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Im goldenen Käfig des Italieners

1. KAPITEL

Dante D’Arezzo konnte den exakten Zeitpunkt bestimmen, zu dem seine Exverlobte die Kathedrale betrat. Zuerst wurde es schlagartig still, und danach erhob sich ein aufgeregtes Raunen.

„Oh, das ist doch Justina Perry!“

„Wow!“

Dantes Herz hämmerte wild, während sich die Hochzeitsgäste nach Justina umdrehten. Sie wollten wissen, ob ihr Gesicht schon die ersten Altersspuren aufwies, und falls ja, ob sie diese kaschiert oder auch nicht kaschiert hatte. Ob sie zu- oder abgenommen hatte. Was für ein Kleid sie trug und so weiter und so fort. Die Leute wollten schlicht alles über Justina Perry wissen, die vor zehn Jahren eine Weile prominent gewesen war. Sobald jemand berühmt war, leitete die Öffentlichkeit daraus sofort eine Art Besitzanspruch ab.

Das alles wusste Dante. Immerhin hatte er Justina lange genug vom Spielfeldrand aus beobachtet, um die Schattenseiten des Ruhms zu kennen. Um zu wissen, dass Berühmtheit die Menschen korrumpieren, ihre Persönlichkeit zerstören und sich wie ein schleichendes Gift in ihrem Alltagsleben ausbreiten konnte.

Das rabenschwarze lange Haar kunstvoll hochgesteckt, bewegte Justina sich geschmeidig wie eine Raubkatze den breiten Mittelgang der Kathedrale von Norwich hinunter in Richtung Altar, wo gleich die Sängerin ihrer ehemaligen Band getraut werden sollte. Sie trug ein orientalisch anmutendes, mit Drachen und Blumen besticktes Kleid aus elfenbeinfarbenem Satin, das auf den ersten Blick fast züchtig wirkte. Doch dann sah Dante den langen Schlitz an der Seite, der bei jedem Schritt auf ihren High Heels für einen quälenden Sekundenbruchteil ein langes nacktes Bein enthüllte.

Dante wurde von unerwünschtem Verlangen überschwemmt, dicht gefolgt von wütender Empörung. Sie machte sich also immer noch wie eine puttana zurecht. Und genoss die begehrlichen Blicke fremder Männer, die sich irgendetwas über diese Frau mit dem sündigen Körper und dem seelenvollen Gesicht eines dunklen Engels zusammenfantasierten …

Doch sein Verlangen war stärker als seine Wut. Er ließ Justina nicht aus den Augen, bis sie in einer der vorderen Bankreihen Platz nahm. Plötzlich konnte er nur noch daran denken, wie lange es her war. Fünf endlose Jahre hatte er sie nicht mehr gesehen. Eigentlich lange genug, um gegen ihre raubtierhafte Ausstrahlung immun zu werden, sollte man meinen. Aber warum dann jetzt dieses irre Herzklopfen? Und – weit katastrophaler noch – warum wurde er so hart, dass er sich das Blatt mit den Liedertexten sorgsam auf dem Schoß drapieren musste?

Als die Zeremonie begann, versuchte er an etwas anderes zu denken, doch weit kam er nicht. Vor allem, weil das ganze Ritual auch noch viel länger zu dauern schien als üblich. Was wahrscheinlich daran lag, dass der Bräutigam erst vor Kurzem in den Stand eines Dukes erhoben worden war. Und so purzelten in Dantes Kopf längst vergessen geglaubte Bilder wild durcheinander.

Justina, die sich zwischen zerwühlten weißen Laken unter ihm wand.

Justina mit ihrem pechschwarzen Haar, der blassen Magnolienhaut und den aufregenden bernsteinfarbenen Augen.

Er konnte fast die süße Enge ihres Körpers wieder spüren. Und sah diese betörenden kleinen Nippel vor sich, wie geschaffen dafür, um vom Mund eines Mannes verwöhnt zu werden. Ärgerlich schüttelte er den Kopf. Konnte er nicht endlich den einzigen schwerwiegenden Fehler seines Lebens ein für allemal hinter sich lassen, den einzigen Makel in seinem ansonsten makellosen Leben? Er hatte Vorfahren, auf die er stolz sein konnte. Darunter waren Gelehrte, Generäle und Diplomaten gewesen, alter Adel mit viel Land und wenig Geld.

Doch seit Dante die Familiengeschäfte übernommen hatte, entwickelten sich auch die Finanzen ausgesprochen positiv.

Heute besaß die Familie D’Arezzo außer einem großen Weingut bei Florenz fast überall auf der Welt ausgedehnte Ländereien. Dante hatte alles, was sich ein Mann nur wünschen konnte, dennoch war sein Herz seltsam leer.

Jetzt läuteten die Kirchenglocken triumphierend das Ende der Zeremonie ein. Und dann schwebte Roxy Carmichael, eingehüllt in eine weiße Wolke aus Tüll und perlenbestickter Seide, am Arm ihres frischgebackenen Ehemanns den Mittelgang hinunter. Dante schüttelte ungläubig den Kopf. Wer hätte das gedacht? Als er Roxy zum letzten Mal gesehen hatte, war sie, nur mit einem handbreitem Stück Glitzerstoff bekleidet, über eine riesige Bühne gewirbelt.

Roxy, Justina und Lexi hatten sich die „Lollipops“ genannt, die aufregendste Girl-Band der Welt. Und er war eine ganze Weile mehr als nur ein ganz normaler Fan gewesen.

Dante blieb noch sitzen, wartete, während sich die Kathedrale langsam leerte. Wie würde Justina reagieren, wenn sie ihn hier sah? Ob sie ihre Entscheidung jemals bereut hatte? Diese Entscheidung, die schließlich zum Bruch ihrer Verlobung geführt hatte? Gestern Abend hatte er nicht widerstehen können, eine Internetsuche nach ihr zu starten. Da hatte er erfahren, dass sie immer noch unverheiratet und kinderlos war. Mit fast dreißig. Wurde es da nicht langsam Zeit für ein Kind? Ein hartes Lächeln zuckte um seine Mundwinkel. Justina doch nicht! Was sollte Justina mit einem Kind? Ihre Karriere bedeutete ihr alles. Absolut alles.

Sein Blick scannte ihr blasses Gesicht ab, während sie auf ihn zukam. Als sie ihn entdeckte, erstarrte sie. Er schaute ihr in die ungläubig aufgerissenen bernsteinfarbenen Augen, die jetzt fast golden wirkten, weil sie noch blasser geworden war. Sah in den Tiefen dieser Augen etwas aufblitzen, das er nicht einordnen konnte. Und auch nicht einordnen wollte, weil es ihm schlicht egal war, was Justina Perry fühlte oder dachte. Trotzdem verspürte er eine Art Genugtuung, als er sah, dass sie bei seinem Anblick plötzlich nervös schluckte.

Sie war jetzt auf selber Höhe mit ihm. So nah, dass ihm ihr Duft in die Nase wehte, eine Mischung aus Honig und Jasmin. Und dann war sie auch schon vorbei, und er wurde auf eine hübsche Blondine in der Reihe vor ihm aufmerksam, die sich lächelnd zu ihm umdrehte.

Aber Dante erwiderte ihr Lächeln nur sehr flüchtig. Er war nicht hier, um Frauenbekanntschaften zu machen. Obwohl er eigentlich gar nicht so genau wusste, warum er dieser gänzlich unerwarteten Einladung überhaupt gefolgt war. Um endlich ein Gespenst ein für alle Mal zur Ruhe zu betten? Um sich selbst zu beweisen, dass ihn die einzige Frau, die ihm jemals unter die Haut gegangen war, inzwischen völlig kaltließ?

Er trat aus der dämmrigen Kathedrale hinaus in das kühle Licht des Tages, wo ihm der Duft der Blüten in die Nase stieg, mit denen das Kirchenportal geschmückt war. Prompt fiel sein Blick auf Justina. Sie stand auf der anderen Seite des Innenhofs inmitten einer Ansammlung von Leuten, die um ihre Aufmerksamkeit buhlten. Aber sie sah sich suchend um, und als sie ihn entdeckte, und sie sich ansahen, durchzuckte es ihn heiß, auch wenn ihm schleierhaft war, warum.

Wie magisch angezogen begann Dante auf sie zuzugehen. Beim Näherkommen sah er, wie sich ihre Schneidezähne in ihre volle weiche Unterlippe gruben. Dabei musste er daran denken, wozu diese schönen Lippen imstande waren. Und wurde jäh ein weiteres Mal von einer Welle der Lust überschwemmt.

Nachdem ihn die Leute, die sich um Justina scharten, einen Moment lang neugierig angestarrt hatten, wichen sie zur Seite, um ihn durchzulassen.

„Na, so was“, sagte er, als er bei ihr angelangt war. „Wen haben wir denn da?“

Justinas Herz klopfte zum Zerspringen. All ihre Sinne waren schlagartig zum Leben erwacht; es war, als ob sie einen Stromschlag erhalten hätte. Ihre Brustwarzen kribbelten, und zwischen ihren Beinen entwickelte sich eine feuchte Hitze. Verdammt, was war das denn? Sie wollte diesen betrügerischen Bastard nicht begehren! Sie musste unbedingt nach außen hin cool bleiben! Auch wenn das gar nicht so leicht war. Wie auch, wo sein Gesicht plötzlich wieder so nah war … das schönste, beeindruckendste Gesicht, das sie je gesehen hatte. Sein dunkler Blick bohrte sich in ihre Augen, sein kraftvoller Körper brannte sich in ihr Bewusstsein ein. Plötzlich fühlte sie sich so kraftlos und schwach, als ob man ihr alles Blut aus dem Körper gepumpt und durch Wasser ersetzt hätte.

Reiß dich zusammen! befahl sie sich. Lass dir bloß keine Schwäche anmerken! Das hier ist Dante D’Arezzo. Der Mann, der Liebe mit Kontrolle verwechselt. Der dir kalt lächelnd den Laufpass gegeben hat, nur weil du es abgelehnt hast, dich von ihm wie eine Marionette behandeln zu lassen. Und der ohne mit der Wimper zu zucken gleich darauf mit einer anderen ins Bett gegangen ist, und …

Sie sah vor ihrem geistigen Auge ein Bett mit zerknüllten Laken, einen zerzausten langen blonden Haarschopf, einen runden knackigen Po. Und den auf dem Rücken liegenden Dante, der sich mit einem ekstatischen Lächeln auf den verräterischen Lippen von seiner nackten Gespielin jeden Wunsch erfüllen ließ …

Die lebhaften Bilder seines Verrats hatten sich so unauslöschlich in ihr Gedächtnis eingebrannt, dass sie auch nach fünf langen Jahren nicht verblasst waren. Sie durfte nicht daran denken. Das konnte sie sich einfach nicht leisten. Sie musste sich auf das konzentrieren, was wichtig war, und das war im Moment, ihn so schnell wie möglich loszuwerden.

Also strafte Justina ihn mit einem verächtlichen Blick und sagte: „Danke, dass du mir den Tag versaut hast. Wer hat dich eingeladen?“

Eine so unverhüllt feindselige Reaktion hatte Dante nicht erwartet, aber eigentlich konnte es ihm nur recht sein. „Na, wer wohl? Die Braut natürlich. Oder denkst du, ich schleiche mich ein?“

Justina erschauerte unwillkürlich, als er noch näher kam und der Schatten seines kraftvollen durchtrainierten Körpers über sie fiel wie ein böses Omen. Als ob Dante es jemals nötig gehabt hätte, sich irgendwo einzuschleichen.

„Wirklich?“, fragte sie, und wünschte, sie könnte anders auf ihn reagieren. Ihr Körper fühlte sich an, als würde er plötzlich wieder auftauen, nachdem er zuvor jahrelang unter arktischem Eis begraben gewesen war. Sie meinte, auf der Stelle vergehen zu müssen, wenn sie Dante nicht sofort berührte, wenn sie nicht jetzt gleich seine harten Lippen auf ihren spürte. Plötzlich erinnerte sie sich daran, wie er früher seinen Kopf zwischen ihre Beine geschoben und sie dort liebkost hatte. Sofort erschauerte sie heftig in einer Mischung aus Scham und Verlangen. Wie machte er das bloß? Wie konnte es sein, dass sie ihn immer noch begehrte, obwohl sie ihn so hasste?

„Ich wusste gar nicht, dass du noch Kontakt mit Roxy hast.“

„Ich auch nicht.“ In seinen dunklen Augen tanzten spöttische Fünkchen. „War wahrscheinlich ein Anfall von Großmut, jetzt, wo sie ihren Duke gefunden hat.“

Gespielt gelassen musterte sie ihn, während sie ihren Schöpfer um Gleichmut anflehte, um einen Gleichmut, den sie diesem toskanischen Aristokraten noch nie entgegengebracht hatte. Er trug – ebenso wie alle anderen männlichen Gäste – einen dunklen Anzug, aber die Grandezza, die er ausstrahlte, machte ihn zu etwas Besonderem. Der teure schwarze Stoff schmiegte sich an seinen großgewachsenen muskulösen Körper, betonte die schmalen Hüften und langen Beine. Doch unter dieser eleganten Oberfläche brodelte bei Dante D’Arezzo eine Wildheit fast primitiven Ursprungs. Er gehörte zu jener Sorte Mann, die sich bedenkenlos nahm, was ihr gefiel. Die Frauen dazu brachte, vor Glück und Lust laut zu schluchzen. Und vor Schmerz, erinnerte sich Justina. Besonders vor Schmerz. Ein Schmerz, der einfach nicht vergehen wollte.

„Vielleicht brauchte Roxy ja noch ein bisschen Füllmaterial“, sagte sie schulterzuckend mit Blick auf die Kathedrale. „So eine riesige Kirche muss man erst mal vollkriegen. Außerdem schmückt ein italienischer Aristokrat jede Gästeliste.“

Er parierte ihre spitze Bemerkung mit einem gönnerhaften Lächeln. „Es ist lange her, Justina“, sagte er leise.

„Fünf Jahre.“ Sie lächelte angestrengt. „Wenn man Spaß hat, vergeht die Zeit wie im Flug … was ich von der Zeit mit dir nicht gerade behaupten kann.“

Aber er schien gar nicht richtig zuzuhören. Er taxierte sie eingehend … als ob sie sein Eigentum wäre.

„Du bist dünn geworden“, stellte er schließlich fest.

Sie spürte, dass ihr Herz ins Stolpern kam, wobei sie nicht wusste, ob es vor Wut war oder vor Enttäuschung. Das war wieder mal typisch Dante! Er erwähnte etwas, worauf sie stolz war, aber aus seinem Mund klang es, als ob sie etwas verbrochen hätte. Für diesen Körper brachte sie große Opfer. Jeden Morgen quälte sie sich in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett, um zu laufen, bei Wind und Wetter. Und in sämtlichen Hotels, in denen sie abstieg, besuchte sie zu den abenteuerlichsten Tages- und Nachtzeiten die Fitnessräume, immer mit Stöpseln im Ohr, über die sie laute Musik hörte. Aber immerhin bewahrte dieses strenge Regiment sie davor, in ein tiefes Loch zu fallen, was bei ständigen einsamen Hotelaufenthalten eine große Gefahr war.

Nach fünf Uhr nachmittags gestattete sie sich keine Kohlehydrate mehr, Alkohol war nur ausnahmsweise erlaubt. Sie war unheimlich diszipliniert, weil es mit zunehmendem Alter immer schwieriger wurde, sich fit zu halten.

Ihre körperliche Fitness half ihr, das Leben zu meistern. Ihre körperliche Fitness war ihre Erfolgsgarantie in einer Industrie, in der Jugendlichkeit alles bedeutete und diejenigen, die den irrsinnig hohen Anforderungen nicht gewachsen waren, auf der Strecke blieben, manchmal sogar ihr Leben ließen. Justina hatte ihrer Karriere zu viel geopfert, um sie durch Unachtsamkeit oder Leichtsinn zu gefährden.

„Ja, zum Glück. Weil ich es so wollte“, betonte sie, während ihr Blick über seinen dunklen Anzug wanderte, unter dem sich sein muskulöser Körper abzeichnete „Du solltest dir auch mal ein bisschen Bewegung gönnen, Dante. Derzeit ist der hagere Typ angesagt.“

„Danke für den Rat, aber ich habe genug Bewegung.“ Er beugte sich leicht vor und sah, dass sich ihre Pupillen geweitet hatten. Und spürte wieder, dass er sie wollte. Er wollte sie so sehr, dass er sie am liebsten an sich gerissen und seinen Mund auf ihre samtweichen Lippen gepresst hätte. Seine Augen glitzerten. „Und mein Körper ist überall an den richtigen Stellen hart.“

Justina spürte ihr Gesicht heiß werden und trat nervös einen Schritt zurück. „Du bist abscheulich.“

„Ach ja? Wenn ich mich recht erinnere, wusstest du diese besondere Art von Abscheulichkeit früher durchaus zu schätzen.“

„Das ist lange her. Zum Glück bin ich seitdem erwachsen geworden, mein Geschmack hat sich verfeinert. Neandertaler lassen mich kalt.“

„Dann musst du dich aber wirklich sehr verändert haben. Ich habe nie wieder eine Frau kennengelernt, die so von männlicher Dominanz angetörnt war wie du“, zog er sie mit seidenweicher Stimme auf.

Bei seinen Worten wurde Justina von lange verdrängten Erinnerungen überschwemmt. Daran, wie Dante sie küsste. Wie Dante in sie stieß.

Wie Dante es auch mit anderen Frauen machte …

Sie hätte am liebsten laut geschrien. Sie wollte auf ihn einschlagen, fragen, warum er das getan hatte … warum? Aber sie würde sich hüten. Weil es völlig sinnlos war, die Vergangenheit wiederaufleben zu lassen. Das alles lag hinter ihr, sie lebte jetzt. Sie hatte ihre Zukunft noch vor sich, eine Zukunft, in der er keine Rolle mehr spielte.

Und jetzt musste sie sofort weg von hier.

Justina fixierte einen unsichtbaren Punkt über seiner Schulter und verzog den Mund zu einem Lächeln, als ob sie hinter ihm gerade einen Bekannten entdeckt hätte. Um Zeit zu schinden, die sie benötigte, um ihre Fassung wiederzufinden. Und als sie ihm wieder in die dunklen Augen schaute, gelang es ihr tatsächlich, so etwas wie Gleichmut vorzutäuschen.

„Du darfst es wirklich nicht zulassen, dass ich dich noch länger mit Beschlag belege, Dante. Wo es hier doch bestimmt jede Menge Leute gibt, die es gar nicht erwarten können, in den Genuss deiner Aufmerksamkeit zu kommen. Wie zum Beispiel die junge Dame da drüben, die schon die ganze Zeit verzweifelt versucht, irgendwie aufzufallen. Ich wette, dass es mit ihr heute noch zum Vollzug kommt.“

Damit wandte sie sich ab, wobei sie betete, dass er nicht versuchen würde, sie aufzuhalten. Und der Himmel hatte ein Einsehen. Sie registrierte, wie Dante kurz die Augen zusammenkniff, als sie auf dem Absatz kehrtmachte und sich in Sicherheit brachte. Ihr war, als würde sich sein Blick wie ein glühender Pfeil in ihren Rücken bohrte. Ihre Hände zitterten, ihr Herz raste, und einen Moment lang überlegte sie, ob sie nicht besser sofort von hier verschwinden sollte.

Aber das konnte sie Roxy unmöglich antun, nachdem sie sich jahrelang aus den Augen verloren hatten. Sie drehte das Gesicht weg, als ihr ein Paparazzo mit Kamera im Anschlag entgegenkam, und stieß einen zitternden Seufzer aus. Sie musste sich einfach nur wie ein erwachsener Mensch benehmen, dann würde sie den Tag schon heil überstehen. So schwierig konnte es schließlich nicht sein, Dante aus dem Weg zu gehen, außerdem würde er bestimmt nicht lange bleiben.

Sie bestieg einen der roten Doppeldeckerbusse, die bereitstanden, um die Hochzeitsgäste zum Familiensitz des Bräutigams zu transportieren, und suchte sich einen Platz. Der Bus holperte über die engen Landstraßen Norfolks, bevor er das schwere Tor passierte, hinter dem sich am Ende einer langen, mit Kies bestreuten Auffahrt das Anwesen des Dukes erhob. Als das Fahrzeug vor dem Eingang anhielt, blickte Justina mit vor Ehrfurcht angehaltenem Atem auf das beeindruckende palastartige Gebäude, das sie bereits aus Roxys lebhaften Schilderungen kannte.

Die inmitten einer grünen Parklandschaft gelegene Valeo Hall wurde von zwei zähnefletschenden Bronzelöwen auf hohen Steinsockeln bewacht. Ein von mächtigen Säulen flankierter Treppenaufgang führte zu einem wuchtigen Eichenportal, das mit denselben duftenden weißen Blüten geschmückt war wie die Tür der Kathedrale. Nachdem Justina aus dem Bus gestiegen war, nahm sie den Blütenduft tief in sich auf. Glückliche Roxy, dachte sie. Für Roxy begann jetzt ein neues Leben. Justina verspürte einen kleinen Stich von Neid, aber das war doch nur menschlich, oder?

Sie reihte sich in die Schlange der Gratulanten ein und wartete geduldig, bis sie an der Reihe war. Nachdem sie den beeindruckend gut aussehenden Duke kurz umarmt hatte, fühlte sie sich eine Sekunde später in eine duftige Wolke aus Tüll und weißer Spitze eingehüllt.

„Oh, Jus!“ Roxy strahlte übers ganze Gesicht. „Wie schön, dass du gekommen bist. Und wie fandest du die Trauung?“

„Wunderschön. Und du siehst wunderschön aus. Du bist die schönste Braut, die ich je gesehen habe. Aber du hast mir gar nicht erzählt, dass Dante auch kommt“, fügte Justina flüsternd hinzu.

„Hätte ich?“ Roxy lächelte verschwörerisch, fast so, als wären sie beide wieder neunzehn. „Ich dachte mir einfach, dass das alles schon so ewig her ist, dass es kein Hinderungsgrund sein sollte, ihn einzuladen, meinst du nicht?“

Justina lächelte trocken. Was sollte sie sagen? Roxy hatte ja recht. Es war schließlich ihre eigene Schuld, wenn sie nach so langer Zeit immer noch nicht damit klarkam. Deshalb blieb ihr jetzt gar nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Das war sie Roxy einfach schuldig.

„Nein, nein, kein Problem“, versicherte sie eilig. „Außerdem kann es nie schaden, alte Erinnerungen aufzufrischen.“

Nach diesen Worten machte Justina dem nachfolgenden Gratulanten Platz und nahm dabei von einer vorbeikommenden Serviererin ein Glas Champagner entgegen. Sie trank schnell einen großen Schluck, mit der angenehmen Folge, dass sich der Aufruhr in ihrem Innern etwas zu legen begann. Warum sollte sie sich auch von Dante D’Arezzo einschüchtern lassen? Sie war schließlich eine gestandene Frau und kein Mäuschen. Sollte er ihr heute noch einmal in die Quere kommen, würde sie ihn einfach auflaufen lassen.

Justina schaute sich um. Die Gäste strömten in einen großen, festlich geschmückten, in Weiß und Gold gehaltenen Saal. Glitzernde Kronleuchter warfen in allen Regenbogenfarben schillernde Strahlen auf das antike Kristall und Silber, das sich bereits seit Generationen im Familienbesitz befinden musste.

Beim Studieren der Sitzordnung stellte Justina erleichtert fest, dass man sie zwischen einem alten Brigadegeneral und einem gewissen Lord Aston platziert hatte. Das war die Gewähr dafür, dass ihr Dantes Gesellschaft erspart bleiben würde. Allem Anschein nach war Roxy ...

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