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Im falschen Bett mit Mr Right

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1. KAPITEL

New York – die Stadt, die niemals schlief. Auch James Wolfe schlief niemals, jedenfalls nicht im Flugzeug, Zug oder Auto. Jetzt jedoch, da mehrere endlos verspätete Langstreckenflüge hinter ihm lagen und er zudem im dichten Verkehr festsaß, zu einer Zeit, zu der in jeder anderen Stadt die Straßen wie leer gefegt wären, stand er kurz vor dem Kollaps. Mehr als vierzig Stunden ohne Schlaf gingen auch an ihm nicht spurlos vorüber. Aber nur noch ein paar Minuten, und er könnte ins Bett fallen. In sein Bett – kein Bett in einer Pension oder einem Hotel, kein eilig aufgebautes Zelt in einem Notlager. Er konnte es kaum erwarten. Wenn sich doch nur eine Lücke in dem Verkehrschaos auftun würde, um das Taxi durchzulassen.

„Haben Sie eine Reise hinter sich?“, erkundigte sich der Taxifahrer.

Eigentlich lag die Antwort auf der Hand, denn James war am Flughafen ins Taxi gestiegen. Doch er lächelte, beinahe automatisch. Der Fahrer hatte ihn erkannt, und er würde nicht mit Unfreundlichkeit das positive Bild zerstören, das der Mann von ihm hatte. Auch wenn es James nicht gefiel: Er war jetzt berühmt, da gehörte so etwas dazu. Also nickte er und setzte zu sprechen an, aber sein müdes Hirn wollte ihm nicht die richtigen Worte liefern.

„Sie dürfen nicht darüber sprechen, was?“

Betreten schüttelte James den Kopf.

„Ganz schön fertig sehen Sie aus.“

Schließlich hielt der Wagen vor dem Gebäude, im dem James’ Apartment lag. Der Fahrer machte Anstalten, ihm mit dem Gepäck zu helfen, aber bei der kleinen Reisetasche war das kaum nötig. Mit einem freundlichen Lächeln schlug James das Angebot des Manns aus. Er wollte zahlen, doch der Mann bestand darauf, ihm die Fahrt zu schenken.

„Wenn Sie wissen, wer ich bin“, protestierte James, „wissen Sie auch, dass ich es mir leisten kann.“ Er sprach den Satz mit letzter Kraft, während er gleichzeitig einige Dollarscheine aus dem Portemonnaie zog. „Sie fahren offensichtlich Nachtschicht. Da können Sie das Geld sicher gut brauchen.“

Der Fahrer nickte zögernd, nahm dann das Geld und reichte James seine Karte. „Wenn Sie mal irgendwohin müssen … Jederzeit! Mann, Sie sind echt ein …“

James zog sein gequältes Lächeln noch etwas in die Breite und ging, ohne die letzten Worte zu hören. Gerade jetzt wollte er kein „guter Mensch“ sein, kein Held. Dafür war er im Augenblick einfach zu müde.

Er nickte kurz dem Wachmann zu und nahm dann den Fahrstuhl. Mit jeder Etage, die der Aufzug höher stieg, schien seine Erschöpfung tiefer zu werden. Als er schließlich die Tür seiner Wohnung hinter sich ins Schloss zog und die Tasche abstellte, seufzte er erleichtert auf. Das Licht schaltete er gar nicht erst ein – die Dunkelheit war eine Wohltat für seine müden Augen. Schnell hatten sie sich ans Dunkel gewöhnt. Allerdings gab es hier sowieso nichts zu sehen. Die Wohnung war für die Renovierung vollständig leer geräumt worden.

Er durchquerte den leeren Salon, wobei er sich auf dem Weg die schweren Schuhe auszog, die Gürtelschnalle öffnete und die Hose abstreifte. Nur noch sein Bett hatte er im Sinn, und genau dorthin würde er sich jetzt schnurstracks begeben. Langsam stieg er die Treppe zur zweiten Ebene des Apartments hinauf und hoffte inständig, dass man seine Anweisungen auch tatsächlich befolgt hatte: Zuallererst seien das Schlafzimmer und das dazugehörige Bad zu renovieren und einzurichten, damit er die beiden Räume nutzen konnte, wenn er in der Stadt war.

Zwei Sekunden später stand er vor seinem Bett, spürte den dicken Teppich unter den nackten Füßen und rieb sich die schlaftrunkenen Augen. Was war das denn? Mitten in dem riesigen neuen Bett, das herrlich weich und einladend aussah, lag eine Frau.

Die Jalousien waren nicht geschlossen, sodass die Lichter der Stadt das Zimmer schwach erhellten. Arm und Gesicht der Frau schimmerten sanft, ihr langes blondes Haar ergoss sich breit über das Kissen. Goldlöckchen lag in seinem Bett. Wie aus dem Märchen.

Träume ich?

Er sah sich um: keine Tasche, keine Kleidungsstücke. Der Rest des Zimmers wirkte völlig unberührt. Nur diese bildhübsche Unbekannte in seinem Bett.

Und wie ich träume!

Die Wirklichkeit wäre niemals so grausam, ihm ausgerechnet jetzt diese Frau hier zu präsentieren. Zu einem Zeitpunkt, zu dem er keinen geraden Satz mehr formulieren konnte, ganz zu schweigen von den anderen Aktivitäten, die ihm plötzlich in den Sinn kamen.

Verdammt. Völlig übermüdet war er, und er hatte viel zu lange keinen Sex mehr gehabt. Da verwunderte es kaum, dass seine Fantasie ihm einen Streich spielte und ihm eine hübsche Blondine, die nur auf ihn wartete, in seinem Bett vorgaukelte.

Er blinzelte einige Male – aber die Vision verschwand nicht. Er räusperte sich. Immer noch keine Regung.

Mit heiserer Stimme raunte er: „Schätzchen, jetzt wachen Sie mal auf …“

Doch das tat sie nicht, lediglich eine winzige Falte erschien zwischen ihren Augenbrauen. Die Traumfrau reagierte also.

Genau wie sein Körper. Wahnsinn, einfach umwerfend sah sie aus. Aber er unterdrückte die Regung in sich. Alles, was er wollte, war schlafen.

„Hallo … Zeit, zu gehen“, flüsterte er, als wolle er gar nicht wirklich, dass sich das Traumgebilde in Luft auflöse. Vielleicht konnte er sie weiterschlafen lassen und einfach neben ihr ins Bett kriechen? Alles, was er brauchte, waren ein paar Stunden Schlaf, dann wäre er wieder in der Lage zu reden … und andere Dinge zu tun.

Doch da flogen ihre Augen auch schon auf. Sofort hatte ihr Blick ihn erfasst, und mit einem Ruck setzte sie sich kerzengerade auf, die Bettdecke vor die Brust gepresst. Bereit zu schreien, stand ihr Mund leicht offen, doch kein Laut folgte.

Alles, was man hörte, war James, der scharf die Luft einsog, als sein Blick auf ihre vollen, glänzenden Lippen fiel. Kurz fragte er sich, ob es Lippenbalsam sei, der sie so glänzen ließ. Vielleicht eine Sorte mit Geschmack? Kirsche? Vanille? Vanille mochte er.

Oh verdammt, das letzte Mal lag eindeutig zu lange zurück, wenn seine Gedanken derart abschweiften.

„Wer sind Sie?“, fragte er, schroffer als beabsichtigt.

Mit verschlafenen Augen blinzelte sie ihn an, während sie nach der Nachttischlampe tastete und sie anknipste. Ihr süßes Gesicht, das nun leicht errötete, war von wallendem blondem Haar eingerahmt. Fast meinte er, die Wärme zu spüren, die von ihrer Haut ausging. Sicher fasste sie sich seidenweich an. Diese Frau war die pure Verführung!

„Wer sind Sie?“, wiederholte er, beinahe ein wenig verzweifelt. Es war so unfair! Wenn das hier ein Traum war, warum hatte er dann keine Kraft?

„Was wollen Sie?“, fragte sie mit heiserer Stimme zurück.

„Äh …“ Gütiger Himmel, das musste ein Traum sein! Ein erotischer Traum der quälerischsten Sorte. Würde sie ihm jeden seiner geheimsten Wünsche erfüllen? Ihre verführerische Stimme verhieß jedenfalls so einiges. „Äh … Jetzt gerade ist leider kein guter Zeitpunkt …“

Sie starrte ihn für einige Sekunden an. Dann entspannten sich ihre Schultern. „Du bist James.“

Sie kannte ihn? Noch besser. Dazu noch diese honigsüße Stimme …

Du fantasierst, James!

„Ja, stimmt. Aber ich muss Sie enttäuschen, so attraktiv Sie auch sind und wie wahnsinnig toll es auch mit Ihnen wäre – heute Nacht kann ich einfach nicht.“ Nie im Leben wäre er jetzt noch zu Sex imstande.

Erneut blinzelte sie, rührte sich ansonsten aber nicht. Sie starrte ihn nur an, direkt und durchdringend. Die Röte ihrer Wangen vertiefte sich.

Ein prickelnder Schauer rieselte James über den Rücken.

Dann zogen sich ihre Brauen wieder zusammen, die Falte tiefer als zuvor. „George hat mir gesagt, ich solle hierherkommen.“

Bitte? Was hatte sein Bruder denn nun in seinem Traum verloren?

„George hat Sie geschickt?“, erwiderte er verwirrt. Das heiße Prickeln gefror zu Eis. War sie hier, weil George es ihr gesagt oder weil er sie dafür bezahlt hatte?

Nein, das konnte nicht sein. George würde so etwas nie tun. Zwar lag er ihm seit Monaten damit in den Ohren, dass er sich endlich wieder eine Frau suchen solle, aber er würde nie auf die Idee kommen, ihm eine zu kaufen. Der Gedanke war völlig abwegig. Andererseits: Was wusste er in seinem momentanen Zustand schon? Sein Gehirn fühlte sich an wie ein ausgewrungener Schwamm. Er wollte einfach nur in sein Bett. Sofort. Kurz schloss er die Augen und war sicher, dass die Frau verschwunden sein würde, wenn er sie wieder öffnete.

Aber sie war nach wie vor da.

Und ihre Miene hatte sich verfinstert. Mit erhobenem Kinn fragte sie: „Du glaubst also, dass ich hier auf dich warte?“

Tat sie das etwa nicht? Er träumte doch, oder? Einen herrlichen, wenn auch seltsamen Traum …

Er öffnete den Mund. Und schloss ihn wieder. Schluckte.

Mist.

Caitlin Moore hob den Kopf und starrte James Wolfe an. Noch nie hatte sie so dunkelbraune Augen gesehen. Sie waren nahezu schwarz, wie zwei tiefe Brunnen ohne Grund. Augen, in denen eine Frau ertrinken konnte. Viel dunkler als die seines Zwillingsbruders. Doch etwas anderes unterschied die beiden weit mehr.

Eine Narbe schlängelte sich auf James’ Gesicht vom Haaransatz über die Schläfe hinab bis zum Wangenknochen. Natürlich wusste Caitlin, woher sie stammte. Jeder wusste es. Jedenfalls würde man lange suchen müssen, um jemanden zu finden, der das berühmte Foto nicht kannte. Das Foto, auf dem James Wolfe mit einem verletzten Kind auf dem Arm durch ein Dorf lief, das bei einem Erdrutsch halb verschüttet worden war. Das Blut aus der Kopfwunde, das ihm übers Gesicht strömte, schien ihn nicht zu stören. Anschließend hatte er das Kind selbst operiert. Er, der Held, der gute Mensch und Retter, der … Der bitte was gerade von ihr gedacht hatte?

Sie zwang sich, die Narbe zu ignorieren. Ebenso wie seine muskulösen Beine. Und die gebräunten Arme, die aus einem grauen T-Shirt ragten. Sie trug ein verdächtig ähnliches T-Shirt, aber er sah darin so viel besser aus als sie. Trotzdem konnte sie seinen attraktiven Teint, seine beeindruckende Größe und seine athletische Statur nicht ganz aus ihrem Bewusstsein tilgen. Vor ihr stand ein erschöpfter Krieger mit Dreitagebart, in dessen Augen ein dunkles Feuer brannte. Auch in ihr loderte es …

Was hat er gesagt? Dass es toll mit mir wäre?!

„Wer zum Teufel sind Sie und was hat George Ihnen gesagt?“, fragte er, wobei er sie verwirrt, aber gleichzeitig höchst interessiert ansah.

James Wolfe war Arzt bei einer internationalen Hilfsorganisation. Ein Held, der überall auf der Welt arbeitete, immer genau dort, wo sich gerade eine Katastrophe ereignet hatte. Sie wusste genau, wer er war, kannte all die unglaublichen Geschichten über ihn. Doch offensichtlich hatte er nicht die leiseste Ahnung, wer sie war. Nichts ahnte er von dem Albtraum, dem sie gerade entkommen war. Die gehässigen Schlagzeilen in den Zeitungen und im Internet hatte er nicht gelesen. Aber eigentlich war es umso schlimmer, dass jemand, der so „gut“ war wie er, sie instinktiv für anrüchig hielt. Hielt er sie wirklich für eine gemietete Gespielin nur für eine Nacht, mit der er tun konnte, was er wollte?

„Glaubst du ernsthaft, ich bin hier, damit du nach Belieben mit mir Spaß haben kannst?“

Wie versteinert stand er am Fuß des Betts und starrte sie aus seinen tiefbraunen Augen an. „Sie haben mein T-Shirt an“, brachte er schließlich etwas gepresst hervor.

Ach, und deshalb gehörte sie ihm auch gleich, oder was?

Auch er errötete jetzt. Gleichzeitig schien sich sein Körper zu spannen – was ihn noch größer und energischer erscheinen ließ. Die Lust stand ihm ins Gesicht geschrieben, und mit Schrecken stellte sie fest, dass sie der Anblick erregte. Sie atmete einige Male tief durch. Nein, auf keinen Fall. Auf keinen Fall!

Aber interessierte sich der Typ wirklich für sie?

Nein, machte sie sich bewusst. Nicht sie interessierte ihn, sondern das, was er sah. Es war nichts weiter als der typisch männliche Urinstinkt: Kaum sahen sie nackte Haut, verwandelten sie sich in Tiere.

Zugegebenermaßen hätte sie sich den gleichen Vorwurf gefallen lassen müssen, denn auch ihr Urinstinkt reagierte auf die Haut und die Muskeln, die sich dort vor ihr präsentierten. Natürlich brauchte er das nicht zu wissen – nicht nach dieser unverschämten Vermutung.

„Sei froh, dass ich mir nicht auch noch deine Boxershorts genommen habe“, sagte sie kühl. „Fast hätte ich.“

„Meine Bo…?“ Er brach ab und schluckte. „Was hast du denn noch an?“

Der Gedanke schien ihn zu quälen, aber Caitlin konnte nicht widerstehen, die Nadel noch etwas tiefer einzustechen. „Nur dein T-Shirt.“ Betont gleichgültig zuckte sie mit den Schultern und blickte zum Bad. „Meine Sachen müssen trocknen.“

Sein Blick wich keinen Millimeter von ihr ab. „Nur mein T-Shirt?“

„Du hast doch wohl genug davon, oder?“ In dem begehbaren Kleiderschrank hatten etwa zwanzig gelegen, alle im exakt gleichen Farbton, ordentlich gebügelt und gestapelt.

James blinzelte, offenbar bemüht, sich zu beherrschen. Sie hatte es hier doch hoffentlich nicht mit einem dieser wilden Tiere zu tun? Doch das glaubte sie nicht. Obwohl sie mitten in der Nacht fast nackt vor ihm saß, hatte sie überhaupt nicht das Gefühl, in Gefahr zu schweben. Sie konnte ihn also ruhig noch ein bisschen reizen.

„Wer hätte gedacht, dass der überaus integre und moralisch lupenreine Superheld James Wolfe tatsächlich davon träumt, eine willige Vertreterin des horizontalen Gewerbes in seinem Bett vorzufinden, wenn er von seinen heldenhaften Missionen zurückkehrt.“

Einfach unglaublich!

„Also bist du nicht hier, um …“ Er brach ab und wirkte peinlich berührt.

„Nein, dein Bruder hat mich nicht bezahlt, damit ich dein Betthäschen bin.“ Caitlin setzte ein zuckersüßes Lächeln auf und neigte leicht den Kopf. „Und außerdem: Wenn ich so etwas ‚professionell‘ machen würde, meinst du nicht, dass ich mir dann etwas Aufreizenderes angezogen hätte als eins von deinen tausend identischen T-Shirts?“

Wobei das T-Shirt an ihm ziemlich sexy aussah. Der knappe und enge Schnitt brachte seine breite Brust perfekt zur Geltung. Und schon schlug Caitlins Puls etwas schneller.

James presste die Lippen aufeinander und funkelte sie mit dunklen Augen an, sodass es ihr durch Mark und Bein ging.

„Es …“, setzte er an.

„Tut mir leid“, beendete sie seinen Satz. „‚Es tut mir leid‘ willst du sagen.“

„‚Es ist schon spät‘, trifft es eher“, entgegnete er mit fester Stimme. „Ich bin todmüde. Und ja, ich habe mich geirrt. Es tut mir leid. Trotzdem kannst du unmöglich hierbleiben.“

Zugegeben, auch er hatte gewisse Ansprüche auf diesen Schlafplatz, immerhin gehörte James ein Drittel des Apartments. Aber sie konnte es sich nicht leisten, woanders zu übernachten. Darüber hinaus hing ihre komplette Garderobe nass im Badezimmer. Es war zu dumm!

Entscheidender noch als der finanzielle Grund aber war ein anderer: Sie brauchte ein Versteck. „Aber dein Bruder hat gesagt, ich könnte für einen Monat hier unterkommen.“

„Einen Monat?“ Sein Kiefer klappte herunter. „Nein, nein, nein …“

Schon gut, schon gut … Sie hatte begriffen, dass es kein Monat werden würde. Dennoch brauchte sie wenigstens genug Zeit, um neu zu planen. „Jedenfalls gehe ich heute Abend nirgendwo mehr hin.“

„Das musst du aber.“

Nein, sie würde nicht gehen. Sie brauchte diese Bleibe unbedingt. Und George hatte es ihr versprochen, da konnte sich dieser unverfrorene Typ auf den Kopf stellen!

„Okay.“ Es kostete sie einige Überwindung einzulenken. „Wir finden schon eine Lösung. Ich schlafe auf dem Boden.“

Er fixierte sie mit seinen funkelnden Augen. „Du schläfst auf keinen Fall auf dem Boden.“

Caitlin seufzte auf. „Jetzt spiel hier bitte nicht den edlen Ritter. Ich habe dein wahres Gesicht bereits gesehen, schon vergessen? Hast du es eben nicht noch für ganz selbstverständlich gehalten, dass eine Prostituierte in deiner Wohnung auf dich wartet?“

„Du schläfst nicht auf dem Boden!“

Stur war er also auch noch!

Dann änderte sie eben ihre Taktik. „Schön, dann teilen wir uns das Bett halt. Groß genug ist es ja.“

„Aber … nicht groß genug“, erwiderte er stockend und wirkte wie vom Donner gerührt.

Caitlin schluckte. Wahrscheinlich hatte er damit sogar recht. Er war nicht gerade klein und alles andere als schmächtig. Doch sie wusste nicht, wo sie sonst hätte hingehen sollen, daher beharrte sie: „Es ist mehr als groß genug. Ich bekomme diesen schmalen Streifen hier, daneben legen wir ein paar Kissen, und der Rest ist für dich. Reicht das?“

„Nein.“

„Was ist los? Hast du plötzlich moralische Bedenken?“

„Ich bezahle nicht für Sex. Nie. Und ich schlafe auch nicht mit Frauen, die es nicht wollen.“

Einen Augenblick starrte Caitlin ihn an und wusste nicht, was sie sagen sollte. Siedend heiß überlief ihren ganzen Körper ein Kribbeln, das ihr einzuflüstern schien: Du willst ihn.

Und wie sie ihn wollte.

Aber sie sträubte sich. Der Mann mochte zum Anbeißen sein, aber er war auch ein Idiot. Eben noch hatte er sie für eine Prostituierte gehalten. Sie schüttelte den Kopf.

James betete, dass das Gespräch nicht noch dramatischer würde, dass es endlich aufhörte. Er konnte nicht mehr klar denken, es ging gar nichts mehr. Schlafen war sein seligster Wunsch, zwanzig Stunden oder mehr. In den letzten drei Wochen hatte er keine Nacht mehr als drei Stunden Schlaf bekommen, und jetzt kam noch der vierzigstündige Höllentrip hinzu. Er war am Ende.

„Keine Angst, ich habe meine animalische Seite fest genug im Griff, um nicht über dich herzufallen“, sagte er, vor Müdigkeit schon fast lallend.

Er fühlte sich furchtbar. Sein ganzer Körper schmerzte, besonders sein Kopf. Aber schlimmer noch war das immer wieder aufflackernde Verlangen in ihm. Er wollte sie nicht in seinem Bett haben – nicht mit diesen atemberaubenden Beinen und Kurven und leuchtenden Augen.

Es konnte einfach nicht wahr sein. Er wollte, aber konnte nicht. Davon abgesehen durfte er nicht. Aber vor allem: Er würde nicht.

Die Situation war hoffnungslos verfahren, und er würde sie nicht retten können. Jedenfalls nicht, solange der Schlafentzug ihm den Kopf vernebelte. Seine Augen fielen immer wieder zu, doch die Frau redete immer weiter. Irgendetwas über Kissen und Platz. War er jemals einer Person begegnet, die so sexy war?

„Ich kann nicht mehr“, unterbrach er sie schroff und hob die Hände, als würde er sich ergeben. „Ich schlafe jetzt, wir reden morgen.“

Und damit ließ er sich mit dem Gesicht voran aufs Bett fallen. Im nächsten Moment umhüllte ihn auch schon tiefste Dunkelheit.

Fassungslos betrachtete Caitlin den schlafenden Mann, der bäuchlings mit ausgestreckten Armen und Beinen auf dem Bett lag und drei Viertel des Platzes einnahm.

Es wäre ja auch zu schön gewesen. Als sie nur wenige Stunden zuvor die Wohnung betreten hatte, war sie vor Glück fast ausgeflippt. Der Großteil der Räume war leer und daher unbewohnbar gewesen, aber dann war sie die Treppe hinaufgestiegen – und hatte sich mit einem Mal im Himmel wiedergefunden. Durch die komplett verglaste Wand des schneeweiß gestrichenen Zimmers hatte man einen unglaublichen Blick über Manhattan. Sie hatte vor der riesigen Glasfläche gestanden und die ehrfurchtgebietenden Bauten aus Beton, Stahl und Glas bestaunt, dazwischen grüne Parks und über allem ein blauer Sommerhimmel übersät mit weißen Wolken. Frei hatte sie sich gefühlt, optimistisch, sicher.

Und jetzt? Nun ja, sie hatte sich in einem gemachten Nest niedergelassen, und überraschenderweise war der Nestbesitzer zurückgekehrt und pochte übellaunig auf seine Rechte.

Wütend starrte sie ihn an. Mit dem schwarzen Haar, den Bartstoppeln und den langen Wimpern sah er entschieden zu attraktiv aus. Die Narbe entstellte ihn keineswegs, sondern verlieh ihm nur noch mehr Charakter. Sie zeugte von Mut, Entschlossenheit und Opferbereitschaft. Seine langen Arme und Beine waren sichtbar durchtrainiert. Schnell zog sie die Decke über ihn. Sie musste dem Idioten ja nicht auch noch den Gefallen tun, ihn mit Blicken zu verschlingen. Was für ein Mann ging so selbstverständlich davon aus, dass eine Frau, die er unerwartet in seinem Bett vorfand, ihm zur freien Verfügung stand? So dachte doch nur ein arroganter Schnösel, dem sich bereits viel zu viele Frauen allzu bereitwillig zu Füßen geworfen hatten.

Was sollte sie jetzt tun? Sie versuchte, klar zu denken, ihre Möglichkeiten abzuwägen, aber ohne Erfolg. Auch sie war müde und erschöpft. Der Medienalbtraum der letzten Wochen hatte stark an ihr gezehrt, und dann noch der turbulente Flug von London hierher. Den Rest gegeben aber hatte ihr die stundenlange Diskussion mit der Fluggesellschaft über ihr verlorenes Gepäck. Und natürlich hatte sie das alles allein durchstehen müssen.

Nachdenklich betrachtete sie den gut gebauten Mann, der friedlich neben ihr schlummerte. Wenn sie ihn nicht loswerden konnte, musste sie sich eben arrangieren. Beherzt stopfte sie eine Reihe Kissen zwischen sich und ihn und rollte sich ihm abgewandt auf dem verbleibenden Matratzenstreifen zusammen.

Nur für eine Nacht.

2. KAPITEL

James Wolfe wurde tiefer und tiefer in seinen erotischen Traum hineingezogen. Auf seiner Zunge mischten sich Süßes und Salziges, auf Hitze und Härte folgte Weichheit und sanfte Wärme. Über einem breiten Lächeln strahlten freche hellblaue Augen, aus denen Begierde sprach. Halb gestöhnte, halb geflüsterte Worte kitzelten ihn am Ohr. Er streckte den Arm aus, wollte die Frau berühren …

Doch seine Hand ertastete nur ein kaltes Laken.

Langsam schlug er die Augen auf und bemühte sich, den Weg zurück in die Wirklichkeit zu finden. Das Erste, was er sah, war die leere Matratze neben sich. Verwirrt runzelte er die Stirn – dabei war er sich so sicher gewesen, seine Traumfrau läge neben ihm im Bett.

Dann drang das Geräusch von fließendem Wasser an sein Ohr, und ein Lächeln legte sich auf sein Gesicht. Alles war gut. Sie war nur kurz duschen gegangen.

Doch plötzlich schaltete sich sein frisch ausgeruhter Verstand ein, die Erinnerung kehrte zurück und verdrängte endgültig die Reste des erotischen Traums. James setzte sich ruckartig auf.

Er hatte ja wirklich das Bett mit einer Frau geteilt, einer Frau, die mit nichts weiter bekleidet war als einem seiner T-Shirts. Einer Frau, die so heiß war wie …

Oh, Mann!

George hatte ihr erlaubt, in ihrem Apartment zu wohnen, was ungewöhnlich war. Normalerweise blieben Georges Frauen für längstens eine Nacht, und er sagte immer Bescheid. Diese Frau musste also etwas Besonderes sein. Mit den Fingerknöcheln massierte James sich die Schläfen – bis ihn das Offensichtliche traf wie ein Faustschlag: Sie musste die Freundin seines Bruders sein.

George war seit einer ganzen Weile Single und hatte sich mittlerweile den Ruf eines notorischen Playboys erarbeitet. Im Internet wurde ihm nachgesagt, er wolle jetzt all das nachholen, auf das er verzichtet hatte, während er „an der Kette lag“. James wusste, dass einige der Frauengeschichten, die man seinem Bruder andichtete, frei erfunden waren – andere hingegen nicht. Jedenfalls war es durchaus vorstellbar, dass er sich in diese umwerfende Blondine mit den vollen Lippen und den großen leuchtend blauen Augen verliebt hatte. James verstand seinen Bruder nur zu gut – es war leicht, sich in sie zu verlieben. Und wenn er sie in diesem Apartment unterbrachte, hieß das, es war etwas Ernstes.

Tja, und was hatte er getan? Sie für ein Callgirl gehalten und versucht, sie rauszuwerfen. Er verdrehte die Augen. Reife Leistung. Verständlicherweise würde George sauer auf ihn sein, und James würde lange auf Knien kriechen müssen. Vor beiden.

Das Wasser im Bad wurde abgestellt, und James spannte sich unwillkürlich an. Vielleicht konnte er sie dazu bewegen, die Sache zu vergessen? Aber wie? An ihr Mitleid appellieren? Ihr erklären, wie erschöpft er gewesen war, sodass er nicht mehr klar hatte denken können?

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