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Im goldenen Licht der Sternschnuppen

Nancy Robards Thompson

Im goldenen Licht der Sternschnuppen

1. KAPITEL

„Du bringst einen ja fast dazu, wieder an Märchen zu glauben“, sagte Lindsay Bingham, als sie ihrer Freundin Sophie Baldwin in einem stillen Moment mitten im Hochzeitstrubel eine lose Haarsträhne unter den Brautschleier schob.

Sophie sah nicht nur in jeder Hinsicht wie eine Prinzessin aus, sondern war sogar eine. Eine richtige Prinzessin.

Die Hochzeit war einfach wundervoll gewesen, und auf dem Empfang tummelte sich die feine Gesellschaft. Lindsay konnte es noch immer nicht fassen, dass die bodenständige Sophie Baldwin aus Trevard, North Carolina, inzwischen eine waschechte königliche Hoheit war.

Erst im letzten Jahr hatte sie ihre Abstammung entdeckt – oder vielmehr ihre Abstammung sie – und war mit großem Pomp und Trara auf die Insel St. Michel verschlagen worden. Und um das Glück vollkommen zu machen, hatte sie soeben auch noch ihren Traumprinzen geheiratet.

Wie auf ein Stichwort wirbelte genau in diesem Augenblick der große gut aussehende Luc Lejardin auf der Tanzfläche an ihnen vorbei. Er hatte eine andere Frau im Arm, aber als er den Blick seiner Braut auffing, war nicht zu übersehen, dass er nur Augen für sie hatte.

Lindsay seufzte sehnsüchtig. Sie würde ohne zu zögern ein ganzes Königreich dafür hergeben, von einem Mann so angesehen zu werden.

„Ob ich wohl mein eigenes Aschenputtel-Märchen erlebe, wenn ich weiter ‚When You Wish Upon a Star‘ aus dem Walt-Disney-Film singe?“

Sophie lächelte. „Kann schon sein, aber da der Song aus dem Pinocchio-Film stammt, landest du womöglich nur bei einem verlogenen unartigen Jungen statt einem hübschen Prinzen.“

Ein verlogener unartiger Junge? Das wäre zumindest nichts Neues. Bad Boys schienen nämlich ihr Schicksal zu sein.

„Du hast recht“, sagte Lindsay. „Aschenputtels Kampflied war ‚A Dream Is a Wish Your Heart Makes …‘“

Sophie zwinkerte ihr zu. „Ein bisschen Wunschträumen hat noch niemandem geschadet.“

„Klar, aber ich habe mir fest vorgenommen, in Zukunft mehr zu tun, als nur zu träumen. Ich will endlich mein Leben auf die Reihe kriegen und ein neuer Mensch werden.“

Ein guter Vorsatz, denn bisher war sie eher auf dem Selbstzerstörungstrip gewesen, zum Beispiel indem sie herauszufinden versuchte, wie viele Jahre sie es noch in ihrem Sackgassenjob als Empfangsdame beim Sozialamt in Trevard durchhalten würde. Oder wie vielen Mr Wrongs man im Laufe eines Lebens über den Weg laufen konnte.

Lindsay seufzte wieder. Leider war ihr Vorhaben, ein neuer Mensch zu werden, nicht so einfach umzusetzen wie gedacht. Ihr Job bot nämlich gewisse Vorteile, vor allem den, dass sie ihn im Schlaf erledigen konnte. Klar, ihre Chefin war eine Riesennervensäge, aber wenigstens ein bekanntes Übel. Zumindest versuchte Lindsay sich das immer wieder einzureden.

Aber leider führte der Job nirgendwohin.

So wie ihre bisherigen Beziehungen.

Manchmal kam es ihr so vor, als sei der Weg zur wahren Liebe ein Balanceakt auf einem über einem dunklen Abgrund gespannten Drahtseil. Sie war ihn schon einmal gegangen, an der Hand eines Mannes, den sie geliebt und dem sie vertraut hatte. Er hatte behauptet, den Rest seines Lebens mit ihr verbringen zu wollen, aber dann hatte er sie nicht nur losgelassen, sondern auch noch in den Abgrund gestoßen.

Der Schmerz darüber war unerträglich gewesen.

Sogar jetzt noch, sieben lange Jahre später, tat es weh, an den Mann zu denken, der ihr das Herz gebrochen hatte.

Um sich selbst zu betäuben, hatte sie sich mit anderen Männern eingelassen. Sie hatte sogar Beziehungen gehabt – wenn man das so nennen konnte. Aber keiner von den Typen wäre für eine langfristige Beziehung infrage gekommen.

Wahrscheinlich war das auch besser so. Wenn man sich nämlich von vornherein die falschen Männer aussuchte, konnte man zumindest nicht enttäuscht werden.

Sophie drückte Lindsay die Hand. „Klasse Idee, das mit dem neuen Menschen. Ich habe übrigens noch eine Überraschung für dich, die ganz hilfreich bei deinem Plan sein könnte.“ Sophies enthusiastischer Gesichtsausdruck verhieß nichts Gutes. Immer wenn sie so aussah, trat man am besten die Flucht an – und zwar so schnell wie möglich.

„Worauf willst du hinaus?“, fragte Lindsay alarmiert.

„Erzähl ich dir sofort. Lass mich nur erst die nächste Begrüßung hinter mich bringen.“

Lindsay folgte Sophies Blick zu dem Unbekannten, der gerade auf sie zusteuerte.

„Königliche Hoheit, diese Hochzeit ist einfach wundervoll“, schwärmte der Mann mit einem starken italienischen Akzent. Er verbeugte sich und gab Sophie einen Handkuss. „Es ist mir eine große Ehre, bei so einem denkwürdigen Ereignis dabei sein zu dürfen.“

Okay, das würde offensichtlich noch eine Weile dauern. Eine gute Gelegenheit, sich einen Drink zu holen. Lindsay hatte nämlich keine Lust, nur unbeholfen daneben zu stehen, während der Kerl sich bei der künftigen Königin von St. Michel einschleimte.

Sie drehte sich zu Sophie um. „Würdest du mich für einen Augenblick entschuldigen?“

„Du musst doch nicht gleich gehen“, flüsterte Sophie.

„Ist schon okay“, versicherte Lindsay ihr. „Wir sehen uns später.“

„Okay, aber vergiss die Überraschung nicht.“

Auf der anderen Seite des Saals entdeckte Lindsay einen Diener mit einem Tablett frisch gefüllter Champagnergläser. Sie ging auf ihn zu, bediente sich selbst und ließ den Blick geistesabwesend über die anderen Gäste schweifen. Direkt in Sichtweite saß ein bekannter Schauspieler, den Arm um eine zierliche Frau gelegt.

Um vor Begeisterung nicht laut aufzukreischen, biss Lindsay sich auf die Unterlippe und krümmte die Zehen in ihren maßgefertigten Jimmy Choos, eines der vielen Brautjungferngeschenke von Sophie. Tief aufseufzend riss sie den Blick wieder von dem Filmstar los.

Als Nächstes blieb sie an einem ihr irgendwie bekannt vorkommenden gut aussehenden Mann hängen, der allein an einem der hinteren Tische saß und missmutig vor sich hinstarrte.

War das nicht dieser berühmte Koch? Wie hieß er noch gleich?

Während sie das markante Gesicht studierte, ging Lindsay im Geiste diverse Namen durch, aber sie kam einfach nicht drauf.

Vor einigen Jahren war er mal auf dem Poster einer dieser Klatschzeitschriften abgebildet gewesen und hatte eine eigene Kochshow auf Food TV gehabt, aber dann gab es irgendeinen Skandal. Worum ging es dabei noch gleich? Lindsay hatte keine Ahnung, wann sie ihn das letzte Mal auf dem Bildschirm gesehen hatte, nur, dass er in natura viel besser aussah.

Montigo!

Carlos Montigo!

Ja, das ist er!

Triumphierend schnippte Lindsay mit den Fingern. Als habe er das Geräusch gehört – was bei dem Lärmpegel eigentlich ausgeschlossen war –, hob Montigo plötzlich den Kopf und sah sie an.

Ihr Magen schien einen Purzelbaum zu schlagen. Großer Gott, sah der Typ gut aus! Allerdings war er den Schlagzeilen nach zu urteilen alles andere als ein Traumprinz.

Trotzdem, Lindsay konnte den Blick gar nicht wieder von ihm losreißen.

Ping. Da war er schon wieder, dieser berüchtigte Magnetismus, der sie automatisch zu den falschen Männern hinzog – und gegen den ihr gesunder Menschenverstand heftig protestierte.

Montigo hatte die Augen noch immer auf sie gerichtet. Lindsay erwiderte seinen Blick über den Rand ihrer Champagnerflöte hinweg.

Aber wenn sie durch ihre Verlobung eins kapiert hatte, dann, dass man einen Mr Wrong nicht in Mr Right verwandeln konnte.

Montigo hob die Mundwinkel zu einem Unheil verheißenden Lächeln und ließ den Blick schamlos über ihren Körper wandern. Keine Frage, schon wieder ein Bad Boy.

Das hier war jedenfalls nicht die Art Blick, die sie sich vorhin beim Anblick von Luc und Sophie gewünscht hatte. Nein, das hier war etwas ganz anderes. Automatisch schossen Lindsay Fantasien von breiten Schultern, zerknüllten Bettlaken und viel nackter Haut durch den Kopf.

Erschrocken hielt sie die Luft an.

Aber warum eigentlich? Schließlich war das hier ihre letzte Nacht in St. Michel!

Der Typ passte zwar nicht so recht zu ihrem Plan vom neuen Ich, aber sie würde ihn danach sowieso nie wiedersehen.

Doch dann setzte ihr gesunder Menschenverstand wieder ein.

Was hatte man schon von einem One-Night-Stand außer dem Sex?

Wenn man Ida May Higgins Glauben schenken konnte, die sie schon seit ihrer Geburt kannte, sich nach dem Tod ihrer Mutter um sie gekümmert hatte und fast so etwas wie eine Ersatzmutter für sie war, konnte Lindsay nur über das hinwegkommen, was ihr Verlobter ihr angetan hatte, wenn sie sich Zeit für sich allein nahm.

Und das bedeutete, keine One-Night-Stands.

Außerdem würde Sophie gleich die Torte anschneiden und den Brautstrauß werfen. Als Ehrenbrautjungfer musste sie für Sophie erreichbar sein, anstatt darüber nachzudenken, wie sie diesen scharfen Typen da anbaggern konnte.

Lindsay riss den Blick von ihm los, trank ihr Glas leer, stellte es auf ein Tablett und ging auf die Terrasse, um frische Luft zu schnappen.

Sie musste unbedingt den Kopf freibekommen.

Zu Hause würde sie in so einer Situation sofort zu dem kleinen roten handgeschriebenen Rezeptbuch ihrer Mutter greifen und backen. Ihre Küche war ihr Zufluchtsort; zu backen half ihr in Krisensituationen immer, nicht den Verstand zu verlieren.

Sie war beim Tod ihrer Mutter noch so jung gewesen, dass sie keine Erinnerung mehr an sie hatte – nur die Rezepte waren ihr geblieben. Sie zum Leben zu erwecken, gab ihr immer irgendwie ein Gefühl der Verbundenheit mit der Verstorbenen. Sie hatte das Buch zwar im Gepäck, doch in dem Monat seit ihrer Ankunft noch keine Küche von innen gesehen. Backen war daher gerade keine Option.

Um die Liebespaare auf der Terrasse nicht zu stören, trat Lindsay ans schmiedeeiserne Geländer, lehnte sich dagegen und hielt das Gesicht in die salzige Meeresbrise.

Es war eine wundervolle Dezembernacht. In North Carolina trug man jetzt Parka und Handschuhe, aber hier am Mittelmeer war die Luft einfach nur frisch und belebend – genau das, was sie jetzt brauchte.

Nach einem Monat auf St. Michel kam Trevard, North Carolina, ihr irgendwie unwirklich vor. Kaum zu glauben, dass sie morgen schon wieder dorthin zurückflog. Rasch verdrängte Lindsay diesen Gedanken. Auf keinen Fall würde sie sich mit solchen Banalitäten den letzten Abend verderben. Ihr langweiliges Leben würde sie noch früh genug einholen.

Sehnsüchtig betrachtete sie den Mond, der wie eine leuchtende Blutorange über dem Wasser schwebte. Die Stimmung war wirklich total romantisch.

Plötzlich schoss eine Sternschnuppe über den Himmel. Lindsay musste an ihr früheres Gespräch mit Sophie denken und erschauerte unwillkürlich. Sich die Arme reibend, schloss sie die Augen und wünschte sich etwas.

Als sie damit fertig war, blickte sie sich um und betrachtete die Pärchen auf der Terrasse.

Also, Aschenputtel, hier findest du deinen Prinzen ganz bestimmt nicht. Geh lieber wieder rein.

Im Umdrehen wäre sie fast mit einem Mann zusammengestoßen. Wegen des erleuchteten Ballsaals im Hintergrund sah sie zunächst nur seine Silhouette, aber Carlos Montigo war auch bei schwacher Beleuchtung unverkennbar.

„Diese Nacht ist wirklich herrlich“, sagte er mit einem melodiösen spanischen Akzent, bei dem ihr ganz anders wurde.

„Das stimmt. Ich wollte allerdings gerade …“

„Wenn Ihnen kalt ist, leihe ich Ihnen gern mein Jackett.“

„Danke, aber das ist nicht nötig.“

Montigo stellte sich neben sie ans Geländer. Im Profil sah er einfach atemberaubend aus. Aber irgendwie wirkte er plötzlich doch nicht mehr wie der klassische Bad Boy. Lindsay wusste selbst nicht, woran das lag.

„Sie haben eine sehr schöne Brautjungfer abgegeben.“

„Danke. Sind Sie mit der Braut oder dem Bräutigam befreundet?“

Lindsay wand sich innerlich wegen ihrer dämlichen Frage. St. Michel war schließlich nicht North Carolina. Wie alle Berühmtheiten kannten Sophie und Luc die meisten Gäste bestimmt nicht persönlich – Promis verkehrten eben grundsätzlich nur unter ihresgleichen, ganz egal, ob sie miteinander befreundet waren oder nicht.

„Ich kenne ehrlich gesagt nur den Kultusminister von St. Michel, den Bruder des Bräutigams. Ich habe früher manchmal das Catering für ihn gemacht, und da ich sowieso gerade wegen des Weinfestivals hier war, hat er mich spontan zur Hochzeit eingeladen. Ich bin übrigens Carlos Montigo.“ Lindsay schüttelte seine ausgestreckte Hand.

„Lindsay Bingham“, sagte sie.

Er führte ihre Hand an die Lippen, ein europäischer Brauch, den sie sehr charmant fand.

Dann hob er den Blick zu ihren Augen.

Lindsay spürte den Moment, als ihre Blicke sich begegneten, wie einen Stromschlag. Sie konnte ihre Augen gar nicht wieder von ihm losreißen.

Verdammt, ich habe ein Problem!

Mit der gleichen Unverschämtheit, mit der er sie vorhin im Ballsaal gemustert hatte, senkte er den Blick zu ihrem Mund. Unwillkürlich fuhr Lindsay sich mit der Zunge über die Lippen.

„Wo kommen Sie eigentlich her?“, fragte sie.

„Aus Florida.“

„Wirklich? Ich habe Sie für einen Vollblut-Europäer gehalten.“

„Vollblut?“, fragte er gedehnt und hob einen Mundwinkel.

Lindsay stellte fest, dass seine Augen tiefgrün statt, wie zunächst angenommen, braun waren. Verdammt, verdammt! Groß, breitschultrig und dann auch noch grüne Augen?

Eine tödliche Kombination! Sie musste wirklich auf der Hut sein. Lindsay hielt wieder das Gesicht in die kühle Meeresbrise und schloss die Augen. Hoffentlich brachte die frische Luft sie schnell wieder zu Verstand.

„Mm, das tut gut, nicht wahr?“, fragte sie.

„Einfach himmlisch“, murmelte Carlos. „Ich glaube, ich habe gerade das Paradies entdeckt, Lindsay Bingham.“

Was?

„Ach wirklich?“ Lindsay sah ihn irritiert an. „Und ich glaube, das war gerade die abgedroschenste Anmache, die ich je gehört habe.“

Sie lachten. Wieder verschlang Carlos Montigo sie auf diese unnachahmliche Art mit den Blicken.

„Soll ich Ihnen einen Drink holen?“, fragte er unvermittelt.

„Ja bitte, aber nur den allerbesten Champagner.“

Er lächelte. „Kein Problem. Rühren Sie sich nicht vom Fleck, ich komme gleich mit einer Flasche zurück.“

Oh Mann, ich habe allerdings ein Problem, dachte Lindsay, nachdem er verschwunden war und sie prompt darüber nachdachte, wie weit Florida und North Carolina eigentlich voneinander entfernt waren. Gar nicht so weit, oder? Zumindest lag kein Meer dazwischen.

„Lindsay? Wo steckst du denn?“

Das war Sophie. „Ich dachte, du kommst gleich wieder“, sagte sie. „Wir haben schon nach dir gesucht.“ Sie nickte in Richtung Carson Chandler, der an der Tür wartete. „Carson möchte nämlich mit dir reden.“

Mit mir?

Sophie hatte sie schon früher in der Woche mit ihm bekannt gemacht. Dem Milliardär und Medien-Mogul war es irgendwann einmal gelungen, aus einem schlichten Reisebüro ein Imperium zu machen. Jeder kannte seinen Namen, der Typ war so bekannt wie Rockefeller. Worüber um alles in der Welt wollte er nur mit ihr reden?

Sophie warf Lindsay einen verschwörerischen Blick zu und formte mit den Lippen das Wort Überraschung!

„Welche denn?“, fragte Lindsay lautlos zurück.

Doch Sophie ignorierte sie einfach und drehte sich wieder zu Chandler um. „Carson, würden Sie mir einen Gefallen tun?“

Er lächelte. „Selbstverständlich, königliche Hoheit. Ihr Wunsch ist mir Befehl.“

„Würden Sie mit Lindsay tanzen? Meine Berater warten nämlich schon auf mich.“ Sophie verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf. „Ob ich mich wohl je daran gewöhnen werde, Berater zu haben?“

Sie drehte sich um, eine Wolke aus Tüll und Seide, und ließ Lindsay und den älteren Mann allein zurück. Eine peinliche Gesprächspause entstand. Lindsay überlegte fieberhaft, was sie jetzt machen sollte. Jeden Augenblick konnte Carlos mit dem Champagner zurückkehren. Sie unterdrückte den Impuls, sich suchend nach ihm umzusehen.

Chandler bot ihr galant seinen Arm. „Wollen wir?“

Lindsay spürte plötzlich, wie erschöpft sie war, und suchte nach einem Vorwand, ihn loszuwerden. „Bitte fühlen Sie sich nicht verpflichtet, sich um mich zu kümmern.“

Sie war so erledigt, dass selbst die bloße Vorstellung zu tanzen einfach zu viel für sie war. Am liebsten wäre sie direkt auf ihre Suite gegangen, um ein ausgiebiges Bad in der riesigen Marmorbadewanne zu nehmen.

„Es wäre mir eine große Ehre, mit Ihnen zu tanzen, Miss Bingham“, sagte Carson. „Außerdem muss ich dringend mit Ihnen reden.“

„Ach so. Na dann.“ Wie konnte sie diesem Mann diese Ehre abschlagen? Aber was soll’s, ein kurzer Tanz konnte schließlich nicht schaden. Vielleicht war sie ja schon fertig, bevor Carlos mit dem Champagner zurückkam. „Aber bitte nennen Sie mich Lindsay.“

Sie nahm Chandlers Arm und ging mit ihm zurück in den Ballsaal. Während sie tanzten, wanderte ihr Blick immer wieder zur Terrassentür. Ob Carlos wohl schon zurück war? Hoffentlich dachte er jetzt nicht, sie hatte ihn versetzt. Er würde doch bestimmt auf sie warten, oder?

„Die Prinzessin hat mir erzählt, dass Sie früher mal beim Fernsehen waren, Miss Bingham.“

Carsons Stimme brachte Lindsay plötzlich wieder in die Gegenwart zurück.

„Wie bitte?“

Das Orchester spielte so laut, dass sie ihn offensichtlich nicht richtig verstanden hatte. Carson beugte sich näher zu ihr. Ehrlich gesagt etwas zu dicht für Lindsays Geschmack.

„Sie sind eine sehr schöne Frau. Ich habe nicht aufhören können, an Sie zu denken, seitdem wir einander vorgestellt wurden. Prinzessin Sophie hat mir erzählt, dass Sie früher mal als Fernsehreporterin gearbeitet haben?“

Lindsay schoss das Blut ins Gesicht, und ihr Magen krampfte sich zusammen. Seine Worte weckten nämlich unangenehme Erinnerungen in ihr. Damals war nicht nur ihr Traum von der Fernsehkarriere geplatzt.

„Ich habe mich seitdem die ganze Zeit gefragt, was genau Sie dort eigentlich gemacht haben.“

Sophie gehörte zu den wenigen Menschen, die von Lindsays geplatztem Traum wussten. Aber warum um alles in der Welt hatte sie Chandler davon erzählt?

„Ich habe Fernsehjournalismus studiert und danach vorübergehend bei einem TV-Sender gearbeitet.“

„Und warum nur vorübergehend? Ich habe so ein Gefühl, dass Sie sehr telegen sind.“

Als Chandler ihr die Hand auf den Rücken legte, versteifte Lindsay sich unwillkürlich.

„Entspannen Sie sich, Miss Bingham. Das war nicht so gemeint, wie es vielleicht klingt. Ich bin ein glücklich verheirateter Mann.“

Na Gott sei Dank!

Lindsay schämte sich plötzlich dafür, voreilige Schlüsse gezogen zu haben. Sie war nicht prüde, aber eins kam für sie nie und nimmer infrage: sich für einen Job zu verkaufen. Genau daran war sie damals auch in der Fernsehbranche gescheitert.

„Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet, Miss Bingham. Warum arbeiten Sie nicht mehr fürs Fernsehen?“

Lindsay wünschte plötzlich, gar nichts gesagt zu haben.

Ach Sophie, was hast du nur angerichtet?

„Der Job war einfach nichts für mich.“

Geschickt wirbelte Carson sie auf dem Parkett herum.

„Haben Sie zurzeit einen Beruf?“, fragte er.

Lindsay musste unwillkürlich lachen.

„Allerdings. Nicht alle hier stammen aus dem Hochadel oder haben so viel Geld, dass sie nicht arbeiten müssen.“

Oh Gott, bestimmt klang sie total unhöflich. Dabei war sie sonst eigentlich gar nicht so.

„Ich arbeite beim Sozialamt in Trevard County, North Carolina. Daher kenne ich auch Sophie.“

„Haben Sie den gleichen Job wie die Prinzessin früher?“

„Nein, nicht ganz.“

„Und was genau machen Sie?“

Lindsay sträubten sich inzwischen die Nackenhaare. Was sollte die Fragerei? Ach, was soll’s, ihr Job war zumindest anständig! Das war mehr, als so manch andere von sich behaupten konnte – Frauen zum Beispiel, die keine Skrupel hätten, mit einem verheirateten Mann zu schlafen, um Moderatorin zu werden.

„Ich bin Empfangsdame.“

„Mögen Sie Ihren Job, Miss Bingham?“

Nein.

„Nennen Sie mich Lindsay, bitte.“ Stirnrunzelnd sah sie ihn an. „Stellen Sie immer so viele Fragen, Mr Chandler?“

„Nur wenn ich mit dem Gedanken spiele, jemandem einen Job anzubieten.“

Einen Job?

Die Musik setzte für einen Moment aus, und Chandler führte Lindsay vom Tanzparkett.

Moment mal! Was für ein Job?

„Danke für den Tanz, Miss Bingham … Lindsay“, sagte Chandler. „Chandler Guides produziert eine dreiminütige Show, die auf Food TV ausgestrahlt wird. Sie heißt The Diva Dishes. Darin geht es um Reisen, Essen und Festivitäten. Haben Sie sie schon gesehen?“

Lindsay nickte. Sie war nämlich geradezu süchtig nach Food TV.

„Diese Mini-Episoden sollen den Absatz unserer Reiseführer steigern, aber die Zahlen im ersten Jahr waren leider etwas enttäuschend. Wir haben die bisherige Moderatorin daher entlassen. Sie hatte einfach nicht das gewisse Etwas für den Job.“

Chandler schwieg einen Augenblick, nahm Lindsays Kinn und musterte sie wohlgefällig. „Sie haben wirklich bemerkenswerte Augen, meine Liebe. Aber das hören Sie bestimmt öfter, oder?“

In Lindsays Kopf schrillten sofort wieder sämtliche Alarmglocken. Sie wollte sich gerade von ihm losmachen, als er sie von sich aus losließ.

„Aber ich schweife ab“, fuhr er fort. „Montag findet direkt hier in St. Michel das Vorsprechen für die neue Moderatorin statt. Die Kandidatin, für die wir uns entscheiden, wird sofort anfangen müssen, da wir gleich über das Weinfestival hier in St. Michel berichten wollen. Bitte kommen Sie doch auch hin.“

Lindsay wurde schlagartig hellwach. Das Weinfestival von St. Michel? Etwa das, das Carlos vorhin erwähnt hatte?

Aber … das geht doch nicht. Schließlich fliege ich schon morgen zurück. Mary erwartet mich pünktlich am Montag bei der Arbeit, und außerdem fühlte ich mich total unwohl in Chandlers Gegenwart. Er löst viel so viele unangenehme Erinnerungen in mir aus.

Chandler schien ihr Zögern zu bemerken.

„Sie glauben gar nicht, wie viele Frauen schon vorgesprochen haben, Lindsay. Um ehrlich zu sein, sind Sie dank der Prinzessin am Montag die einzige Bewerberin. Ihre Freundin hat ein wahres Loblied auf Sie gesungen und uns schließlich davon überzeugt, dass Sie genau die Diva sind, nach der wir suchen.“

Lindsay schwieg peinlich berührt. Keine Frage, Sophie hatte mit ihrer Überraschung nicht zu viel versprochen!

Während Lindsay noch mit sich rang, schlug die Uhr im Schlossturm Mitternacht. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Carlos durch die Terrassentür reinkam und in der Menschenmenge verschwand.

Chandler griff in seine Brusttasche und zog eine Visitenkarte heraus.

„Rufen Sie meine Assistentin an. Sie wird Ihnen mitteilen, wo genau das Vorsprechen stattfindet.“

Lindsay holte tief Luft. Während sie sich innerlich eine Absage zurechtlegte, sah sie sich vergeblich nach ...

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