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Im geheimen Garten des Scheichs

Rebecca Winters

Im geheimen Garten des Scheichs

1. KAPITEL

Montreux, Schweiz, dreizehnter Juni

„Ich kann dich nicht heiraten, Paul. Du bist zweifellos ein wunderbarer Mann, aber ich liebe dich nicht.“

„Lauren, du bist nach dem Tod deiner Großmutter zu traurig, um dir über deine Gefühle im Klaren zu sein.“

„Ich weiß sehr gut, was ich empfinde. Und eine Ehe zwischen uns beiden würde nicht funktionieren.“

„Du willst also wirklich diese Reise antreten, Lauren?“

„Ja, Paul. Ich möchte eine Zeit lang auf Großmutters Spuren wandeln. Quasi als meine letzte Ehrerweisung an sie.“

„Du solltest dich nicht allein dorthin aufmachen. Lass mich wenigstens mitkommen, damit ich dich beschützen kann.“

„Mich beschützen? Wovor? Nein, Paul.“

Wüste Nefud, fünfzehnter Juni

Sie irrten umher in der Wüste, auf ödem Weg … Hungrig waren sie und durstig, es verschmachtete in ihnen ihre Seele.

Diese Psalmverse gingen Lauren durch den Kopf, während sie einen Schluck aus dem ledernen Wasserbeutel trank. Gemächlich ließ sie den Blick durch die weite, einsame nordarabische Wüste schweifen, in der eine brüllende Hitze herrschte.

Sie war heute Vormittag mit der kleinen Karawane aus zwanzig Leuten zu dem sechzig Kilometer langen Ritt in die Oase Al-Shafeeq aufgebrochen. Nein, sie durfte die zwanzig Kamele nicht vergessen, auf denen sie saßen. Ein Kamel war in der Wüste wichtiger als jeder Mensch. Dies hatte ihr persönlicher Fremdenführer Mustafa ihr erklärt, bevor sie die Stadt El-Joktor verlassen hatten. Es würde sie tragen, ihr Schutz gewähren und ihr in der Not sogar Essen und Trinken liefern.

Lauren schreckte aus ihrer Selbstvergessenheit, als Mustafa sich an ihre Seite gesellte. Wortreich machte er sie auf die Ehrfurcht gebietenden sichelförmigen Dünen aufmerksam, die sich in diesem Teil der Wüste erhoben. Dergleichen hatte sie noch nie gesehen. Es war eine unglaublich magische Landschaft. Eine Landschaft, die bereits ihre amerikanische Großmutter fasziniert hatte. Doch noch viel mehr war Celia hier von einem Mann verzaubert worden.

„Malik ist in jeder Hinsicht überwältigend gewesen“, hatte Celia Melrose Bancroft ihr einmal erzählt. „Er war ein Scheich und König und sein Wort für sein Volk Gesetz. Er sah einfach hinreißend aus. Und genauso wie ich einfach atmen muss, bin ich machtlos dagegen gewesen, mich in ihn zu verlieben.“

Eine solche Liebe kann ich mir nicht wirklich vorstellen, dachte Lauren. Gedankenverloren blickte sie zu den Kameltreibern in ihren traditionellen Kopftüchern und Gewändern hinüber. Die Wüstensöhne fragten sich bestimmt, was die hellhäutige blonde Amerikanerin hier allein wollte. Und in der Männer-Guthra und Männer-Kandura musste sie genauso ungewöhnlich aussehen wie ihre Großmutter damals.

Jeder zu Hause hatte über die enorme Ähnlichkeit zwischen Celia und ihr gestaunt. Es war schon komisch, wie manche erbbiologischen Merkmale zuweilen eine Generation übersprangen. Ihre Mutter Lana war das genaue Gegenteil von Lauren gewesen. Sie hatte einen etwas dunkleren Teint sowie braune Haare gehabt. Leider kannte Lauren sie nur von Fotos her. Ihre Eltern hatten bei einem Drahtseilbahnunglück den Tod gefunden, als sie gerade sechs Monate alt gewesen war.

Celia hatte ihrer Tochter aus Liebe zu deren Vater Scheich Malik Ghazi Shafeeq einen arabischen Namen gegeben. Sie hatte Lauren auch einmal ein Foto ihres Großvaters gezeigt, das sie aus einer Zeitung ausgeschnitten und wie einen Schatz gehütet hatte. Aufgrund des traditionellen Kopftuchs und des langen Gewands hatte man nicht viel darauf erkennen können. Lediglich dass er eine edle, aristokratische Nase sowie einen vollen, sinnlichen Mund hatte. Oder eher gehabt hatte, denn er war höchstwahrscheinlich inzwischen ebenfalls verstorben.

Nach dem Tod ihrer Großmutter wusste jetzt niemand mehr, dass sie sowohl amerikanischer als auch arabischer Abstammung war. Und keiner würde es je erfahren. Aber nicht zuletzt aus Neugier hatte Lauren diese Reise in die Wüste angetreten.

Heute Nacht würde sie unter freiem Himmel schlafen und morgen mit der Karawane die Oase Al-Shafeeq erreichen. Dort wollte sie eine Weile bleiben und würde hoffentlich mehr über den Großvater herausfinden können.

„Dein arabisches Erbe zeigt sich für mich in deiner Leidenschaftlichkeit“, hatte Celia des Öfteren gesagt. „Da meine ich, Malik in dir zu erkennen. Und wenn du irgendwann dem richtigen Mann begegnest, wird diese Leidenschaftlichkeit voll entfesselt werden.“

Der Pariser Journalist Paul hatte dieser Jemand nicht sein können. Er war ein feiner, netter und charmanter Kerl. Doch Lauren wartete insgeheim auf den Tag, an dem sie die glühende Leidenschaft erlebte, von der Celia gesprochen hatte.

Obwohl sie Pauls Heiratsantrag abgelehnt hatte, befürchtete Lauren, dass er weiterhin hoffte und bei ihrer Rückkehr auf sie wartete. Genau dieser Ausdauer und Unermüdlichkeit hatte er in erster Linie das Interview mit ihrer Großmutter zu verdanken.

Seit einigen Jahren hatte er nämlich für seine Zeitung eine Serie über das Leben von Richard Bancroft, Celias verstorbenem Mann, schreiben wollen. Dieser hatte die ledige Mutter geheiratet und war der kleinen Lana ein Vater gewesen. Anscheinend hatte es ihn nicht gekümmert, dass seine Frau ihm nie erzählt hatte, wer der leibliche Vater ihrer Tochter war. Es war ihm genug gewesen, zu wissen, dass sie ihn liebte.

Richard, ein berühmter Abenteurer und Anthropologe, hatte vierzehn Expeditionen an einige der unwirtlichsten Orte der Welt geleitet. Lauren und ihre Großmutter hatten ihn oft begleitet. Allerdings war er nie in der arabischen Wüste unterwegs gewesen. Genauso wenig war Celia je dorthin zurückgekehrt. Lauren hatte keine Ahnung, ob dieses Fleckchen Erde ihrer Großmutter so heilig gewesen war, dass sie es mit keinem anderen Mann hatte besuchen wollen. Möglicherweise hatte sich aber Richard auch mehr für andere Gegenden interessiert.

Paul hatte es schließlich geschafft, Celia über ihr Leben und die vielen Reisen mit ihrem Mann zu interviewen. Und von Anfang an war er ebenfalls darum bemüht gewesen, Lauren kennenzulernen. Sie hatte noch bei ihrer Großmutter in Montreux gelebt und ihr geholfen, Richards Notizen und Tagebücher zu einem Buch zusammenzustellen.

Celia hatte Paul charmant gefunden, und Lauren war es genauso gegangen. Doch hatte sie die Beziehung als rein platonisch betrachtet, da ihr Herz nicht beteiligt gewesen war. Was ihre Großmutter gewusst hatte. Irgendwann hatte diese ihr dann ihre größte Angst offenbart. Nämlich die geliebte Enkelin allein zurückzulassen, ohne jemanden, der das Leben mit ihr teilte.

„Ich werde nicht immer allein bleiben“, hatte Lauren ihr versichert. „Ich möchte wie du viel reisen und etwas Vernünftiges mit meinem Leben machen. Eines Tages werde ich bestimmt dem richtigen Mann begegnen.“ Sie hatte ihre sterbende Großmutter nicht unnötig belasten wollen, aber sie waren immer ehrlich zueinander gewesen.

Nach Celias Beerdigung hatte Lauren begonnen, die Reise in die Oase Al-Shafeeq vorzubereiten. Es hatte sie gedrängt, den Ort kennenzulernen, an dem ihre sehr romantisch veranlagte Großmutter jene ergreifende Liebe erlebt hatte.

Unwillkürlich fasste sie sich an den Hals. Unter ihrer Kleidung trug sie eine Kette mit einem goldenen Anhänger, in den ein Halbmond eingraviert war. Er war Celias größter Schatz gewesen. Sie hatte ihn von ihrem Geliebten im Garten des Mondes bekommen.

Ihre Großmutter hatte auch noch einen Garten des Entzückens erwähnt. Lauren fand allein die Namen schon faszinierend und wollte diese Anlagen unbedingt besichtigen. Der Anhänger war für sie so etwas wie ein Talisman. Sie hoffte, er würde ihr Glücksbringer sein, durch den sie eines Tages einen ähnlichen Zauber erfuhr, wie er Celia und Malik geschenkt worden war.

Der Tod der geliebten Großmutter hatte sie mit tiefer Trauer erfüllt. Um sich daraus zu befreien, hatte sie beschlossen, diese Reise zu machen – und zwar genauso wie Celia damals. Sie würde auf ihren Spuren wandeln und den Ort besuchen, der ihr Leben verändert hatte und viele Erinnerungen barg, die ihr unendlich wichtig gewesen waren.

Paul hätte sie gern begleitet. Anfang Juni hatte er einen unbedeutenden Prinzen aus dem nordarabischen Königreich im Spielkasino von Montreux kennengelernt. Da er immer auf der Suche nach einer Story war, hatte er die Gelegenheit für ein Interview genutzt und ein paar Fotos von ihm und seinem Gefolge geschossen.

Der Prinz hatte sich von Pauls Interesse geschmeichelt gefühlt und sich in Szene gesetzt. Er hatte ihm von der Schönheit der Wüste Nefud vorgeschwärmt und damit geprahlt, dass er eines Tages über das ganze Königreich herrschen würde. Paul hatte Letzteres für reines Wunschdenken gehalten. Was allerdings nicht hieß, dass es keine gute Geschichte war.

Begeistert hatte er Lauren alles erzählt. Schon allein deshalb war es ihr schwergefallen, ihm den Wunsch abzuschlagen, mit ihr zu kommen. Aber vor allem hatte sie es sehr ungern getan, weil er stets so nett zu ihrer Großmutter gewesen war. Doch sie wollte ihm nichts vormachen oder ihn ermutigen. Er war ein charmanter, warmherziger Mann, der eine Frau verdient hatte, die seine Liebe erwiderte.

Geistesabwesend bemerkte Lauren im Südwesten etwas Bräunliches, das wie ein Höhenzug aussah. Momente später stutzte sie und runzelte die Stirn. Auf dem Flug von Genf nach El-Joktor hatte sie gestern auf einer Karte den Weg in die Oase studiert. Irgendwelche Hügel oder gar Berge waren dort nicht eingezeichnet gewesen.

Plötzlich schien es ihr, als würden die Männer schreien. Sie hatte die arabische Sprache schon immer als laut empfunden. Jetzt klang sie allerdings irgendwie beunruhigend und jagte ihr einen Schauer über den Rücken.

„Mustafa“, sagte sie und wandte den Kopf zur Seite. Ihr Guide war nicht mehr neben ihr. Sie blickte sich um und stellte fest, dass die Karawane angehalten hatte. „Mustafa, was ist los?“

Sogleich ritt er zu ihr. „Ein Sandsturm. Wir müssen sofort Schutz suchen. Ziehen Sie die Zügel an, damit das Kamel sich hinlegt. Schnell!“

Ein Sandsturm wurde in jeder Wüste gefürchtet. Er konnte schrecklicher sein als ein Hurrikan oder Tornado. Es war erst einige Tage her, da hatte Lauren den Erlebnisbericht eines Beduinen gelesen. Er war vor vielen Jahren mit einer Karawane von zweitausend Leuten und eintausendachthundert Kamelen in einen Sandsturm geraten. Dieser war mit solcher Wucht über den Tross hereingebrochen, dass keiner außer dem Schreiber selbst ihn überlebt hatte.

Der heiße Wind zerrte erbarmungslos an ihrer Kandura, als wollte er sie ihr vom Leib reißen. Und dann sprang Panik sie an, als eine gelbe Wolkenwand sich ihnen unaufhörlich näherte und sie Probleme mit dem Atmen bekam.

Plötzlich zog Mustafa sie mit fast übermenschlicher Kraft vom Kamel und schob sie in dessen Windschatten. „Halten Sie sich am Zaumzeug fest, Mademoiselle. Bedecken Sie den ganzen Kopf, und pressen Sie sich gegen das Tier.“

„Wo werden Sie sein?“, fragte Lauren voller Angst.

„Neben Ihnen, Mademoiselle. Sie müss…“

Mehr verstand sie nicht, denn er verhüllte das Gesicht mit seinem Kopftuch. In der einen Sekunde war er noch da, und in der nächsten sah sie überhaupt nichts mehr. Und sie hatte ein unheimliches Dröhnen in den Ohren.

„Mustafa!“, schrie sie, aber der Sand drang ihr in Mund und Nase und ließ sie verstummen. Eilig vermummte sie sich ebenfalls und hatte dann das Gefühl, allmählich zu ersticken und vom Sand begraben zu werden.

Wir werden alle sterben, dachte sie, bevor sie in eine gnädige Ohnmacht fiel.

Wegen der Erkrankung seines Vaters regierte Prinz Rashad Shafeeq zurzeit das nordarabische Königreich Al-Shafeeq. Obwohl er bereits vierunddreißig war, hatte er in seinem Leben bislang nur zweimal wirklich gejubelt. Zum einen mit dreizehn, als es ihm gelang, den Hengst zuzureiten, den sein Vater ihm geschenkt hatte. Zum anderen mit fünfzehn, als sein Vater und der Pilot des kleinen Flugzeugs drei Tage nach dem Absturz lebend in der Wüste aufgefunden worden waren.

Heute Nachmittag empfand er in der Bergarbeiterstadt Raz eine ähnliche Hochstimmung, die mit Selbstzufriedenheit gepaart war. Drei Jahre hatte er auf diesen Moment gewartet. Gold hatte dem Königshaus seit Jahrhunderten Reichtum gesichert und würde es noch über Jahrtausende hin tun. Aber sein Wagnis, weitere Bohrungen vorzunehmen – was von den Eingeweihten als Geheimnis gehütet worden war –, hatte sich ausgezahlt.

Rashad ließ den Blick in die Runde schweifen. Er hatte seine Minister und zugleich engsten Vertrauten zu einem Meeting in den Konferenzraum des Goldbergwerks eingeladen. „Meine Herren. Ich habe mich heute mit dem Chefgeologen und dem leitenden Ingenieur getroffen. Sie haben meine schönsten Hoffnungen bestätigt. Die jüngsten Mineralienfunde sind so riesig, dass meine Vision Wirklichkeit werden kann, ganz neue Unternehmenszweige zum Wohl des Königreichs zu gründen. Abgesehen von Tausenden neuer Jobs im Lauf der Zeit bedeutet dies auch bessere Bildungsmöglichkeiten für unsere Stammesleute. Außerdem können wir mehr Krankenhäuser bauen und die Gesundheitsfürsorge ausweiten“, erklärte er und erntete großen Beifall.

Dieses Land samt seiner Bodenschätze gehörte schon seit Jahrhunderten seiner Familie. Allerdings hatten früher immer wieder andere Stämme versucht, es wegen der unglaublich reichen Metall- und Mineralienvorkommen an sich zu bringen. Was ihnen aber nicht gelungen war. Und glücklicherweise waren inzwischen die Zeiten dieser blutigen Auseinandersetzungen vorbei. Dafür gab es jetzt andere Probleme, die jedoch innerhalb der weitverzweigten Herrscherfamilie begründet lagen.

„Wenn ich nachher in den Palast zurückkehre, werde ich den König über alles informieren.“ Sein Vater war schwer an Diabetes erkrankt. „Er wird sich zweifellos genauso freuen wie Sie und mit Sicherheit einen Tag zum Feiern bestimmen. Ihre unermüdliche Arbeit ist nicht unbemerkt geblieben. Jeder von Ihnen wird eine Prämie für Ihren Einsatz und Ihre Loyalität gegenüber dem Königshaus erhalten.“

„Eure Hoheit.“ Unbemerkt war der Manager des Goldbergwerks auf der Türschwelle erschienen. Er machte eine besorgte Miene und verbeugte sich kurz. „Bitte entschuldigen Sie die Störung … Zwischen El-Joktor und Al-Shafeeq hat ein Sandsturm gewütet und eine Karawane überrascht.“

„Hat Ihnen das ein Augenzeuge berichtet?“, fragte Rashad, während am Tisch große Bestürzung herrschte.

„Ein Reiter hat die Überreste des Trosses von Weitem gesichtet und hier Hilfe holen wollen. Er hat einige herrenlose Kamele gesehen, weiß aber nicht, wie viele Menschen überlebt haben, tot sind oder vom Sand begraben wurden.“

„Wie weit von hier ist es passiert?“ Rashad stand auf.

„Achtzehn Kilometer.“

„Bitte entschuldigen Sie mich, meine Herren“, wandte er sich an die Minister und verließ mit dem Manager den Raum. „Stellen Sie ein Such- und Rettungsteam zusammen, das sofort mit dem Nötigsten ausgerüstet in die Wüste reitet. Lassen Sie auch Wasser an Bord meines Helikopters bringen. Ich werde zum Unglücksort fliegen, nach Überlebenden Ausschau halten und im Bedarfsfall Schwerverletzte in die Oase Al-Shafeeq transportieren.“

Sein Sekretär Tariq kam ihm auf dem Flur entgegen. „Eure Hoheit, kann ich irgendetwas tun?“

„Ja, begleiten Sie mich.“ Im Laufschritt begab er sich zum Landeplatz.

Während Tariq noch beim Einladen der Vorräte half, stieg Rashad in den Hubschrauber und führte die vor dem Start üblichen Checks durch. Einer seiner Bodyguards setzte sich hinter ihn, und schließlich schnallte sich Tariq auf dem Sitz des Kopiloten an. Momente später hoben sie auch schon ab.

Sich in der Wüste Fremden zu nähern war immer gefährlich. Da es sich jedoch um eigene Stammesleute handeln konnte, kam für Rashad nichts anderes infrage, als zu Hilfe zu eilen.

Sie waren noch nicht lange in der Luft, als er eine Ansammlung von Kamelen und winkenden Menschen am Boden erblickte. Unverzüglich landete er den Hubschrauber unweit von ihnen.

„Wir sollten vorsichtig sein“, warnte Tariq. „Es könnten Räuber sein, die einen Hinterhalt geplant haben.“

Rashad konnte es nicht ausschließen, doch mussten sie das Risiko eingehen. Mehrere Männer liefen auf die Maschine zu und verbeugten sich dann, um ihm für die Rettung zu danken. Einer von ihnen war Mustafa Tahar, ein angesehener Kameltreiber und Fremdenführer aus Al-Shafeeq, den er schon seit Jahren kannte.

„Es ist keine Falle“, beruhigte er seine Begleiter, und sie stiegen aus, noch während die Drehflügel rotierten.

Mustafa bat ihn zu einer Stelle, an der ein zugedeckter Körper lag. „Um zu überleben, braucht sie dringend Infusionen. Sie ist völlig dehydriert. Ich habe versucht, ihr mein letztes bisschen Wasser einzuflößen, aber es ist ihr wieder aus dem Mund gelaufen.“

„Eine Frau?“

„Ja, Eure Hoheit.“

Rashad ging in die Hocke. Er schlug die Decke zurück und schaute auf eine in Seitenlage liegende junge Frau in einer Männer-Kandura. Behutsam fasste er nach ihrem Handgelenk. Ja, da war noch ein Puls, jedoch nur ganz schwach. Außerdem fieberte sie bereits.

Kurz betrachtete er sie. Ihre atemberaubende Schönheit ließ ihn eine Sekunde zögern, bevor er sie hochhob. Sie war leicht wie eine Feder. Und während er sich wieder aufrichtete, überlief ihn ein seltsamer Schauer.

Nein, er glaubte nicht wirklich an Omen wie seine Stammesleute. Was er gerade gefühlt hatte, war eine ganz normale Reaktion auf eine sehr attraktive Frau. Seit der Übernahme der Staatsgeschäfte von seinem Vater vor einigen Wochen hatte er keine Frau gehabt. Er war zu beschäftigt gewesen, um sich zu amüsieren. Unvermittelt atmete er ihren weiblichen Duft ein, der ihm die Sinne stärker verwirrte, als er sich eingestand.

„Sie wollte nach Al-Shafeeq“, sagte Mustafa, der ihm zum Helikopter folgte.

„Allein. Ohne männlichen Begleiter?“, fragte Rashad verblüfft, als Tariq ihm half, die bewusstlose Frau auf dem Sitz hinter dem des Kopiloten anzuschnallen.

„Ja, ich habe mich auch gewundert. Hier ist ihr Pass, Eure Hoheit. Sie ist Amerikanerin.“

Rashad schob ihn in die Tasche. „Muss sonst noch jemand dringend medizinisch versorgt werden?“

„Nein.“ Mustafa schüttelte den Kopf.

„Gut. Hilfe aus Raz ist unterwegs und dürfte bald hier eintreffen“, erklärte Rashad, bevor er in den Helikopter stieg. „Ich fliege direkt zum Palast“, informierte er Tariq, bevor er startete. „Rufen Sie dort an, damit unser Leibarzt verständigt wird.“

Nach der Landung überließ er es seinem Bodyguard und Tariq, die junge Frau aus dem Helikopter zu heben. Je weniger er mit dieser bewusstlosen Schönheit zu tun hatte, desto besser. Sobald man sie auf einer Trage abtransportiert hatte, beorderte er die beiden Männer wieder in die Maschine, um nach Raz zurückzukehren. Um alles Weitere würde sich Dr. Tamam kümmern.

„Was beschäftigt Sie, Tariq? Sie haben noch kein einziges Wort gesagt“, meinte Rashad auf dem Rückflug. Sein Sekretär verhielt sich sehr untypisch.

„Es ist total unüblich, dass eine Frau allein hier draußen unterwegs ist. Vor allem eine so junge Frau.“

„Ja, das stimmt. Aber sie ist Ausländerin. Was vieles erklärt.“

„Sie ist ausgesprochen hübsch. Ein Mann wird leiden, wenn er hört, dass die Wüste ihr das Leben geraubt hat. Hoffentlich kann der Doktor sie retten.“

Rashad erwiderte nichts darauf. Bei Tariqs Antwort hatten sich die Härchen auf seinen Armen und im Nacken aufgestellt, als hätte ein Windhauch seine Haut gestreift. Es war schon das zweite Mal heute, dass ihn ein seltsames Gefühl überkam. Das gefiel ihm ganz und gar nicht.

Als er nach der Landung nach seinem Bodyguard und Tariq den Helikopter verlassen wollte, klingelte sein Handy. Er blieb noch im Hubschrauber sitzen und sah auf das Display. Es war Dr. Tamam. Rashad versteifte sich. Rief der Arzt ihn an, um ihm mitzuteilen, dass die Amerikanerin gestorben war?

„Ja, Doktor, was gibt’s? Habe ich Ihnen die junge Frau zu spät gebracht?“

„Nein. Durch die intravenöse Infusion erholt sie sich langsam.“

Rashad atmete aus und wurde sich erst jetzt bewusst, dass er die Luft angehalten hatte. „Ist sie wieder ansprechbar?“

„Nein. Aber das ist gut so.“

Rashad nickte unwillkürlich. „Sie wird durch dieses schreckliche Erlebnis einen Schock haben.“

„Ja, und sie braucht absolute Ruhe. Sie muss völlig abgeschirmt werden. Haben Eure Hoheit einen Vorschlag?“

Warum wollte Dr. Tamam sie isolieren und nicht im medizinischen Trakt des Palasts weiterbehandeln? Rashad war alarmiert. „Die Gartensuite“, antwortete er, ohne nachzudenken.

Sie befand sich in einem Seitenflügel des Palastes und war nur über einen separaten Korridor zu erreichen, der vom Hauptflur abging. Weil sie etwas abseits lag, benutzten jungvermählte Familienmitglieder sie vor dem Start in die Flitterwochen für die Hochzeitsnacht. Sie würde erst in sechs Monaten wieder gebraucht werden. Wenn er heiratete. Sein Gesicht verfinsterte sich bei dem Gedanken.

„Gut. Dann bringe ich sie sofort mit der Krankenschwester dorthin.“

Rashad stutzte erneut. Dr. Tamam verhielt sich völlig untypisch. Was ihn alarmierte. Der Arzt war normalerweise sehr redselig. „Ich bin baldmöglichst bei Ihnen.“

„Ich werde Sie erwarten.“

Irgendetwas stimmte nicht. So kurz angebunden kannte er den älteren Mann nicht. Seltsam, er hat das Gespräch beendet, bevor ich noch etwas sagen konnte, dachte Rashad. Eigentlich gab es bloß eine Erklärung dafür: Der Doktor musste Informationen haben, die er ihm nur von Angesicht zu Angesicht erzählen wollte.

Der Arzt kümmerte sich nun schon seit Jahrzehnten um das Wohl der königlichen Familie. Und wie alle vom Personal hielt er Augen und Ohren offen, um frühzeitig etwas Verdächtiges mitzubekommen. Man konnte nie zu vorsichtig sein, wenn es um die Sicherheit von Rashad und seinen nächsten Angehörigen ging.

Er flog gleich zum Palast zurück. Und nachdem er dort in seinem Apartment geduscht und etwas gegessen hatte, machte er sich in einem seidenen langen Gewand auf den Weg zur Gartensuite.

Sie trug diesen Namen, weil man über einen Säulengang zu einem an einer Seite offenen Patio gelangen konnte. Dort wuchsen herrlich exotische Blumen und Pflanzen, um die sich Gärtner kümmerten und sehr häufig seine Mutter selbst.

Rashad nickte der Krankenschwester grüßend zu, als er die Suite betrat. „Wo ist Dr. Tamam?“

„Er ist nebenan, Eure Hoheit.“

„Danke.“ Er durchquerte den großen Wohnraum und ging ins Schlafzimmer, wo der Arzt gerade den Puls seiner Patientin fühlte. Ihre Haare waren inzwischen gewaschen worden, und in ihr Gesicht war wieder etwas Farbe zurückgekehrt. Sie sah jetzt noch umwerfender aus als vorhin.

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