fiasko äußerte. Auch im Herbst 1941, als Moskau stark unter den faschistischen Bombenangriffen litt, benahm er sich außerordentlich kaltblütig.

In Iwanowo konnte ich das alles aber noch nicht wissen. Und die scheinbare Hasenherzigkeit meines jüngeren, innig geliebten Brüderchens, eine Eigenschaft, die mir an anderen besonders verhasst war, machte mich ungerecht und streitbar.

Ich ging zum Direktor des Kinderheims, von dem ich mir Schutz erhoffte. Der musterte mich mehr erstaunt als verärgert. Feixte:

»Zum Teufel! Was soll ich denn da machen? Der Franz ist alleine, und ihr seid zu zweit. So etwas Unselbstständiges!«

Ehrlich gesagt, ich fand, der Genosse Lapschin habe gar nicht so unrecht. Dass Walter für eine Rauferei leider nicht zu gebrauchen war, konnte er ja nicht wissen.

Ich schrieb unseren Eltern, bekam keine Antwort. Ich schrieb noch einmal. Umsonst. Ich war ratlos.

Bis Walter sich nach einem der systematisch hervorgerufenen Nasenbluten erbrach. Schneeweiß und halb ohnmächtig lehnte er an meiner Schulter.

Behutsam führte ich ihn in mein Zimmer, legte den von heftigem Schüttelfrost Befallenen aufs Bett, deckte ihn warm zu. Vor Wut knirschte ich mit den Zähnen. Vor Wut sah ich schwarz. Das musste man dem Schwein austreiben! So meinen kleinen Bruder zu malträtieren. Wie weggeblasen war plötzlich all meine Angst, all meine Bange vor dem Franz. Ein einziger Wunsch, ein einziger Gedanke hielt mich gefangen: »Dem muss ich es heimzahlen.« Noch einen Blick auf Walters verweintes, blutverschmiertes Gesichtchen werfend, rannte ich los.

Vor meiner Klassentür angekommen, stockte ich. Mir war eine glänzende Idee gekommen. Ich ging hinein, holte aus meinem Ranzen einen hölzernen Federkasten, Großmutters Geschenk zum ersten Schultag, den ich seiner massiven Schwere wegen nicht leiden mochte. Abschätzend wog ich ihn in der Hand. Der war gerade richtig.

Hingelümmelt auf Walters Platz fand ich unseren Peiniger. Er war gerade damit beschäftigt, mit einem Rasiermesserchen den Lack von der gemeinsamen Bank herunterzukratzen. Er schien derart eingenommen, dass mein Kommen unbemerkt blieb. Ich trat ganz nahe an ihn heran.

»Franz!«

Irgendetwas in meiner Stimme musste ihn beunruhigt haben. Er sah hoch und starrte mich erschrocken an. Da sauste auch schon mit voller Wucht die Kante meines Federkastens auf seinen Nasenrücken. Mehr zur eigenen Abwehr hob ich den Arm noch einmal, aber ich ließ ihn gleich wieder sinken. Der Franz hatte genug. Mit jäh zurückgeworfenem Kopf und schlaff hängenden Armen saß er da und schaukelte sich vor Schmerz. Der wie zum Schrei geöffnete Mund schnappte karpfenartig nach Luft, doch kam kein Laut über seine Lippen.

Meine Erregung erreichte indessen den Höhepunkt.

»Wenn du dir noch ein einziges Mal erlaubst, meinen Bruder anzurühren, schlage ich dich tot!«, brüllte ich. »Ich nehme einfach ein Holzscheit im Hof und zertrümmere dir damit deinen dämlichen Schädel. Merke dir das!«

Die vor Zorn überkippende Stimme versagte mir den Dienst. Ich verschluckte mich und musste husten. Einige Schüler, die sich bis dahin schweigend als neutrale Beobachter betätigt hatten, fingen an zu kichern. Man gönnte es uns von Herzen: dem Franz seinen Schreck und mir den Ärger. Mein Widersacher reagierte plötzlich mit hündischem Gewinsel, setzte aus, winselte von Neuem. Jetzt lachte bereits, inklusive des Lehrers, die ganze Klasse. Man tobte, man grölte vor Gelächter. Nur uns beiden, dem Franz und mir, war elend zumute.

Walters weit aufgerissene Augen schauten mir erwartungsvoll entgegen. Das Blut unter seiner Nase und in den Mundwinkeln war geronnen und ganz braun geworden. Es sah aus, als habe er Schokolade gegessen und sich beschmiert.

»Du hast ihn, hast ihn …?« Und hingerissen deutete er auf meinen Federkasten.

Jetzt erst fiel mir auf, dass der einen tüchtigen Sprung abbekommen hatte. Angeekelt warf ich ihn von mir, setzte mich zu Walter aufs Bett, verfiel ins Grübeln. Was um alles in der Welt sollte nun werden? Sowie der Franz sich nur erholt, nimmt der gleich Rache an mir. Und bevor ich ihm den Schädel einschlage, haut der uns beide windelweich. Ich sah mich schon gefesselt und mit Petroleum begossen; ich sah mich lichterloh brennen und kläglich verenden. Das alte üble Angstgefühl vor dem Jungen kroch wieder spinnenartig in mir hoch. Ich schluckte, ich zog energisch mit der Nase. Es half alles nichts. Mir kamen die Tränen. Walter, zu einem Tränenerguss immer bereit, weinte bitterlich mit.

Die gemeinsame Heulerei hatte sich indessen als verfrüht erwiesen. Nichts dergleichen geschah. Unser Feind lief nur längere Zeit kleinlaut mit einer fürchterlich angeschwollenen und sich in allen Farben des Regenbogens verfärbenden Nase herum. Zur allgemeinen Verwunderung ging ihr Besitzer so gleichmütig an mir vorbei, als hätte ich mich niemals an ihm vergriffen. Und ohne speziell dazu aufgefordert zu sein, setzte er sich bald nach dem beschriebenen Ereignis neben einen anderen Schüler. Er ließ uns ein für alle Male in Ruhe.

Ganz allmählich erfüllte mich ein eigentümlich süßes Gefühl, wenn ich mich des Tobsuchtsanfalles erinnerte, der mir im Heim den Spitznamen »Tschuma« (Besessene) eintrug. Ich fühlte mich auch absolut nicht beleidigt, wenn man mich so nannte. Und die Erkenntnis, dass die schlimmsten Menschenschinder in der Regel auch die ärgsten Feiglinge sind, setzte sich von da an in mir fest.

Kapitel 5
Immer noch in Iwanowo. Die Stassowa

Ungefähr um dieselbe Zeitspanne und gleichfalls hier in Iwanowo sollten meine Eltern ihren ersten ernsten Zusammenstoß mit der sowjetischen Wirklichkeit erleben.

Da sie bei ihren allmonatlichen Besuchen Walter und mich von Mal zu Mal abgemagerter vorfanden und sich auch selbst davon überzeugten, dass unsere Verpflegung im Heim zu wünschen übrig ließ, sprachen sie darüber bei der damaligen Vorsitzenden der MOPR in der UdSSR, bei Jelena Dmitrijewna Stassowa.

Letztere, eine alte Bolschewikin und frühere Sekretärin Lenins, war sprachlos.

»Wo doch der Staat für unsere Zöglinge solch enorme Summen zur Verfügung stellt!«, empörte sie sich.

Und die Genossin Stassowa brachte, zur größten Zufriedenheit meiner Eltern, eine sofortige Untersuchung in Gang. Dazu wurde eine spezielle Untersuchungskommission von mehreren MOPR-Angestellten erwählt. Kurz entschlossen stellte sie sich und meine Mutter an deren Spitze, zornsprühend verließ sie ihr gediegen eingerichtetes Riesenkabinett mit dem von blumenspendenden Pionieren umjubelten Stalin in Lebensgröße an der Wand und begab sich zur Revision nach Iwanowo.

Nur konnten meine Eltern natürlich nicht ahnen, dass Genossin Stassowa die genaue Ankunftszeit und den Zweck ihres Besuches vorher der Heimleitung hatte telefonisch mitteilen lassen. Auch konnten sie keinesfalls ahnen, dass die durch ihre Eröffnung hervorgerufene Empörung der alten angesehenen Parteigenossin durchaus nicht den Zuständen unseres Heims galt, das ihren Namen trug und das in der Sowjetunion als eine Musteranstalt galt, worin man sich auch nicht irrte. Die Lebensbedingungen in den gewöhnlichen russischen Kinderheimen waren mit den unseren überhaupt nicht zu vergleichen.

Die Stassowa, der es an Verstand und an Menschenkenntnis durchaus nicht fehlte, begriff sofort, dass meine Eltern die Wahrheit sagten, dass sie wohl kaum übertrieben. Es kamen also in ihrem stolz geliebten Heim anscheinend Übergriffe vor. Es wurde dort also, allem Anschein nach, ganz tüchtig gestohlen.

Na und wenn schon? Wo, o gerechter Gott, stahl man nicht ein bisschen im Mütterchen Russland? Musste man solch einer Lappalie wegen gleich zu ihr laufen? Nein, sie hatte sie gründlich satt, diese unaufhörlichen lästigen Nörgeleien seitens dieser genauso lästigen wie unverständlichen Ausländer. Und hier bot sich ihr nun endlich die längst ersehnte Gelegenheit, um der breiten Öffentlichkeit und vor allem noch einmal sich selbst glänzend zu beweisen, wie verlogen und unbegründet die ewigen Klagen der ihr anvertrauten Politemigranten im Grunde genommen waren.

Von dem sich bereits in Moskau abspielenden Prélude zu der nach Iwanowo weiterverlegten Buffonade hatte ich natürlich nicht die blasseste Ahnung. Nur wunderte ich mich eines Tages darüber, denn es war schon längst nach dem ersten Mai und noch lange vor den Novemberfeiertagen, dass unser ganzes Haus gesäubert und geschrubbt wurde wie nie zuvor. An die Zentralheizungskörper konnte man sich jetzt nur noch mit Anwendung größter Vorsicht anlehnen. Es war dies auch gar nicht mehr nötig. Wie von einem Zauberstab berührt, kletterten mit einem Male die Quecksilberröhrchen unserer Zimmerbarometer steil in die Höhe.

Wir alle steckten schon seit dem frühesten Morgen in unseren Paradekleidern: blaue Röcke, blaue Hosen; weiße Blusen und seidene Pionierhalstücher. Wer besonders zottelig aussah, musste zum Friseur. Nägel wurden beschnitten; Haare gekämmt; Nasen geputzt. Unsere Erzieher rannten umher wie gehetzt, sie schrien sich heiser.

Der Speisesaal, gewöhnlich kahl und prunklos, war kaum wiederzuerkennen. Auf allen Tischen lagen weiße Tischtücher. Und in wasserlosen Glasvasen standen farbenprächtige Papierblumen. Sogar Bestecke waren plötzlich in genügender Menge vorhanden. Man brauchte sich also nicht mehr bei allen drei Gängen mit nur einem Suppenlöffel begnügen. Die Hauptsache jedoch, das Essen, es schmeckte himmlisch. Und wer eine zweite Portion wünschte, bitte schön!, der erhielt sie. Das reinste Schlaraffenland. Ich fühlte mich auch schon fast so gut wie im Kommunismus. In dieser Zukunftsphase des Sozialismus soll nämlich, wie mir bekannt war, ein jeder bekommen, was er will und so viel er will.

Nur eins verursachte mir Unbehagen: die schiefen Blicke und spitzen Bemerkungen unseres Heimpersonals, die unmissverständlich meinem Bruder und mir galten. Sehr viel Russisch konnte ich damals noch nicht, aber immerhin schon genug, um zu verstehen, dass ihre Unzufriedenheit auf irgendeine Weise meine Eltern hervorgerufen haben mussten. Was war geschehen? Über dieses Problem sollte ich mir nicht allzu lang den Kopf zerbrechen. Die Lösung kam unverhofft schnell und in Person der Genossin Stassowa.

Devot von ihren Kommissionsmitgliedern und unserem Direktor umgeben, erschien sie zur Mittagszeit im Speisesaal. Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen, als ich zwischen den Ankömmlingen meine Mutter entdeckte.

Sie sah übermüdet aus. Auch schien sie ungemein aufgeregt. Mutters Augen glänzten fieberhaft, und das ganze Gesicht war hektisch verfleckt. Ihrer Angewohnheit treu, rieb sie sich nervös die Hände, knackte mit den Fingerknöcheln.

Erstaunt nickte ich ihr zu und wollte aufstehen, doch sie winkte ab. Da blieb ich auf meinem Platz.

Jelena Dmitrijewna musste ungefähr eine Sechzigerin gewesen sein. Ihr Name hatte damals in Russland, und er hat dies auch heute noch, einen guten Klang. Doch war sie der herzlosen und bürokratischen Arbeitsmethoden wegen, mit denen sich die von ihr verwaltete MOPR ganz besonders auszeichnete, ungemein verhasst in Politemigrantenkreisen. Die Mehrzahl der deutschen Genossen nannte sie gewöhnlich nie anders als »das Biest«. Meine Eltern und ich hatten die Frau in den Vorzimmern ihres Büros mehr wie einmal verfluchen hören. Kein Wunder, dass ich sie nun, wo ich sie zum ersten Mal persönlich vor mir sah, gar nicht intensiv genug betrachten konnte.

Doch wider Erwarten – Jelena Dmitrijewna gefiel mir. Ihr glattes aschgraues Haar, zu einem Knoten im Nacken zusammengeschlungen, umschloss wie ein Helm ihren bedeutenden Kopf, aus dem kluge, lebhafte Augen schauten. Trotz des vorgeschrittenen Alters musste man an ihr eine mädchenhaft wirkende Anmut der Bewegungen und den tiefen Wohllaut ihrer Stimme bewundern.

Langsam von Tisch zu Tisch schreitend, redete Stassowa einige unserer Zöglinge laut an. Mein Nicken und Mutters Abwinken hatte sie wohl bemerkt, schenkte uns aber zunächst keinerlei Beachtung.

Wie ich feststellte, bezogen sich ihre Fragen auf das Leben, auf die Verpflegung im Heim. Die Kinder, an die sie sich wendete, es waren dies meist ältere Pioniere und Komsomolzen, antworteten prompt, sie seien alle sehr zufrieden, und davon, wie gut das Essen sei, könne sich ja die Kommission auf der Stelle überzeugen.

Weit davon entfernt, zu verstehen, was hier gespielt wurde, machte mich die sich gleichmäßig wiederholende und höchstwahrscheinlich vorher gut einstudierte Lüge der Gefragten doch etwas stutzig. Vor mir dampfte aber so einladend Gulasch mit Nudeln. Und ich hatte Hunger. Als ich gerade dabei war, mir vergnügt eine zweite Portion auf den Teller zu laden, kam die Vorsitzende der MOPR in meine Nähe.

»Schau mal einer an! Du hast ja anscheinend keinen schlechten Appetit«, meinte sie scherzhaft, und sie blieb hinter mir stehen.

Ich konnte die Frau nicht gut sehen, denn ich saß auf einer langen Bank, eingepresst zwischen anderen Kindern. So gut es ging, drehte ich mich ihr zu, und so erblickte ich sie nur schräg von unten nach oben. Trotz der unbequemen Körperlage wurde mir mit erschreckender Deutlichkeit gewahr, dass ein freundlich lächelndes Gesicht auch gleichzeitig hinterhältig verkniffen aussehen kann.

»Ja danke, Appetit ist da«, bestätigte ich betroffen, und ich machte mich wieder an meinen Teller.

Unbehaglich, sich so von hinten angestarrt zu fühlen. Was wollte die Frau nur? Warum ging sie nicht weiter? Da mir der Bissen im Halse stecken blieb, legte ich mein Besteck aus der Hand und verdrehte abermals den Hals. Jetzt trat auch Mutter näher.

»Tag, Sonja«, sagte sie leise. Und in ungewohnt niedergeschlagenem Ton: »Wie geht es denn euch beiden?«

Zeit für eine Antwort sollte ich nicht haben. Jelena Dmitrijewna riss sie mir buchstäblich aus dem Mund.

»Aber Genossin Wolf, sehen Sie denn nicht, wie gut Ihrem Töchterchen das Essen schmeckt?«, sang sie in ihrem schönsten Mezzosopran. Und sie begleitete diese Frage mit einem kurzen abgehackten Gelächter, in das sogleich unser Direktor und einige der MOPR-Adjutanten einfielen. Spott und Ärger klangen aus Stassowas Stimme, Spott und Ärger – aus dem allgemeinen beflissenen Gelächter. Beides blieb mir nicht verborgen.

Die Stassowa hatte immer noch nicht genug.

»Nicht wahr, Kindchen, du willst genauso groß und so dick werden wie dein Vater?«

Sie sagte: »grrrosss uund diiig«, denn sie sprach deutsch mit mir.

Diese Frage erwies sich als grober taktischer Fehler, und nur ihr war es zu verdanken, dass die Fäden dieser so exakt parierenden Marionettentruppe doch etwas durcheinandergerieten.

Ich fuhr gänzlich herum. Zog einfach die Knie hoch und schwang mich mit einem Ruck über die Bank, gleichgültig gegen das Murren meiner Tischnachbarn, die Stöße und Tritte abbekamen. Voll sah ich der Frau ins Gesicht, aus dem nun wie weggewischt das falsche Lächeln schwand.

Beschämt, gesenkten Kopfes, stand Mutter neben ihr. In solch einem Zustand hatte ich die immer Selbstsichere noch nie gesehen. Und die Erkenntnis, was dieses anfangs so unverständliche Erscheinen der Stassowa und ihrer Kommission mit Mutter als schwarzem Schaf in der Mitte zu bedeuten hatte, kam jäh und schmerzhaft über mich. »Du Biest!«, dachte es in mir. »Du Luder!« Doch antwortete ich ruhig und höflich, nur um ein weniges zu heiser.

»Jawohl, Jelena Dmitrijewna, Sie haben recht. Ich will in jeder Hinsicht genauso werden wie mein Vater.«

Die Stassowa ließ sich nichts anmerken. Sie hob nur, während ich sprach, ganz leicht die Brauen.

»Und das Mittagessen ist auch nur heute und auch bloß Ihretwegen so gut«, fügte ich, mich räuspernd, in meinem besten Russisch hinzu. Und ich freute mich darüber, in den Augen meiner Mutter so etwas wie Anerkennung aufblitzen zu sehen.

»Sooo? Nun, der Apfel fällt ja auch gewöhnlich nicht allzu weit vom Stamm«, zitierte Jelena Dmitrijewna, meinen Ausfall einfach überhörend, ein bekanntes russisches Sprichwort.

Die Lust am weiteren Komödiespielen muss ihr jedoch wohl etwas vergangen sein, denn sie verließ bald darauf, treulich begleitet von ihren Satelliten, den Speisesaal und wenige Stunden später das Heim.

Nach diesem für alle Beteiligten gleich unerquicklichen Begebnis konnten Walter und ich nicht mehr gut in Iwanowo verbleiben. In diesem Falle gingen, wie leicht zu verstehen ist, die Interessen der Genossen Wolf und die Ansicht der Genossin Stassowa konform. Meinen Eltern wurde durch die MOPR ein zweites Zimmer angewiesen, wodurch sie die Möglichkeit erhielten, ihre Kinder zu sich zu nehmen.

Am ersten Dezember 1934, ein paar Tage bevor wir Iwanowo für immer verließen, hisste plötzlich die ganze Stadt rote Fahnen, an denen schwarze Trauerschleifen flatterten.

Auf einem Meeting im geräumigen Kinosaal wurde uns mitgeteilt, dass Volksfeinde in Leningrad den Genossen Kirow umgebracht hatten.

Walter und mir war vordem noch nie etwas von der Existenz dieses glühenden Tribuns, als den die Zeitungen ihn nun einstimmig rühmten, zu Ohren gekommen. Wir sahen auch zum ersten Male Bilder von ihm. Und worin eigentlich seine große Bedeutung für den Staat, für die Partei bestand, blieb mir auch nach den verschiedenen Ansprachen ziemlich unklar. Doch den warmen Klängen des Trauermarsches lauschend, mit dem das Meeting sein Ende nahm, überfiel mich heftiges Mitleid. »Unsterbliche Opfer, ihr sanket dahin«, sangen die Versammelten.

Armes Opfer! Armer Genosse Kirow! Wie war das doch gemein, so hinterrücks Kommunisten abzuschießen. Ganz erschüttert von so viel Niedertracht der Sowjetfeinde, summte ich, da ich die Worte des Liedes nicht kannte, wenigstens seine Melodie mit.

Kapitel 6
Vater geht unter die Filmschauspieler. Die Tretjakowka.
Wir ziehen in den »Weltoktober«

Das ganze Jahr 1935 verbrachte unsere kleine Familie wieder glücklich vereint im Hotel »Passage«.

Mutter arbeitete in einem staatlichen Abortarium. Vaters innigster Wunsch, sich nicht mehr ärztlich betätigen zu müssen, fand in der Sowjetunion seine Erfüllung. Er war in einem Verlag angestellt, wo er Lehrbücher für die englische und die französische Sprache redigierte. Walter und mich betreute eine junge Wolgadeutsche, die des Hungers wegen ihre Heimat verlassen hatte.

Diese Olga Weiß machte besonders in der ersten Zeit, die sie bei uns verlebte, einen krankhaft niedergeschlagenen, ganz verstörten Eindruck. Gewissenhaft, tüchtig und bedrückt besorgte sie ihre Arbeit. Sie betete, kaum merklich die blassen, spröden Lippen bewegend, vor dem Schlafengehen, beim Aufstehen, wenn zu Tisch gegangen wurde. Sie weinte oft und, wie mir scheinen wollte, gerne leise und bitterlich vor sich hin. Nach den Gründen ihres Kummers befragt, musterte Olga den jeweiligen Fragesteller aus tief liegenden, misstrauisch zusammengekniffenen braunen Augen. Schwieg.

Im Verlaufe der Zeit gewöhnten wir uns alle vier an ihr eigentümliches Wesen. Dazu kam, dass Walters und mein Leben ausgefüllt war mit Lernen und mit Pionierarbeit in einer russischen

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Martha, Walter, Sonja, Lothar in Moskau, 1935/36. Ein scheinbar friedliches Familienfoto, auf dem noch nichts auf die drohende Gefahr hindeutet, die längst über Lothar Wolf schwebte.

Schule, in der wir uns sehr heimisch fühlten. Und unsere Eltern hatten ebenfalls Besseres zu tun, als sich um die Gemütsverfassung einer verschrobenen Melancholikerin zu kümmern.

Wie war doch das Leben damals interessant und vielfältig für mich! Allein das Aussehen der Stadt, das sich von Tag zu Tag änderte, gab immer wieder Veranlassung zu neuen Entdeckungen und zu frohlockenden Vergleichen. Die Gorkistraße, total umgebaut und erweitert, ohne die bimmelnden Elektrischen, machte bereits einen erfreulich europäischen Eindruck. Die Ochotnyj rjad schmückten schon der weiße Koloss des Hotels »Moskau« und die imposant schlichte Fassade des Rates der Volkskommissare. Die erste Linie der eben erst eingeweihten Untergrundbahn rief allgemeine Begeisterung hervor.

Wie ein Kind freute sich Vater über jede Verschönerung der Stadt. Er bekam es nie satt, etwas schon längst Bestauntes noch und noch einmal zu bewundern. Immer wieder klärte er dabei mich, seine dankbarste Zuhörerin, über die Vorteile eines sozialistischen Aufbausystems auf. Auch waren die Obdachlosen verschwunden. Sie seien, so erzählte Vater, in Arbeitskommunen untergebracht, wo man ihnen die Möglichkeit gebe, ein Fach zu erlernen, und wo sie anständige Verpflegung haben sollten.

Ein für unsere Familie außerordentlich aufregendes Ereignis beschäftigte uns damals mehrere Monate hindurch. Der in die Sowjetunion emigrierte Regisseur Gustav von Wangenheim und sein Hilfsregisseur Hans Rodenberg boten meinem Vater eine verantwortliche Rolle in dem von ihnen gedrehten antifaschistischen Film »Kämpfer« an.

Vater spielte einen Gefängnisarzt, der, von den Nazis zu unsauberen Gewissenskompromissen gezwungen, rücksichtslos gerade in dem Moment von ihnen niedergeschossen wird, als der ehrliche Mensch in dem Schwankenden den Sieg davontragen wollte.

Da in den Aufnahmen zu diesem Film eine ganze Gruppe deutscher Politemigranten mitwirkte, alles gute Freunde und Bekannte meiner Eltern, machte unserem Vater seine Schauspielerei ganz besondere Freude.

Die Hauptrolle fiel dem strohblonden, bildhübschen Jungkommunisten Bruno Schmidtsdorf zu. Außer ihm spielten mit: Lotte Loebinger – sehr pathetisch als Mutter; pervers und grausam anmutend der talentvolle Heinrich Greif; attraktiv und kess die Frau des Hauptregisseurs Inge von Wangenheim; ein Mitarbeiter von Meschrabpom-Film namens Ernst Mansfeld und viele andere.

Der Tag der Erstaufführung rückte heran. Wir waren alle zusammen ins Moskauer »Haus des Kinos« eingeladen. Mutter und Walter, beide schwer begeistert, konnten es gar nicht begreifen, dass mir der Film nicht gefallen wollte. »Nicht gefallen« ist eigentlich für mein damaliges Empfinden ein viel zu schwacher Ausdruck. Richtiger gesagt, ich fand ihn abscheulich.

Buchstäblich von nervösem Zittern befallen, verfolgte ich Vaters Todesszene. Mir wurde fast übel, als ich zuschauen musste, wie einer seiner Mörder neben dem leblos Ausgestreckten hockte und prüfend seinen Kopf aufhob. Schauerlich starrten die halb geschlossenen gebrochenen Augen in den verdunkelten Saal.

Ich musste nach meinem neben mir sitzenden Vater greifen, nach seiner breiten, beruhigend warmen Hand. Der fühlte sich geschmeichelt, dass sein Spiel derart auf mich wirkte. Er wurde auch wiederholt von Wangenheim gelobt. Für den Geschmack seiner kleinen Tochter spielte er aber anscheinend zu gut.

Ich sah diesen Film noch mehrere Male und immer mit demselben Erfolg. Ich konnte den Schuss nicht fallen hören, der meinen Vater traf; ich wendete mich hartnäckig ab, um ihn nicht mit den schmerzentstellten Zügen fallen zu sehen. Und dann … Nein, so etwas durfte unserem Vater nie geschehen. Sogar auf der Leinwand nicht. Jetzt konnte ich ihn mir zu gut als Toten vorstellen, und diese Vorstellung quälte mich.

Doch nach einer gewissen Zeit verschwand der »Kämpfer« erst aus den Kinos des Stadtzentrums, später aus denen in Moskaus Vororten. Andere traten an seinen Platz. Er wurde vergessen. Und auch ich vergaß ihn.

Vater, dem nun in seinen freien Stunden etwas zu fehlen schien, wendete sich einer neuen Liebhaberei zu.

Nicht weitab von unserem Hotel in der Herzenstraße befand sich der Treffpunkt aller Politemigranten in Moskau – der Deutsche Klub.

Vater meldete sich dort als Fremdenführer für die Sonntagvormittage und führte nun gruppenweise wissensdurstige Klubmitglieder in die Moskauer Museen und Bildergalerien. Mutter und Walter kamen anfangs mit. Da diese Exkursionen sich jedoch wiederholten und auch anstrengend waren, gaben sie es mit der Zeit auf.

Allein sechzehnmal besuchten wir Moskaus reichste Bildergalerie, die berühmte Tretjakowka. Unsäglich stolz auf unseren Vater, dessen Kunstverständnis und kultiviertes Ausdrucksvermögen bei diesen von ihm organisierten Veranstaltungen voll und ganz zur Geltung gelangten, ließ ich es mir nicht nehmen, als Stammexkursantin stets mit dabei zu sein.

Nur verweilte er mir immer etwas zu lange vor den Bildern des Landschaftsmalers Lewitan, den er ganz besonders hoch schätzte. Ungeduldig geworden, lief ich ihm dann manchmal davon. Man hatte ja schließlich ebenfalls seine Lieblingsgemälde in der Tretjakowka. Zu denen gehörte zum Beispiel die auf grässliche Art und Weise in ihrer Kasematte umkommende Fürstin Tarakanowa oder Pukirews »Das ungleiche Paar«. Das war doch etwas Reelleres als die ewigen Birkenbäumchen des faden Lewitan.

Ganz besonders hatte es mir »Das ungleiche Paar« angetan.

»Wie konnte sie ihm nur ihr Jawort geben, dem ollen Pavian?«, regte ich mich alle sechzehn Mal von Neuem auf. »Nie hätte ich das getan. Trotzen hätte sie sollen oder einfach von zu Hause weglaufen. So eine Heulliese! Aber schön ist sie doch …«

Vater hatte seine helle Freude an meiner Reaktion.

»Du bist ja auch was ganz anderes«, schmunzelte er, »du kleine Rebellin.«

Bei unserem letzten Besuch in der Tretjakowka verlor mich Vater für längere Zeit gänzlich aus den Augen. Er wurde unruhig, ging suchend von Saal zu Saal und fand mich schließlich, tief in Betrachtung versunken, vor einem Gemälde Iwan IV., auf dem man den Zaren in Krone und perlenbestickten Gewändern bewundern kann. Düster vor sich hin brütend, ist er gerade dabei, eine Treppe hinunterzuschreiten.

Interessiert kam Vater näher.

»Was ist denn? Gefällt dir der ›Schreckliche‹ so gut?«, erkundigte er sich bei mir.

Wie festgebannt starrte ich in die dunklen Fallen dieser Augen, in das unheimlich von ihnen beleuchtete aschfahle Gesicht. Vater war gezwungen, seine Frage zu wiederholen.

»Ja, Papa. Das heißt, nein. Er gefällt mir eigentlich gar nicht. Sag mal, war er tatsächlich so schrecklich, wie man von ihm erzählt?«

Müde ließ sich Vater auf einem der zum Ausruhen einladenden goldbeinigen Rokokostühlchen nieder. Unter seiner Größe und Breite verschwand das zierliche Möbelstück wie begraben. In kurzen, anschaulichen Sätzen malte er mir ein plastisches Charakterbildnis von diesem grenzenlos herrschsüchtigen, grausamen und dem Verfolgungswahn verfallenen Monarchen.

»Das alles ist nur als Folge des Personenkultes zu betrachten, dieser gefährlichen und unvermeidlichen Begleiterscheinung unumschränkter Selbstherrschaft«, resümierte Vater. »Begreifst du das?«

Mein lebhaftes Nicken bezeugte, dass ich ihn sehr wohl verstanden hatte.

»In einem sozialistischem Staat, wo die Arbeiterklasse an der Macht steht, können solche ›Schrecklichen‹ natürlich nicht gedeihen«, spornte Vater schon wieder einmal sein geliebtes Steckenpferdchen an. »In der Sowjetunion gehören die, Gott sei Dank, der historischen Vergangenheit an.«

Auch das war verständlich. Und weitere Kommentare brauchte diese Erklärung nicht.

In den ersten mal sonnenlächelnden, mal regenweinenden Apriltagen des Jahres 1936 verließen wir das überfüllte, muffig riechende Hotel »Passage« und zogen in ein für ausländische Spezialisten erbautes vierstöckiges Mietshaus, in dem uns ein für Moskauer Verhältnisse unerhörter Luxus zustand – eine Dreizimmerwohnung.

Besagtes Gebäude, fast ausschließlich von Politemigranten okkupiert, hieß »Weltoktober«. Grau, lang hingestreckt unter flachem Dach, mit bösartig zwinkernden Fensterquadraten, sah es geduckt und hinterhältig aus. Außer mir sah das aber niemand ein. Satt des beschwerlichen Lebens in drittklassigen Hotels oder im Politemigrantenheim, freuten sich alle über die neuen Wohnungen. Auch imponierte der Name des Hauses. Er klang so vielversprechend.

Unterstützt von der Wolgadeutschen Olga und mit Hilfe einiger von Großmutter geretteter und uns nachgesandter Berliner Möbel, gelang es Mutter, die drei Zimmer ganz nett und wohnlich einzurichten.

Vater war ausschließlich mit dem Inhalt der ebenfalls durch Großmutter nachgeschickten Bücherkisten beschäftigt. Er kaufte einen Glasschrank und ließ mehrere Regale anfertigen, in die ich wochenlang, seinen Anordnungen gemäß, die gedruckten Lieblinge einordnete.

»Gelt, Jumbo, schön haben wir es hier?«, meinte er eines Abends gut gelaunt, als ich ihm beim Katalogzusammenstellen gegenübersaß.

»Ja«, bestätigte ich. »Nicht schlecht«. Und ich verschränkte die Arme im Nacken, um meine steif gewordenen Glieder zu strecken.

Der tief von der Decke herabhängende Leuchter warf milchiges Elfenbeinlicht auf die Wände, auf unseren Tisch; schonungslos beleuchtete er Vaters gesenkten Kopf, ließ bei einer unmerklichen Bewegung seine Schläfen silbrig aufschimmern.

Mir verging plötzlich die Lust am Rekeln. Soweit der Tisch es erlaubte, beugte ich mich vor.

Zahllose winzige Fältchen durchfurchten fächerartig die Haut unter den guten blauen Augen. Sie vertieften sich beim Lächeln, waren früher nicht da gewesen. »Alt wird unser Papa«, zog es mir zum ersten Male wehmutsvoll durch den Sinn. »Und der Gesündeste ist er auch nicht.«

Da hüstelte er auch schon, wie bestätigend, sein häufiges trockenes Hüsteln.

»Nanu? Was ist denn?«, fragte er, beunruhigt durch meinen starren Blick.

Betreten beugte ich mich wieder über die Kärtchen.

»Ach, nichts. Bloß so …«

»Was soll denn das heißen?«, grollte da samtig Vaters Bass. »Aber Mädel! Mut verloren – alles verloren. Nur immer den Kopf hoch!«

Ich schrieb verbissen weiter. Und Vater ließ nun seinen Haupttrost vom Stapel:

»Und zuletzt marschieren wir ja doch mit der Internationale durch das Brandenburger Tor«, verkündete er zuversichtlich, meinen Kummer anscheinend völlig missdeutend.

Mit diesem seinem Herzenswunsch begleitete er, seitdem wir im Exil lebten, jeden unserer Zukunftspläne.

Kapitel 7
Ein Subbotnik in unserem Hof. Betty und Mathilde

Der »Weltoktober« liege zu sehr im Dreck, fanden die Einwohner unseres Hauses. Es war in der Tat ein Kunststück – das Vorbeibalancieren an den überall im Hof herumliegenden splittrigen Brettern, ohne sich die Knie einzustoßen. Und man verdarb auch Schuhleder und Strümpfe, auf Schritt und Tritt in Schutt, Geröll und ungelöschten Kalk tretend. Walter, der Unglücksrabe, landete sogleich nach unserem Einzug mit dem Kopf in einem Haufen zerbrochener Ziegelsteine, was die ihm eigenen Begleiterscheinungen zur Folge hatte: Nasenbluten, Tränen und beschmutzte Kleider.

Dem sollte also jetzt abgeholfen werden. Auf der ersten Mieterversammlung unseres »Weltoktobers« wurde einstimmig beschlossen, einen sogenannten »Subbotnik« zu organisieren.

In den geliebten, schon sehr verschossenen Trainingshosen, ein Pionierhalstuch als Schutz gegen den Staub um das Haar gebunden, gesellte ich mich am festgelegten Sonntagvormittag zu den Genossen im Hof.

Hier ging es vorläufig toll zu. Es waren weniger Schaufeln, Lastentragen und Brecheisen vorhanden als hilfsbereite Hände. Auch traf das von uns bestellte Lastauto nicht rechtzeitig ein. Vorläufig störte nur einer den anderen, vorläufig schrie einer den anderen nur großschnäuzig an.

Vater, dem seines Lungenleidens wegen jede Art physischer Anstrengung untersagt war, hatte seine helle Freude an dem Tumult. Er betätigte sich organisatorisch. In seinem haperigen, komisch klingenden Russisch jemanden am anderen Ende der Leitung ganz gefährlich beschimpfend, telefonierte er nach dem immer noch ausbleibenden Kraftwagen; beschwichtigend ging er dann von Gruppe zu Gruppe.

Da hatte er auch schon das sich eben noch laut streitende Ehepaar Schmückle zum Lachen gebracht. Über den eigenen Witz erfreut, lachte er schallend mit. Belustigt, tief, salvenartig dröhnte seine Stimme über den belebten Hof. Anne Schmückle, eine gut aussehende Vierzigerin, kicherte wie der leibhaftige Kobold. Ihr Mann, der Karl, warf seinen braun gelockten Schädel in den Nacken, er gluckste vor Gelächter und wackelte dazu mit spitzigem Adamsapfel am langen Hals.

Mir wurde ein Platz neben einem dunkeläugigen, rundlichen Mädchen angewiesen, das etwas älter als ich zu sein schien.

Uns eifrig fixierend, trugen wir auf Geheiß meines Vaters zerbrochene Ziegelsteine auf einen Haufen. Bald konnte ich mit Genugtuung feststellen, dass die Mollige ins Schwitzen geriet. Sie wischte sich verstohlen über die Stirn. Sie stöhnte auch verstohlen auf, arbeitete aber verbissen weiter.

»Wenn du nichts dagegen hast, ruhen wir uns etwas aus«, schlug ich ihr vor. Und gerührt über den eigenen Großmut, ließ ich mich auf unserer gemeinsamen Lastentrage nieder.

»Im Gegenteil. Bin ja schon ganz außer Puste«, gab meine Partnerin ohne den leisesten Anflug von Ziererei zu.

»Und im Übrigen: ich heiße Betty. Betty Müller. Wir wohnen im fünften Aufgang. Da ist unser Balkon«, und sie zeigte mir, sich gleichfalls setzend, einen der mit rostigen Eisenstäben verzierten Betonkästen, auf dem zum Trocknen Wäschestücke hingen.

»In welchem Aufgang wohnt ihr denn?«

»Im vierten.«

»Da wären wir also Nachbarinnen«, freute sie sich. »Wie du heißt, brauchst du mir gar nicht sagen, das weiß ich nämlich. Du bist doch die Tochter von Wolfs? Deine Eltern kennt in unserem Haus ja ein jeder.«

Betty sah mir mit einem lang anhaltenden freundlichen Lächeln in die Augen. Ich fühlte mich geschmeichelt, wollte es mir aber nicht anmerken lassen, wechselte darum das Thema.

»Wir haben aber keinen Balkon. Schade …«

»Dafür hast du einen Bruder«, fiel Betty mir lebhaft ins Wort. »Ich bin leider einziges Kind.«

Man muss schon sagen, das Mädel kannte sich anscheinend ausnehmend gut in meinen Familienverhältnissen aus.

»Wenn du dir einbildest, dass so ein kleiner Bruder ein Hauptspaß wäre, da irrst du dich aber gewaltig.«

Betty lächelte mich ungläubig an. »Wieso?«

Ich wollte sie auch gerade in die Fülle meiner bitteren geschwisterlichen Erfahrungen einweihen, doch wurde nichts daraus. Wie von einer Tarantel gestochen, sprang ich hoch.

»Willst du wohl vom Auto runter!!«, schrie ich. »Donnerwetter noch einmal, mach dass du runterkommst! Papa hat doch ausdrücklich verboten mitzufahren.«

Aufgeregt ruderte ich mit beiden Armen. Ich schrie Zeter und Mordio. Resultat: Meine Stimme überschlug sich, und ich musste husten.

Hoch oben auf einem gefährlich schaukelnden Schutthaufen, über das ganze dumme Jungengesicht strahlend, fuhr Walter an mir vorbei. Er wagte es noch, mir mit der Hand zu winken, der Frechdachs! Hilflos, vor Husten keuchend, drohte ich mit der Faust hinter dem Wagen her.

Die aufgewirbelte Staubwolke, in der ich stand, legte sich wieder. Mein Eifer ebenfalls.

»Haste gesehen?«, wendete ich mich, vollkommen erschöpft und immer noch hustend, an meine neue Bekannte, die diesen Vorfall mit großen ernsten Rehaugen verfolgt hatte.

Sachverständig schlug sie mir mit flacher Hand zwischen die Schulterblätter. Da verging der Husten.

»So eine Rotznase! Ewig macht er Blödsinn. Der fällt doch bestimmt herunter, der Schlamassel. Und den Krach, den kriege hinterher natürlich nur ich als Älteste. Ach, überhaupt …«

Ich beendete diese Tirade nicht und begnügte mich mit einer müden, wegwerfenden Handbewegung.

»Möchtest du vielleicht, dass dein Bruder gar nicht auf der Welt wäre?«, erkundigte sich da Betty bei mir.

Ganz verdutzt über eine derartige Zumutung drehte ich mit dem Zeigefinger an meiner Schläfe.

»Mensch, du bist wohl plemplem?«

Gleichmütig machte sich Betty wieder an die Ziegelsteine. Und ich nahm mir im Geheimen vor, sie diesmal tüchtig schwitzen zu lassen. Doch sollte ich diesen Vorsatz vergessen.

Einen winzigen schlappohrigen Schäferhund auf dem Arm, erschien im Hof noch ein Mädchen. Sie sah Betty und mir eine Weile aufmerksam zu und ging weg. Sie blieb längere Zeit verschwunden, und sie kam wieder zurück.

Das zarte eiförmige Gesichtchen, ihre hellen schüchternen Augen, ja sogar die leichtsinnige Stupsnase des Mädchens drückten tiefste Unentschlossenheit aus. Sie schwieg, schluckte, saugte mit weißen Mäusezähnen an der Unterlippe. Schwieg.

Betty lächelte aufmunternd das mir schon bekannte, lang anhaltende freundliche Lächeln. Meine Aufmerksamkeit galt nicht so sehr ihrer Persönlichkeit als vielmehr dem Hund und den glänzenden Goldknöpfen ihres gut sitzenden Wolljacketts.

Als wir uns abermals zur Ruhe setzten, gab sich die Kleine sichtlich einen Ruck.

»Ich würde ja gerne mithelfen«, sagte sie so leise, dass es kaum zu verstehen war. »Nur was mache ich mit dem Luxi? Der will und will nicht vom Arm. Auch habe ich Angst, es könne jemand auf ihn treten. Er ist noch so klein.« Und rot geworden, kraulte sie ihr vor Vergnügen stöhnendes Hundebaby hinter den Ohren.

Bettys ruhiges Gesicht sah vor Ratlosigkeit ganz töricht aus. »Ja, was macht man denn da?«

Die Lösung war indessen schnell gefunden.

»Könnten wir nicht abwechselnd arbeiten und abwechselnd den Hund halten? Man muss doch nicht unbedingt gleichzeitig ausruhen«, schlug ich vor.

Das leuchtete ein. Ich erhielt für meinen guten Einfall auch gleich als Erste den Köter, der sich, nebenbei bemerkt, den Wechsel, ohne die geringste Unruhe zu bezeugen, gefallen ließ. Seine Besitzerin und Betty sagten: »Hau ruck!« und trabten mit der vollen Trage los.

Schon nach Verlauf der ersten zehn Minuten hatten wir herausbekommen, dass die Dritte in unserem Bunde Mathilde hieß, dass sie in meinem Aufgang, nur einen Stock tiefer, wohnte und dass sie dort nur mit ihrer Mutter zusammenlebte. Mathildes Eltern waren nämlich geschieden. Der Vater befand sich zurzeit in Amerika, von wo er seiner Tochter Pakete schickte. Daher stammte also die schöne Jacke mit den Goldknöpfen.

Diese Mathilde mit ihren geschiedenen Eltern und dem Hündchen imponierte mir ungemein. Außerdem besaß sie noch den Gipfel meiner Kinderträume: ein funkelnagelneues Fahrrad. All diese Betrachtungen brachten mich zu dem Entschluss, mit ihr Freundschaft zu schließen.

»Sonja ist aber doch die Reichste von uns dreien«, erreichte mich gerade in diesem Augenblick Bettys nachdenkliche Stimme.

Ich verstand, dass Letzteres eine Andeutung auf den Besitz meines Walters war, und schüttelte nur mitleidig den Kopf. Nichts zu machen, Betty, die Ärmste, litt eben an einem Geschwisterfimmel.

»Klar. Einen Hund kann sich ja schließlich jeder zulegen«, meinte da zu meinem nicht geringen Erstaunen die schon völlig aufgetaute Mathilde.

Sofort verwandelte sich mein mitleidiges Kopfschütteln in ein gewichtiges Kopfnicken, obgleich ich sehr wohl wusste, dass Mutter aus hygienischen Gründen weder Hund noch Katze in unserer kleinen Wohnung duldete. Es war aber auch zu angenehm, sich plötzlich so reich und beneidet zu fühlen.

Unschlüssig geworden, schaute ich nun von Mathilde zu Betty. Sie gefielen mir eigentlich beide. Unablässig verglich ich sie bis zum späten Abend, konnte mich aber an diesem Tag noch zu keinem endgültigen Beschluss durchringen.

Betty und Mathilde besuchten die Deutsche Schule, ich eine russische. Da sie in verschiedenen Klassen lernten, kamen sie sich dort nicht näher. Zu meinem nicht geringen Entzücken landeten beide Mädchen im Herbst desselben Jahres in meiner Schule, die unserem »Weltoktober« ganz nah lag. Ich lernte damals in der fünften Klasse, Betty in der sechsten, und Mathilde, die Älteste von uns, begann bereits ihr siebentes Schuljahr. Dieser Schwierigkeit nicht achtend, machte ich mich an die Sache. Unentwegt lief ich von der einen zur anderen; ich lud sie zu mir ein, borgte ihnen Vaters Bücher, organisierte gemeinsame Spaziergänge und Kinobesuche.

Betty kam sichtlich erfreut, Mathilde etwas zurückhaltender meinem stürmischen Werben entgegen. Und schon sehr bald hatte ich es dazu gebracht, dass wir einem unzertrennlichen dreiblättrigen Kleeblatt glichen.

Auf ein verabredetes Pfeifensignal hin trafen wir uns allmorgendlich im Hof, um vereint den Schulweg anzutreten. Wir verbrachten zu dritt die Pausen und machten die Schularbeiten gemeinsam. Wir lasen dieselben Bücher. Und wir stritten auch manchmal über das Gelesene, denn wir waren sehr verschieden und hatten durchaus nicht in allem dieselben Ansichten. Doch konnte auch nach dem größten Krach eine ohne die anderen zwei bald nicht mehr sein. Wir brachten es schließlich so weit, dass wir alle drei gleichzeitig an einem schweren Scharlach daniederlagen, von dem wir, gleichmäßig blass und abgemagert, fast denselben Tag wieder genasen.

Kapitel 8
Das Ehepaar Schmückle

Seit wir die neue Wohnung hatten, kamen zu uns sehr viel Besucher. Die Gründe dafür waren folgende: die große Beliebtheit, der sich meine Eltern in Politemigrantenkreisen erfreuten, Vaters ausgiebige deutsche Bibliothek und nicht zuletzt – die vorteilhafte Lage unseres neben dem Kulturpark gelegenen »Weltoktobers«.

Da es zu meinen häuslichen Obliegenheiten gehörte, die Titel der ausgeliehenen Bücher nebst Adresse und Telefonnummer unserer Leser aufzunotieren, kannte ich jeden Menschen, der bei meinen Eltern ein und aus ging.

So brauchte zum Beispiel medizinische Literatur für sein Studium der junge vielversprechende Arzt Dr. Adolf Boss. Seine Frau, die ihn trotz der schon längst verflossenen Flitterwochen (sie hatten einen achtjährigen Sohn) noch immer abgöttisch liebte und stets überallhin begleitete, konnte sich monatelang nicht von Heines »Buch der Lieder« trennen. Sie gab es auch erst nach meiner wiederholten Nachfrage zurück.

Ein glühender Verehrer Maxim Gorkis wurde durch unsere Bücher der zapplige, leicht zum Lachen aufgelegte bucklige Doktor Bär, dessen strahlende kornblumenblaue Augen mir so gut gefielen.

Seltener tauchte das markante Geierprofil Herwarth Waldens bei uns auf. Er, der ehemalige Gründer der deutschen expressionistischen Bewegung »Der Sturm« und Herausgeber einer Zeitschrift gleichen Namens, besaß eine eigene ausgiebige Bibliothek und brauchte die unsrige nicht.

Und fast jeden Sonntagnachmittag besuchte uns das Ehepaar König. Er, ein alter Setzer, war fast taub und schaute deswegen mit angestrengt lauschendem Gesichtsausdruck um sich. Seine Frau, die resolute vollbusige Grete, zischte ihm, da er beim Sprechen fürchterlich brüllte, des Öfteren Ermahnungen zu, was aber wenig half und ihn nur kränkte. Helmut, ihr Sohn, ein gutmütiger sommersprossiger Sechzehnjähriger, brachte mich zu der Betrachtung, dass es ihm gelang, fast in demselben Blitztempo Kuchenstücke wie Kriminalromane herunterzuschlingen.

Lange lebhafte Gespräche führte Vater mit dem ratzekahlen, spitzbäuchigen Schriftsteller namens Josef Schneider. Den Ärmsten plagten Gallensteine. Hinter Schneider lag das bunte, gefahrvolle Leben eines Matrosen. Dessen ungeachtet fürchtete er sich in geradezu kindlicher Weise vor der ihm nun bevorstehenden unvermeidlichen Operation, die er von Monat zu Monat verschob. Ich erschrak nicht schlecht, als ihn eines Tages bei uns die Krankheit übermannte und den jammernden und sich unter Schmerzen Windenden für ganze achtundvierzig Stunden auf unser Sofa warf.

Und tagtäglich erschien, stark hinkend, Vaters bester Freund und Kollege, ein alleinstehender, feiner, ruhiger Mensch. Dieser Doktor Walter Dehmke beteiligte sich mehr als Zuhörer an den allgemeinen Gesprächen und bewies nur durch wortloses Nicken oder ein flüchtiges Lächeln seine Teilnahme. Wenn ihn etwas erregte, was oft der Fall war, riss Doktor Dehmke mit einer unerwartet hastigen Bewegung seine Brille ab. Kurzsichtig blinzelnd, hauchte er dann auf ihre Gläser, putzte umständlich an ihnen herum, setzte sie, als hätte ihm diese Beschäftigung das seelische Gleichgewicht zurückgegeben, ruhig und gelassen wieder auf.

Der Freund meines Vaters arbeitete in der medizinischen Fakultät einer Moskauer Hochschule. Doktor Dehmke las und schrieb, sich für seine Vorträge, die er dort hielt, vorbereitend, bei uns. Er nahm nie ein Buch mit und entfernte sich stets als Letzter, müde das lahme Bein nachziehend, schwerfällig auf seinen Stock gestützt.

Ich für meinen Teil sah es besonders gern, wenn unser Hausnachbar, der Genosse Schmückle, sich neue Bücher bei uns holte.

Vater neckte mich damit, dass Schmückle aus einem, wie er sich ausdrückte, gänzlich unerklärlichen Grunde an mir einen Affen gefressen hatte. Der stritt das auch gar nicht ab, sondern erklärte, ich sei ein famoser Kerl und ihm gefalle sogar meine Kartoffelnase.

Genosse Schmückle konnte sich stundenlang mit mir unterhalten, mit mir ganz allein. Und beim Bücheraustausch bat er stets um meinen Rat. Schmückle vergaß es nie, sich nach Betty und Mathilde zu erkundigen. All dies tat er nett, vernünftig, ganz selbstverständlich und nicht in der mir so verhassten, zuckersüß sabbelnden Art, die Erwachsene gewöhnlich Kindern gegenüber anzuschlagen pflegen.

Regelmäßig einmal in der Woche, genauer, jeden Donnerstag um fünf hatte ich als Stammgast bei dem Ehepaar Schmückle vorzusprechen. Anne nannte diese Nachmittage hochtrabend »unsere Literaturabende«, und sie versüßte mir die bei ihnen vertrödelte Zeit mit starkem Tee und mit Leckerbissen.

Ich liebte es, gemächlich plaudernd zwischen den beiden auf ihrem hoch gelegenen, grün umrankten Balkon zu sitzen, von dem sich die Menschen unten im Hof wie kleine Zwerge ausnahmen. Ich ließ mich gerne von der stattlichen Anne bemuttern. Und ich schaute ebenso gerne in Schmückles fröhlich glotzende Froschaugen.

Leider verdarb mir eine gewisse fixe Idee des Genossen Schmückle, so ein regelrechtes Pünktchen, ganz gewaltig das Vergnügen an diesen Donnerstagsvisiten. Er hatte sich nämlich, natürlich nur deswegen, weil er selber Journalist war und in diese seine Tätigkeit ganz vernarrt schien, in den braun belockten Kopf gesetzt, ich müsse gleichfalls eine schriftstellerische Laufbahn einschlagen. Da ich aber ganz anderen Plänen nachhing, sträubte ich mich dagegen aufs Entschiedenste.

»Nein, nein! Ich werde Filmschauspielerin. Mein Papa findet allen Ernstes, ich sei ein ausgesprochen mimisches Talent.«

Vater hatte zwar Letzteres nie behauptet, doch glaubte ich, kaum dass es mir entschlüpft war, selber ...

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