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Im Zirkus des Lebens

Ich hörte mal jemanden sagen,

Bücher würden die Seele der Menschheit

widerspiegeln.

Das Leben der einen

ist das Buch,

in dem die anderen lesen werden,

um ihre eigenen Geschichten

schreiben zu können.

Für das Leben.

1.

Ich hielt mich inmitten einer kreisförmigen Fläche auf, die vollständig von Sand bedeckt war und zu früheren Zeiten wahrscheinlich als Schauplatz zahlreicher Aufführungen und Veranstaltungen gedient hatte. Um mich herum war eine Tribüne errichtet, deren Sitzreihen sich stufenweise nach oben türmten. Auf mehreren Ebenen aus hellen Granitsteinen hatten unzählige Gestalten Platz genommen, die ihre Gesichter hinter dunklen Schleiern verborgen hielten. Sie wirkten auf mich wie seelenlose Figuren, derweil sie ihre Blicke in die Ferne richteten. Zwischen den Steinen bahnten sich Blumen und Unkraut scharenweise ihren Weg in die Freiheit, teilweise waren ganze Granitblöcke aus den Reihen herausgebrochen. In dem Amphitheater herrschte anfangs eine trockene und heiße Atmosphäre. Über dem offenen Theatergrund brannte die goldgelbe Sonne vom blauen Himmel, und mir liefen die Schweißperlen am ganzen Körper hinunter. Die ganze Anlage war in einem heruntergekommenen Zustand. Generell bestand sie aus dem alten und verfallenen Material einer längst vergangenen Epoche, und ich war überrascht, dass das Theater an diesem Tag dennoch so gut besucht war. Unterhalb der Sitzreihen befand sich eine breitere Wandfläche, in die massive Stahltüren eingebaut waren, die wie leblose Wächter eines verborgenen Schatzes zu mir herüberstarrten. Insgesamt zählte ich drei dieser Ungetüme, hinter denen sich alles hätte verbergen können, vielleicht sogar ein Ausweg aus meiner sonderbaren Situation.

So stand ich für eine längere Zeit tatenlos in der brütenden Hitze, ohne zu wissen, was ich dort verloren hatte und was das ganze Theater überhaupt sollte. Die Ausdruckslosigkeit in den Gesichtern der Personen auf den Rängen machte mich noch unsicherer, weshalb ich mich mehrmals im Kreis drehte und hoffte, vielleicht doch noch irgendwo einen aufschlussreichen Hinweis finden zu können.

Zu meinem Ärger konnte ich aber nichts Hilfreiches erkennen – als plötzlich eine der Stahltüren aufschwang und meine längst verstorbene Mutter heraustrat. Kurz darauf stand sie mit entschlossener Haltung vor mir und blickte mir tief und innig in die Augen. Ich gefror innerlich zu Eis. Als Nächstes ergriff sie meine Hände, und ich verspürte einen starken Drang, mich so schnell wie möglich von ihr loszureißen, als sie mit einem Mal zu tanzen begann. Ich wusste nicht recht, wie ich mit der Situation umgehen sollte, und ließ mich unfreiwillig von ihrem Gezappel mitreißen. Sie wirkte in diesem Moment auf mich wie das blühende Leben, und zu meiner Verwunderung sah ich einen Glanz in ihren Augen, wie ich ihn vorher noch nie bei ihr wahrgenommen hatte. Einerseits irritierte mich ihre gesamte Erscheinung, andererseits fühlte es sich aber auch sehr schön an, sie in so einem heiteren Zustand zu erleben. Für die nächsten Sekunden bewegten wir uns mehrere Runden im Kreis, bis mir schwindelig wurde und ich eine Pause einlegen musste. Da kam sie ganz dicht an mich heran und flüsterte mir etwas Unverständliches zu. Ich fragte neugierig nach und wartete gespannt darauf, dass sie ihre Worte noch einmal wiederholen würde.

»Jetzt bin ich frei, frei wie eine Wildkatze, und du fahr bitte weiter, dein Leben zu leben und in allen Zügen zu genießen!«, hörte ich sie eindringlich sagen, ehe sie mir zärtlich über die Wange streichelte und sich einen Moment später wie ein Schatten bei einem Wolkeneinbruch auflöste.

Plötzlich zogen am Himmel tatsächlich tiefdunkle Wolken auf, die die Sonne vollständig verdeckten. In dem Theater wurde es ganz düster, ein heftiger Sturm braute sich zusammen. Im nächsten Augenblick sauste eine riesige Staubwolke durch die marode Anlage, so dass ich um mich herum kaum noch etwas erkennen konnte. Unmittelbar darauf ertönte eine tiefe Stimme von der Tribüne, und ich bekam es mit der Angst zu tun.

»Wer bist du wirklich?«, hörte ich die Stimme, konnte jedoch niemanden erkennen.

»Bitte was?«, fragte ich zurück.

»Wer bist du wirklich?«, fragte die Stimme erneut. Ich versuchte vergeblich, ihrem Klang bis zum Sprecher hin zu folgen, derweil es im Theater zusehends unruhiger und das Wetter immer ungemütlicher wurde.

»Wer bist du wirklich?«, beharrte die Stimme auf einer Reaktion von mir. Immer und immer wieder erklang die gleiche Frage in einem Furcht einflößenden Tonfall, doch ich konnte nicht erkennen, wer da zu mir sprach. Überall war nur aufgewirbelter Staub, und ich hatte große Mühe, meine Augen offen zu halten.

Inzwischen blitzte und donnerte es, die Staubwolke bedeckte das Theater nahezu komplett unter sich. Die Wucht des Unwetters und die ganze Szenerie schüchterten mich ein und beunruhigten mich aufs Äußerste. Es schnürte mir förmlich die Luft ab, und ich drohte vor Anspannung zu platzen. In meiner Not schlug ich die Hände schützend vors Gesicht und schickte ein Gebet zum Himmel. Doch ohne Erfolg. Die Stimme ließ sich nicht zum Schweigen bringen.

»Wer bist du wirklich? … Wer bist du wirklich? … Wer bist du wirklich?«, prasselte es wie ein heftiger Hagelschauer auf mich ein, und ich fühlte mich von Sekunde zu Sekunde immer unwohler in meiner Haut.

»Ich? Ich bin …«, unternahm ich den unsicheren Versuch einer Antwort und riss meine Augen weit auf, um vielleicht doch irgendjemanden erkennen zu können.

Meine Stimme stockte, und ich verschluckte mich fast an der eigenen Zunge, als für einen kurzen Moment die Staubwand auf der Tribüne etwas aufriss und ich an jener Stelle eine Gestalt erblickte, die genauso aussah wie ich. Mit ausgestrecktem Zeigefinger und grimmigem Blick stand sie dort oben auf den Rängen und stellte mir ein um das andere Mal diese schreckliche Frage.

Voller Entsetzen rieb ich mir die Augen, doch es war keine Täuschung. Die Gestalt ähnelte mir von Kopf bis Fuß in allem, was mich in jenen Tagen ausmachte: Hinter der harten Fassade erkannte ich meine traurigen Augen, meinen ängstlichen Blick und meine verkrampfte Körperhaltung. Fast empfand ich etwas Mitleid mit ihr. Dennoch traute ich meinen Augen nicht und wollte nur noch weg, zumal sich das Wetter wieder beruhigte und eine tiefe Stille in der Anlage einkehrte. Der Moment schien günstig.

Mit einer Mischung aus Beklemmung, Angst und Schrecken nahm ich meine Füße in die Hand und rannte auf eine der Türen zu. Plötzlich stand mein Ebenbild direkt vor mir und versperrte mir den Weg. Ich konnte gerade noch rechtzeitig abbremsen, um die Gestalt nicht über den Haufen zu rennen. Nur flüchtig schauten wir uns in die Augen, denn ich hatte erhebliche Schwierigkeiten, dem Blickkontakt standzuhalten.

Wie die Gestalt von ihrem Tribünenplatz so schnell zu mir hatte herunterkommen können, war mir ein Rätsel. Mit einem Mal vernahm ich ein lautes Quietschen, und der Boden unter meinen Füßen begann zu beben. Im nächsten Moment öffneten sich alle Türen in dem Amphitheater, und aus jeder strömten unzählige Figuren heraus. Nicht nur die Gestalt direkt vor mir, sondern auch jede weitere sah genauso aus wie ich. Alle Figuren zeigten mit ausgestrecktem Zeigefinger auf mich, während sie sich wie müde Soldaten im Gleichschritt in meine Richtung schleppten und im Chor die Frage wiederholten, auf die ich noch immer keine Antwort hatte.

Nun begannen sie, sich um mich herum aufzustellen, als wollten sie mich umzingeln. Als wollten sie eine Mauer bilden, hinter der ich auf ewig nach einer Antwort ringen sollte. Es schien keinen anderen Ausweg für mich zu geben, und so nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und schrie meine Anspannung laut hinaus. Ich hoffte, meine Peiniger dadurch zum Schweigen zu bringen – und fand mich mit einem Mal klitschnass und mit aufgerecktem Oberkörper in meiner Wohnung wieder.

»Verdammt noch mal! Ich weiß nicht, wer ich wirklich bin …«, hallte es noch durch die Wände. Erst nach und nach realisierte ich, dass ich in meinem Bett lag und aus einem Traum aufgewacht sein musste. Zunächst wirkte alles noch zum Greifen nah, war aber trotzdem schon so weit entfernt, dass nur Bruchstücke zurückblieben. Im Moment fühlte es sich tatsächlich so an, als hätte ich vor wenigen Augenblicken eine wichtige Prüfung absolviert, die ich leider nicht erfolgreich bestanden hatte. Ich hasste das Gefühl zu versagen, und nachdem die erdrückende Frage: Wer bist du wirklich? noch schwach in meinem Kopf nachhallte, nach einiger Zeit aber immer mehr verblasste, blickte ich mit besorgten Augen zum Fenster hinaus, während die Welt dort draußen noch in tiefem Schlaf ruhte.

2.

Nach jener denkwürdigen Nacht realisierte ich sehr deutlich, dass ich den kommenden Tag nicht wie gewöhnlich mit meinen Aufputschmittelchen überstehen würde. Vielmehr machte mir mein angeschlagener Körper unmissverständlich klar, dass mit mir irgendetwas ernsthaft nicht stimmte und ich umgehend einen Spezialisten aufsuchen sollte, um meiner erschreckend schlechten Verfassung schnell wieder auf die Beine zu helfen.

»Je schneller, desto besser«, versuchte ich mich innerlich anzutreiben, denn neben meinem ausgeprägten Pflichtbewusstsein und der erdrückenden Angst, meinen Job zu verlieren, bereitete mir der bloße Gedanke daran, die nächsten Tage untätig zu Hause verbringen zu müssen, große Sorgen und verschlechterte meine ohnehin gedrückte Stimmung.

»Außerdem darf ich mir keine großartigen Fehlzeiten erlauben, denn ich muss für diesen Monat noch die Miete und viele andere Rechnungen bezahlen«, ermahnte ich mich leise, aber hart, während ich gemächlich aus meinem Bett kletterte und mich aufrichtete. Das dumpfe Stechen in meiner Magengegend hatte sich mittlerweile auf den Weg gemacht, dem Brustbereich, wo mein Herz vergraben lag, einen unangekündigten Besuch abzustatten. In den vergangenen Wochen hatte ich immer mal wieder ein leichtes Spannungsgefühl in dieser Region verspürt, aber so heftig wie an diesem Morgen hatten sich die Schmerzen noch nie gemeldet. Zeitweise fühlte sich mein gesamter Oberkörper an wie eine Orangenpresse, die die mir verbliebenen Lebenstropfen mit allerletzter Kraft auspressen wollte. Natürlich litt auch meine Atmung darunter, die inzwischen so flach war wie bei einem überehrgeizigen Marathonläufer, der wegen seines schlechten Trainingszustandes sein Ziel niemals erreichen würde. Selbst zu einem Arzt zu fahren, war jetzt verantwortungslos. Sollte ich den Notarzt rufen? War das nicht übertrieben? Einen Freund anrufen, aber wen? Wer würde in dieser frühen Stunde überhaupt abheben? Aufgeregt blätterte ich in meinem Adressbuch herum und entschied mich schließlich. Es knisterte kurz in der Leitung, und wenige Sekunden später ging auch schon das ersehnte Rufsignal hinaus. Unruhig biss ich auf meiner Unterlippe herum und hoffte, dass eine wohlwollende und freundliche Stimme den Hörer abnehmen würde, als ein verschlafenes Lebenszeichen am anderen Ende der Leitung ertönte.

»Ja bitte, wer stört so früh?«

»Hallo, ich grüße dich. Hier ist, du weißt schon wer …«, antwortete ich mit aufgesetzt souveräner Stimme, als es plötzlich ein lautes Geräusch gab und danach nur noch ein langer Piepton zu hören war.

»Hallo? Hallooooo?«, fragte ich vorsichtig nach, doch es kam keine Antwort.

»Na toll, dann eben nicht«, murmelte ich in das verstummte Telefon, so als würde es mir überhaupt nichts ausmachen, dass mein Gesprächspartner anscheinend einfach wieder aufgelegt hatte. Ich suchte die nächste Telefonnummer heraus. Ungeduldig tippte ich sie ein, und auch dieses Mal dauerte es einige Sekunden, bis mein Gesprächspartner ans Telefon ging.

»Ja bitte?«, hörte ich es nicht mehr ganz so verschlafen.

»Hallo mein Freund, ich bin es. Ich weiß, dass es noch sehr früh ist, aber ich habe eine wichtige Bitte an dich. Selbstverständlich habe ich dich als Erstes angerufen, weil ich ja weiß, dass ich mich bisher immer auf dich verlassen konnte«, ratterte ich schnell meine Worte herunter, ohne über meine kleine Lüge nachzudenken. Dieses Mal ertönte kein lautes Geräusch, worüber ich schon einmal sehr froh war.

»Oh, mit dir habe ich jetzt überhaupt nicht gerechnet. Bitte entschuldige, aber ich habe im Moment überhaupt keine Zeit für dich. Bis bald und alles Gute für dich …«, antwortete es kurz und knapp ohne Chance zu einer Erwiderung. Meine anfängliche Coolness war dahin. Warum waren alle so abweisend? Auch bei der nächsten Telefonnummer hatte ich keinen Erfolg. Dieses Mal wurde nicht einmal der Hörer abgehoben. Auch alle weiteren Versuche blieben glücklos. Danach klappte ich das Adressbuch mit einem lauten Knall zusammen und grübelte verbissen, weshalb alle die Flucht vor mir ergriffen und sich niemand die Zeit nahm, um überhaupt mit mir ins Gespräch zu kommen.

»Jetzt melde ich mich nach so langer Zeit schon Mal bei ihnen, und keiner interessiert sich für mich. Das begreife ich einfach nicht. Kann denn niemand verstehen, dass es mir nicht gut geht?«, haderte ich mit der gesamten Situation. Für eine Weile schimpfte und fluchte ich vor mich hin, während ich sichtlich verärgert in meiner Wohnung auf und ab ging. Nichtsdestotrotz musste ich etwas unternehmen. So rang ich mich schließlich dazu durch, mich aus eigener Kraft zu einem Arzt zu schleppen. Unter allen Spezialisierungen schien mir ein Internist am sinnvollsten, da vermutlich mit meinen inneren Organen etwas nicht stimmte.

Draußen herrschte ein bitterkalter Winter, die Temperaturen waren auf ein Rekordtief abgesunken. In meiner dicken Winterjacke und mit einem mulmigen Gefühl im Bauch verließ ich meine Wohnung. Womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte, war der heftige Schlag, den mir die frische Winterluft ins Gesicht verpasste, unmittelbar nachdem ich ins Freie getreten war. Ich hatte erhebliche Schwierigkeiten, mich auf den Beinen zu halten, und zu allem Übel schnürte sich meine Brust so sehr zusammen, dass mir schwarz vor den Augen wurde. Ich spürte noch den kalten Stein der verschneiten Garagenauffahrt unter meinem Gesicht, kurz nachdem ich zu Boden gegangen war, und verlor das Bewusstsein.

So lag ich da – wie ein ausgeknockter Boxer – und verweilte in einer anderen Welt. Nach einiger Zeit weckte mich die Kälte. Ich konnte mich zum Glück wieder aufrappeln, um meinen erschöpften Körper in mein geliebtes, aber in die Jahre gekommenes Auto zu hieven. Dort saß ich dann in gekrümmter Körperhaltung, nach vorn geneigt, in eiskalter, schweißnasser Kleidung und mit gerötetem Gesicht und machte mich durch den stürmischen Wintermorgen auf den Weg ins Stadtzentrum.

Auf wundersame Weise war die Verkehrsdichte an jenem Morgen unerwartet niedrig. Normalerweise hätte ich um diese Uhrzeit und in einer hektischen Großstadt wie dieser im morgendlichen Berufsverkehr stecken müssen. Außerdem herrschte aufgrund des starken Schneefalls der vergangenen Tage und der damit verbundenen Räumungsarbeiten immer wieder das pure Verkehrschaos, doch erfreulicherweise waren die Straßen wie leer gefegt, und ich hatte größtenteils freie Fahrt.

Nachdem ich mehr als die Hälfte der Strecke zügig zurücklegen konnte und es nicht mehr weit bis zum Arzt war, musste ich an einer Baustellenampel stehen bleiben. Das konnte dauern, sie hatte eben erst auf Rot geschaltet. Also gönnte ich meinem treuen Gefährt und mir eine Verschnaufpause und legte den Leerlauf ein, derweil ich aus dem Augenwinkel ein weiteres Fahrzeug heranrollen und neben mir anhalten sah. Im Inneren des Pkws hatte es sich ein kleiner Junge auf der breiten Rückbank gemütlich gemacht. Eine knallrote Baseballkappe saß auf seinem Kopf wie ein riesiges rotes Raumschiff, das sich gerade in schweren Turbulenzen befand und dabei versuchte, sich immer wieder nach rechts und links auszupendeln. Darunter schauten goldblonde Haare hervor. Es war eigenartig, dass die Kappe nicht herunterfiel, da sie viel zu groß für seinen Kopf war.

Der Fahrer des Fahrzeuges – vermutlich der Vater – saß hinterm Lenkrad verbarrikadiert und blickte zielstrebig zur roten Ampel hinauf, ohne mich eines Blickes zu würdigen.

Irgendwie wirkte der Kleine sehr vertraut auf mich und so konzentriert, wie er zu mir herüberschaute, machte es den Anschein, als wollte er mir etwas Wichtiges mitteilen.

»Vielleicht möchte er mich darauf aufmerksam machen, dass etwas an meinem Auto nicht stimmt, immerhin liegt die letzte Fahrzeugkontrolle schon mehrere Jahre zurück«, ging es mir durch den Kopf, als der Junge plötzlich die Scheibe auf seiner Seite herunterkurbelte und mich per Handzeichen aufforderte, es ihm gleichzutun.

Ohne langes Zögern folgte ich seiner Anweisung, als eine Bö eisige, beißende Abgasdämpfe in das Innere meines Fahrzeuges blies. Schlagartig wurde mir schlecht von dem Gestank, und noch bevor ich überhaupt etwas sagen konnte, drehte sich der Fahrer in meine Richtung und schaute mich mit einem ernsten Blick an.

»Bitte entschuldigen Sie, aber in diesem Zustand haben Sie hier auf der Straße überhaupt nichts verloren. Ich wäre Ihnen fast draufgefahren. Sie sollten umgehend etwas dagegen unternehmen, denn so laufen Sie Gefahr, dass Ihnen etwas Schlimmes passieren könnte. Und das, mein Lieber, wäre wirklich ein Jammer.«

»Oh, ich wollte Sie mit Sicherheit nicht in Gefahr bringen. Haben Sie vielen Dank für den Hinweis. Ich werde mich darum kümmern …«, antwortete ich zerstreut und für einen kurzen Augenblick überlegte ich doch allen Ernstes, wem seine mahnenden Worte eigentlich galten.

Meinte er mein Auto oder sprach er von mir? Erfreulicherweise musste ich mich nicht weiter damit beschäftigen, da er sich schnell wieder nach vorn drehte und mich in Ruhe ließ. Währenddessen spürte ich, wie der Blick des Kleinen weiter auf mir ruhte.

Für jemanden, der nicht älter als sechs Jahre sein konnte, strahlte er eine unbeschreibliche Ruhe und Gelassenheit aus, und seine warmen und unschuldigen Augen hatten eine fesselnde Wirkung auf mich. Mir fiel es unglaublich schwer, mich wieder auf die Straße zu besinnen, irgendwie hatte er Besitz von mir ergriffen. Noch nie zuvor hatte ich einen so einnehmenden Blick bei jemandem wahrgenommen, und so beharrlich, wie er zu mir herüberschaute, erweckte er in mir das Gefühl, als würde er direkt in mein Innerstes eintauchen und tiefes Mitgefühl mit mir empfinden. Seine Augen sagten mehr, als tausend Worte jemals hätten ausdrücken können. Ich fühlte mich so angenommen und sicher wie lange nicht mehr, und ich wünschte, dass es für immer und ewig so bleiben würde.

Für einige Sekunden vergaß ich sogar den Schmerz in meiner Brust, und die Vergangenheit schien in weiter Ferne. Dass mir dieser Moment für immer in Erinnerung bleiben sollte, hätte ich zu jenem Zeitpunkt nicht erahnen können.

Leider verwandelte sich dieses angenehme Gefühl nach einiger Zeit in das komplette Gegenteil. Plötzlich packte mich eine tiefe Scham, so als hätte mich der kleine Junge gerade bei etwas sehr Schlimmem auf frischer Tat ertappt. Mein angeschlagener Körper meldete sich zurück, und ich musste mich anstrengen, mir meine Schmerzen nicht anmerken zu lassen. Ein leichtes Zittern breitete sich über meinen gesamten Körper aus und die Enge des Autos schnürte mir zusätzlich die Kehle zu. Keuchend rang ich nach Luft, eine Hitzewelle überrollte mich. Das Schlimmste aber war, dass ich überhaupt keine Ahnung hatte, was mit mir los war.

Ich zwang mich, mein Gesicht wieder nach vorn zu richten, um mich auf die Weiterfahrt vorzubereiten. Der kleine Junge beobachtete mich unterdessen mit einem konzentrierten Gesichtsausdruck, während mir auf einmal, ohne einen erkennbaren Grund, dicke Tränen über die Wangen liefen und ich am liebsten im Boden versunken wäre. Merkwürdigerweise deutete sich im Gesicht des Kleinen ein zustimmendes und zufriedenes Lächeln an, als wollte er mir mit diesem Lächeln mitteilen, dass ich mir keine Sorgen mehr zu machen brauchte und alles wieder in Ordnung kommen würde.

»Es ist gar nicht schlimm, wenn du weinst, Tränen tun gut …«, hörte ich seine Stimme sagen, woraufhin ich meine Fensterscheibe hastig nach oben kurbelte, um mich wieder in der schützenden Anonymität meines Autos verstecken zu können.

In jener Situation begann etwas in mir aufzubrechen, das ich selber nicht mochte und das ich während der vergangenen Monate – bis zu jenem Aufeinandertreffen mit dem kleinen Jungen – erfolgreich hatte zurückhalten können.

Als die Ampel auf Grün umschaltete, wischte ich mir die Tränen, mich selbst ermahnend, aus dem Gesicht, drückte meinen Fuß hart aufs Gaspedal und ließ das Fahrzeug neben mir unter hörbar quietschenden Reifen und aufschreiendem Motorengeräusch zurück. Ich blickte nicht nach links und nicht nach rechts und schon gar nicht in den Rückspiegel, bis ich hinter einer dichten Häuserreihe verschwand. Glücklicherweise war der Arzt nicht mehr weit entfernt, und ich versuchte, den kleinen Jungen so schnell wie möglich zu vergessen.

3.

Erkennbar angeschlagen betrat ich durch eine knarrende, hölzerne Eingangstür die Praxis. Wie eigenartig. Anders als die Arztpraxen, die ich bislang kennengelernt hatte, machte diese keinen modernen Eindruck, schon die Tür hatte mich irritiert. Doch nun lag ein langer, menschenleerer und stiller Gang vor mir, lediglich erleuchtet von einigen Oberlichtern, durch die die Sonne hereinschien. Irgendwie lag Gefahr in der Luft, ohne dass ich mir erklären konnte, wie dieser Eindruck entstand. Vielleicht lag es daran, dass der Gang vor mir nicht zu enden schien. Mein erster Impuls war umzukehren, aber dann nahm ich all meinen Mut zusammen und ging leise vorwärts, denn jeder meiner Schritte auf dem glatten Steinboden löste ein Echo aus. An mehreren Türen, an denen ich vorüberging, standen lateinische Namen, mit denen ich nichts anfangen konnte. Endlich fand ich eine Tür mit der Aufschrift »Wartezimmer – bitte eintreten, ohne anzuklopfen«.

Auch der Warteraum entsprach nicht meiner Erwartung. Er war groß genug für hundert Patienten oder mehr. Auf einem der vielen Stühle saß nur ein Mann, der aufblickte, als ich eintrat.

Er trug einen schicken Anzug und hatte eine knallbunte Krawatte um den Hals geschnürt. Sie passte weder zu seinem Äußeren noch zu seinem Alter, das zwischen fünfundfünfzig und fünfundsechzig Jahren liegen durfte. Vor sich hielt er ein Boulevardmagazin ausgebreitet, mit dem er die Wartezeit füllte. Noch wundersamer war die Umgebung, in der er saß, nämlich inmitten zahlreicher Pflanzen unterschiedlichster Art. Sie standen überall im Raum. Einige von ihnen waren meterhoch und ragten bis zur Decke, die sie mit ihrem dichten Blätterwerk und zahlreichen Ästen und Blüten fast vollständig verhüllten. Der gesamte Wartebereich schimmerte dadurch in einem frischen Grünton, und manche der Pflanzen waren so beeindruckend und außergewöhnlich, dass vermutlich nicht nur Naturforscher wahre Freude bei ihrem Anblick empfunden hätten. Aus dem dichten Gestrüpp schaute ein mächtiger Kronleuchter hervor, der aus einem riesigen Hirschgeweih bestand. An den mit Landschafts- und Tierbildern geschmückten Wänden standen gepolsterte Stühle aufgereiht, deren Holz wunderschön verziert war. Manche Schnitzereien zeigten ineinander verschlungene Schlangen, die sich um die graziösen Stuhlbeine wanden, während in das glänzende Holz einiger anderer Stühle Lorbeerblätter, Früchte aus aller Welt und weitere exotische Köstlichkeiten eingeformt waren. In der Mitte dieses merkwürdigen Wartezimmers erhob sich ein prächtiger Tisch aus Massivholz, auf dem die obligatorischen Unterhaltungszeitschriften bereitlagen. Außerdem war darauf eine große Schale mit satt gelben Zitronen platziert, ein ausgesprochen seltsamer Willkommensgruß. Statt des trockenen Geruchs nach Medizin und Krankheit, wie er für eine Arztpraxis typisch ist, duftete es hier wie in einem frischen Kräutergarten, in dem sich unzählige Gerüche zu einer ganz besonderen Atmosphäre vermischten. Zur Orientierung schaute ich mich erst einmal nach etwas Vertrautem um, was sich jedoch als recht schwierig erwies. Noch nie zuvor hatte ich eine so eigenartige Kombination aus Naturelementen und Einrichtungsgegenständen, wie ich sie mir in einem Märchenschloss vorstellte, in einem Raum gesehen. Als ich dann auch noch bemerkte, dass der Boden vollständig von einer dicken Sandschicht bedeckt war, und ich große Mühe hatte, einen Schritt vor den anderen zu setzen, schlug ich mir endgültig den Gedanken aus dem Kopf, bei einem gewöhnlichen Internisten gelandet zu sein.

Trotz seiner Ungewöhnlichkeit und der zahlreichen eigentümlichen Details berührte mich der Anblick dieses Warteraums nur wenig, er schien sich wie ein grauer Nebelschleier bei Tagesanbruch aufzulösen. Ich fühlte mich durch die Lebendigkeit in diesem Raum wie ein Klumpen Blei im Wasser, und für einen Moment hoffte ich, vielleicht die falsche Eingangstür genommen zu haben. Unmittelbar darauf sah ich jedoch neben der Garderobe ein kleines Hinweisschild, auf dem in dicken Buchstaben der Satz stand: Zum Arzt hier entlang und glücklich werden. Ich schmunzelte kurz und unbedacht über diese amüsante Wegbeschreibung, nahm noch einen tiefen Atemzug und begrüßte den Fremden im Wartezimmer mit einem aufgesetzt freundlichen »Guten Morgen«. Die Reaktion war lediglich ein schwaches Gemurmel. Dann folgte ich auch schon dem Hinweisschild.

In einem kleinen Flur empfing mich die Arzthelferin hinter ihrem Schalter, als hätte sie mich bereits erwartet. Offenbar handelte es sich um eine Muslimin, denn sie trug ein dunkles Gewand und war nahezu vollständig verschleiert. Nur ihre freundlich warmen Augen waren zu sehen.

Nachdem ich ihr mühselig meine Verfassung geschildert und sie mich mit einem heiteren Blick zurück ins Wartezimmer verwiesen hatte, setzte ich mich auf einen Stuhl in einer Ecke. Ich fühlte mich sehr wackelig auf den Beinen und war erleichtert, als ich meinen Körper auf einen der bequemen Polsterstühle fallen lassen konnte. Auch hier im Wartezimmer hatte ich enorme Schwierigkeiten, meine Schmerzen zu verbergen. Daher hoffte ich, so schnell wie möglich ins Arztzimmer vorgelassen zu werden und dort Erleichterung zu finden.

Der Herr mit der bunten Krawatte mir gegenüber erweckte nicht unbedingt den Eindruck, als würde mit ihm irgendetwas nicht stimmen. Er wirkte überhaupt nicht krank, sondern fit und wohlauf. Da fiel es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen. Dem Kerl war ich doch kürzlich erst begegnet.

»Das gibt es doch nicht. Das ist ja der Fahrer von vorhin …«, schoss es mir schlagartig durch den Kopf, während ich mich schnell umschaute, ob sich der kleine Junge vielleicht auch in dem Wartezimmer aufhielt. Aufgrund der vielen dichten Pflanzen im Raum ließ sich das aber nicht sicher klären. Als ich meine Aufmerksamkeit wieder dem Herrn zuwandte, hob der auf einmal seinen Kopf aus der Zeitschrift und streckte mir seine Hand entgegen. Zunächst tat ich so, als wäre ich mit mir selber viel zu beschäftigt, um ihn wahrzunehmen. Als er seinen Oberkörper jedoch zu mir herüberbeugte und mir weiter entschlossen seine Hand zur Begrüßung entgegenhielt, konnte ich ihn nicht weiter ignorieren. Also erwiderte ich verlegen seinen Gruß und schaute mir dabei seine farbenfrohe Krawatte etwas genauer an. Viele verschiedene Quadrate waren zu einem kunterbunten Comic angeordnet. Das größte Quadrat befand sich in der Mitte der Krawatte und zeigte die Umrisse eines durchtrainierten Surfers, der auf einem riesigen Surfbrett offenbar gerade gegen eine mächtige Welle ankämpfte. Oberhalb und unterhalb dieses Motivs zeigten die anderen Quadrate glückliche Menschen und wunderschöne Strände bei Sonnenschein.

»Wo kriegt man denn so eine lustige Krawatte zu kaufen?«, fragte ich danach mehr in den Raum hinein als an ihn gerichtet.

»Hallo noch mal, ich heiße Edgar und habe einen Gehirntumor«, hörte ich ihn antworten, und für einen kurzen Augenblick war ich mir nicht sicher, ob ich ihn richtig verstanden hatte. Nachdem er jedoch unmittelbar darauf den gleichen Satz noch einmal wiederholte und mich dabei konsequent anlächelte, lief es mir eiskalt den Rücken hinunter. Was konnte ich darauf Sinnvolles erwidern?

»Aha, das hört sich aber gar nicht gut an. Sie sehen überhaupt nicht krank aus …«, bekam ich meine Worte nur sehr abgehackt und überrascht heraus. Ich fühlte mich durch seine Gesprächseröffnung total überrumpelt. Anschließend herrschte eine quälende Stille zwischen uns, und ich versuchte noch irgendetwas zu finden, was ich hätte sagen können, aber es fiel mir nichts ein. Daher löste ich meinen Blick von seinem Gesicht und schaute verwirrt zurück auf seine plötzlich lächerlich wirkende Krawatte.

»Na, das hab ich ja toll gemacht. Das ist genau das Richtige, was so jemand in so einer Situation hören möchte«, ging es mir vorwurfsvoll durch den Kopf. Am liebsten hätte ich mich für meine unsensiblen Worte entschuldigt, doch verkroch sich der Herr namens Edgar mit dem Gehirntumor wieder hinter seiner Zeitschrift, ohne für den Rest der gemeinsamen Wartezeit ein weiteres Wort mit mir zu wechseln. Um ehrlich zu sein, war mir das auch ganz recht, denn ich hatte mich ja nicht auf den Weg zu einem Arzt gemacht, um mich dort zu unterhalten, und schon gar nicht, um mich um die Befindlichkeiten anderer zu kümmern.

»Vermutlich hält mich der Kerl jetzt für einen gefühllosen Trampel – oder noch schlimmer, für jemanden, dem das Wohl seiner Mitmenschen gleichgültig ist. Jedenfalls würde ich an seiner Stelle so denken. Verdammt noch mal, warum kann ich auch nicht meinen Mund halten. Hoffentlich kann er trotz seiner schweren Erkrankung noch viele zufriedene Jahre verleben …«, versuchte ich mich zu besänftigen.

Erst jetzt erinnerte ich mich daran, dass ich ja selber gerade bei einem Internisten saß, weil es mir allem Anschein nach schon seit längerer Zeit nicht gut ging. Für einen kurzen Augenblick hatte ich das vergessen.

Am liebsten wäre ich einfach ungebeten zu dem Arzt hineingegangen, als von draußen ein entsetzlicher Lärm ertönte und der riesige Kronleuchter an der Decke zu schwanken begann. Aufgeschreckt stemmte ich mich von meinem Stuhl hoch. Hinter dem Wartezimmerfenster spuckte der Himmel schon wieder riesige Schneeflocken aus und die gesamte Straße war vollgestopft mit unzähligen Fahrzeugen in den unterschiedlichsten Größen und Farben – offenbar eine Zirkuskolonne; gewöhnliche Pkws, größere Transporter, Traktoren und riesige Lastwagen, die allesamt in einem donnernden Radau und hupend über den matschigen Asphalt ratterten und die winterstarren Häuser des Wohnviertels zum Zittern brachten. Riesige Schneeklumpen und Eiszapfen stürzten dadurch von den Dächern und überall flog aufgewirbelter Schnee und Dreck umher. Ich war heilfroh, dass ich mich an einem warmen und trockenen Ort befand, als ich plötzlich auf einem der vielen Lastwagen einen großen, bunten Schriftzug erkannte. Mit einem Mal fühlte ich mich in eine angenehmere Zeit versetzt, derweil ich las und leise die Worte »Zirkus des Lebens« vor mich hersagte. Hin und wieder konnte ich durch die Fenster einiger Fahrzeuge einen flüchtigen Blick in deren Inneres erhaschen und die Fahrerinnen und Fahrer beobachten. Edgar und mein Arztbesuch waren erst einmal vergessen.

In einem orangefarbenen Transporter, dessen gläserne Karosserie mit Palmen bedruckt war, die vor einer strahlend gelben Sonne in die Höhe ragten, lag eine riesige Schildkröte. Sie bewegte sich keinen Zentimeter, während ein Dutzend Affen um sie herumhampelten und wie besessen von einer Seite zur anderen sprangen. Die Schildkröte ließ sich von dieser Hektik überhaupt nicht stören. Sie blickte entspannt aus dem Fahrzeug hinaus und beeindruckte mich durch ihre Ruhe und Gelassenheit.

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