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Im Zauber Roms die Liebe entdecken

1. KAPITEL

Es war ein sonniger Julimorgen, als Lily Patterson am Londoner Flughafen Heathrow aus dem Taxi stieg. Nachdem sie den Fahrer bezahlt hatte, nahm sie ihren kleinen Koffer in die Hand und ging auf die Eingangstüren zu.

Nur ein Jahr lang war sie das Kindermädchen der achtjährigen Zwillinge Bella und Rosie gewesen. Doch hatte die Zeit ihr gereicht, um zu erkennen, dass dieser Job nicht der richtige für sie war. Woran auch die Tatsache nichts änderte, dass sich ihr Verhältnis zu den schwierigen, verwöhnten Mädchen in den letzten Wochen deutlich gebessert hatte.

Zwar hatte sie begonnen, die beiden Kinder zu mögen, empfand aber auch Mitleid für sie, weil ihre alleinerziehende Mutter wenig Zeit für sie hatte. Dennoch eignete sie sich nicht wirklich zur Nanny. Sie fühlte sich unzulänglich in dieser Rolle und manchmal sehr unsicher, was gewiss mit ihrer eigenen Biografie zusammenhing.

Glücklicherweise hatte sie etwas Geld gespart. So konnte sie es sich leisten, für ein paar Monate nicht zu arbeiten. Sie würde diese Frist nutzen, um ihre Situation zu überdenken und sich zu überlegen, was sie in Zukunft mit ihrem Leben anfangen wollte.

Die Hypothek für ihr Apartment in einem Städtchen vor den Toren Londons konnte sie bezahlen. Und zur Not würde sie als gelernte Köchin jederzeit eine Stelle in einem der zahlreichen Restaurants der Metropole bekommen.

Es war nur so, dass sie eine große innere Unruhe spürte und das starke Bedürfnis nach Veränderung empfand. Allerdings wusste sie noch nicht, in welche Richtung sich ihr Leben entwickeln sollte. Um ungestört nachdenken zu können, hatte sie beschlossen, für drei Tage zu ihrem Bruder Sam nach Rom zu fliegen. Er betrieb dort zusammen mit einem Freund ein kleines, aber elegantes Hotel ganz in der Nähe der Piazza Navona.

Lily checkte ein und freute sich, dass sie wegen Überbuchung der Maschine in der Business-Class sitzen durfte. Sie wählte einen Fensterplatz, um wenigstens nur einen Sitznachbarn zu haben, der vielleicht meinte, ihr seine Lebensgeschichte erzählen zu müssen.

Während sie in der Schlange am Flugsteig stand, bemerkte sie, dass fast alle übrigen Passagiere Freizeitkleidung trugen. Sie hingegen hatte aus einem unbestimmten Gefühl heraus ihr feines graues Kostüm und eine weiße Bluse angezogen sowie hauchdünne schwarze Strümpfe und High Heels.

Schließlich wurde das Gate geöffnet, und sie konnten in die Maschine steigen. Lily nahm ihren Platz ein und beobachtete das Treiben auf dem Flugfeld. Wenig später hörte sie, wie das Gepäckfach über ihr geöffnet wurde. Offenbar war ihr Sitznachbar eingetroffen. Sie wandte den Kopf und erblickte den attraktivsten Mann, den sie in ihrem sechsundzwanzigjährigen Leben je gesehen hatte.

Er verstaute seinen Aktenkoffer, setzte sich und schaute kurz zu ihr hin. „Guten Morgen.“

Lily errötete und spürte, dass die vertraute Angst in ihr erwachte. Ihr Herzschlag beschleunigte sich, und das Gefühl, in der Falle zu sitzen, drohte sie zu überwältigen. „Oh, hallo“, sagte sie und bemühte sich vergebens, genauso lässig wie er zu klingen.

Warum war es ihr nicht egal, dass sie ein paar Stunden neben diesem Hünen von Mann würde ausharren müssen? Er vermittelte nicht den Eindruck, als wollte er die ganze Zeit über Small Talk betreiben. In dem dunklen Anzug und dem weißen Hemd mit blauer Krawatte wirkte er ungeheuer Respekt einflößend. Die schwarzen Haare waren sorgfältig gekämmt, und sein markantes Profil und das energische Kinn waren außergewöhnlich.

Wieso konnte ihr Nachbar nicht einfach ein korpulenter, freundlicher älterer Herr sein? Warum musste es ausgerechnet der sexyste Mann der Welt sein, der von allen Frauen in der näheren Umgebung verstohlen betrachtet wurde?

Theodore Montague versuchte, es sich auf dem beengten Raum so bequem wie möglich zu machen. Dann blickte er zu seiner Nachbarin hin. Er bemerkte ihre elegante Erscheinung, das hübsche herzförmige Gesicht sowie das kunstvoll hochgesteckte blonde Haar. Eine attraktive Geschäftsfrau, nahm er an.

Aus unerfindlichem Grund spürte er plötzlich eine leise Unruhe und sah zum Fenster hinaus. Ein, zwei Sekunden später kannte er die Ursache. Er hatte zum ersten Mal seit Elspeths Tod vor vierzehn Monaten wieder ein weibliches Wesen wahrgenommen.

Bei dem Gedanken an die geliebte Frau musste er automatisch an seine drei Kinder denken, die sie ihm geschenkt hatte. Zwei Jungen und ein Mädchen. Die neunjährige Freya war die Älteste des Trios und hatte dieselben braunen Augen wie ihre Mutter.

Zu seiner kleinen Großen hatte er nicht das gleiche enge Verhältnis hatte wie zu seinen Söhnen, was ihn sehr bekümmerte. Seine Tochter war zuweilen ein wenig schwierig. Deshalb wohl hatte er ihr den Wunsch erfüllt, unter der Woche zusammen mit ihren Freundinnen im Tagesinternat zu sein.

Das Einverständnis dazu war ihm sehr schwergefallen. Er hatte unbedingt die Familie zusammenhalten wollen. Doch musste er zugeben, dass ohne Freyas Anwesenheit jetzt zu Hause manches einfacher geworden war. Und die Wochenenden, die sie gemeinsam verbrachten, verliefen in der Regel harmonisch.

Die Maschine setzte sich in Bewegung, und schließlich raste das Flugzeug die Startbahn entlang. Unwillkürlich krallte Lily die Finger um die Armlehnen und versteifte sich, was ihrem Nachbarn nicht verborgen blieb.

„Macht Ihnen diese Phase Angst?“, erkundigte er sich freundlich und sah sie an.

Die Frage überraschte sie. Warum kümmerte es einen Fremden, wie sie sich fühlte? Ihr wurde unerwartet warm, und sie lächelte ihn schnell an. „Nein, natürlich nicht“, log sie. „Mir geht es gut.“

Skeptisch zog er die Augenbraue hoch, sagte aber nichts, und wenige Augenblicke später hoben sie ab. Sobald das Zeichen „Fasten Your Seat Belts“ erlosch, löste er den Sicherheitsgurt und holte den Aktenkoffer aus dem Gepäckfach.

Lily war es recht. Offenbar beabsichtigte er zu arbeiten und würde ihr folglich kein Gespräch aufdrängen. Sie beobachtete, wie er einen Hefter aus dem Koffer nahm, und holte ihrerseits den Krimi aus der Handtasche, um sich in die Lektüre zu vertiefen.

Kaum hatte sie die ersten Zeilen gelesen, hörte sie das Klappern von Löffeln und Tassen. Das Kabinenpersonal begann, Erfrischungen zu servieren. Auf einen Kaffee freute sie sich jetzt, denn sie hatte ihre Wohnung ohne Frühstück verlassen.

Kokett klimperte die Stewardess beim Anblick von Theodore Montague mit den Wimpern, bevor sie sich nach seinen Wünschen erkundigte. Er wandte sich zu Lilys Überraschung sofort zur Seite und gab die Frage an sie weiter.

„Oh … Nur einen Kaffee, bitte. Ohne Milch und Zucker.“

„Wie ich“, erwiderte er und lächelte flüchtig. „Wir hätten gern zwei Kaffee“, erklärte er dann der Flugbegleiterin.

„Sie mögen auch das Essen an Bord nicht?“, fragte er wenig später, während sie ihren Kaffee genossen.

„Es schmeckt vielleicht ganz gut. Aber in dieser Enge und mit der Folienverpackung vergeht mir der Appetit.“

„Mir ebenfalls. Und auf den Kurzstrecken muss man nicht unbedingt etwas essen.“

Wir betreiben also doch Konversation, dachte Lily und merkte verwundert, dass sie sich nicht befangen oder gehemmt fühlte. Es war ihr im Gegenteil sogar möglich, sich entspannt im Sitz zurückzulehnen.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass einer von uns beiden in die Ferien fliegt“, sagte er leise und ließ den Blick über die Sitzreihen schweifen, bevor er sich ihr wieder zuwandte. „Wir scheinen die einzigen Passagiere zu sein, die nicht in T-Shirt und Jeans unterwegs sind.“

„Ich will meinen Bruder für ein paar Tage besuchen. Er führt ein Hotel in Rom. Und ich muss etwas nachdenken“, fügte sie hinzu. Oh, warum hatte sie das gesagt? Eine solche Äußerung lud förmlich zum Nachfragen ein. Doch er betrachtete sie nur und vermittelte ihr den – verrückten – Eindruck, er könnte in sie hineinschauen und würde bereits alles wissen. „Sie machen also auch keinen Urlaub?“, fragte sie zurück.

„Leider nein. Ich muss zu einem Seminar. Letztes Jahr konnte ich mich drücken, aber dieses Mal soll ich einen Vortrag halten.“ Theodore lächelte flüchtig. „Ich werde es bestimmt überleben. Rom ist immer eine Reise wert, egal aus welchem Grund.“

„Was ist das Thema des Seminars?“

„Ich bin Kinderarzt und Dozent für Pädiatrie. Die Lehrtätigkeit nimmt einen Großteil meiner Zeit in Anspruch, weshalb ich kaum noch zu meinen kleinen Patienten komme.“ Er zuckte die Schultern. „Man kann sich nicht zerteilen, und momentan scheine ich eher als Redner gebraucht zu werden. Was sich auch irgendwann wieder ändern wird. Das Leben bleibt meiner Erfahrung nach nie lange gleich.“ Er presste die Lippen zusammen.

Wer hätte sich die albtraumartige Situation vorstellen können, die ihm seine bezaubernde Frau entrissen hatte? Wer hätte ahnen können, dass ein unbekanntes Virus ihr Leben so früh und plötzlich beendete? Die Tragödie hatte ihn gelehrt, nicht zu weit in die Zukunft zu blicken und das Leben in keinem Augenblick für selbstverständlich zu nehmen.

Lily spürte seinen Stimmungswandel und hatte auf einmal das Bedürfnis, ihm etwas von sich zu erzählen. „Ich möchte mein Leben verändern, weiß allerdings noch nicht, wie. Nach meinem Schulabschluss habe ich eine Ausbildung zur Köchin gemacht. Das war okay, aber irgendwann hatte ich genug davon, immer für andere zu kochen. Vor einem Jahr dachte ich, dass ich mich mal als Nanny versuche …“ Sie schnitt ein Gesicht. „Es war kein guter Einfall. Ich hatte kein Glück mit der Familie, die mich engagierte. Die achtjährigen Zwillinge waren sehr verwöhnt und anstrengend. Aber ich war es auch“, fügte sie ehrlich hinzu. „Ich bin mit ihnen nicht fertig geworden. Wenngleich es zum Ende hin besser gelaufen ist, glaube ich nicht, dass dies ein Beruf für mich ist.“ Sie seufzte. „Man lebt, um zu lernen, oder? Ich hätte Bella und Rosie gern ins Herz geschlossen und habe es ernsthaft probiert. Doch ich schätze, sie wollten mich nicht mögen.“

Er nickte bedächtig. „Irgendwann stoßen wir alle an Grenzen. Und jede Erfahrung, selbst eine schmerzhafte, lehrt uns etwas.“ Er schlug den Hefter wieder auf, den er vorhin zugeklappt hatte. „Hoffentlich finden Sie, wonach Sie suchen.“

„Ich freue mich riesig über deinen Besuch, Lily“, meinte Sam, als sie in der Nähe des Hauptbahnhofs zu Mittag aßen. Das Agata e Romeo war ein modern und edel eingerichtetes Restaurant mit innovativer römischer Küche.

Lily lächelte ihren Bruder über den Tisch hinweg an, legte das Besteck auf den Teller und schob ihn etwas von sich weg. „Es hat göttlich geschmeckt.“

„Apropos göttlich.“ Sam schenkte ihr den restlichen Wein ein. „Wer war der Supertyp, der dir so nett mit deinem Gepäck geholfen hat?“

Sie blickte beiseite und versuchte, nicht zu erröten. „Nur mein Sitznachbar aus dem Flugzeug.“

„Tatsächlich? Mir schien, dass zwischen euch eine gewisse Vertrautheit herrschte. Ich dachte wirklich, da würde etwas laufen.“

„So ein Unsinn.“ Sie griff zur Speisekarte. „Ich bin ihm in der Maschine das erste Mal begegnet. Er ist einfach ein interessanter Gesprächspartner gewesen. Das ist alles.“

Sam sagte nichts weiter. Er kannte seine Schwester inzwischen gut genug, um zu wissen: Wenn sie beschloss, ein Thema als erledigt zu betrachten, war es dies für sie auch.

Ja, der Flug ist mir erstaunlich kurz vorgekommen, gestand sich Lily ein. Ihr Nebenmann und sie hatten sich die meiste Zeit zwanglos unterhalten. Sie war überrascht gewesen, als es geheißen hatte, sie würden in wenigen Minuten in Rom landen.

„Würdest du gern eine Nachspeise essen, Lily? Ich trinke nur noch einen Cappuccino, aber such dir aus, was immer du magst. Ich will dich nämlich verwöhnen. Diese Gelegenheit habe ich nicht oft. Wir müssen uns häufiger sehen. Zweimal im Jahr ist viel zu selten. Nachdem wir uns endlich gefunden haben, sollten wir das Beste daraus machen.“ Er beugte sich vor und berührte zärtlich ihre Hand. „Versprich mir, dass wir es irgendwie schaffen werden.“

Mit Tränen in den Augen blickte sie ihn an, legte die Speisekarte weg und verschränkte die Finger mit seinen. „Du hast recht, Sam. Wir sollten Termine vereinbaren und sie einhalten. Der Arbeit stets den Vorrang zu geben, ist nicht richtig. Überhaupt … wie läuft’s im Hotel? Du siehst ganz schön wohlhabend aus“, fügte sie lachend hinzu, während sie ihn betrachtete. Er trug eine elegante Tuchhose und ein Designerhemd.

„Bestens. Vielleicht etwas zu gut, Federico und mir fehlt die Zeit, um hinter Frauen her zu sein – oder hinter Schwestern.“

Es war herrlich, einen Bruder zu haben. Lily fühlte sich ein wenig wie berauscht. Sie hätte am liebsten laut gelacht und wäre gern aufgesprungen, um jedem zu erzählen, wie glücklich sie war. Es lag wohl am Wein oder einfach an Roms traumhafter Atmosphäre. An den lebensfrohen Menschen, die ihr vorhin während des Stadtbummels begegnet waren … Oder hing es damit zusammen, dass sie endlich zu jemandem gehörte?

„Ist dir bewusst, dass wir vor zwei Jahren noch keine Ahnung von der Existenz des anderen hatten?“ Traurig schüttelte Sam den Kopf. „All die vergeudete Zeit, die wir hätten zusammen verbringen können.“

Natürlich war es ihr klar. Sie hatte sich irgendwann für ihre Herkunft interessiert und dabei herausgefunden, dass sie einen zwei Jahre älteren Bruder besaß. Ihre verstorbene Mutter hatte sie beide zur Welt gebracht, als sie noch ein Teenager gewesen war.

Dass ich nichts über meine Vergangenheit gewusst habe, ist vermutlich meine eigene Schuld, dachte Lily. Sie war ein rebellisches, schwieriges Kind gewesen und von einem Heim ins andere gekommen, später zu mehreren Pflegefamilien. Außerdem war sie zweimal weggelaufen.

Natürlich hatte dies alles zu einem großen Durcheinander geführt, auch bei der für sie zuständigen Jugendbehörde. Ihre persönlichen Daten schienen permanent irgendwo im System verloren zu gehen. Als sie dann mit sechzehn ihre Ausbildung zur Köchin begonnen hatte, waren alle Beteiligten froh gewesen, sie nicht länger in Obhut zu haben.

Sie hatte in ihrer Ausbildung hart gearbeitet und später in jedem Job ihre Frau gestanden. Schließlich war sie in der Lage gewesen, sich die kleine Wohnung vor den Toren Londons zu kaufen, sich mit diesem Apartment erstmals ein privates Reich geschaffen, wo niemand ihr mehr in irgendetwas hineinreden konnte. Endlich war sie Herrin über ihr eigenes Leben geworden. Und so sollte es bleiben.

Bei Sam war es wohl anders gewesen. Er hatte seiner Erzählung nach eine glückliche Kindheit und Jugend in einer Pflegefamilie verbracht und musste ein sehr folgsamer Junge gewesen sein. Aber er hatte genauso wenig wie sie von der Existenz eines Geschwisters gewusst.

„Ich trinke auch nur noch einen Cappuccino. Sonst platzt mir noch der Magen. Ich habe schätzungsweise mein Soll für den restlichen Tag erfüllt.“

„Keine Sorge, hier isst ohnehin niemand vor neun oder zehn Uhr zu Abend, und bis dahin hast du wieder Appetit.“

Sobald sie den Kaffee getrunken hatten, schlenderten sie weiter durch das sonnige Rom. Wie gut, dass sie sofort nach ihrer Ankunft im Hotel das Kostüm gegen ein Sommerkleid getauscht hatte! So machte ihr die Hitze nichts aus.

„Ich glaube, ich gönne mir gleich eine kurze Siesta“, sagte Lily, als sie die helle Piazza Navona mit dem barocken Brunnen in der Mitte und den diversen Restaurants und Cafés, die den Platz säumten, betraten.

„Eine ausgezeichnete Idee. Und während du dich ausruhst, nutze ich die Zeit, um mit Federico einige dringende Papiere durchzugehen.“

Als Lily aufwachte, stellte sie überrascht fest, dass aus der kurzen Siesta eine lange Ruhepause geworden war. Sie hatte tatsächlich fast drei Stunden geschlafen. Schnell stand sie auf, duschte im Bad, das von ihrem Zimmer abging, und zog schließlich ein schulterfreies cremefarbenes Sommerkleid an. Nachdem sie ihre leicht gewellten blonden Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte, trug sie Lippenstift und noch etwas Rouge auf. Dann verließ sie ihr Zimmer und lief nach unten.

„Hallo, Lily.“ Freudig kam Federico im Foyer auf sie zu und begrüßte sie mit einem Handkuss. „Welch ein Vergnügen, dich bei uns zu haben“, fuhr er mit unverkennbarem Akzent auf Englisch fort, während er sie mit leuchtenden Augen betrachtete. „Du bist so bezaubernd und siehst fantastisch aus.“

„Danke, Federico.“ Wenngleich sie vermutete, dass er diese Komplimente jedem weiblichen Gast machte, stärkten sie dennoch ihr Selbstvertrauen.

„Es tut mir leid, aber Sam fühlte sich nicht wohl. Er hat sich hingelegt. Der Kopf …“, fügte er hinzu und fasste sich an die Stirn. „Er möchte dich gern etwas später treffen.“

Ja, ihr Bruder neigte genauso wie sie zu Migräne. „Der Ärmste. Richte ihm aus, er soll sich Ruhe gönnen und sich meinetwegen nicht unter Druck setzen. Ich kann mich gut um mich selbst kümmern und habe kein Problem, allein loszuziehen. Bitte sag ihm, dass es für mich völlig okay ist, wenn wir uns erst morgen zum Frühstück sehen.“ Sie lächelte den recht unglücklich wirkenden Federico an und verließ das Hotel.

Vergnügt schlenderte sie im Abendsonnenschein zur Piazza Navona. Anders als noch vor ein paar Stunden herrschte hier jetzt reges Treiben, in dem die Straßenhändler und Maler natürlich nicht fehlten. Sie kaufte sich ein Eis und bummelte über den Platz und durch die angrenzenden Gassen.

Schließlich war sie bis zur Piazza Trevi gelaufen. Lily setzte sich vor dem berühmten Barockbrunnen auf eine Bank, um sich auszuruhen und das herrliche Bauwerk zu bewundern. Fasziniert betrachtete sie die Palastfassade mit dem vorgesetzten Triumphbogen. Dann ließ sie den Blick zu den Meeresgestalten schweifen, die sich auf einer vorgebauten Felslandschaft tummelten, über die sich das Wasser in ein flaches Becken ergoss. Das Ganze wirkte im Licht der untergehenden Sonne wie ein gigantisches Bühnenbild.

„Hallo. Was machen Sie hier so allein?“

Eine bekannte Stimme riss sie aus ihrer Versunkenheit. Sie wandte den Kopf und sah ihren Sitznachbarn aus dem Flugzeug neben sich stehen. „Oh, hallo“, sagte sie überrascht und rückte ein wenig zur Seite, damit er sich setzen konnte.

Er trug ein dunkles Hemd, dessen Kragenknopf geöffnet war, eine weiße Hose und an den bloßen Füßen Ledersandalen. Sogleich spürte Lily, wie die altbekannte Angst in ihr erwachte. Nein, dachte sie im nächsten Moment, es ist eigentlich keine Angst, sondern etwas anderes, das ich noch nie empfunden habe. Sie versuchte, das Gefühl zu verdrängen, doch es gelang ihr nicht. Also wartete sie ab, bis es hoffentlich von selbst wieder verschwand.

„Irgendwie magisch, oder?“, meinte Theodore Montague leise, nachdem sie ein paar Sekunden schweigend nebeneinandergesessen hatten. „Warum ist fließendes Wasser nur so faszinierend?“

„Ich finde Rom insgesamt zauberhaft. Und natürlich spielt das herrliche Wetter auch eine Rolle. Warum können wir nicht ein bisschen davon in England haben?“

„Es ist heute zweifellos perfekt. Allerdings dürfte es im nächsten Monat etwas zu heiß werden … Nun, wenn Sie sich dafür entscheiden würden, könnten Sie vermutlich hier leben.

Vielleicht wäre das die Veränderung, nach der Sie suchen. Ihr Bruder ist bereits hier, also …“

„Nein, ich möchte nicht dauerhaft im Ausland leben. Zumindest kann ich es mir zurzeit noch nicht vorstellen. Ich habe das Gefühl, dass mein Schicksal – wie immer es aussehen mag – in England liegt.“ Lily lächelte ihn an. „Das klingt nicht unbedingt sehr wagemutig oder ehrgeizig, oder?“

Er zögerte kurz, bevor er sich ihr richtig zuwandte und die Hand ausstreckte. „Wir sollten uns endlich miteinander bekannt machen. Ich heiße Theodore Montague, werde jedoch von meinen Freunden Theo genannt. Und warum ich in Rom bin, wissen Sie ja …“

„Lily Patterson“, sagte sie schnell und schüttelte ihm die Hand. „Und Sie wissen ebenfalls, warum ich hier bin.“

Er nickte. „Und jetzt erzählen Sie mir mehr von sich, Lily. Sie sprachen gerade von Ehrgeiz. Sind Sie ehrgeizig?“

„Ich glaube schon“, antwortete sie bedächtig. „Nur ist mir noch nicht wirklich klar, was ich eigentlich will. Möchte ich weiter als Köchin tätig sein? Vielleicht bei einer wohlhabenden Familie auf dem Land, sodass ich nachmittags im Garten sitzen und malen kann?“

„Sie malen also gern?“

„Ja, wenn auch nicht sehr gut. Zumindest noch nicht. Aber ich arbeite daran. Auch Klavierspielen möchte ich lernen. Als Kind habe ich mal ein bisschen Unterricht gehabt, doch der … hörte dann auf, und seither habe ich nicht wieder angefangen.“ Aufgehört hatte er, weil sie aus ihrem damaligen Zuhause weggelaufen war.

„So ist es schätzungsweise bei den meisten Kindern. Sie beginnen etwas und wollen irgendwann nicht weitermachen“, erwiderte er und dachte an Freya. Die Kleine schien seit dem Tod der Mutter an den meisten Dingen das Interesse verloren zu haben.

Ein einvernehmliches Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus, und Lily wurde bewusst, dass sie sich schon geraume Zeit nicht mehr so wohl, zufrieden und sicher gefühlt hatte. Unbewusst ließ sie den Blick über Theos lange Beine streifen, die er entspannt von sich gestreckt hatte. Die muskulösen Oberschenkel, die sich unter dem dünnen Stoff der Hose abzeichneten, und die gepflegten, makellosen Zehen in den Sandalen waren ein angenehmer Anblick.

Rasch rief sie sich zur Vernunft. Was stellte sie nur für Betrachtungen an! Sie passten nicht in ihren Lebensplan und hatten in ihrem Kopf nicht das Geringste zu suchen. Plötzlich war es mit ihrer inneren Ruhe vorbei. Sie wollte ins Hotel zurück und sehen, wie es Sam ging.

„Ich sollte los und nach meinem Bruder schauen.“ Schon stand sie auf. „Ihn hat heute Nachmittag eine Migräne außer Gefecht gesetzt. Eigentlich hatte er vor, mich zum Essen auszuführen, aber …“ Lily hätte sich ohrfeigen mögen. Ein besseres Stichwort hätte sie Theo kaum liefern können.

„Darf ich Sie dann stattdessen zum Essen einladen? Sie sollten den ersten Abend in Rom nicht allein verbringen.“

„Oh, ich glaube nicht …“

„Warum rufen Sie Ihren Bruder nicht an und fragen nach seinem Befinden … Ob er sich wieder wohl genug fühlt, um mit Ihnen auszugehen? Falls nicht, wird es ihn bestimmt freuen, wenn sich jemand um Sie kümmert. Und außerdem esse ich nicht gern allein.“

Nein, das war nicht vorgeschoben, um sich ihre Begleitung zu erschleichen. Er meinte es ehrlich. Also nahm sie ihr Handy aus der Handtasche und wählte die Nummer des Hotels. Federico meldete sich und teilte ihr mit, dass Sam noch im Bett lag und wahrscheinlich erst morgen früh wieder fit wäre.

„Sams Migräne ist noch nicht vorbei“, informierte sie Theo, kaum dass sie das Telefonat beendet hatte. „Aber würden Sie nicht lieber … Wären Ihre Kollegen nicht vielleicht interessantere Tischgenossen als ich?“

„Keineswegs. Wir sind den ganzen Tag über zusammen. Das reicht. Die Abende stehen glücklicherweise zur freien Verfügung“, fuhr er lächelnd fort. „Wenn Sie mögen, zeige ich Ihnen die Restaurants, die ich früher schon einmal ausprobiert habe, und Sie entscheiden dann, welches Sie am vertrauenerweckendsten finden.“

In seinem Gesicht, dessen Ausdruck Lily zunächst ernst und ein wenig Furcht einflößend erschienen war, spiegelte sich nun eine herzerwärmende Entschlossenheit. Er strahlte Stärke und Verlässlichkeit aus – und wirkte dadurch umso faszinierender. Wenn ich eines Tages besser zeichnen kann, dachte sie, könnte ich einen Mann wie ihn malen, wie er auf einem Schimmel einherreitet und Frauen aus Notlagen befreit.

Große Güte, wohin verirrten sich ihre Gedanken? Lily konnte es nicht fassen. Entweder lag es an der zauberhaften Atmosphäre von Rom, die ihr den Verstand raubte, oder sie hatte einen Sonnenstich.

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