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Im Zauber dieser Nacht

1. KAPITEL

„Ist hier jemand?“ Die barsche Stimme des Mannes hallte durch den dunklen Flur.

Lilley Smith schlug eine Hand vor den Mund, um ihr Schluchzen zu ersticken, und zog sich tiefer in den Schatten zurück. Es war Samstagabend, und sie hatte geglaubt, abgesehen von den Wachmännern im Foyer, ganz allein in dem zwanzigstöckigen Hochhaus zu sein. Bis vor fünf Sekunden, als sie das Geräusch des ankommenden Fahrstuhls gehört hatte. Mit ihrem Aktenwagen im Schlepptau war sie in das nächste Büro geflüchtet.

Leise schloss Lilley mit dem Fuß die Tür und wischte über ihre tränennassen Augen. Sie versuchte, lautlos zu atmen. Wann verschwand der Mann endlich wieder, damit sie in Ruhe weinen konnte?

Ihr Tag war so entsetzlich gewesen, dass es fast schon wieder komisch war. Nachdem sie am Morgen von einem missglückten ersten Joggingversuch nach Hause gekommen war, hatte sie ihren Freund in flagranti mit ihrer Mitbewohnerin im Bett erwischt. Gleichzeitig war ihr Traum von einem eigenen Geschäft geplatzt. Und als sie schließlich auf der Suche nach Trost zu Hause angerufen hatte, war sie von ihrem Vater enterbt worden. Ein beeindruckender Tag, selbst für ihre Verhältnisse.

Normalerweise hätte Lilley sich geärgert, weil sie schon wieder am Wochenende arbeiten musste. Aber darauf kam es heute auch nicht mehr an. Sie arbeitete jetzt seit zwei Monaten als Archivarin bei Caetani Worldwide, aber sie brauchte immer noch doppelt so lange für die Arbeit wie ihre Kollegin Nadia.

Nadia. Kollegin, Mitbewohnerin und – seit heute Morgen – ehemalige beste Freundin. Lilley schloss die Augen, als sie sich an Nadias entsetzten Gesichtsausdruck erinnerte, mit dem sie aus dem Bett gesprungen war. Sie hatte einen Bademantel übergeworfen, geweint und Lilley um Verzeihung angefleht, während Jeremy gleichzeitig versuchte, Lilley die ganze Schuld an dem Betrug in die Schuhe zu schieben.

Lilley war aus der Wohnung geflohen und hatte den nächsten Bus in die Innenstadt genommen. Sie fühlte sich traurig und verloren und sehnte sich nach Trost. Zum ersten Mal seit drei Jahren hatte sie ihren Vater angerufen, aber auch das war nicht gerade gut ausgegangen.

Zum Glück besaß sie noch ihre Arbeit! Der Job war alles, was ihr geblieben war. Aber wann verschwand der Mann da draußen auf dem Flur endlich wieder?

Auf keinen Fall durfte er – oder irgendjemand – sehen, wie sie sich im Schneckentempo abmühte, die Akten zu sortieren, während die Buchstaben vor ihren Augen tanzten.

Wer war dieser Mann, und warum trank er nicht Champagner und tanzte auf dem Wohltätigkeitsball wie alle anderen?

Lilley schauderte. Nie zuvor war sie in diesem Büro gewesen. Zwischen dem dunklen, nüchternen und offensichtlich teuren Mobiliar fühlte sie sich wie in einer kalten Höhle. Ein wunderschöner türkischer Teppich bedeckte den Boden, und bodenhohe Fenster boten einen atemberaubenden Blick über San Francisco im Zwielicht bis hinunter zur Bucht des Pazifik. Lilley legte den Kopf in den Nacken und bewunderte die Deckenmalereien. Dies war ein Büro für einen König. Für einen …

Für einen Prinzen.

Lilley schnappte nach Luft, als sie begriff, wem dieses Büro gehörte. Sie erstarrte vor Entsetzen, und ihr entschlüpfte ein panisches Krächzen.

Mit einem Knarren öffnete sich die Tür. Instinktiv huschte Lilley blitzschnell durch die Schatten in den nächsten Schrank.

„Wer ist hier?“ Die dunkle Stimme des Mannes war rau und leise.

Lilleys Herz raste, als sie durch den Türspalt spähte. Im dämmrigen Licht sah sie nur die eindrucksvolle Silhouette des Fremden. Sein großer, breitschultriger Körper versperrte ihren einzigen Fluchtweg.

Entsetzt schlug sie beide Hände vor den Mund, als ihr einfiel, dass der Aktenwagen immer noch hinter dem schwarzen Ledersofa stand. Der Mann musste nur das Licht einschalten, und er würde ihn sofort sehen.

Schluchzend im Flur entdeckt zu werden, wäre beschämend gewesen. Im Büro des Firmenchefs geschnappt zu werden, wäre eine Katastrophe, die ihre Karriere ruinieren würde.

„Kommen Sie raus!“ Sie hörte die schweren Schritte des Mannes. „Ich weiß, dass Sie hier sind.“

Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Diese akzentuierte Sprechweise war unverwechselbar. Nicht der Hausmeister stand kurz davor, sie zu schnappen. Es war der Firmenchef höchstpersönlich!

Prinz Alessandro Caetani war ein Self-Made-Milliardär, Chef eines Großkonzerns, der in jedem Winkel der Erde vertreten war. Außerdem war der dunkle, gut aussehende Prinz ein skrupelloser Playboy. Von der jüngsten Sekretärin bis hin zur über fünfzigjährigen Vizepräsidentin waren alle Frauen hier in seinem Hauptfirmensitz in San Francisco bis über beide Ohren in ihn verliebt.

Und jetzt war er im Begriff, Lilley allein in seinem Büro zu schnappen.

Sie versuchte, nicht mehr zu atmen, und drückte sich tiefer in seinen Kleiderschrank. An ihrem Körper spürte sie seine Jacketts. Die Anzüge rochen nach Sandelholz, Moschus und Macht. Sie schloss die Augen und betete, dass der Prinz sich einfach wieder umdrehte und ging. Konnte ihre Fähigkeit, für Männer unsichtbar zu sein, nicht wenigstens einmal im Leben zu etwas Nutze sein?

Die Schranktür wurde aufgerissen. Eine große Hand schob die Jacketts zur Seite und packte grob ihr Handgelenk. Lilley schrie auf, als sie aus dem Schrank gezogen wurde.

„Da habe ich Sie!“, knurrte er. Er schaltete eine Lampe an, und goldenes Licht erfüllte das höhlenartige Büro. „Sie kleiner …“

In diesem Moment sah er sie. Seine dunklen Augen weiteten sich erstaunt. Lilley schnappte nach Luft, als sie zum ersten Mal ihrem Chef ins Gesicht blickte.

Von dem muskulösen Körper unter dem schwarzen Smoking bis hin zu den dunklen Augen war Prinz Alessandro Caetani der attraktivste Mann, den sie jemals gesehen hatte. Seine aristokratische römische Nase bildete einen aufregenden Gegensatz zu dem markanten Schwung seines Kiefers. Er wirkte halb wie ein Prinz, halb wie ein Eroberer – was auch der Wahrheit entsprach, wenn man den Gerüchten glauben durfte.

„Sie kenne ich doch!“ Prinz Alessandro runzelte offensichtlich verwirrt die Stirn. „Was tun Sie hier, kleine Maus?“

Lilleys Handgelenk brannte unter seinen Fingern. Ihr war, als würde seine Berührung heiße Flammen durch ihren ganzen Körper senden. „Wie … wie haben Sie mich genannt?“

Abrupt ließ er sie los. „Wie heißen Sie?“

Sie brauchte eine Minute, um sich zu erinnern. „L… Lilley“, brachte sie heraus. „Aus dem Archiv.“

Seine Augen wurden schmal. Langsam ging er um sie herum und betrachtete sie von oben bis unten. Unter seinem Blick schoss das Blut in ihre Wangen. Ihr war genau bewusst, wie schäbig und ungepflegt sie in ihrem Sweatshirt und der grauen ausgebeulten Trainingshose wirken musste, ganz im Gegensatz zu seiner perfekten Erscheinung im eleganten, makellosen Smoking.

„Und was tun Sie hier, Lilley aus dem Archiv? Allein in meinem Büro an einem Samstagabend?“

Sie fuhr sich mit der Zunge über ihre trockenen Lippen und versuchte, ihre zitternden Knie unter Kontrolle zu bringen. „Ich war … war …“ Was in aller Welt hatte sie getan? Wo war sie überhaupt? Wer war sie? „Ich wollte gerade … äh …“ Ihr Blick fiel auf den Aktenwagen. „Arbeiten?“

Er hob die dunklen Brauen. „Warum sind Sie nicht auf dem Preziosi-Ball?“

„Mein … mein Date ist mir abhandengekommen“, flüsterte sie.

„Witzig.“ Sein sinnlicher Mund verzog sich zu einem humorlosen Lächeln. „Das scheint wohl gerade umzugehen.“

Seine aufregende Stimme legte sich wie ein Zauberbann über sie. Sie konnte sich nicht bewegen, den Blick nicht von seiner kraftvollen männlichen Schönheit abwenden.

Seit Jeremy ihr den Job im Archiv verschafft hatte, hatte sie ihr Möglichstes getan, damit ihr Milliardärs-Chef sie nicht bemerkte. Doch jetzt, unter seinem dunklen, hypnotischen Blick, wäre sie am liebsten mit der Wahrheit herausgeplatzt.

Sie war keine gute Lügnerin. Selbst kleine Notlügen fielen ihr schwer. „Du kannst mir alles sagen“, schienen Prinz Alessandros schwarze Augen ihr zuzuflüstern. Er würde alles verstehen. Er würde ihr vergeben und Gnade zeigen.

Doch sie hatte schon vorher mit mächtigen Männern zu tun gehabt. Der skrupellose Prinz und Gnade? Unmöglich! Prinz Alessandro wollte mit seinem Blick nur ihr Vertrauen gewinnen. Sobald er von ihrem Vater und ihrem Cousin erfuhr, würde er sie feuern. Oder schlimmer.

„Lilley“, murmelte er gedehnt. Er neigte seinen Kopf. Seine Augen funkelten. „Wie ist Ihr Nachname?“

„Smith“, antwortete sie ehrlich. Sie verkniff sich ein Lächeln. Das würde ihm nicht weiterhelfen.

„Und was tun Sie in meinem Büro, Miss Smith?“

Lilley erschauerte, als sie seinen unverwechselbaren Duft einatmete. „Ich habe … äh, Akten zurückgebracht.“

„Mrs Rutherford ist für meine Akten zuständig.“

„Das stimmt“, gab Lilley unglücklich zu.

Er kam näher. So nah, dass sie die Wärme seines Körpers durch die Smokingjacke spüren konnte. „Sagen Sie die Wahrheit! Warum sind Sie wirklich hier?“

Sie schluckte und blickte auf ihre ausgetretenen Turnschuhe. „Ich wollte nur ein paar Stunden in Ruhe und Frieden arbeiten.“

„An einem Samstagabend?“, erwiderte er kalt. „Sie haben mein Büro durchsucht! In meinen Akten geschnüffelt.“

Lilley sah auf. „Nein!“

Prinz Alessandro verschränkte die Arme vor der Brust und betrachtete sie mit versteinerter Miene.

„Ich habe mich versteckt.“ Ihre Stimme war so leise, dass man sie kaum verstehen konnte.

„Versteckt? Wovor versteckt?“

Gegen ihren Willen platzte sie mit der Wahrheit heraus: „Vor Ihnen.“

Er beugte sich zu ihr und sah sie scharf an. „Warum?“

Seine Nähe raubte ihr den Atem. Sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. „Ich habe geweint“, wisperte sie. „Ich konnte nicht zu Hause bleiben, ich liege mit meinem Arbeitspensum zurück, und ich wollte nicht, dass Sie mich weinen sehen.“

Lilley wandte sich ab. Mit aller Kraft bemühte sie sich, nicht vor ihrem mächtigen Boss in Tränen auszubrechen. Das würde ihre Demütigung perfekt machen. Er würde sie feuern – ob für das Herumschleichen in seinem Büro, für einen unprofessionellen Tränenausbruch oder für ihre zu langsame Arbeit, spielte dann auch keine Rolle mehr. Sie würde die letzte Sache verlieren, die ihr noch etwas bedeutete. Das perfekte Ende für den zweitschlimmsten Tag in ihrem Leben.

„Ah“, sagte er sanft. „Ich verstehe.“

Lilley ließ die Schultern hängen. Jetzt würde er ihr gleich mitteilen, dass sie ihre Sachen holen und aus dem Gebäude verschwinden sollte.

Der Blick des Prinzen war so dunkel wie der nächtliche Ozean. Tief genug, um darin zu versinken. „Haben Sie ihn geliebt?“

„Was?“ Lilley blinzelte. „Wen?“

Ein Lächeln zuckte um seinen sinnlichen Mund. „Den Mann.“

„Wie kommen Sie darauf, dass ich wegen eines Mannes geweint habe?“

„Warum sonst würde eine Frau weinen?“

Sie lachte auf, aber es klang fast wie ein Schluchzen. „Heute ist alles schiefgegangen. Ich dachte, es würde mir guttun, wenn ich ein bisschen abnehme, und bin joggen gegangen. Ein großer Fehler.“ Sie sah an ihrer ausgebeulten Trainingskleidung hinunter. „Meine Mitbewohnerin dachte nämlich, ich wäre schon bei der Arbeit. Als ich zurückgekommen bin, habe ich sie mit meinem Freund gefunden. Im Bett.“

Alessandro legte eine Hand an ihre Wange. „Das tut mir leid.“

Schockiert über sein unerwartetes Mitgefühl sah Lilley zu ihm auf. Unwillkürlich teilten sich ihre Lippen. Ihr war, als würde seine Berührung glühende Funken über ihre Haut senden. Ihre Brüste fühlten sich plötzlich seltsam schwer an, und unter dem Sport-BH richteten sich ihre Brustwarzen auf.

Alessandro wirkte erstaunt. „Aber Sie sind wunderschön.“

Wunderschön? Seine Worte waren wie eine Ohrfeige. „Nicht.“

Er runzelte die Stirn. „Nicht was?“

Seine Grausamkeit raubte ihr den Atem. „Ich weiß, dass ich nicht schön bin. Das macht nichts. Ich bin auch nicht klug, und damit kann ich leben. Aber dass Sie dastehen und mich verspotten …“ Sie ballte die Hände zu Fäusten und funkelte ihn an. „Das ist nicht nur herablassend, das ist herzlos!“

Alessandro betrachtete sie ernst. Er sagte kein Wort. Als Lilley klar wurde, dass sie gerade ihren Chef abgekanzelt hatte, schnappte sie nach Luft. „Ich bin gefeuert, nicht wahr?“

Er antwortete nicht.

Mit zitternden Händen hob Lilley einen Ordner vom Boden auf und griff nach dem Aktenwagen. „Ich bringe noch die Arbeit zu Ende“, murmelte sie elend, „dann packe ich meine Sachen zusammen.“

Sie wollte sich abwenden, doch er umfasste ihren Arm und hielt sie fest. „Ein Kompliment ist also Spott und Hohn?“ Er schüttelte den Kopf und sah auf sie herunter. „Sie sind wirklich ein seltsames Mädchen, Lilley Smith.“

Für einen Moment glaubte sie fast … Aber nein! Seltsam war nur ein anderes Wort für rettungslose Versagerin. „Das hat mir schon mein Vater immer gesagt“, erwiderte sie tonlos.

„Sie sind nicht gefeuert.“

Lilley wagte kaum, an ihr Glück zu glauben. „Bin ich nicht?“

Er nahm den Aktenordner aus ihrer Hand und legte ihn auf den Wagen. „Ich habe eine ganz andere Strafe im Sinn.“

„Die Guillotine?“, fragte sie schwach. „Den elektrischen Stuhl?“

„Sie begleiten mich heute Abend auf den Ball.“

Lilley starrte ihn mit offenem Mund an. „Was?“

Sein Blick war so warm wie geschmolzene Schokolade. „Ich möchte, dass Sie mein Date sind.“

Ihr Herz raste. War dies ein seltsamer Traum? Prinz Alessandro konnte unter den schönsten Frauen der Welt wählen – und wenn man den Klatschmagazinen glaubte, tat er das auch.

Sie sah sich um. Stand hinter ihr vielleicht ein Filmstar oder ein Unterwäschemodel, und er redete gar nicht mit ihr?“

„Also, cara?“, fragte er mit heiserer Stimme. „Was sagen Sie dazu?“

Unter seinem intensiven Blick wurde ihr schwindelig. „Ich verstehe nicht“, sagte sie langsam.

„Was gibt es da zu verstehen?“

Sie räusperte sich. „Ich verstehe den Witz nicht.“

„Ich mache nie Witze.“

„Nein? Zu dumm. Ich bin dauernd lustig“, antwortete sie. „Meistens unabsichtlich.“

Er lächelte nicht einmal, sondern sah sie nur unbewegt an. Wie unglaublich gut er aussieht! dachte Lilley atemlos. „Meinen Sie das wirklich ernst?“

„Ja.“

„Aber … das ist der Preziosi di Caetani Ball“, stammelte sie. „Die größte Wohltätigkeitsveranstaltung des ganzen Sommers. Der Bürgermeister wird da sein. Der Gouverneur. Die Paparazzi.“

„Und?“

„Sie könnten jede Frau haben, die Sie wollen.“

„Und ich will Sie.“

Die vier Worte ließen Lilleys Herz tanzen. Sie presste ihre zitternden Hände zusammen. „Aber Sie haben eine Freundin. Ich habe gelesen …“

Seine Miene verhärtete sich. „Nein.“

„Aber Olivia Bianchi …“

„Nein“, wiederholte er angespannt.

Lilley biss sich auf die Lippen. Sie spürte, dass er nicht die ganze Wahrheit sagte. Ihr Selbsterhaltungstrieb riet ihr, schleunigst wegzurennen. Wenn er jemals herausfand, wer sie wirklich war, würde sie ihren Job verlieren – und vielleicht sogar wegen Betriebsspionage vor Gericht landen.

„Es tut mir leid“, erwiderte sie. „Nein.“

Seine Augen weiteten sich. Offenbar hatte er nicht mit dieser Antwort gerechnet. „Wieso?“

„Meine Arbeit …“

„Nennen Sie mir den wahren Grund!“

Den wahren Grund? Wie wäre es damit, dass sie die Tochter seines Erzfeindes war und die Cousine eines Mannes, den er sogar noch mehr hasste? Oder mit dem wichtigsten Grund: Seine Stärke, seine Macht und seine männliche Schönheit jagten ihr entsetzliche Angst ein. In seiner Gegenwart raste ihr Herz, als wollte es aus der Brust springen. Ein Blick von ihm reichte, um ihr den kalten Schweiß ausbrechen zu lassen. In ihrem ganzen Leben hatte noch kein Mann diese Wirkung auf sie gehabt, und sie hatte nicht die geringste Idee, was sie dagegen tun sollte. Außer wegzurennen.

„Mein Freund … mein Exfreund“, stammelte sie. „Er wird heute Abend mit meiner Freundin auf dem Ball sein. Nadia. Also Sie sehen, warum ich auf keinen Fall gehen kann.“

„Er wird auf dem Ball sein?“ Alessandros Augen wurden schmal. „Kenne ich ihn – den Mann, der Sie zum Weinen gebracht hat?“

„Er arbeitet hier in der Firma, in der Abteilung für Schmuckdesign.“

„Umso mehr Grund, auf den Ball zu gehen. Wenn er Sie an meinem Arm sieht, wird er Sie plötzlich wieder sehr begehrenswert finden und auf den Knien anflehen, zu ihm zurückzukommen. Dann können Sie ihn entweder erhören oder mit Füßen treten. Ganz wie Sie wollen. Und die andere Frau wird leiden, wenn sie entdeckt, dass Sie meine Begleitung sind.“

Lilley starrte ihn verblüfft an. „Unter Selbstwertproblemen leiden Sie wohl nicht.“

Er erwiderte gelassen ihren Blick. „Wir wissen beide, dass es stimmt.“

Sie presste ihre Lippen zusammen. Er hatte recht. Wenn sie mit ihm zum Ball ging, würde sie die meistbeneidete Frau in der Stadt sein – vielleicht sogar in ganz Kalifornien.

Die Vorstellung von Nadia und Jeremy auf den Knien und um Vergebung flehend, war herrlich. All die Stunden, wenn Lilley länger gearbeitet hatte, all die Male, wenn sie Nadia gebeten hatte, Jeremy Gesellschaft zu leisten, weil sie sich wieder einmal verspätete, hatten die beiden sie betrogen. Sie hatte keine Freunde mehr in der Stadt. Nicht einen einzigen.

Sie sah zu Alessandro auf. „Ich bin keine sehr gute Tänzerin“.

Er betrachtete sie langsam von oben bis unten. „Das kann ich kaum glauben.“

„Als Kind hatte ich Ballettunterricht. Mein Lehrer hat mir geraten, damit aufzuhören. Ich war wie einer von diesen tanzenden Elefanten im Ballettröckchen. Später haben sich alle meine Freunde beschwert, weil ich ihnen ständig auf die Füße getreten habe.“

Seine Miene wurde weicher. „Selbst wenn das stimmen sollte, wäre das nicht Ihr Fehler, sondern der von Ihrem Partner“, murmelte er. „Es ist die Aufgabe des Mannes, zu führen.“

Lilley schluckte. „Äh … so habe ich das noch nie gesehen. Ich dachte immer, es wäre meine Schuld.“

„Da haben Sie sich geirrt.“ Er hob eine Braue. „Aber nur aus Neugier – wie viele sind alle?“

„Was?“

„Alle Ihre Freunde.“

Herrje! Auf keinen Fall konnte sie ihm die jämmerliche Anzahl verraten. Sie hob ihr Kinn. „Einige“, sagte sie so selbstbewusst wie möglich.

„Zehn?“, hakte er nach.

Die Röte in ihren Wangen vertiefte sich. „Zwei“, gab sie zu. „Einer in der Schule und …“ Sie räusperte sich. „… und Jeremy.“

„Jeremy? Ist das sein Name? Er hat Ihr Herz gebrochen?“

Er wartete, aber sie schwieg.

„Sie sollten heute ausgehen“, sagte er schließlich. „Ihre Tanzkünste spielen keine Rolle. Wir werden nicht tanzen.“

Lilley grinste. „Haben Sie Angst, dass ich Ihnen auf den Zehen herumtrample?“

„Ich tanze nicht.“

Ihre Augen weiteten sich. „Was … nie?“

„Nein.“

„Aber Sie sind der Schirmherr des Balls!“

„Er bringt Geld für meine Wohltätigkeitsorganisation ein und gute Presse für die Firma“, erwiderte er kühl. „Nur darauf kommt es mir an. Tanzen interessiert mich nicht.“

„Oh“, murmelte Lilley unsicher und biss sich auf die Lippe. „Ich verstehe.“

Aber sie verstand überhaupt nicht. Wie war es möglich, dass ein Mann wie Prinz Alessandro, Liebling aller Frauen, einen Ball sponserte und selbst nicht tanzte?

Er streckte die Hand nach ihr aus. „Kommen Sie! Wir müssen uns beeilen.“

Sie wich zurück. Er durfte sie nicht noch einmal berühren. Seine Macht über ihren Körper jagte ihr zu viel Angst ein. „Wieso ich?“

„Wieso nicht?“

„Sie sind für vieles berühmt, Prinz Alessandro. Mit unscheinbaren Angestellten einen Ball zu besuchen, gehört allerdings nicht dazu.“

Er warf den Kopf zurück und lachte schallend. Noch immer lachend, ging er zu einem modernen Gemälde über seinem Schreibtisch, schwang es zur Seite und enthüllte einen Safe. Er tippte die Kombination ein und nahm zwei Manschettenknöpfe aus Platin und Diamanten heraus.

Als er sich wieder zu Lilley umwandte, betrachtete er sie mit neuem Interesse. „Sie machen mich neugierig, Lilley Smith. Nicht eine unter tausend Frau hätte nach dem Grund gefragt, bevor sie Ja sagt.“

„Ja, wahrscheinlich bin ich ein bisschen merkwürdig.“ Sie sah ihm zu, wie er mit seinen langgliedrigen Fingern die Manschettenknöpfe anlegte.

„Mein Date für den Ball ist vor zehn Minuten geplatzt.“

„Miss Bianchi?“

„Ja.“

Lilley kannte die Mailänder Erbin aus Zeitschriften. Sie war blond, dünn und wunderschön – alles, was Lilley nicht war. Sie senkte die Augen. „Ich bin ihr kein bisschen ähnlich.“

„Gerade darum sind Sie perfekt“, entgegnete er schroff. „Olivia wird schon sehen, wie ich auf ein Ultimatum reagiere. Ich brauche ein Date, und Sie sind in meinem Büro. Das ist Schicksal.“

„Schicksal“, flüsterte Lilley.

Er kam auf sie zu. Im Dämmerlicht wirkte sein Körper wie ein dunkler, mächtiger Schatten. Sein Blick hielt ihren gefangen. „Ich brauche ein Date. Sie brauchen Rache. Bevor die Nacht zu Ende ist, wird Jeremy vor Ihnen auf den Knien liegen.“

Unwillkürlich erschauerte sie. Ganz egal, was Jeremy ihr angetan hatte, wusste sie doch, dass Rache nicht richtig war. Aber am meisten Angst jagte ihr Alessandros Nähe ein. Und dabei ging es nicht um ihren Job. Sie konnte es nicht einmal erklären. In seiner Gegenwart fühlte sie sich … eigenartig.

„Warum zögern Sie? Lieben Sie ihn?“

Sie schüttelte den Kopf. „Es ist nur …“

„Was?“

Sie wandte den Blick ab. „Nichts.“

„Ich beobachte seit Wochen, wie Sie sich bemühen, mir auszuweichen.“

Entsetzt starrte sie ihn an. „Sie haben mich gesehen?“

Er nickte. „Wie Sie jedes Mal in die andere Richtung laufen, wenn Sie mich auf dem Flur entdecken. So ein Benehmen bei einer Frau ist für mich … einzigartig. Es hat mich verwirrt. Aber jetzt verstehe ich.“

„Sie verstehen?“, krächzte sie.

Er berührte ihre Wange. „Die meisten Frauen, die mir begegnen, würden ihre Freunde im Bruchteil einer Sekunde verlassen, um mit mir zusammen zu sein. Treue ist eine sehr seltene Eigenschaft. Dieser Mann, der Sie betrogen hat, ist ein Idiot.“

Da konnte Lilley ihm nicht widersprechen. Wie hypnotisiert sah sie Alessandro nur an.

„Aber Sie haben nichts zu befürchten.“ Er ließ seine Hand sinken. „Unsere Romanze heute Abend ist nur vorgetäuscht. Ich werde Sie morgen nicht anrufen. Ich werde Sie niemals anrufen. Nach heute Abend werden Sie wieder meine Angestellte sein und ich Ihr Boss, der so tut, als würde er nicht bemerken, wie Sie sich vor ihm verstecken.“

Lilley schluckte. Sie konnte noch immer seine Finger auf ihrer Wange spüren. „Wenn ich also heute Abend mit Ihnen zum Ball gehe, werden Sie mich morgen nicht beachten? Sie werden mich niemals wieder beachten?“

„Ja.“

Sie stieß die Luft aus. Genau das brauchte sie! Er musste vergessen, dass sie überhaupt existierte. Nur so konnte sie verhindern, dass er die Lücken in ihrem Lebenslauf bemerkte. Aber das war nicht der einzige Grund.

„Du rennst immer davon!“, hörte sie wieder Jeremys anklagende Worte. „Du hast gesagt, du kommst nach San Francisco, um dein Schmuckgeschäft aufzubauen und mit mir zusammen zu sein. Aber das hast du beides nicht getan. Entweder wolltest du weder mich noch dein Geschäft wirklich, oder du bist der schlimmste Feigling, der mir jemals begegnet ist.“

Lilley schloss ihre Augen. Heute Morgen war sie zu wütend gewesen, um seine Worte an sich heranzulassen. Jeremy und Nadia hatten sie betrogen, so einfach war das! Sie hatte nichts falsch gemacht, richtig?

Plötzlich wollte sie Jeremy unbedingt beweisen, dass er unrecht hatte. Sie wollte eins von den sorglosen, glamourösen und furchtlosen Mädchen sein, die lachten, tanzten und Champagner tranken. Ein Mädchen, das von einem Ritter in schimmernder Rüstung umworben wurde.

Das mit einem Prinzen auf einen Ball ging.

Sie war kein Feigling. Sie konnte genauso tapfer und tollkühn sein, wie jeder andere. Sie öffnete die Augen. „Also gut.“

„Haben Sie die Abmachung auch verstanden?“, fragte er sanft. „Wir haben kein echtes Date. Morgen wird nichts zwischen uns sein. Absolut nichts.“

„Schon klar!“, erwiderte sie. „Montag gehe ich zurück ins Archiv. Sie fliegen zurück nach Rom und wahrscheinlich auch zu Miss Bianchi, wenn Sie ihr Ihre kleine Lektion erteilt haben. Ich arbeite weiterhin für Sie, und Sie werden mich nie wieder belästigen. Perfekt.“

Er starrte sie an, dann lachte er auf und schüttelte den Kopf. „Sie hören nicht auf, mich zu überraschen, Lilley“, murmelte er und legte ihr die Hand um die Taille. „Kommen Sie! Wir haben nicht mehr viel Zeit.“

Während er sie aus dem Büro führte, versuchte Lilley, das Zittern ihrer Knie zu ignorieren. „Aber … ich bin mit meiner Arbeit noch nicht fertig.“

„Jemand wird sich darum kümmern.“

„Und ich habe kein Kleid.“

Sein Mund verzog sich zu einem Lächeln. „Das werden Sie noch.“

Ärgerlich sah sie zu ihm auf. „Bin ich etwa Aschenputtel? Und Sie die gute Fee? Auf keinen Fall lasse ich Sie ein Kleid für mich kaufen!“

Er schob sie zum Fahrstuhl. „Natürlich werden Sie das.“

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