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Im Zauberbann der Liebe

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Danksagungen
  7. Prolog
  8. 1. Kapitel
  9. 2. Kapitel
  10. 3. Kapitel
  11. 4. Kapitel
  12. 5. Kapitel
  13. 6. Kapitel
  14. 7. Kapitel
  15. 8. Kapitel
  16. 9. Kapitel
  17. 10. Kapitel
  18. 11. Kapitel
  19. 12. Kapitel
  20. 13. Kapitel
  21. 14. Kapitel
  22. 15. Kapitel
  23. 16. Kapitel
  24. 17. Kapitel
  25. 18. Kapitel
  26. 19. Kapitel
  27. 20. Kapitel
  28. 21. Kapitel
  29. 22. Kapitel
  30. 23. Kapitel
  31. 24. Kapitel
  32. 25. Kapitel
  33. 26. Kapitel
  34. 27. Kapitel
  35. 28. Kapitel
  36. 29. Kapitel
  37. 30. Kapitel
  38. 31. Kapitel
  39. 32. Kapitel
  40. 33. Kapitel
  41. 34. Kapitel
  42. Epilog

Über die Autorin

Mary Jo Putney wurde in Upstate, New York, USA, geboren. Schon in ihrer Kindheit war sie eine fanatische Leserin - und ihre Sucht ist bis heute nicht geheilt. Nachdem sie an der Syracuse University ihren Abschluss in Englischer Literatur des 18. Jahrhunderts und Industriedesign gemacht hat, arbeitete sie als Designerin in Kalifornien und England. Inzwischen lebt Mary Jo Puntey in der Nähe von Baltimore, Maryland, USA.

Auf Mary Jo Putneys englischsprachiger Homepage www.maryjoputney.com erhalten Sie weitere Informationen über die Autorin.

 

In Erinnerung an David Blum,

der mir eine großartige und detaillierte Informationsquelle zu juristischen Fragen, Judentum und Zwillingsdasein war.

Und der ohne Worte demonstrierte, was es heißt, ein Mensch zu sein.

Danksagungen

Ich danke all den üblichen Verdächtigen, die besondere Geduld brauchten für mein Gejammer, während dieses Buch sich auf die Ziellinie zubewegte.

Mein besonderer Dank gilt Laurie Grant Kingery für die Überprüfung aller medizinischen Details, die ich für die Darstellung meiner Heilerin benötigte.

Und ein Dankeschön an alle Krankenschwestern, die bei der Arbeit mit leidenden Patienten die menschliche Magie des Mitgefühls und der Güte anwenden.

Prolog

Stonebridge Academy

Cumberland, Nordwestengland

September 1793

Zeit zum Aufstehen, Ratte!«

Jack Langdons schmales Bett kippte und warf ihn rücksichtslos auf den kalten Steinfußboden. Verschlafen setzte Jack sich auf und schaute blinzelnd zu dem jungen Mann auf, der in sein Zimmer eingedrungen war. Wer war das?

Ach ja, natürlich. Er war in der Stonebridge Academy. Nach einer anstrengenden mehrtägigen Reise hatte die Familienkutsche ihn hier gestern Abend abgesetzt. Jack hatte ein Stück Brot erhalten und war zu seinem Zimmer geführt worden, ohne irgendetwas von seiner neuen Schule oder seinen zukünftigen Klassenkameraden gesehen zu haben. Heute würde er einen ersten Eindruck davon erhalten, was ihn in den nächsten Jahren hier erwartete.

Er rappelte sich auf und fragte den älteren Jungen: »Bist du ein Präfekt?«

»So ist es. Also nenn mich Mr. Fullerton und Sir. Und du bist eine Ratte, der Niedrigste der Niedrigen. Zieh dich an und geh in den Hof hinunter. Der Colonel will zu den neuen Ratten sprechen.« Der Präfekt zog die Augenbrauen zusammen. »Muss ich dich beaufsichtigen, während du dich anziehst?«

Jack hätte dem Aufsichtführenden am liebsten die Faust in das grinsende Gesicht geschlagen, aber so dumm war er nicht. Der Junge war bestimmt schon siebzehn, zweimal so groß wie er und dreimal gemeiner. Deswegen beschränkte er sich darauf zu sagen: »Nein, Mr. Fullerton, Sir. Ich komme gleich herunter.«

»Dann sieh zu, dass du es auch tust«, brummte Fullerton und ging zum nächsten Zimmer weiter.

Fröstelnd vor Kälte, ging Jack zu dem Waschtisch. Er musste zuerst das Eis oben im Krug brechen, bevor er das Wasser in die Schüssel gießen konnte. Er hätte sich denken müssen, wie kalt es im September in Cumberland sein würde, da sie hier schon fast in Schottland waren. Es hatte eine dreitägige, unbequeme Reise erfordert, um von seinem Zuhause in Yorkshire hierherzukommen.

Sein Zuhause. Jack versuchte, nicht an Langdale Hall zu denken, wo er die ganzen elf Jahre seines Lebens verbracht hatte. Er hatte nie von dort weggewollt. Obwohl er gewusst hatte, dass ein Schulbesuch unvermeidlich war, hatte er doch angenommen, dass seine Eltern ihn auf eine normale Schule wie Eton schicken würden, aber nicht, dass er in Schande auf der Stonebridge Academy landen würde.

In einem Versuch, den Schock zu mildern, hatte seine Mutter gesagt, die Schule sei klein und sehr angesehen. Der Schulleiter, Colonel Hiram Stark, genieße großen Respekt, und Jack werde sehr viel lernen, und außerdem habe jeder Schüler sein eigenes Zimmer, nicht wie in einigen anderen Schulen, wo Dutzende von Jungen im selben Zimmer schliefen.

Jack blickte sich in seiner spartanischen Umgebung um. Sein eigenes Zimmer? Wohl mehr wie seine eigene Zelle. Nicht einmal seine Mutter hatte versucht, ihn glauben zu machen, dass Stonebridge etwas anderes war als eine Strafe.

Fullerton streckte den Kopf zur Tür herein. »Muss ich dir selbst das Nachthemd ausziehen, Ratte?« Es lag etwas seltsam Begieriges in den Augen des Präfekten, das Jack aus Gründen, die er nicht verstand und auch nicht verstehen wollte, nervös machte.

»Nein, Mr. Fullerton, Sir.« Jack hob seine Kleider vom Vortag auf und war froh, als Fullerton wieder abzog, um den nächsten neuen Schüler zu schikanieren. Jack hatte Gerede gehört, wie miserabel Schulen waren, und geglaubt, dass die älteren Jungen die jüngeren dort vielleicht nur einzuschüchtern versuchten. Anscheinend war an den Gerüchten mehr als nur ein Körnchen Wahrheit gewesen.

Wenn er erwachsen war und in die Armee eintrat, würde er sich mit kalten Quartieren und garstigen Vorgesetzten abfinden müssen, also wurde es vielleicht Zeit, sich daran zu gewöhnen. Hastig schlüpfte er in seine Kleider, griff nach seinem Umhang und verließ sein Zimmer.

Draußen auf dem langen, düsteren Gang zögerte er. Als ein Diener ihn gestern Abend zu seinem Zimmer geführt hatte, war es spät und dunkel gewesen und er zu müde, um sich den Weg zu merken. Aber er hatte das Gefühl, dass sie von links gekommen waren, und so schlug er diese Richtung ein und machte sich mit schnellen Schritten auf den Weg. Es wäre nicht gut, zu spät zu kommen, wenn der Schuldirektor rief, und vielleicht würde ihm beim Gehen auch ein bisschen wärmer werden.

Der Korridor endete an einem anderen. Als Jack stehen blieb und sich zu erinnern versuchte, kam ein etwa gleichaltriger Junge aus dem Zimmer links von ihm. »Hallo. Ich bin Jack Langdon«, sagte Jack zu ihm. »Gehst du auch auf den Hof?«

Der andere Schüler, ein drahtiger, blonder Junge mit eisgrauen Augen, nickte. »Ich bin Ransom.«

Jack streckte ihm die Hand hin. Ransom wirkte für einen Moment erstaunt, bevor er sie ergriff und den Händedruck erwiderte.

»Weißt du, wie man da hinkommt?«, fragte Jack.

»Hier entlang.« Ransom zeigte auf den Gang zu ihrer Rechten. »Am Ende ist eine Treppe, die zum Erdgeschoss hinunterführt.«

Zusammen gingen sie weiter. Jack war froh, einen Mitschüler - eine weitere Ratte? - kennenzulernen, und fragte sich, was er getan haben mochte, um hier zu landen. Doch Fragen zu stellen gehörte sich nicht, und Ransom sah wie jemand von der empfindlichen Sorte aus.

Sie befanden sich schon auf halbem Weg zur Treppe, als Jack hinter einer Tür zu seiner Linken einen gedämpften Schrei vernahm. Stirnrunzelnd hielt er inne und überlegte, ob er nachsehen sollte. Seine Unsicherheit verflog, als ein noch lauterer Aufschrei erklang.

»Warte einen Moment«, sagte Jack zu Ransom. Der andere Junge zog die Augenbrauen zusammen, blieb aber stehen.

Jack klopfte an die Tür. »He, du! Alles in Ordnung mit dir?«

Als keine Antwort kam, drehte er vorsichtig den Türknauf um. Die Tür öffnete sich problemlos, aber dahinter fand er nicht wie erwartet einen kranken Jungen, sondern drei Schüler. Zwei offensichtlich ältere misshandelten einen jüngeren, der kleiner war als Jack. Der größte verdrehte dem Jungen brutal den Arm hinter dem Rücken, während seine Kameraden ihm eine brennende Kerze vors Gesicht hielten.

»Heda!«, sagte Jack schockiert. »Was tut ihr da?«

Der größte Junge, ein Rothaariger, der ein Gesicht wie ein Frettchen hatte, knurrte: »Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten, Ratte. Ich bin Präfekt und kann verdammt noch mal tun und lassen, was ich will.«

Der Junge mit der Kerze fuhr Jack an: »Verschwinde, Bürschchen, dann wird dir nichts passieren.«

Das Opfer der beiden starrte Jack an, aber es sagte nichts. Es war dünn und dunkelhäutig, hatte erstaunlich grüne Augen und einen düsteren, resignierten Ausdruck im Gesicht.

Jack war nahe daran, die Flucht zu ergreifen. Aber er konnte sich nicht vorstellen, dass der Junge etwas getan hatte, das eine solche Behandlung rechtfertigte, und was Unrecht war, war Unrecht. Während er sich im Stillen schon auf Prügel gefasst machte, sagte er: »Es ist nicht fair von euch, euch gegen einen Kleineren zusammenzutun. Wenn … ihr nicht damit aufhört, werdet ihr die Folgen tragen müssen.«

Der Rothaarige lachte hässlich. »Pah! Als könnten wir zwei Ratten nicht genauso leicht verdreschen wie eine! Aber wenn es das ist, was du willst …« Er ließ den Arm seines Opfers los und kam drohend auf Jack zu.

»Nicht zwei. Drei.« Ransom trat durch die Tür zu Jack und lächelte maliziös. »Ratten sind gute Kämpfer, wenn sie in die Enge getrieben werden.«

Der Rothaarige zögerte, was Jack ihm nicht verübeln konnte. Er nähme es auch nicht gern mit einem so grimmig dreinblickenden Gegner wie Ransom auf.

Plötzlich spürte er eine Bewegung hinter sich, und eine kühle Stimme sagte: »Eine Rauferei? Wunderbar! Ich denke, dann nehmen wir uns erst mal diese beiden hässlichen Rabauken vor?«

Aus dem Augenwinkel sah Jack, dass zwei weitere Jungen zu ihnen getreten waren. Der Rothaarige, der einsah, dass er keine Chance hatte, schob den grünäugigen Jungen zur Tür. »Na los, geh zu deiner Rattenbande und sei froh, dass sie dich gerettet hat! Zunächst mal.« Seine letzten Worte waren eine unverhohlene Drohung.

Der kleinere Junge flitzte durch das Zimmer und schloss sich Jacks Gruppe an. Er hatte ein Brandmal an seinem Wangenknochen und sah aus, als wäre er den Tränen nahe, aber er klagte nicht. Als er die Tür hinter sich zuschlug, sagte er: »Danke. Euch allen.«

»Warum haben sie dir das angetan?«, fragte Jack. »Kanntet ihr euch schon?«

»Nein. Sie mögen mich aus Prinzip nicht«, erwiderte der Junge knapp. »Ich bin Ashby. Sollten wir nicht besser zum Hof hinuntergehen?«

»Richtig«, sagte einer der anderen beiden Jungen, die zum Schluss gekommen waren. Blond und dünn wie eine Bohnenstange, fuhr er auf dem Absatz herum und ging den anderen voran den Korridor hinunter. »Ich bin Kenmore, und dieser gefährliche Bursche hier ist Lucas Winslow.«

Der dunkelhaarige Winslow war derjenige, der so lässig seine Kampfbereitschaft angekündigt hatte. Jack dachte, dass Winslow und Ransom so aussahen, als passten sie gut zusammen. Harte Burschen, aber sie waren eingesprungen, als es nötig gewesen war.

Mit schnellen Schritten trabten die fünf den Weg zum Hof hinunter. Auf drei Seiten begrenzte ihn das herrschaftliche Haus, dessen graue Steinmauern sich hoch über das Kopfsteinpflaster auf dem Boden erhoben. Da die Akademie in den Bergen lag, wehte hier ein scharfer Wind, der einem bis in die Knochen drang.

Mehrere andere Jungen standen in einer unordentlichen Reihe vor einem hochgewachsenen, silberhaarigen Mann, dessen Blick so finster war, dass er Granit hätte zerbrechen können. Jack versteifte sich. Dieser Mann musste Colonel Stark, der Schulleiter der Akademie, sein. Der Oberst hatte ursprünglich auf dem Schlachtfeld Ruhm erlangt und danach als Gründer der berüchtigtesten Schule in ganz England.

Wider besseres Wissen versuchte Jack vorsichtig, den Geist des Colonels anzurühren. Nicht aus Neugierde, sondern um sich einen genaueren Eindruck von der Persönlichkeit des Mannes zu verschaffen. Um zu wissen, wie er es dem alten Haudegen recht machen und Bestrafungen vermeiden konnte.

Nichts. Jack versuchte es erneut, angestrengter diesmal, und empfing noch immer nichts. Mit einem komischen Gefühl im Magen erkannte er, dass Magie hier nichts bewirkte. Was ihn eigentlich nicht hätte überraschen dürfen. Denn genau das war ja der springende Punkt hier, nicht?

Der durchdringende Blick des Colonels glitt über die neuen Schüler. »Ihr fünf habt euch verspätet. Das war schon mal ein schlechter Anfang. Für euch gibt's kein Frühstück heute. Und jetzt stellt euch zu den anderen und seht zu, dass die Reihe gerade ist.«

Jack überlegte, ob er Stark erklären sollte, warum sie sich verspätet hatten, verwarf aber den Gedanken gleich wieder. Dieser Mann war nicht der Typ, der Entschuldigungen akzeptieren würde. Selbst wenn Jack sich verspätet hätte, um seiner Mutter das Leben zu retten, würde das hier keine Rolle spielen. Er seufzte, und sein Magen knurrte schon bei dem Gedanken, den Tag ohne ein Frühstück zu beginnen.

Die fünf Neuankömmlinge stellten sich zu den anderen Jungen. Jack platzierte sich an einem Ende der Reihe und hoffte, übersehen zu werden.

Starks Lippen verzogen sich verächtlich, als sein Blick erneut über die Reihe glitt. »Ihr alle wisst, warum ihr hier seid. Ihr seid die Söhne der bedeutendsten Familien Englands. Das feinste Blut des Landes fließt in euren Adern. Ihr seid dazu geboren, Offiziere, Diplomaten, Großgrundbesitzer und Kleriker zu werden. Das Einzige, was nicht aus euch werden wird, sind Zauberer. Scharlatane!«

Ein Schauder überfiel Jack, als er hörte, wie der alte Mann das letzte Wort ausspie. Der Begriff »Scharlatan« war alles andere als höflich, und obwohl sein Vater Magie verabscheute, hatte er seinen Kindern nicht erlaubt, das Wort zu benutzen. Da sich in Stonebridge jedoch alles um Verachtung für Magie drehte, dachte Jack, dass er sich besser schon einmal daran gewöhnte, den Begriff »Scharlatan« zu hören.

Starks kalter Blick glitt die Reihe entlang und blieb auf Jack haften. »Ihr alle seid wegen eines schändlichen Interesses für Magie hierher geschickt worden. Eurer Weigerung wegen, diesen Frevel zusammen mit anderen kindischen Dingen abzulegen. Eure Eltern wollen, dass dieser Schmutz aus euch herausgeprügelt wird. Und sie haben eine gute Wahl mit mir getroffen, denn ich scheitere nie.«

Überraschenderweise meldete Ransom sich zuerst zu Wort. »Was ist so falsch daran, Magie anzuwenden? Jeder Mensch hat wenigstens ein kleines bisschen Magie in sich. Es ist … amüsant und kann sehr nützlich sein. Sogar die Kirche sagt, Magie sei keine Sünde, wenn sie nicht zu üblen Zwecken angewendet wird. Warum sollten wir sie also aufgeben müssen?«

Für einen Moment verschlug es Stark die Sprache, solche Ketzerei zu hören. Dann trat er vor, bis er ganz dicht vor Ransom stand. »Jeder Mensch hat auch Geschlechtsorgane, aber das bedeutet nicht, dass sie verherrlicht oder gar vor aller Welt entblößt werden müssen«, versetzte er. »Magie ist etwas für Frauen, für die Unterschichten und für Faulenzer, die lügen und betrügen, weil sie außerstande sind, aus eigener Kraft etwas zu schaffen. Für einen Gentleman ist die Anwendung von Magie etwa so, wie sich mit Handel zu befassen. Schlimmer noch.«

»Handel treiben ist rechtschaffene Arbeit«, murmelte jemand weiter unten in der Reihe.

Jack vermutete, dass der Colonel die Bemerkung mitbekommen hatte, aber lieber vorgab, nichts gehört zu haben, als zugeben zu müssen, dass er nicht wusste, wer gesprochen hatte. Den Blick noch immer auf Ransom gerichtet, sagte er: »Für deine Aufsässigkeit wirst du zehn Hiebe erhalten. Ich bin nachsichtig, weil dies dein erster Tag hier ist. Doch erwarte solche Milde nicht noch einmal.«

Damit wandte Stark sich ab, um steif, als hätte er einen Stock verschluckt, an der Reihe der Jungen entlangzugehen. »Ihr werdet so sehr mit Unterricht und Sport beschäftigt sein, dass ihr keine Zeit haben werdet, an die schändliche Praxis der Magie zu denken. Keine Form von Zauberkraft wirkt innerhalb des Schulgeländes - diese Möglichkeit ist unterbunden worden. Diejenigen von euch, die heimlich Magie praktiziert haben, werden lernen müssen, ohne auszukommen. Alle Verstöße gegen Manieren oder Verhaltensregeln werden ein Anlass zur Züchtigung sein, entweder durch mich selbst oder durch die Lehrer und die Präfekten. Habe ich mich klar und deutlich ausgedrückt?«

Mehr als klar. Nicht nur jede Magie war streng verboten, davon abgesehen konnte auch ein jeder dieser boshaften Präfekten die kleineren Jungen nach Belieben quälen. In seinem ersten Schreck dachte Jack daran, seinen Eltern zu schreiben und sie bitten, heimkehren zu dürfen. Er würde schwören, nie wieder Magie anzuwenden, um diesem Ort zu entkommen. Aber dann zögerte er bei der Vorstellung, niemals mehr die Gefühle einer anderen Person zu spüren oder verlorene Gegenstände wiederzufinden oder …

Nein, dachte er und verbannte diese Gedanken aus seinem Kopf. Es wäre sinnlos, darum zu bitten, heimkehren zu dürfen. Seine Mutter würde sich vielleicht noch erweichen lassen - sie war nie sehr erpicht darauf gewesen, ihn hierherzuschicken. Aber sein Vater würde ihm niemals erlauben, Stonebridge zu verlassen. Das hatte er ihm unmissverständlich zu verstehen gegeben, als er Jack dabei ertappt hatte, wie er mithilfe eines Zaubers einen Blick in die Zukunft versucht hatte. Er hatte ihm eine Tracht Prügel verabreicht und unverzüglich Arrangements mit der Stonebridge Academy getroffen.

Jack holte tief Luft. Um hier zu überleben, würde er Freunde brauchen. Sie alle würden Freunde brauchen. Wie sich heute gezeigt hatte, konnte eine Gruppe »Ratten« mit zwei Rüpeln fertig werden, falls es nötig war. Verstohlen blickte er die Reihe hinunter und überlegte, welche Jungen aus dieser bunt zusammengewürfelten kleinen Schar Freunde und Verbündete werden könnten.

Aber das würde er schon noch früh genug herausfinden.

1. Kapitel

Melton Mowbray,

Leicestershire, Mittelengland

Januar 1813

Für ein Teleskop gab es viele gute, nutzbringende Verwendungsmöglichkeiten. Man konnte damit Vögel im Flug beobachten, die Ringe des Saturns oder die zeitlosen Geheimnisse der Sterne bewundern.

Oder man konnte es dazu benutzen, gut aussehenden jungen Männern auf der Jagd zuzusehen. Da oft Scharen von Pferden und Hunden über die Felder ihres Vaters jagten, fand Abigail Barton es nur gerecht, dass sie die fabelhaften Exemplare der Gattung Mann bewundern konnte, die ihr heimatliches Leicestershire in das Herz des englischen Jagdgebiets verwandelt hatten. Drei berühmte Jagdreviere lagen um die Marktstadt Melton Mowbray, weswegen diese Gegend im Winter die passioniertesten Jäger des ganzen Landes anzog.

Es war ein perfekter Tag für Anfang Januar. Blasser Sonnenschein erhellte die brachliegenden Felder, und eine nicht unangenehme Kälte lag in der frischen, klaren Luft. Abigail drehte das Teleskop in seiner Halterung. Die heutige Jagdgesellschaft formierte sich schon auf der anderen Seite des Tals … Ah ja, da waren sie.

Sie stellte das Teleskop auf die aufgewühlte Menge von Pferden, Hunden und Reitern ein, die sich auf der Hügelkuppe des dem Barton Grange gegenüberliegenden Besitzes tummelten. Die Jagd würde bald beginnen, doch bis dahin begrüßten die Reiter Freunde, becherten miteinander und taten, was immer Männer bei solchen Gelegenheiten taten. Wie über Pferde reden beispielsweise.

Die praktisch veranlagte Abby wusste, dass es eine ungeheuer dumme Sache war, Füchse übers Land zu jagen. Die Jagd war ein nutzloses Mittel, Schädlinge zu beseitigen, war schrecklich teuer, und viel zu viele Männer und Pferde wurden dabei verletzt, verstümmelt oder gar getötet. Trotzdem konnte sie den Rausch der Geschwindigkeit und der Gefahr verstehen und vermutete, dass die jungen Männer, welche die Mehrheit des Feldes ausmachten, auch die Kameradschaft unter den Jägern schätzten.

Langsam suchte sie die große Rasenfläche ab, auf der die Jäger sich versammelten. In einigen erkannte sie Einheimische oder regelmäßige Besucher der Grafschaft, andere waren Fremde. Aber wie auch immer. Sie liebte es jedenfalls, die Aufregung und Vorfreude zu sehen. Für die jüngsten Männer kam ihre erste Jagd in den Grafschaften schon fast einer religiösen Erfahrung gleich.

Abby hörte auf, ihr Teleskop zu schwenken, als ihr Blick auf einen ganz speziellen jungen Mann fiel. Jack Langdon hatte es also geschafft, für einen Teil der Jagdsaison zu kommen. Obwohl er heute Lord Frayne war, fiel es Abby schwer, ihn in Gedanken so zu nennen. Sie hatte ihn vor etwa zehn Jahren zum ersten Mal gesehen, als er noch ein Knabe gewesen war. Heute war er ein ausgewachsener Mann mit breiten Schultern und beeindruckenden Muskeln.

Er hielt sich so großartig im Sattel, als wäre er darin zur Welt gekommen, was aber auch nicht überraschend war, da er und mehrere der Freunde, die mit ihm lachten, Armeeoffiziere waren. Während des Sommerfeldzugs hatten sie in Spanien gegen Napoleon gekämpft, im Winter aber verlangsamten sich die Feldzüge oder wurden sogar völlig eingestellt. Wellington und andere höhere Befehlshaber waren so großzügig gewesen, ihre jüngeren Offiziere zur Jagdsaison heimkehren zu lassen. Die Fuchsjagd hielt sie fit und bei Laune, sodass sie im Frühjahr wieder Franzosen jagen konnten.

Abby hatte Jack Langdon hin und wieder in Melton Mowbray gesehen. Er war immer von Freunden umringt gewesen, doch obwohl er weder der bestaussehende noch der am modischsten gekleidete der jungen Männer war, hatte sie nur Augen für ihn gehabt. Seine beeindruckende Persönlichkeit zog Aufmerksamkeit an, wie Blumen Bienen anzogen.

Abby war Langdon noch nie näher gekommen als an dem Tag, an dem sie mit Stoffbündeln unter dem Arm aus dem Textilwarenladen gekommen war und dabei fast über ihn gestolpert war. Er hatte den Zwischenfall mit einem Lachen abgetan, während er ihre Bündel aufgesammelt und sich entschuldigt hatte, im Weg gestanden zu haben. Mit anderen Worten, er war der perfekte Gentleman gewesen, aber das freundliche Lächeln, das er ihr geschenkt hatte, war über bloße Höflichkeit hinausgegangen. Langdon hatte sie nicht als namenlose Einheimische, sondern als Mensch gesehen - was eine Seltenheit unter den Jägern von Melton Mowbray war.

Sie war damals so nervös gewesen, dass sie seinen Geist nicht angerührt hatte, um ihn zu durchleuchten, und danach war sie Langdon nie wieder so nahe gekommen. Auf gesellschaftlicher Ebene würden sie sich jedenfalls nicht begegnen - ein Viscount würde sich nie dazu herablassen, in Kreisen zu erscheinen, zu denen die Tochter eines Zauberers gehörte. Schon gar nicht eine, die selbst die Gabe hatte.

Aber er war so groß und breitschultrig genug gewesen, dass sie sich zerbrechlich und feminin vorgekommen war, und sein Lächeln war überaus charmant gewesen, weil er nicht gewusst hatte, wer sie war …

Ein Horn erklang auf der anderen Seite des Tales, und die Jagd begann. Hunde jagten den Hügel hinunter, gefolgt von enthusiastischen Reitern auf schnellen Pferden, die eigens für die Jagd gezüchtet worden waren. Sehr bald schon verschwanden Jack Langdon und seine Freunde hinter einem Hügel außer Sicht.

Während sie über ihre eigene Dummheit lächelte, packte Abby das Teleskop ein und kehrte zu ihrem stillen Zimmer zurück. Höchste Zeit für eine ernsthafte Magierin, sich wieder mit ihren Tränken und Heilmitteln zu befassen und die Reichen ihren frivolen Zerstreuungen zu überlassen.

Es war ein grandioser Morgen für die Jagd. Weniger grandios war das lange Warten, als der erste Fuchs entkam und die Jäger warten mussten, bis die Hunde einen anderen aufspürten. Aber Jack genoss den Tag zu sehr, um sich an der Warterei zu stören. Sein Blick glitt über die sanft ansteigenden Hänge, deren üppig grüne Felder von sauber gestutzten Hecken und allen möglichen anderen Begrenzungen umgeben waren. Obwohl Jack auch schon in Spanien auf der Jagd gewesen war, konnte kein Ort sich mit den Grafschaften in Mittelengland messen. Auf einem schnellen Pferd ungeachtet der Gefahr den Hunden nachzusetzen, die Erregung auszukosten und bis an die Grenzen des Mutes und der Vernunft zu gehen - darin fand er Befreiung von den stets präsenten Problemen des Lebens.

Bei dem Gedanken an Schwierigkeiten und Probleme schwand sein Hochgefühl. Nach seinem Jagdurlaub würde er nach Yorkshire zurückkehren müssen. Zu lange schon war er zu feige gewesen, den Heimweg anzutreten.

Sein Freund Ashby, der von seinem Pferd gestiegen war, bemerkte: »Du siehst aus, als könntest du es kaum erwarten, deinen Hals aufs Neue zu riskieren. Aber selbst wenn du keine Atempause brauchst, Jack, dein Pferd braucht sie auf jeden Fall.«

»Unsinn.« Jack klopfte Dancer liebevoll den kräftigen Nacken. Das dunkelbraune Pferd war eines der größten im Feld, was für einen Reiter von Jacks Gewicht auch nötig war. »Dancer schafft mühelos eine Zwanzigmeilenstrecke. Ich hoffe, dass wir die bekommen. Hier ein Jagdhaus zu erwerben, war das Klügste, was ich je getan habe.«

Ransom, sein anderer Hausgast, sagte mit einem schalkhaften Glanz in den Augen: »Dein klügster Einfall war, Ashby und mich nach Melton einzuladen, damit wir dir den Weg zu den Hunden zeigen.«

Jack lachte gutmütig. »Ich bin froh, wenn Lucas kommt. Er versteht es am besten, euch eure Grenzen aufzuzeigen.« Er blickte zu dem Herrenhaus hinüber, das auf einer Anhöhe etwas weiter unten im Tal lag. »Ich erinnere mich nicht, auf diesem Besitz schon mal gejagt zu haben. Die Eigentümer erhalten die Dickichte sehr gut. Wie sind die Zäune?«

»Es gibt ein paar Oxer, die dir zu denken geben werden, Jack. Oder sollten sie zumindest«, sagte Ashby. Da er nicht in der Armee war, war er in dieser Gegend schon öfter auf der Jagd gewesen als seine Freunde. Nun wies er mit dem Kopf in Richtung Herrenhaus. »Der hiesige Zauberer, Sir Andrew Barton, lebt dort. Ein sehr angesehener Mann. Vielleicht wachsen und gedeihen die Hecken deshalb hier so gut.«

Ein Frösteln durchlief Jack, wie immer, wenn die Rede von Magie und Zauberern war. Die Stonebridge Academy hatte gute Arbeit geleistet. Er hasste es, daran zu denken, wie fasziniert er als willensschwacher junger Bursche von den verderbten Verlockungen der Magie gewesen war. Dem Himmel sei Dank für die Akademie!

Eine tiefe Stimme von der anderen Seite des Dickichts rief »Halloooo!«, und Jack wendete Dancer. »Die Hunde haben einen Fuchs gewittert!«

Während Jack und Ransom davongaloppierten, sprang Ashby so erstaunlich schnell auf sein Pferd, dass er nur wenige Längen hinter den beiden anderen war. Die Jagd ging weiter.

Jack holte die Jäger, die das Feld anführten, ein, indem er eine Dornenhecke mit einem Graben dahinter übersprang. Dancer setzte gut einen Fuß höher als nötig über das Hindernis hinweg, da das Tier genauso nach Bewegung lechzte wie sein Reiter. Die Hunde waren schon auf dem nächsten Feld, ihre weiß-braunen Körper hetzten quer über die Anhöhe, und ihr aufgeregtes Kläffen schallte durch das ganze Tal.

Jack trieb Dancer noch mehr an, und blindlings brachen sie durch eine hohe Bullfinch-Hecke. Jack hielt sich die Peitsche vors Gesicht, um seine Augen vor zurückschnellenden Zweigen zu schützen. Es war die paar Kratzer wert, sich auf demselben Feld mit den Hunden zu befinden. Nur zwei oder drei andere Reiter waren genauso nahe, aber aus dem Augenwinkel sah Jack Ransom etwa ein halbes Dutzend Schritte weiter hinter sich den Bullfinch überspringen.

Die Tatsache, dass sie Freunde waren, machte die Rivalität nur umso größer. Dancer war der Aufgabe gewachsen, ihren Vorsprung vor Ransom und seinem Kastanienbraunen zu vergrößern. Der Zaun am anderen Ende des Feldes war ein Oxer - ein Lattenzaun und ein Graben mit einem schmalen Streifen Land dahinter, der gerade mal ausreichte, um ein Pferd zu einem Sprung über einen zweiten Lattenzaun anzutreiben. »Bist du bereit, Dancer?«

Der Dunkelbraune legte verächtlich die Ohren zurück. Dancer war sogar noch versessener darauf zu springen als Jack, sofern das möglich war. Mit rücksichtsloser Begeisterung jagten sie auf das erste Hindernis zu. Frei von Ärger, Kummer und Bedauern schwangen Mann und Pferd sich auf. Jack lachte laut und wünschte, er könnte für immer in einem solchen Augenblick verweilen.

Dancer landete auf dem schmalen Streifen Erde zwischen dem Graben und dem zweiten Zaun. Als er auf dem Boden aufkam, brach die Erde unter seinen Hufen ein. Instinktiv verlagerte Jack sein Gewicht, um dem Pferd zu helfen, wieder Halt zu finden, doch Dancer war schon zu sehr aus dem Gleichgewicht. Beim Sturz des Pferdes fiel Jack aus dem Sattel. Er hatte genügend Stürze hinter sich, um zu wissen, wie er sich entspannen und abrollen musste, aber unglücklicherweise blieb sein rechter Fuß im Steigbügel hängen. Fuß und Knöchel, die sehr stark dabei verdreht wurden, verhinderten einen sauberen Sturz.

Jack knallte mit dem Kopf gegen den Lattenzaun und hörte Knochen brechen, als er auf den Boden stürzte. Er hatte noch so viel Schwung, dass er sich mehrmals überschlug, bis er schließlich auf dem Rücken im feuchten Gras liegen blieb. Benommen blinzelte er zum blauen Himmel auf und versuchte, seine Verletzungen einzuschätzen. Er verspürte keinen Schmerz, nur Taubheit, abgesehen von einem brennenden Schnitt an seiner Wange von der Bullfinch-Hecke. Das Atmen fiel ihm schwer, sehr schwer, aber bei einem Sturz war es normal, dass einem die Luft wegblieb. Auch Taubheit war da nichts Ungewöhnliches, weil der Schmerz erst später einsetzte. Doch das hier … fühlte sich irgendwie ganz anders an.

Irgendwo zu seiner Rechten bemerkte er ein sich wild herumwälzendes Pferd. Dancer! Jack versuchte, sich aufzurichten, um zu seinem Tier zu kommen, aber er konnte sich nicht bewegen.

»Jack!« Ransoms Gesicht erschien über ihm und verdeckte den blauen Himmel. »Alles in Ordnung?«

Jack wollte seinen Freund beruhigen, doch als er zu sprechen versuchte, kam kein Wort heraus. Aber wie sollte er auch sprechen, wenn er kaum noch Luft in seinen Lungen hatte?

Er konnte aber blinzeln, und das tat er mehrmals schnell, als seine Sicht verschwamm. Ashbys Stimme klang entsetzt. »Mein Gott, so viel Blut!«

»Kopfwunden bluten wie verrückt.« Ransom tupfte Jack sanft das Blut aus den Augen. »Ich mache mir mehr Sorgen, dass er am Nacken oder Rücken verletzt sein könnte. Jack, kannst du meine Hand drücken?«

Hielt Ransom seine Hand? Jack spürte nichts. Er versuchte zuzudrücken. Wieder nichts. Sein ganzer Körper war gefühllos. Ein Glück, dass Ransom hier war. Wie Jack war er Offizier auf Urlaub von der Iberischen Halbinsel und hatte praktische Erfahrung mit allen Arten von Verletzungen.

Immer wieder schwanden Jack die Sinne. In den kurzen Momenten, in denen er bei Bewusstsein war, konnte er andere Stimmen hören, von denen eine rief: »Mein Gott, Lord Frayne hat sich umgebracht!«

Eine andere Stimme sagte: »Lucky Jack hat das Glück des Teufels. Der wird schon wieder.«

Die fernen Stimmen verklangen, und Ransoms Gesicht erschien wieder, ganz blass unter der spanischen Bräune. Auch Ashbys Gesicht kam in Sicht, als er ein Tuch an Jacks Schädel drückte, um die Blutung zum Stillstand zu bringen. Das spürte Jack. Und es tat weh.

Dancer wälzte sich nicht mehr herum, sonderte wieherte vor Schmerz. Ransom sprang auf. »Dieses verdammte Pferd! Ich werde meine Pistole holen.«

»Nein!«, gelang es Jack zu flüstern. »Nicht … erschießen. War nicht … seine Schuld.«

»Hör auf, Ransom!«, sagte Ashby scharf. »Jack will nicht, dass du Dancer erschießt. Das hat er doch gerade selbst gesagt.« Kampfgeräusche ertönten nun, als hielte Ashby Ransom mit aller Kraft zurück.

»Verdammt noch mal, Ashby!« Hätte Jack nicht gewusst, dass das unmöglich war, hätte er gedacht, dass Ransom den Tränen nahe war. »Das verfluchte Biest hat Jack abgeworfen!«

»Nein. Es sieht eher so aus, als wäre Dancer auf einem schwachen Stück Boden aufgekommen, über einem Dachsbau vielleicht. Es war ein Unfall«, sagte Ashby mit beschwichtigender Stimme. »Jack wird es uns nie verzeihen, wenn wir sein liebstes Reitpferd unnötigerweise töten.«

»Dancer scheint ein gebrochenes Bein zu haben«, sagte Ransom in ausdruckslosem Ton. »Das heißt, früher oder später muss er sowieso erschossen werden. Und Jack wird das bald nicht mehr kümmern.«

Jack grübelte über Ransoms Worte nach. Wollte er damit sagen, dass er sterben würde? Wenn es so wäre, müsste er doch Schmerzen haben. Aber er hatte Probleme mit dem Atmen …

Furcht durchdrang seine Benommenheit, und mit aller Kraft versuchte er, seine Hände, Finger oder Füße zu bewegen. Wieder nichts.

Unterhalb seines Nackens konnte er keinen Körperteil bewegen. Er war gelähmt, was bedeutete, dass er schon sehr bald tot sein würde. Kein Wunder, dass Ransom und Ashby außer sich waren.

Sein halbes Leben hatte er mit dem Tod geflirtet und seine Freunde mit seinem Leichtsinn beunruhigt. Nicht, weil er selbstmörderische Tendenzen hatte - er würde niemals seinen eigenen Tod verursachen. Aber er hatte gedacht, wenn die Zeit käme, auf dem Schlachtfeld höchstwahrscheinlich, würde er den Sensenmann mit einer gewissen Erleichterung begrüßen. Der Tod war einfach, das Leben nicht.

Doch nun, da die Zeit vor seinem Ableben in Minuten oder Stunden gezählt werden konnte, merkte er, dass er nicht sterben wollte. Er hatte Probleme in seinem Leben, aber wer hatte die nicht? Hätte er versucht, sie aus der Welt zu schaffen, statt vor ihnen davonzulaufen, wären sie jetzt gelöst. Natürlich wären wieder neue Probleme aufgetreten, aber auch die hätten gelöst werden können.

Stattdessen war er - im Namen der Ehre und um seinem Land zu dienen - vor der Verantwortung, die er seinem Namen und seiner Familie schuldete, davongelaufen. Er hatte immer geglaubt, ihm bliebe noch Zeit genug, sich seinen Verpflichtungen zu stellen. Eines Tages würde er sesshaft werden und sich um sein Erbe kümmern, aber vorher gab es noch Gefechte auszutragen und Füchse zu jagen. Was alles nur bewies, dass er nicht nur rücksichtslos, sondern zudem auch ein verdammter Narr gewesen war.

»Wir sollten seine Mutter und Schwester benachrichtigen«, sagte Ransom wieder in diesem seltsam ausdruckslosen Ton.

»Nicht bis … der Ausgang sicher ist.« Ashbys Stimme schien so fern zu sein, dass sie fast nicht zu hören war. »Das Haus des Magiers liegt am nächsten. Ich habe gehört, dass Barton ein guter Heiler ist. Wenn wir Jack dorthin bringen, kann er vielleicht etwas für ihn tun.«

Ransom lachte bitter. »Du hast ein behütetes Leben geführt, falls du glaubst, dass irgendein verdammter Quacksalber bei einer solchen Verletzung etwas bewirken kann.«

»Trotzdem werden wir ihn nach Barton Grange bringen. Die Treiber haben eine Trage gebracht, also hilf mir, Jack daraufzulegen, damit wir ihn zum Haus bringen können.«

Jack fühlte sich kaum noch verbunden mit seinem wie abgestorbenen Körper, als ein halbes Dutzend Paar Hände ihn auf die Trage hoben. Düster fand er sich damit ab, dass er schon tot war - es war nur noch eine Frage der Zeit, bis auch sein Atem und sein Herz versagen würden. Er hatte sein Leben so leichtsinnig vergeudet wie ein Spieler sein Vermögen, und jetzt musste er die Konsequenzen tragen.

Zumindest würde er nicht nach Yorkshire zurückkehren müssen, außer um beerdigt zu werden.

Als er wieder in Dunkelheit hinüberglitt, war sein letzter bewusster Gedanke, dass er im Haus eines verdammten Magiers sterben würde.

2. Kapitel

Abby starrte ihren Mörser und Stößel an, während sie sich zu erinnern versuchte, warum sie Kardamomkörner zerstieß. Sie war normalerweise nicht vergesslich, aber heute hatte sie sich schon den ganzen Morgen nicht konzentrieren können, weil sie das ungute Gefühl hatte, dass irgendetwas nicht in Ordnung war.

Da sie jedoch leider nicht das Talent besaß, Ereignisse vorauszusehen, hatte sie keine Ahnung, was geschehen war oder jeden Augenblick geschehen könnte. Es betraf nicht ihren Bruder, dessen war sie sich sicher, trotz der gefährlichen Arbeit, der er in Spanien nachging. Vielleicht ihren Vater, der sich momentan in London aufhielt? Auch das glaubte sie nicht, doch nichts von all dem konnte sie mit Sicherheit sagen. Sie schüttelte frustriert den Kopf. Es gab einfach zu viele Möglichkeiten.

Nicht weit vom Haus entfernt hörte sie das Gebell von Hunden. Vielleicht deutete ihr Unbehagen auf einen Jagdunfall hin, obwohl sie diese für gewöhnlich nicht bemerkte, weil sie sie nicht betrafen. Einmal hatte ihr Vater den Jagdmeister aufgesucht und ihm seine Hilfe als Heiler angeboten, falls es während der Jagd zu Unfällen kommen sollte. Der Jagdmeister, ein Herzog, hatte das Angebot mit barschen Worten zurückgewiesen. Sir Andrew hatte seiner Tochter erklärt, für ihn sei offensichtlich, dass der Herzog die Mitglieder seiner Jagdgesellschaften lieber sterben sehen würde, als ihre Behandlung Magiern anzuvertrauen.

Abby zuckte die Schultern und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Kardamom in ihrem Mörser zu. Magier gewöhnten sich an die Verachtung der Oberschichten, insbesondere der der Männer. Insgeheim dachte sie, dass sie es verdienten, schnell zu sterben und die Welt vorurteilsfreieren Menschen zu überlassen, wenn sie zu blasiert waren, um sich der Vorteile der Magie zu bedienen. Nicht dass Abby es wagen würde, so etwas laut zu äußern. Von ihren Eltern hatte sie schon früh gelernt, dass praktizierende Magier oder Zauberer diskret sein mussten.

Magie hatte es natürlich schon immer gegeben, nur war sie in Westeuropa durch den Einfluss der Kirche Hunderte von Jahren unterdrückt worden. Bis auf die weisen Frauen in den Dörfern, die Kindern auf die Welt halfen und Kräutermittel herstellten, war die Magie dadurch aus dem Blickpunkt der Öffentlichkeit verschwunden. Und dann war das vierzehnte Jahrhundert gekommen und mit ihm der schwarze Tod.

Als die Seuche ganze Nationen verheerte, hatten Magier ihr langes Schweigen gebrochen, um ihren Nachbarn beizustehen. Oft arbeiteten sie Seite an Seite mit Priestern und Nonnen und kämpften um das Leben der Erkrankten, während die Kirchenleute um die Seelen dieser Menschen kämpften. Nach und nach begannen Kleriker zu akzeptieren, dass übernatürliche Begabungen von Gott und nicht vom Teufel kamen. Ein Band des Vertrauens und der Toleranz wurde zwischen Magiern und Klerikern geschmiedet - zumal sehr viele Priester und Nonnen sich selbst als Magier entpuppten.

Obwohl der schwarze Tod ein Drittel der europäischen Bevölkerung auslöschte, wurde weithin anerkannt, dass ohne magische Heiler der Tod einen noch viel höheren Tribut gefordert hätte. In England hatte Edward III. eine offizielle Bekanntmachung herausgegeben, in der er den Magiern für ihre Arbeit dankte, die ihm, seiner Königin und fast allen seinen Kindern das Leben gerettet hatte.

Andere europäische Monarchen waren seinem Beispiel gefolgt. Nun wurde Magie überall, auf allen Gesellschaftsebenen, akzeptiert, außer unter den Aristokraten, die alles hassten, was sie nicht beherrschen konnten. Hin und wieder wurden Magier die Zielscheiben von Unruhen und Verfolgungen, doch im Großen und Ganzen waren sie angesehene Bürger. Abbys Vater war sogar ein Baronet, eine Ehre, die einem Vorfahren erwiesen worden war, der einem König gedient hatte. Obwohl es nicht immer ungefährlich war, als Magier oder Zauberer bekannt zu sein, zogen die meisten übernatürlich Begabten es vor, offen, ehrlich - und diskret zu leben.

Nachdem Abby wieder eingefallen war, dass sie ein Mittel zur Erhöhung körperlicher Energie herstellte, griff sie als Nächstes nach einer Zimtstange. Es gab viele solcher Mittel, und da konnte sie auch genauso gut eins herstellen, das gut schmeckte, fand sie.

Sie wollte gerade noch Ingwer hinzugeben, als sie ein lautes Klopfen an der Haustür hörte. Es ist geschehen! Ihr Unbehagen nahm feste Formen an. Ohne sich die Mühe zu machen, ihre Schürze abzunehmen, lief sie aus ihrem Arbeitszimmer und die Treppe hinunter. Ein Diener öffnete bereits die Tür, hinter der mehrere mit roten Röcken bekleidete Jäger standen, die einen reglosen Körper auf einer behelfsmäßigen Bahre trugen.

Abby schob sich an dem Diener vorbei und fragte: »Ist jemand gestürzt?«

Der Mann ganz vorn, ein schlanker, dunkelhäutiger mit bezwingenden grünen Augen, sagte: »Sehr schlimm gestürzt. Ich habe gehört, dass Sir Andrew ein Heiler ist. Wird er helfen?«

»Mein Vater ist in London, aber auch ich bin Heilerin. Bringt ihn herein.«

Jemand murmelte: »Nicht bloß ein Scharlatan, sondern auch noch eine Frau. Jetzt hat das Glück den armen Teufel endgültig verlassen.«

Ein blonder Mann mit militärischem Gebaren warf dem anderen einen vernichtenden Blick zu, bevor er sich an Abby wandte. »Wo sollen wir ihn hinbringen?«

»Hier entlang.« Zu dem Diener sagte sie: »Bring mir einen Medizinkasten.« Dann führte sie die Männer in das Esszimmer, wo ein Dienstmädchen schon den hübschen Tafelaufsatz von der Tischmitte entfernte.

»Bewegt ihn vorsichtig«, sagte Abby. Während der schlaffe, schwere Körper seitlich auf den Tisch gehoben wurde, hielt sie den blutigen Kopf des Verletzten, um ihn zu stützen. Als der Mann lag, untersuchte sie mit den Fingerspitzen vorsichtig die Platzwunde an seinem Schädel. Sie war lang und blutverschmiert, aber nicht allzu ernst, erkannte Abby.

Sie wischte sich gerade die Hände an ihrer Schürze ab, als sie einen besseren Blick auf das Gesicht des Verwundeten erhielt. Jack Langdon. Oder, genauer gesagt, Lord Frayne. Sie musste daran denken, ihn auch bei sich Lord Frayne zu nennen.

Sein Lächeln war verschwunden, sein starker Körper gebrochen, sein Puls nur noch ganz schwach zu spüren. Wäre er nicht so ein kräftiger Mann, dann wäre er wohl schon tot. Es bereitete Abby großen Kummer, dass seine Wärme und sein Lachen so sinnlos ausgelöscht worden waren.

Sie sah sich in dem Zimmer um. Die meisten der Männer, die das Unfallopfer hereingebracht hatten, standen nervös herum und wussten nicht, was sie tun sollten. Ihre Unruhe lenkte Abby ab. »Meine Herren, es ist nicht nötig, dass Ihr bleibt, und Eure Pferde sollten nicht draußen im kalten Wind stehen. Ich werde mehr wissen, wenn ich ihn untersucht habe.«

Sichtlich erleichtert, nicht mehr gebraucht zu werden, gingen fünf der sieben Männer. Der grünäugige Mann mit der dunklen Haut und der blonde Soldat blieben. Der Dunkelhäutige sagte: »Ich bin Ashby, und das ist Ransom. Wir kennen Lord Frayne schon lange. Vielleicht können wir irgendwie helfen.«

Abbys Augenbrauen fuhren in die Höhe, als sie erkannte, dass dieser Mann der Herzog von Ashby sein musste. Sie wusste, dass er in der Gegend jagte, aber sie hatte ihn noch nie gesehen. Und er war auch anders, als sie es von einem Herzog erwartet hätte. »Danke, Euer Gnaden.«

Er schenkte ihr ein schiefes Lächeln. »Ashby genügt.«

Dann kam der Diener mit dem Medizinkasten. Während Abby mehrere Stückchen Baumwollgaze auf die blutende Kopfwunde legte, um einen provisorischen Verband darüber anzubringen, fragte Ransom: »Sollen wir den Stiefel von seinem rechten Bein abschneiden?«

Sie blickte auf und fragte sich, wo in aller Welt er diesen tödlich aussehenden Dolch versteckt gehabt hatte. »Noch nicht. Er hat viel Blut verloren, und ich fürchte, dass jede Bewegung ihm in seinem derzeitigen Zustand auch noch die letzte Kraft nehmen würde. Wartet, bis ich ihn untersucht habe, damit wir wissen, womit wir es zu tun haben.«

Das Messer verschwand. Abby hoffte, dass Ransom nicht versucht sein würde, es zu benutzen, falls sie seinen Freund nicht retten konnte. Sie begann ihre Untersuchung, indem sie mit einer Nadel in Fraynes Hände und Beine stach. Er zeigte nicht die kleinste Reaktion. Das war gar nicht gut. »Bitte seid ganz still, während ich ihn durchleuchte.«

Beide Männer nickten. Abby war froh, dass sie vernünftig genug waren, ihre Zeit nicht mit Fragen zu verschwenden. Sie schloss die Augen und holte tief Atem, als sie ihre Meditation begann. Ein genaues Durchleuchten erforderte totale Konzentration, aber auch tiefe Entspannung. Nur so würde sie das volle Ausmaß von Lord Fraynes Verletzungen erkennen können.

Als sie konzentriert genug war, öffnete sie ihre Augen und versuchte, Fraynes Geist und Körper zu durchleuchten … aber es tat sich nichts. Sie konnte nur seinen zerschlagenen äußeren Körper sehen, das Gleiche, was auch jeder Nicht-Magier sehen würde. Ein zweiter Versuch war genauso erfolglos.

»Lord Frayne muss einen Talisman tragen, um sich vor Magie zu schützen, denn ich kann nicht in ihn hineinblicken.« Was bedeutete, dass der Talisman außergewöhnlich machtvoll sein musste. Abbys Magie war stark genug, um von den meisten Schutzzaubern nicht beeinträchtigt zu werden, doch dieser ließ sie innehalten. Hätte sie Zeit, könnte sie ihn sicherlich durchschauen, aber sie konnte weder Zeit noch Kraft dazu aufwenden. »Wisst Ihr, wo er ihn trägt? Und wenn ja, könnt Ihr ihn entfernen?«

Die Männer wechselten einen Blick. Da viele Leute Magier fürchteten, war es nichts Ungewöhnliches, einen Schutzzauber zu tragen, auch wenn Abby sie für ziemlich nutzlos hielt. Ein Magier musste einen guten Grund haben, um Zauber zu bewirken, weil sie sehr viel Macht erforderten - und falls ein starker Magier ernsthaft jemanden mit einem Zauber belegen wollte, würde der herkömmliche Talisman keine große Hilfe sein. Wenn die Menschen sich allerdings durch solche Amulette in Gegenwart von Magiern sicherer fühlten, besaßen sie einen gewissen Wert.

Als reicher Mann konnte Frayne sich die besten Schutzzauber leisten, und seine Freunde ebenfalls. Abby war versucht zu sehen, ob sie auch solche Schutzzauber benutzten, aber das zu prüfen wäre indiskret und dazu auch noch sehr ablenkend gewesen, wenn das Leben eines Mannes auf dem Spiel stand.

Ashby sagte: »Ich werde sehen, ob ich ihn dazu bringen kann, sich mit Magie behandeln zu lassen.«

Interessant. Entweder hatte Frayne einen Schutzzauber, der sich nicht leicht entfernen ließ, oder seine Freunde wussten nicht, wo er den Talisman trug, und wollten keine Zeit damit verschwenden, ihn zu suchen.

Ashby beugte sich über seinen Freund. »Jack, wirst du Miss Barton erlauben, deine Verletzungen zu untersuchen?«

Frayne blinzelte und schlug die Augen auf. »Scharlatanerie«, flüsterte er, als wäre das Antwort genug.

»Bitte, Jack! Versuch, ein bisschen höflicher zu sein. Miss Barton ist eine Magierin von gutem Ruf und guter Herkunft. Ransom und ich werden bei dir bleiben, sodass du also sicher sein wirst. Aber gib ihr um Himmels willen deine Zustimmung!«

Nach einem tiefen, rasselnden Atemzug formte Frayne mit den Lippen: »Also gut.«

Die Erlaubnis musste freiwillig erteilt werden, um den Schutzzauber unwirksam zu machen, und Abby fragte sich, ob Fraynes offensichtliches Widerstreben seinem Einverständnis entgegenwirken würde. Als sie aber erneut versuchte, ihn zu durchleuchten, gelang es ihr, mit ihrem Bewusstsein in seinen Körper einzudringen und aufzuspüren, was unversehrt und was beschädigt war. Bis sie zu Fraynes Nacken und Kopf gelangte, müsste sie mit seiner Energie schon gut vertraut sein.

Als sie ihre Hände langsam über seine Beine gleiten ließ, murmelte sie: »Die Knochen in seinem rechten Bein sind an vier Stellen gebrochen. Das Schlimmste ist eine Fraktur des Schienbeins, und die Splitter haben seine Haut durchbohrt. Das ist es, was die Blutung verursacht. Aber seine Knie und Oberschenkelknochen sind zum Glück noch unverletzt.«

»Und das könnt Ihr wirklich spüren?«, fragte Ashby verwundert.

»Ja. Bei Knochen ist es leicht. Bei inneren Organen kann es komplizierter sein.« Sie setzte ihre Untersuchung fort, bewegte sich im Geiste langsam an Fraynes Körper hinauf, ohne ihn auch nur ein einziges Mal wirklich zu berühren. Als weibliche Heilerin musste sie vorsichtig sein, wenn sie einen Mann behandelte, und erst recht, wenn dieser ein Adeliger war.

Er hatte sehr viele Prellungen und mehrere gebrochene Rippen, aber keine tödlichen Verletzungen. Doch dann ließ sie ihre Hände im Geiste zu seinem Halsbereich hinaufgleiten. Sofort verspürte sie eine sehr starke Energie an ihren Handflächen. Sie verstärkte ihre Bemühungen, weil sie den Grund dafür erforschen musste. Als sie sicher war, erklärte sie grimmig: »Zwei seiner Halswirbel sind gebrochen.«

Einer der Männer zog scharf den Atem ein, sagte aber nichts. Abby nahm an, dass beide wussten, dass ihr Freund tödlich verwundet war. Der Gründlichkeit halber vollendete sie ihre Untersuchung und bewegte ihre Hände über Fraynes Schädel. »Er hat auch eine schwere Gehirnerschütterung«, sagte sie. »Aber ich glaube nicht, dass er einen ernsthaften Gehirnschaden davongetragen hat.«

»Das gebrochene Genick genügt ja wohl auch«, erwiderte Ransom düster.

Damit hatte er leider recht. Und trotzdem atmete Frayne noch. Abby runzelte die Stirn, als sie das Ausmaß seiner Verletzungen bedachte und sich zu erinnern versuchte, ob sie in den Büchern ihres Vaters irgendetwas gelesen hatte, das noch Hoffnung zuließ.

»Könnt Ihr irgendetwas für ihn tun?«, fragte Ashby.

Bevor Abby antworten konnte, tat Frayne einen tiefen, qualvollen Atemzug - und dann keuchte er und hörte auf zu atmen. Für einen Moment blieb Abby fast das Herz stehen vor Angst, dass er jetzt sterben würde. Schnell legte sie ihre gespreizten Hände auf Fraynes Brust. Sein Herz schlug noch, wenn auch nur sehr schwach. Was er brauchte, war Luft in seinen Lungen.

Sie legte ihre Hände an beide Seiten von Fraynes Kehle, ließ Energie in ihn hineinströmen und betete, dass sie zumindest vorübergehend das verletzte Genick und seinen Hals stabilisieren konnte. Es erforderte ihre ganze Kraft, aber sie konnte eine leichte Stärkung der Nerven wahrnehmen. Doch wie brachte sie ihn dazu, allein zu atmen?

Sie musste ihm dabei helfen. Nach einem tiefen Atemzug beugte sie sich über ihn, bedeckte seinen Mund mit ihrem und blies Sauerstoff in Fraynes verletzte Lungen. Seine Lippen waren kühl und fest, aber mehr wie die einer Wachsfigur als die eines lebenden Mannes. Wieder holte sie tief Luft und beugte sich von Neuem über ihn, um ihn zu beatmen. Nach einem halben Dutzend Mal rang er selbst nach Luft und begann dann mühsam, aber gleichmäßig zu atmen. Ich habe ihm ein bisschen mehr Zeit erkauft, dachte sie, als sie sich benommen aufrichtete.

Die beiden Männer betrachteten sie fasziniert. »Sind alle Magier, die sich den Heilkünsten verschrieben haben, so wie Ihr?«, fragte Ransom.

»Die guten ja.« Sie strich ihr Haar zurück, das ihr ins Gesicht gefallen war, und erinnerte sich zu spät, dass sie sich dabei gewiss mit Blut beschmieren würde.

»Gibt es irgendeine Behandlung für ihn?«, fragte Ashby. »Die Kosten sind kein Thema.«

Abby winkte die Männer von Frayne weg, um ungehört von ihm mit ihnen reden zu können. Sie hatte schon lange den Verdacht, dass Verwundete selbst dann noch hören konnten, wenn sie bewusstlos zu sein schienen, und schlechte Nachrichten zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden konnten. Mit leiser Stimme sagte sie: »Ich habe noch nie von einem Heiler gehört, der einen so schwer Verwundeten gerettet hätte. Ihr habt gesehen, dass es fast meine ganze Kraft erfordert hat, ihn zumindest vorübergehend zu stabilisieren, und das hatte keine Auswirkung auf die zugrunde liegenden Verletzungen.«

»Und was ist mit Heilzirkeln?«, fragte Ashby. »Ich habe gehört, dass ein solcher Kreis oft außergewöhnliche Ergebnisse erzielen kann.«

»Ihr kennt Euch mit heilenden Zirkeln aus?«, entfuhr es Abby überrascht.

»Soweit ich weiß, kommen eine Anzahl Menschen mit magischen Kräften zusammen und übermitteln ihre Energie durch einen geübten Heiler. Oft kann ihre vereinte Macht viel schlimmere Krankheiten heilen als ein Heiler allein, ganz gleich, wie talentiert er ist.«

Für einen Aristokraten war er erstaunlich gut informiert. »Habt Ihr auch gehört, dass heilende Zirkel sehr gefährlich für den Magier sind, der der zentrale Punkt des Ganzen ist? Es sind schon Menschen gestorben, wenn die Macht größer wurde, als sie bewältigen konnten.« Und doch konnten solche Zirkel tatsächlich Wunder bewirken - manchmal. Abby runzelte die Stirn. »Ich wünschte, mein Vater wäre hier.«

»Ist er ein mächtigerer Heiler als Ihr?«, fragte Ransom.

»Nicht mächtiger, aber erfahrener. Es würde jedoch Tage dauern, ihn in London zu erreichen und ihn herzubringen.« Sie nickte zu Lord Fraynes regloser Gestalt hinüber. »Ihm bleiben keine Tage mehr.«

»Ihr habt es geschafft, Jack wieder zum Atmen zu bringen«, sagte Ransom. »Könntet Ihr ihn am Leben erhalten, bis Euer Vater zurückkehren kann?«

»Es war nur eine vorläufige Maßnahme, und selbst dafür musste ich meine ganze Macht aufbieten«, erwiderte sie ganz offen. »Sein Zustand wird sich ständig verschlechtern. Wenn er nicht in seinen eigenen Lungen ertrinkt, wird er immer schwächer werden, weil er weder Flüssigkeit noch Nahrung zu sich nehmen kann. Wahrscheinlich würde er verdursten, wenn er nicht vorher schon erstickt.«

Ransoms Gesicht verkrampfte sich. Nach langem Schweigen sagte Ashby: »Ich wäre bereit, der zentrale Punkt des Heilzirkels zu sein.«

Abbys Brauen fuhren in die Höhe. »Das ist ein mutiges und großzügiges Angebot, doch sofern Ihr nicht ein ausgebildeter Heiler seid, wäre es ein selbstmörderisches Unterfangen.«

»Ich bin bereit, das Risiko einzugehen«, erwiderte er ruhig.

»Nein!«, sagte Ransom mit nur mühsam unterdrückter Heftigkeit. »Es ist schlimm genug, wenn wir Jack verlieren. Ein Herzog zu sein, macht dich nicht unsterblich, Ash.«

»Vielleicht werde ich eines Tages herausfinden, wozu es gut ist, Herzog zu sein«, murmelte Ashby. »Miss Barton, gibt es genug Leute mit magischen Kräften hier in der Gegend, um einen Zirkel zusammenzurufen? Und wenn ja, was würdet Ihr für diese Art Behandlung nehmen?«

»Die Kosten sind nicht das Problem, sondern die Durchführbarkeit. Und was Leute mit magischen Kräften angeht …« In Gedanken stellte sie eine Liste aller Magier im Umkreis auf, die mit einem mehrstündigen Ritt zu erreichen waren. »Es gibt nicht genug Magier in der Nähe, um einen Zirkel zu bilden, der etwas bewirken könnte. Wäre mein Vater hier, würden wir über genügend Macht verfügen, um es zumindest zu versuchen, aber ohne ihn wäre es völlig aussichtslos. Und viel zu gefährlich.«

Ashby und Ransom wechselten einen Blick. Nachdem sie offenbar zu einem Entschluss gekommen waren, sagte Ashby: »Frayne, Ransom und ich haben uns an der Stonebridge Academy kennengelernt. Nach Eurem Gesichtsausdruck zu schließen, habt Ihr schon davon gehört.« Er verzog den Mund. »Der Schulleiter hat gute Arbeit geleistet, aber ich habe immer gehört, dass Magie ein essenzieller Bestandteil eines Menschen ist und aus einem Jungen nicht herausgeprügelt werden kann, auch wenn das bei dem Wunsch, sie anzuwenden, funktionieren mag. Und da ich damals eine gewisse Macht besessen habe, gehe ich davon aus, dass sie auch heute noch vorhanden ist. Würdet Ihr Kraft daraus schöpfen können, wenn ich mich dem Zirkel anschließe?«

Sie waren auf der Stonebridge Academy gewesen? Interessant. »Darf ich Euch durchleuchten?«

Der Herzog nickte. Er musste im selben Moment einen Schutzzauber neutralisiert haben, denn seine Aura flimmerte plötzlich vor Macht. Mit geschlossenen Augen beleuchtete Abby ihn. Von was für einer faszinierenden Abstammung er war! Sie erklärte ebenso die dunkle Haut wie die Magie. Abby zwang sich, bei der Sache zu bleiben, und sagte: »Ihr verfügt über eine große Gabe. Vielleicht würde sie ausreichen, um einen Unterschied zu machen, aber da Ihr nicht ausgebildet seid …« Sie schüttelte skeptisch den Kopf.

»Und wenn ich nun auch dem Zirkel beiträte?«, sagte Ransom. »Ich hatte früher ebenfalls magische Kräfte.«

Als er seinen Schutzzauber unwirksam machte, schloss sie die Augen und stellte fest, dass er ein ungeheuer komplizierter Mann voller Widersprüche war, die in unergründliche Tiefen gingen und Magie mit einschlossen. »Ihr würdet genügend Macht mit einbringen, dass es klappen könnte, falls es mir gelingt, die Energie richtig zu übermitteln.«

»Dann werdet Ihr es tun?«, fragte Ashby mit eindringlichem Blick.

Abby furchte die Stirn, als sie Lord Frayne ansah. Lucky Jack Langdon. Er würde sie bestimmt nicht angelächelt haben, als sie sich in Melton Mowbray begegnet waren, wenn er gewusst hätte, dass sie eine Magierin war. Vermutlich hätte er sich sogar naserümpfend abgewandt. Trotzdem fühlte sie sich von ihm angezogen, nicht nur wegen ihrer Erinnerungen an den gesunden Jack, sondern auch seiner derzeitigen Hilflosigkeit wegen.

»Ich wünsche mir nichts mehr, als dass er überlebt«, sagte sie aufrichtig. »Es wäre eine Tragödie, wenn ein starker junger Mann mit einer solchen Gabe, Freundschaften zu wecken, unnötigerweise stirbt. Aber … ich weiß nicht, ob ich das tun kann. Würde es sich lohnen, mein Leben zu riskieren, wenn ich nicht einmal weiß, ob eine echte Chance auf Erfolg besteht?« Sie biss sich auf die Lippe. »Mein Vater wäre sehr enttäuscht, wenn seine einzige Tochter sich umbrächte, indem sie etwas versucht, was ihre Fähigkeiten übersteigt.«

»Gibt es irgendetwas, das das Risiko wert machen würde? Wenn Ihr Reichtum oder Unabhängigkeit wollt …« Ashby ließ den Satz vielsagend ausklingen.

Abby betrachtete Fraynes reglose Gestalt mit wehem Herzen und voller Frustration darüber, dass sein Leben ihm entglitt und sie nicht das Gefühl hatte, ihn retten zu können. Es war absurd, schon halbwegs in einen Mann verliebt zu sein, den sie nicht einmal kannte.

Plötzlich kam ihr ein ungeheuerlicher Einfall. Mehr zu sich selbst als zu den Männern sagte sie: »Es gibt etwas, wofür sich das Risiko lohnen würde, aber es ist kein Preis, den Lord Frayne zu zahlen bereit wäre.«

»Seelen dürfen keine gestohlen werden«, erwiderte Ransom trocken. »Über alles andere lässt sich reden.«

Abby lachte über das Absurde ihrer Idee. »Sogar Heirat? Ich bezweifle, dass er das tun würde, nicht einmal, um sein Leben zu retten.« Als sie Frayne dann aber ansah, wurde ihr klar, dass sie so oder so bereit war, ihr Leben zu riskieren, nicht gegen Bezahlung, sondern einfach nur, weil sie wollte, dass dieser Mann lebte. Tut mir leid, Papa, aber ich muss es tun, dachte sie.

Zu ihrem Erstaunen betrachtete Ashby sie aus schmalen Augen. »Fragt ihn. Vielleicht überrascht er Euch ja.«

Für einen Moment war Abby sprachlos. »Das kann nicht Euer Ernst sein«, sagte sie dann. »Die Idee ist unerhört.«

Bevor sie hinzufügen konnte, dass sie es ohne zusätzliche Anreize mit dem heilenden Zirkel versuchen würde, bemerkte Ashby: »Ihr mögt eine Magierin sein, aber Ihr seid auch eine Dame, und deshalb ist die Idee gar nicht so unvernünftig. Jack hat schon des Öfteren gesagt, er müsse sich wirklich langsam nach einer Braut umsehen, aber er will sich nicht den Gräueln des Heiratsmarktes stellen. Was könnte also einfacher sein, als eine Ehefrau, die ihm das Leben retten kann und nicht umworben zu werden braucht?«

Der Herzog nahm Abbys Arm und führte sie durch das Zimmer zu Lord Frayne. »Jack, wir möchten dir einen Vorschlag machen …«

3. Kapitel

Jedes Mal, wenn Jack in Bewusstlosigkeit versank, glaubte er, nie wieder aus dem Dunkel aufzutauchen, weil es immer undurchdringlicher und entschlossener wurde, seinen Geist für alle Zeit festzuhalten. Dieses Mal wurde er ins Bewusstsein zurückgeholt, als Ashbys Stimme sagte:

»Jack, wir möchten dir einen Vorschlag machen. Miss Barton ist eine hochbegabte Heilerin, und sie wird das Risiko eingehen, einen Heilzirkel zu leiten, im Austausch gegen die Ehre, deine Frau zu werden. Das erscheint mir wie ein fairer Handel. Bist du einverstanden?«

Jack blinzelte und fragte sich, ob er den Verstand verloren hatte. »Bist du wahnsinnig?«, flüsterte er mit rauer Stimme. »Lieber tot als in den Fängen einer verdammten Scharlatanin!«

Ashby beugte sich mit grimmiger Miene noch weiter vor. »Das sagt man, wenn man gesund ist. Würdest du wirklich lieber sterben, als eine attraktive, intelligente, gut erzogene junge Frau zu heiraten?«

Da war etwas dran, verdammt. Jetzt, da der Tod mit seinen Knochen um sein Leben würfelte, begriff Jack, dass er noch nicht bereit war, seinen letzten Wurf zu machen. Aber eine gottverdammte Scharlatanin heiraten? Blinzelnd blickte er die verschwommene Gestalt neben Ashby an. Weiblich war sie, und das sogar auf ziemlich außergewöhnliche Weise. Groß und robust, mit braunem Haar und eckigem Kinn. Nicht die Art von Frau, die man im Vorübergehen bemerken würde. Möglich, dass Männer, die Amazonen mochten, sie attraktiv finden würden, aber Jack hatte immer eine Vorliebe für kleine, grazile Blondinen gehabt, am liebsten solche, die sich nicht einmal an den harmlosesten, akzeptabelsten Formen weiblicher Magie versuchten.

Andererseits jedoch ging es um sein Leben. Er schloss die Augen, weil er sich zu geschwächt fühlte, um eine solche Entscheidung zu treffen. Heirat? Er würde auch dann keine Frau heiraten wollen, die eine Wildfremde war, wenn sie keine Scharlatanin wäre. Sicher, Ashby war für gewöhnlich ein guter Menschenkenner, aber vielleicht war sein Urteilsvermögen getrübt vom Anblick seines Freundes, der im Sterben lag.

Im Sterben. Bis auf den qualvollen Kampf ums Atmen schien sein Körper schon gar nicht mehr vorhanden zu sein. Jack hatte genug Männer in Spanien sterben sehen, um eine tödliche Verwundung zu erkennen. Und seine Lebenskraft schwand immer mehr.

Aber er war noch nicht bereit! O Gott, es gab noch so vieles, was er erleben wollte, so viele Orte, die er besuchen wollte, und Freunde, die er sehen musste! Plötzlich sehnte er sich mit einer Heftigkeit und Verzweiflung nach dem Leben, wie ein Verdurstender in der Wüste sich nach Wasser sehnt.

Er schlug die Augen auf und starrte die Amazone an. »Wenn Ihr es versucht und nur halb erreicht, werde ich dann als hilfloser Krüppel enden? Denn dann … wäre ich wirklich lieber tot.« Seine Stimme klang matt, und die Worte kamen nur schleppend über seine Lippen.

Sie beugte sich über ihn, und plötzlich war sie keine abstrakte Idee mehr, sondern eine richtige Frau, mit Gedanken und Gefühlen, deren Augen von einem klaren, hellen Blau mit dunklen Rändern waren. Magische Augen, sehr ungewöhnlich und bezwingend. Augen, die nicht zuließen, dass er den Blick abwandte. »Das wird nicht geschehen, Lord Frayne«, erwiderte sie mit ruhiger Überzeugung. »Entweder Ihr überlebt und gesundet mit der Zeit wieder, oder Ihr sterbt. Ihr werdet nicht als gebrochener, auf andere Menschen angewiesener Mann enden. Das verspreche ich Euch.«

Während sie sich in die Augen sahen, spürte er, dass sie seine unausgesprochene Botschaft verstand. Wenn sie ihn nicht heilen konnte, würde sie ihn gehen lassen. Das war gut zu wissen.

Und dennoch … »Ihr seid eine Magierin. Ich kann … keine Magierin heiraten.« Fast hätte er sie wieder Scharlatanin genannt, schaffte es aber gerade noch, das Wort zu ändern, um nicht unhöflich zu sein.

»Komm schon, Jack«, sagte Ransom irgendwo außerhalb von Jacks beschränktem Sichtkreis. »Bedenk doch nur mal, wie amüsant es wäre, gewisse Leute mit etwas so Skandalösem zu schockieren.« Ein leises Zittern schwang in seiner Stimme mit. »Du hast vornehme Gesellschaft doch schon immer gern schockiert.«

Jack stieß ein ersticktes Lachen aus. Wie typisch für Ransom, die Idee, eine Magierin zu heiraten, wie eine wunderbare letzte Chance hinzustellen, der Gesellschaft eine lange Nase zu machen. Auch wenn der Sinn dieser Heirat mit - Miss Barton? - war, dass er eben nicht zum letzten Mal seinen Spott mit der Gesellschaft treiben würde.

Er musterte die Dame - Ashby hatte zu verstehen gegeben, dass sie eine war, und wenn ihr Vater ein Baronet war, stimmte das wahrscheinlich auch -, und fragte mühsam: »Was für eine Art von Ehefrau würdet Ihr denn sein?«

Ihre dunklen Brauen zogen sich zu einer geraden Linie zusammen, als sie überlegte. »Eine anspruchslose. Ich schätze meine Unabhängigkeit und das Leben auf dem Land, sodass ich also nicht sehr oft nach London kommen und Euch in Verlegenheit bringen würde.« Ein leicht ironischer Unterton schwang in ihrer weichen Stimme mit.

Ihre Beschäftigung mit Magie war ihm zuwider und würde eine gesellschaftliche Peinlichkeit sein, doch im Moment spielte nichts von all dem eine Rolle. »Ihr sagt, Ihr wollt mein Leben retten. Und wie würdet Ihr von einer solchen Heirat profitieren?«

»Will nicht jede Frau einen Titel erringen?« Die Ironie in ihrem Ton war jetzt noch ausgeprägter.

»Ist das alles, was Ihr wollt? Einen Titel?«

Sie wandte ihren Blick ab. »Ich … ich hätte auch gern ein Kind.«

Oh! Das war ein heikles Thema. »Die erste Pflicht der Gemahlin eines hohen Adligen ist, einen Erben hervorzubringen.« Er verschloss die Augen vor ihrem Anblick. Nie hätte er gedacht, dass der Tag kommen würde, an dem er dankbar sein musste, zumindest noch die Kontrolle über seine Augenlider zu haben.

Er lag im Sterben, und nichts würde das ändern. Doch für eine Chance zu leben würde er das Wagnis auf sich nehmen, auch wenn die Aussichten gleich null waren. »So Gott will, ließe sich das mit dem Kind vielleicht machen, falls … falls ich überlebe. Also gut, Miss Barton, wir haben eine Abmachung. Falls Ihr mir mein Leben und meine Gesundheit wiedergebt, habt Ihr mein Wort darauf, dass Ihr meine Braut sein werdet.«

»… dass Ihr meine Braut sein werdet.« Schockiert und sprachlos vor Erstaunen, ballte Abby ihre Fäuste. Sie hatte nicht mit Lord Fraynes Einwilligung gerechnet, und ohne sie wäre sie machtlos. Er zweifelte an ihren Fähigkeiten, ihm zu helfen; das konnte sie an seinen düsteren Blicken sehen. Und selbst wenn er glaubte, dass es Hoffnung gab, hätte sie nicht erwartet, dass er zustimmen würde, eine Magierin zur Frau zu nehmen. Aber der Wunsch zu leben war offensichtlich stärker als seine Abneigung gegen Magie.

Sein Einverständnis war keine Sekunde zu früh gekommen, da er schon wieder in Bewusstlosigkeit versank. Falls auch nur die kleinste Chance bestand, Lord Frayne zu retten, musste sie so schnell wie möglich handeln.

»Herzlichen Glückwunsch zu Eurer Verlobung«, sagte Ashby. »Wie lange wird es dauern, den heilenden Zirkel zusammenzustellen?«

Abby schwieg einen Moment, um ihre Gedanken zu sortieren. »Ich werde die einheimischen Magier sofort herbeirufen, und sie müssten gegen Ende des Nachmittags hier sein. Doch es ist noch zu früh, um über eine Verlobung zu sprechen. Lasst mich noch einmal wiederholen, dass ich mein Bestes tun werde, es aber keine Erfolgsgarantien gibt.«

»Das verstehe ich«, erwiderte Ashby ruhig. »Doch ich hoffe, dass es hilft, wenn ich nur fest genug daran glaube.«

»Magisches Denken«, bemerkte Ransom. »Aber einen Versuch ist es gewiss wert.«

»Die Herren würden vielleicht gern etwas essen und sich ausruhen«, schlug Abby vor, während sie sich verstohlen die feuchten Hände an ihrem Rock abwischte. Es war ein Meisterstück an Untertreibung, als sie hinzusetzte: »Es wird eine anstrengende Erfahrung werden.«

»Vielleicht essen wir später etwas«, sagte Ashby. »Habt Ihr irgendwelche Bücher über Heilzirkel? Ich würde mich gern informieren, was wir zu erwarten haben.«

Von seiner Vernunft beeindruckt, nickte sie. »Es gibt mehrere Bücher darüber in der Bibliothek. Wenn Ihr mir folgen wollt, suche ich sie Euch heraus, da ich dort sowieso meine Benachrichtigungen schreiben werde.« Ein Diener brachte eine Decke, mit der Abby behutsam Fraynes reglose Gestalt zudeckte, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass seine offenen Wunden nicht mehr bluteten.

»Ich bleibe bei Jack«, sagte Ransom. »Werdet Ihr ihn in ein Schlafzimmer verlegen?«

Sie schüttelte den Kopf. »Jede Bewegung könnte seine Wirbelsäule noch mehr verletzen.«

»Auf einem Tisch zu liegen, sieht so unbequem aus.« Ransom unterbrach sich und schüttelte den Kopf. »Aber wahrscheinlich spürt er das gar nicht.«

Eine Antwort darauf war nicht nötig. Abby bedeutete Ashby, ihr zur Bibliothek zu folgen. Als sie sie betraten, betrachtete der Herzog anerkennend die gut gefüllten Bücherregale. »Ashby Abbey ist bekannt dafür, eine der besten Bibliotheken Englands zu besitzen, aber ich glaube, Ihr habt sogar noch mehr Bücher als ich.«

»Mein Vater ist ein bekannter Gelehrter der Geschichte und Praxis der Magie.« Tatsächlich war Sir Andrew Barton eine bedeutende Persönlichkeit in Magierkreisen, doch es überraschte Abby nicht, dass der Name ihres Vaters dem Herzog nicht geläufig war. Magier gab es überall, auf allen gesellschaftlichen Ebenen, aber die Unwissenheit über magisches Leben grassierte, insbesondere in Adelskreisen. Das machte es leichter, so zu tun, als existierten Magier nicht. Daher musste sie Ashby und Ransom Anerkennung zollen für ihre Höflichkeit und die Kompromissbereitschaft, ihre Hilfe zu erbitten.

Sie blieb vor einem der bis zur Decke reichenden Bücherregale stehen und überflog die Titel. Ah, da waren sie. Sie zog zwei Bücher aus dem Fach. »In beiden Büchern werden heilende Zirkel ziemlich detailliert beleuchtet. Ich hoffe, das wird Euch heute Abend helfen. Und wenn Ihr mich nun entschuldigen wollt - ich muss die anderen herbeibitten.«

Nachdem Ashby die Bücher dankend angenommen hatte, setzte Abby sich an ihren Sekretär und begann, kurze Botschaften zu verfassen, in denen sie ihre Freunde um ihre Mitwirkung bei einem heilenden Zirkel bat.

Ashby fragte zwischendurch: »Habt Ihr genug Bedienstete, um die Botschaften zu überbringen? Wenn nicht, könnte ich einige meiner Leute rufen lassen, um die Sache zu beschleunigen.«

»Danke sehr, aber das ist nicht nötig.« Sie rollte die kleinen Blätter auf und steckte sie in dünne, aus Gänsekielen hergestellte Röhrchen. »Die Nachrichten werden schneller von Tauben überbracht, als Reiter sie befördern könnten.«

Ashby zog die Brauen hoch. »Ist das auch eine Form von Magie?«

»Keineswegs. Tauben haben den instinktiven Drang, nach Hause zurückzukehren. Euer Freund Ransom mag etwas über Brieftauben wissen, da sie auch von der Armee benutzt werden, glaube ich. Einige Magier in dieser Gegend halten Brieftauben in den Häusern anderer, damit wir einander schnell Botschaften schicken können, wenn es nötig ist.«

»Und wenn Magie benötigt wird, ist es wahrscheinlich oft sehr dringend, so wie jetzt.«

»Dies ist eine Art von Notfall, aber es gibt auch andere«, erwiderte sie trocken. »Selbst in dieser modernen Zeit existieren noch Dörfer in England, die Menschen wie mich auf den Scheiterhaufen bringen würden, wenn sie einen wie auch immer gearteten Vorwand dazu hätten.«

Ashby erstarrte. »Darüber habe ich nie wirklich nachgedacht, doch ich verstehe, dass das eine Bürde ist, die Ihr jeden Tag zu tragen habt.«

»Wir alle leben mit dem Wissen, dass wir jeden Moment sterben können. Vielleicht sind Magier sich dessen nur mehr bewusst«, bemerkte sie. Als sie zum Taubenschlag ging, war Ashby in eins der Bücher vertieft. Abby fragte sich, ob sein Interesse nur dem Wunsch entsprang, Lord Frayne zu helfen, oder ob es einen Teil von ihm gab, den es nach seiner eigenen unterdrückten Magie verlangte. Ihrer Erfahrung nach war es so, dass die, die eine solche Gabe besaßen, sie auch anzuwenden wünschten. Natürlich war sie keine Aristokratin, und vielleicht war ein Herzogtum schon Macht genug.

Nachdem sie die Botschaften dem Taubenhalter übergeben hatte, kehrte sie zum Haus zurück und gab Anweisung, alle freien Schlafzimmer herzurichten. Bis der heilende Zirkel seine Aufgabe beendet hatte, würden die anderen Magier zu müde sein, um heimzukehren.

Außerdem half häusliche Geschäftigkeit ihr, sie von ihren Sorgen abzulenken.

Am späten Nachmittag war der letzte von Abbys Magierfreunden eingetroffen. Es wurde Zeit, den heilenden Zirkel zu beginnen. Sie ging zum Frühstückszimmer, in dem die einheimischen Magier eine kleine Mahlzeit zu sich genommen und sich miteinander unterhalten hatten. Denn auch wenn die vor ihnen liegende Aufgabe ernst war, hieß das nicht, dass sie diese unerwartete Zusammenkunft nicht ...

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